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Leseprobe 2 aus dem Buch “EINHEIT UNNORMAL”

1. Mai 2020 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, EINHEIT UNNORMAL

“… ich war schon lange „angezeckt“ vom extrem maroden Stadion am Heiligengeistfeld, in dem es, wie 1986 bei Union, nach filterlosen Zigaretten, nach verkohlten Salzbrenner-Würsten, fauligem Holz, nach Bier, Pisse, Modder und Schweiß roch. Ich war dort umgeben von schwarz gekleideten Gestalten, Pennern, Mumien, Säufern und Punks – aber auch von etlichen attraktiven Mädchen.

Vor jedem Eckstoß holten sie, wie alle anderen, ihre Schlüssel aus der Tasche. Ein kollektives Klingeln breitete sich dann – von der Gegengerade ausgehend – im Stadion aus. Neben meinen Spezis Kaschi und Steve lernte ich auch all die anderen Verrückten aus Romans Freundeskreis kennen, die eine bedingungslose Fußballleidenschaft verband und die manchmal sogar den Schlüssel einer der Frauen nach dem Spiel vor deren Wohnungstür wieder zu Gesicht bekamen.

Wie durch ein Wunder eroberte das Team am 19. Spieltag, nach einem 2:0 im Rückspiel gegen Hansa, erstmals die Tabellenspitze. Danach folgte eine Achterbahnfahrt mit Siegen, Niederlagen und sechs Unentschieden, doch vor dem letzten Spieltag am 18. Juni 1995 musste nur noch gegen den bereits feststehenden Absteiger aus Homburg gewonnen werden, um in die 1. Bundesliga aufzusteigen.

Nein, es war nicht „meine Saison mit St. Pauli“, denn ich war nicht bei allen Partien dabei gewesen, hatte nicht schon seit Jahren eine Dauerkarte und mein Herz wurde nicht von braunem Blut gespeist. Aber ich war irgendwie mit dabei – auch bei dem Match, zu dem sich 21.000 heißblütige Zuschauer ins Stadion zwängten. Sankt Paulis Hölle bebte damals auch ohne Ultras!

Da es mit der Karten-Versorgung etwas schwieriger gewesen war, standen wir weit verstreut im Rund mit den alten Holztribünen, hatten aber ausgemacht, dass wir uns alle nach Abpfiff am Mittelkreis treffen würden.

Sawitschew, Driller, Pröpper und zweimal Scharping schossen die Mannschaft zu einem ungefährdeten 5:0. Das Millerntor bebte, wie ich es nie zuvor (und danach) erlebt habe. Napoli-Feeling in der Stadt an der Elbe. Alle warteten ungeduldig am Spielfeldrand auf den Schlusspfiff, alle waren vollgepumpt mit Bier und Adrenalin, alle strahlten. Es ging los!

Wie die Bekloppten enterten wir das Spielfeld und jagten die Aufstiegshelden, um ihnen die Klamotten vom Leib zu reißen. Plötzlich erklang die Stimme des Stadionsprechers, der uns anflehte, den Rasen wieder zu verlassen, da das Spiel noch nicht abgepfiffen sei. Scheiß drauf – immer mehr Leute stürmten den heiligen Platz. Letztendlich war es dem Schiri zu verdanken, dass es keine Strafe oder gar ein Wiederholungsspiel gab. Eigentlich hatte er in der 87. Minute auf Strafstoß für St. Pauli entschieden, deutete seine Geste später aber als „Abpfiff“ um.

Wir durften bleiben, lagen uns mit wildfremden Menschen in den Armen und rissen Erinnerungs-Grasnarben aus dem Spielfeld. Filmreife Szenen am Millerntor …”

Zum Weiterlesen:

EINHEIT UNNORMAL

von Mark Scheppert und El Rubio

BoD-Verlag; 128 Seiten; 9,90 €

ISBN: 978-3751967013

Bestellbar z.B. bei AMAZON 
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„11 kleine Union-Geschichten rund um Heim- und Auswärtsspiele einer sagenhaft trinkfesten Truppe namens EINHEIT UNNORMAL von Mitte der 80er bis heute, nicht chronologisch geordnet, dafür unglaublich lustig erzählt. Sehr zu empfehlen“

Christian Arbeit, Stadion- und Pressesprecher 1. FC Union Berlin

Und hier noch Bewegtbilder:

