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Ungarische Würste – aus dem Buch “Leninplatz”

8. August 2018 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Leninplatz, Leseproben

Hungarn wirAm 1. August 1986 gehen wir anlässlich meines 15. Geburtstags zum Essen in den Palast der Republik. Während sich Benny nach stundenlangem Studium der Karte wie üblich fürs „Steak-au-four“ mit Pommes Frites entscheidet, trinke ich mit Vater bereits meine zweite Tulpe Wernesgrüner. Seit der Jugendweihe bestellt er Bier für mich mit. Ein Statement – das muss man ihm lassen. Mutter hat sich für Rosenthaler Kadarka und Gulasch entschieden, was sie daran erinnert, als junge Frau – also vor sehr vielen Jahren – mal in Ungarn gewesen zu sein. Mein Alter ruft: „Da wolltest du doch auch schon immer mal hin, oder?“ Was für eine Frage: Ungarn hat im Gegensatz zu allen anderen Bruderstaaten eine magische Anziehungskraft, denn dort kann man die Dinge aus dem Werbefernsehen nicht nur anstarren, sondern auch kaufen. Levi‘s-Jeans, Camel-Zigaretten, Nike-Turnschuhe, Walkman, Ghettoblaster, Schallplatten, Bravos, Sticker und Glitzersteine – einfach alles, was das Herz begehrt.
„Logo“, antworte ich gelangweilt, da ich ihm schon oft erklärt hatte, dass ich es nicht gerade witzig finde, erst in drei Ländern gewesen zu sein: DDR, ČSSR und in Polen nur, weil Benny und ich unerlaubt zwanzig Meter auf der Schneekoppe über die Grenze geflitzt waren. „Okay, nächste Woche geht‘s los. Wir fahren für ein paar Tage nach Budapest.“ Der Satz trifft mich wie ein Schlag in die Magengrube und Benny verschluckt sich an der Club Cola. „Echt jetzt?“, brüllen wir im Chor – doch an Mutters seligem Grinsen hinter der Gabel mit Szegediner Gulasch erkenne ich: Das ist kein Scherz! „Köszönöm heißt Danke“, murmelt sie und meint damit wohl, dass ich mich nun artig zu bedanken hätte. Mein Bruderherz ruft: „Krieg ich noch einen Pittiplatsch-Eisbecher? Köszönom!“ Alle lachen.

Ich bin euphorisch, auch weil Vater über seine Beziehungen reichlich Berechtigungsscheine zum Umtausch von Mark in Forint besorgt hat, denn insgesamt dürfen eigentlich nur 440 Mark pro Person im Jahr gewechselt werden. Endlich kann ich mein nutzlos herumliegendes Jugendweihe-Geld mal sinnvoll verbraten. Obwohl auch Mutter durch diese Papiere der Staatsbank der DDR abgesichert ist, schmiert sie am Tag vor der Abreise einen monströsen Stullenberg.

Früh um 5 Uhr haben wir auf dem Parkplatz allerdings „die Brille auf“, wie mein Alter zu sagen pflegt, wenn es ein Problem gibt. Wir stehen vor dem Trabi und sehen, dass kein einziges Gepäckstück mehr in den kleinen Flitzer passt. Im Kofferraum ist jeder Zentimeter ausgefüllt und auch auf der Rückbank und der Ablage stapeln sich schon Taschen und Beutel. Mutter schleppt vier dicke Pullover und unsere Anoraks wieder nach oben, obwohl sie da noch nicht wissen kann, dass heute der heißeste Tag des Jahres werden wird.
Vater hat gerade ein Kampfgewicht von 110 Kilo und auch unsere Mutter ist ja eher rundlich. Als sich dann noch wir beiden Jungs hinten hineinquetschen, wiegt das Auto sicherlich doppelt so viel wie bei Auslieferung in der Rummelsburger Straße.
Mein Vater erzählt auf dem Weg in Richtung Adlergestell mal wieder die Geschichte der Anmeldung im Jahre 1972: „Ihren Trabi können sie am 10. Juli 1984 abholen“ und er: „Vormittags oder nachmittags?“ „Warum wollen sie das denn wissen?“ „Na am Vormittag wird doch schon unser Waschmaschine geliefert!“ Niemand lacht.

An der Grenze zur ČSSR stehen wir im längsten Stau unseres bisherigen Lebens. Da man beim Trabi die Fenster hinten nicht herunterkurbeln kann, bekommen wir bei fast 40 Grad kaum Luft und gieren nach dem längst lauwarm gewordenen Eistee. Wir träumen von Ungarn und malen uns eine eiskalte Cola an den Ufern der Donau aus, denken an Budapest mit Ständen, an denen Hotdogs, die bei uns Ketwürste heißen, in champagnerbeigen Senf gebettet werden.
Doch dazu wird es heute nicht mehr kommen. Nach zehn Stunden im Backofen hat Vater die Nase voll und verlässt in Brno die Autobahn. Er kennt sich hier durch diverse Radrennen ganz gut aus und steuert zielsicher eine Plattenbausiedlung an. Dort wohnt ein tschechischer Trainerkollege, der natürlich nicht daheim ist. Wie peinlich: Eine Stunde lang sitzen wir wie Asoziale im stockdunklen Treppenhaus, essen mitgebrachte Speckstullen und warten auf diesen Herrn Svoboda.
Vielleicht war es ja doch ein geplanter Zwischenstopp, denn der Typ freut sich, dass wir ihn besuchen, und verschwindet, nachdem man uns vor den Fernseher verfrachtet hat, mit meinen Eltern ins benachbarte Hochhausrestaurant. Das ist okay, denn neben den tschechischen Sendern, ARD und ZDF haben die hier auch zwei österreichische Programme und eines aus Bayern. So eine Vielfalt – und dann noch in Farbe – haben wir noch nie erlebt. Wir bleiben bis Sendeschluss gebannt vor der Kiste sitzen, was ungefähr mit der nächtlichen Kneipenschließung einhergeht.

Vater
Am nächsten Tag geht es mit verkaterten Eltern und Kindern mit viereckigen Augen bei sengender Hitze weiter in Richtung Ungarn. Doch kurz vor der magischen Grenze beginnt plötzlich eine der wenigen elektronischen Leuchten im Trabi zu blinken. Vater fährt hektisch auf einen Rastplatz. Wir kommen an die frische Luft und ich lerne wieder einmal etwas dazu. Statt die Motorhaube zu öffnen oder nach dem Wartungshandbuch zu suchen, steigt Vater aus und geht sofort zu einer Gruppe quatschender Männer. Kurze Zeit später stehen zwei bedeutungsschwer diskutierende Kerle um unser Auto. Mein Alter lehnt mit den Händen in den Hüften an der Fahrertür und spornt die Jungs freundlich an, den Fehler zu finden.
Ich weiß nicht, was das Problem war, nur, dass Ede und Michel aus Sachsen jeder zehn Mark bekommen und wir weiterfahren können. Ich muss zurück in den Ofen und ahne nun, wie man ein Auto repariert, wenn man Scheppert heißt. Leider fahren wir aus Kostengründen noch einmal an eine Tankstelle und müssen dort und später an der Grenze zu Land Nummer 4 ewig warten. Doch nach dem letzten Schlagbaum erfasst mich plötzlich ein Gefühl der grenzenlosen Freiheit, welches ich mir ein Leben lang bewahren möchte. Eine Sehnsucht geht in Erfüllung.

Endlich angekommen, meint sich Mutter nach 20 Jahren noch an die Straßenverläufe erinnern zu können, wobei sie Vater danach von einer Einbahnstraße in die nächste Sackgasse lotst. Der wirkt stark unterhopft. Während sich die Alten vorne anschreien, als ob unser Rücksitz weit von ihnen entfernt wäre, pieke ich Benny in den Bauch: „Du stinkst ja wie die Pest“ „Und du wie Buda.“ Wir machen uns darüber lustig, dass die Eltern nicht mal wissen, in welchen Stadtteil wir müssen. Irgendwann hat der Alte die Schnauze voll, hält mitten auf einer Kreuzung und fragt einen Polizisten. Auf dem Rückweg fährt ihm fast ein Skoda über die Füße und er hämmert mit voller Wucht mit der Faust auf das Wagendach. Mir wird mal wieder klar, warum ich noch immer solch einen Respekt vor ihm habe. Das Klima im vorderen Teil des Trabis ist danach – trotz 34 Grad im Schatten – frostig.

Icke Bad Boy
Die Gastwirte haben für uns das Schlafzimmer geräumt, um nun drei Nächte auf der Wohnzimmercouch zu campieren. Benny ärgert das, weil dort der Fernseher steht. Doch der sendet nur Schwarz-Weiß und ich möchte sofort hinunter in die farbenfrohe West-Welt. Bis wir endlich aufbrechen, trinkt Vati mit dem Opa noch zwei Pálinka-Schnäpse, während mir die ältere Dame mit der Hand durch die Haare fährt und in gebrochenem Deutsch murmelt: „Was für ein schönes Kind. Wie mein Attila.“ 15-jährige Jugendliche können das besonders gut leiden.
Vor der Tür erklärt mir Mutter, dass deren einziger Sohn 1956 gestorben sei und ich ihm wohl ähnlich sehe. Trotzdem kein Grund, mich so zu betätscheln. Benny wird von mir ab sofort dafür eingeteilt, auch wenn er kein so schönes Kind ist – was ich ihm sofort mitteilen muss. Mutter verpasst mir eine Backpfeife: „Natürlich! Benny ist noch viel hübscher.“ Der juchzt, ich grinse und Vater zwinkert mir verschwörerisch zu.

