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“Altstoff-Mafia” oder “Müll zu DDR-Mark” – Kindheit in der DDR

12. Mai 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

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Das konnte doch einfach nicht wahr sein! Seit Wochen, nein Monaten wachte ich nun jeden Sonntag gegen 9 Uhr auf, weil irgend so ein Arschloch sein Glas im Hinterhof in den Altglas-Tonnen zerdepperte. Wieder klirrte Glas, doch diesmal reichte es mir und ich sprang auf. Wutentbrannt öffnete ich das Fenster. Ich wollte gerade „Schnauze“ oder „Verpiss dich“ brüllen, als ich meinen Irrtum bemerkte: Es schmiss hier niemand seine leeren Pullen in die Container – es wühlte jemand angestrengt darin herum.

Das Zauberwort, mit dem man in der DDR Flaschen in Kleingeld verwandelte, hieß SERO. Sekundärrohstoffe wie Papier, Gläser, Flaschen, Schrott, Lumpen, Plaste und Elaste gaben die Menschen in den SERO-Sammelstellen ab und erhielten pro Stück oder Kilogramm einige Pfennige dafür. Es hieß, die zahnlosen Leute, die dort arbeiteten, kämen direkt aus dem Knast in Rummelsburg zur Wiedereingliederung zu diesem grauenvollen Job.

In dem alten ausrangierten LKW-Anhänger direkt an der Büschingstraße stank es stets muffig und nach Alkohol. Der Planwagen mit dem SERO-Logo war irgendwann einmal wie ein Fremdkörper zwischen all den zehngeschossigen Hochhäusern mitten auf dem Gehweg abgestellt worden. Unser Mann, Herr Lepro, konnte tatsächlich aus einem Bildband über noch lebende Kinderschänder, Mörder oder Vergewaltiger entsprungen sein. Unrasiert, die Haare klebrig über die Stirn gekämmt und stets übellaunig saß der tätowierte Hüne auf den Stufen der rostigen Treppe, die zu seinem Bauwagen hinaufführten und blickte uns böse an. Er hatte gewisse Ähnlichkeit mit dem Riesen aus der beliebten Kinderserie „Spuk unterm Riesenrad“. Dort stellten sich aber Hexe, Zwerg und auch der Riese schnell als liebenswerte Zeitgenossen heraus. Bei Herrn Lepro war dies nicht der Fall. Der Alkoholgestank im Inneren seines Wagens ging nicht nur von den Hunderten leerer Schnapsflaschen, sondern wohl auch von seinen Atemwegen aus. Seine sozialistische Aufgabe war es, Altstoffe von braven Bürgern gegen Geld anzunehmen und sie in die volkseigene Produktion zurückzuführen.
Vorher war unsere Altstoff-Annahme „jwd“, also „janz weit draußen“ gewesen, und als der Wagen über Nacht plötzlich an dieser Stelle aufgebaut worden war, freuten sich Benny und ich.

Schließlich mussten wir immer Vaters Schnaps- und die bulgarischen Rotweinpullen unserer Mami entsorgen. Mein kleiner Bruder ging jedoch nur wenige Male zum Altstoff-Mann. Klar sah der Typ finster, gemein und hinterhältig aus, aber dass Benny gar nicht mehr einschlafen konnte und Alpträume bekam, wenn er an den Lepro dachte, fand ich ein bisschen übertrieben von dem Kleinen. Na gut: ich hatte Schiss vorm Wäschemann.

Mit seinen dicken Oberarmen stapelte Lepro Papier, Pappe, Schrott und Lumpen bis unters Dach und ließ Flaschen und Gläser in riesige Kisten verschwinden. Da ich nie mitbekam, wann der Wagen geleert wurde, stellte ich mir immer vor, wie Herr Lepro, unser Monster, des Nachts mit riesigen Rucksäcken voller Altstoffe durch Berlin zum zentralen SERO-Hof stiefelte, um sie dort brüllend bei anderen tätowierten Monstern abzuliefern.

Natürlich mussten Altstoffe auch regelmäßig für die Schule gesammelt werden, um die erzielten Erlöse diversen Kindern in Angola, Vietnam und Nicaragua zu schicken. Papier, Schrott und Schnapsflaschen für den Frieden konnten montags ab 7.30 Uhr im Altstoffkeller der Schule abgegeben werden und wurden von den verantwortlichen Schülern in Listen eingetragen – 100 Soli-Punkte brauchte jeder Schüler im Jahr. Wir staunten nicht schlecht, als wir mit einer einzigen großen Fuhre Altpappe, die wir von Bommels Bibliothekars-Mutter geschenkt bekommen hatten, unseren Pionierauftrag des Jahres 1981 übererfüllt hatten. Ab jetzt konnten wir die Sachen also komplett in eigenes Taschengeld umwandeln und schleppten die nächsten Pappen zum Altstoffhändler. Mürrisch drückte uns Herr Lepro zehn Mark in die Kinderhände – jedem! So entstand ein ziemlich ungewöhnliches Hobby für einen Elfjährigen: Altstoffsammeln! Jeder Betrag über zwei Mark war für uns eine unglaubliche Summe und wir hatten durch unseren ersten Zehner Blut geleckt.
Bommel hatte mir von einem Laden in der Torstraße berichtet, der Fußball-Wimpel von allen Oberliga-Mannschaften für acht Mark verkaufte. Als erstes kauften wir uns beide den von Wismut Aue, weil wir die gekreuzten Hämmer und das große „W“ auf lila-weißem Grund so toll fanden.
Wir grasten den kompletten Wohnblock ab, klingelten an jeder Tür und fragten: „Haben Sie Altstoffe?“ Natürlich bekamen wir unsere bunten Stoffbeutel und Netze fast überall prall gefüllt. Viele Leute waren einfach zu faul, die Sachen selbst wegzubringen, und die Menschen soffen zu unserer Überraschung alle so viel wie unsere Väter. In fast jedem Haushalt gab es hinter einem Vorhang eine Abstellnische mit Dutzenden weißer Schnaps- und grüner Weinpullen.

Vor dem fiesen Altstoffhändler Lepro verloren wir langsam unsere Scheu. Wir merkten, dass auch für ihn dieses Geschäft mehr als gut zu laufen schien. Besonders scharf war er auf Zeitschriften, Papier- und Buchlieferungen. Erst Jahre später, als auch ich nach Westzeitschriften, Postern und verbotenen Büchern gierte, wurde mir bewusst, wie viel Kohle der alte Knacki da nebenher gemacht haben musste.
Wir entwickelten eine symbiotische Geschäftsbeziehung. Er bekam seine Westliteratur und wir unsere ostdeutschen Aluminumchips, also DDR-Geld. Wir handelten einmalige Privilegien aus und mussten so nicht mehr die ollen Metall-Ringe an den Flaschenhälsen mit dem verrosteten Schraubenzieher selbst abschlagen, nicht mehr um jedes Gramm Papier feilschen – es wurde auch mal aufgerundet.
An einem kühlen Herbsttag – wir hatten ihn gerade wieder beliefert und abgerechnet – sagte Herr Lepro, dass er noch etwas für uns hätte. Wie immer roch er ein wenig süßlich nach Alkohol, aber seine rot unterlaufenen Augen deuteten so etwas wie ein Leuchten an. Er ging die Treppe hinunter nach draußen vor den Altstoff-Wagen zu einem dunklen Lada, öffnete den Kofferraum und stellte uns grimmig lächelnd einen riesigen selbstgebauten Bollerwagen vor die Füße: „Na, wat sagt ihr nun, Jungs?“ Der wahrscheinlich freundlichste SERO-Mitarbeiter der Welt strahlte.
Mit der neuen Handkarre konnten wir plötzlich viel größere Strecken bewältigen und uns endlich auch in andere Stadtteilecken wagen. Nur ein einziges Mal, in Höhe des Hotel Berolina, trafen wir die wesentlich älteren Jungs der Konkurrenz, die uns deutlich klarmachten, dass wir dort überhaupt nichts zu suchen hatten. Die restlichen, endlosen Häusermeere gehörten uns allein. Vom S-Block bis zum Scheppert-Eck, vom Leninplatz bis zum Märchenbrunnen reichte nun unser Altstoffmonopol.

