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Endlich angekommen! – Leben in der DDR

30. Juli 2014 | von | Kategorie: Blog, Mauergewinner Leseproben

Schluss

Kurz vor meinem Geburtstag beschreibe ich heute einmal, wie der “Mauergewinner” entstanden ist. Letztendlich habe ich nach dieser Story vor ein paar Jahren überhaupt erst zu Schreiben begonnen. Gute Entscheidung.
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Mein 37. Geburtstag stand vor der Tür. Kein besonderes Ereignis – weder ein rundes Jahr, noch war gerade irgendetwas Außergewöhnliches passiert. Ich sagte Sylvie, dass ich trotzdem richtig Lust hätte, eine große Party zu geben. Was mir fehlte, war ein pfiffiges Motto. Es sollte mit mir zu tun haben. Aber wer bin ich?

1971 im ostberliner Stadtteil Friedrichshain geboren, habe ich dort tatsächlich mein komplettes bisheriges Leben lang gewohnt. In meiner Stammkneipe in der Wühlischstraße werde ich von den vielen Zugezogenen bestaunt: ein gebürtiger Berliner, Ostberliner und dann auch noch Friedrichshainer! Wahrscheinlich bin ich einer der letzten meiner Art und gleichzeitig ein Vertreter dieser neuen Generation, der heimatlosen Wossis. Wie eine traurige Sorte Klöße: halb und halb.

Ich bin weder Fisch noch Fleisch, weder Ost noch West, nicht gestern, heute oder morgen. Ich habe eine geteilte Vergangenheit mit Eltern, die sich über ihre DDR definieren und Nichten und Neffen, die diese nicht mehr kennen. Ich werde oft danach gefragt, wie es in diesem verschwundenen Land war und wenn ich zu erzählen beginne, wird mir nicht mehr richtig zugehört. Ich versuche zu sein, wie ein Vorzeige-Wessi und drücke noch immer erfolgreichen Ossis besonders die Daumen. Ich sage nie, dass früher alles besser war, aber auch nicht, dass es heute so ist.

Mein Wohnort blieb gleich, doch mein Heimatland wurde ein anderes. Der Mauerfall 1989 war für mich das schönste und wichtigste Ereignis meines Lebens. Von da an verlief es völlig anders als gedacht: keine Nationale Volksarmee, keine “freiwillige” SED-Mitgliedschaft, keine Bude mit Ofenheizung und Außenklo, kein Trabi mit 30, keine dreiwöchigen FKK-Zelturlaube am Ostseestrand, keine Sauregurkenzeit in Konsumläden. Und so weiter und so fort.
Luxus spielt für mich keine Rolle, aber daran gibt es nichts zu rütteln: Der Westen öffnete mir eine prall gefüllte Wundertüte.

Ich konnte die Welt sehen. Ich machte eine einjährige Weltreise und meine Freunde und Bekannten leben weit verstreut, viele sogar in Westdeutschland. Meine Weltkarte an der Wand ist voll mit roten Punkten. Ich bin ein Ossi auf Tour.
Verloren habe ich durch die Wende – nichts. Alte Freunde aus der DDR und meine Familie sind mir weiterhin nah. Ein Jammerossi bin ich nie geworden. Ich denke nicht nostalgisch oder gar “ostalgisch” an mein früheres Leben. Aber ich erinnere mich. An meinen Kindergarten, wo ich wie jeder einen Platz bekam. Ich betrachte mich im FDJ- oder Pionierausweis, denke an unsere “Go-Trabi-Go-Aktion” nach Budapest, an mein erstes Bier im Lager für Arbeit und Erholung und an meine DDR-Jugendweihe, betrachte meine Auszeichnungen aus vergangenen Tagen.
Ich lache bei der Erinnerung an die Diebstähle in diversen Kaufhallen, sinnlose Gruppenratswahlen und einseitige Diskussionen im Staatsbürgerkunde-Unterricht.

Ich habe auch nicht vergessen, dass ich meinen Abiturplatz nur bekam, weil ich mich drei Jahre für die NVA verpflichtet hatte, dass im Wehrerziehungslager bereits die ersten Jungoffiziere und Stasimitarbeiter in spe geschnüffelt haben und vor allem, dass ich keine Hoffnung hatte, jemals nach New York, Sydney und Barcelona zu kommen.
Meine Kindheit und Jugend in der DDR war spannend, aber ich bin unglaublich glücklich, dass das unwirkliche Land, in dem ich meine ersten 18 Jahre verbrachte, nur noch in der Erinnerung existiert.

Mittlerweile wohne ich länger in der Bundesrepublik Deutschland als in der Deutschen Demokratischen Republik. Ich bin mehr Wessi als Ossi. Das wollte ich feiern! Die Gäste auf der Party zu meinem 37. Geburtstag in einer Kleingartenkolonie in Ostberlin: 50 Prozent Ost-, 50 Prozent Westdeutsche.
Ich schaue immer nach vorne und nie zurück. Dachte ich. Doch etwas fehlte in meiner neuen deutschen Biografie und irgendwann merkte ich, was es war. Ich tauchte ein in meine Vergangenheit, hielt alte Urkunden, Zeugnisse und Fotos aus meiner DDR-Zeit in den Händen. Ich wachte eines Nachts sogar auf und dachte geschockt: „Mist, die Mauer steht wieder.“ Am nächsten Morgen musste ich darüber schmunzeln und begann, zunächst nur für mich zu schreiben, ohne Druck und höhere Ziele. Ich erzählte mir meine Geschichte.
Schon Minuten nachdem ich mit diesem Buch begonnen hatte, spürte ich wie mich die Zeilen befreiten, meine Vergangenheit an mir vorbeiflog, die ich soeben verarbeitet hatte.
Als Motto der Party schrieb ich auf die Einladungen: „Endlich angekommen!” Nicht als Frage, sondern mit Ausrufezeichen!

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Was aus meinem DDR-Buch “Mauergewinner” letztendlich geworden ist, kann man hier nachlesen.

