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Kriegsende vor 70 Jahren – Alles ganz simpel

15. Mai 2015 | von | Kategorie: Aktuelles, Alles ganz simpel Leseproben, Blog

Opa SchlittenAnfang Februar 1945 war ich nach einem fast zweijährigen Marsch gen Westen mit meiner Kompanie in der Nähe von Namslau in Niederschlesien angekommen. Wenn meine Söhne später bei Wanderungen jammerten und fragten wie weit es noch wäre, habe ich immer mit „ein Katzensprung“ geantwortet und ihnen erzählt, dass ich schon einmal von Demjansk in Russland bis an die Oder gelaufen bin. „Und die Russen sind gerannt“, war damals ein geflügeltes Wort in unserer Truppe, „und wir immer vor ihnen her!“
Unsere Erwartungen auf einen Sieg waren nach zwei Jahren selbst erfahrener Schlachten weit unter den Nullpunkt gesunken. Ich erlebte diesen Feldzug fast ausschließlich als Rückzug durch zerstörte Dörfer und Städte. Das EK II, EK I und das Infanterie-Sturmabzeichen bekam ich für besonderen Mut – oder Leichtsinnigkeit – in den ersten fünf Monaten an der Front während der letzten verzweifelten deutschen Offensiven. Doch danach war es vorbei mit meinem Heldentum. Glücklicherweise erinnerte ich mich an den Rat meines Vaters, der da lautete: „Wenn es heißt Freiwillige vor, dann schnell zur Seite treten, damit die Freiwilligen vor können!“.Das hat mir sicherlich oft das Leben gerettet. Wahrscheinlich bewahrte es mich auch davor, an Erschießungskommandos teilzunehmen.

Ich weiß bis heute nicht, ob ich so andere Menschen hätte töten können, denn wenn man in dieser Scheiße drinsteckt, ist klares Denken und menschliches Handeln oftmals nicht mehr möglich. Befehlsverweigerung hätte unter Umständen den eigenen Tod bedeutet. Doch zum Glück bin ich nie in diese Verlegenheit geraten, denn wir hatten immer vernünftige Vorgesetzte ohne „Halsschmerzen“. Um das begehrte Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes zu bekommen, welches als Halsbandorden getragen wurde, verheizten einige ehrgeizige Heroen ihre Einheiten oftmals in besonders riskanten Unternehmungen. Wahrscheinlich wollten viele meiner Befehlshaber irgendwann auch einfach nur noch lebendig zu ihren Familien nach Hause kommen. Sie bekamen also keine „Halsschmerzen“.

Wir waren schon jenseits der Oder, also westlich des Stromes, mit dessen Wasser ich als Breslauer sozusagen getauft worden bin und in dessen Fluten wir uns als Jungen nicht immer vorschriftsmäßig getummelt hatten. Mein Unteroffizier, zwei Kameraden und ich hatten in einem einzeln stehenden Haus am Ortsrand eines kleinen Dorfes Stellung bezogen und russische Panzer T34 rollten auf uns zu. Höchste Zeit also, sich zu verdrücken. Wir vier waren uns da völlig einig. Ich stürmte als Erster hinaus. Warum, weiß ich bis heute nicht. Genau in diesem Moment traf eine Panzergranate das Haus. Ich war schon draußen, als das Geschoß mit einem ohrenbetäubenden Krach detonierte. Meine Kameraden leider nicht.
Eine Außenwand stürzte auf mich herab. Dann wurde alles schwarz über mir. Wie lange meine Ohnmacht, verschüttet unter den Ziegeln, dauerte? Ich habe keine Ahnung. Ein Feldwebel buddelte mich schließlich aus. Er schaute mich mit besorgter Miene an und fragte irgendetwas. Ich griff mir ins Gesicht, schaute gleichzeitig auf meine Hand, meinen Mantel und die große Lache um mich herum. Das viele Blut, der Dreck und der Staub der Ziegelsteine hatten sich zu einem Farbton vermischt, den ich mein Leben lang nicht mehr sehen kann. Orange!

