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Australien gegen Deutschland beim Confed-Cup 2017 in Russland

16. Juni 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog

Zum Conved-Cup 2017 in Russland haben wir eine Tipprunde gegründet, damit wir das (mit Sicherheit ziemlich langweilige Turnier) nicht ganz so öde finden. Es geht also wieder um einen Jackpot – und dazu fällt mir eine Geschichte ein, die zum ersten Spiel der Deutschen gegen Australien passt, oder auch nicht – egal …

“Als Kinder träumten Benny und ich in unserem Neubaublock in Ostberlin oft von Australien. Wir hängten uns sogar eine große Fahne über das Bett und wünschten uns, einmal im Leben so weit reisen zu dürfen. 2006 – viele Jahre nach Benny – erfüllte ich mir mit Sylvie endlich diesen Traum. Wozu eine Weltreise doch alles gut sein kann! Nur wegen meiner „Erfahrungen“ hatte ich danach einen Job bekommen, der jährlich eine dreiwöchige Dienstreise nach Down Under beinhaltete. Anfang des Jahres übermittelte mir mein Boss den nächsten Termin: Juni 2008.

Am Tag des Viertelfinales Deutschland gegen Portugal, fährt mich Sylvie um 19 Uhr zum Flughafen. Mit hinein kommt sie nicht – schließlich will sie noch einen guten Platz im „Rockz“ bekommen. Heute trifft sich die komplette Tipperrunde in unserer Stammkneipe. Im Gegensatz zu den, in Vorfreude auf das Match, gefüllten Straßen gleicht der Flughafen Tegel einer Geisterstadt. Noch nie habe ich den Parkplatz so verlassen gesehen. Nur ein einziger Inlandsflug ist an der Abflugtafel für die Zeit des Spiels aufgelistet. Meiner. Im Wartebereich steht ein Fernseher, doch der zeigt Nachrichten auf n-tv. Wütende Reisende kriechen unter den Apparat und versuchen, auf einen anderen Kanal umzuschalten. Kurz nach Anpfiff haben wir endlich den Typen mit der Fernbedienung gefunden und sehen unsere Jungs über den Platz flitzen. Genau in diesem Moment wird zum Boarding aufgerufen. Ich reihe mich ein und denke daran, dass ich über Göte bei jedem Spiel an Karten heran gekommen wäre. In Wien sogar mit Hotel. Betröpfelt drücke ich einer Frau meinen Boardingpass mit falschem Flugziel in die Hand.

Am Eingang zum Flieger frage ich die Stewardess, ob denn der Kapitän die Zwischenergebnisse durchsagen würde. Sie ruft ins Cockpit: „Sagst du die Ergebnisse durch?“ Eine leicht tuntige Stimme fragt zurück: „Welche Ergebnisse?“ Verstört lasse ich mich auf meinen Platz fallen. Als eine der letzten Passagiere kommt eine aufgeregte ältere Dame ins Flugzeug gerannt. „1:0 für Deutschland durch den Schweinsberger!“, brüllt sie. Ich könnte heulen vor Wut. „Schweinsteiger!“, schreie ich überraschend laut zurück. Als wir in Frankfurt landen und ich den Ankunftsbereich betrete, höre ich nur noch den Schlusspfiff. Das Spiel war 3:2 ausgegangen und ich hatte kein einziges Tor gesehen.

Nach meiner Ankunft in Australien finde ich im Internet heraus, dass es den irischen Bezahlfernsehsender „Setanta“ gibt, der in einigen Städten auch in bestimmten Kneipen zu empfangen sei. Meine letzte Hoffnung das gigantische Halbfinale gegen unsere türkischen Freunde doch noch live zu verfolgen.
Der Taxifahrer in Brisbane empfiehlt mir, es in einem englischen Pub zu versuchen, da dort zuletzt ziemlich viel los gewesen sei. Am nächsten Morgen laufe ich frierend durch die Straßenschluchten der schlafenden Metropole zum „Pigs N Whistle“. Nach und nach tauchen aus den Seitenstraßen weitere müde Zombies auf. Zu meiner Erleichterung tragen die meisten, wie ich, ein Deutschland-Trikot. Rechtzeitig vor Anpfiff um 4:45 Uhr Ortszeit bekomme ich einen guten Platz. Auch dutzende Türkei-Anhänger sind hier, doch die Stimmung ist friedlich. Um diese Uhrzeit wird auch im „Traditional British Pub“ kein Bier mehr ausgeschenkt.

