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Ausfahrt ins Dynamo-Dresden-Land – Kindheit in der DDR

3. März 2015 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

Dynamo Anfang August 1971 standen eine hübsche Frau aus Sachsen und ein junger Mann aus Sachsen-Anhalt glücklich vor der Notversorgungsanlage im Krankenhaus in Berlin-Mitte und schauten auf ein komisch gefärbtes Kind. Eine Woche musste ich dort als das “blaue Baby” im Sauerstoffzelt liegen, weil ich mir die Nabelschnur um den Hals gewickelt hatte. In meinem Ausweis steht als Geburtsort Berlin, tatsächlich aber bin ich ein sächsisch-anhaltinischer Berlin-Mischling. Pfui!

Im Kindergarten, spätestens jedoch in den ersten Schuljahren lernten wir Kinder eines: Berliner sind die Allergrößten, und besonders Sachsen sind das genaue Gegenteil. Bereits mit sieben Jahren lagen wir vor Lachen im Dreck, als wir erfuhren, dass “Nuklear” auf Sächsisch “Na klar” heißt. Die Sachsen konnte man einfach nicht ernst nehmen. Komisch sprechende Menschen aus Bayern und Schwaben waren durch den Mauerbau in Vergessenheit geraten. In der DDR war es ein ungeschriebenes Gesetz, dass Sachsen in Berlin nicht besonders willkommen waren – und umgekehrt. Punkt.

Das Hauptziel des Spottes war Dresden. Ein Berliner Spruch zeugt von der besonderen Wertschätzung der Stadt an der Elbe: “Wie kommt man am schnellsten von Berlin nach Dresden? – Da steckst du einfach den Finger in den Arsch und dresden (drehst ihn).”
Wimpel Dynamo

Über diverse Informanten und Kanäle hatte mein Vater eines Tages erfahren, dass Dresden der einzige Ort zwischen Rügen und Fichtelgebirge war, wo es noch einen neuen RFT-Farbfernseher zu kaufen gab – wenn auch nur nach vorheriger telefonischer Anmeldung. Keine Ahnung, wie er es geschafft hatte, einen Tag frei zu bekommen. Unsere Mutter wusste jedenfalls nichts von seiner geplanten Fahrt. Eine Überraschung bahnte sich an.
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Welche Farbe hat Colt Seavers’ Wagen?

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Ich hatte natürlich gesagt, dass ich mitkomme. Mit 13 Jahren lernte ich endlich die schlechteste Autobahn der Republik kennen. Die holprige Fahrt nach Dresden war kein Zuckerschlecken. Tempo 100 war bei dem Zustand der Straße eigentlich kaum möglich, und kurz hinter Berlin versuchte ich verzweifelt, einen Westsender im kleinen Radio des Trabis hereinzubekommen. Ich drehte und drehte an dem kleinen Knopf, es gelang mir nicht.

So redeten Vater und ich den Rest der Fahrt ohne Musik über die völlig neuen Möglichkeiten, die sich uns erschließen würden, wenn wir erst mal das Farbfernsehgerät im Wohnzimmer aufgebaut hätten.

Es gäbe die “Sportschau” mit grünem Rasen, und wir könnten endlich die Mannschaften richtig unterscheiden. Blaues Wasser bei der Schwimm-WM mit Kristin Otto, kein grauer Schnee bei der Vierschanzentournee mit Weißflog, Nykänen, Züchner und Co., bunte Westprodukte in den Werbepausen und wir würden endlich die Farbe von Colt Seavers’ Auto erfahren. Bei alten Schwarzweißfilmen würden wir wegschalten.
Ball2