Der Feldwebel war Waffenmeister, wie er unter Hinweis auf zwei, mir riesig erscheinende, Holzkisten sagte, die er mitschleppte. Über die Felder machten wir uns in Richtung Autobahn davon. Ich schrie nach meinen Kameraden, doch er schüttelte nur den Kopf und zerrte mich weiter. Mühsam humpelte ich ihm hinterher. Die Entrüstung des Mannes werde ich nie vergessen, als ich ihn bat, mir ein bisschen unter die Arme zu greifen und doch um Himmelswillen die blöden Kisten stehen zulassen. Ich weiß nicht, ob das „tausendjährige“ Reich dem Deutschpreußen später noch ausreichend gedankt hatte, ob der Rettung der Dinger. Auf den Kriegsausgang hatte die Korrektheit des Feldwebels jedenfalls keinen entscheidenden Einfluss mehr gehabt.
Ein auf der Autobahn vorbeikommender, schon mit Verwundeten voll gestopfter Sanka lud mich ein. Obwohl ich kaum Schmerzen verspürte, muss ich furchtbar ausgesehen haben und auch mein feldgrauer Mantel leuchtete noch immer in dieser schrecklichen Signalfarbe. Als wir endlich hielten, befand ich mich vor dem Eingang des Elisabethinerinnen-Krankenhauses in der Gräbschener Straße in Breslau, einmal um die Ecke – nur fünf Minuten Fußweg – von der Rehdigerstraße 11 in der wir wohnten. Ich atmete tief durch. Endlich wieder zu Hause!
postkarte rathaus
Den Schwestern, die mich zur Untersuchung bringen wollten, entwischte ich erst einmal. Ich fand ein Telefon und rief in der Bäckerei in der Hochstraße an. Im Gegensatz zu uns besaßen Hartmanns ein Telefon. Von ihm erfuhr ich, dass Muttel (Mutter) zu ihrer Schwester nach Gablonz an der Neiße aufgebrochen und mein Vater noch immer an der Front war. Wo genau konnte er nicht sagen.
Im Krankenhaus, das einem katholischen Kloster angeschlossen war, verarztete man mich provisorisch. Granatsplitter, die dabei in meinem Schädel entdeckt wurden, rührte man zunächst nicht an. Die Schwestern in ihren schwarzen Kutten sorgten sich rührend um uns. Ich glaube sie hätten uns auch Händchen gehalten und ein Gute-Nacht-Lied gesungen, wenn das erforderlich gewesen wäre. Immer wenn wir früher mit unserer HJ-Gefolgschaft 27 an der Kirche und dem Kloster vorbeigelaufen waren, hatten wir respektlos ein Lied gebrüllt: „Spieß voran, drauf und dran, setzt aufs Klosterdach den roten Hahn! Spieß voran, drauf und dran, setzt aufs Kirchendach den roten Hahn!“ – zündet es an, bedeutete das. Jetzt schämte ich mich zutiefst dafür.
Bis zu diesem Zeitpunkt fühlte ich mich recht fit. Erst als ich im Bett lag, kamen die Schmerzen. Sie wurden so stark, dass ich öfter für mehrere Stunden in Ohnmacht fiel. So richtig denken konnte ich eigentlich erst wieder, als ich nach einer wohl mehrtägigen Fahrt mit einem Lazarettzug in Ulm an der Donau landete.

Erst viel später erfuhr ich, dass dies einer der letzten Züge gewesen war, der meine Heimatstadt verlassen hatte, bevor die Schlacht um die „Festung Breslau“ begann, bei der nochmals zigtausende Menschen ums Leben kamen.
Im Ulmer Lazarett diagnostizierte man eine Schädelfraktur und eben diverse Granatsplitter im Kopf. Zum Glück bat ich den Arzt rechtzeitig, in mein rechtes Ohr zu schauen. Dort steckten dann tatsächlich noch unzählige orangefarbene Ziegelstücken, die sie ohne Operation entfernen konnten. Sie wollten mir eigentlich schon den halben Schädel aufschneiden.
Offenbar wehrt sich der Körper gegen Beschwerden und Schmerzen solange man noch in Gefahr ist und gibt erst nach, wenn man sich in Sicherheit wähnt. Ich habe mir diese sehr persönliche Erfahrung nie von Medizinern bestätigen lassen, wie ich es ohnehin vermeide, bei jeder kleinen Unpässlichkeit gleich zum Arzt zu rennen. Geholfen haben mir meine Erkenntnisse später dennoch. Beschwerden, die im Augenblick nicht erwünscht waren, habe ich einfach immer weggeredet.
