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Sozialistische Tiere – ein kleiner Ringel in Ostberlin – Kindheit in der DDR

18. Februar 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

Olly Hamster
Oh Mann, bin ich alt geworden. Letztes Wochenende habe ich tatsächlich einen Spaziergang mit meiner Nichte und meinem Neffen & ihren Eltern rund um die Rummelsburger Bucht ich Richtung Treptow gemacht und diesen – durchaus lustigen Ausflug – als “Ringel” bezeichnet. Wie gesagt: alt geworden der Mark, oder einfach nur nostalgisch-senil. Früher war das so:
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Leider gab es in meiner Kindheit noch ein wesentlich schlimmeres Horrorszenario als: „Wir fahren in den Garten!“ Es hieß: „Wir machen einen Ringel!“ Im Prinzip bedeutete so ein „Ringel“, dass sich die komplette Familie Scheppert auf Befehl meiner Mutter fein herausputzen und im Schneckentempo durch den Volkspark Friedrichshain spazieren musste. Wir gingen von unserer Wohnung in der Mollstraße zum Lenindenkmal, vorbei an den Köhlerhütten in Richtung Krankenhaus und dem Sport- und Erholungszentrum (SEZ) immer weiter zum alten Friesenstadion. Dort lag der Wendepunkt und über den Ententeich 2, Bunkerberg und Märchenbrunnen ging es weiter in die Hans-Beimler-Straße ins „Scheppert-Eck“. Manchmal blieben wir noch auf ein Würzfleisch oder einen Toast Hawaii, aber meist gingen Benny und ich schon vorher allein den kurzen Weg zurück nach Hause und legten uns vor die Glotze.
Ein „Ringel“ ging ausschließlich in diesen Park in unserem Bezirk. Die wirklich guten Ausflüge in den Palast der Republik, in den Pionierpark Wuhlheide, zum Müggelsee und vor allem in unseren geliebten Berliner Tierpark wurden nie so betitelt, weder von uns noch von unserer Mutter. Außerdem bestimmten wir, wann es zu den Tieren ging, und das war ziemlich oft. Nicht nur, um diesem drögen Volkspark-Spaziergang vor unserer Haustür zu entgehen.
Irgendwann kannte unsere Familie deshalb jedes einzelne Tier, jeden Weg, den man dort gehen konnte, und jeden einzelnen Neuzugang.
Pate
Die Eisbären, Affen und Elefanten gehörten zu unseren Favoriten, aber wir liebten auch den Fischotter, die Hängebauchschweine und das Okapi. Manchmal fuhren wir sogar ohne unsere Eltern dorthin und Benny musste mir auswendig sagen, welches Tier sich im nächsten Gehege befand, mit Herkunftsland. Die Reihenfolge weiß er sicher noch heute.