Wir wohnen nicht weit von der Donau entfernt. Doch für den riesigen Fluss habe ich keinen Sinn, weil mich ausschließlich die quietschbunten Auslagen der Geschäfte interessieren. Direkt neben dem Haus gibt es einen Laden mit kuhlen Adidas-Klamotten. „Komm mal. Sowas haste noch nicht gesehen“, zerren wir an Vater. Doch der will ein schäumendes Frischbier und vertröstet uns auf morgen. Unter dem Bogen einer berühmten Kettenbrücke, wobei Mutti in den nächsten Tagen alles als „weltberühmt“ betitelt, entdecken wir einen Imbissstand. Vater spendiert zwei eiskalte Coca Cola und „Paros virsli mustar “, oder so ähnlich, denn aus Ungarisch werden wir, trotz des Russischunterrichts, nicht schlau. Der Hotdog ist trotzdem – wie der erste Eindruck von dieser Stadt – zum Weinen schön!
Außerdem kostet die Cola nur 10 Forint und die Wurst im Brotlaib 20. Das ist ja alles bezahlbar, wobei wir fürs Abendbrot trotzdem zurück in die Bude geschleift werden. Vaters Gastgeschenk (Nordhäuser Doppelkorn) ist nun kalt und auch die Teewurst-Schrippen haben sich im Kühlschrank ein wenig erholt. Dann machen wir noch einen Ringel. Die komplette Stadt scheint zu leuchten. Die Uferpromenade, die Brücken, die Ausflugsdampfer, die Werbetafeln auf den Häusern, die Reklamen der Geschäfte, die Taxis, die Busse, die Metroeingänge – einfach alles. Im RIAS habe ich die Moderatoren mal vom grauen, finsteren Ostberlin reden hören. Heute habe ich erstmals eine Vorstellung davon, was sie damit gemeint haben könnten. Budapest fetzt! Urst! Ein!

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Obwohl wir uns in der perfekten Konsumgesellschaft befinden, gibt es zum Frühstück nur löchrige Marmeladen-Graubrote, und danach will Mutter auf Sehenswürdigkeitstour gehen. Doch wir einigen uns auf einen Kompromiss: Benny und ich haben bis zum Mittag frei. Zunächst denke ich, die Alten wollen uns verarschen, doch die anschmiegsame Gastwirtin versichert mir, dass die Geschäfte hier wirklich alle auch am Sonnabend geöffnet haben.
Aufgrund der Kürze der Zeit, aber auch weil mein Forint-Vorrat begrenzt ist, muss ich in den Shops die DDR-Kaufhallentaktik anwenden. Es wird immer ein – durchaus hochwertiges – Stück gekauft und eines geklaut. Benny bekommt von alledem nichts mit und ist mit seinem naiv-drolligen Gesichtsausdruck sogar ein ganz gutes Alibi. Eine Levi‘s, ein Nike-Pullover, Converse-Schuhe und ein schwarz-rotes „Bad Boys“-Shirt landen in meinen Einkaufstüten, wobei ich nur für die Hose und die Treter bezahlen muss. Benny erwirbt Sticker von „Franky Goes To Hollywood“ und „Kim Wilde“ und ich spendiere ihm, da der Spasti kaum Geld dabei hat, noch ein „Honda-Nicki“. Noch nie haben wir so viele Sachen gesehen, die wir brauchen! In einem Plattenladen hole ich mir die „Black Celebration“ von Depeche Mode. Obwohl ich alle Songs davon auf Kassette habe, kann ich zu Hause damit extrem angeben.

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Vati nippt genüsslich am Bier und Mutti schlägt sich die Hände vor den Mund, als sie uns kommen sieht. „Graf Koks hat ja halb Budapest leergekauft“, ruft sie mir zu, wobei auch vor ihr zwei Einkaufstaschen voller Westklamotten stehen. Ich habe Spendierhosen an, gehe an den Kiosk und bestelle vier dieser „Paros Würschtli Mustafa“. Den Preis zeichnet mir der Verkäufer auf: 160 Forint. „Nee, Genosse, 80!“ Ich lass mir den Kuli geben, um es aufzuschreiben, denn gestern hatte eine ja lediglich 20 gekostet. Doch er beharrt darauf, bis ich Vater heranwinke. „Mark, mein Bier hat auch das Doppelte gekostet. Morgen ist hier Formel-1-Rennen.“ „Was hat denn das mit den Hotdogs zu tun?“, frage ich entsetzt. „Junge, schon mal was von freier Marktwirtschaft gehört?“, mischt sich eine Frau neben mir plötzlich ein.
„Was will die Olle denn jetzt?“, flüstere ich meinem Vater zu, der gerade die noch fehlenden Forint hinter die Theke schiebt. Die Frau wedelt mit einem 10 DM-Schein.
‚Der Kapitalismus ist eine Gesellschaft der Ausbeutung‘, kommen mir die Worte unserer Stabi-Lehrerin Frisch in den Sinn. „Wegen eines beschissenen Autorennens verdoppeln die hier gleich mal die Preise?“, schimpfe ich. Doch Vater antwortet, als könne er Gedanken lesen: „Nur der Kommunismus kann die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen beseitigen!“ Er trinkt sein überteuertes Bier auf ex aus, rülpst und ruft: „Nastarowje!“ Da kann auch ich wieder lachen.

Im Zimmer breiten wir stolz unsere Einkäufe aus. Die Wirtin kriegt sich fast nicht mehr ein und ich staune, dass Benny einen Beutel Glitzersteine hat mitgehen lassen. Er grinst mich verstohlen an, während ich bereits überlege, mir damit „DEMO“ auf die Jacke zu pinnen. Abends laden uns die Eltern in ein uriges Lokal in der Altstadt ein. Am Einlass werden wir gefragt: „Deutsch oder DDR?“, und dann vom Objektleiter in die hinterste Ecke des Ladens verfrachtet. Die Stadt ist wegen des Rennens am Hungaro-Ring voll von Deutschen, die jedoch von den Ungarn in zwei Kategorien eingeteilt werden. Wie unkuhl.

Ungarn
Tags darauf scheinen wir wirklich Betteltouristen zu sein, die trotz toller Metro alles ablaufen müssen und das noble Hilton Hotel nur von außen bestaunen dürfen. Danach erklimmen wir den Gellertberg, wegen der „Aussicht“, bis wir das „berühmte“ Gellert-Bad erreichen. Mutter die Route zu überlassen war keine gute Idee. Vor dem Eingang stehen hunderte mumienartige Frauen in der prallen Sonne an. Darauf haben wir echt keine Böcke. Also zurück. In umgekehrter Richtung wandern wir an endlosen Straßenzügen entlang, bis wir die im Fluss befindliche Margareteninsel erreichen. Wir lechzen nach einem Eis und wollen vor allem endlich baden.
Auch das Palatinus-Bad kennt Mutter wie aus dem Nähkästchen, obwohl sie zuletzt vor 20 Jahren dort gewesen war. Unaufhörlich schwärmt sie von riesigen Schwimmbecken, großen Liegewiesen und vom einzigartigen Wellenbad. Das ist zwar alles noch da, aber vollgestopft mit tausenden von Menschen. Hier sind es eher Mütter mit kreischenden Gören. „Alle Männer sind ja beim Formel-1-Rennen“, nörgelt mein Vater, obwohl er sich nullstens für Autos interessiert.

Das Bad ist nichts im Vergleich zum modernen SEZ in Friedrichshain. Die Wellen kommen nur einmal jede Stunde, sind extrem popelig oder durch die Massen nur zu erahnen. Völlig arschlos!

„Benny, gleich kommt die nächste.“ „Mark, ist das nicht schau?“, brüllt meine Mutter ohne Unterlass. „Nein, lass los. Das ist die letzte Scheiße!“, rufe ich, doch sie krallt sich regelrecht an mir fest.
Ich weiß mir nicht anders zu helfen, als sie wegzustoßen, und treffe versehentlich ihr Gesicht. Das hat mir gerade noch gefehlt, denn nun beginnt sie auch noch zu weinen. Das wird Vater, der gerade in der Schlange vor dem Bierstand versackt ist, überhaupt nicht gefallen. Mehrmals entschuldige ich mich und erkläre ihr das Berlin-Budapest-Wellenbad-Ding noch einmal genau.

Plötzlich beginnt meine Mutter mit tränennassen Augen zu erzählen, dass ihre erste große Liebe ein Ungar namens Laszlo gewesen war, mit dem sie die drei schönsten Wochen ihres Lebens am Balaton und in Budapest verbracht hatte. In diesem Wellenbad küssten sie sich das erste Mal. Ich staune mit offenem Mund darüber, wie wenig Söhne eigentlich über ihre Mütter wissen. Allerdings überlege ich auch, was mit einem ungarischen Vater alles möglich gewesen wäre. Rein klamottentechnisch!
Mit 15 Jahren nehme ich meine Mutti erstmals ohne Scham in die Arme und flüstere ganz leise: „Ich hab dich lieb.“
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Zum Weiterlesen: “Leninplatz” von Mark Scheppert, 9,90 €
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Vergänglichkeit – aus dem Buch “Leninplatz”

9. Juni 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Leninplatz, Leseproben


Am Freitag, den 5. Oktober 1984, werden wir morgens zum Fahnenappell einbestellt und von Frau Frisch darüber unterrichtet, dass wir sogleich geordnet, diszipliniert und mit Winkelementen ausgestattet zur Protokollstrecke an die Hans-Beimler-Straße, Ecke Mollstraße gehen werden. Erich Honecker, Andrei Gromyko und Jassir Arafat würden dort in wenigen Augenblicken zu den Feierlichkeiten rund um den 35. Jahrestag der Republik vorbeifahren. Obwohl viele Länder nur ihre zweite Garde gesandt hatten, ist die Bedeutung ihrer Ankunft all meinen Freunden sofort klar: Wir haben zwei Stunden schulfrei und können uns in kleinen Gruppen absetzen!
Kein Lehrer wird uns im dichten Gedränge am Straßenrand vermissen und schon gar nicht im „Scheppert-Eck“, der Lieblingskneipe meines Alten, auftauchen.
Während ich gerade mein Würzfleisch verspeise, schwillt der Geräuschpegel vor der Tür merklich an. Okay, die Kolonne schwerer Autos würde ich eigentlich ganz gerne sehen, aber letztendlich sitze ich lieber inmitten meiner feixenden Jungs. Als wir uns dann doch entschließen, hinaus zu spurten, ist der Konvoi schwarzer Schlitten schon vorbei. „Das soll mir nie wieder passieren. Heute Abend gehe ich zum Fackelzug“, grölt ausgerechnet Andi. Alle wissen: Er blödelt nur herum.