Als wir nach Dresden hineinfuhren, wunderte ich mich, wie grau und farblos die Stadt wirkte. Fast könnte man sagen: schwarzweiß. Wir kurvten kreuz und quer durch die Straßen. Natürlich hatten wir keinen Stadtplan, und so hielt Vater an jeder zweiten Kreuzung, wo ich die Einheimischen nach dem Weg fragen sollte. Leider verstand ich kein Wort in dieser komischen Sprache, und wir folgten einfach den Armbewegungen.
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Geheimverhandlungen
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Nachdem wir endlich den Laden in einem schäbigen Hinterhof gefunden hatten, sollte ich im Auto warten, denn Vater wollte die Verhandlungen allein führen. Ich malte mir aus, wie er unsere Datsche, den Trabi oder sonst was verpfändete, um diesen wertvollen Farbfernsehapparat zu bekommen. Sicher war zumindest, dass er eine hohe Summe schwarz zahlen würde, da ich sonst ja hätte mitkommen dürfen. Keine Zeugen!

Nach einer halben Stunde winkte er mich aufgeregt herein. Eine riesige Kiste stand auf dem Verkaufstresen – und mein Vater lächelte mich an. Dass ich mir keinen Leistenbruch zuzog, ist ein Wunder, denn das Ding wog ungefähr eine Tonne. In der DDR war es oft so: Was viel wog, war sehr teuer, stand aber auch für Qualität. Insgeheim hoffte ich für den Familienfrieden, dass Vater wirklich nur die 4500 Mark geblecht hatte, die er nannte. Wir klatschten uns ab und fuhren los. Keine Zeit für eine Stadtbesichtigung oder sonstigen Quatsch. Ab nach Hause ins farbenfrohe Berlin!

Mein zweiter Ausflug in die Stadt des berühmten Weihnachtsstollens verlief anfangs ganz ähnlich. Mein Vater rief von der Arbeit zu Hause an: “Marko, hast du heute Lust, mit nach Dresden zu kommen? Ich hab noch eine Karte für das Spiel.” – “Nuklear!”, brüllte ich in den Hörer. Ja, hatte ich! Am Nachmittag saß ich mit Vater und drei seiner Kollegen in einem Wartburg; die Straßen waren unverändert schlecht, und das Radio spielte keine Westhits. Ich saß hinten in der Mitte, und der Typ neben mir stank widerlich aus dem Mund. Der andere trank ein Bier nach dem anderen, und wir mussten seinetwegen dreimal zum Pinkeln halten.

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Es ging um viel
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Aber immerhin: Es ging zum Halbfinale des Uefa-Cups zwischen Dynamo Dresden und dem VFB Stuttgart – das war es allemal wert! Ich war jetzt 17, und auf der Karte stand: Stehplatz Erwachsene 15,10 M.

Natürlich hatte Vater die Karten über “Vitamin B” – B wie Beziehungen – bekommen, und die echten Dresdner Fans, für die es keine mehr im Vorverkauf gab, dürften uns dafür gehasst haben. Bereits 50 Kilometer vor der Stadt leuchteten die ersten schwarz-gelben Farben. Viele Leute ließen ihre Schals aus dem Auto flattern und fieberten wie ich dem Spiel gegen Jürgen Klinsmann und Co. entgegen.

Für die Dresdner ging es dabei um viel. Sie vertraten den Osten gegen den Westen, DDR gegen Bundesrepublik und gleichzeitig inoffiziell die immerwährende Schlacht der Sachsen gegen den Stasi-Verein BFC aus der Hauptstadt. Hier wurde vor aller Augen und den ARD-Kameras ein Exempel statuiert, das zeigen sollte, dass Dynamo Dresden nicht nur die beste Mannschaft der DDR war, sondern auch das Team mit den fanatischsten Fans der ganzen Republik.
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Ich konnte es nicht glauben
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Als wir um 17.30 Uhr vor dem Stadion ankamen, wunderten wir uns noch, weshalb hier so wenig los war. Doch als wir die Gänge ins Innere betraten, sahen wir, dass die Ränge bereits randvoll gefüllt waren. Wie in fast allen Meisterschaftsspielen auch, waren die Dynamos bis auf den letzten Platz ausverkauft. Das heutige Spiel sollte um 20 Uhr beginnen und schon jetzt, zweieinhalb Stunden vorher, waren 36.000 heißblütige Sachsen im Stadion! Schnell kamen wir mit einigen der äußerst freundlichen Jungs ins Gespräch.