Der Tierpark vermittelte uns unbewusst ein Gefühl von Weite. Wir konnten an fernen Ländern und Kontinenten schnuppern, obwohl wir dort niemals hinkämen. Die hiesigen Elefanten und Löwen aus Afrika, die Leoparden, Pinguine und Eulen aus Südamerika und die Affen aus Südostasien verkörperten unser kleines persönliches Ausland. Im Alfred-Brehm-Haus konnten wir beim Brüllen der Raubkatzen und im Tropenhaus unter aufgeregt flatternden Fledermäusen erahnen, wie sich andere Klimazonen anfühlten. Der riesige Park in Berlin Friedrichsfelde stand in unserer Kindheit für grenzenlose Freiheit.
Zu Weihnachten wünschten Benny und ich uns zwei Hamster. Wir schrieben dem Weihnachtsmann und wurden erhört: Unter der wie immer krüppeligen Kiefer, die Vater an Heiligabend in letzter Sekunde ergattert hatte, rannten die beiden durch ihren Käfig. Moritz war nur durch den weißen Bauchreifen von Max zu unterscheiden. Natürlich liebten wir sie abgöttisch, wie sie in dem kleinen Laufrad ihre Kunststücke vollführten und sich an unseren Pullovern festkrallten.
Tierpark7
Doch im Mai 1983 hatten wir ein Problem: Sämtliche Tapeten, Teppiche, Schuhe und fast alles, was sonst noch auf dem Fußboden stand, war angeknabbert.
Vater hatte von Arbeitskollegen gehört, dass Mäuse durch Kabelschächte bis in die oberen Stockwerke der Häuser gelangen konnten. Demzufolge diagnostizierte er in der Mollstraße im 9. Stock: Mäusebefall! Er stellte im Flur eine kleine Falle auf.
Mit einem Stück Käse im Maul und gebrochenem Genick lag unser Moritz am nächsten Morgen in dem Gerät. Durch Mutters Aufschrei wurde mir der traurige Anblick nicht erspart. Benny hatte Glück, ihm wurde von Mutter in einer sehr diplomatischen Art erklärt, dass Moritz gestorben war und Vater ihn in den Müllschlucker geworfen hatte. Er heulte drei Tage neben mir im Rollbett ins Kissen.
In der zweiten Woche unseres Sommerferienlagers im Harz bekam ich von Mutter einen Brief, dass Max verschollen wäre und ich Benny darauf vorbereiten sollte. Unsere Eltern hatten den Überlebenden unserer beiden Hamster mit auf die Datsche genommen und unter dem schattigen Sauerkirschbaum abgestellt. Mutter arbeitete in der Rabatte und Vater saß Bier trinkend auf der Terrasse, als ein großer Hund in unseren Garten gerannt kam, Max schnappte und davonrannte.
Max und Moritz
Auf Höhe des Parkplatzes ließ der Hund unseren Hamster aus seinem Beißgriff. Max lebte noch. Dem Kerlchen war aber so die Angst in die kleinen Knochen gefahren, dass er in einem Höllentempo losrannte und durch den angrenzenden Zaun auf Nimmerwiedersehen verschwand.
Benny weinte diesmal nicht ganz so schlimm, da ich ihm Hoffnung machte, dass wir unseren Liebling nach unserer Rückkehr sicherlich wieder finden würden. Wir durchkämmten tatsächlich bis in den späten September sämtliche Böschungen, Gräben und Hecken. Wütend auf unsere Eltern, wurde aber bald eine berechtigte Forderung laut: Wir brauchten ein neues Haustier!
Wie jedes Jahr fuhr meine Mutter auch in diesem Jahr zur Leipziger Herbstmesse. Auf diesen Moment hatten wir gewartet. Es dauerte keine zwei Tage, bis wir Vater weich geklopft hatten und er mit uns nach der Arbeit in die Zoohandlung in der Bötzowstraße fuhr. Wir gingen ganz unvoreingenommen an die Auswahl der Tierart, jedoch war uns beiden sofort klar, dass es dieses kleine Wollknäuel dort in der Ecke sein sollte: ein Meerschwein. Schon auf dem Nachhauseweg bekam es seinen Namen: Otto! Nicht weil wir einen Onkel Otto hatten und die Schwimmerin Kristin Otto kannten. Benny und ich hatten einen unschlagbaren Lieblingskomiker im Westfernsehen: Otto Waalkes.
Skipistenkids
Kaum waren wir zu Hause angekommen, musste Vater noch dringend ins „Scheppert-Eck“ zum Feierabendbierchen. Danach dauerte es genau fünf Sekunden, bis Otto hinter die Wohnzimmerschrankwand rannte und verschwunden war. Benny fing an zu heulen.