Bis zur Mitte der zweiten Halbzeit bleibt es, obwohl die Bar jetzt brechend voll ist, relativ ruhig. Doch dann geschieht das Unglaubliche. Beim Stand von 1:1 fällt plötzlich das Bild aus. Einige Leute rufen entsetzt zu Hause an und erfahren, dass auch dort nur Schnee auf dem Bildschirm zu sehen wäre. Doch in Australien gibt es keinen Bela Rethy, der das Spiel in Radiomanier weiter kommentiert. Endlich taucht das Spielfeld wieder auf, aber ein Zwischenstand wird nicht eingeblendet. So sehen ich und die gut hundert anderen Leute erst nach einem ins Aus geschlagenen Ball die Wiederholung von Kloses 2:1. Wir können es gar nicht glauben. Erst als der Reporter das aktuelle Ergebnis bestätigt, liegen wir uns in den Armen. Frenetischer jubeln nur die australischen Türken beim Ausgleich fünf Minuten vor Schluss – doch das 3:2 von Lahm entflammt uns erneut für Deutschland. Schlusspfiff – Brisbane brennt! Ab 7 Uhr wird wieder Bier ausgeschenkt. Ein tobender, schwarz-rot-goldener, Mob verstört nach Spielende die Menschen auf ihrem Weg zur Arbeit. Die meisten haben ein wenig Angst vor uns.
Fußball ist natürlich mein Thema im Taxi, als ich am nächsten Tag zum Flughafen fahre. Auch der koreanische Fahrer ist von unserem Team schwer begeistert. Fast im Sekundentakt drückt er seine Begeisterung aus, indem er wiederholt ruft: „Ballack. Oh my god!”, „Podolski. Oh my god!“, „Sneileger. (vermutlich Schweinsteiger) Oh my god!“ Erst als ich aussteige, fällt ihm scheinbar wieder ein, wer unser Finalgegner sein wird, und er brüllt mir hinterher: „Spain. Oh my god!“

Seit der WM 1994 tippe ich immer auf Spanien als Titelträger. So auch dieses Mal. Doch bisher hatten sie immer kläglich versagt. Um unsere Tipprunde sicher zu gewinnen, müsste ich nun auch im Finalspiel auf sie setzen. Gegen Deutschland! Zum ersten Mal verstehe ich die Leute, die grundsätzlich patriotisch tippen. Was soll ich machen: Herz oder Verstand?

Ich komme zu spät in den tropischen Norden nach Cairns. Der örtliche Irish-Pub zeigt das Spiel nicht live und es bleibt nun auch keine Zeit mehr für Recherchen. Doch ich habe „Setanta“ auf dem Zimmer. Halb fünf klingelt der Wecker. Unsere Mannschaft spielt schlecht und Torres schießt das einzige Tor. Spanien ist Europameister 2008.
Eine halbe Stunde nach Abpfiff steige ich, noch immer ein wenig bedrückt, aus dem monströsen Pool und gehe zu meiner Liege. Unter dem Deutschland-Trikot, das ich auch allein im Zimmer getragen hatte, liegt mein Handy. „Eine neue Nachricht.“ Jenna, der das Spiel, zusammen mit unserer Tipprunde, 20000 Kilometer entfernt geschaut hatte, schreibt: „Du hast den Jackpot gewonnen. Verräter!“
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Zum Nachlesen bei Spiegel Online
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Zum Weiterlesen: “90 Minuten” von Mark Scheppert
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Das Spiel: Deutschland vs. Ghana in Brasilien 2014