Um 19 Uhr begann ein Vorprogramm, wie ich es noch nie im DDR-Fußball erlebt hatte. Die Leute erhoben sich, als der Stadionsprecher mit dem Glücksschwein Eschi ins Stadion einfuhr. Unter Jubel wurde ein Tandemrennen ehemaliger DDR-Sportler angekündigt. Plötzlich fuhren Jens Weisflog, Olaf Ludwig und Kristin Otto an uns vorbei – natürlich in Begleitung zweier lauter Dixielandgruppen. Altbekannte Größen des DDR-Fußballs brachten große Blumensträuße für die möglichen Dresdner Torschützen und spielten danach Fußball-Tennis hinter den Toren.
VB
Ich konnte gar nicht glauben, was hier abging, und als der Stadionsprecher das Sachsenlied ankündigte, verstanden wir unser eigenes Wort nicht mehr. Aus fast 36.000, jetzt schon heiseren Kehlen, erklang das berühmte: “Sing, mein Sachse, sing”. Die beiden Mannschaften versanken beim Einlaufen im schwarz-gelben Fahnenmeer. Ich erkannte Jürgen Klinsmann, der gerade in diesem Moment in unseren Block schaute und genau mich anlächelte. Im April 1989 jubelte ihm in Dresden noch niemand zu.
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Im Hexenkessel
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Neben mir brüllten die Fans aufgeregt unverständliches, sächsisches Zeug. Zum ersten Mal verstand ich, was mit einem “Hexenkessel” gemeint war. Ich stand in unserem Block D mittendrin. “Obseids!” (Abseits) verstand ich, als Guido Buchwald den Ball ins Aus schlug. Der Schiri schüttelte den Kopf, und ich brüllte zusammen mit Tausenden anderen Menschen “Nuklear, Obseids!” ins Stadionrund. Das Spiel war aufregend, es ging hin und her. Am Ende bedeutete das 1:1 jedoch, dass Dynamo Dresden ausgeschieden war.

An den Ausgängen zwängten sich die enttäuschten Massen durch ein viel zu schmales, rostiges Eisentor. Vater schob mich vor sich her, doch ich bekam immer weniger Luft. Zu groß war der Druck der Menschenmenge, so groß, dass ich immer mehr zusammengequetscht wurde. Ich dachte plötzlich an die vielen vor kurzem zu Tode gedrückten Menschen beim Fußballspiel in Sheffield. Ich hatte jetzt keine Kontrolle mehr, wohin ich trieb, die Menge schob mich hierhin und dorthin. Jeder versuchte jetzt nur noch, auf den Beinen zu bleiben.
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Ich wurde irgendwann an eine hohe Mauer gedrückt und konnte mich keinen Millimeter mehr bewegen. Mit weit aufgerissenen Augen schaute ich zu meinem Vater. Später erzählte er mir, dass mein Gesicht schon blau angelaufen war. Ich weiß nicht, ob das wirklich stimmte, doch auf einmal brüllte er etwas nach oben, über mich hinweg. Ich konnte den Kopf nicht drehen und wusste nicht, was dort los war. Plötzlich packte eine Hand von oberhalb der Mauer meinen Arm und zog mich aus den immer stärker nachdrückenden Massen hinauf.

Erst vor dem Stadiontor traf ich, schockiert und noch immer schweratmend, meinen besorgten Vater wieder. Glücklich nahmen wir uns zum erstem Mal in unserem Leben in die Arme und fuhren schweigend auf der holprigen Autobahn durch die Nacht.