Lesen
In Ulm erlebte ich in den letzten Monaten des Krieges etliche Luftangriffe. Uns Verwundete schaffte man in tiefer gelegene Kellerräume – es waren wohl die ehemaligen Katakomben einer Burg. Und plötzlich kam die Angst. An der Front hatten wir immer in behelfsmäßig ausgehobenen, gammligen Löchern gehockt, die gerade mal so tief waren, dass mein eingezogener Kopf nur Zentimeter unter der Erdoberfläche war. Doch hier im scheinbar sicheren Kellergewölbe hatte ich mehr Angst als jemals zuvor als Infanterist. Überall krachte, bebte und spritzte es und mir kam die Einsicht, dass all die Menschen daheim, Frauen, Kinder und Greise bei den Luftangriffen genauso litten wie wir draußen im Graben.
Ich vermisse diese Tatsache leider bei vielen Beschreibungen des Krieges. Genauso wenig kann ich verstehen, wenn in Schlachtfilmen, die ja heute massenhaft über den Bildschirm flimmern, all jene verherrlicht werden, die keine Angst haben. Was müssen das nur für Dummköpfe sein? Keine Angst zu haben, bedeutet doch nichts anderes, als sich der Gefahr, die auf einen zukommt, nicht bewusst zu sein. Und das ist dumm. Diese Angst zu überwinden, um anderen Menschen zu helfen, sie zu retten oder zu beschützen, das nenne ich Mut. Doch den bekommt man erst im Laufe seines Lebens, schneller oder langsamer – oder niemals.

Ich erinnere mich noch meine „Feuertaufe“. Wir standen im Feld hinter einer Kartoffelmiete, die etwa 1,20 Meter hoch und 15 Meter lang war. An ihrem Fuß war der Länge nach ein schmaler Graben von ca. 30 cm Tiefe ausgehoben, offenbar zum Wasserauffangen bei starkem Regen. Plötzlich setzte feindliches Gewehrfeuer ein. Doch ich rannte nicht etwa leicht gebückt ans andere Ende der Miete, denn ihre Höhe hätte mich ohne weiteres vor Treffern geschützt, sondern kroch angstgeschüttelt, rückwärts, eng an den kleinen Graben gepresst, zurück. Einige Kameraden lachten mich später aus und tatsächlich: in den Monaten danach bin auch ich, ohne mich groß um das Pfeifen der Kugeln zu kümmern und teilweise nicht einmal geduckt, von Deckung zu Deckung gelaufen. Man hatte sich an die Gefahr gewöhnt und wusste: nicht jede Kugel würde treffen. Ich war leichtsinnig geworden. An jenem Tag in Russland rauchte ich übrigens zitternd meine allererste Zigarette und habe erst neulich mit 86 Jahren wieder aufgehört.
Opa und icke
Nach relativ kurzem Lazarettaufenthalt wurden viele, die schon wieder halbwegs auf zwei Beinen laufen konnten, zu regulären Wehrmachtseinheiten versetzt. Mit zwei anderen Infanteriefunkern musste auch ich mich auf den Weg nach Bermaringen, einem Dorf in der Nähe von Ulm, machen. Uns kam das kalte Grausen, als wir sahen, dass die ganze Truppe, mit der wir drei den Krieg nun zu Ende spielen sollten, im kleinen Saal des Dorfgasthauses einquartiert war. Dem Kompaniechef, einem Oberleutnant, erzählten wir deshalb, dass uns in wenigen Tagen Funkgeräte und Fernmeldematerial folgen würden und wir uns deshalb nach einem zweckmäßigeren Quartier umschauen müssten. Er fiel auf unseren Schwindel rein und so erhielten wir eine separate Unterkunft bei einem Bauern in der Nähe der Dorfkneipe. Der winzige Raum mit Sofa und einer Strohschütte war zwar keineswegs luxuriös, aber immerhin konnten wir so in der Nacht und nach einiger Zeit auch am Tage, dem Kompanietrott aus dem Wege gehen.