5. Dezember 2015 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Fußball-WM 2014

P1110210Bei der Einlasskontrolle müssen wir die Karten auf einen Scanner legen. Es leuchtet grün und meine Augen auf der anderen Seite strahlend blau. Wir sind drin! Noch haben wir eine Stunde Zeit bis zum Spielbeginn und so schlendern wir durch den Innenring fast einmal ums Stadion. Dummerweise haben wir Karten in verschieden Sektoren: vier Tickets in Kategorie 2 zu 135 Dollar und nur zwei in der günstigeren 3er (zu 90 US-Dollar), wobei das der Deutschland-Block ist. Dennoch entscheiden wir uns für die vermeintlich bessere Sicht, auch vor dem Hintergrund, dass wir dort nur einen einschmuggeln müssen. Der Witz: wir gelangen ohne kontrolliert zu werden auf 1-A-Sitze. Direkt daneben gibt es Plätze für „Behinderte“, die es heute augenscheinlich nicht gibt. Enri hockt sich hin.
Bei 30 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit werden wir das Match nah am Spielfeld auf Höhe einer Eckfahne verfolgen und die Schwüle einfach wegsaugen. Um uns herum sind unzählige Landsleute, sodass auch hier das Barometer sicher auf Stimmungs-Hochdruck geeicht ist. Direkt vor dem Tor tanzt sich die Ghana-Kolonie ein und vor ihnen drehen die Fußballer ihre Runden. Sylvie zoomt heran und macht lebensgroße Fotos von all den Helden, die den Titel hoffentlich in drei Wochen mit nach Hause bringen werden.
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Plötzlich geschieht etwas Außergewöhnliches – mit mir. Beim Einlauf der Teams verspüre ich von jetzt auf sofort keinerlei Hektik mehr, bin nicht mehr angespannt oder aufgeregt – in meinem Herzen herrscht gespenstische Ruh. Alle um mich herum und die Spieler singen die Nationalhymne, nur Jerome Boateng und ich schweigen, denn bei mir läuft gerade ein anderer Film. In „90 Minuten Südamerika“ hatte ich noch betont, dass dies kein Fußballbuch sei. Heute sind etwa 15.000 Landsleute mit uns im Stadion – von 80 Millionen Einwohnern. Jetzt fühle ich mich durchaus dazu berufen, mein Werk so zu nennen!
Mein Zeitgefühl kommt mir abhanden. Die Minuten vor Beginn der Partie können im Nachgang nur 10 aber auch 100 gewesen sein.
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Mit noch etwas anderem liebäugelt mein Hirn. Wäre dies nicht der ideale Zeitpunkt, Sylvie zu fragen, ob sie mich heiraten will? Ich hatte ihr 2006, als ich die Fußball-WM daheim nicht erleben durfte, die Pistole auf die Brust gesetzt: Falls jemals eine WM in Brasilien stattfinden sollte, fahren wir hin – ohne Rücksicht auf das, was gerade im Leben ansteht. Wir sind hier! Kann es ein schöneres eingelöstes Versprechen geben? Es soll im Leben eines Mannes ja nur drei Frauen geben, von denen man glaubt, dass es die richtige ist. Ich habe meine eine längst gefunden. Doch was spricht eigentlich dagegen, mit ihr in ewiger Liebe als Traumpaar und beste Freunde durchs Leben ziehen? Erni bringt mich zurück in die Wirklichkeit, denn er brüllt: „Nu ghana losgehen“. Das Spiel geht los!
Schon nach wenigen Ballberührungen herrscht Unruhe im Stadion. Nicht auf dem Platz, sondern im Oberring – direkt gegenüber. Heerscharen von Ordnern sammeln gerade hektisch die Banner unsere Freunde aus Dubaiern, Halle an der Saale und Gladbach ein – so sieht es zumindest aus der Ferne aus. Ein Pfeifkonzert und „FIFA raus“ schallt zu uns hinüber. Dass Zaunfahnen ein elementarer Bestandteil der Fankultur sind, vergessen die Weltverband-Idioten mal wieder, zumal die Sponsoren ja sowieso in einer Art FIFA-Dauerwerbesendung allgegenwärtig sind. Falls auf der Videotafel das Original-TV-Bild übertragen wird, schwenken sie außerdem nur sehr selten in die Fanblocks, was Erni, der permanent in eine Zuschauer-Kamera winkt, augenscheinlich scheiße findet. Unsere Bier-Fahnen wehen weiterhin durch die Arena – ohne Konsequenzen.
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Das Spiel hingegen ist weniger aufregend. Ein Hin- und Her im Mittelfeld und Ghana hat sogar die bessere Spielanlage, weil die Deutschen das Tempo arg verschleppen. Lediglich Kroos serviert gewohnt seine überheblich-eleganten Pässe und auch Özil gefällt mir im Gegensatz zu Götze ganz gut. Im Boateng-Bruderduell gewinnt Jerome gegen Kevin-Prinz jeden Zweikampf. Gute Ansätze, aber Torchancen kann sich Deutschland – im Gegensatz zu den Afrikanern – kaum herausspielen. Sind die echt besser als Portugal?
Auch das Liedgut lässt zu wünschen übrig. Der Klassiker „Deutschland, Deutschland“ ist lautstark zu hören und „Steht auf, wenn Ihr Deutsche seid“, wobei man an den „Sitzenbleibern“ sieht, wie viele Brasilianer im Stadion sind. Die besingen das müde Gekicke mit: „Eu sou brasileiro, com muito orgulho, com muito amor.“ Aus tausenden Kehlen schallt es wie ein Manifest durchs Oval. Sie spielen heute nicht – feiern sich aber selbst, mit großem Stolz und viel Liebe. Zur Pause steht es 0:0.