Wir probierten, Otto mit allem Essbaren anzulocken, das wir zur Verfügung hatten, hörten aber keinen Mucks mehr. Als Vater gegen 22 Uhr aus der Kneipe zurückkam, fand er seine beiden Jungs jammernd im Wohnzimmer. Durch diverse Biere und ein paar Korn hatte er gute Laune, sodass er beschloss, noch an diesem Abend den Schrank auseinanderzunehmen. Als gegen Mitternacht die komplette Anbauwand in Einzelteilen im Wohnzimmer lag, konnten wir das verstörte Tier endlich befreien und zurück in seinen Käfig setzen. Den Schrank bauten wir erst einen Tag bevor Mutter von der Messe zurückkam, wieder zusammen.
Silvester Kinder früher
Ohne unsere Mutter versanken wir nämlich zufrieden im Dreck und Chaos. Dafür gab es statt Stullen öfter mal Goldbroiler vom Strausberger Platz zum Abendbrot, lange Fernsehabende und ein neues Familienmitglied: Otto, das Meerschwein. Die ganze Familie, sogar unsere skeptische Mutter, liebte den kleinen Kerl. Wir stritten uns fast, wer den Käfig sauber machen durfte, wer ihn füttern und zum Tierarzt bringen durfte. Otto war eindeutig das passende Haustier für uns.
Diese Zuneigung hielt genau ein Jahr. Inzwischen war er nicht mehr das kleine niedliche Ding, sondern ein riesiges Vieh, das ein Viertel des Käfigs einnahm. Sobald er früh um halb sieben wie verrückt zu quieken begann, warfen wir ihm im Halbschlaf ein paar Möhren, Gras oder Salat in den Käfig, damit das nervige Gefiepe aufhörte. Der Zwinger stank bereits nach kürzester Zeit ohne Putzen fürchterlich nach Meerschwein-Hinterlassenschaften. Otto war zu einer Last geworden!
Da mich der stechende Geruch nervte, hatte ich an einem heißen Sommertag eine gute Idee. Ich setzte Otto ins Zimmer, nahm den mit feuchten Sägespänen und Kackwürstchen gefüllten Käfig und schüttete den Inhalt einfach aus dem Fenster des 9. Stocks. Das war schnell und praktisch. Fünf Minuten später klingelte es an der Wohnungstür. Als ich aufmachte, schnappte mich Herr Römer aus dem 8. Stock und zog mich am Ohr in seine Wohnung. Ich bekam einen uralten Staubsauger in die Hand gedrückt und musste das Schlafzimmer des Ehepaars Römer reinigen. Tausende von vollgepissten Sägespänen verzierten den Teppich. Als wäre diese Demütigung nicht schon genug, erzählte er am Abend auch noch alles meiner Mutter. Ich stand dabei und war froh, dass Vater im „Scheppert-Eck“ abgetaucht war. Am nächsten Morgen steckte er Otto jedoch unvermittelt in einen Schuh-Karton und brachte ihn wutentbrannt zurück in die Zoohandlung. Mist, Mutter hatte es ihm also doch erzählt.
Otto sw
Ein kleiner Junge zerschlug am nächsten Tag mit einem Hammer sein Sparschwein und lief hoffnungsfroh in die Bötzowstraße. Mit Tränen in den Augen suchte Benny verzweifelt nach seinem Otto. Das kleine, liebenswerte, wuschelige Tier war aber vor genau zwanzig Minuten verkauft worden. An wen, wusste der Verkäufer natürlich nicht zu sagen, und alle Versuche, dem Käufer doch noch irgendwie auf die Spur zu kommen, blieben vergeblich. Es sollte das letzte unserer Haustiere gewesen sein.
Als Ausgleich für sein Leid spielte ich mit Benny „Wand, Bild oder Schrift“, wenn wir mit der U-Bahn von der Schillingstraße zum Tierpark fuhren. Hierbei mussten wir tippen, was vor dem Ausschnitt unseres Fensters zum Vorschein kommen würde, sobald der Zug hielt. „Wand“ war die kahle Kachelwand der U-Bahnhöfe, „Schrift“ waren die Namensschilder der Bahnhöfe wie „Frankfurter Tor“, und die leeren weißen Werbetafeln ergaben „Bild“, auch wenn rein gar nichts darauf zu sehen war. Es war ein Spiel vor allem für den Jüngeren, da er sehr gute Chancen hatte, mich auch mal zu schlagen. Glücklich betraten wir jedes Mal den Park der sozialistischen Tiere.