Unsere Mitschüler haben sich schon in Richtung Schule verduftet, doch als Bommel und ich den Unterrichtsraum betreten, sind wir dort mutterseelenallein. Auf dem Lehrertisch liegt das Klassenbuch – unbeaufsichtigt! Nun gibt es eigentlich nur eine Möglichkeit. Wir, die ausgemachten Fälschungsexperten, schreiben in Fächern, in denen wir auf der Kippe stehen, ein paar gute Noten hinein, die das Problem vorerst beheben.

Doch was macht mein bester Freund? Er rennt zum Tisch und wirft das Buch im Überschwang – völlig unmotiviert – in Richtung Wand oberhalb der Tafel.
Und dann geschieht das Unglück: Der Zensuren-Spiegel fällt nicht zurück auf den Boden oder bleibt auf dem schmalen Ablagesims der dunkelgrünen Schiefertafel liegen, sondern rutscht in eine Lücke zwischen Wand und Tafel. Schnell bemerken wir, dass dieser Spalt ein Hohlraum ist. An das gute Stück kommen wir weder von unten noch von der Seite heran. Also schieben wir den Lehrertisch vor, Bommel klettert hinauf und versucht mit seinen dünnen Ärmchen, an das verschollene Klassenbuch zu gelangen.
„Was macht ihr denn da?“, brüllt plötzlich jemand an der Tür. Unser durchgeknallter Hausmeister Müller befiehlt, den Tisch sofort wieder an die vorgesehene Stelle zu rücken. Wir gehorchen. „Der steht ja falsch herum!“, meckert er. Die Schreibtisch-Schublade ist vorne, also steht er eigentlich richtig, doch wir drehen ihn einmal komplett, damit der Vogel verschwindet und sich wieder seinen Wellensittichen widmen kann, die er im Foyer der Schule züchtet.
Dann ruft schon wieder einer aus dem Hinterhalt: „Wo ist das Buch, Mark?“
„Dirk, du Arschloch“, zische ich. „Hast du mich erschreckt!“. Er ist unser Klassenbuch-Beauftragter und eigentlich ganz okay. Bommel sagt: „Wir fummeln das Ding nach der Stunde schon wieder raus, Dirki, weißte doch.“ Auch für uns wäre ein Verschwinden katastrophal, da wir bereits etliche Zensuren manipuliert hatten und bei einer möglichen Neubewertung unserer Leistungen sicher viel schlechter eingestuft werden würden.


Alsbald trudelt der Rest der Klasse ein, bevor auch Frau Frisch ihren Auftritt hat. Die Geschichtslehrerin ist eine Hundertzwanzigprozentige, die vor dem Unterricht noch immer alle aufstehen lässt und in ihrer typischen Keifstellung: „Für Frieden und Sozialismus, seid bereit!“ krächzt. Bergi murmelt, wie die Großen: „Immer breit.“
Die Lehrerin will sich setzen – und knallt scheppernd mit den Knien gegen die bis zum Boden reichende Rückwand des Schreibtischs. „Auuuua“, jault sie. Bommel flüstert mir kichernd ins Ohr: „Der steht ja falsch herum“, während Lars und Dirk eilig den Tisch wieder so drehen, dass die Frisch ihre lädierten Beine darunter ausstrecken kann. Wir lachen innerlich, bis die Augen tränen.
Sie ist so neben der Spur, dass sie sogar den Anwesenheitseintrag im Klassenbuch vergisst und sofort zur Tagesordnung übergeht. Diese besteht seit einigen Wochen darin, uns auf den 35. Jahrestag der DDR einzustimmen. Genossin Frisch hat alle Losungen extrem verinnerlicht und hält auch heute eine langatmige Rede über die Unvergänglichkeit unserer sozialistischen Republik. „Die DDR wird nicht nur 35 Jahre existieren. Nein, sie wird ewig währen“, geifert sie. „Wie das tausendjährige Reich“, nuschelt Andi und weckt Bommel und mich damit aus dem Wachkoma.
Am Ende der Stunde erklärt sie, wo sich die Leute zum Fackelzug am Sonnabend treffen, so als ob das alle beträfe.
Nachdem sich der Raum geleert hat, reißen wir mit Hilfe des starken Bergis an der Tafel die seitliche Verkleidung ab, holen das eingestaubte Klassenbuch heraus und drücken die Holzlatte provisorisch wieder dran. Dirk schüttelt bei der Übergabe zwar mit dem Kopf, hält aber sicher die Fresse. So viel steht fest.

Als ich auf den Schulhof komme, steht dort Nadja. Wir sind allein. Seit zwei Jahren bin ich in die schwarzhaarige Traumfrau aus der Parallelklasse böse verliebt und beobachte sie während fast jeder Hofpause mit klopfendem Herzen. Sie ist das allerschönste Mädchen der Schule und hat sogar schon einen richtigen Busen. Dummerweise bin ich Lichtjahre davon entfernt, auch nur die geringste Chance bei ihr zu haben. Vor einem Jahr hatte ich noch versucht, über ihre Freundin Simone an sie heranzukommen. Doch der gängige Trick erwies sich als Eigentor, da ich irgendwann eine heulende Simone entsorgen musste und Nadja deswegen bis heute kaum noch mit mir spricht.

Während sie sich ausschließlich mit Westklamotten einzukleiden pflegt, sehe ich in meinen Wisent-Jeans und den blau-weißen Stoffidas wie der letzte Eimer aus.
Fast erwarte ich, dass sie mich, in Anlehnung an den Nena-Song, mit den Worten: „Alles was ich an dir mag, sind deine Turnschuh zu fünf Mark“ begrüßt. Stattdessen fragt sie: „Mark, gehst du eigentlich zum Fackelzug?“ Ich mache mit dem Finger das Schrauben-Locker-Zeichen, besinne mich aber und antworte: „Gehst du denn?“ „Ja, ist doch irgendwie was Besonderes. Vielleicht willst du mich ja begleiten?“ Die Frage trifft mich wie eine 50-Kilo-Faust in den Magen. Ich kann nicht – die Jungs würden mich killen. „Okay“, flüstere ich. „Wo soll ich dich abholen?“

Letztendlich vereinbaren wir ein Treffen am Leninplatz. Sie wohnt da, will aber nicht, dass ich sie zu Hause abhole, wodurch ich keinen Blick in ihr Zimmer – es soll dort aussehen wie im Intershop – erhaschen kann. Deckung suchend, im Schatten des riesigen Denkmals, warte ich. Nadja scheint sich zu freuen; sie hakt sich bei mir ein und wie ein glückliches Paar laufen wir zur Jannowitzbrücke, von wo wir mit der S-Bahn zur Friedrichstraße weiterfahren.

Zum Fackelzug der FDJ wurden 80.000 vorbildliche Jugendliche aus der gesamten Republik delegiert, wobei ich den Eindruck habe, dass die Fraktion aus Sachsen mal wieder in der Überzahl ist. Alle tragen das blaue Hemd mit dem FDJ-Symbol über der aufgehenden Sonne auf dem linken Ärmel und einen dunkelblauen FDJ-Anorak aus Polyestergemisch.

Auch wir hatten Hemd und Jacke noch am Freitag ausgehändigt bekommen, obwohl wir erst nächstes Jahr aufgenommen werden und dies als übergroße Auszeichnung für gute Thälmann-Pioniere verstehen sollten. Wir erhalten somit ein „Mandat zur Teilnahme am Fackelzug der FDJ“ im sogenannten „Friedensaufgebot“.

Die Einheitskleidung fetzt dennoch, da es zwischen Nadja und mir, zumindest was die Oberbekleidung betrifft, endlich einmal keinerlei Unterschiede gibt. Ich lasse das blaue Hemd mit hochgeklapptem Kragen locker aus der Hose hängen, um etwas kuhler zu wirken. Während ich ein Nicki darunter trage, kollabiere ich beim Blick in Nadjas Ausschnitt fast vor Erregung. Ihre Brüste werden beim Laufen fast vollständig freigelegt. Einmal mehr wird mir bewusst, dass ich freiwillig hier bin – nur für diese eine Nacht mit diesem Mädchen!
Unsere Lehrerin Frisch, die gleichzeitig GOL-Sekretärin der Schule ist, brüllt: „Schön, dich zu sehen, Jugendfreund Scheppert. Hier ist deine Fackel! Oh, mit weiblicher Begleitung aus der A-Klasse“, ereifert sie sich und überreicht mir zusätzlich noch einen Plastikbecher mit Limonade. Ich binde mir den dicken Anorak um die Hüften und trabe in einer unüberschaubar großen Menge von Blauhemden in Richtung Brandenburger Tor.
Dort müssen wir wenden und die Straße Unter den Linden in Richtung Palast der Republik zurückmarschieren. Ein Typ, der mit einer riesigen FDJ-Fahne vom „VEB Pirnetta Pirna“ bewaffnet ist, ruft: „SED – FDJ“ und danach: „Frieden, Freundschaft, Solidarität“. Er soll damit wahrscheinlich die Dankbarkeit der sächsischen Jugend zum Ausdruck bringen, ist aber aufgrund seines Dialektes kaum zu verstehen. Etliche Typen stimmen danach „Bau auf, bau auf, bau auf, bau auf. Freie Deutsche Jugend, bau auf. Für eine bessere Zukunft richten wir die Heimat auf“, „Die Internationale“ und „Wir sind die junge Garde des Proletariats“ an.
Die vielen Fackeln, der Lärm und das Tamtam der Blauhemden haben auf mich dennoch eine schaurig-schöne Ausstrahlung im grell erleuchteten Berlin, zumal Nadja weiter eingehakt an meiner Seite läuft und ihre Bluse in flammender Hitze immer weiter aufknöpft. Mein Herz!
Als wir auf Höhe der Ehrentribüne vor dem Palast angelangt sind, zieht mich das wunderschöne Mädchen ganz nah zu sich heran und flüstert: „Was für eine bescheuerte Rentnerbrigade.“

Besonders Honecker, Mittag und Mielke winken uns senil grinsend zu, wobei auch die jüngeren Genossen wie Krenz und Aurich fast scheintot wirken. Unser Staatsratsvorsitzender hatte bei der Festansprache noch genuschelt: „Der Sozialismus wird siechen.“ Genauso sieht es dort oben aus.
Ich zertrete verlegen zwei der weißen Plastikbecher und schaue gebannt in Nadjas errötetes Gesicht: „Ja, ist Kacke hier, aber mit dir fetzt es trotzdem.“ Sie lächelt.