Der Lange, wie wir ihn nannten, kam aus Kornwestheim und hatte zwei prima Ideen. Zum einen liefen wir abends los, klopften mal hier und da und erzählten etwas von einem geplanten Kompaniefest. Die schwäbischen Bauern waren nicht geizig und schnell hatten wir einen großen Vorrat an Eiern, Speck, Wurst, Butter, aber auch eingelegte Leckereien zusammen geschnorrt. Wir aßen von nun an fürstlich und die Dorfkinder freuten sich über unser Kochgeschirressen, das wir uns täglich bei der Kompanie abholten, damit unser kulinarisches Eigenleben nicht auffiel.
Der zweite Trick war schon etwas krimineller. Wir hatten spitz bekommen, wenn wir im Dunkeln auf unseren Verpflegungstouren durchs Dorf bummelten, dass aus manchen – pflichtgemäß verdunkelten – Hauskellern noch tief in der Nacht Licht drang. Die beiden schönen Töchter unseres Bauern vermuteten, dass da sicher aus Äpfeln, Birnen oder Pflaumen Schnaps gebrannt werde. Das sei zwar verboten, aber alle schönen Angewohnheiten wollten die Schwaben dem Krieg ja auch nicht opfern. Also zockten wir nun auch frisch gebrannten Obstschnaps für „die Kompanie-Feierlichkeiten“ ab. Den Genuss mussten wir allerdings stark limitieren, da einen der Fusel mächtig umhaute.
Mark Scheppert Horst Schubert 2
Und diese lasche Moral schien sich auf die gesamte Truppe übertragen zu haben. Die Kompanie bekam eines Tages ganz neu eingeführte Schnellfeuergewehre geliefert, aber keinen einzigen Schuss passender Munition. Als sich während der Einweisung ein Unteroffizier die Frage erlaubte, wie man denn im Ernstfall reagieren solle, wenn man zwar hochmoderne Waffen aber keine Patronen dazu habe, meldete sich der Spieß zu Wort. Der Stabsfeldwebel – die so genannte Mutter der Kompanie – fragte vor der versammelten Mannschaft ganz trocken: „Aber weiße Taschentücher habt ihr doch wohl?“ Keiner muckte auf, nicht einmal der Kompaniechef. Klar war damit, dass mit unseren Jungs nicht mehr groß zu rechnen wäre, wenn die Amerikaner kämen.
Und die kamen früher als gedacht. Wir wurden in Marsch gesetzt und zogen gen Süden. Bei einem der unzähligen Halte hatte der Kompaniechef seinen Gefechtsstand in einem Frisiersalon eingerichtet. Wir drei Funker saßen bei ihm und zehrten von unseren Bermaringer Obstlerreserven, als es dem Chef gelang, am Radiogerät einen Sender zu finden, der uns über den aktuellen Stand der militärischen Lage in unserem Gebiet informierte. Einen „Feindsender“!
Plötzlich klopfte es an der Tür, die vom Laden zur Wohnung der Friseurfamilie führte. Schnell schalteten wir aus und öffneten leichenblass die Tür. Vor uns stand die Friseursfrau und stammelte: „Wir haben oben in der Wohnung auch noch einen zweiten Lautsprecher.“ Langsam kehrte die Farbe in unsere Gesichter zurück. Für das „feindliche Mithören“ hätte uns die Frau auch beim Ortsgruppenleiter der NSDAP verpfeifen können. Zu jener Zeit wurden dafür sogar noch Zivilisten gehängt. Hat sie aber nicht.
Am Tag, als wir die Iller überquert hatten, versammelte der Bataillonskommandeur alle auf einer Lichtung. Er kam, wie zu Kaisers Zeiten, auf einem Pferd angeritten, stieg ab, hinkte gotterbärmlich die gesamte Aufstellung ab und verkündete, dass er das Bataillon am kommenden Tag ordentlich, diszipliniert und in allen Ehren an die Amerikaner übergeben werde. Wer zufällig in unmittelbarer Nähe zu Hause wäre, könne ja versuchen, die Heimat ohne den Umweg einer Kriegsgefangenschaft zu erreichen. Mein Freund Heinz Böder und ich befanden, dass unsere Heimatstädte Berlin und Breslau eigentlich in unmittelbarer Umgebung wären. Wir verkrochen uns in einer Scheune, süffelten den Rest unseres Schnapses und hörten in der Nacht nicht einmal die ersten durchfahrenden Amis. So einfach, ganz simpel, endete für mich der zweite Weltkrieg im April 1945.