Wir ließen meine Mutter per Schreibmaschine Zettel schreiben, auf denen stand: „Die jungen Pioniere kommen am: 22.09.1981 zum Altstoffsammeln in Ihr Haus. Bitte stellen Sie Flaschen, Gläser und Altpapier im Müllschluckerraum bereit.“ Auf die Mieter in unserer Gegend war in der Regel Verlass – die Räume waren am gewünschten Tag immer rappelvoll, als hätten sie am Wochenende extra für uns ihre noch halbvollen Pullen ausgesoffen.
An einem kühlen, regnerischen Herbstnachmittag hatten wir geschuftet wie noch nie. Es war die größte und schwerste Altstoff-Ladung zusammengekommen, die jemals in Berlin gesammelt wurde. Unser Wagen war vollkommen überladen und wir mussten beim Transport die gestapelten Papierpakete, Flaschen und Gläser an der Seite festhalten und gleichzeitig mit schier unmenschlicher Kraft ziehen, um das Gefährt in Richtung Altstoffhändler zu bewegen.
Natürlich krachte der Wagen mit einem riesigen Knall ausgerechnet auf der viel befahrenen, vierspurigen Mollstraße auf die Seite. Überall lagen zersplitterte Flaschen Nordhäuser Doppelkorn, kaputte Spreewälder Gurkengläser rollten in Richtung Bordsteinkante und ein dickes Paket gebündelter „Neuer Deutschlands“ fiel auseinander. Und das im Feierabendverkehr.
Schnell bildete sich ein langer Stau wütend hupender Autos. Eigentlich alles kein Problem, doch ausgerechnet meine Mutter hatte das Malheur aus dem Fenster des neunten Stocks beobachtet. Wütend stand sie wenig später mit unserem Besen bewaffnet neben uns und schrie mich an: „Womit habe ich das alles verdient?“ Zum Glück sagte Bommel energisch: „Vielleicht würden Sie uns erst einmal helfen, die Sachen von der Straße zu schaffen, Frau Scheppert.“
Inzwischen hatte sich auf beiden Spuren in Richtung Alex ein langer Stau gebildet. Die widerlich quäkende Trabi-Hupe war aus mehreren Fahrzeugen zu hören. Ein älterer Herr mit Schiebermütze stieg aus dem Wagen und beschimpfte meine Mutter. Eine jüngere Passantin half uns dabei, die überall verstreut liegenden Zeitungen und Bücher, Gläser und Flaschen auf die gegenüberliegende Seite zu schleppen, und eine ältere Dame hantierte wie wild mit unserem Besen herum. Nicht wenige im zweiten Gang vorbeischleichende Wagenbesitzer zeigten uns einen Vogel.

Trotz der vielen Scherben am Straßenrand und einer wirklich mies gelaunten Mutter: Für diese einzige Lieferung bekamen wir genau 96 Mark! Das war Weltrekord, auch für uns, die legendäre
„Altstoff-Mafia“.
Schon mit zwölf hatten Bommel und ich prallgefüllte Sparbücher und die Fußball-Wimpel aller Oberliga-Mannschaften – sogar einige aus der 2. DDR-Liga. Erst mit 14 stellte ich überrascht fest, dass ich mir außer diesen sportlichen Stoffdreiecken davon überhaupt nichts Vernünftiges kaufen konnte. Bei der Währungsunion 1990 waren deshalb noch 1.500 Mark vom damaligen Altstoffgeld übrig, die ich 1:1 in Westgeld umgetauscht bekam – vielen Dank Herr Kohl, Herr Lepro und SERO. Kurz nach dem Mauerfall war der Planwagen so plötzlich verschwunden, wie er gekommen war. Den „Herrn der Altstoffe“ sah ich im Leben nie wieder.

Vor einer Woche war es wieder einmal soweit. In unserer Küche stapelten sich kiloweise Papier, reichlich leere Rotweinflaschen, über 50 Bierpullen und allerlei Plastikgelumpe des Coca-Cola-Konzerns. Seit einigen Jahren hat sich die Mülllandschaft gründlich geändert. Auf fast jedem Hinterhof gibt es mittlerweile Papier- und Flaschencontainer. Selbst Pappe und Plastikwaren können wir trennen und in eine scheinbar grüne Welt zurückbefördern. In den Tonnen meines Hauses wühlt sonntags noch immer diese ältere Frau auf der Suche nach versehentlich entsorgten Bier-, Wasser- und Fantaflaschen.

Doch von mir wird sie leider nichts finden. Ich lud mein Leergut in insgesamt 5 große Tüten und machte mich auf den Weg zu REWE. Dort gibt es keinen hilfsbereiten Herrn Lepro. Ein hochmoderner Automat schluckt das Leergut, sogar ganze Bierkästen. Auf Knopfdruck erhält man am Ende einen Bon und an der Kasse das Pfandgeld. Vor mir und der Maschine standen lediglich zwei andere Leute. Nachdem das junge Mädchen etwa die Hälfte ihrer Flaschen in den rotierenden Automaten gesteckt hatte, blieb das Ding plötzlich stehen. Nichts rührte sich mehr und nach mehrmaligem Ermuntern rief der verpickelte Typ an der Kasse endlich ins Mikrofon: “Herr Egner bitte einmal zum Pfandautomaten.”

Herr Egner ging in den Raum hinter dem Automaten. Da er die Tür hinter sich nicht schloss, konnten wir sehen, dass das riesige Förderband komplett mit leeren Flaschen gefüllt war. Das Faszinierende: Das Band musste so oder so manuell geleert werden, also nicht nur im Fall einer Havarie. Wahrscheinlich war Herr Egner sonst immer in diesem Raum und füllte leere Kästen mit Flaschen, die auf seiner Seite aus dem Automaten kamen. Diesmal brauchte er ca. 20 Minuten bis er Bescheid gab, dass es weitergehen konnte. Entnervt drückte das Mädel irgendwann auf den Bon-Knopf und nickte dem Typen vor mir zu. Der hatte einen riesigen Sack mit verschiedenen Plastikflaschen dabei. Einige dieser Wasserpullen nahm der Automat offenbar nicht an, doch er versuchte verzweifelt, jede einzelne mindestens acht Mal in die Öffnung zu schieben. Dort rotierten diese minutenlang bevor der Automat acht Mal das gleiche Ergebnis anzeigte: Flasche nicht erkannt.

Hinter mir standen mittlerweile sicher 15 Leute und nicht wenige davon hätten den Kerl am liebsten erwürgt, bis dieser endlich seinen Bon zog. Zur Freude aller lief bei mir alles glatt, die Flaschen wurden erst vom Automaten und dahinter von Herrn Egner erkannt, entgegengenommen und wenn nicht, warf ich sie lässig in den Müllcontainer. Nach geschlagenen 30 Minuten Wartezeit hatte ich meinen Zettel über 2,48 € in der Hand. Ich schwor mir, dass ich nie wieder Bier trinken oder zumindest nie wieder Flaschen bei einem Automaten abgeben würde.
An den zweiten Vorsatz habe ich mich bis jetzt gehalten.

Zum Weiterlesen: Mauergewinner oder ein Wessi des Ostens von Mark Scheppert


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Endlich angekommen! – Leben in der DDR

30. Juli 2014 | von | Kategorie: Blog, Mauergewinner Leseproben

Schluss

Kurz vor meinem Geburtstag beschreibe ich heute einmal, wie der “Mauergewinner” entstanden ist. Letztendlich habe ich nach dieser Story vor ein paar Jahren überhaupt erst zu Schreiben begonnen. Gute Entscheidung.
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Mein 37. Geburtstag stand vor der Tür. Kein besonderes Ereignis – weder ein rundes Jahr, noch war gerade irgendetwas Außergewöhnliches passiert. Ich sagte Sylvie, dass ich trotzdem richtig Lust hätte, eine große Party zu geben. Was mir fehlte, war ein pfiffiges Motto. Es sollte mit mir zu tun haben. Aber wer bin ich?

1971 im ostberliner Stadtteil Friedrichshain geboren, habe ich dort tatsächlich mein komplettes bisheriges Leben lang gewohnt. In meiner Stammkneipe in der Wühlischstraße werde ich von den vielen Zugezogenen bestaunt: ein gebürtiger Berliner, Ostberliner und dann auch noch Friedrichshainer! Wahrscheinlich bin ich einer der letzten meiner Art und gleichzeitig ein Vertreter dieser neuen Generation, der heimatlosen Wossis. Wie eine traurige Sorte Klöße: halb und halb.

Ich bin weder Fisch noch Fleisch, weder Ost noch West, nicht gestern, heute oder morgen. Ich habe eine geteilte Vergangenheit mit Eltern, die sich über ihre DDR definieren und Nichten und Neffen, die diese nicht mehr kennen. Ich werde oft danach gefragt, wie es in diesem verschwundenen Land war und wenn ich zu erzählen beginne, wird mir nicht mehr richtig zugehört. Ich versuche zu sein, wie ein Vorzeige-Wessi und drücke noch immer erfolgreichen Ossis besonders die Daumen. Ich sage nie, dass früher alles besser war, aber auch nicht, dass es heute so ist.