Hier geht es zum Mauergewinner-Buch inklusive dieser Geschichte, die dort noch fortführt wird. Anbei noch ein Video von der nachfolgenden Generation aus unserem geliebten Tierpark in Berlin.


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Voll lecker – oder was? Cusco in Peru mit Meerschweinchen

17. Februar 2015 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog

Otto swDie Meerschweinchen tragen in Peru lustige Hüte! Vor zwanzig Minuten hatte es in der Küche fürchterlich gequiekt und gerade beschwert sich mein Freund Göte beim Kellner, dass bei seinem Cuy, wie die gegrillten Kuscheltiere in Südamerika genannt werden, die Karotten-Krone fehlt. Noch immer denke ich ein wenig pikiert an unseren wuscheligen Otto, mit dem Benny und ich in unserer Kindheit so gerne gespielt hatten. Jenna verlangt nach der scharfen Soße. „Schmeckt ein bisschen wie Ratte“, ruft er mit vollem Mund und nickt mir aufmunternd zu. „Mann, seid ihr ein paar Fleischnazis. Das arme Ding!“, antworte ich und steche zögerlich die Gabel in einen der Schenkel. Das niedliche Tier scheint mich mit traurigen Augen zu fragen: „Warum?“

Wir befinden uns in einem Restaurant in Cusco, einer Stadt in Peru, welche für die Inkas noch der „Nabel der Welt“ gewesen war. Doch spanische Eroberer hatten sie vor knapp 500 Jahren erobert, überrannt, niedergebrannt und jedes einzelne Gebäude überbaut. Lediglich die gewaltigen Steine der „Mauer“ des ehemaligen Inka-Palastes, waren als Mahnmal einer besiegten Kultur übrig geblieben. Welch Parallele zu einem anderen Land. Wie hatte es hier wohl früher einmal ausgesehen? Ich versuche es mir vorzustellen:

Der kleine Roca sitzt neben seinem Vater auf dem belebten Marktplatz, ganz in der Nähe des großen Sonnentempels. Es war ein guter Tag gewesen. Sie hatten acht der weißen, langhaarigen Quwis (Meerschweinchen in der Sprache der Inkas) und sechs der gescheckten, glatten verkauft. Mutter wird sich freuen, wenn sie sieht, wie viel Maismehl, Bohnen und Kartoffeln sie dafür bekommen hatten. Später waren sogar noch zwei hungrige Priester gekommen und so hatten sie zwei der Tiere vor Ort schlachten, häuten und ausnehmen müssen. Im Feuer der ofenartigen Manuyila waren sie langsam gar geworden.
Cusco Markt
In der Mittagshitze leert sich der staubige Platz allmählich. Nebenan werden Kokablätter in große geflochtene Körbe gepackt, die Alpaka-Wollhändler räumen langsam zusammen und die Flötenspieler haben sich im Schatten des großen Palastes von Coricancha niedergelassen. Über ihnen funkeln die goldenen Platten des Hauptportals im Lichte der hoch stehenden Sonne.
‚Wie gern würde ich dort einmal hineingehen’, denkt Roca traurig. Niemand, den er kannte, nicht einmal sein Vater, war jemals im Inneren des heiligen Tempels gewesen. Doch jeder wusste, dass in einem, ganz und gar aus Gold bestehenden Raum die heilige Sonnenscheibe der Götter aufbewahrt wird und im silbernen Nachbarraum, die Scheibe des Mondes. Vater hatte ihm erklärt, dass jenes Gold die „Schweißperlen der Sonne“ und das Silber „die Tränen des Mondes“ darstellen.
Sein Vater war so klug! Als sie nach dem letzten Opferfest durch die Säulengasse gelaufen waren, konnte er zu all den steinernen Tierfiguren etwas sagen. Der Puma bedeutet Krieg, der Jaguar Macht, die gefiederte Schlange steht für Weisheit, im Gegensatz zur großen grauen Schlange, die den Geiz verkörpert. Das Alpaka bedeutet Wärme und der Kondor steht für eine Botschaft. Der kleine Roca hatte sich das alles gemerkt.
In diesem Moment fällt ihm auf, dass es dort gar kein Quwi (Meerschwein) gegeben und er seinen Vater deshalb auch nicht gefragt hatte, welche Eigenschaft es symbolisiert. Vorsichtig tippt er ihn an die Schulter: „Du Papa, welche Bedeutung haben eigentlich die netten, leckeren Quwis in unserer Göttersprache?“

Moment mal. Stopp!