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Touristenfalle – der Tag nach dem Mauerfall 1989

9. November 2019 | von | Kategorie: Blog, Leseproben, Mauergewinner Leseproben

Am 10. Nov. 1989 sitzen wir um 10 Uhr in einer vollbesetzten S-Bahn in Richtung Friedrichstraße. Es ist ein Zug der Verlierer, ein Zug all jener Menschen, die gestern verpennt und sich den ganzen Tag die euphorischen Geschichten der anderen vom Mauerfall haben anhören müssen. Ein unangenehmer Zeitgenosse mit Schnurbart liest die BZ eines bereits „drüben“ gewesenen Kollegen. Die Titelschlagzeile lautet:

Die Mauer ist weg!

JEDER darf ab sofort durch!

Deutschland weint vor Freunde.

Die ersten sind schon da!

Wir reichen uns die Hände!

Otto reicht mir die Hand und sagt: „Jetzt muss ich auch gleich heulen, hab meine Kippen zu Hause vergessen.“ „Scheiße ich habe auch nun noch zwei“, antworte ich.

Am Grenzübergang Invalidenstraße quetschen wir uns rauchend durch kreischende Massen in Marmor-Jeans, rufen ihnen: „Scheiß Ostler“, hinterher und ärgern uns noch immer, dass wir heute mit dem nervigen Mob rüber müssen. Ausgerechnet diesen historischen Augenblick haben wir verschlafen, weil wir uns bis tief in die Nacht den Blindmachern ostdeutscher Spirituosen-Fabrikanten hingegeben hatten.

Als wir den letzten Schlagbaum passieren, geschieht dann aber doch etwas mit mir. Mein Herz beginnt zu hämmern und irgendwann scheint mein Hirn zu realisieren, dass ich mein – mir vertrautes – Heimatland sogleich für immer verlassen werde. Schon bei unserer Rückkehr wird es ein anderes sein.

Ich umarme Otto lange und eine Träne kullert mir die Wange herab, welche ich rasch mit dem Ärmel fortwische. Auch meinem besten Freund ist anscheinend gerade was ins Auge geflogen. Er sagt: „Was ist denn das für ein starker Westwind?“ „Ja, und voll der Smog hier!“, pariere ich. Wir lachen und klatschen mit erhobenen Händen ab.

Nach zwanzig Metern kommt ein etwa dreißig jähriger Typ mit Kamera auf uns zu: „Das war ja echt herzergreifend, euch gerade zu beobachten.“ Er drückt jedem von uns einen 10-D-Mark Schein in die Hand und ruft lächelnd: „Viel Glück!“

An der nächsten Ecke ist ein Zigarettenladen. Wir kaufen uns beide eine erste, echte Camel-Packung und dazu passend ein Camel-Feuerzeug.

„Wenigstens werden wir uns immer daran erinnern, dass wir uns gleich was Sinnvolles gekauft haben“, meint Otto, während er mir Feuer gibt. Ich ziehe und nicke dann beflissen.

Um 11.30 Uhr stehen wir auf dem Bahnsteig des vollkommen überfüllten Lehrter Stadtbahnhofs. Wir warten nun schon seit einer halben Stunde auf die S-Bahn in Richtung Charlottenburg. Otmar ruft genervt: „Scheiß Westen!“, und ich stimme ihm auch hierbei grinsend zu.

In einem Abteil, in dem man aufgrund der Massen nicht umfallen kann, fahren wir an den einzigen Ort, den wir zu kennen scheinen: Zoologischer Garten. Den Bahnhof Zoo, die Gedächtniskirche, den Kurfürstendamm, das Europacenter, den Zoopalast und das KDW müssen wir in der Abendschau im Dritten Programm unterbewusst schon so oft gesehen haben, dass es gar keine andere touristische Alternative gibt. Fast alle anderen Passagiere drücken sich auch aus dem Wagen.

Auf dem Vorplatz begegnen wir einer Sachsen-Horde. „Wie sind die denn so schnell hergekommen?“, fragt Otto. „Mit dem Trabi, nehme ich an“, antworte ich und bin schon jetzt genervt von dem riesigen Menschenauflauf. Besonders vor zwei Banken bilden sich gigantische Schlangen. Die Polizei, eine Feuerwehr-Staffel und diverse Rettungssanitäter sind ebenfalls vor Ort.