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Zum Weiterlesen: “Alles ganz simpel” im Buchhandel
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Nachtrag: 2012 war ich, der Enkel, erstmals mit Freunden zu Besuch in der Heimatstadt meiner Großeltern – und Wroclaw ist eine großartige Stadt mit superfeinen Menschen!
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Amerikanische Kriegsgefangenschaft

30. Januar 2015 | von | Kategorie: Alles ganz simpel Leseproben, Blog, Leseproben

Opa Portrait
Früh morgens krabbelten Heinz und ich aus dem Stroh. Mein Schädel brummte, was „natürlich nicht“ am billigen Fusel vom Vorabend lag. Wie viele andere hatten wir uns Klamotten von Einheimischen zusammen geschnorrt. Wir verbuddelten unsere Uniform und sahen mit den neuen Sachen endlich wieder wie normale Menschen aus. Als einziges Erinnerungsstück an unsere Soldatenzeit behielten wir ausgerechnet unsere Soldbücher. Vielleicht könnten die uns ja später noch einmal nützlich sein. Die Amis waren durch. Alles, was hinter uns lag, war bereits von ihnen „besetzt“. Wir wollten in Richtung Osten und ließen es, um nicht noch einmal an die Front zu geraten, gemächlich angehen. Als Zivilisten getarnt, gestatteten wir den amerikanischen Truppen immer ein paar Kilometer Vorsprung, bis wir in Seelenruhe hinterher wanderten.
Eile war also nicht geboten und es störte uns auch nicht, dass der Vormarsch nur schleppend vorankam. Wir hatten diesen Krieg nur aus der Perspektive von Infanteristen kennen gelernt und staunten nun über die Vorgehensweise des Gegners. Sie schickten immer erst Panzer vor, zur Not gab es noch einen kurzen Artillerieeinsatz, und erst wenn ganz sicher war, dass in dem zu erobernden Geländestück kein militärischer Widerstand mehr zu erwarten war, kam das US-amerikanische Fußvolk, wobei dieses keineswegs „zu Fuß“ kam. Selbst die Infanteristen liefen hier kaum einen Meter auf eigenen Beinen, sondern saßen Lucky Strike rauchend auf LKWs und vollzogen die Besetzung eines Ortes, indem sie auf dem Marktplatz behäbig vom LKW kletterten.
Natürlich waren wir nicht die Einzigen, die hier herumirrten. Viele fröhlich pfeifende Burschen – meistens zu zweit – bevölkerten die Landstraßen und hilfsbereite Einheimische machten uns rechtzeitig auf Militärkontrollen aufmerksam, die wir dann umgehen konnten. Irgendwann kam uns die Idee, eine Zwischenstation einzulegen.
Bermaringen schien uns dafür besonders geeignet zu sein, da wir dort durch unsere Kompaniefest-Sammlungen eine Menge Leute kannten. Auch die beiden Töchter des Bauern freuten sich sehr, als wir wieder auftauchten.
Nach nur zwei erquicklichen Nächten im Stroh schmissen wir unsere Pläne wieder um, da uns der Bürgermeister ein Angebot machte, dass wir nicht ablehnen konnten. Er schrieb uns eine Bescheinigung in deutscher und englischer Sprache, die uns als ehemalige kriegsdienstverpflichtete Schlosser bei den Magirus-Werken in Ulm auswies. Mit Amtssiegel! Ganz ehrlich: Leckereien, Obstler und Dorfschönheiten hin oder her – es zog uns magisch in die Heimat. Mit diesen Papieren, so glaubten wir, könnten wir nun einen Zahn zulegen.
