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Jemand der Reinsch heißt

25. Januar 2015 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Blog

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Um 7 Uhr war die Nacht vorbei, da wir schon eine halbe Stunde später zur Dschungeltour abgeholt werden sollten. Um 9 Uhr kam dann endlich ein verpeilter Typ, der mit uns durch die halbe Stadt düste, um im Hotel Premier, einen verschlafenen Portugiesen abzuholen, der ebenfalls zu unserer Truppe gehörte. Nur vier Stunden nach dem Aufstehen, also um kurz nach 11 Uhr, waren wir endlich auf dem Schiff, welches fußläufig zu unserem Hotel am „Porto Flutuante“ – einem schwimmendem Pier – gemütlich vor Anker lag. Das nenne ich mal Effektivität. Ganz großer brasilianischer Sport!

Unser Kahn, der versteckt hinter zahlreichen großen Booten und Containern mit der Aufschrift „Hamburg Süd“ lag, hätte sicher 30 Leuten Platz geboten, doch lediglich wir, Portugiesen-Pablo, eine Familie Reinsch aus Österreich (die Stunden auf uns gewartet hatte), zwei Besatzungsmitglieder und der Kapitän befanden sich an Bord. Natürlich brachte ich sogleich den alten Bart-Simpson-Spruch: „Ist hier eigentlich jemand der reinscheißt?“ und zur großen Freude antwortete Laila Reinsch ganz unbedarft: „Ja wir!“ Die dunkelhäutige Frau von Wolfgang war gebürtig in Ghana und ihr Sohn, der 16jährige Andreas sah ein bisschen wie mein Freund Pascal in der Heimat aus. Er freute sich offenbar, dass ich mich freue und klärte seine Mutter nicht auf, sodass ich den Witz während der Fahrt etliche Male wiederholen konnte. Sylvie erzählte den anderen daher irgendwann von meiner Kackaktion ins Meer in Sao Luis. Peinlich, doch wir lachten gemeinsam – Tränen.
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Nach „Feuchtgebiete“ kann man so etwas ja durchaus mal erwähnen: Mein Hämorriden-Problem hatte sich deutlich verschlimmert. Mittlerweile konnte ich kaum noch sitzen, so sehr schmerzten diese Gefäßpolster und nach jedem Stuhlgang war das Toilettenpapier blutdurchtränkt. Dass eine Fahrt durch das schwülwarme Amazonasgebiet auf einem Dampfer, dessen Sitzmöglichkeiten ausschließlich aus Holzplanken bestanden, nicht gerade sehr förderlich war, muss ich nicht erwähnen. Beim ersten gemeinsamen Bier fragte ich Wolfgang daher im Flüsterton, was ich dagegen tun könne. Er grinste, öffnete seinen Rucksack und zog mit großem Gehabe – sodass es alle sahen – eine Hämorriden-Salbe hervor. „Die hat man ab 40 doch immer dabei“, rief er, während ich dachte: ‚Herr Scheppert, du wirst alt!‘
Wir tuckerten gemächlich auf dem breiten Strom hinab und erfuhren erst jetzt, dass sich Manaus gar nicht am Amazonas, sondern an den Ufern des Rio Negros, eines der drei großen Zuflüsse des zweitlängsten Flusses der Erde befand. Doch unser Kutter fuhr uns direkt zum dicken Wasserriesen, der mit all seinen Brüder- und Schwesterflüssen 17 % des gesamten Süßwassers der Erde enthalten soll.
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Der „Encontro das Aquas“ (Zusammenfluss der Gewässer) soll angeblich weltberühmt sein, da man hier eine zentimeterscharfe Linie zwischen den schlammbraunen Wassern des Amazonas und den schwarzen Fluten des Rio Negros sehen soll. Kilometerlang fließen die beiden Ströme nebeneinander her und vermischen sich – wegen der unterschiedlicher Dichte, Geschwindigkeit und Temperatur – nicht. Dieses Phänomen konnten wir leider nicht beobachten, wurden aber später auf unseren Fotos Lügen gestraft, da man diese Linie dort sehrwohl erkannte. Dennoch kein Grund, das reale Leben und Gesehene zu verfluchen.