Mein Wohnort blieb gleich, doch mein Heimatland wurde ein anderes. Der Mauerfall 1989 war für mich das schönste und wichtigste Ereignis meines Lebens. Von da an verlief es völlig anders als gedacht: keine Nationale Volksarmee, keine “freiwillige” SED-Mitgliedschaft, keine Bude mit Ofenheizung und Außenklo, kein Trabi mit 30, keine dreiwöchigen FKK-Zelturlaube am Ostseestrand, keine Sauregurkenzeit in Konsumläden. Und so weiter und so fort.
Luxus spielt für mich keine Rolle, aber daran gibt es nichts zu rütteln: Der Westen öffnete mir eine prall gefüllte Wundertüte.

Ich konnte die Welt sehen. Ich machte eine einjährige Weltreise und meine Freunde und Bekannten leben weit verstreut, viele sogar in Westdeutschland. Meine Weltkarte an der Wand ist voll mit roten Punkten. Ich bin ein Ossi auf Tour.
Verloren habe ich durch die Wende – nichts. Alte Freunde aus der DDR und meine Familie sind mir weiterhin nah. Ein Jammerossi bin ich nie geworden. Ich denke nicht nostalgisch oder gar “ostalgisch” an mein früheres Leben. Aber ich erinnere mich. An meinen Kindergarten, wo ich wie jeder einen Platz bekam. Ich betrachte mich im FDJ- oder Pionierausweis, denke an unsere “Go-Trabi-Go-Aktion” nach Budapest, an mein erstes Bier im Lager für Arbeit und Erholung und an meine DDR-Jugendweihe, betrachte meine Auszeichnungen aus vergangenen Tagen.
Ich lache bei der Erinnerung an die Diebstähle in diversen Kaufhallen, sinnlose Gruppenratswahlen und einseitige Diskussionen im Staatsbürgerkunde-Unterricht.

Ich habe auch nicht vergessen, dass ich meinen Abiturplatz nur bekam, weil ich mich drei Jahre für die NVA verpflichtet hatte, dass im Wehrerziehungslager bereits die ersten Jungoffiziere und Stasimitarbeiter in spe geschnüffelt haben und vor allem, dass ich keine Hoffnung hatte, jemals nach New York, Sydney und Barcelona zu kommen.
Meine Kindheit und Jugend in der DDR war spannend, aber ich bin unglaublich glücklich, dass das unwirkliche Land, in dem ich meine ersten 18 Jahre verbrachte, nur noch in der Erinnerung existiert.

Mittlerweile wohne ich länger in der Bundesrepublik Deutschland als in der Deutschen Demokratischen Republik. Ich bin mehr Wessi als Ossi. Das wollte ich feiern! Die Gäste auf der Party zu meinem 37. Geburtstag in einer Kleingartenkolonie in Ostberlin: 50 Prozent Ost-, 50 Prozent Westdeutsche.
Ich schaue immer nach vorne und nie zurück. Dachte ich. Doch etwas fehlte in meiner neuen deutschen Biografie und irgendwann merkte ich, was es war. Ich tauchte ein in meine Vergangenheit, hielt alte Urkunden, Zeugnisse und Fotos aus meiner DDR-Zeit in den Händen. Ich wachte eines Nachts sogar auf und dachte geschockt: „Mist, die Mauer steht wieder.“ Am nächsten Morgen musste ich darüber schmunzeln und begann, zunächst nur für mich zu schreiben, ohne Druck und höhere Ziele. Ich erzählte mir meine Geschichte.
Schon Minuten nachdem ich mit diesem Buch begonnen hatte, spürte ich wie mich die Zeilen befreiten, meine Vergangenheit an mir vorbeiflog, die ich soeben verarbeitet hatte.
Als Motto der Party schrieb ich auf die Einladungen: „Endlich angekommen!” Nicht als Frage, sondern mit Ausrufezeichen!

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Was aus meinem DDR-Buch “Mauergewinner” letztendlich geworden ist, kann man hier nachlesen.

Anbei noch ein paar Bilder aus dem Artikel, der damals sogar bei Spiegel-Online erschienen ist:

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Sommergeschichte – Kindheit in der DDR

9. September 2012 | von | Kategorie: Blog

4 Annikas Brüste
Da ja nachweislich noch immer Sommer ist, könnt Ihr hier die passende Geschichte dazu lesen. Sie wurde bereits auf “Spiegel Online” veröffentlicht und ist Bestandteil meines DDR-Romans “Mauergewinner”.

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ANNIKAS BRÜSTE
Wie könnte ich meine Familie realistisch beschreiben? Unsere Lieblingsschallplatte in der Kindheit, die “Geschichtenlieder” von Reinhard Lakomy mit ihren wunderlichen Figuren unter dem “Traumzauberbaum”, bildete uns perfekt ab. Mein Vater wog, solange ich denken kann, mehr als 100 Kilo bei einer Größe von nur 1,69 Metern – wir nannten ihn selten “Vati”, sondern “Kürbis Kugelbauch!” oder einfach nur “Kugel”. Die Mutter hatte proportional gesehen die gleichen Maße – nur eben 20 Kilo und 12 Zentimeter weniger. Im Kinderzimmer wurde sie “Teresa Rundlich” genannt. Wenn wir aber etwas von ihr wollten, dann natürlich auch “Mutti”.

Neben der Fettleibigkeit einiger Familienmitglieder waren wir auch eine sehr prüde Sippe. Das Bad wurde immer von innen verschlossen; Familie Schubert zeigte sich nicht gerne nackt. Seit ich meine Eltern trotzdem einmal zusammen in der Badewanne erwischt hatte, begrüßte ich dies auch. Viel Wasser hatten die beiden für ein randgefülltes Wannenbad nicht gebraucht. Ich stand unter Schock, und es war für lange Zeit das letzte Mal, dass ich eine Frau oben ohne sah. Es gab in meiner Jugend keine Pornofilme, keine Sexshops und Rotlichtviertel, keine sexuell aufgeladenen Schimpfwörter. Aufgeklärt wurde ich zumindest in meinem Kinderzimmer nicht.

Wismar

Brüderchen Benny hatte eine Tendenz zum Hängebauchschwein. Zeit meines Lebens möchte ich im Tierpark Berlin eine Patenschaft für eines dieser Tiere übernehmen und es Benny nennen. Als Kleinster und Jüngster der Familie wurde er “Paule Platsch”, der Regentropfen, gerufen. Mich, den aus der Art geschlagenen langen Lulatsch, der für die Eltern und Benny geradezu ausgezehrt wirken musste, rief vor allem Benny ganz aufgeregt bald nur noch “Springginkel” – so hieß die dürre, mürrische Fadennudel in den Geschichtenliedern. Ich konnte damit leben.

Kirschenpflücken mit Annika

In einem FDGB-Urlaub 1983 mit meinen Eltern und Benny, ich war gerade zwölf, traf ich die zwei Jahre ältere Annika. Mit ihren langen, schlanken Beinen war sie ein bisschen größer als ich, hatte schulterlange braune Haare und kastanienfarbene, leuchtende Augen. Nicht nur wenn sie lächelte, war sie das hübscheste Mädchen, das mir bis dahin begegnet war. Wir spielten zusammen Tischtennis, Karten, rannten um die Wette und saßen am Abend auf der Wiese des Sportplatzes und redeten.

An einem der Urlaubstage meldeten wir uns beide freiwillig zur Kirschernte im Ort, während unsere Eltern gemeinsam auf einen Ausflug fuhren. Obwohl es Geld dafür gab, aßen wir die saftigen Früchte lieber selbst und bewarfen uns lachend damit, während wir auf den Bäumen saßen. Als wir am Nachmittag völlig verschwitzt und rot verklebt in unserer Ferienanlage ankamen, fragte mich Annika, ob wir zusammen duschen wollten. Einfach so platzte sie damit heraus. Ich bekam einen Kopf so rot wie die Kirschflecken auf meinem T-Shirt und suchte eilig das Weite.

Nackt 2

Im Zimmer sank ich auf mein Bett. Ich war furchtbar von mir enttäuscht. Natürlich hätte ich dieses wunderschöne Mädchen gerne nackt gesehen. Von nun an schaute ich ständig neugierig auf ihre gewölbte Bluse und träumte von ihrem sonnengebräunten Körper. Doch in ihrer Nähe war ich nervös, schämte mich und wusste nicht wofür. Annika neckte mich nun ununterbrochen. Sie blinzelte mich übermütig an und flüsterte mir nach jedem gemeinsamen Abendbrot in der Hotelhalle ins Ohr, wie erfrischend doch die Dusche in ihrem geheimnisvollen Zimmer wäre. Doch die Tage vergingen, ohne dass ich es auch nur einmal wagte, auf Annikas unmoralisches Angebot einzugehen.