„Was gibt’s denn hier?“, fragt Otto einen Kerl. „Na hunnderd Morg grischt heude jeda geschängt!“, antwortet der im tiefsten sächsisch. Wenig später erfahren wir von einem Übersetzer, dass Westberlins Bürgermeister Momper bereits in der Nacht alle Sparkassen und Banken angewiesen hat, dass die Auszahlung von 100 D-Mark Begrüßungsgeld an jeden Ostdeutschen durch Vorlage des DDR-Personalausweises erfolgen soll. Das Geld gab es wohl schon immer, aber da kamen eben nur ein paar Rentner und Privilegierte in den Genuss. Nun sind es Hunderttausende.

Von LKWs werden Zeitungen, Schokoladentafeln, Kaugummis, Seife und Tonnen von grüner Bananen in die sich davor fast prügelnde Meute geworfen und von all den „Freiheitsidioten“ in mitgebrachte Hamster-Dederon-Beutel gestopft.

„Was für eine Touristenfalle“, grummele ich. „Ist wohl eher ’ne Ossifalle! Von der Montagsdemo direkt ins Kaufhaus des Westens“, entgegnet Otto, der sich genauso zu schämen scheint.

Allerdings betrachten auch viele andere Passanten die Szenen mit Abscheu. Wir ahnen, dass der bekannte – uns alle vereinende – Schlachtruf vor dem Mauerfall: „Wir sind das Volk“, seit Stunden keine Bedeutung mehr hat.

Von diesen, dem Konsumrausch unmittelbar verfallenen Menschen möchten wir uns mit aller Kraft distanzieren. Etliche ältere DDR-Bürger benehmen sich, als wären sie hungernde Kinder eines Dritte-Welt-Landes nach einem verheerenden Bürgerkrieg. „Komm lass uns abhauen“, rufe ich.

Die Buchhandlung im Bahnhof wirkt wie ausgestorben. Otto lässt sich auf einem Stadtplan zeigen, wo das „Sound and Drumland“ zu finden ist. Dann verlassen wir den Ort der Schande. Erst um 16 Uhr müssen wir wieder am Wasserklops sein, da wir uns dort mit den anderen Jungs aus der Schule verabredet haben.

Während ich einige Zeit später ganz verloren in dem Laden für Musiker herumstehe, starrt mein Schlagzeuger-Freund mit offenem Mund und leuchtenden Augen eine Stunde lang all die Instrumente an, welche er hier für Westgeld kaufen könnte.

Nach langer Diskussion überzeuge ich ihn, nun auch mal unsere Begrüßungs-Taler abzuholen. Er findet dies hochgradig peinlich. „Aber wir müssen doch auch noch Bier kaufen“, sage ich mit betont ernster Stimme.

In einer fast leeren Deutschen-Bank-Filiale an der Bismarckstraße lassen wir uns die blauen Ausweise abstempeln und sind nach 5 Minuten 100 D-Mark reicher.

„Okay Scheppi, dann gehen wir jetzt aber auch Alk besorgen, bevor wir die anderen treffen“, meint Otto, den mein letztes Argument wohl doch überzeugt hatte.

Gleich ums Eck liegt eine Kaisers-Kaufhalle, deren Warenangebot mich erstmal umhaut und total überfordert, obwohl ich es mir nicht anmerken lasse. Sehr lange bestaune ich das riesige Regal mit den Sektflaschen, in dem nicht – wie bei uns – eine Sorte, sondern 20 verschiedene stehen. „Was ist denn das für eine Verarsche“, schreie ich Otto zu, da ich erst spät realisiere, dass die billigsten Pullen ganz unten in der Auslage versteckt sind. „Sag ich doch, voll die Ossi-Verarsche“, ruft mein Freund, der bereits zwei Flaschen der Marke Faber zu 1.99 DM herausgefingert hat. Wir sind vom Preis begeistert und kaufen letztendlich vier Pullen. Die bunte, kapitalistische Warenwelt lässt uns vergessen, dass wir eigentlich ausgemachte Biertrinker sind.

Zurück am Bahnhof Zoo entdecke ich in dem Auflauf von nunmehr sicherlich 100.000 Menschen mein Bruderherz Benny in der Ferne. Er hört mein Brüllen nicht, da er neue schwarze Kopfhörer auf den Ohren trägt. Ich ahne, dass er keine 5 Minuten gebraucht hat, um am Kudamm sein komplettes Begrüßungsgeld in einen Walkman von Sony zu transferieren.