Wir lassen uns vom Ergebnis die Laune nicht verderben. Unsere Frauen holen die nächste Runde Souvenirs, Jenna fachsimpelt mit mir und Erni klettert vier Reihen hinauf, um sich mit drei Schönheiten fotografieren zu lassen. Die Hübschen halten ein riesiges Plakat in die Höhe: „Jetzt wird wieder geMüllert und geHumeltst“, ist dort zu lesen. Gerade drücken sie meinem Freund einen Fußballball in die Hand, den er hin- und herschwingen soll. Auch sie wollen ins Fernsehen, was nicht gelingen wird, denn in Deutschland läuft momentan sicherlich die „tageschau“ oder FIFA-Werbung. Plötzlich hängen die Zaunfahnen gegenüber wieder. Mal sehen, ob wir wenigstens dieses Duell gewinnen werden.
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Danny und Sylvie kommen mit zehn Brahma-Bechern rechtzeitig zurück, um beim Blick auf die Anzeigetafel fast zeitgleich den legendären Satz zu rufen: „Was ist denn ein Shkodran Mustafi?“ Okay, den Typen kannte ich bisher selbst kaum und nur weil auf der Videoleinwand auch der Name J. Boateng daneben steht, weiß ich, dass er gerade eingewechselt wurde. Schon krass, was für eine multikulturelle Truppe unser Team geworden ist. Schön krass!
Deutschland spielt jetzt auf das gegenüberliegende Tor und es sind erst wenige Minuten gespielt, als Müller von rechts in die Mitte flankt und Mario Götze der Ball irgendwie auf den Kopf und dann ans Knie prallt. Egal – das Ding ist urplötzlich im Netz. Tooor! Mit meinen Freunden vollführe ich den wüstesten Jubel-Pogo unseres Lebens. Sind wir bescheuert, oder was? Nein! Es ist unser Premieren-Tor bei einer Fußball-Weltmeisterschaft. ‚Der Götze ist ja doch nicht so übel‘, denke ich, während ich im Pulk mehrere Treppenstufen hinuntertreibe.
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Als wir uns wieder gefangen haben, flitzt ein mit Filzstift bemalter, bärtiger Typ auf den Rasen. Sylvie zoomt heran und es schaut so aus, als ob der Spinner SS-Runen auf seinem Arschloch-Körper zur Schau stellt. Abführen! Eine Minute später patzt Lahm und Ghana stürmt sofort auf unser Tor zu. Nach einer Flanke köpft Ayew unbedrängt von Shkodran und Per Mertesacker ein. Ausgleich – Scheiße!
Schon in den ersten 10 Minuten der zweiten Halbzeit wurde mehr Herzinfarkt-Risiko erzeugt, als in unserem ganzen WM-Fanleben. Deutschland hängt mächtig in den Seilen & wir kommen eben aus diesem Land. Das macht uns dünnhäutig.
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Danny reißt mich herum: „Das halte ich nicht mehr aus – mach was!“, denn plötzlich entdecken auch die Brasilianer ihr „Coração“ (Herz) für den Außenseiter. „Gana, Gana, Gana“, schallt es durchs Rund und direkt unter uns beschwört ein krass geschminkter Voodoo-Priester seine schwarzen Brüder. Es nun ein wilder Schlagabtausch und es gibt Riesenchancen auf beiden Seiten – doch nur Ghana trifft. Der erste Rückstand bei der WM und ich hoffe sogleich, dass es der letzte sein wird. Torschütze Gyan und der irre Medizinmann im Ghana-Block lassen sich feiern. Die Brasilianer starten eine La-Ola, die (fast) durchs ganze Stadion rollt. Die letzten Minuten kamen mir vor wie im Zeitraffer. Was für ein Drama!
Sylvie schreit mir ins Ohr: „Anscheinend wird Deutschland doch nicht Weltmeister.“ „Nein, scheinbar wird Deutschland nicht Weltmeister“, brülle ich zurück, denn endlich habe ich den Unterschied zwischen den Wörtern kapiert. Der Schein trügt, natürlich holen wir den Titel! Rede ich mir gut zu. Allerdings haben sich die neutralen Fans nun komplett auf die Seite des Gegners gestellt. Es stürmt gerade aber auch nur eine Mannschaft – und das ist Ghana. Atempause. Ecke für Deutschland. Kroos flankt präzise in den Strafraum, Höwedes verlängert geschickt und Klose – gerade erst eingewechselt – staubt ab. Tooor, Salto, Ausgleich – Wahnsinn! Es folgt der wüsteste Jubel-Tanz unseres Lebens. Mehr Glückshormone können nicht durch einen Körper schwappen. Wir kullern im Knäul hinunter bis zum Zaun. Weiter geht es mit völlig irrationalem, unkontrolliertem Offensivfußball von beiden Seiten. Erni reißt mich aus dem Geschehen: „Pixie schreibt gerade, dass Miro den fetten Ronaldo jetzt eingeholt hat“, dabei ist es mir scheißegal, wie viele Tore Klose bei WMs (jetzt 15) macht – Hauptsache er kann sich mal Weltmeister nennen. Ich brülle mit ihm hemmungslos: „Miro Klose! Miro Klose! Miro Klose!“
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Nach einer vergebenen Großchance von Müller endet das Spiel mit 2:2. Der liegt beim Schlusspfiff blutüberströmt am Boden. Aber auch ich bin fix und alle. Noch nie habe ich eine Partie mit solch einer brodelnden Intensität im Stadion verfolgt. Sylvie umarmt mich lange und Danny ruft mir in Jennas Armen liegend zu: „Noch so ein Spiel halte ich definitiv nicht aus.“ Sie spricht mir aus dem Herzen.
Zwei Typen mit schwarz-weiß gestreiften Trikots quatschen uns nach dem Spiel an. Wir wären ja abgegangen, wie sie – Fans aus São Paulo – plappernd sie drauflos. Anscheinend haben sie uns während der Partie beobachtet. Sie spendieren Erni (dem cleveren, geldknappen „Corintians-Fan“) zwei Bier.
Als wir die Arena eine Stunde nach Abpfiff verlassen, versinkt die Sonne gerade in den Häuserschluchten von Fortaleza und hinter dem glitzernden Pazifik. Ich bin noch immer so vollgepumpt mit Adrenalin, dass ich dies zwar wahrnehme, aber gar nicht so richtig zu würdigen weiß. Sonst würde ich in diesem Augenblick heulen.