In der Mitte des Flusses, der jetzt nur noch Amazonas hieß, konnten wir erahnen, wie groß Manaus ist, weil wir schon über eine Stunde gefahren waren und noch immer Bretterbuden, die zur Millionenmetropole gehörten, das Ufer säumten. Dennoch entspannten wir uns nach kürzester Zeit und wie zur Belohnung sahen wir die ersten Amazonas-Delfine. Die größten aller Süßwasserdelfine, auch Botas genannt, waren zartrosa gefärbt und schwammen direkt am Bug vorbei. Angeblich sind es die einzigen ihrer Art, die sich auch rückwärts paddelnd fortbewegen können. Nach dieser Begegnung bogen wir in einen schmaleren Fluss ein und schipperten immer tiefer hinein in die grünste Lunge der Erde mit seinen weit verzweigten Wasseradern. Wir sahen zwei rote-grün-blaue Papageien, einen Tucan mit knallbuntem Schnabel, langbeinige Ibisse und etliche andere Vögel in Bäumen oder am Ufer sitzen. Überall raschelte, kreischte und trällerte es. Allerdings staunten wir darüber, bisher noch keine einzige Mücke zu Gesicht bekommen zu haben. Erfreulich war ebenfalls, dass ich mir mit Wolle Reinsch bereits das zweite Fahrtbier aufgemacht hatte und dämlich labern konnte.
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Nach 70 Kilometern hatten wir unser Ziel erreicht. Noch immer befanden wir uns auf einem kanalartigen Fluss umgeben vom dichten Regenwald. Doch allmählich verbreiterte sich der Wasserweg und mündete letztendlich in einen See, an dessen gegenüberliegenden Ende wir ein winziges Haus erkennen konnten. Beim Näherkommen wurde das Gebäude, welches auf schwimmenden, hölzernen Pontons stand, dann doch etwas größer. Wir befanden uns nun – im Nirgendwo. Um 15 Uhr, viel später als versprochen, checkten wir in einem rustikalen Zimmer direkt über der Wasserkante ein. Der Raum war zwar spartanisch eingerichtet, verfügte aber immerhin über ein eigenes Klo und so etwas ähnliches wie eine Dusche.

Sofort gab es Mittagessen und da alle anderen Gruppen schon wesentlich länger vor Ort waren, reihten wir uns brav hinten ein. Hier waren keine armen Schlucker am Start, wenn sie es von Europa oder aus den USA bis tief in den brasilianischen Regenwald geschafft hatten. Doch wie im Pauschalurlaub stürmten vor allem die Franzosen das Buffet regelrecht und so blieben für uns nur welke Salatblätter, einige Körner Reis und der kümmerliche Rest des grätenreichen Fisches übrig. Es gab also auch im Paradies ein Hauen und Stechen ums Fressen. Wolfgang warf mir eine Dose Bier zu. Alles war gut. Skol!
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Unsere Tagestour startete in einem kleinen Boot mit Außenborder. Ein Amerikaner namens Edward komplettierte die Truppe. Angelangt an einem ruhenden Gewässer, umgeben von dickstämigen Bäumen und dichtem Grün, drückte uns der Führer Ronny einen Holzstab, Sehne, Haken und rohes Fleisch in die Hand. Während wir noch dabei waren, die Angel zu rekonstruieren, hatte der Einheimische schon den ersten Piranha gefangen. Beeindruckt betasteten wir die messerscharfen Zähne des Ungeheuers. Österreich, Portugal, Ghana und die USA waren jetzt heiß, die Deutschen im Wettkampf zu schlagen. Brasilien lief hier außer Konkurrenz.