Anbei noch ein paar Bilder aus dem Artikel, der damals sogar bei Spiegel-Online erschienen ist:

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“Ist das nicht Scheiße…”: DHfK Leipzig – Teil 2

7. Januar 2012 | von | Kategorie: Alles ganz simpel Leseproben, Blog

Foto: Sportverlag Berlin

Foto: Sportverlag Berlin


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(Leseprobe aus meinem Buch: “Alles ganz simpel”)
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…schienen schon einige unserer Lehrer dem Film „Feuerzangenbowle“ mit Heinz Rühmann entsprungen zu sein, war einer der Sportlehrer ein echtes Original. Dr. Hans Schingnitz war ein blonder, stets etwas kauzig dreinschauender Mann Ende 30 mit markanten Gesichtszügen. Man kannte ihn wahrscheinlich in ganz Leipzig. Sein Markenzeichen waren sportliche Knickerbocker, lange Strümpfe und sein museumsreifes Fahrrad, das er überall unangeschlossen stehen ließ. Am Hauptbahnhof auch mal 14 Tage, wenn es auf eine längere Reise ging.
Schon in der Nazizeit war er aktiver Lehrkörper gewesen und hatte sich besonders auf die Bereiche Leichtathletik, Boxen, Rugby und Ringen spezialisiert. In den ersten Stunden wirkte er auf uns sehr ernst, unnahbar und weltfremd.
Foto: E. Döbler

Foto: E. Döbler

Doch das war die größte Fehleinschätzung unserer Studienzeit, denn Dr. Schingnitz wurde schon bald zu unserem Lieblingslehrer. Je länger man ihn kannte, sah man, dass in dieser rauen Schale, ein zuvorkommender und überaus humorvoller Kerl steckte, der stets auch dem Pförtner und den Putzfrauen höflich und mit Achtung entgegentrat. Und auch wir Schüler konnten immer auf Augenhöhe mit ihm sprechen.

Ein Beispiel: Rugby war neben Boxen die große Leidenschaft des Dr. Schingnitz. „Druck“, „Fassen“, „Gasse“ und „Gedränge“ höre ich ihn noch heute brüllen und erinnere mich daran, dass mir manchmal schon die Luft wegblieb, während der Lehrer von hinten weiterhin: „Druck!“, „Druck!“ brüllte, obwohl die Pille längst schon bei den Stürmern war.
Die DHfK trat ja in vielen Disziplinen auch als offizielle Mannschaft an. Oftmals spielten unsere Teams sogar in den oberen Ligen und errangen unzählige Titel. Während meiner Zeit holten zwei Mitstudenten bei den DDR-Meisterschaften in der Leichtathletik sogar einen 1. und einen 2. Platz. Unsere Nachfolger sollten die Sportschule noch zu viel größerem Ruhm führen und von 1950 bis 1990 erwarben hier ca. 16000 Studenten (davon 4000 im Fernstudium) ihr Hochschuldiplom.

Foto: R. Schramme

Foto: R. Schramme


Beim großen Auftritt unseres Rugbyteams war ich nur Zuschauer. Das Spiel gegen Hennigsdorf fand in Leipzig Leutsch vor dem Fußballmatch „Chemie Leipzig“ gegen „Horch Zwickau“ statt. In den Tagen zuvor hatte es stark geregnet. Das Spielfeld bestand eigentlich nur noch aus Schlamm und großen Pfützen. Gleich zu Beginn der Partie rutschte ein Hennigsdorfer in Dr. Schingnitz hinein und riss ihn um, sodass er der Länge nach in die schmutzig-braune Pampe fiel. Danach kannte er kein Halten mehr. Wehe der Ball besitzende Spieler befand sich in der Nähe einer Pfütze. Sofort sprintete Schingnitz dort hin und warf ihn mit einem Hechtsprung zu Boden. Es entwickelte sich eine legendäre Schlammschlacht, die zur Halbzeit beim Stand von 0:0 abgebrochen werden musste, damit danach auf dem Acker noch Fußball gespielt werden konnte. Unter dem Jubel der Zuschauer verließ unser Lehrer das Stadion.

Foto: Sportverlag Berlin

Foto: Sportverlag Berlin

Doch seinen berühmtesten und bis heute am häufigsten wiederholten Satz gab unser Lehrer beim Schwimmen von sich. Das war eigentlich gar nicht seine Sportart. Doch als Vertretungslehrer stand Dr. Schingnitz in einer der ersten Stunden am Beckenrand und rief mir seiner knorrigen Stimme: „Kann hier jemand nicht schwimmen?“ Schüchtern meldete sich einer meiner Kommilitonen. Vollkommen unerwartet schubste ihn Schingnitz ins Wasser und ließ ihn dann sekundenlang panisch zappeln. Kopfschüttelnd zeigte er mit dem Finger auf ihn und meckerte: „Na, sag doch mal selbst. Ist das nicht Scheiße, wenn man nicht schwimmen kann?“ Zu seiner Ehrenrettung: im gleichen Moment sprang er ins Wasser und holte den nach Luft japsenden Studenten hinaus. Sobald sich später ein Mitstudent in einer Disziplin, z. B Volleyball, etwas unbeholfen anstellte, riefen alle anderen im Chor: „Sag doch mal selbst. Ist das nicht Scheiße, wenn man nicht Volleyball spielen kann?“

Foto: H.G. Winkler

Foto: H.G. Winkler

Ich erinnere mich auch noch gut an das Semester, in dem wir Boxen mussten. Mein Mitstudent Richard Fehlinger, ein eher schmächtiger Junge mit Brille, der allerdings beim Bodenturnen ohne mit der Wimper zu zucken einen Auerbachsalto sprang, war mein Gegner. Wir tasteten uns ab, doch besonders Richard blieb – ohne seine Sehhilfe – stets in der Defensive. Dr. Schingnitz brüllte ihn an: „Willst du denn nicht endlich mal boxen?“, doch Fehlinger rief zurück: „Herr Doktor, ich sehe doch gar nichts!“ „Was siehst du denn?“ „Nur Nebel.“ Schingnitz antwortete ungerührt: „Dann hau rinn in den Nebel!“ Auch das wurde zum geflügelten Wort. Noch heute verabschieden wir uns bei DHfK-Treffen immer mit: „Na dann hau rinn in den Nebel!“
Ein letzter Satz zu diesem bemerkenswerten Lehrer. Gegen Ende der Studienzeit schilderte er uns mal einen eigenen Boxwettkampf. Der starke Gegner war einer seiner besten Freunde und im Publikum saß seine Angebetete. Bildlich beschrieb er das Duell in allen Einzelheiten, auch, wie er immerzu dachte, dass er die Frau auf den Rängen beeindrucken müsse. In der 3. Runde ging plötzlich alles ganz schnell: „Und eins und zwei – und noch eine rechte Gerade und dann lag er unten.“ Kurz darauf schaute er betröpfelt zu Boden: „Ich hatte gewonnen“, flüsterte er und nach einer längeren Pause fügte er traurig hinzu „und dann hat sie den anderen geheiratet.“