Ausflug an die Ostsee

Freikörperkultur (FKK) in der DDR ist seit jeher ein Mysterium für mich. Ich kann nicht vernünftig erklären, warum meine Landsleute darauf so sehr abfuhren und sich kein bisschen für ihre Blöße schämten. Meinen Mitmenschen im Westen geht es ähnlich wie mir, denn dort herrscht einerseits ein riesiges Interesse an dem Thema, andererseits schüttelt man verständnislos den Kopf, wenn wieder einmal ein Bericht über die ausgelassenen Ossis ohne Badesachen im Fernsehen läuft.

Am vorletzten Tag unseres Urlaubs kamen Annikas und meine Familie auf die Idee, dass wir einmal gemeinsam an die nicht weit entfernte Ostsee fahren könnten. Was mir allerdings nicht klar war: mit getrennten Autos und an verschiedene Strände. Wir fuhren tatsächlich in einer Kolonne bis zu einem Parkplatz im Wald, stiegen aus und verabschiedeten uns in unterschiedliche Richtungen. Annika rief mir hinterher, dass ich gerne einmal auf ihre Seite kommen könnte. Sie würde sich freuen.

Annikas Eltern bevorzugten den FKK-Bereich, während wir natürlich mit extrem breiten Badehosen im Textilsektor lagen. Dennoch, ich war aufgewühlt und neugierig. Ich wollte unbedingt wissen, wie ein junges Mädchen ohne Bikini aussah. Unsere Strände waren nur 300 Meter voneinander entfernt.

Nackt 4

Mutig beschloss ich, auf der Luftmatratze liegend in Richtung FKK-Strand zu paddeln.

Die Badehose – in der Hand

Vom Wasser aus erkannte ich nach einiger Zeit die großen Schilder, die auf das Ende des Textilbereiches hinwiesen. Ich rollte mich von der Luftmatratze ins tiefe Wasser und zog mir umständlich die blaue Badehose herunter. Die Matratze vor mir herschiebend, schwamm ich zum ersten Mal vollkommen nackt an ein Ostseeufer. Unsicher richtete ich mich auf, die Matratze unter dem Arm und in der anderen Hand die geknüllte Badehose. Beides gab mir ein bisschen Schutz vor den Blicken der anderen Badegäste.

Doch niemand interessierte sich für mich, und schon ein bisschen selbstbewusster suchte ich den Liegeplatz von Annikas Familie. Schon von weitem sah ich, dass Annika, als sie mich kommen sah, zu lachen begann. Unsicher grinsend legte ich mich bäuchlings neben sie in den Sand und blinzelte sie an. Auch ihre Eltern schmunzelten. Dann gingen sie ins Wasser. Annika lag auf dem Rücken, den Kopf auf ihren Arm gestützt und redete nun ganz cool mit mir. Bei jedem ihrer Atemzüge bewegten sich die braungebrannten Brüste ein wenig auf und ab. Mir wurde ganz schwummrig und so starrte ich abwärts zwischen ihre Beine auf die volle, dunkelblonde Schambehaarung. Ich konnte mich schon lange nicht mehr umdrehen. Ich hatte eine Erektion, die sich anfühlte, als hätte sie sich tief in den heißen Ostseesand gebohrt.

Nackt 1

Noch Monate später beulte sich meine Hose bei dem geringsten Gedanken an diesen Strandbesuch aus. Mit dem Maßband aus Mutters Nähkasten überprüfte ich nun ständig meinen Entwicklungsstand. Eines Nachts träumte ich von einer engen dampfenden Dusche in einem sommerlichen FDGB-Heim. Ein neckisch blinzelndes Mädchen mit wunderschönen Brüsten drückte sich eng an mich und griff mir behutsam zwischen die Beine. Ich hatte meinen ersten Orgasmus.

Jahre später

Vor nunmehr zehn Jahren wollte ich meine Freundin Sylvie unbedingt einmal auf den Zeltplatz nach Prerow entführen, dem vielleicht schönsten Ostseestrand auf der Darßer Halbinsel. Kilometerlanger, weißer Sandstrand direkt in den Dünen, Meeresrauschen und heimliches Lagerfeuer am Abend inklusive. Obwohl wir recht früh dort ankamen, waren bereits fast alle Plätze belegt, die Rezeption war voller Urlauber, und wir zogen auch noch eine hohe Wartenummer. Um die Zeit zu überbrücken, tranken wir ein frisch gezapftes, köstliches Rostocker Pils.

Ich dachte an Annika. Sie müsste jetzt 29 sein und war sicherlich eine wahre Strandschönheit mit hunderten Verehrern zu ihren Füßen, die ihre braungebrannten Brüste anstarrten. Seit unserer damaligen Begegnung hatte ich sie nicht mehr gesehen und war nie wieder an einem FKK-Strand gewesen.

Als wir endlich unseren Standplatz genannt bekamen, musste ich lächeln. Ich hatte bereits geahnt, dass der Textilbereich ausgebucht sein würde. Diese Wessis!

Lächelnd blinzelte ich meine FKK-unerprobte Freundin aus Westdeutschland an und sagte: “Glück gehabt. Wir sind im wunderschönen Block H, direkt in den Dünen.” Meine Sylvie tat mir ein bisschen leid, so mitten drin in der großen Gemeinschaft der Nackedeis. Am dritten Tag aber schaute sie zum ersten Mal überrascht auf ihre durchgehende Bräune und meinen fast streifenfreien Hintern. Völlig losgelöst sprangen wir nackt in die tosenden Ostseewellen.

Nackt 3

– Annikas Brüste bei Spiegel Online

Bestellen kann man den “Mauergewinner” natürlich bei amazon.de


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Der Eiserne Ete – Teil 2

11. März 2012 | von | Kategorie: Alles ganz simpel Leseproben, Blog

Foto: Sportverlag Berlin

Foto: Sportverlag Berlin


Lesen Sie im ersten Teil wie die tragische Friedensfahrt 1956 begann.

…wir drückten dem tapferen Kerl, Aurelio Cestari, in diesen Tagen genauso die Daumen wie unserem Täve nach all den Tragödien. Der bekannte Kurort Karlovy Vary war erreicht und die Zuschauer feuerten ihn heißblütig an. Doch plötzlich – etwa 1000 Meter vor dem Ziel – lag der Italiener auf dem Pflaster: die Kette war ihm herausgesprungen. Was für eine unglaubliche Pechsträhne! Obwohl er relativ schnell wieder auf den Beinen war, jagten der Holländer van ten Hof und der Franzose Inquel noch an ihm vorbei. Cestaris „Lohn“ für seine Alleinfahrt war abermals nur der dritte Platz.
Die 10. Etappe brachte keine Veränderungen und alle freuten sich daher auf das 11. Teilstück in die mährische Hauptstadt Brno (Brünn). Sie galt als schwerste Bergetappe der diesjährigen Friedensfahrt und alle ahnten, dass zwei der besten Amateurradsportler der Welt ihr ihren Stempel aufdrücken werden: Gustav Adolf Schur und Aurelio Cestari.

Als nach etwa 50 Kilometern der kleine Ort Vyskytna auftauchte, von wo sich die Straße hoch und steil den Berg hinaufschlängelte, war dies das Signal zum Sturm. Der blonde Täve stieg aus dem Sattel und nur der dunkle Schopf eines Italieners tauchte hinter ihm auf und konnte folgen. Noch waren 125 km zu fahren und einige Fahrer konnten aufschließen. Doch für uns stand schon jetzt fest, dass nur Schur oder Cestari heute gewinnen würden. Dem einen wünschten, dem letzteren gönnten wir es. In den Straßen von Brno ging ein Ruck durch die Spitzengruppe und die beiden konnten sich tatsächlich lösen. Die 60000 Leute im Stadion gerieten schier aus dem Häuschen, als sie erfuhren, wer hier allein dem Ziel entgegen jagte.

Foto: Sportverlag Berlin

Foto: Sportverlag Berlin

Cestari bog auf die Aschenbahn ein, gefolgt von Täve. Wie wild spurtete der Italiener die Gegengerade hinunter, doch Täve kam ein wenig näher. Der Italiener trat jetzt noch schneller in die Pedalen und wurde dabei in der Zielkurve nach außen getragen. Täve erkannte blitzschnell seine Chance und zog innen an ihm vorbei. In einem grandiosen Finish sprintete er als erster über den weißen Zielstreifen und errang seinen dritten Etappensieg in diesem Jahr.