Mittlerweile hört man überall Einheimische schimpfen, dass die Bahnen, Banken und Geschäfte alle von den Scheiß-Ostlern verstopft werden. Die Stimmung kippt nach nicht einmal einem Tag. Nur die Sachsen singen: „Blühe, deutsches Vaterland“.

Der Mauergewinner

Als wir am weltberühmten Wasserklops – in der Realität ist es lediglich ein hässliches Wasserspiel aus roten Granitblöcken – einen freien Platz suchen, hören wir plötzlich unsere Namen rufen. Matze und Koschi haben sich an der Treppe, welche den Brunnen umgibt, niedergelassen. Vor ihnen stehen mindestens 20 Dosenbier in einem Pappkarton. Koschi kreischt: „Pornos, Nutten, Dosenbier – Helmut Kohl wir danken dir!“. Ich muss zum ersten Mal am heutigen Tag lauthals lachen.

Dann umarme ich die beiden, denn es ist ein verdammt bizarres, unwirkliches Gefühl, jemanden, den man kennt, im „Westen“ zu treffen.

Hinter mir ruft Otto: „Jetzt lasst mal die Schmusereien“, und drückt mir eine der Sektpullen in die Hand. Wir lassen die Korken knallen und spritzen uns dann gegenseitig voll, bevor wir den Flaschenhals zum Mund führen – und die Flüssigkeit sofort wieder ausspucken. „Pfui, was ist das denn für ein Zeug?“ Der Sekt ist warm und unglaublich süß, als bestünde er nur aus stark gezuckertem Sprudelwasser.

„Voll die Touri-Falle, oder? Nehmt euch mal lieber ein lecker Karlsquell“, sagt Matze und wirft mir eine Dose zu, die ich mit einer Hand fange. „Das heißt seit heute Ossi-Falle“, korrigiert ihn Otto und Koschi ergänzt: „Ist mir in der Peep-Show auch schon aufgefallen. Lasst uns mal lieber nach Kreuzberg fahren. Da soll im Kino auch ‚Blaue Strapse‘ laufen. Und außerdem ist es dort, wie man hört, nicht ganz so touristisch.“

‚Richtig‘, denke ich ‚in der Gegend um den Kudamm sollte Tag 1 nach dem Mauerfall wirklich nicht enden.‘

Mehr Mauergeschichten von mir: Mauergewinner oder ein Wessi des Ostens

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El Ossi beim “El Clasico”

30. Oktober 2012 | von | Kategorie: Blog

Ost Panda
Rechtzeitig vor dem nächsten “Clasico” 2012 zwischen Real Madrid und Barça nochmals der Rückblick auf mein Erlebnis im Vorjahr:

“…seit zehn Minuten hört man die Feuerzeuge weit entfernt klicken. Seit zehn Minuten vernimmt man lediglich Seufzer, tief und steil unter uns. Seit zehn Minuten spielt nur noch ein Team – so zauberhaft, dass sie 80.000 Menschen zum Schweigen gebracht haben. Barcelona führt mit 3:1. Ehrfürchtig-staunende Stille im Opernhaus der spanischen Liga. Was für ein Augenblick im Estadio Santiago Bernabéu!…”
Hier kann man den Artikel “Spanien ist das Beste. Zu Besuch beim “El Clasico” weiterlesen!

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Rezi zu “Mauergewinner” aus Warschau/Polen