Klaus Essen

Wir passierten unzählige Sperren mit unseren „Dokumenten“ und niemand hielt uns auf. Schnell erreichten wir den Thüringer Wald, als uns ein älterer Mann auf der Landstraße zwischen Weimar in Richtung Eckartsberga vor einer erneuten Militärkontrolle warnte. Wir grinsten als er mit seinen Pferdchen weiter zog. Mit unseren Papieren würden wir doch keinen Meter Umweg laufen. Doch als wir diesmal vor den sechs bewaffneten Amerikanern standen, verschwand das Lächeln recht schnell aus unseren Gesichtern.
„Bürgermeister guter Deutscher!“, brummte deren Kommandant, als wir unsere beglaubigten Dokumente vorzeigten. „Aber auch guter Nazi!“ In diesem Moment waren wir Kriegsgefangene der US-Army. Ganz undramatisch. Ohne durchgeladene MP oder Hände-Hoch-Gebrülle. Im Verlauf der nächsten Stunden sammelten sie weitere Leute von der Straße ein und verfrachteten sie auf den LKW. Die Fahrt dauerte nicht lange. Unser Gefährt hielt in Kölleda vor der Sparkasse, die augenscheinlich die einzige Behausung im Städtchen war, welche Gitter vor den Fenstern hatte. Man erklärte uns, dass hier bis zum kommenden Tag Station gemacht werde. Viele Einwohner hatten den Rummel mitbekommen und versammelten sich vor unserem ebenerdigen Kerker. Es waren vor allem junge Mädchen, die uns mit allerlei Leckereien durch die Stäbe versorgten. Verhungern würden wir in dieser Nacht definitiv nicht.
Es wurde streng reguliert, wer wie lange am Gitterfenster stehen durfte und als ich mal wieder an der Reihe war, traf mich fast der Schlag. „Mensch Horst, bist du das wirklich?“, kreischte jemand. Ich war’s, und die es rief, war ein wunderschönes dunkelhaariges Mädchen. Mein euphorisch gebrülltes: „Regina“, erschreckte den vor dem Eingang postierten Ami so sehr, dass er mit seinem an die Häuserwand angekippten Stuhl, nach vorne auf vier Beine fiel. Mit Regina hatte ich in Breslau meine Lehre absolviert. Wir hatten uns seit ich eingezogen wurde, nicht mehr gesehen. Obwohl die Wiedersehensfreude durch die uns trennenden Gitterstäbe getrübt wurde, verspürten wir ohne viele Worte ein unbeschreibliches Glücksgefühl. Wir hatten beide die mörderischen Kriegsjahre überlebt!

Das Hauptthema war die Frage, in welches Gefangenenlager sie uns wohl am nächsten Tag bringen würden. Ein Mitgefangener erzählte von Gerüchten, dass in einigen Lagern die Haare geschoren werden, in Naumburg dagegen – dem angeblich besten Lager – nicht. Schon komisch, dass dies unsere größte Sorge war. Wie eitel und ahnungslos wir nur waren.
Am nächsten Tag gab es das große Aufatmen, als wir am Ortseingangsschild von Naumburg vorbei fuhren. Es war ein riesiges eingezäuntes Gelände in dem zigtausende Menschen apathisch auf ebener Erde oder in flachen Gruben hockten. Keine Zelte, keine Baracken, wie man das heute in Filmen immer darstellt.
Wir fuhren durch eine Öffnung im Zaun und mussten absteigen. Nun waren wir also Insassen eines US-amerikanischen Kriegsgefangenenlagers. „Wo muss man sich hier denn registrieren?“, fragte ich einen Herumliegenden. Erstmals erlebte ich, was mit dem Ausdruck „müdes Lächeln“ gemeint ist. Es gäbe keine Registrierung, erklärte er und es interessiere die Amis auch gar nicht, wer und wie viele Menschen in ihrem Camp hausten. Frustriert suchten Heinz und ich ein freies Plätzchen, was gar nicht so einfach war. Fast jeder Insasse hatte nur knapp zwei Quadratmeter zur Verfügung und wer Pech hatte musste direkt neben dem Latrinengraben liegen. Auch der verbale Kontakt mit den Alteingesessenen erwies sich als schwierig, da die in der Regel recht maulfaul waren. Selbst auf die simple Frage nach der Verpflegung gab es wieder nur dieses „müde Lächeln“ und hinsichtlich unseres Durstes eine „lahme Handbewegung“. Irgendwo solle es einen intakten Wasserhahn geben.