Karl-Marx-Stadt, Karlovy Vary und Brno – zum dritten Mal wurde Cestari der bereits sicher geglaubte Lorbeerkranz entrissen und einem Besseren – einem Glücklicheren – zuteil. Damals schrieb ich für das Deutsche Sportecho die Schlagzeile: „Triumph und Tragik – hauchdünn liegen sie oft beieinander“, aber seit jenem Tag habe ich den Begriff „Tragik“ nur noch sehr selten in Sportberichten verwendet.
Wer bei der Friedensfahrt 1956 am Ende die ersten drei Plätze belegte, kann man nachschlagen. Es waren weder Schur noch Cestari, doch nur diese Namen haben sich im Rückblick auf das Jahr in mein Gehirn gebrannt.

Aber es gab noch einen anderen Mann, der die ganze Härte dieses Sports verkörperte, der stets mit eiserner Disziplin seine Ziele verfolgte und vor dem ein ganzes Land deshalb mit großer Hochachtung sprach: Erich Schulz. An einem herrlichen Julitag 1956 brach deshalb für viele Radsportanhänger in der DDR eine Welt zusammen.

Schon als 15-jähriger trat Erich dem Berliner RV Arminius bei. Ohne vermögende Eltern konnte er sich keine eigene Rennmaschine leisten, doch er hatte eine Vision. Als Botenjunge verdiente er ein paar Mark für den Familienhaushalt dazu und legte Groschen um Groschen davon zurück, bis das Geld endlich für ein gebrauchtes Rennrad reichte. Dieses Rad wurde bald sein Ein und Alles und als blutjunger Anfänger ließ er beim Jahresabschluss der Saison 1930 seine 80 Konkurrenten einfach stehen und verbuchte seinen ersten Sieg.

Foto: Sportverlag Berlin

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Schon im folgenden Jahr fuhr Erich in die Spitzenklasse der deutschen Jugendfahrer hinein und errang die inoffizielle Jugendmeisterschaft. Er trainierte weiterhin eisern und die Erfolge ließen die Fachleute aufhorchen. Sie beschlossen, ihn bei den „Großen“ mittrainieren zu lassen. Die Meistermannschaft von BRV Arminius hatte in Deutschland einen guten Ruf und wer zu ihr gehörte, konnte sich sehen lassen. Das jüngste Mitglied war nunmehr ein schmächtiger, kaum 17 Jahre alter Junge. Im Titelkampf des Jahres 1932 unterlag man zwar knapp den Jungs von Grün-Weiß – aber der vierte Mann im Team hieß bereits Erich Schulz.
Doch offenbar hatten die Trainer ihm zu viel zugemutet, denn der Körper des Jungen war noch nicht richtig entwickelt, um den harten Belastungsproben standzuhalten. Auch hier zeigte sich wieder der starke Charakter des Berliners. Er erkannte, dass eine längere Pause durchaus notwendig war und hielt diese auch durch.
Das Jahr hatte ihm gut getan und 1934 arbeitete er sich mit frischen Kräften schnell wieder in die A-Klasse vor. Große Siege blieben jedoch aus.
Immer wenn er mir später von jenen Jahren erzählte, sagte er, dass es ihm nicht an Kraft und Ausdauer gemangelt habe – sondern am Rennverständnis. Er hatte stets versucht die Entscheidung mit seinen schnellen Beinen zu erzwingen. Erst nach und nach merkte er, dass auch ein kluger Kopf einen guten Straßenfahrer ausmachte. Doch die „Alten“ im Verein erkannten das außergewöhnliche Talent ihres neuen Konkurrenten schnell und so fiel es ihnen nicht im Traum ein, taktische Schliche zu verraten. Erich musste sich dieses Können selbst erarbeiten. Und siehe da: plötzlich stellten sich auch im Männerbereich erste Erfolge ein.

Foto: Sportverlag Berlin

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Doch. Bereits im Jahre 1936 wurde seine viel versprechende Laufbahn von heute auf morgen unterbrochen, denn Erich musste in die Kasernen der Hitlerschen Wehrmacht einrücken. Jung, gesund und voller Lebensmut. Neun Jahre später kehrte er als kranker Mann mit Geschwüren und Magenbluten ins Zivilleben zurück.
An Sport war in den Nachkriegstagen kaum zu denken. Erich besuchte wehmütig die ersten Bahnrennen im Stadion Mitte. Es begann zu kribbeln, wieder einen Rennlenker zwischen die Finger zu bekommen, und bald darauf bastelte er sich eine Rennmaschine zusammen. Allerdings lautete der Rat der Ärzte: „Bei Beschwerden unbedingt wieder aufhören!“ 1947 bestritt er bereits die ersten kleineren Wettkämpfe auf der Bahn. Doch um sein Leiden nicht zu verschlimmern, musste er alsbald zur Kur. 1950 konnte er als geheilter Mann auf das Rennrad steigen. Und er stürmte los. Platz 8 bei Berlin-Leipzig, er gewann die Harzrundfahrt und wurde 3. bei der DDR-Rundfahrt. „Eiserner Ete“ wurde er von nun an überall in der Republik genannt, denn ein jeder kannte seinen Leidensweg.
In den kommenden Jahren fuhr er von Erfolg zu Erfolg, doch im Gegensatz zu seinen Lehrjahren gab der Altmeister die Erfahrungen und Taktiktipps an Jüngere weiter. 1953, bei meiner allerersten Tour, führte er die DDR-Mannschaft als Kapitän zur Friedensfahrt. Eine Knöchelverletzung, die er sich bei einem Sturz zugezogen hatte, war am Ruhetag dick angeschwollen, doch er raunte mir zu: „Laufen kann ich nicht, aber Radfahren“. Er humpelte davon und trat am nächsten Tag wieder in die Pedalen.

Foto: Sportverlag Berlin

Foto: Sportverlag Berlin

Sein letztes Rennen war die DDR-Rundfahrt 1956. Nach seinem Sieg auf der ersten Etappe und beim Mannschaftszeitfahren seiner SV Post stellten sich immense Sitzbeschwerden ein. Er war die Etappe nach Halle mehr oder weniger im Stehen gefahren. Danach reinigte er erst seine Maschine und redete mit jedem Teamkollegen bevor er sich behandeln ließ. Erich war eben ein charakterfester Mensch und der beste Freund seiner Kameraden, der seine Karriere gerne mit dem Sieg dieser Rundfahrt gekrönt hätte.
Am 11. Juli geschah es. Nach 16 Kilometern gab es einen furchtbaren Massensturz auf der Rollsdorfer Höhe kurz hinter Halle. Doch während sich alle wieder erhoben, blieb ein Fahrer liegen und stand nie wieder auf. Ein doppelter Schädelbasisbruch hatte seinem Leben ein Ende gesetzt. Einer der liebenswertesten Menschen und besten Sportler der DDR war mit 42 Jahren von uns gegangen: der eiserne Ete.

Lesen Sie im ersten Teil wie die tragische Friedensfahrt 1956 begann.

Cover Alles ganz Simpel-klein

Zum Weiterlesen: “Alles ganz simpel”

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DDR-Abgesang – Jugend in der DDR

14. Oktober 2011 | von | Kategorie: Blog

b7cd43e5c2050453dc834dc0103e5970_image_document_large_featured_borderlessSeit gestern kann man wieder eine Story aus meinem ersten Werk “Mauergewinner” bei Spiegel Online lesen. Wer das Buch gelesen hat, wird allerdings feststellen, dass die Geschichte stark gekürzt ist.
Auch die Auswahl der Bilder ist nicht sonderlich gelungen, da vor allem das hier abgebildete eher zu meiner Story “Endlich angekommen” gehörte – anläßlich der Party auf der ich feierte, dass ich länger in der Bundesrepublik als in der DDR wohnte.
Außerdem ist die Frau eine gute Freundin aus dem tiefsten Westdeutschland, welche die Ostdevotionalien tatsächlich sehr lustig fand. Insofern passt da die Bildunterschrift nicht ganz.

Wie auch immer, hier gehts zum Artikel bei SPON: Der Herbst der DDR

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Mauergewinner – Kindheit in der DDR

13. August 2011 | von | Kategorie: Blog

IMG_7336Viele ehemalige Westberliner erzählten mir noch lange nach der Wende, dass sie mit der Berliner Mauer auch einige wenige positive Dinge verbanden. Sie gaben mir zwar alle Recht, dass dieses Monstrum 28 Jahre lang für Teilung und Leid, für Verfolgung und Tod stand, doch in einigen Stadteilen sei es damals einfach wesentlich beschaulicher zugegangen. Eine alternative Kiezkultur zerbrach. Dennoch waren wir uns 1989 alle einig gewesen – das Ding musste weg. Sofort!