Am Alex löst sich der Pulk allmählich auf, weil dort Container für die Fackeln und 600 Busse für die Dörfler stehen, die sie zurück in die Pampa bringen.
Es beginnt zu regnen. Ich will Nadja noch auf einen Eisbecher einladen, doch sie überredet mich, im Café am Leninplatz zwei Flaschen Club Cola zu kaufen und diese draußen zu süffeln. Das Zeug ist so süß wie das Mädchen, welches mit dem Rücken an die glatte Granitwand des Lenin-Denkmals gelehnt im Nieselregen neben mir sitzt. Auf einmal legt sie einen Arm um meine Schulter, beugt sich seitlich über mich und gibt mir den ersten ernstzunehmenden Kuss meines bisherigen Lebens. Ich möchte nie wieder aufstehen und in diesem Augenblick vor Glück sterben.


Am kommenden Morgen, der eigentliche Nationalfeiertag fällt in diesem Jahr auf einen Sonntag, sehen wir uns wieder, da wir auch am 7.10. antreten müssen. Als ich Nadjas Augen suche, blickt sie weg, und auch später würdigt sie mich keines einzigen Blickes! Sie ignoriert mich, als wäre ich Luft.
Für mich geht an diesem Tag die Welt in Flammen unter. Ich möchte endlich 16 sein und ein Mädchen, dem ich am Vorabend noch die Hand unter die Bluse geschoben habe, umarmen und leidenschaftlich küssen. Voller Wut laufe ich Erich und seinen Genossen auf ihrer Ehrentribüne entgegen, die sich dort oben bestimmt alle ziemlich wundern, dass ich nicht einmal zurückwinke.
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Zum Weiterlesen: “Leninplatz” von Mark Scheppert, 9,90 €
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Ein 7. Oktober mit dem Honeckerzombie – Kindheit in der DDR

13. Oktober 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

Ohne Palast der Republik
Es war ein herrlicher Herbsttag. Bei strahlendem Sonnenschein fuhr ich auf der Karl-Marx-Allee mit dem Fahrrad zur Arbeit und freute mich schon jetzt auf unsere Mittagspause, wo ich mich zusammen mit meiner lieben Kollegin Henna für eine Stunde in den kleinen Park gegenüber legen und die vielleicht letzten wärmenden Strahlen des Jahres genießen würde. Als ich an den zehngeschossigen Hochhäusern kurz hinterm Kino International vorüberkam, fiel mir etwas auf: An einem Fenster im fünften Stock eines der riesigen Betonblocks wehte eine einsame Fahne im Wind: eine DDR-Fahne. Ich fahre hier jeden Tag entlang und grübelte beim Weiterfahren, warum ausgerechnet heute jemand trotzig diesen alten Stofffetzen gehisst hatte. Kurz hinter dem Fernsehturm fiel der Groschen dann endlich. Heute war nicht irgendein belangloser Oktobertag. Es war der 7. des Monats, ein Tag, den ich eigentlich nicht so schnell hätte vergessen dürfen: Der 7. Oktober, der Gründungstag der Republik, war einer der wenigen gesetzlichen Feiertage in der DDR – der vielleicht wichtigste zudem.

Wir freuten uns eigentlich immer riesig auf freie Tage: Frei haben, das hieß lange ausschlafen, gemütlich frühstücken und gemeinsam an den Müggelsee fahren, wo es für alle ein „Steak au four“ in dem großen Gartenlokal mit den gemütlichen Holzstühlen am Wasser gab und nach einem kurzen Spaziergang in den Wäldern der Müggelberge noch ein Stück Kuchen oder ein Eis aus der Diele. Für den Vati gab es dann immer noch ein kühles Bier vom Fass für eine Mark und zwei.
Dazu ist es am 1. Mai und am 7. Oktober jedoch nie gekommen. Stattdessen hieß es für fast alle: früh aufstehen, am Genossen Erich Honecker vorbei über die Karl-Marx-Allee marschieren oder vor der Parade Spalier stehen. Das war unsere erste Bürgerpflicht.
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Als wir noch mit unserer Mutti, genau wie am 1. Mai, in der Brigade mitmarschierten, fanden wir es immer ganz toll, den Erich mal „in echt“ zu sehen. Ich stritt mich sogar mit Benny darüber, wen er angelächelt oder wem er gar zurückgewunken hatte. In der Aktuellen Kamera achteten wir abends darauf, ob wir irgendwo zu sehen waren. Wir hofften jedes Jahr wieder, dass sie ausgerechnet uns gefilmt hätten. Vater ging nach der Parade immer in seine Stammkneipe, das „Scheppert-Eck“, und überließ uns unserem Schicksal. Spätestens ab der 3. Klasse waren 1. Mai und der Geburtstag der DDR allerdings nicht mehr ganz so lustig. Obwohl die riesige Ehrentribüne nicht weit von unserer Wohnung stand, wurden wir zu unmenschlichen Zeiten geweckt, um pünktlich an der Sammelstelle unserer Schulklasse am Frankfurter Tor zu sein. Betriebsgruppen, Brigaden und Schulklassen trafen sich lange, bevor die Parade losging, an dieser riesigen Straßenkreuzung mit Blick auf die endlose Karl-Marx-Allee. Dann hieß es: Ruhe bewahren, abwarten und frieren. Leider waren wir eine DDR-Vorzeigeschule, denn während andere Kinder nur am 1. Mai selbst marschierten und am 7. Oktober lediglich den vorbeifahrenden Panzern, den Grenztruppen und Kampfgruppen der NVA mit Elementen in der Hand zuwinken mussten, bevor sie nach Hause liefen, war für uns noch lange nicht Schluss. Wir hatten die Ehre, so lange zu bleiben, bis auch die letzte Einheit im Gleichschritt vorbeistolziert war, durften sämtliche sozialistischen Brigaden mit ihren Losungen und die FDJ-Züge abwarten, bis unser Klassenlehrer, Herr Blase, endlich brüllte: „Klasse 5b sofort in Zweierreihen aufstellen. Es geht los!“
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Zentimeterweise stolperten wir vorwärts, inmitten von Hunderttausenden Berlinern. Es dauerte dann mehrere quälende Stunden, bis wir endlich diese trostlose Tribüne der alten Genossen erreichten, die ihrem Fußvolk – also uns – mühsam zuwinkten. Trotzdem war es eine Erlösung, schließlich am dauergrinsenden Erich Honecker mit seinem dicken grauen Mantel vorbeizumarschieren. Glückshormone wurden freigesetzt, denn jeder wusste: Jetzt habe ich es geschafft! Die tollen Panzer und die beeindruckend im Stechschritt laufenden Grenztruppen waren hier längst schon vorbeigezogen, und als auch wir vor den Herrschaften endlich sozialistisch salutiert hatten, entließ uns Herr Blase und wir standen verloren am Alex herum und überlegten uns, was wir mit dem Rest des Tages anfangen sollten. An unserem wichtigsten Feiertag waren die extra errichteten Buden und Verkaufsstände rund um den Alex jetzt heillos überfüllt, genau wie der Ketwurststand gegenüber vom Warenhaus. Mit platten Füßen kamen wir am späten Nachmittag nach Hause und waren trotz der Grilletta, für die wir uns stundenlang angestellt hatten, hungrig. So ging das jedes Jahr am 1. Mai und am 7. Oktober. Allerdings gab es auch Ausnahmen: 1985 erzählte ich meinen Eltern am Abend vor der großen Parade, dass sich unsere Klasse am nächsten Tag erst später treffen würde. Alles lief nach Plan. Ich wachte gegen 11.30 Uhr auf – meine Eltern und Benny marschierten längst auf der Karl-Marx-Allee. Ich legte mich vor die Glotze und schaltete zwischen ARD und ZDF hin und her. So stellte ich mir als 14-Jähriger einen Feiertag vor!
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Allerdings hatte ich nicht damit gerechnet, dass mein Vater genau an diesem Vormittag auf der riesigen Demonstration ausgerechnet meinen Klassenlehrer Blase traf, zusammen mit meiner fast vollzähligen Schulklasse. Ich war der einzige, der fehlte. Ich war ziemlich überrascht, als er gegen Mittag mit krebsrotem Kopf vor meiner gemütlichen Couch stand. Ich hatte meinen Alten selten so zornig gesehen. Ein Blick in seine Augen reichte aus und ich, das unsozialistische Kind eines Genossen und Majors der Volkspolizei, bekam richtig Angst. Es war zu befürchten, dass er mich aus dem Fenster des 9. Stockes schmeißen würde. Soll ich es Glück im Unglück nennen? Er schnappte nicht mich, sondern meinen schwarzen Annett Kassetten-Rekorder und klatschte diesen mit voller Wucht gegen die Kinderzimmerwand.
Ich stand unter Schock. Er hatte soeben etwas wirklich Wichtiges in meinem Leben zertrümmert und er wusste es. Große Tränen standen mir in den Augen. Keine „Schlager der Woche“ und „Hey Music“ auf RIAS und SFB mehr und die aufgenommenen Kassetten wieder und wieder hören – ich heulte plötzlich wie noch nie im Leben. Dieses unberechenbare Arschloch war nicht mehr mein Vater! Er wusste jetzt, dass er Scheiße gebaut hatte und auch, was er mir sechs Monate später als Ersatz für den Annett zur sozialistischen Jugendweihe zu schenken hatte: den nagelneuen RFT-Doppelkassetten-Rekorder für 1.500 Mark. Im Jahr darauf stand ich wieder brav mit meinem Winkelement in der Jubelmenge und huldigte Erich Honecker und seinen Genossen.