18. Dezember 2011 | von | Kategorie: Blog, Mauergewinner Leseproben

Alex
In diesem Buch geht es um die Erlebnisse eines jungen DDR-Bürgers, der den Mauerfall mit 18 erlebte und jetzt, 20 Jahre danach, über seine Kindheit und Jugend und die späteren Veränderungen in seinem Leben nachdenkt. Dies tut er in kurzen, spannenden, temporeichen und witzig geschriebenen Geschichten, die einem nicht nur den Alltag von „ganz normalen“ Ostberliner Bürgern, sondern auch die damaligen politischen Hintergründe und deren Auswirkungen auf das (Nicht-)Funktionieren in der damaligen von Volkspolizisten und Stasi-Leuten kontrollierten Gesellschaft auf lebendige Art und Weise näherbringen.
„Mark Scheppert war Landschaftsgärtner, Möbelträger, Sachbearbeiter, Forstmitarbeiter, Erntehelfer, Vertreter, Partyveranstalter, Fahrrad-Kodierer, Handlungsreisender, Lagerverwalter, Postbearbeiter, Anzeigenverkäufer und Küchenhilfe. Und all das fand er wirklich kein bisschen aufregend. Deshalb begann er 2008, nebenher ein paar Zeilen zu schreiben.“ (aus seiner Biographie, Umschlagtext). Sein Blick auf das verschwundene Land DDR ist ihm wirklich gelungen, in zweierlei Hinsicht: erstens erhält der Leser einen ehrlichen Einblick in die damaligen Lebensverhältnisse von Ostberlin – und auch das, was Jugendliche wie der Autor selbst darüber dachten und wie sie als junge Idealisten etwas verändern wollten – und zweitens tut er das in einem lockeren, jugendlichen, umgangssprachlichen Stil, der auch sprachliche Realitäten der Ostberliner zu offenbaren imstande ist.

Namensweihe2

Die DDR hatte Ideale, die sie der ganzen Bevölkerung, insbesondere aber der Jugend einzubläuen versuchte, z.B. der Sport: „Bei den Schul-Spartakiaden gewann ich meine ersten Medaillen (…) Diese Methode, auch die schwächsten und ungelenkigsten Kinder zu motivieren, sorgte dafür, dass ein ganzes Land gerne so gewesen wäre wie seine ehrgeizigen, erfolgshungrigen Spitzenathleten, die der ganzen Welt die Überlegenheit unseres sozialistischen Systems beweisen sollten (S. 87). Fahnenappell, Aufmarsch in der Karl-Marx-Allee, Einführung in die sozialistische Produktion, Jugendweihe, Diebestouren in der „großen Klauhalle“ am Leninplatz (da es keine Kaufhallendetektive gab), Ferien in Prerow auf der Darßer Halbinsel (inklusive Meeresrauschen und Lagerfeuer), vormilitärisches Trainingscamp, Altstoffsammeln der jungen Pioniere waren Teilrealitäten des Lebens, mit dem sich Ossis begnügen mussten.
Der Traum vom Westen, von westlichen Produkten (nur im „Intershop“) oder der Wunsch nach einer Bekanntschaft mit Ausländern schlummerte in vielen: “Zwischen Kindergarten und Abi traf ich jedoch meinen wichtigsten Ausländer: Dejan. Der Diplomatensohn aus Sarajewo war ein Geschenk des Himmels. Er saß ab der 5. Klasse neben mir und wurde mein wichtigster Freund. (…) Erst als er plötzlich (…) aus meinem Leben verschwand, kapierte ich, was mit ihm so alles möglich gewesen wäre: Er hätte mich mal im Kofferraum in den Westen schmuggeln können – und zurück!“ (S. 57). Auch die Versuche, an Westgeld zu kommen, waren meist schon von vornherein zum Scheitern verurteilt. Er versuchte es mit einem Freund als Liftboy in einem Hotel, ohne jedoch jemanden vorher um Erlaubnis zu fragen, ob sie arbeiten dürften. „Polnische Zloty, Russische Rubel und Tschechische Heller flossen in unsere Taschen. Zigaretten wurden uns zugesteckt (…). Doch niemand schmiss uns raus. Die Leute am Empfang (…) schienen uns nicht einmal zu bemerken. Nach zwei Tagen wussten wir auch warum und hatten die Schnauze voll – nicht eine einzige DM landete in unseren Händen. Ich sah enttäuscht auf das osteuropäische Geld und schwor mir, nie wieder betteln zu gehen!“ (S. 153)