Schnell hatte man überall ganze Grenzanlagen und Wachtürme gesprengt und die Mauer selbst wurde in kleinen und großen Stücken verscherbelt. Auch der Abschnitt zwischen dem ehemaligen Grenzübergang an der Oberbaumbrücke in Richtung Ostbahnhof wäre fast abgerissen worden. Immer lauter wurden die Rufe, den Grenzwall zu beseitigen und manche schrieben ihren Hass in großen Lettern an die weißen Wände. Nur wenige erhoben damals ihre Stimme, sie als Mahnmal Steingewordener Erinnerung stehen zu lassen. Niemand dachte daran, dass aus Berlin einmal eine Weltstadt werden und dieser geschichtsträchtige Ort Millionen von Touristen anlocken könnte, die dann fragen würden: „Und wo ist die Mauer?“

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Ich beobachtete mit eigenen Augen wie schließlich tausende Liter Farbe den Ruf nach Demontierung übertünchten. Zu lesen war 1990 plötzlich: „Ich habe die Mauer der Schande bemalt. Berlin: Meine Farbe und all meine Zuversicht schenke ich als freier Mann Dir“. 118 Künstler aus 21 Ländern gaben dem hässlichen Steinmonument ein neues, ein buntes Gesicht. Die Bilder vom knutschenden Breschnew mit Honecker oder des Trabis, der die Mauer durchbricht, zogen sofort die Massen an. Der größte noch vorhandene Abschnitt des „antifaschistischen Schutzwalls“ wurde zur längsten und ungewöhnlichsten Mauergalerie der Welt. Ich war regelrecht stolz auf das neue Kunstwerk in „meinem“ Friedrichshain, denn über die „alte Mauer“ konnte ich wahrlich nichts gutes berichten. Lediglich ein einziges Mal…

Die Spartakiaden waren wichtigste sportliche Wettbewerbe für Kinder und Jugendliche der DDR. 1981 ging es nach Schulschluss zum Lasker-Sportplatz in die komplett andere Ecke meines Bezirkes. Ich aß zu Hause noch schnell eine Stulle; in meinen Stoff-Turnbeutel packte ich nur einen Apfel und ein Handtuch, da ich die Sportsachen gleich anzog. Ausgerechnet drei Leute aus der Parallelklasse 4 A waren meine Mitstreiter im Staffellauf. Wir aus der B-Klasse hänselten sie immer mit dem Spruch: „A wie Arschloch, B wie besser“. Matthias, Enrico und Thomas schauten mich schon an der Bushaltestelle, wo wir uns sammelten, abwertend an und riefen „A wie artig, B wie blöde“ zu mir herüber.

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Wir mussten gemeinsam in den Bus am Volkspark Friedrichshain einsteigen und fuhren vorbei am Leninplatz, über die Karl-Marx-Allee und den S-Bahnhof Warschauer Straße in die Persiusstraße. In Höhe des Bahnhofs, als der Bus in die Stralauer Allee einbog, zog diese schier endlos erscheinende weiße Mauer an uns vorbei. Ich kannte diesen Abschnitt. Wir fuhren hier immer mit den Eltern entlang, wenn es in die große weite Welt nach Dresden, Zwickau und Karlovy Vary ging. Es war für mich eine ganz normale Mauer, wie vor einem Kombinat oder einer Militäranlage der NVA und ich wusste lange nicht was sich tatsächlich dahinter befand.
Eine Weile starrte ich aus dem Fenster, und da niemand mit mir sprach, stand ich von meinem Sitz auf und ging hinüber zu unserem Lehrer Herrn Pinka. Ich setzte mich neben ihn und hoffte, dass er mich erkennen würde, aber er beachtete mich nicht. Stattdessen blickte auch er nur verdrossen auf die grauen vorbeiziehenden Häuser. Obwohl ich ihn als recht ehrgeizig und zielstrebig in Erinnerung behalten habe, gab es bei meiner ersten Spartakiade keine taktischen Anweisungen, keine motivierenden Ansprachen im Vorfeld. Wir fuhren einfach nur schweigend eine lange, hohe Mauer entlang, auf dem Weg zum Wettkampf der Besten.
Die Sportanlage war grauenhaft. Eine Vierhundert-Meter-Aschelaufbahn, umrahmt von einem hohen zehnstöckigen Neubaublock, der Straße und einer verfallenen Tribüne aus kaskadenförmig angeordneten Betonsockeln. Jenseits dieser Empore gab es eine ungepflegte Rasenfläche, wo sich die Schüler aus den verschiedenen Schulen sammelten. Unsere Schultrikots bestanden aus einer weißen Turnhose und einem ärmellosen gelben Hemd, auf dem das Emblem der „Käte-Duncker-Oberschule“ aufgenäht war. Ich kenne bis heute kein anderes Sport- oder Fußballteam, das diese grässliche Farbzusammenstellung gewählt hätte. Das einzig Positive für uns Kinder war, dass wir unsere Schulkameraden immer recht schnell im Gewühl wiederfanden und die anderen wussten: „Da kommen die Pfeifen aus der Käthe!”

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Die hundert aufgeregt plappernden Kinder ließen meine Anspannung ins Unermessliche steigen. Ich setzte mich nervös auf den Rasen neben meine mich ignorierenden Kameraden aus der A-Klasse. Dann wurden die Teilnehmer des 4×100-Meter-Laufs aufgefordert, Aufstellung zu nehmen. Als ich an meine Position ging, packte mich das Lampenfieber endgültig. Plötzlich brüllte auch Herr Pinka irgendwelche Dinge, die ich hier hinten wegen des lauten Publikums nicht verstand. Meine Konkurrenten und Mitstreiter an der 3. Stelle lachten mir fies ins Gesicht. Zum Glück waren meine Eltern nicht dabei, dachte ich, denn die Situation war ganz und gar nicht mit den Staffelrennen, die wir untereinander in unserer Schulsporthalle veranstalteten, zu vergleichen. Dort war ich ein strahlender Siegertyp und hier, bei meinem ersten richtigen Wettkampf, ein jämmerlicher Waschlappen.
Ich bekam Magenschmerzen. Als ich auf meine Startposition ging, wurden daraus richtige Krämpfe. Nur ein Pups konnte mich jetzt noch retten. Augenblicklich spürte ich, dass dies keine gute Idee gewesen war. Zeitgleich mit dem krachenden Startschuss hatte ich mir in die Hose gemacht.
Es dauerte etwa dreißig Sekunden, bis Matthias auf Enrico gewechselt hatte, dieser bei mir war und mir schreiend den Stab in die Hand schlug. Irgendwie schaffte ich es, auch in dieser misslichen Lage zu laufen. Ich war sogar schneller als sonst.

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Auf dem vierten Platz hatte ich übernommen und schaffte es tatsächlich auch an dieser Position liegend, an unseren Schlussläufer Thomas zu übergeben. Am Ende wurden wir Fünfte von sechs Staffeln in diesem Vorlauf und schieden wie alle anderen Staffeln unserer Schule aus.
Voller Scham verkroch ich mich in die letzte Ecke. Zum Glück gab es für uns und den frostig dreinschauenden Herrn Pinka heute keine Urkunden und Medaillen. Mir waren diese auch völlig egal geworden, ich wollte nur noch weg. Trotzdem dauerte es gefühlte Stunden, bis ich es endlich geschafft hatte, mich von unserem Lehrer und meinen Mitläufern zu verabschieden. Ich sagte, dass ich noch einen Onkel in dieser Gegend besuchen müsste und war augenblicklich verschwunden. Natürlich konnte ich mit voller Hose nicht mit dem Bus zurück fahren.
Den Tränen nahe, rannte ich einfach drauflos. Bereits nach fünf Minuten merkte ich allerdings, dass ich mich vollkommen verlaufen hatte. Plötzlich stand ich vor dieser riesigen weißen Mauer und wusste nicht, ob ich nach rechts oder links laufen sollte. Ich begann zu heulen, entschied mich für eine Richtung und lief los, immer entlang an dem hohen weißen Ungetüm. Es war „die Mauer“, doch kein Grenzsoldat oder hilfsbereiter Volkspolizist nahm mich, den kleinen, traurigen Jungen, wahr und tröstend in den Arm. Niemand meinte es gut mit mir. Plötzlich erblickte ich den Fernsehturm, und als ich die Jannowitzbrücke erreichte, erkannte ich freudestrahlend den weiteren Weg nach Hause. Ich musste jetzt nur noch rechts in die Straße zum Kino International abbiegen und dann ging es immer geradeaus zur Mollstraße.

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Nach einer dreiviertel Stunde war ich endlich angekommen, zog mich in Windeseile aus, schmiss die Turnhose und meinen Schlüpfer sofort in den Müllschlucker und legte mich in unsere Badewanne. Kein einziger Mensch hatte mein Malheur mitbekommen. Ich war so glücklich, wieder sauber und daheim zu sein und dachte an diese endlose weiße Wand. Sie war mein Wegweiser gewesen, ohne sie hätte ich mich heillos in dieser riesigen Stadt verlaufen. Die Staffel war verloren, doch die Mauer hatte mich nach Hause geführt. Ich war Mauergewinner!