Das Halbfinale des Uefa-Cups war mein bestes Fußballerlebnis in der DDR gewesen – und am Ende hatte sogar noch ein Dresdner dem ehemals blauen Berliner Baby das Leben gerettet!
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Zum Nachlesen bei Spiegel Online
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Zum Weiterlesen: Mauergewinner koofen
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Auf Tante Käthe

30. November 2014 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Blog

FreiheitIn einer unglaublich kurzen Zeit hatten wir ausgerechnet dem Erzfeind etwas ganz Wichtiges beigebracht. Ich sehe nur in glückliche, freudestrahlende Gesichter. Allein dafür haben sich die Strapazen gelohnt!

Der „Camino Inka“ ist die Gesamtheit der angelegten Straßen und Wege, welche die Inka in ihrer Herrschaftszeit in Südamerika errichtet hatten. Das bekannteste Teilstück und zugleich Südamerikas berühmteste Wanderung befindet sich in Peru.
Von Cusco mit dem Zug kommend, ist der „Inka Trail“ zwischen Kilometer 88 und der Ruinenstadt Machu Picchu eine 4-Tagestour für wagemutige Entdecker; zwischen Kilometer 104 und dem „Alten Gipfel“, etwas für Leute mit weniger Zeit und Ausdauer. Alle Weicheier fahren mit dem Zug bis zur Endstation.
Melli und Doro hatten uns noch in der Heimat erzählt, dass dieser Weg das absolute Highlight ihre Südamerikatour gewesen war. Atemberaubende Pässe, spektakuläre Blicke auf die schneebedeckten Berge und Schluchten, umgeben vom satten Grün des tropischen Regenwaldes. Ein einmaliges, wenn auch sehr anstrengendes Erlebnis, auf Höhen von bis zu 4200 Metern. Das Bild, das die kleine Doro vom vierten Tag gezeichnet hatte, werde ich nie vergessen. Als sie die letzte steinige Anhöhe überquert hatten, sämtliche Knochen des Körpers und die vielen Blasen an den Füßen schmerzten, tauchte plötzlich, im Nebel verhangen, diese verwunschene Inkastadt am Horizont auf. Sie hatte sich hinsetzen müssen und minutenlang geweint. Vor Freude, Erleichterung und vor Glück.
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Unsere Truppe gehört – obwohl sie den Weg ursprünglich mal eben kurz abspazieren wollte – zur Kategorie der „feinen Herren“, die gemütlich bis an den Fuß der Ruinenstadt gondelt, sich bei Kilometer 106 das erste Fahrtbier aufmacht und „Auf Tante Käthe“ brüllt. Rudi Völler hatte vor einigen Wochen Erich Ribbeck – diese Oberpfeife – als Teamchef abgelöst. Ein Tal der Tragödien ist durchwandert.
Gut gelaunt erreichen wir den Souvenirladen-Ort Aquas Calientes und ohne Blessuren checken wir im „Gringo Bill´s“ am Fuße des Tränen auslösenden Bauwerks ein. Göte, Jenna und Matze sitzen auf der großzügigen Terrasse und prosten den umliegenden Eumeln zu. Mit zwei Herrenhandtaschen „Cerveza Cusqueña“ geselle ich mich dazu und mache den Jungs klar, dass ich morgen die restlichen 1,5 Kilometer nach Machu Picchu bergauf laufen möchte, um wenigstens einen kleinen magischen Moment zu erleben. „Warum nicht Scheppert, aber gib mir erstmal ’ne neue Suppe rüber“, antwortet Göte in seinem typischen Meckerton.
Gegen Mittag beginnen wir mit dem Aufstieg. Es ist heute ungewöhnlich heiß für die Jahreszeit – bei maximaler Luftfeuchtigkeit – sodass wir nach gefühlten zwölf Metern durchgeschwitzt sind. Da ich den Reiseführer etwas genauer studiert habe, erzähle ich den anderen lieber nicht, dass nun noch etwa 600 Höhenmeter auf uns warten. Doch noch ist die Stimmung gut und wir haben vier Bier dabei. An einem kleinen Fluss, nach 74 gelaufenen Metern, ist es fast alle. „Auf Tante Käthe“, rufen wir und lassen die Flaschen ein letztes Mal gegeneinander scheppern.