Andreas nahm nicht teil. Er töte keine Tiere, nuschelte er mit Wiener Dialekt. Vater Reinsch rief jedoch ununterbrochen „I werd narrisch“, da bei ihm rein gar nichts beißen wollte, während wir wenigstens feierten, dass unser Fleisch vom Haken gerissen wurden. Dann der erste Fang – beide gleichzeitig. Während Sylvie ihren Piranha gekonnt an Land zog und abfummelte, bekam ich den Fisch mit den messerscharfen Beißern ewig nicht ab und verletze mich zudem am Finger.
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Als Ronny „time is over“ rief, hingen dennoch zwei Zahnfische an meinem Sammel-Stöckchen. Doch Sylvie hatte, wie Laila (Ghana), ebenso zwei aufgefädelt. Wenigstens den US-Amerikaner Edward mit nur einem Killerfisch schlugen wir und Pablo (für Portugal) hatte gar keinen gefangen. Falls es jemals eine Fußball-WM mit diesen Teams geben sollte, könnte das bedeuten: Deutschland-Portugal 2:0 (oder 4:0, wenn ich Sylvie mitrechne); Deutschland-USA 2:1 und Deutschland-Ghana 2-2. Das machte ja alles sogar halbwegs Sinn. Österreich vernachlässigen wir hier einmal. Sylvie wedelte noch lange ganz aufgeregt mit ihren beiden Fischen herum und alle hofften, dass wir soeben nicht unser Abendbrot gefangen hatten, denn das würde Hungern bedeuten.
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Auf der Rückfahrt steuerten wir einem blutroten Sonnenuntergang über dem sattgrünen Urwalddickicht entgegen. Nun staunte ich über meine sonst eher ängstliche Freundin. Wir hatten soeben mehrere fleischfressende Piranhas geangelt und in die Glubschaugen gefräßiger Kaimane auf der Wasseroberfläche geschaut, doch sie sprang urplötzlich – gleich hinter Ronny – in die todbringenden Fluten. Nein, ich hechtete nicht hinterher, denn meine vor sich hin blutenden Hämorriden vermittelten mir das Gefühl, dass mir innerhalb von zehn Sekunden die Beine weggefressen werden würden – vom Arsch an abwärts. Der Fluss war hier zwar so breit wie ein riesiger See und in fließenden Gewässern sollen sich Piranhas eher ungern aufhalten, aber wer weiß das schon so genau? Sylvie kam vollständig wieder an Bord. Das endgültige Abtauchen der Sonne hinter der Dschungelmatte war unfassbar spektakulär. Solch einen Himmel, der sich 1:1 im Wasser spiegelte, hatte ich noch nie zuvor gesehen.
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Zurück auf dem Mutterschiff ging es sofort zum Abendessen. Das war hier ziemlich straff durchorganisiert bei nunmehr zirpender Urwaldfinsternis und basslastigen Froschkonzerten. Neben „Piracuru“ (Fisch), Bohnen und Reis gab es extrem teures Bier, welches wir dennoch in größeren Chargen orderten. Besonders Wolle hatte Durst nach der erfolglosen Angeltour. Mitten in der Nacht entriss uns Ronny den Gestensaft und schubste uns in das kleine Boot. Den Alligatoren-Nachtausflug hatten wir fast vergessen und bei der fröhlichen Stimmung auch gerne weggelassen. Die Fahrt war ätzend. Nach einer halben Stunde auf schmalen Holzbrettern schmerzten der Rücken und vor allem der Hintern mordsmäßig. Ein Mann (der Reinsch heißt), drückte Sylvie, Pablo, Edward und mir eine heimlich geschmuggelte Skol-Dose in die Hand – danach ging`es wieder. Als wir in die modrige, tiefschwarze Lagunenwelt hineinfuhren, wunderten wir uns, dass wir sogar dort von Moskitos verschont blieben.
Ronny suchte mit einer Taschenlampe im Moor und Unterholz nach leuchtenden Alligatorenaugen. Zwar blinkten sie einige Male im Schilf hell auf – er bekam jedoch keines der Viecher zu fassen. Nachdem wir schon fast wieder umkehren wollten, griff er ein letztes Mal in die sumpfige Brühe und holte tatsächlich einen kleinen Kaiman an Bord. Ich hatte noch nie einen Alligator in den Händen gehalten und wollte ihn natürlich, genau wie Sylvie und Andi, berühren und streicheln. Schnell einigten wir uns auf einen Namen für den schuppigen Kerl. Wir nannten ihn – warum auch immer – Poldi. Der Kleine wurde ganz schön herumgereicht, bevor Ronny ihn auf Nimmerwiedersehen in den wasserreichsten Strom der Erde entließ.
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Auf dem Rückweg beschloss unser Führer unplanmäßig an Land zu gehen. Mitten im Urwald standen wir plötzlich vor einer schummrigen Bar. Ronny wollte hier augenscheinlich ein wenig Dope käuflich zu erwerben. Uns verkauften sie derweil eiskalte Biere zum fairen Preis und die Frauen genehmigten sich eine Frucht-Batida. Wir quatschten, spielten Billard und lernten uns bei ausgelassener Stimmung in dieser abgefahrenen Umgebung noch besser kennen. Plötzlich fiel mir etwas auf den Kopf. Als ich sah, was es war, musste ich schmunzeln, da ich daran dachte, wie Sylvie wohl reagiert hatte, wenn ihr dieser kantige Käfer auf den Schädel geklatscht wäre. Wir fotografierten ihn auf dem Boden liegend neben meiner Zigarettenschachtel. Das schwarze Insekt war größer! Weit nach 1 Uhr erreichten wir das Hausboot und tranken ein letztes Brahma. Wir hatten beschlossen, den Sonnenaufgangs-Trip ausfallen zu lassen, der in vier Stunden starten sollte.