Das 1,3 Kilometer lange Stück steht noch heute. Ich freute mich 2009 über die Restaurierung des denkmalgeschützten Abschnitts – längst weltbekannt als „East Side Gallery“ – denn bis vor zwei Jahren war sie weder weiß noch bunt. Autoabgase von Millionen Fahrzeugen, Regen, Frost und Farbanschläge hatten die Bilder bis zur Unkenntlichkeit entstellt. An vielen Stellen hackten Touristen große Löcher in die Wände, nur um ein Stück Erinnerung mit in die Heimat zu nehmen.

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Wenn ich heute manchmal in die S-Bahn steige, werde ich von aufgeregten Menschen aus England, den USA oder Brasilien gefragt: „Und wo ist die Mauer?“ Mit einem Lächeln deute ich nach links und denke: ‚Vielleicht können sie ihren Kindern ja einmal erzählen, warum und wieso „die“ da steht und damit vieles mehr von einem Abschnitt bedeutender und oftmals sehr trauriger deutscher Geschichte.’
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Die Mauer ist also nicht gänzlich in Berlin verschwunden und besonders hier in Friedrichshain ein großer Touristenmagnet. Sie ist zu unser aller Glück überall passierbar und steht nun in meinen Augen als Sinnbild für grenzenlose Freiheit.

Und verlaufen kann man sich zwischen Oberbaumbrücke und Ostbahnhof noch immer nicht!

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Das Interview

11. Februar 2011 | von | Kategorie: Blog

LindenbergBei der Lesung zum Thema “Stars und Sternchen” habe ich einen Text über ein ganz spezielles Interview vorgetragen.
Erst heute habe ich erfahren, dass Udo Lindenberg am Samstag bei “Wetten dass…?” ausgerechnet in Halle an der Saale auftritt. Zufälle gibt es manchmal…
Hier also der Text…
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Ich muss zugeben: man hatte lange nichts mehr von ihm gehört. Ich will nicht so weit gehen, ihn als Helden meiner Jugend zu bezeichnen, aber – daran komme ich nicht vorbei – er war in jener Zeit ein ganz großer Star. Auf beiden Seiten der Mauer.
Vor kurzem hatte das Musical „Hinterm Horizont“ in Berlin Premiere. Und plötzlich hörte, sah und las man wieder vermehrt vom alten „Panikpräsidenten“. Er gab Interviews, unzählige Artikel wurden geschrieben und im Fernsehen lief eine Dokumentation zu seinem damaligen Auftritt in der DDR.
Und allmählich kamen sie wieder – die Erinnerung an „meinen“ Udo Lindenberg, an eine Zeit, in der ich ausschließlich deutsche Texte verstand und diese dann auch lauthals mitsang. Es war eine Epoche, geprägt von der Angst vor einem nuklearen Inferno, mit einem geteiltem Staat und einer ummauerten Stadt – eine Epoche, die in meinen verschwommen Kindheitserinnerungen, dennoch eine wichtige und unglaublich schöne war.
Ich tauchte also in die Vergangenheit ein und fand ein interessantes Interview, welches Udo im September 1990 – also noch vor der Wiedervereinigung – bei einem Auftritt in Halle an der Saale gegeben hatte.

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Frager: Wie unterscheiden sich die Konzerte, die du in der DDR gibst’s, von denen in Westdeutschland?

Udo: Wir haben ein Riesenrepertoire von ca. 300 Songs und können damit prima Konzerte machen. Da wir das erste Mal in Halle sind, ist ja klar, dass wir auch historische Lieder bringen, zum Teil aktualisiert, mit anderen Texten. Es ist schön, an Stücken herumzubasteln und sie zu verändern, denn dann bleibt Leben drin – und so.

Udo Lindenberg war einmal der deutsche Star. Im Ferienlager sangen wir immer seine Lieder bevor wir einschliefen. „Herr Präsident, ich bin jetzt 10 Jahre alt und ich fürchte mich in diesem Atomraketenwald. Sag mir die Wahrheit, sag mir das jetzt, wofür wird mein Leben aufs Spiel gesetzt?“
Den Song „Wozu sind Kriege da“, kann ich noch heute auswendig und auch sämtliche Textzeilen von „Mädchen aus Ostberlin“ und dem „Sonderzug nach Pankow“ waren damals jedem meiner Freunde bekannt – nicht nur, weil es natürlich verboten war, „Ostberlin“, „Honni“ und „Oberindianer“ zu sagen. Udo sang Deutsch und redete wie wir. Er konnte „Arschloch“ und „Scheiße“ in seinen Texten verwenden und sprach immer aus, was auch viele von uns hinter der Mauer dachten.
Es war daher eines der sieben Weltwunder, dass er 1983 dennoch in die Hauptstadt der DDR in den Palast der Republik eingeladen wurde.

Frager: Die Mauer ist weg und alles hat sich ziemlich schnell entwickelt in Ost- und Westdeutschland. Ist das eigentlich das, was Du gewollt hast?

Udo: Ja, das sieht irgendwie nach einer schnellen Vereinnahmung aus. Die Industrie benutzte die konservative Regierung der Bundesrepublik als Lobby. Das ist eine verkleidete Großverbindungsapparatur. Wie ich das finde und so? Ich finde das riskant, ich habe Bedenken, dass da die Menschen in ziemliche Härtesituationen geraten. Zu kleine Renten und zu wenig Arbeitslosengeld und dennoch, übern Daumen gepeilt ist es gut, dass da etwas in Bewegung geraten ist. Und demnächst haben die Leute ja die Möglichkeit zu wählen. Sie können sich entscheiden zwischen einem Land, das als Solidargemeinschaft funktioniert, in dem darauf geachtet wird, die sozial Schwachen zu schützen oder einer Gesellschaft, in der das höchste Angebot gilt, zur Freude der Industrie und nicht zur Freude vieler Menschen. Und so.

Ich war 12 bei seinem großen Auftritt 1983. Natürlich hatten wir keine Karten bekommen, wir waren ja damals noch nicht einmal in der FDJ, denn es schienen nur Leute mit blauer Bluse, in den großen beleuchteten Saal zu dürfen. Dennoch liefen zwei kleine „Jungs aus Ostberlin“ frohen Mutes zum Palast der Republik die schon immer „träumten von einem Rockfestival auf dem Alexanderplatz mit den Rolling Stones und ner Band aus Moskau“, wie Udo das in einem Song beschrieb. Vielleicht würde es uns gelingen, einen Blick auf unser großes Idol zu erhaschen.

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Frager: Wen würdest Du wählen?

Udo: Ich sage mal klipp und klar, dass ich parteilich nicht so festgelegt bin, aber ich finde bei dem einige gut und dann wieder bei den anderen. Und so.

Es war uns nicht gelungen, Udo Lindenberg vor „Erichs Lampenladen“ zu sehen. Tausende schienen auf die Idee gekommen zu sein. Doch die waren fast alle viel älter und vor allem viel größer als wir und drängelten sich nach vorn. Vor dem Haupteingang herrschte regelrechtes Chaos und als die Staatsmacht schließlich eingriff, hatten wir uns längst auf den Weg zum „Grilletta-Stand“ gegenüber vom Fernsehturm verdrückt und sangen später in der U-Bahn vergnügt: „entschuldigen sie ist dass der Sonderzug nach Pankow. Ich muss da eben mal hin, mal eben nach Ostberlin. Ich muss da was klärn mit Euerm Oberindianer.“

Frager: Was hältst du von der PDS?

Udo: Viele sind ja über Nacht blütenweiße Demokraten geworden, bisschen so, wie das schon paar Mal in Deutschland war, auch über Nacht und so. Und jetzt erleben wir ähnliches, oder?

Die eigentlich geplante Tournee von Udo und seinem Panikorchester wurde nach dem Auftritt im „Palazzo Prozzo“ wieder abgesagt. Er hatte sich nicht so verhalten, wie sich das unsere Staatführung vorgestellt hatte. Doch er hatte für erste Risse in der Mauer gesorgt und spielte, nachdem sie endlich fiel, dann doch noch ein paar Konzerte im meinem Land, bis dieses von der Landkarte verschwand.

Frager: Du wurdest irgendwann mal als Berufsjugendlicher bezeichnet. Wie lange willst du dieser Image noch pflegen?

Udo: Jugend messe ich nicht an einer Zahl der Jahre, sondern an einer Verfassung, in der man sich befindet. Eine Verfassung, die sich auszeichnet durch Neugierigkeit und Beweglichkeit. Und so.