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Beim letzten 7. Oktober vor dem Mauerfall hatte ich diese Geschichte eigentlich längst vergessen. Dennoch lagen 1989 noch größere Welten zwischen mir und meinem Vater als zuvor. Ich war mittlerweile Abiturient der 12. Klasse mit heiß diskutierenden Mitschülern, die sich in Kirchen trafen, um neue Ideen auszutauschen, kritische Artikel verfassten und zum Teil in geheimnisvolle neue Foren eintraten. Einige waren über Ungarn abgehauen. Mein alter Herr war nach wie vor beim SC Dynamo Sportfunktionär, wo man die Dinge in Ungarn ungern sah. Die DDR wackelte und unsere Familie gleich mit.
Es war später Herbstnachmittag an diesem Feiertag, ich hatte diesmal wieder ausgeschlafen und traf mich mit Matze, Otmar und Bernd in den letzten Sonnenstrahlen am Alexanderplatz. Die Jungs hatten munkeln hören, dass hier heute etwas los wäre. Was genau, wusste eigentlich niemand. In der Mitte des Platzes in der Nähe der Weltzeituhr versammelten sich allmählich etwa 500 Leute. Es kam mir vor, als hätte sich hier eine Truppe von Rowdys und Krawalltouristen getroffen, die endlich einmal zeigen wollten, dass nicht nur in Leipzig und Dresden die Post abging. Obwohl es ein Samstag war: Dies sollte scheinbar Berlins erste Montagsdemo werden! Die kleine Meute brüllte ununterbrochen: „Schließt Euch an!” Trotzdem war es weiterhin ein erbärmliches Häuflein – weit entfernt von den Menschenmassen, die angeblich in Sachsen auf die Straße gingen. In Berlin war in dieser Hinsicht am wenigsten los. Warum, konnte ich auch nicht sagen. Ein paar Leute riefen fast schüchtern: „Freiheit, Freiheit“.
Einige rollten Transparente aus, und eine kleine Gruppe begann, neue Parolen anzustimmen. „Gorbi, Gorbi!“, „Gorbi hilf uns!“ und „Wir sind das Volk!“, brüllten sie in der Hoffnung, dass die anderen mit einstimmten. Doch nicht alle folgten der Aufforderung; viele beobachteten die Szenerie nur äußerst aufmerksam. Heute denke ich, dass zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich die Hälfte der Anwesenden die Veranstaltung unterwandert hatte. Genossen vom Innenministerium lagen in Zivil auf den Dächern der angrenzenden Häuser. Ich konnte sehen, dass dort oben mehrere Beobachter mit großen Kameras standen.
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Doch auch ohne Handy – also durch den „Buschfunk“ – strömten nach und nach immer mehr Menschen auf den Alex. Angesteckt von meinen Jungs brüllte auch ich mittlerweile: „Schließt Euch an!“ Einige zeigten den Stinke- oder die gespreizten Victory-Finger in Richtung der Aufseher auf den Dächern. Ohne erkennbares Zeichen setzte sich der Tross in Bewegung. Es ging zum Palast der Republik. Aus dem Restaurant „Schwalbennest“ beobachteten uns komische Vögel, und gleichzeitig, in „Erichs Lampenladen“, tagten und feierten die obersten Genossen und eingeladenen Staatsgäste den 40. Jahrestag der Gründung unserer DDR bei voller Beleuchtung.
Auf Höhe der Spree, die wie eine künstliche Mauer vor dem „Palazzo Prozzo“ floss, kamen wir zum Stehen. Vor der Brücke am Nikolaiviertel standen hunderte von Volkspolizisten und riegelten den Zugang ab. Immer lauter wurden die Gesänge und Rufe der Menge. Inzwischen mochten wir schon 3.000 Leute sein. Den Polizisten stand die Angst ins Gesicht geschrieben. Zum ersten Mal trafen in Berlin Staatsmacht und Volk so geballt aufeinander. Keiner wusste, was geschehen würde.
Matze war unser Mann in vorderster Front. Er provozierte und beschimpfte die Arm in Arm eingehakten Beschützer aufs Übelste. Plötzlich begannen er und ein paar andere Kerle, mit voller Kraft gegen diesen menschlichen Wall, der die wenigen Oberen vor ihren vielen Untergebenen schützen sollte, anzurennen. Die ersten Angriffe wurden mit Schlagstöcken abgewehrt. Da ertönte aus dem Pulk der Demonstranten eine Parole in Richtung der Palastwächter, die wie eine doppeldeutige Drohung klang. Sie kam aus mittlerweile tausenden Kehlen: „Wir bleiben hier! Wir bleiben hier! Wir bleiben hier!“ Mir liefen kalte Schauer über den Rücken.
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In den Augen der Polizisten sah ich eine bedrohliche Mischung aus Angst und Hass, hinter der ersten Reihe sprang jetzt eine zweite Garde von einem LKW. Diese Jungs hatten große Kalaschnikows in den Händen. Alle Protestierer wichen augenblicklich zurück, und der Kommandeur auf der anderen Seite war plötzlich mit seinen gebrüllten Befehlen wesentlich lauter als die 3.000 Leute des Volkes. Ich spürte, dass sich in diesen Augenblicken die Geschichte unseres Landes entscheiden würde. Und mein Gefühl sagte mir, dass sie gleich in die Massen ballern würden.
Mit schlotternden Knien ging ich zu den anderen und sagte, dass ich nicht hier bleiben würde. Wir sahen uns verängstigt an und keiner nahm es mir übel. Zusammen mit Otmar war ich innerhalb von dreißig Sekunden aus der Gefahrenzone.
Mein Vater war zu gleicher Zeit von seiner Behörde in ständige Alarmbereitschaft versetzt worden, mit Ausgabe von Uniform und scharfer Pistole. So kitschig wie in manchen deutschen Spielfilmproduktionen auf RTL oder SAT1: Wenn es zu einer ernsthaften Eskalation gekommen wäre, hätte ich unter Umständen wirklich meinem Vater gegenübergestanden oder er hätte die wesentlich mutigeren Matze und Bernd erschießen können.
Hat er aber nicht! Und das war die wirklich sensationell gute Nachricht an diesem 7. Oktober 1989. Die Leute, die vor Honeckers Regierungspalast standhaft geblieben waren, hatten den Sieg davon getragen. Die Bilder der wütenden Demonstranten gingen um die Welt und trotz späterer Prügelorgien der Stasi und Volkspolizei und allerlei Festnahmen gab es keinen Schießbefehl und keinen einzigen Toten.
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Der Arbeitstag 19 Jahre später ging friedlich vorüber und nichts erinnerte mehr an die Zeit vor so vielen Jahren. Mit meiner Kollegin Henna diskutierte ich lange auf der Wiese, ob man verschwundene Feiertage eigentlich ein Leben lang vermissen würde. So wie eine innere Uhr einen schon immer Wochen vorher spüren lässt, dass bald Weihnachten ist, sticht es bei jedem anständigen Ossi am 7. Oktober im Herzen. Obwohl Henna aus Heidelberg kommt und selbst den 17. Juni verloren hatte, kannte sie dieses Gefühl scheinbar nicht. Auf dem Rücken liegend, schaute sie grübelnd in den strahlend blauen Himmel und fragte mich: „Meinst du denn nicht, dass es auch einen Himmel für verlorengegangene Feiertage gibt und gerade jetzt vor einer rostigen Ehrentribüne zigtausende untote Genossen an einem Honeckerzombie in dickem grauen Mantel vorbeimarschieren?“ Ich rollte mich zu ihr hinüber und rief grinsend: „Henna, Scheppert! Sofort in Zweierreihen aufstellen. Es geht los!“
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Als ich abends an den Häusern der Karl-Marx-Allee vorbeikam, war die einsame DDR-Fahne, die hier heute früh baumelte, verschwunden. Ich steckte mein Fotohandy wieder ein und dachte: „Dann gibt es das Bild eben nächstes Jahr.“ 2009, zum 60. Geburtstag der Deutschen Demokratischen Republik. Mit eigener Fahne!

Zum Weiterlesen im Buch Mauergewinner

… hier geht es zum Nachlesen bei Spiegel Online
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DDR-Straße Karl-Marx-Allee – Boulevard of broken dreams – Jugend in der DDR

14. August 2015 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog

“Ich war auf einer großen WG-Party eines Arbeitskollegen eingeladen. Die Feier fand in der Karl-Marx-Allee in Friedrichshain statt. Obwohl ich sehr spät kam, befanden sich noch viele Gäste in der Bude. Micha begrüßte mich euphorisch und stellte mir jeden einzeln vor. Die verqualmte Küche war wie immer das lautstarke Zentrum der Wohnung und besonders gut gefüllt. Bald war klar: Ich, der Junge von nebenan, war der einzige ehemalige Ostdeutsche auf der gesamten Party. Unglaublich, denn noch bis vor wenigen Jahren waren dieses Haus, die Straße und der Bezirk ausschließlich von Ossis bewohnt gewesen. In der Badewanne schwammen die letzten, einsamen Beck’s Gold.

Manchmal kann ich gar nicht glauben, wie sehr sich meine Stadt verändert hat. Ziemlich schockiert öffnete ich mir eins meiner im Sixpack mitgebrachten “Berliner Pilsner” und sah mich erst mal um. Irgendwie kam mir die Wohnung bekannt vor. Ich ging in die Küche und lauschte den Gesprächen. Eine große Runde scharte sich um einen Typen mit Brille, der sich offenbar selbst gern reden hörte. Micha hatte ihn mir als Daniel aus Hannover vorgestellt, der in Berlin Politikwissenschaften studierte. Ich stellte mich daneben und hörte staunend zu. Er erklärte uns die Geschichte der Karl-Marx-Allee.