Nach einem Dschungelfrühstück mit viel frischen Obst – der Ossi freut sich auch nach so einer langen Reise noch immer besonders über Bananen – ging es wieder los. Die Fahrt war erneut lang und das Klima schwül, sodass wir uns freuten, im unterwartet kühlen Regenwald unter schattigen Bäumen abtauchen zu konnten. Eine botanische Führung stand auf dem Programm. Ronny, der heute sehr lustig war, hetzte uns nicht durchs fetteste Grün dieser Erde, sondern nahm Rücksicht auf die Temperaturen und unsere lahmen Füße. Auch wenn ich schon öfter durch einen Urwald gestiefelt war, steckte dieser Dschungel voller spannender Geheimnisse. Über drei Stunden befassten wir uns intensiv mit der faszinierenden Welt Amazoniens und wurden überrascht, welch ungewöhnliche Pflanzen (rund 60.000 verschiedene soll es geben), Vögel, Säugetiere und Insekten es auf unserem Planeten gibt. Hier waren sie vor allem eines: groß!
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Der Regenwald spendet den einheimischen Bewohnern nicht nur reichlich Nahrung. In einigen Hölzern versteckten sich literweise Trinkwasser, aus der nächsten Pflanze wurde ein tödliches Pfeilgift gewonnen, eine andere war Heilmittel und die nächste Kosmetik für die Luxuswelt in unseren Gefilden. Kautschuk, Öle und Harze flossen von Bäumen wie Honig und einige Stoffe ließen sich äußerst leicht entzünden. Etliche Schlingpflanzen dienten uns als Hollywoodschaukel oder Hängematte. Der Wald war zudem von einem köstlichen, zarten Duft erfüllt. Was für ein sagenhaftes Biotop!