Wir laufen zurück wie wir gekommen waren. Unterwegs steht mitten auf der Straße ein einsamer Plastikstuhl. Ich muss mich kurz sammeln, ausruhen, wieder zu Kräften kommen und will meinem Herzschlag lauschen. Erni hält den Augenblick inmitten der Massen in einem Bild fest. Es wird das Fußball-Foto – von mir – für die Ewigkeit.
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Zurück in der Stadt entern wir zielsicher ein Kilo-Restaurant. Als erfahrener Brasilen-Reisender erläutert Jenna den Frischlingen, dass sie sich bitte keine Kartoffeln oder sonstigen Beilagen-Quatsch auf die Teller packen sollen, da an der Kasse nur das Gewicht zählt. Fleisch, Würste, Fisch, Krebse, Garnelen und Gemüse im Überfluss gibt es auch für Erni, dem Danny 100 Real geliehen hatte, da sie unsere dummen Sprüche nicht länger ertragen konnte. Im Gegensatz zu mir macht Sylvie das Gelage müde. Sie verzieht sich ins Hotel. Ohne mein Mädchen taumeln wir in ein Konzert auf dem Fanfest. Ein dicker Sänger namens „Pericles“ heizt dort mit dunkelschwarzer Engelsstimme und Bigband in einer Mischung aus Samba-Reggea-Ska den Massen ein. Erni und ich schlagen uns in die vordersten Reihen durch. Dort bemerkt mein Kumpel, dass wir direkt vor der fest installierten Kamera stehen, die alle dreißig Sekunden ins Publikum schwenkt. Er greift mir an die Hose und zieht die DDR-Fahne aus der Schlaufe. Jede halbe Minute lachen wir nun – Tränen.
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Ausschließlich umgeben von krass abgehenden brasilienbraunen Jungs und beinahe barbusigen Schönheiten erschaffen wir ein durch den Zufall inszeniertes Bühnenbild. „Ordem e progresso“ und „Hammer, Sichel und Ehrenkranz“ werden von gut 5.000 Leuten nun alle 30 Sekunden gesehen, während alle dabei in Ekstase zur Musik springen. Brasilien feiert mit den zwei Ossis. Glückswellen durchziehen meinen Körper. Die besten Jahre sind noch lange nicht vorbei. Was für ein perfekter Tag!
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Zum Weiterlesen: 90 Minuten Update
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Ein Schland, ein Schrei – bei Spiegel Online