Es gibt zwei Wörter, die ich in meinen Texten nie verwenden wollte: nett und lecker! „Nett“ ist die kleine Schwester von Scheiße und „lecker“ steht für das Unvermögen der Deutschen, sich vernünftig auszudrücken. Ich kenne niemanden, der „nett“ ist und bei keiner Speise, oder einem Getränk würde es mir jemals in den Sinn kommen, sie als „lecker“ zu bezeichnen. Niemals!
Nicht einmal in Dialoge würde ich diese Adjektive einbauen. So redet einfach keiner, oder habt ihr schon mal jemanden sagen hören: „Das war ja mal ein netter Berliner Busfahrer. Der hat uns sogar Leckerbissen angeboten.“ Merkt ihr was? Kein Berliner Busfahrer ist „nett“ und er bietet natürlich auch kein Essen an.
Oder einer meiner Freunde würde in einer Story zu mir sagen: „Das war aber echt nett von dir, ich lade dich im Rockz noch auf ein lecker Bier ein“. Hey! Ich bin verdammt noch mal nicht „nett“ und wir tauschen in meiner Stammkneipe auch keine „Nettigkeiten“ aus. Süffiges, gezapftes Becks kann man dort bestellen, aber kein „leckeres“. Nein, ich habe keine „netten“ Mitvorleserinnen bei unserer Lesebühne mit „leckeren“ Hintern. Sie sind witzig, sympathisch oder geheimnisvoll und von hinten betrachtet, sehen sie knackig aus – oder eben nicht.
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Und selbst Sie, die Leserinnen und Leser dieser Zeilen, würde ich wahrlich nie als „nette“ Bücherwürmer bezeichnen, die sich vielleicht gerade fragen, welche „unleckeren“ Details im Verlaufe der Geschichte noch folgen werden.

Vielleicht ist es wieder einmal eine Frage der Herkunft. Im Osten gab es die Begriffe „nett“ und „lecker“ einfach nicht. Da war jemand „duffte“, „knorke“ oder „fetzte urst ein“ und auch ein Essen konnte „duffte“ und „knorke“ schmecken, oder urst „einfetzen“. „Astrein“ und „genial“ kamen später noch hinzu.
Und im Westen? Ich konnte ARD und ZDF in Ostberlin immer empfangen und weiß daher, dass die Jogurts in der Werbung früher lediglich „cremig“ oder „fruchtig“ waren. Doch genau hier habe ich die Wörter irgendwann zum ersten Mal gehört.
Zwei braungebrannte 25-jährige Joggerinnen mit Bikinititten, die in einer mondänen 45 Quadratmeter-Küche deutsche Durchschnitts-Hausfrauen mimen, löffeln an einer quarkartigen Speise. Die eine: „Voll nett eure neue Küche.“ Die andere: „Und der Jogurt?“ „Voll lecker!“

Sorry, mir wird schon übel wenn ich das niederschreibe.

Kann denn diese Nobelküche nicht hinreißend, bezaubernd, stilvoll, heimelig, imposant, gemütlich, hübsch oder meinetwegen sogar fesch aussehen? Warum sagt die alte Ziege „voll nett“? – Was meint sie damit? Richtig schlecht? Und warum in Gottes Namen darf dieser bescheuerte Jogurt denn nicht munden? Warum kann er nicht köstlich, delikat, wunderbar, appetitlich oder einfach nur gut schmecken? „Voll lecker!“ So eine gekünstelte Sprache. Wir verblöden immer mehr! Ich schmeiß meine Glotze irgendwann hochkant aus dem Fenster. Volle Kanne!

Ich habe dennoch mal recherchiert. „Nett“ wurde aus dem französischen „net“, für makellos und rein im Mittelalter ins Deutsche übernommen. Dass mittlerweile die Redewendungen „ziemlich nett“, „recht nett“ und „ganz nett“ oftmals genau das Gegenteil bedeuten und somit „völlig reizlos“, „extrem langweilig“ und „kleine Schwester von Scheiße“ ausdrücken sollen, macht dieses Adjektiv ja fast schon wieder sympathisch. Man kann damit sprachlich experimentieren.
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Bei „lecker“ dachte ich allerdings sofort, dass es tatsächlich ein neulich erfundenes deutsches Wort ist, da ich weder im Englischen, Spanischen oder Lateinischen eine Herleitung finden konnte. Stimmt aber nicht! „Lecker“ kommt ursprünglich aus dem Afrikaans und wurde letztendlich auch ins Niederländische übernommen. Für mich als Fußballfan wäre es die Höchststrafe, wenn mir beim Spiel Niederlande gegen Deutschland mein Sitznachbar ins Ohr flüstern würde: „Ons het lekker gespeel“ (Unsere haben großartig gespielt). Der Superlativ ist noch viel schlimmer: Lekkerst!