Kurz nach dem Mauerfall hatte ich eine Freundin aus Halle an der Saale und als ich hörte, dass Udo in der Galgenbergsschlucht spielte, wollte ich unbedingt hin, um den großen gesamtdeutschen Star, endlich einmal live zu erleben. Über Vitamin B konnte ich sogar Pressekarten besorgen und machte mich voller Vorfreude auf den Weg.

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Frager: Worauf bist du noch neugierig?

Udo:…Kulturen, Länder und Religionen kennen zulernen, reisen und studieren. Das alles ist ne große Wundertüte. Und ein Land, das einst so fern schien, ist ja die DDR und da gibt es noch viel zu gucken. Und hier werde ich auch als Privatmensch – gut getarnt – öfter mal auftauchen. Und so

Die Karten ermöglichten es mir, ohne großartig Anzustehen durch einen Extraeingang für Presseleute auf das riesige Konzertgelände zu gelangen. Da auf der Bühne noch eine sinnlose Ostband als Vorgruppe spielte, nutzte ich die Zeit und schaute mich etwas genauer um. Was man heutzutage als VIP-Bereich bezeichnen würde, war in jener Zeit ein kleiner, abgesperrter Acker auf denen drei Wohnwagen standen. Einer davon war wesentlich größer und nobler als die anderen. Das musste der von Udo sein. Im Vorfeld hatte ich mir ein kleines Aufnahmegerät besorgt, weil ich Teile des Konzertes heimlich mitschneiden wollte – doch plötzlich hatte ich eine viel bessere Idee.

Frager: Du spielst hier mit verschiedenen DDR-Bands. Welche Chance gibt’s du diesen in nächster Zeit?

Udo: Zurzeit ist die Meinung ja so: Im Westen ist alles geil und im Osten alles Schrott. Die DDR-Bands würden gut daran tun, ihre Einzigartigkeit zu kultivieren und ihre Originalität zu bewahren. Wer in Westdeutschland irgendetwas nachspielt, hat auch keine Chance. Und so.

Zögerlich näherte ich mich dem Nobelwohnwagen, vor dem ein muskelbepackter Typ hockte, und überlegte, was ich sagen könnte. Mit meiner dauergewellten Vokuhila-Frisur, den billigen Jeans und den Turnschuhen zu 29 Mark sah ich tatsächlich ein bisschen aus, wie man sich einen ostdeutscher Reporter in jener Zeit vorstellte. Ich steckte mir eine Cabinett an, nahm das Aufnahmegerät wichtigtuerisch in die Hand, und rief dem Bodyguard zu: „Ich bin von der Presse und will zu Herrn Lindenberg.“

Lindenberg
Frager: Du bist bei verschiedenen Umweltaktionen mit dabei. Zurzeit rollt auf die DDR-Bürger eine unheimlich große Mülllawine der westlichen Verpackungsindustrie zu. Einheit und Umwelt – deine Meinung?

Udo: Ja, in die Elbe wird so viel Müll herein geschmissen, dass kommt dann in Hamburg an und das von uns Produzierte bei euch. Es ist natürlich eine große gemeinsame Aufgabe, die Umwelt sauber zu kriegen. Und so.

Zu meiner großen Überraschung stand der Muskelprotz auf, öffnete die Wagentür und brüllte mir hinterher: „10 Minuten!“. Selbstbewusst lief ich die kleine Treppe empor und betrat das abgedunkelte Wageninnere. Und tatsächlich: da war er. Udo Lindenberg mit Hut und Sonnenbrille, der Mann, der mit „Honni“ leckeren Cognac trinken wollte, saß leibhaftig vor mir schenkte sich gerade etwas Hochprozentiges ein. Meine Knie begannen zu zittern.
Unsicher grinsend lief ich ihm entgegen. Er deutete auf die kleine Couchecke und sagte: „Setz dich doch. Und so.“ Ich stellte das Aufnahmegerät auf den Tisch und sein Nicken schien die Erlaubnis dafür zu sein, dass ich es anschalten durfte. Ganz sachte drückte auf die rote Rekord-Taste.

Frager: Udo, vielen Dank für das Interview und viel Erfolg heute!

Udo: Gern geschehen! Und so.

Bis zur heutigen Lesung habe ich selbst engen Freunden noch nicht von diesem Ereignis berichtet und somit auch nie groß damit angegeben, denn ich habe dieses Gespräch tatsächlich am 7. September 1990, also noch vor der Wiedervereinigung in Halle geführt. Zwei Tage später wurde es sogar in einer bekannten Zeitung abgedruckt. In diesem, meinem, Interview war er der große Star und ich fühlte mich damals tagelang, wie ein kleines Sternchen am Reporterhimmel. Und so.

Lindenberg-Interview

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DDR Weihnachtsgeschenke

9. Dezember 2010 | von | Kategorie: Blog

Halloren
Heute gleich die nächste Frage: Ich habe mir vorgenommen, meiner Westverwandtschaft zu Weihnachten, ein liebevolles “Ostpaket” zu schnüren. Allerdings war ich beim Gang durch die Kaufhalle etwas verwirrt, da es wohl kaum noch (oder für mich nicht zu erkennen) Ostprodukte in den Auslagen gibt. Einfach eine Pulle Rotkäppchen, Cabinet-Zigaretten und ein paar Halloren-Kugel zu schicken, ist ja ein bißchen billig.

Ein paar Anregung habe ich zwar im Spiegel-Artikel Schluss mit Ostalgie gefunden, aber vielleicht habt Ihr ja noch irgendwelche Ideen für mich.

Bitte einfach als Kommentar hinterlassen.

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DDR-Bücher

25. November 2010 | von | Kategorie: Blog

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Es gibt ja zum Glück nicht nur den „Mauergewinner“…

In den letzten Monaten habe ich mir noch das eine oder andere „DDR-Buch“ zugelegt.
Ohne die einzelnen Werke hier großartig beurteilen zu wollen (da mir das sicherlich nicht zusteht) – grundsätzlich fiel mir auf, dass noch immer nicht alles gesagt und erzählt ist.

Anbei eine kleine Auswahl der gelesenen DDR-Bücher (Belletristik):

  • Meine Freie Deusche Jugend von Claudia Rusch
  • DJ-Westradio von Sascha Lange
  • Soundtrack meiner Jugend von Jan Josef Liefers
  • Damals in der DDR von Hans-Hermann Hertle
  • Ost-Berlin von Lutz Rathenow
  • Der Turm von Uwe Tellkamp
  • Boxhagener Platz von Torsten Schulz
  • Mein erstes T-Shirt von Jakob Hein
  • Simple Storys von Ingo Schulze
  • Schlecht Englisch kann ich gut von Bürger Lars Dietrich
  • Am kürzeren Ende der Sonnenallee von Thomas Brussig
  • Geteilte Träume von Robert Ide
  • Haltet euer Herz bereit von Maxim Leo
  • Ich schlage vor, dass wir uns küssen von Rayk Wieland
  • Zonenkinder von Jana Hensel
  • Westbesuch von Jutta Voigt
  • Der Klassenfeind und ich von Barbara Bollwahn
  • Immer wieder Dezember von Susanne Schädlich
  • Kalungas Kind von Stephanie-Lahya Aukongo
  • Falls ihr noch Tipps und Anregungen habt, schreibt bitte einfach einen Kommentar.

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    Lesebühne am 14.10.2010 in Berlin-Friedrichshain

    13. September 2010 | von | Kategorie: Blog

    Palazzo

    Lesung:
    Lesebühne “Die Unerhörten” am 14. Oktober um 20.00 im Café Tasso, Frankfurter Allee 11, Eintritt frei. Thema diesmal: Deutsche Einheit

    Unerhörte Lesung zur Deutschen Einheit

    Die seit einem Jahr existierende Lesebühne “Die Unerhörten” tritt einmal monatlich im Café Tasso (Frankfurter Allee 11) auf und widmet sich jeweils einem anderen Thema. Mittlerweile hat die kleine Lesebühne ein festes Stammpublikum, gilt aber noch als Geheimtipp.
    Am 14.10. (20.00) nehmen sich die fünf Autoren die “Deutsche Einheit” vor. Die Unerhörten haben sich zum Ziel gesetzt, unterhaltsame wie auch anspruchsvolle Kurzgeschichten vorzutragen.

    Es lesen für Sie (in alphabetischer Reihenfolge) :

    Friedhelm Feller, Oliver Mahlke, Ariane Meinzer, Mark Scheppert, Susanne Schmidt, Ralph Trommer

    Cafe Tasso
    Frankfurter Allee 11
    10247 Berlin,
    Beginn: 20.00 Uhr
    Café Tasso

    …mehr Infos hier: Cafe Tasso

    (Ich lese keine Geschichten aus meinem DDR-Buch “Mauergewinner”, sondern etwas Neues)

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