Opa erzählt
Unser Gemütszustand sank auf den Nullpunkt, denn auf unseren Wanderungen durch halb Deutschland waren wir zuvor von den jeweiligen Gastgebern geradezu verwöhnt worden. Die meisten hatten ihre Söhne oder Männer noch immer im Krieg und hofften, dass diese in der Fremde genauso gut behandelt würden. Außerdem hatten wir uns fast immer Familien mit Töchtern in unserem Alter gesucht. Es sollte ja nicht langweilig werden. Wenn ich daran denke, dass wir wie Huckleberry Finn und Tom Sawyer mit einem Floß laut lachend auf dem Main in Richtung Würzburg geschippert sind, kommt es mir manchmal sogar so vor, als wäre dies die unbeschwerteste Zeit meines Lebens gewesen.

In Naumburg gab es nur einmal pro Tag Verpflegung. Einen Tag eine Dose Schmalzfleisch, am nächsten eine mit Schmelzkäse, die man mit acht Gefangenen millimetergenau stückeln musste. Auch das Brot gab es aus der Konserve und musste mit Vieren geteilt werden. Die leeren Dosen musste man übrigens aufbewahren, da dort die unfassbar dünne Suppe hinein gegossen wurde, die wir manchmal als Tagesration bekamen. Wer dann kein Gefäß besaß, musste hungern.
Es passierte, dass man an einem Tag, nachts um 1.30 Uhr diese Ration bekam und die nächste erst am darauf folgenden um kurz vor Mitternacht. Das hieß, dass wir manchmal fast zwei Tage gar nichts zu Essen hatten. So geschah es, dass täglich, mitten im besetzten Deutschland, zig Männer verhungerten. Andere starben direkt neben uns an Krankheiten und Erschöpfung. In der Nacht war es nämlich empfindlich kühl und starke Regengüsse prasselten auf uns herab. Lediglich Gefangene, welche sich mit Glück, Geschick und vor allem Brutalität einen Pappkarton besorgt hatten, mit dem sie sich behelfsmäßig bedecken konnten, blieben ein wenig trockener.
Was wurde nicht alles über die Kameradschaft der deutschen Soldaten in guten wie in schlechten Zeiten geschrieben. Hier in Naumburg war davon nichts zu spüren. Jeder war sich selbst der nächste – wichtig war nur das nackte Überleben.
Opa und icke
Tatsächlich hatten auch Heinz und ich nicht vor zu verrecken. Auf dem Gelände entdeckten wir irgendwann die ehemaligen Getreidesilos. Sie waren mit kranken und verletzten Gefangenen belegt und wurden von den Amis mit einem Posten bewacht. Die „Silobewohner“ hatten primitive Zettelchen, die ihnen das Betreten der Anlage gestattete. Nachdem Heinz zwei ähnlich aussehende Papierfetzen besorgt hatte, sprachen wir einen Kriegsverwundeten an. Ich prägte mir das auf dem Zettel Geschriebene ein und fälschte uns zwei solcher „Eintrittskarten“. Als Technischer Zeichner war das ein Leichtes. Endlich hatten wir also ein Dach über dem Kopf, was schon die halbe Miete für ein längeres Überleben bedeutete. Außerdem lagen auf den kahlen Böden überall noch Getreidekörner. Wir sammelten sie eifrig ein, pusteten den Staub heraus und klopften mit einem Stein wichtige Zusatznahrung aus den Hafer-Rispen. Vielleicht rührt daher meine spätere Abneigung gegen Haferflocken, die ich heute nur noch beim Angeln zum Anfüttern benutze.