Im deutschsprachigen „Wiktionary“ könnte ich übrigens einen Eintrag für die Herkunft des Wortes „Leckerbissen“ einstellen. Es gibt nämlich noch keinen. Dort ist bisher nur „lecker“ erläutert. Es bedeutete ursprünglich: „Was gut zu lecken ist!“ Ganz kurz hatte ich eine Vorstellung davon, was es sein könnte…

„Nu haste mir aber janz lecker jemacht“, denkt der Leser bestimmt gerade. Diesen Satz schreibt Alfred Döblin in seinem Buch „Berlin Alexanderplatz“. Das lass ich gerade noch so gelten. Und auch „ne kölsche Jung un e lecker Mädche“ können gerne „e lecker Kölsch drinke“. Okay, ich merke, das führt langsam zu weit.

Es gibt nämlich noch einen anderen Ansatz. Vor kurzem besuchte mich eine Freundin aus der Schweiz. Sie hatte mir ein paar „Leckerlis“ mitgebracht. Auch dieser Fährte bin ich nachgegangen und so erfuhr ich, dass der Begriff „Basler Läckerli“ erstmals 1720 amtlich erwähnt wurde.
Das lebkuchenartige Gebäck, hergestellt aus Weizenmehl, Honig, kandierten Früchten und Nüssen kann man noch heute fast überall kaufen. Alles wäre so schön, wenn ich meinen Gästen zur Weihnachtszeit, die kleinen rechteckigen Stücke mit der Zuckerglasur anbieten könnte und wüsste, dass einzig und allein diese Gaumenfreude als „lecker“ bezeichnet werden dürfte (und vielleicht noch der Milchquark namens „Leckermäulchen“ aus der ehemaligen DDR, den ich bisher wohlweislich verschwiegen habe).
Aber nein, es gibt eine Band namens „Lecker Nudelsalat“, Kochrezepte unter „lecker.de“, „Lecker – das Kochmagazin“, Die WDR-Reihe „Von-und-zu-lecker“, „Die geilen Leckschwestern“ in einem Videofilm, „Lecker – die CD von Atze Schröder“, die Bücher: „Lafer, Lichter, Lecker“ und „Hundekekse frisch und lecker“.
Sorry, aber ich möchte dieses Wort jetzt wirklich nicht mehr niederschreiben müssen. Ich hätte eben viel lieber die Märchen-Geschichte aus Südamerika zu Ende erzählt…
Machu Picchu oben

Der kleine Roca tippt seinen Vater vorsichtig an die Schulter: „Du Papa, welche Bedeutung haben eigentlich die netten, leckeren Quwis in unserer Göttersprache?“
Der Alte schaut seinen Sohn fragend an: „Weißt du denn nicht mehr, wie wir mit einem ‚Glatthaar’ über Onkel Xocils Körper gerieben haben, um die kranke Stelle zu finden?“ Roca schüttelt den Kopf. „Es hatte auf seinem Herzen gequiekt und als wir es töteten und aufschnitten, bestätigte sich die Vermutung. Auch das Quwi hatte ein krankes Herz. Es steht also für Heilung.“
Roca ist mit der Antwort nicht zufrieden, denn Onkel Xocil wurde ja längst von den Göttern heimgeholt. „Papa, warum essen wir es dann eigentlich so oft?“ Mit stolzem Blick betrachtet er seinen Sohn. Wie klug er nur ist!
„Mein Junge, du hast dir die Frage doch schon selbst beantwortet. Die Menschen unseres Volkes verspeisen es so gern, weil es ein wahrlich netter Leckerbissen ist!“
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Von Hamstern & Menschen – Kindheit in der DDR

20. Oktober 2011 | von | Kategorie: Blog

6a34be5bb4944537bbce660528d3e08e_image_document_large_featured_borderlessLeider ist meine aktuelle Tierparkgeschichte aus dem “Mauergewinner” bei Spiegel Online etwas untergegangen, deshalb hier noch ein kurzer Hinweis darauf:

…zerlegte Möbel, fliegender Tierkot und Genickbrüche im Wohnungsflur: Als Kind in Ost-Berlin begeisterte er sich für die Elefanten und Löwen im Tierpark. Am liebsten hätte er sie mitgenommen. Erst als er eigene Haustiere bekam, stellte er fest, dass selbst kleine Tiere großen Ärger machen können…

Hier könnt Ihr den Artikel: “Von Hamstern und Menschen” weiterlesen.

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