Schnell pendelt sich auf dem engen, serpentinenartigen Weg eine Reihenfolge ein, die in etwa unserem Zigarettenkonsum entspricht. Matze an der Spitze, dicht gefolgt von mir, dann kommt Göte und schon bald entschwindet Jenna aus unserem Sichtfeld, der selbst zu diesem Kurzausflug – zur Sicherheit – zwei Schachteln rote Marlboro mitgenommen hatte. Der steile Aufstieg wird schnell zur Qual und selbst ich bereue schon nach kürzester Zeit, dass wir uns nicht mit einem der schicken Busse hoch chauffieren lassen haben. Nur wenn man gelegentlich die asphaltierte Straße kreuzt, die sich hier parallel hoch schlängelt, wird es ein bisschen flacher. Die engen Jeans kleben am Körper und Schweiß läuft eimerweise in meine Doc Martens.
Bier Aufstieg
Ich finde eine Astgabel am Wegesrand und nutze sie als Wanderstock. Mittlerweile sehe ich weder vor noch hinter mir einen meiner Freunde und überlege kurz, ob man nicht vielleicht doch aus den kleinen braunen Pfützen, Wasser trinken könne. Obwohl ich wahrscheinlich gerade einmal die Hälfte der Strecke zurückgelegt habe, hoffe ich vor jeder Biegung sehnsüchtig, dass dieses sagenumwobene Machu Picchu endlich vor mir erscheint. Warum in aller Welt haben sich die Inkas bloß hier oben angesiedelt? Erschöpft lasse ich mich auf einem Stein nieder und nehme den Kopf zwischen die Hände. Ich kann nicht mehr und bräuchte Wasser.
Plötzlich höre ich oberhalb des Weges lautes Geschrei. Es ist Englisch, ich verstehe irgendwas von „Stopp“ und „Dieb“ und sehe, wie jemand im Affenzahn auf mich zu gerast kommt. Ich versuche aufzustehen, indem ich meinen Krückstock nach vorne in den Boden ramme, um mich daran hoch zu ziehen, als genau in diesem Moment, jemand über meine Astgabel segelt. „Oh sorry“, rufe ich ernsthaft bestürzt und sehe, wie sich ein etwa 10jähriger Junge in zwölf Metern Entfernung wieder aufrappelt. Ängstlich schaut er mich mit schwarzen Knopfaugen an, scheint kurz etwas zu überlegen und spurtet dann im Höllentempo weiter den Berg hinab. Als ich mich noch über die komische Szene wundere, kommt jemand deutlich langsamer den Pfad hinunter gelaufen. Der dickliche, europäische Typ schwitzt, als habe er gerade einen Marathon hinter sich. Atemlos fragt er: “Did you see the guy with the handbag?”
Irritiert schaue ich ihn an. Den Jungen ja, aber was für eine Handtasche? Doch scheinbar gleichzeitig sehen wir etwas an einem Baumstamm liegen, was dort augenscheinlich nicht hingehört. Wir laufen hinunter und tatsächlich, dort liegt eine alte, rosafarbene Henkel-Handtasche, wie sie vielleicht in den 70igern modern gewesen war. Bedeutungsschwer nickt er mir zu und gratuliert zur vermeintlichen Mithilfe. Ich verstehe noch immer nur Bahnhof, während er, umständlich das speckige Ding aus Kunstleder öffnet. Sichtlich enttäuscht schaut er mich an und holt eine Fünf-Dollar-Note heraus. Trotz weiteren Kramens und Schüttelns – mehr scheint da nicht drin zu sein. Interesse heuchelnd frage ich ihn, was eigentlich passiert wäre. Er erklärt mir, dass er sofort, als ihm der kleine Junge entgegen gerannt kam, bemerkt hatte, dass diese auffallend pinke Damenhandtasche nicht zu seinem jetzigen Besitzer gehören könne und war ihm hinterher gerannt. Er scheint zu erwarten, dass ich ihn nun in den höchsten Tönen für seine britische Spürnase loben werde, doch ich frage nur: „Do you have water?“
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In großen Zügen trinke ich das beste lauwarme Wasser meines bisherigen Lebens. Er packt die Tasche in seinen Rucksack und gemeinsam laufen wir dem Gipfel entgegen. Gary aus Sheffield reist allein. Er erzählt mir von seiner Heimatstadt, seinem Job als Lehrer und seinem Lieblingsverein „Sheffield Wednesday“. Er verwendet dabei ziemlich oft das Wort „Fuck“ – nicht nur weil sein Club diese Saison gerade abgestiegen war.