Foto: H. Hendel

Foto: H. Hendel


Übrigens waren wir immer ganz brave Studenten. Im Ernst: gleich im ersten Semester entdeckte Heinz Sachse das „CT“ – ein vornehmes Lokal mit Damenkapelle und Tanz im Schauspielhaus. Sofort war klar: das erste Haus am Platze wird unsere Stammkneipe. Man muss sagen: wir waren nicht oft dort – nur von Montag bis Freitag jeden Tag. Natürlich ging das ins Geld, zumal ich die 180 Mark Stipendium zu Hause bei Inge abgab. Doch nebenbei verdiente ich mir bereits ein kleines Taschengeld als Übungsleiter und durch die Bombenverpflegung im Internat brauchte ich ja sowieso nur Kohle für Alkohol und meine Caro-Zigaretten. „Zwanzisch Mark – und dann ins CT“ wurde unser Leitspruch.
Außerdem spürte Lothar Mosler in Panitzsch, unweit von Leipzig, eine Fabrik auf, die Obstwein herstellte. Er hatte erfahren, dass man dort, wenn man 300 Gramm Zucker abgab, die Literflasche für nur 90 Pfennig erhielt. Als so genannte Spitzensportler kamen wir ohne weiteres an massenhaft Zucker heran, welchen wir alsbald nicht mehr zur Leistungssteigerung einnahmen, sondern (zu unserer späteren Schwächung) in der Panitzscher Weinfabrik abgaben.
Im „CT“ und anderen Lokalen konnte man damals nämlich eigene Flaschen mitbringen, wenn man am Eingang ein vorgeschriebenes „Korkengeld“ bezahlte. Auch das sparten wir uns, denn wir schmuggelten unsere Pullen einfach hinein und bestellten zu sechst eine Flasche Weißwein. Nun hatten wir sogar Gläser, um unseren Fruchtwein zu süffeln.
Foto: H. Hendel

Foto: H. Hendel

Damals war Bier im Verhältnis zu unserem Obstwein relativ teuer, doch einmal bekam das „CT“ auch Porter, also dunkles Bier, geliefert. Da wir es alle einmal probieren wollten, bestellten wir bei unserer Stammkellnerin Frau Weimann jeder eine Flasche. Doch am Ende des Abends vergaß sie, diese abzurechnen.
Beim nächsten Besuch hatten alle gerade ihr Stipendium bekommen. Als sie abkassieren wollte, sagten wir: „Frau Weimann und dann bezahlen wir noch die sechs Porter, die Sie beim letzten Mal vergessen haben!“ Sie zog sich einen Stuhl zu uns heran und murmelte: „So etwas ist mir ja mein ganzes Leben noch nicht passiert.“ Seit jenem Tag hatten wir bei ihr unbegrenzten Kredit und kamen auch mit auffälligen Taschen immer problemlos hinein. Manchmal habe ich heutzutage das Gefühl, dass sich unser halbes Studentenleben im „CT“ abgespielt hat, denn sogar wenn ich Inge später einmal dorthin ausführte, traf ich immer einen meiner Spezies, sei es Karl-Heinz Balzer den Stabhochspringer, den Fußballer Horst Scherbaum oder eben Heinz Sachse den Turner.

Foto: G. Hafenberg

Foto: G. Hafenberg

Immer an einem Montag hatten wir Parteilehrjahr. Am Tage des Faschings machte sich Unruhe breit. Überall flüsterte man: „Geht ihr denn hin?“ Erich Bunzel war es schließlich, der sich traute den Parteisekretär zu fragen, ob wir den „heiligen“ Termin verschieben können. Der Grund: im großen Saal am Zoo fand der Rosenmontagsball mit dem Rundfunktanzorchester unter Kurt Henkels statt. Da mussten wir hin!
Es gelang und so schlüpften wir in unsere eleganten weißen Hosen und Hemden vom Berliner Deutschlandtreffen, ließen uns die Arme und Gesichter von der kleinen Knilch (alias Sigrid) mit Mickey Mäusen bemalen und gingen so tätowiert feiern. Jemand besorgte sechs beDHfK-Fasching, reits abgerissene Karten, sodass wir ohne Eintritt hineingelangten. Als ich mit Heinz gerade mal einen Tanz ausließ und durch das Lokal bummelte, entdeckten wir Hans „Bolle“ Bolt mit einer Studentin an einem Tisch. „Der Schweinepriester hat noch Kohle“, murmelte ich, denn sie tranken genüsslich eine teure Flasche Weißwein. Als er uns sah, winkte er herüber und rief: „Setzt euch doch dazu!“ Wir kamen ins Gespräch, doch als die Tanzkappelle aufhörte zu spielen, sagte Bolle plötzlich: „Oh, jetzt müssen wir aber verschwinden. Dort hinten kommen die Leute, die eigentlich hier sitzen.“ Der Trick sprach sich schnell unter uns Mittellosen herum und so wurde der Rosenmontag nicht nur ein äußerst amüsantes Tanzvergnügen, sondern auch noch ein feuchtfröhliches.
Doch irgendwann war auch das schönste Studium einmal zu Ende. Nach dem offiziellen Festakt floss der „Sovetjskoje Schampanskoje“ auf den Zimmern, bevor wir die Gaststätte an der Pferderennbahn belagerten und bis zum Schankschluss böse versackten. Wie wir von dort zurückgefunden haben – und ob wir noch im „CT“ waren – weiß ich bis heute nicht…
Cover Alles ganz Simpel-klein

Zum Weiterlesen Buch: “Alles ganz simpel”
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Hier gehts zum ersten Teil der Leseprobe (Theorie an der DHfK).
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Lesen Sie im dritten und letzten Teil der Leseprobe, wie mein Opa an der DHfK doch noch einen Rekord aufstellte.