Eines Tages verbreitete sich das Gerücht, dass die Amis die ersten Leute entlassen würden – zunächst allerdings nur einfache Soldaten. Ich muss mich noch heute wundern, wie viele Soldbücher plötzlich wieder auftauchten. Auch wir hatten unser Beweismittel – den „Pass in die Freiheit“ – ja glücklicherweise aufgehoben. Schon am Folgetag ging es los und man begann sogar mit dem Silo. Wir mussten in Viererreihen antreten, die Amis zählten 25 Leute ab und dann trottete ein so gebildeter Hunderterblock mit unbekanntem Ziel durchs Lager. Ich hatte mit Heinz ausgemacht, dass wir uns – falls wir uns verlieren würden – in Kölleda bei Regina treffen würden, um von dort aus nach Berlin bzw. Breslau weiterzugehen. Und tatsächlich verlor ich meinen Freund bei der Drängelei zum Antreten aus den Augen. Kurz darauf erfuhr ich, dass es drei verschiedene Gruppen Gefangener geben würde, die über Ent- oder Nichtentlassung entscheiden würden.
1. Angehörige der Waffen-SS und aktive Mitglieder der NSDAP
2. Soldaten, deren Heimatorte in russisch besetzten Gebieten lägen
3. Soldaten, die im besetzten Teil der westlichen Alliierten zu Hause wären
Was mit den drei Gruppen geschehen würde, konnte keiner sagen. Da ich keine Tätowierung der Blutgruppe unter der Achselhöhle hatte, war klar, dass ich nicht bei der Waffen-SS gewesen sein konnte und auch in die NSDAP war ich nie eingetreten. Ich, die Breslauer Lerge, schrieb deshalb in den Fragebogen: „Wohnort: Kölleda, Hauptstraße 17.“ Eine Hauptstraße, vermutete ich, würde es in jedem größeren Ort Deutschlands geben. Und siehe da: ich wurde Gruppe 3 zugeordnet. Am nächsten Tag drückte man mir den offiziellen Entlassungsschein aus US-amerikanischer Kriegsgefangenschaft in die Hand. Ein LKW brachte die Leute aus der näheren Umgebung sogar in ihre Heimatorte. Als ich in Kölleda vor der Sparkasse von der Ladefläche stieg, war ich ein freier Mann. So simpel war das wieder einmal für mich.
Lesen
Ich kann bis heute kein gutes Wort über diese Wochen verlieren. Mein späterer Kollege Willy Conrad erzählte mir einmal, wie es ihm bei den Russen ergangen war. Dort hatten sie nach knüppelharter Arbeit einmal pro Tag eine heiße Suppe bekommen und 400 Gramm klitschiges Brot. Laut Willy war das jedoch noch mehr als das, was die russische Bevölkerung zu jener Zeit bekam. Und eben mehr, als wir bei den Amis. Doch die Zeit machte den Unterschied. In Russland saßen die deutschen Soldaten oftmals schier endlos erscheinende Jahre fest und viele kamen nie wieder. Als einer von Wenigen überlebte Willy dort und spielte später sogar noch jahrelang bei Chemie Leipzig Fußball.

Mein bester Freund Heinz hatte immer voller Optimismus gesagt: „Sie werden in Berlin alles zerbomben – außer die Prinzenstraße 13.“ Er hatte Recht behalten. Als ich Ende 1945 nach ihm suchte, stand das Haus noch und eine Frau öffnete mir sogar die Tür. Sofort begann die ältere Dame zu jammern, dass sie noch immer nichts von ihrem Sohn gehört habe. Ich beruhigte sie, da ja zumindest klar war, dass er den Krieg überstanden hatte. Nur in Kölleda war er leider nie aufgetaucht.
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Vor ca. acht Jahren blätterte ich aus purer Langeweile im Berliner Telefonbuch. Ich entdeckte einen Heinz Böder im Westteil Berlins und rief einfach mal an. Eine Frau meldete sich und nachdem ich ihr erklärt hatte, wer ich bin, begann sie sofort zu weinen. Ihr Mann Heinz war gerade vor vier Wochen verstorben. Er hatte oft von mir und unseren abenteuerlichen Erlebnissen vor und während der Zeit im „besten Lager“ berichtet. Als sie das sagte, heulte auch ich schon längst Rotz und Wasser. Wir hatten ein halbes Leben lang in ein und derselben Stadt gewohnt und uns trotzdem nie wieder gesehen. Ich hätte ihn sogar zu DDR-Zeiten anrufen können – ja müssen!
Deshalb eine Mahnung an nachfolgende Generationen und dies ist wahrlich kein Gerücht: Ein Krieg lässt einen bis ans Lebensende nicht mehr los.
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