Es gibt eigentlich nur noch wenige Situationen, die mich daran erinnern, dass ich in der DDR geboren wurde. Dies ist eine davon. Ich kann bis heute nicht verstehen, warum zwischen Engländern und Deutschen eine derartige Fußball-Feindschaft existiert. Auf fast all meinen Reisen nach dem Mauerfall hatte ich äußerst humorvolle Menschen von der Insel kennen gelernt und mich oft darüber geärgert, dass diese mir immer mit großer Skepsis entgegen getreten waren. Über Generationen hatten sich Vorurteile und Klischees in den Köpfen beider Seiten zementiert. Doch schon längst beteilige auch ich mich an Diskussionen über das „Wembleytor“ und erwähne gerne mal tragische Partien der englischen Fußballhistorie. Ich bin ein kleines Rädchen in diesem Getriebe geworden. Dennoch, ich mag den Typen sofort und erzähle ihm, dass ich 1995 einmal bei Everton gegen Sheffield gewesen war.

Die Zeit vergeht wie im Flug und so bemerke ich gar nicht, dass sich der Wald schon erheblich gelichtet hatte. Hinter uns öffnet sich eine grandiose Landschaft, mit einem Blick auf tiefe, bewaldete Täler und, vom Nebel umschlungene, mystische Berggipfel. Ich beginne die Inkas langsam zu verstehen – es ist ein Bild für Götter.
Wir erreichen eine fünf Meter hohe Mauer aus massiven, quaderförmigen Steinen. „Alles Scheiße, Scheppi“, ruft uns jemand von oben zu. Als wir bei Matze angelangt sind, befinden wir uns auf einem Parkplatz mit vielen Imbiss- und Getränkeständen, zig Souvenirläden und fliegenden Händlern. Von Machu Picchu noch immer keine Spur, denn vor uns liegt ein wahrscheinlich letzter Anstieg, der uns den Blick auf die terrassenförmig angelegte Ruine mit seinem markanten Hügel versperrt. Das Ziel unserer Wanderung sollte doch die Magie des Augenblicks sein, wenn wir die verwunschene Inkastadt nach den Qualen zum ersten Mal erblicken. Doch es ist rein gar nichts zu sehen. Dafür beginnt es leicht zu tröpfeln.
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Das erste gemeinsame Bier schmeckt trotzdem fantastisch. Wir trinken es gierig in einem Zug. „Ach so. Auf Tante Käthe“, ruft Matze. Als Göte dazu stößt, lachen wir über sein fleckiges Gesicht. Außerdem blutet er aus beiden Nasenlöchern. „Schöne Scheißidee, Scheppert“, meckert er. Allmählich öffnet der Himmel seine Schleusen und ein Straßenhändler braucht uns nicht lange zu bitten, dass wir ihm Regenjacken abkaufen. Die Dinger sehen zwar aus wie übergroße Müllbeutel doch sie erfüllen ihren Zweck und kosten nur einen Dollar. Erst als Gary ein Foto von seinen deutschen Begleitern machen will, fällt uns auf, dass wir einen schwarzen, einen roten, und einen gelben Plastik-Müllsack erstanden haben. Wir stellen uns in der richtigen, schwarz-rot-goldenen Reihenfolge auf die Mauer, recken unser Bier in die Höhe und rufen „Auf Tante Käthe.“ Göte hat mittlerweile zwei Tempos in den Nasenlöchern. Gary drückt ab. Ein Bild für Götter!
Schwarz-rot-gold