16. Juni 2014 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Blog, Fußball-WM 2014

OLYMPUS DIGITAL CAMERALangsam fahre ich mit meinem Rad über das historische Pflaster durch einen immer dichter werdenden Menschenpulk. Ich blicke über die Spree und überlege, wie viele dieser Gebäude damals anders hießen oder noch nicht standen. Meine Stadt hatte sich verändert und mit ihr auch die Menschen. Vor mir laufen nun Hunderte aufgeregt plappernde Leute. Fast alle tragen Trikots der Nationalmannschaft, schwenken schwarz-rot-goldene Fahnen und haben sich die Gesichter und Arme “deutsch” bemalt. In Vuvuzelas trötend sind sie auf dem Weg in eine der unzähligen Kneipen mit Flachbildschirmen und Leinwänden oder in die “11-Freunde”-Arena. Heute ist das große Spiel, heute beginnt die Fußball-WM 2010 erst richtig. Heute trifft Deutschland im Achtelfinale auf den Erzrivalen England.

Diesmal trage auch ich das Trikot der Deutschen. Gekauft hatte ich es mir während der WM 2006 und erstmals in Südamerika getragen. Damals hatte ich den Leuten dort zeigen wollen, wo ich herkomme, wo meine Wurzeln sind, wo ich das viele Geld verdient hatte, um durch diesen traumhaft schönen Kontinent zu reisen und vor allem, wem ich die Daumen drückte!

Meine Freunde sitzen schon vor unserer Stammkneipe und albern nervös herum, als ich eintreffe. Wir sind ein bunt zusammengewürfelter Haufen aus Nord und Süd, Ost und West. Erst der Mauerfall hatte viele von uns zusammengebracht und fast alle wissen das sehr zu schätzen. Auch einige, mit denen ich noch vor 20 Jahren auf den Turmsockeln gehockt hatte, sind dabei. Wochen vorher hatten wir die Bänke reservieren müssen und mittlerweile kleben sogar kleine Zettelchen mit unseren Namen auf den Tischen. Durch die Straßen schiebt sich noch immer ein unüberschaubarer Strom schwarz-rot-golden gekleideter Fans.

Meine Stadt erstarrt in angespannter Vorfreude. Ein bisschen Herzklopfen, ein leichtes Aufatmen und ein spürbar wohliges Gefühl im Magen: Das Spiel beginnt.

Dann in der 20. Minute: Langer Abschlag von Neuer direkt in den Lauf von Klose. Er enteilt dem englischen Verteidiger und schiebt – fast im Fallen – den Ball über die Linie. Ein ohrenbetäubender Schrei donnert wie eine Lawine durch die Simon-Dach-Straße. Ein Urschrei, aus Tausenden Kehlen gleichzeitig. An den Häuserwänden hallt das Echo sekundenlang nach. Der grenzenlose Jubel lässt mich freudig erschaudern. Ich schaue auf den Bildschirm. Das dort ist mein Land. Es ist mein Team und auch mein Tor. Es ist mein Schrei!
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