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DDR-Bücher

25. November 2010 | von | Kategorie: Blog

mauer

Es gibt ja zum Glück nicht nur den „Mauergewinner“…

In den letzten Monaten habe ich mir noch das eine oder andere „DDR-Buch“ zugelegt.
Ohne die einzelnen Werke hier großartig beurteilen zu wollen (da mir das sicherlich nicht zusteht) – grundsätzlich fiel mir auf, dass noch immer nicht alles gesagt und erzählt ist.

Anbei eine kleine Auswahl der gelesenen DDR-Bücher (Belletristik):

  • Meine Freie Deusche Jugend von Claudia Rusch
  • DJ-Westradio von Sascha Lange
  • Soundtrack meiner Jugend von Jan Josef Liefers
  • Damals in der DDR von Hans-Hermann Hertle
  • Ost-Berlin von Lutz Rathenow
  • Der Turm von Uwe Tellkamp
  • Boxhagener Platz von Torsten Schulz
  • Mein erstes T-Shirt von Jakob Hein
  • Simple Storys von Ingo Schulze
  • Schlecht Englisch kann ich gut von Bürger Lars Dietrich
  • Am kürzeren Ende der Sonnenallee von Thomas Brussig
  • Geteilte Träume von Robert Ide
  • Haltet euer Herz bereit von Maxim Leo
  • Ich schlage vor, dass wir uns küssen von Rayk Wieland
  • Zonenkinder von Jana Hensel
  • Westbesuch von Jutta Voigt
  • Der Klassenfeind und ich von Barbara Bollwahn
  • Immer wieder Dezember von Susanne Schädlich
  • Kalungas Kind von Stephanie-Lahya Aukongo
  • Falls ihr noch Tipps und Anregungen habt, schreibt bitte einfach einen Kommentar.

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    Lesebühne am 14.10.2010 in Berlin-Friedrichshain

    13. September 2010 | von | Kategorie: Blog

    Palazzo

    Lesung:
    Lesebühne “Die Unerhörten” am 14. Oktober um 20.00 im Café Tasso, Frankfurter Allee 11, Eintritt frei. Thema diesmal: Deutsche Einheit

    Unerhörte Lesung zur Deutschen Einheit

    Die seit einem Jahr existierende Lesebühne “Die Unerhörten” tritt einmal monatlich im Café Tasso (Frankfurter Allee 11) auf und widmet sich jeweils einem anderen Thema. Mittlerweile hat die kleine Lesebühne ein festes Stammpublikum, gilt aber noch als Geheimtipp.
    Am 14.10. (20.00) nehmen sich die fünf Autoren die “Deutsche Einheit” vor. Die Unerhörten haben sich zum Ziel gesetzt, unterhaltsame wie auch anspruchsvolle Kurzgeschichten vorzutragen.

    Es lesen für Sie (in alphabetischer Reihenfolge) :

    Friedhelm Feller, Oliver Mahlke, Ariane Meinzer, Mark Scheppert, Susanne Schmidt, Ralph Trommer

    Cafe Tasso
    Frankfurter Allee 11
    10247 Berlin,
    Beginn: 20.00 Uhr
    Café Tasso

    …mehr Infos hier: Cafe Tasso

    (Ich lese keine Geschichten aus meinem DDR-Buch “Mauergewinner”, sondern etwas Neues)

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    Putzpulver

    15. August 2010 | von | Kategorie: Blog

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    Für meine letzte “Baseball-Geschichte” auf Spiegel Online habe ich ja ganz schön Putzpulver von einigen Lesern bekommen. Zumindest an dieser Stelle mal eine kurze Äußerung dazu. Gerade diese Geschichte kann man vielleicht nur verstehen, wenn man die – im Buch direkt darauf folgende – Story “Grüne Kotze” über das GST-Lager in der 11. Klasse liest.

    Auszug…”in nur zwei Wochen zerbrach ich fast an dieser alltäglichen Schikane. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich richtigen Vorgesetzten ausgesetzt gewesen. Weder die Eltern noch die Lehrer konnten einen doch wirklich zu irgendetwas zwingen. Noch nie zuvor hatte ich innerhalb kürzester Zeit so viele Dinge gemacht, die ich niemals freiwillig getan hätte. Mir wurde bewusst, dass das komplette weitere Leben nach dem Abitur aus solchen Kompromissen und Strafarbeiten bestehen würde, um beruflich in diesem System voranzukommen. Das Lager war ein bitterer Vorgeschmack dessen. Politische Diskussionen wurden strikt unterbunden. Man durfte nur reden, wenn man gefragt wurde, und dies nur in einem bescheuerten DDR-Armeeslang. Niemand durfte das Lager verlassen. Wir waren nicht nur Gefangene in diesem Lager, sondern in unserem eigenen Land. Der Umgang mit einfachen jungen Abiturienten, die eigentlich gerade ihre Sommerferien hatten, ließ mich erschaudern und Angst vor der Zukunft in meiner Republik bekommen.”

    Es war also später alles gar nicht mehr so unbeschwert und lustig…und vielleicht spürt der eine oder andere Leser ja, dass sogar ich das irgendwann kapiert habe.

    Hier der betreffende Spiegelartikel

    Mein DDR-Buch “Mauergewinner” kann man u.a. bei >amazon.de beziehen.


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    Seite des Monats August

    5. August 2010 | von | Kategorie: Blog

    Töppen-klein
    Nach meiner Dresden-Story auf Spiegel Online hat mir gleich ein Olaf geschrieben, dass er ne Rezension auf seiner Seite “www.ostfussball.com” zu dem ollen DDR-Buch geschrieben hat. Coole Aktion, coole Seite – und vor allem erstmals eine Meinung aus der Fußball-Szene.
    …wie schrieb ein Verlag, der mein Manuskript ablehnte: “Ist uns nicht literarisch genug.”

    Genau!

    Hier noch´n paar Rezis zu meinem Buch

    498 ich strand

    Hier kann man mein DDR-Buch “Mauergewinner” auch beziehen.