Leider redete er ausschließlich dummes Zeug. Ich wollte ihn am liebsten anschreien und sagen, dass diese Häuser nicht erst in den sechziger Jahren gebaut worden waren, dass es auch schon vor der Wende Badewannen und Fahrstühle gab – und dass in dieser Straße nicht jede Woche Panzer und Raketenwagen auffuhren. Die monumentale Karl-Marx-Allee, die bis 1961 noch Stalinallee geheißen hatte, war ab 1952 nach den Vorbildern der Prachtboulevards in Moskau, Lenin- und Stalingrad errichtet worden. Sie diente nicht nur dem städtischen Verkehr, sondern sollte Berlins Status als Hauptstadt verkörpern – und bot die Bühne für Aufmärsche und Paraden. Obwohl sich ab dem Strausberger Platz einige unschöne Plattenbauten anschlossen, blieb die schnurgerade Karl-Marx-Allee vom Alex bis zum Frankfurter Tor mit ihren Häusern im Zuckerbäckerstil eine der ungewöhnlichsten und vielleicht schönsten Straßen meiner Stadt. Die selbstverliebte Show des arroganten Wessis machte mich wütend. Selten hatte ich mich so aggressiv erlebt. Trotzdem behielt ich meinen Ärger für mich und schwieg. Warum?”
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Honeckerzombie oder die DDR im Herbst 1989

23. Oktober 2012 | von | Kategorie: Blog, Mauergewinner Leseproben

Honneker

Es war ein herrlicher Herbsttag. Bei strahlendem Sonnenschein fuhr ich auf der Karl-Marx-Allee mit dem Fahrrad zur Arbeit und freute mich schon jetzt auf unsere Mittagspause, wo ich mich zusammen mit meiner lieben Kollegin Henna für eine Stunde in den kleinen Park gegenüber legen und die vielleicht letzten wärmenden Strahlen des Jahres genießen würde.

Als ich an den zehngeschossigen Hochhäusern kurz hinterm Kino International vorüberkam, fiel mir etwas auf: An einem Fenster im fünften Stock eines der riesigen Betonblocks wehte eine einsame Fahne im Wind: eine DDR-Fahne. Ich fahre hier jeden Tag entlang und grübelte beim Weiterfahren, warum ausgerechnet heute jemand trotzig diesen alten Stofffetzen gehisst hatte. Kurz hinter dem Fernsehturm fiel der Groschen dann endlich. Heute war nicht irgendein belangloser Oktobertag. Es war der 7. des Monats, ein Tag, den ich eigentlich nicht so schnell hätte vergessen dürfen: Der 7. Oktober, der Gründungstag der Republik, war einer der wenigen gesetzlichen Feiertage in der DDR – der vielleicht wichtigste zudem.

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Wir freuten uns eigentlich immer riesig auf freie Tage: Frei haben, das hieß lange ausschlafen, gemütlich frühstücken und gemeinsam an den Müggelsee fahren, wo es für alle ein „Steak au four“ in dem großen Gartenlokal mit den gemütlichen Holzstühlen am Wasser gab und nach einem kurzen Spaziergang in den Wäldern der Müggelberge noch ein Stück Kuchen oder ein Eis aus der Diele. Für den Vati gab es dann immer noch ein kühles Bier vom Fass für eine Mark und zwei.
Dazu ist es am 1. Mai und am 7. Oktober jedoch nie gekommen. Stattdessen hieß es für fast alle: früh aufstehen, am Genossen Erich Honecker vorbei über die Karl-Marx-Allee marschieren oder vor der Parade Spalier stehen. Das war unsere erste Bürgerpflicht.
Als wir noch mit unserer Mutti, genau wie am 1. Mai, in der Brigade mitmarschierten, fanden wir es immer ganz toll, den Erich mal „in echt“ zu sehen. Ich stritt mich sogar mit Benny darüber, wen er angelächelt oder wem er gar zurückgewunken hatte. In der Aktuellen Kamera achteten wir abends darauf, ob wir irgendwo zu sehen waren. Wir hofften jedes Jahr wieder, dass sie ausgerechnet uns gefilmt hätten.

Wandzeitung 29 Jahre DDR

Vater ging nach der Parade immer in seine Stammkneipe, das „Scheppert-Eck“, und überließ uns unserem Schicksal. Spätestens ab der 3. Klasse waren 1. Mai und der Geburtstag der DDR allerdings nicht mehr ganz so lustig. Obwohl die riesige Ehrentribüne nicht weit von unserer Wohnung stand, wurden wir zu unmenschlichen Zeiten geweckt, um pünktlich an der Sammelstelle unserer Schulklasse am Frankfurter Tor zu sein. Betriebsgruppen, Brigaden und Schulklassen trafen sich lange, bevor die Parade losging, an dieser riesigen Straßenkreuzung mit Blick auf die endlose Karl-Marx-Allee. Dann hieß es: Ruhe bewahren, abwarten und frieren. Leider waren wir eine DDR-Vorzeigeschule, denn während andere Kinder nur am 1. Mai selbst marschierten und am 7. Oktober lediglich den vorbeifahrenden Panzern, den Grenztruppen und Kampfgruppen der NVA mit Elementen in der Hand zuwinken mussten, bevor sie nach Hause liefen, war für uns noch lange nicht Schluss. Wir hatten die Ehre, so lange zu bleiben, bis auch die letzte Einheit im Gleichschritt vorbeistolziert war, durften sämtliche sozialistischen Brigaden mit ihren Losungen und die FDJ-Züge abwarten, bis unser Klassenlehrer, Herr Blase, endlich brüllte: „Klasse 5b sofort in Zweierreihen aufstellen. Es geht los!“

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Zentimeterweise stolperten wir vorwärts, inmitten von Hunderttausenden Berlinern. Es dauerte dann mehrere quälende Stunden, bis wir endlich diese trostlose Tribüne der alten Genossen erreichten, die ihrem Fußvolk – also uns – mühsam zuwinkten. Trotzdem war es eine Erlösung, schließlich am dauergrinsenden Erich Honecker mit seinem dicken grauen Mantel vorbeizumarschieren. Glückshormone wurden freigesetzt, denn jeder wusste: Jetzt habe ich es geschafft! Die tollen Panzer und die beeindruckend im Stechschritt laufenden Grenztruppen waren hier längst schon vorbeigezogen, und als auch wir vor den Herrschaften endlich sozialistisch salutiert hatten, entließ uns Herr Blase und wir standen verloren am Alex herum und überlegten uns, was wir mit dem Rest des Tages anfangen sollten. An unserem wichtigsten Feiertag waren die extra errichteten Buden und Verkaufsstände rund um den Alex jetzt heillos überfüllt, genau wie der Ketwurststand gegenüber vom Warenhaus. Mit platten Füßen kamen wir am späten Nachmittag nach Hause und waren trotz der Grilletta, für die wir uns stundenlang angestellt hatten, hungrig. So ging das jedes Jahr am 1. Mai und am 7. Oktober.

Die NVA

Allerdings gab es auch Ausnahmen: 1985 erzählte ich meinen Eltern am Abend vor der großen Parade, dass sich unsere Klasse am nächsten Tag erst später treffen würde. Alles lief nach Plan. Ich wachte gegen 11.30 Uhr auf – meine Eltern und Benny marschierten längst auf der Karl-Marx-Allee. Ich legte mich vor die Glotze und schaltete zwischen ARD und ZDF hin und her. So stellte ich mir als 14-Jähriger einen Feiertag vor!
Allerdings hatte ich nicht damit gerechnet, dass mein Vater genau an diesem Vormittag auf der riesigen Demonstration ausgerechnet meinen Klassenlehrer Blase traf, zusammen mit meiner fast vollzähligen Schulklasse. Ich war der einzige, der fehlte. Ich war ziemlich überrascht, als er gegen Mittag mit krebsrotem Kopf vor meiner gemütlichen Couch stand. Ich hatte meinen Alten selten so zornig gesehen. Ein Blick in seine Augen reichte aus und ich, das unsozialistische Kind eines Genossen und Majors der Volkspolizei, bekam richtig Angst. Es war zu befürchten, dass er mich aus dem Fenster des 9. Stockes schmeißen würde. Soll ich es Glück im Unglück nennen? Er schnappte nicht mich, sondern meinen schwarzen Annett Kassetten-Rekorder und klatschte diesen mit voller Wucht gegen die Kinderzimmerwand.
Ich stand unter Schock. Er hatte soeben etwas wirklich Wichtiges in meinem Leben zertrümmert und er wusste es. Große Tränen standen mir in den Augen. Keine „Schlager der Woche“ und „Hey Music“ auf RIAS und SFB mehr und die aufgenommenen Kassetten wieder und wieder hören – ich heulte plötzlich wie noch nie im Leben. Dieses unberechenbare Arschloch war nicht mehr mein Vater! Er wusste jetzt, dass er Scheiße gebaut hatte und auch, was er mir sechs Monate später als Ersatz für den Annett zur sozialistischen Jugendweihe zu schenken hatte: den nagelneuen RFT-Doppelkassetten-Rekorder für 1.500 Mark. Im Jahr darauf stand ich wieder brav mit meinem Winkelement in der Jubelmenge und huldigte Erich Honecker und seinen Genossen.

Genossen

Beim letzten 7. Oktober vor dem Mauerfall hatte ich diese Geschichte eigentlich längst vergessen. Dennoch lagen 1989 noch größere Welten zwischen mir und meinem Vater als zuvor. Ich war mittlerweile Abiturient der 12. Klasse mit heiß diskutierenden Mitschülern, die sich in Kirchen trafen, um neue Ideen auszutauschen, kritische Artikel verfassten und zum Teil in geheimnisvolle neue Foren eintraten. Einige waren über Ungarn abgehauen. Mein alter Herr war nach wie vor beim SC Dynamo Sportfunktionär, wo man die Dinge in Ungarn ungern sah.