In diesem Moment geschehen viele Dinge gleichzeitig. Jenna kommt völlig durchnässt den Berg hoch gehechelt. Er ist kalkweiß und ruft kopfschüttelnd: „Was für eine Dreckskacke, Scheppert!“ Dadurch bemerken wir gar nicht, dass hinter uns mehrere Menschen auf uns zustürmen. Es sind zwei peruanische Polizisten, ein kleiner Junge und eine etwa 60jährige aufgebrezelte Dame. Natürlich ist allen sofort klar, dass sie gekommen sind, weil wir hier so herum krakeelen. Doch der Knirps zeigt, böse blickend, nur auf mich. Die Oma in dem geblümten Kostümchen rennt sofort auf mich zu und schreit: „Where is the handbag?“ Ich schiebe sie vorsichtig von mir weg, schaue in die dunklen Augen des kleinen Kerls und erkenne ihn. Es ist der Dieb, dem ich – wenn auch unabsichtlich – die Beine gestellt hatte. Trotzdem begreife ich gar nichts. Doch Gary hat das gute rosafarbene Stück bereits in der Hand und beginnt der aufgeregten Amerikanerin zu erklären, was geschehen war. Wutschnaubend hört sie ihm zu und erklärt dann ihre Version. Beim Hinunterfahren mit dem Bus von Machu Picchu gibt es ein vermeintlich lustiges Spiel zwischen Touristen und der heimischen Dorfjugend. In die alte Handtasche des jeweiligen Jungen werden 5 Dollar gepackt und wenn dieser zu Fuß – also rennend – eher im Tal ist, als der Bus, bekäme er zur Belohnung das Doppelte der Summe gezahlt. Meist ist es so, dass die kleinen Flitzer – ähnlich, wie bei der Hase und Igel Geschichte – immer dann, wenn die Serpentinenstraße den kleinen Dschungelweg kreuzt, schon da wären und kurz dem Bus zuwinkten, bevor sie weitersprinteten. Wir hätten also nicht nur den armen Kerl bestohlen, sondern auch eine Rentnertruppe aus den USA um ein einmaliges Vergnügen gebracht. Die beiden Polizisten starren uns bedrohlich an.
Vor ihnen steht ein leicht angetrunkener Engländer mit einer pinken Henkel-Handtasche im Arm, ein klitschnasser, hustend rauchender Jenna und drei weitere Deutsche in schwarz-rot-goldenen Müllsäcken, wovon einer zwei Papierpfropfen in der Nase hat. Letztendlich einigen wir uns nach 45 quälenden Minuten darauf, dass wir allen 10 Dollar geben. Dem Jungen als Entschädigung, der alten Dame für den Linienbus nach unten und den Bullen, damit sie nicht mehr so fies gucken.
2000 Peru Machu Jenna
Als wir das wichtigste Touristenziel Südamerikas und die weltweit bedeutendste Ruinenstadt der Inkas betreten, ist es schon sehr spät. Wir schlendern nur durch einen winzigen Teil der riesigen Anlage, bevor wir schon wieder den Rückweg zum Ausgang antreten müssen.
Waren wir bescheuert oder was? Wegen zu späten Aufstehens und gewisser Unfitness, aber vor allem wegen einer abgewetzten Kunstleder-Handtasche war ich in meinem Leben bisher nur 30 Minuten im eigentlichen „Machu Picchu“ – einem der sieben Weltwunder der Neuzeit – gewesen. In dieser kurzen Zeit hatten wir einem Engländer, namens Gary, jedoch etwas ganz Wichtiges beigebracht. Beim Absackerbier auf dem Parkplatz brüllt er fast akzentfrei: „Auf Tante Käthe!“
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