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    Nuklear Dresden

    23. Juli 2010 | von | Kategorie: Blog

    Dorf alt1

    Bei der letzten Geschichte, die gestern – am Donnerstag den 22.07.2010- bei “Spiegel Online” veröffentlicht wurde, hatte ich ein bißchen das Gefühl, dass sie ein wenig so gekürzt wurde, dass nicht ganz klar wird, was ich eigentlich ausdrücken möchte. Deshalb hier nochmals die vollständige Story aus meinem DDR-Buch “Mauergewinner oder ein Wessi des Osten”:

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    Anfang August 1971 standen eine hübsche Frau aus Sachsen und ein junger Mann aus Sachsen-Anhalt glücklich vor der Notversorgungsanlage im Volkspolizei-Krankenhaus in Berlin-Mitte und schauten auf ein komisch gefärbtes Kind. Eine Woche musste ich dort als das „blaue Baby“ im Sauerstoffzelt liegen, weil ich mir die Nabelschnur um den Hals gewickelt hatte. In meinem Ausweis steht als Geburtsort Berlin, trotzdem bin ich ein sächsisch-anhaltinischer Berlin-Mischling. Pfui!

    Im Kindergarten, spätestens jedoch in den ersten Jahren der Schulzeit lernten wir Kinder Eines: Berliner sind die Allergrößten und besonders Sachsen sind das genaue Gegenteil. Bereits mit sieben Jahren lagen wir vor Lachen im Dreck, als wir erfuhren, dass „Nuklear“ auf Sächsisch „Na klar“ heißt. Die durfte man einfach nicht ernst nehmen. Komisch sprechende Menschen aus Bayern und Schwaben waren durch den Mauerbau in Vergessenheit geraten. In der DDR war es ein ungeschriebenes Gesetz, dass Sachsen in Berlin nicht besonders willkommen waren – und umgekehrt. Punkt.
    Das Hauptziel des Hasses war Dresden. Ein Berliner Spruch zeugt von der besonderen Wertschätzung der Stadt an der Elbe: „Wie kommt man am schnellsten von Berlin nach Dresden? Da steckst du einfach den Finger in den Arsch und dresden (drehst ihn).“
    Über diverse Informanten und Kanäle hatte mein Vater erfahren, dass Dresden der einzige Ort zwischen Rügen und Fichtelgebirge war, wo es noch den neuen RFT-Farbfernseher gab und selbst dort nur nach vorheriger telefonischer Anmeldung. Keine Ahnung, wie er es geschafft hatte, einen Tag frei zu bekommen. Unsere Mutter wusste jedenfalls nichts von seiner geplanten Fahrt. Eine Überraschung bahnte sich an.
    Begriffe wie „Vitamin B“ für gute Beziehungen oder „Bückware“ für Dinge, die es nur unter dem Ladentisch gab, gingen in den offiziellen Sprachgebrauch unseres Landes ein. Die Freundschaften zu Automechanikern, Fliesenlegern oder Fleischwaren-Fachverkäufern waren wichtiger als die zu gut bezahlten Staatsdienern, Polizisten oder NVA-Offizieren. Ohne Verbindungen konnte man sich von seinem Geld wenig Vernünftiges kaufen oder besorgen lassen.
    Trabi

    Ich hatte natürlich gesagt, dass ich mitkomme. Mit 13 lernte ich endlich die schlechteste Autobahn der DDR kennen. Die holprige Fahrt nach Dresden war kein Zuckerschlecken. 100 Km/h waren bei dem Zustand der Straße eigentlich kaum möglich und kurz hinter Berlin versuchte ich verzweifelt, einen Westsender im kleinen Radio des Trabis herein zu bekommen. Ich drehte und drehte an dem kleinen Knopf, es gelang mir nicht.
    So redeten Vater und ich den Rest der Fahrt ohne Musik über die völlig neuen Möglichkeiten, die sich uns erschließen würden, wenn wir erst mal das Farbfernsehgerät im Wohnzimmer aufgebaut hätten.
    Es gäbe die Sportschau mit grünem Rasen und wir könnten endlich die Mannschaften richtig unterscheiden. Blaues Wasser bei der Schwimm-WM mit Kristin Otto, kein grauer Schnee bei der Vierschanzentournee mit Weißflog, Nykänen, Züchner und Co., bunte Westprodukte in den Werbepausen und wir würden endlich die Farbe von Colt Sievers’ Auto erfahren. Bei alten Schwarz-Weiß-Filmen würden wir wegschalten. Als wir nach Dresden hinein fuhren, wunderte ich mich, wie grau und farblos die Stadt wirkte. Fast könnte man sagen: schwarz-weiß. Wir kurvten kreuz und quer durch die Straßen. Natürlich hatten wir keinen Stadtplan und so hielt Vater an jeder zweiten Kreuzung, wo ich die Einheimischen nach dem Weg fragen sollte. Leider verstand ich kein Wort in dieser komischen Sprache und wir folgten einfach den Armbewegungen.

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    Als wir dann endlich den Laden in einem schäbigen Hinterhof gefunden hatten, sollte ich im Auto warten, denn Vater wollte die Verhandlungen alleine führen. Ich malte mir aus, wie er unsere Datsche, den Trabi oder sonst was verpfändete, um diesen wertvollen Farbfernseh-Apparat zu bekommen. Sicher war zumindest, dass er eine hohe Summe schwarz zahlen würde, da ich sonst ja hätte mitkommen dürfen. Keine Zeugen!
    Nach einer halben Stunde winkte er mich aufgeregt hinein. Eine riesige Kiste stand auf dem Verkaufstresen – und mein Vater lächelte mich an. Dass ich mir keinen Leistenbruch zuzog, ist ein Wunder, denn das Ding wog ungefähr eine Tonne. In der DDR war es oft so: Was viel wog, war sehr teuer, stand aber auch für Qualität. Insgeheim hoffte ich für den Familienfrieden, dass Vater wirklich nur die 4.500 Mark geblecht hatte, die er nannte. Die Verpackung mussten wir wegwerfen, da das Monster sonst nicht auf die Rückbank gepasst hätte. Wir klatschten uns ab und fuhren los. Keine Zeit für eine Stadtbesichtigung oder sonstigen Quatsch. Ab nach Hause ins farbenfrohe Berlin!
    Auf der Rückfahrt waren wir beide sehr glücklich. Vater in der Vorfreude des ersten Bieres vor der luxuriösen Röhre und ich bei der Vorstellung, welche Augen Mutter und Benny machen würden. Ich ahnte bereits, dass Mutter über die große Geldausgabe alles andere als erfreut sein würde und mein Bruderherz ganz nervös und vor Glück aufgeregt grinsend um die neue bunte Flimmerkiste herumschleichen würde.