Die DDR wackelte und unsere Familie gleich mit.

Es war später Herbstnachmittag an diesem Feiertag, ich hatte diesmal wieder ausgeschlafen und traf mich mit Matze, Otmar und Bernd in den letzten Sonnenstrahlen am Alexanderplatz. Die Jungs hatten munkeln hören, dass hier heute etwas los wäre. Was genau, wusste eigentlich niemand. In der Mitte des Platzes in der Nähe der Weltzeituhr versammelten sich allmählich etwa 500 Leute. Es kam mir vor, als hätte sich hier eine Truppe von Rowdys und Krawalltouristen getroffen, die endlich einmal zeigen wollten, dass nicht nur in Leipzig und Dresden die Post abging. Obwohl es ein Samstag war: Dies sollte scheinbar Berlins erste Montagsdemo werden! Die kleine Meute brüllte ununterbrochen: „Schließt Euch an!” Trotzdem war es weiterhin ein erbärmliches Häuflein – weit entfernt von den Menschenmassen, die angeblich in Sachsen auf die Straße gingen. In Berlin war in dieser Hinsicht am wenigsten los. Warum, konnte ich auch nicht sagen. Ein paar Leute riefen fast schüchtern: „Freiheit, Freiheit“.

Weltzeit

Einige rollten Transparente aus, und eine kleine Gruppe begann, neue Parolen anzustimmen. „Gorbi, Gorbi!“, „Gorbi hilf uns!“ und „Wir sind das Volk!“, brüllten sie in der Hoffnung, dass die anderen mit einstimmten. Doch nicht alle folgten der Aufforderung; viele beobachteten die Szenerie nur äußerst aufmerksam. Heute denke ich, dass zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich die Hälfte der Anwesenden die Veranstaltung unterwandert hatte. Genossen vom Innenministerium lagen in Zivil auf den Dächern der angrenzenden Häuser. Ich konnte sehen, dass dort oben mehrere Beobachter mit großen Kameras standen.
Doch auch ohne Handy – also durch den „Buschfunk“ – strömten nach und nach immer mehr Menschen auf den Alex. Angesteckt von meinen Jungs brüllte auch ich mittlerweile: „Schließt Euch an!“ Einige zeigten den Stinke- oder die gespreizten Victory-Finger in Richtung der Aufseher auf den Dächern. Ohne erkennbares Zeichen setzte sich der Tross in Bewegung. Es ging zum Palast der Republik. Aus dem Restaurant „Schwalbennest“ beobachteten uns komische Vögel, und gleichzeitig, in „Erichs Lampenladen“, tagten und feierten die obersten Genossen und eingeladenen Staatsgäste den 40. Jahrestag der Gründung unserer DDR bei voller Beleuchtung.

Palast

Auf Höhe der Spree, die wie eine künstliche Mauer vor dem „Palazzo Prozzo“ floss, kamen wir zum Stehen. Vor der Brücke am Nikolaiviertel standen hunderte von Volkspolizisten und riegelten den Zugang ab. Immer lauter wurden die Gesänge und Rufe der Menge. Inzwischen mochten wir schon 3.000 Leute sein. Den Polizisten stand die Angst ins Gesicht geschrieben. Zum ersten Mal trafen in Berlin Staatsmacht und Volk so geballt aufeinander. Keiner wusste, was geschehen würde.
Matze war unser Mann in vorderster Front. Er provozierte und beschimpfte die Arm in Arm eingehakten Beschützer aufs Übelste. Plötzlich begannen er und ein paar andere Kerle, mit voller Kraft gegen diesen menschlichen Wall, der die wenigen Oberen vor ihren vielen Untergebenen schützen sollte, anzurennen. Die ersten Angriffe wurden mit Schlagstöcken abgewehrt. Da ertönte aus dem Pulk der Demonstranten eine Parole in Richtung der Palastwächter, die wie eine doppeldeutige Drohung klang. Sie kam aus mittlerweile tausenden Kehlen: „Wir bleiben hier! Wir bleiben hier! Wir bleiben hier!“ Mir liefen kalte Schauer über den Rücken.
In den Augen der Polizisten sah ich eine bedrohliche Mischung aus Angst und Hass, hinter der ersten Reihe sprang jetzt eine zweite Garde von einem LKW. Diese Jungs hatten große Kalaschnikows in den Händen. Alle Protestierer wichen augenblicklich zurück, und der Kommandeur auf der anderen Seite war plötzlich mit seinen gebrüllten Befehlen wesentlich lauter als die 3.000 Leute des Volkes. Ich spürte, dass sich in diesen Augenblicken die Geschichte unseres Landes entscheiden würde. Und mein Gefühl sagte mir, dass sie gleich in die Massen ballern würden.

Palast 1

Mit schlotternden Knien ging ich zu den anderen und sagte, dass ich nicht hier bleiben würde. Wir sahen uns verängstigt an und keiner nahm es mir übel. Zusammen mit Otmar war ich innerhalb von dreißig Sekunden aus der Gefahrenzone.
Mein Vater war zu gleicher Zeit von seiner Behörde in ständige Alarmbereitschaft versetzt worden, mit Ausgabe von Uniform und scharfer Pistole. So kitschig wie in manchen deutschen Spielfilmproduktionen auf RTL oder SAT1: Wenn es zu einer ernsthaften Eskalation gekommen wäre, hätte ich unter Umständen wirklich meinem Vater gegenübergestanden oder er hätte die wesentlich mutigeren Matze und Bernd erschießen können.
Hat er aber nicht! Und das war die wirklich sensationell gute Nachricht an diesem 7. Oktober 1989. Die Leute, die vor Honeckers Regierungspalast standhaft geblieben waren, hatten den Sieg davon getragen. Die Bilder der wütenden Demonstranten gingen um die Welt und trotz späterer Prügelorgien der Stasi und Volkspolizei und allerlei Festnahmen gab es keinen Schießbefehl und keinen einzigen Toten.

Ohne Palast

Der Arbeitstag 19 Jahre später ging friedlich vorüber und nichts erinnerte mehr an die Zeit vor so vielen Jahren. Mit meiner Kollegin Henna diskutierte ich lange auf der Wiese, ob man verschwundene Feiertage eigentlich ein Leben lang vermissen würde. So wie eine innere Uhr einen schon immer Wochen vorher spüren lässt, dass bald Weihnachten ist, sticht es bei jedem anständigen Ossi am 7. Oktober im Herzen. Obwohl Henna aus Heidelberg kommt und selbst den 17. Juni verloren hatte, kannte sie dieses Gefühl scheinbar nicht. Auf dem Rücken liegend, schaute sie grübelnd in den strahlend blauen Himmel und fragte mich: „Meinst du denn nicht, dass es auch einen Himmel für verlorengegangene Feiertage gibt und gerade jetzt vor einer rostigen Ehrentribüne zigtausende untote Genossen an einem Honeckerzombie in dickem grauen Mantel vorbeimarschieren?“ Ich rollte mich zu ihr hinüber und rief grinsend: „Henna, Scheppert! Sofort in Zweierreihen aufstellen. Es geht los!“

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Weiterlesen kann man in meinem DDR-Buch: “Mauergewinner oder ein Wessi des Ostens”

oder bei
Spiegel Online

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DDR-Abgesang – Jugend in der DDR

14. Oktober 2011 | von | Kategorie: Blog

b7cd43e5c2050453dc834dc0103e5970_image_document_large_featured_borderlessSeit gestern kann man wieder eine Story aus meinem ersten Werk “Mauergewinner” bei Spiegel Online lesen. Wer das Buch gelesen hat, wird allerdings feststellen, dass die Geschichte stark gekürzt ist.
Auch die Auswahl der Bilder ist nicht sonderlich gelungen, da vor allem das hier abgebildete eher zu meiner Story “Endlich angekommen” gehörte – anläßlich der Party auf der ich feierte, dass ich länger in der Bundesrepublik als in der DDR wohnte.
Außerdem ist die Frau eine gute Freundin aus dem tiefsten Westdeutschland, welche die Ostdevotionalien tatsächlich sehr lustig fand. Insofern passt da die Bildunterschrift nicht ganz.

Wie auch immer, hier gehts zum Artikel bei SPON: Der Herbst der DDR

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Das Interview

11. Februar 2011 | von | Kategorie: Blog

LindenbergBei der Lesung zum Thema “Stars und Sternchen” habe ich einen Text über ein ganz spezielles Interview vorgetragen.
Erst heute habe ich erfahren, dass Udo Lindenberg am Samstag bei “Wetten dass…?” ausgerechnet in Halle an der Saale auftritt. Zufälle gibt es manchmal…
Hier also der Text…
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Ich muss zugeben: man hatte lange nichts mehr von ihm gehört. Ich will nicht so weit gehen, ihn als Helden meiner Jugend zu bezeichnen, aber – daran komme ich nicht vorbei – er war in jener Zeit ein ganz großer Star. Auf beiden Seiten der Mauer.
Vor kurzem hatte das Musical „Hinterm Horizont“ in Berlin Premiere. Und plötzlich hörte, sah und las man wieder vermehrt vom alten „Panikpräsidenten“. Er gab Interviews, unzählige Artikel wurden geschrieben und im Fernsehen lief eine Dokumentation zu seinem damaligen Auftritt in der DDR.
Und allmählich kamen sie wieder – die Erinnerung an „meinen“ Udo Lindenberg, an eine Zeit, in der ich ausschließlich deutsche Texte verstand und diese dann auch lauthals mitsang. Es war eine Epoche, geprägt von der Angst vor einem nuklearen Inferno, mit einem geteiltem Staat und einer ummauerten Stadt – eine Epoche, die in meinen verschwommen Kindheitserinnerungen, dennoch eine wichtige und unglaublich schöne war.
Ich tauchte also in die Vergangenheit ein und fand ein interessantes Interview, welches Udo im September 1990 – also noch vor der Wiedervereinigung – bei einem Auftritt in Halle an der Saale gegeben hatte.