Ehrlich gesagt, fand ich es hier erstmals etwas unpassend, dass uns die Einheimischen in ihrer „originalen“ Holzhütte im Indianerdorf kaltes Bier anboten. Manches Mal bemerkt man eben erst sehr spät, wie weit die Zivilisation – und damit auch wir mit unseren weißen Ärschen – in die letzten unberührten Lebensräume dieser Erde vorgedrungen sind. Wolfgang pfiff als erster auf das schlechte Gewissen und öffnete die Dose mit lautem Zischen. Sylvie und Laila freuten sich, als ihnen von einem Indio ein mit Wasser gefüllter Baumstamm aufschlagen wurde an dem sie sich laben konnten.
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Um 15 Uhr verabschiedeten wir uns von Pablo, Edward, Ronny und unseren Reinschs – von neuen Freunden namens Andreas, Laila und Wolfgang. Wir waren neidisch auf die Österreicher, da sie noch einen Tag länger auf dem Hausboot verweilten durften. Der große Fluss und das ganze Flair drum herum waren so intensiv und inspirierend gewesen, dass wir gerne noch geblieben wären. Auf einem ziemlich großen Kahn schipperten wir – nur zu zweit an Bord – zurück nach Manaus, stiegen im „Colonial“ ab und gingen um die Ecke in ein Restaurant. Der blasse Kellner sagte uns gegen 20 Uhr, dass sie jetzt schließen würden, da diese Gegend nun viel zu gefährlich sei. Willkommen in der Zivilisation! Recht früh gingen auch im Hotel die Lichter aus, denn morgen würde es weiter in Richtung Norden gehen.
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Zum Abschluss unseres Brasilientrips hatten wir ein letztes Mal Inlandsflüge gebucht. Nach mehreren, oft tagelangen, Busfahrten genossen wir diesen Komfort. Am Flughafen sahen wir noch einmal die Schildkröten und ohne Verspätung hob die Maschine in Richtung Boa Vista ab. Für schmales Geld fuhren wir per Taxi zum Busbahnhof, entschieden aber dort, erst morgen nach Venezuela weiterzureisen. Wir beide wollten – wie zwei vom Glück Verfolgte – noch einen Tag länger im bisher schönsten Land unserer Weltreise verweilen. Wir wussten längst, dass es dem Satz von Jorge Amado nichts hinzuzufügen gibt: “Wer Brasilen bereist, wird mehr Lebensfreude, Herzenswärme und Intensität erleben, als in seinem ganzen Dasein!”
Wir kommen wieder!

Zum Weiterlesen: “90 Minuten Update” bei Amazon.de
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Die coolsten Herren des Strandes bei Fritten, Fussball & Bier

30. Mai 2014 | von | Kategorie: Blog, Fußball-WM 2014

Hö

Es ging also zurück über „Los“, denn Morro de São Paulo lag in entgegengesetzter Richtung zu Recife. Zunächst tuckerten wir mit dem Bus durch die komplette Stadt, um am „Tor des Meeres“ auf die Autofähre zu gelangen. Bereits zum zweiten Mal überquerten wir somit die gigantische Baia de Todos os Santos und bewunderten nochmals die Traumstadt Salvador im Hintergrund. Die Bucht der Allerheiligen ist die größte ihrer Art in Brasilien und wurde bereits 1501 von Amerigo Verspucci entdeckt – immerhin Namensgeber des Kontinents und der Bundestaat Bahia leitet sich auch von diesem Meeresbusen ab, in dem sich das Wasser in sanften Wellen kräuselte und grau-glänzende Delfine fröhlich neben kleinen Segelkuttern der Küstenschiffer sprangen.
Um 16 Uhr erreichten wir nach wenigen Kilometern den Fähranleger von Valencia und auf einer wiederum faszinierenden Bootsfahrt fuhren wir zwei Stunden auf Kanälen und Flüssen zu unserem Ziel. Rechts und links erblickten wir eine eindrucksvolle tropische Vegetation mit Palmen, Bananen-, Papaya-, und Mangobäumen, Mangroven aber auch Hibiskus und Orchideen. Wir beobachten verschiedene Vogelarten und sahen sogar zwei Papageien und etliche Kolibris, die versuchten unsere Nasen zu küssen …
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Zun Weiterlesen Die obercoolsten Herren des Strandes bei FFB
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Schwarz & Bunt bei Fritten, Fussball & Bier

30. Mai 2014 | von | Kategorie: Blog, Fußball-WM 2014

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Pascal, einer meiner besten Freunde, ist ein Mischling. Ja, ein Schwarzer, Dunkelhäutiger, Mulatte, oder eben Deutsch-Afrikaner. Er begreift diese Begriffe nicht als Schimpfwörter, da auch er seine Mitmenschen nach Äußerlichkeiten umschreibt. Vor vielen Jahren erzählte er mir mal folgende Geschichte: Bis zum Alter von 8 Jahren realisierte er gar nicht, dass er anders aussah, als die anderen Kinder seiner Klasse. Er sprach dieselbe Sprache (mit urigem Berliner Dialekt), hatte dieselben Hobbys und spielte den Erwachsenen die gleichen Streiche wie alle Kids in seinem Alter. Er duldete keine Einschränkung seiner Freiheit.