    P1010048

    Mein zweiter Ausflug in die Stadt des berühmten Weihnachtsstollens verlief anfangs ganz ähnlich. Mein Vater rief von Arbeit zu Hause an: „Mark, hast Du heute Lust, mit nach Dresden zu kommen? Ich hab noch eine Karte für das Spiel.“ – „Nuklear!“, brüllte ich in den Hörer. Ja, hatte ich! Am Nachmittag saß ich mit Vater und drei seiner Kollegen in einem Wartburg; die Straßen waren unverändert schlecht und das Radio spielte keine Westhits. Ich saß hinten in der Mitte und der Typ neben mir stank widerlich aus dem Mund. Der andere trank ein Bier nach dem anderen und wir mussten seinetwegen drei Mal zum Pinkeln halten.
    Aber immerhin ging es zum Halbfinale des UEFA-Cups zwischen Dynamo Dresden und dem VFB Stuttgart – das war es allemal wert! Ich war jetzt 17 und auf der Karte stand: Stehplatz Erwachsene 15,10 M.
    Natürlich hatte Vater die Karten über „Vitamin B“ bekommen und die echten Dresdner Fans, für die keine mehr im Vorverkauf übrig waren, hassten uns. Bereits 50 Kilometer vor der Stadt leuchteten die ersten schwarz-gelben Farben. Viele Leute ließen ihre Schals aus dem Auto flattern und fieberten wie ich dem Spiel gegen Jürgen Klinsmann und Co. entgegen.
    Für die Dresdner ging es dabei um viel. Sie vertraten den Osten gegen den Westen, DDR gegen BRD und gleichzeitig inoffiziell die immerwährende Schlacht der Sachsen gegen den Stasiverein aus der Hauptstadt. Hier wurde vor aller Augen und den ARD-Kameras ein Exempel statuiert, das zeigen sollte, dass Dynamo Dresden nicht nur die beste Mannschaft der DDR war, sondern auch das Team mit den fanatischsten Fans der ganzen Republik.

    Dynamo

    Als wir um 17.30 Uhr vor dem Stadion ankamen, wunderten wir uns noch, weshalb hier so wenig los war, doch als wir die Gänge ins Innere betraten, sahen wir, dass die Ränge bereits randvoll gefüllt waren. Wie in fast allen Meisterschaftsspielen auch, waren die Dynamos bis auf den letzten Platz ausverkauft. Das heutige Spiel sollte um 20 Uhr beginnen und schon jetzt, zweieinhalb Stunden vorher, waren 36.000 heißblütige Sachsen im Stadion! Ohne meinen starken Vater und seine Kollegen hätte ich hier im Dresdner Fanblock wirklich Angst gehabt, dass sie mich als Berliner enttarnten, das gäbe richtig Ärger! Natürlich behielten wir unsere Tarnung und kamen sogar mit einigen der äußerst freundlichen Jungs ins Gespräch.
    Um 19 Uhr begann ein Vorprogramm, wie ich es noch nie im DDR-Fußball erlebt hatte. Die Leute erhoben sich, als der Stadionsprecher mit dem Glücksschwein „Eschi“ ins Stadion einfuhr. Unter Jubel wurde ein Tandemrennen ehemaliger DDR-Sportler angekündigt. Plötzlich fuhren Jens Weisflog, Olaf Ludwig und Kristin Otto an uns vorbei – natürlich in Begleitung zweier lauter Dixielandgruppen mit schrillen gelben Hemden unter schwarzen Anzügen. Altbekannte Größen des DDR-Fußballs brachten große Blumensträuße für die möglichen Dresdner Torschützen und spielten danach Fußball-Tennis hinter den Toren. Ich konnte gar nicht glauben, was hier abging, und als der Stadionsprecher das Sachsenlied ankündigte, verstanden wir unser eigenes Wort nicht mehr. Aus fast 36.000 jetzt schon heiseren Kehlen erklang das berühmte: „Sing, mein Sachse, sing“. Die beiden Mannschaften versanken beim Einlaufen im schwarz-gelben Fahnenmeer. Ich erkannte Jürgen Klinsmann, der gerade in diesem Moment in unseren Block schaute und genau mich anlächelte. Im April 1989 jubelte ihm in Dresden noch niemand zu.

    VB
    Neben mir brüllten die Fans aufgeregt unverständliches sächsisches Zeug. Zum ersten Mal verstand ich, was mit einem „Hexenkessel“ gemeint war. Ich stand in unserem Block D mittendrin. „Obseids!“ (Abseits) verstand ich, als Guido Buchwald den Ball ins Aus schlug. Der Schiri schüttelte den Kopf und ich brüllte zusammen mit Tausenden Anderen „Nuklear, Obseids!“ ins Stadionrund. Das Spiel war aufregend, es ging hin und her. Am Ende bedeutete das 1-1 jedoch, dass Dynamo Dresden ausgeschieden war und der VfB Stuttgart im Finale gegen Diego Maradonas SSC Neapel antreten durfte.
    An den Ausgängen zwängten sich die enttäuschten Massen durch ein viel zu schmales, rostiges Eisentor. Vater schob mich vor sich her, doch ich bekam immer weniger Luft. Zu groß war der Druck der Menschenmenge, so groß, dass ich immer mehr zusammengequetscht wurde. Ich dachte plötzlich an die vielen vor kurzem zu Tode gedrückten Menschen beim Fußballspiel in Sheffield. Ich hatte jetzt keine Kontrolle mehr, wohin ich trieb, die Menge schob mich hierhin und dorthin. Jeder versuchte jetzt nur noch, auf den Beinen zu bleiben, wer hier stürzte, war sicher tot. Ich wurde irgendwann an eine hohe Mauer gedrückt und konnte mich keinen Millimeter mehr bewegen. Mit weit aufgerissenen Augen schaute ich zu meinen Vater. Später erzählte er mir, dass mein Gesicht schon blau angelaufen war. Ich weiß nicht, ob das wirklich stimmt, doch auf einmal brüllte er etwas nach oben, über mich hinweg. Ich konnte den Kopf nicht drehen und wusste nicht, was dort los war. Plötzlich packte eine Hand von oberhalb der Mauer meinen Arm und zog mich aus den immer stärker nachdrückenden Massen hinauf.
    Erst vor dem Stadiontor traf ich, geschockt und noch immer schwer atmend, meinen besorgten Vater wieder. Glücklich nahmen wir uns zum erstem Mal in unserem Leben in die Arme und fuhren schweigend auf der holprigen Autobahn durch die Nacht. Das Halbfinale des UEFA-Cups war mein bisher bestes Fußball-Erlebnis in der DDR gewesen und am Ende hatte sogar noch ein Dresdner dem ehemals blauen Berliner Baby das Leben gerettet!