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Frager: Wie unterscheiden sich die Konzerte, die du in der DDR gibst’s, von denen in Westdeutschland?

Udo: Wir haben ein Riesenrepertoire von ca. 300 Songs und können damit prima Konzerte machen. Da wir das erste Mal in Halle sind, ist ja klar, dass wir auch historische Lieder bringen, zum Teil aktualisiert, mit anderen Texten. Es ist schön, an Stücken herumzubasteln und sie zu verändern, denn dann bleibt Leben drin – und so.

Udo Lindenberg war einmal der deutsche Star. Im Ferienlager sangen wir immer seine Lieder bevor wir einschliefen. „Herr Präsident, ich bin jetzt 10 Jahre alt und ich fürchte mich in diesem Atomraketenwald. Sag mir die Wahrheit, sag mir das jetzt, wofür wird mein Leben aufs Spiel gesetzt?“
Den Song „Wozu sind Kriege da“, kann ich noch heute auswendig und auch sämtliche Textzeilen von „Mädchen aus Ostberlin“ und dem „Sonderzug nach Pankow“ waren damals jedem meiner Freunde bekannt – nicht nur, weil es natürlich verboten war, „Ostberlin“, „Honni“ und „Oberindianer“ zu sagen. Udo sang Deutsch und redete wie wir. Er konnte „Arschloch“ und „Scheiße“ in seinen Texten verwenden und sprach immer aus, was auch viele von uns hinter der Mauer dachten.
Es war daher eines der sieben Weltwunder, dass er 1983 dennoch in die Hauptstadt der DDR in den Palast der Republik eingeladen wurde.

Frager: Die Mauer ist weg und alles hat sich ziemlich schnell entwickelt in Ost- und Westdeutschland. Ist das eigentlich das, was Du gewollt hast?

Udo: Ja, das sieht irgendwie nach einer schnellen Vereinnahmung aus. Die Industrie benutzte die konservative Regierung der Bundesrepublik als Lobby. Das ist eine verkleidete Großverbindungsapparatur. Wie ich das finde und so? Ich finde das riskant, ich habe Bedenken, dass da die Menschen in ziemliche Härtesituationen geraten. Zu kleine Renten und zu wenig Arbeitslosengeld und dennoch, übern Daumen gepeilt ist es gut, dass da etwas in Bewegung geraten ist. Und demnächst haben die Leute ja die Möglichkeit zu wählen. Sie können sich entscheiden zwischen einem Land, das als Solidargemeinschaft funktioniert, in dem darauf geachtet wird, die sozial Schwachen zu schützen oder einer Gesellschaft, in der das höchste Angebot gilt, zur Freude der Industrie und nicht zur Freude vieler Menschen. Und so.

Ich war 12 bei seinem großen Auftritt 1983. Natürlich hatten wir keine Karten bekommen, wir waren ja damals noch nicht einmal in der FDJ, denn es schienen nur Leute mit blauer Bluse, in den großen beleuchteten Saal zu dürfen. Dennoch liefen zwei kleine „Jungs aus Ostberlin“ frohen Mutes zum Palast der Republik die schon immer „träumten von einem Rockfestival auf dem Alexanderplatz mit den Rolling Stones und ner Band aus Moskau“, wie Udo das in einem Song beschrieb. Vielleicht würde es uns gelingen, einen Blick auf unser großes Idol zu erhaschen.

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Frager: Wen würdest Du wählen?

Udo: Ich sage mal klipp und klar, dass ich parteilich nicht so festgelegt bin, aber ich finde bei dem einige gut und dann wieder bei den anderen. Und so.

Es war uns nicht gelungen, Udo Lindenberg vor „Erichs Lampenladen“ zu sehen. Tausende schienen auf die Idee gekommen zu sein. Doch die waren fast alle viel älter und vor allem viel größer als wir und drängelten sich nach vorn. Vor dem Haupteingang herrschte regelrechtes Chaos und als die Staatsmacht schließlich eingriff, hatten wir uns längst auf den Weg zum „Grilletta-Stand“ gegenüber vom Fernsehturm verdrückt und sangen später in der U-Bahn vergnügt: „entschuldigen sie ist dass der Sonderzug nach Pankow. Ich muss da eben mal hin, mal eben nach Ostberlin. Ich muss da was klärn mit Euerm Oberindianer.“

Frager: Was hältst du von der PDS?

Udo: Viele sind ja über Nacht blütenweiße Demokraten geworden, bisschen so, wie das schon paar Mal in Deutschland war, auch über Nacht und so. Und jetzt erleben wir ähnliches, oder?

Die eigentlich geplante Tournee von Udo und seinem Panikorchester wurde nach dem Auftritt im „Palazzo Prozzo“ wieder abgesagt. Er hatte sich nicht so verhalten, wie sich das unsere Staatführung vorgestellt hatte. Doch er hatte für erste Risse in der Mauer gesorgt und spielte, nachdem sie endlich fiel, dann doch noch ein paar Konzerte im meinem Land, bis dieses von der Landkarte verschwand.

Frager: Du wurdest irgendwann mal als Berufsjugendlicher bezeichnet. Wie lange willst du dieser Image noch pflegen?

Udo: Jugend messe ich nicht an einer Zahl der Jahre, sondern an einer Verfassung, in der man sich befindet. Eine Verfassung, die sich auszeichnet durch Neugierigkeit und Beweglichkeit. Und so.

Kurz nach dem Mauerfall hatte ich eine Freundin aus Halle an der Saale und als ich hörte, dass Udo in der Galgenbergsschlucht spielte, wollte ich unbedingt hin, um den großen gesamtdeutschen Star, endlich einmal live zu erleben. Über Vitamin B konnte ich sogar Pressekarten besorgen und machte mich voller Vorfreude auf den Weg.

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Frager: Worauf bist du noch neugierig?

Udo:…Kulturen, Länder und Religionen kennen zulernen, reisen und studieren. Das alles ist ne große Wundertüte. Und ein Land, das einst so fern schien, ist ja die DDR und da gibt es noch viel zu gucken. Und hier werde ich auch als Privatmensch – gut getarnt – öfter mal auftauchen. Und so

Die Karten ermöglichten es mir, ohne großartig Anzustehen durch einen Extraeingang für Presseleute auf das riesige Konzertgelände zu gelangen. Da auf der Bühne noch eine sinnlose Ostband als Vorgruppe spielte, nutzte ich die Zeit und schaute mich etwas genauer um. Was man heutzutage als VIP-Bereich bezeichnen würde, war in jener Zeit ein kleiner, abgesperrter Acker auf denen drei Wohnwagen standen. Einer davon war wesentlich größer und nobler als die anderen. Das musste der von Udo sein. Im Vorfeld hatte ich mir ein kleines Aufnahmegerät besorgt, weil ich Teile des Konzertes heimlich mitschneiden wollte – doch plötzlich hatte ich eine viel bessere Idee.

Frager: Du spielst hier mit verschiedenen DDR-Bands. Welche Chance gibt’s du diesen in nächster Zeit?

Udo: Zurzeit ist die Meinung ja so: Im Westen ist alles geil und im Osten alles Schrott. Die DDR-Bands würden gut daran tun, ihre Einzigartigkeit zu kultivieren und ihre Originalität zu bewahren. Wer in Westdeutschland irgendetwas nachspielt, hat auch keine Chance. Und so.

Zögerlich näherte ich mich dem Nobelwohnwagen, vor dem ein muskelbepackter Typ hockte, und überlegte, was ich sagen könnte. Mit meiner dauergewellten Vokuhila-Frisur, den billigen Jeans und den Turnschuhen zu 29 Mark sah ich tatsächlich ein bisschen aus, wie man sich einen ostdeutscher Reporter in jener Zeit vorstellte. Ich steckte mir eine Cabinett an, nahm das Aufnahmegerät wichtigtuerisch in die Hand, und rief dem Bodyguard zu: „Ich bin von der Presse und will zu Herrn Lindenberg.“

Lindenberg
Frager: Du bist bei verschiedenen Umweltaktionen mit dabei. Zurzeit rollt auf die DDR-Bürger eine unheimlich große Mülllawine der westlichen Verpackungsindustrie zu. Einheit und Umwelt – deine Meinung?

Udo: Ja, in die Elbe wird so viel Müll herein geschmissen, dass kommt dann in Hamburg an und das von uns Produzierte bei euch. Es ist natürlich eine große gemeinsame Aufgabe, die Umwelt sauber zu kriegen. Und so.

Zu meiner großen Überraschung stand der Muskelprotz auf, öffnete die Wagentür und brüllte mir hinterher: „10 Minuten!“. Selbstbewusst lief ich die kleine Treppe empor und betrat das abgedunkelte Wageninnere. Und tatsächlich: da war er. Udo Lindenberg mit Hut und Sonnenbrille, der Mann, der mit „Honni“ leckeren Cognac trinken wollte, saß leibhaftig vor mir schenkte sich gerade etwas Hochprozentiges ein. Meine Knie begannen zu zittern.
Unsicher grinsend lief ich ihm entgegen. Er deutete auf die kleine Couchecke und sagte: „Setz dich doch. Und so.“ Ich stellte das Aufnahmegerät auf den Tisch und sein Nicken schien die Erlaubnis dafür zu sein, dass ich es anschalten durfte. Ganz sachte drückte auf die rote Rekord-Taste.

Frager: Udo, vielen Dank für das Interview und viel Erfolg heute!

Udo: Gern geschehen! Und so.

Bis zur heutigen Lesung habe ich selbst engen Freunden noch nicht von diesem Ereignis berichtet und somit auch nie groß damit angegeben, denn ich habe dieses Gespräch tatsächlich am 7. September 1990, also noch vor der Wiedervereinigung in Halle geführt. Zwei Tage später wurde es sogar in einer bekannten Zeitung abgedruckt. In diesem, meinem, Interview war er der große Star und ich fühlte mich damals tagelang, wie ein kleines Sternchen am Reporterhimmel. Und so.

Lindenberg-Interview

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