FDJ

In der sozialistischen DDR hielt man gewisse Rituale, um die Bevölkerung fühlen zu lassen, dass sie zu manchen Zeiten etwas Besonderes erwarten kann, aber auch, um die Indoktrination immer wieder voranzutreiben. So z.B. bei der Jugendweihe (Weihe – ein sonst nur im religiösen Bereich verwendeter Begriff – man bemerkt hier schon den Anspruch der sozialistischen Weltordnung als Religionsersatz): „Die Feierstunde mit Eltern und Verwandten verlief nach dem gewohnten Muster. (…) Danach rezitierte unser GOL-Schulsekretär Hannes Jungblut die Gedichte ’Für den Frieden der Welt’ (…). Die Festansprache selbst hielt Prof. Dr. Heinz Schmidt, Oberst der Volkspolizei. (…) Endlich bekamen wir die Urkunden, das Geschenkbuch ‘Vom Sinn unseres Lebens’ und unseren Blumenstrauß. Dabei legten wir auch das Gelöbnis ab.“ (S. 166f).
Der Verfasser beschreibt in vielen Einzelheiten, die sich insgesamt wie Mosaiksteinchen zu einem zusammenhängenden Bild fügen lassen, sein Leben, und zwar in dem Land, in dem sich ab 1989 so viel ändern sollte. Er resümiert über diese Zeit: „Zeitgleich mit dem Fall der Mauer haben sich alle diese Dinge komplett verändert. Von einem Tag auf den anderen gab es keine ‘Bückware’ [unter dem Ladentisch verkaufte Ware, Anm. R. U.] mehr. Was das gesamtdeutsche Herz begehrte, stand plötzlich in den Warenhäusern und Supermärkten und später auch günstig und gebraucht im Internet. Auch riesengroße, preiswerte Farbfernseher. (…) Eine Sache finde ich außerdem bemerkenswert. Unmittelbar nach der Wiedervereinigung haben sich ein paar Dinge im Kopf der Menschen verschoben und teilweise sogar grundlegend geändert. Für den gemeinen Ostberliner, aber auch für den Ursprungs-Sachsen, gebürtigen Erfurter oder Schweriner gibt es einen völlig neuen Gegner: den Wessi. Kein Unterschied, ob Kölner, Bayer oder Schwabe – der Westdeutsche ist der große Feind. Punkt.“ (S. 197).

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Dies ist ein spannendes Buch eines normalen Ossi, der keine besonderen Privilegien genossen hatte, der oft unter dem Staat und seinen eigentümlichen Kontrollorganen gelitten hatte und der seit seiner Geburt im gleichen Stadtteil wohnt – nur sein Land und das politische bzw. wirtschaftliche System haben sich geändert: „Der Westen eröffnete mir eine prall gefüllte Wundertüte. Ich konnte die Welt sehen. Ich machte eine einjährige Weltreise (…) Ich bin ein Ossi auf Tour.“ (S. 206). Ein Buch zum Nachdenken, aber auch zum Schmunzeln, denn: Mark Scheppert erzählt direkt und (es klingt) spontan, er verschweigt nichts, auch wenn´s unangenehm wird, er gibt uns (s)einen persönlichen Blick auf den Alltag in der DDR, als ein Jugendlicher, als junger Erwachsener. Und dies macht er mit viel Witz, mit Situationskomik, auf eine Weise, die sicher jeder als unterhaltsam anerkennen muss. Ein äußerst gelungenes Buch, das jeder Ossi und jeder Wessi einmal gelesen haben muss – der Ossi als fruchtbare Reflexion seines eigenen Lebens und der Wessi, um seinen engen, rein westlich-kapitalistisch gefärbten (Erlebnis-)Horizont endlich einmal zu erweitern.

Dr. Reinhold Utri, veröffentlicht im Arbeitsbereich Linguistik Warschau/Polen

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Wer erkennt Sie?

2. Mai 2010 | von | Kategorie: Blog

Griechenland-Jungs In meinem letzten Artikel auf Spiegel Online hatte ich ja über zwei coole Jungs aus Bayern berichtet. Erkennt sie vielleicht jemand (vorn sitzend) auf diesem Bild? Es würde mich interessieren, was aus Ihnen geworden ist. Grüße Mark

Hier gehts zum Spiegel Artikel: “Nie wieder Drachmen”

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Verlosung Mauergewinner 2010

1. Februar 2010 | von | Kategorie: Blog

In Zusammenarbeit mit Bookrix werden gerade 5 Exemplare meines Buches “Mauergewinner oder ein Wessi des Ostens” innerhalb eines Gewinnspiels verlost. Einfach anmelden, mitmachen, oder das Buch lieber doch gleich kaufen…

BookRix ist die erste Bookunity – ein Internetportal auf dem jeder seine geschriebenen Bücher, Kurzgeschichten, Gedichte etc. wie ein richtiges Buch gestalten, im Netz veröffentlichen, promoten und an Freunde verschicken kann.

Hier gehts zum Buch – einfach anklicken:

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