    Vater Mutte ich

    Zeitgleich mit dem Fall der Mauer haben sich all diese Dinge komplett verändert. Von einem Tag auf den anderen gab es keine „Bückware“ mehr. Was das gesamtdeutsche Herz begehrte, stand plötzlich in den Warenhäusern und Supermärkten und später auch günstig und gebraucht im Internet. Auch riesengroße, preiswerte Farbfernseher.
    Dynamo Dresden hat zwar nach wie vor sehr treue Anhänger, ist aber nie zu einer Fußballmacht aufgestiegen, die die Bundesliga regiert. Heute dümpeln sie in der 3. Liga herum und stehen wegen finanzieller Probleme des Öfteren vor dem Kollaps. Doch beide Dinge bewegen mich nicht sonderlich, da ich immer eine gut funktionierende Flimmerkiste besaß und nur noch selten, an die Schwarz-Gelb gekleideten Fans erinnert werde.
    Eine Sache finde ich außerdem bemerkenswert. Unmittelbar nach der Wiedervereinigung haben sich ein paar Dinge im Kopf der Menschen verschoben und teilweise sogar grundlegend geändert. Für den gemeinen Ostberliner, aber auch für den Ursprungs-Sachsen, gebürtigen Erfurter oder Schweriner gibt es einen völlig neuen Gegner: den Wessi. Kein Unterschied, ob Kölner, Bayer oder Schwabe – der Westdeutsche ist der große Feind. Punkt.
    Plötzlich halten sie zusammen, die Schachtscheißer aus Zwickau und Fischköppe aus Rostock, die Thüringer und Brandenburger. Die Marzahner und Friedrichshainer. Ganz Ostdeutschland ist eine einzige solidarische Region; ein Land, in dem die Menschen zusammenrücken, ihre Ängste teilen, sich gegen die Übermacht von Drüben wehren und in ihrer gemeinsamen Vergangenheit schwelgen. Es ist vor allem die Generation meiner Eltern, die in ihrer „Superillu“ oder im MDR-Fernsehen über das Leben der ehemaligen Oststars informiert werden will. Bei allen Leuten aus Politik, Funk und Fernsehen mit entsprechendem Hintergrund vermelden sie eilig und stolz: „Der ist aber aus dem Osten.“

    Dresden23

    Ich kann da verständlicherweise nicht mitmachen. Ich habe seit vielen Jahren eine Freundin aus Westdeutschland und lese nicht gerne Berichte über die Pudhys, Herbert Köfer, Axel Schulz oder Ulf Kirsten. Für mich gibt es eigentlich kein Ost und West und mit Erstaunen habe ich einmal festgestellt, dass ich in allen 17 Bundesländern Freunde oder Bekannte habe. Auch habe ich heute überhaupt kein Problem mehr mit Leuten aus Sachsen und deren Sprache. Mittlerweile mag ich die Menschen aus Dresden, Leipzig, Aue und Zwickau sogar sehr und falls mich mal jemand von denen fragt, ob ich auch schon mal in Karl-Marx-Stadt, als Chemnitz noch so hieß, war, kann ich stolz und wahrheitsgemäß antworten: „Nuklear!“

    Hier gehts zur gekürzten Spiegel-Online-Version

    Das DDR-Buch “Mauergewinner” ist im Buchhandel, oder über amazon.de . käuflich zu erwerben

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    DDR-Spezialist Mark Scheppert?

    23. März 2010 | von | Kategorie: Blog

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    Die Leipziger Buchmesse 2010 war wie immer ganz schön, wobei ich eigentlich nur hingefahren war, um ein paar alte Freunde zu treffen und am Freitag, nacheinander auf die “Moritzbastei-Party” und die “Party der jungen Verlage” zu gehen. Fragt mich nicht, wo es cooler war, denn bei Party 1 waren alle Getränke frei und bei der letzteren gab es Gin-Tonic im Mischungsverhältis 50:50. Es war lustig.
    Auf dem Messestand meines Verlages wurde wohl oft nach mir gefragt, nach dem Motto: “Ist denn auch der DDR-Spezialist Mark Scheppert hier?”. Irgendwann wurde klar, dass es einen Artikel in der Mitteldeutschen Zeitung gegeben hatte, wo ich so tituliert wurde. In Mitteldeutschland habe ich nun scheinbar seit meinem DDR-Buch diesen Status. Ich bin ein bißchen gerührt (und schreibe jetzt mal sicherheitshalber ein paar Texte zu einem anderen Thema).

    Hier der Artikel: MZ Artikel 1

    Und etwas länger: MZ Artikel 2

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    Trabi no go – Kindheit in der DDR

    18. März 2010 | von | Kategorie: Blog

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    Spiegel Online hatte gerade meine Trabi-Story auf der Startseite veröffentlicht. Lediglich von der (von Spiegel gewählten) Überschrift muss ich mich distanzieren, da es nicht “Kindheit im Plastikmobil” heißen muss, sondern – wenn schon ostdeutsch – “Plastemobil”. In meinem DDR-Buch heißt die ausführliche Geschichte sowieso “Trabi no go”, aber ich will ja nicht meckern.

    Hier der Einführungstext:
    “Zehn Jahre musste sie warten, dann nahm die Familie von Marko Schubert 1981 endlich ihren ersten Trabant entgegen. Treu fuhr der Pappkamerad die Familie durch die letzten Jahre der DDR – auch wenn die erste Übungsfahrt im Gartenzaun endete.”
    Und hier der Link:

    Kindheit im Plaste(!)mobil

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    Vito von Eichborn mit Vorwort in der 2. Auflage

    23. Dezember 2009 | von | Kategorie: Leseproben, Mauergewinner Leseproben

    Vito

    Meine Buchhändler in sagte mir: „ja“, sagte sie…

    Ja, ein Roman über das Alltagsleben in der DDR könnte gute Chancen haben. Vielleicht ist ja jetzt, zwanzig Jahre später, auch die Zeit der Klischees wie der Idealisierung vorbei. Ich weiß allerdings nicht, ob es eine neue Neugier gibt – ist das nicht alles abgehakt? Vor allem aber – dies sind doch nur reale Geschichten? Ist das letztendlich nicht langweilig?

    „Oje, neiin“, rief ich, „ich hatte bei keiner einzigen dieser so lebendigen Geschichten, ja, in keinem einzigen Moment einen Hänger – das ist komisch und liebevoll und selbstironisch und wunderbar auf den Punkt gebracht. Und von wegen Geschichten – Ingo Schulze nannte seinen Nachwenderoman ‚Simple Storys’. Er verschränkte seine 29 literarischen Fiktionen zu einem richtigen Roman. Scheppert hat sicherlich bewusst eine mehr, also 30 Storys verknüpft – jedoch ohne einen Roman daraus zu machen. Ich habe ja oft gegen ‚abgeschriebene Realitäten’ von phantasielosen modernen Autoren geschimpft. Den neuen Realismus finde ich weitgehend langweilig, auch wenn er sich als Literatur tarnt. Diesem Autoren nun gelingt etwas ganz Seltenes: Er liefert dem Leser nichts anderes als erlebte Realitäten – und macht fesselnde Literatur daraus. Und es liest sich wie ein Roman, weil auch er in Vor- und Rückblenden springt, alles miteinander verknüpft…“

    Cover Mauergewinner neuMeine Buchhändlerin unterbrach mich, wie sie es immer tut: „Jetzt will ich erst mal wissen, wovon das überhaupt handelt. Und dann, wie es sich zu Schulze und anderen DDR-Romanen verhält.“

    „Naja, Schulze erzählt hemmingwaymäßig nüchtern von larmoyanten Helden im traurigen Ossi-Leben. Keine Frage, das ist ein großes Buch, aber die NZZ schrieb: ‚In diesen Storys schlägt kein Herz.’ Das ist zwar ungerecht, aber der Leser muss die Emotionalisierung selbst machen. Naja, natürlich will ich diese erlebte DDR-Kindheit nicht mit Schulzes literarischem Wurf vergleichen.  Und die DDR-Autoren sonst? Unser Autor Scheppert sagt, ganz offensichtlich zu Recht, in ‚Zonenkindern’, ‚Sonnenallee’ und ‚Turm’ finde er sich nicht wieder…“

    „Also nun bitte mal: Ich will wissen, wovon er eigentlich erzählt!“

    „Okay, der Ich-Erzähler ist zur Wende 18-jähriger Abiturient. Heute ein ‚Wossi’ aus der ‚Generation Jan Ullrich’. Er erzählt uns seine Kindheit und Jugend, springt manchmal in die Gegenwart – und schafft mit diesen 30 pointierten Facetten eine Art herzerwärmenden Alltagsroman aus dem Leben in der DDR. Die Handlung?

    Terasse mit Oma

    Also bitte: Kleingarten mit Datsche, Trabi und FKK, Wehrerziehungslager und Jugendweihe, Bückware, Westbier und Eierlikör, Rockkonzerte, Westfernsehen und Partys, Sport, Fußball und viel heile Welt. Außerdem die Geschichte der Stalinallee, viel DDR-Alltag, bis zu den Erlebnissen an der Wende und der eigenen Stasi-Akte dieses Teenagers. Der Vater ist kugelrunder alkoholisierte Sportfunktionär, die Mutter rundliche Sekretärin von Schalck-Golodkowski, der kleine Bruder ebenfalls rund, und die Mitschüler, Freunde ebenso wie die Mädchen, werden allesamt zu prototypischen Mitmenschen – wie wir alle sie kennen, wann und wo auch immer.

    Das jugendliche Klauen in Konsumläden und pubertäres Randalieren sind so real wie die alltägliche MfS und Stasi. Auch Irrungen und Wirrungen des Jugendlichen, bis zu Annikas Brüsten und dem ersten harmlosen Orgasmus – alles stimmt. Und es ergreift – eben, weil es so stimmig ist.

    WeihmaDas ist ganz viel Herz, und Scheppert vermeidet erstaunlicherweise all die Fallstricke, von den DDR-Klischees und DDR-Büchern bis zum Pubertätsroman oder dem Abrechnungsgestus.“

    Meine Buchhändlerin war sprachlos. Das gibt’s selten. Sie meinte trocken: „Das hört sich klasse an, das muss ich lesen – ja ich komme!“, weil die Eingangsglocke geläutet hatte.

    Dies ist weder Ossi-Larmoyanz und Ostalgie noch die Überheblichkeit der Nachgeborenen. Dies ist auch nicht feuilletonistische Abstraktion, großartige Erkenntnis oder so. Der nicht klischiert, sondern liebevoll plastisch darstellt, ebenson wie das ganze DDR-Drumherum. Man sieht quasi einen Film, in dem man sich selbst wieder findet, wie – egal, wann, wo und wie jemand groß geworden ist – die Mitmenschlichkeit im kleinen Menschenleben für uns alle wichtiger ist als jeder politische, historische oder auch literarische Überbau.

    Mir bleibt nur, diese rundherum vergnügliche Lektüre zu empfehlen – und vielleicht ein bisschen Distanz zum eigenen wie Toleranz gegenüber allen anderen Lebensläufen zu gewinnen.

    Vito von Eichborn

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