Es kam der Tag, an dem ein dunkelhäutiger Onkel über ein Visum aus Westberlin erschien und mit ihm in der U-Bahn zum Alex fuhr. Genau während dieser Fahrt merkte er erstmals, dass mit ihm etwas nicht „stimmte“. Unzählige Passagiere drehten sich nach den beiden um, tuschelten und kurz vor der Endstation zeigte ein Kind mit dem Finger auf ihn und rief laut zu seinen Eltern: „Guck mal, die Negerpuppe kann ja sprechen!“ In der DDR gab es leider ein Spielzeug, das unter dem sinnfreien Namen „Negerpuppe“ in volkseigenen Läden verkauft wurde. Zwei „lebendige“ schwarze Menschen waren in jener Zeit in Ostberlin eine echte Sensation – für das geschockte weiße Kind sicherlich umso mehr.

Neger – ich tue mich heutzutage schwer damit, dieses Wort zu niederzuschreiben, denn ich komme aus einem Land der politischen Korrektheit, in dem man, historisch bedingt, äußerst vorsichtig in seiner Wortwahl gegenüber Andersfarbigen sein muss. Gleichzeitig lebe ich im Land der „Weißen“, in dem unterschwelliger Rassenhass nicht nur theoretisch existiert …
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Fritten, Fussball & Bier

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Die Herren des Strandes auf Spiegel Online 2014

30. Mai 2014 | von | Kategorie: Blog, Fußball-WM 2014

Frau
Die Fußball-WM 2006 auf deutschem Boden! Es hätte ein bedeutendes Ereignis für mich werden können. Aber nein! Genau zu dieser Zeit befand ich mich mit meiner Freundin auf Weltreise. Das Eröffnungsspiel sahen wir auf einem Miniaturfernseher mit verrauschtem Bild in einem bolivianischen Gebirgskaff und in der einzigen Kneipe, in der Fußball lief. Aber ich gab nicht gleich auf!

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Es wurde dann doch die schönste Reise meines Lebens. Bei den vom Ballfieber infizierten Argentiniern und vor allem in Brasilien wurden wir mit einer unglaublichen Herzlichkeit empfangen. Überall verstand man ohne Worte, dass ich ein verzweifelter Kerl war. Denn schließlich fand die WM in meinem eigenen Land statt, und ich war nicht direkt dabei …

Zum Weiterlesen: Die Herren des Strandes bei Spiegel Online
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Schwarz & ziemlich bunt – Salvador da Bahia!

10. Februar 2014 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Blog, Fußball-WM 2014

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Pascal, einer meiner besten Freunde in Berlin, ist ein Mischling. Ja, ein Schwarzer, Dunkelhäutiger, Mulatte, oder eben Deutsch-Afrikaner. Er begreift diese Begriffe nicht als Schimpfwörter, da auch er seine Mitmenschen nach Äußerlichkeiten umschreibt.
Vor vielen Jahren erzählte er mir mal folgende Geschichte: Bis zum Alter von 8 Jahren realisierte er gar nicht, dass er anders aussah, als die anderen Kinder seiner Klasse. Er sprach dieselbe Sprache (mit urigem Berliner Dialekt), hatte dieselben Hobbys und spielte den Erwachsenen die gleichen Streiche wie all die Kids in seinem Alter. Er duldete keine Einschränkung seiner Freiheit. Vielleicht war es aber auch eine Frage der fehlenden Eitelkeit in jungen Jahren, in denen man Spiegeln eine eher untergeordnete Rolle beimaß – in einer Epoche, in der es lediglich matte, schwarz-weiß Fotos gab. Außerdem wuchs er bei einer Pflegemutter auf, die bis an ihr Lebensende aufopferungsvoll für ihn sorgte und ihm nie das Gefühl gab, dass die Hautfarbe eines Menschen eine Rolle spielt.
Es kam der Tag, an dem ein dunkelhäutiger Onkel über ein Tagesvisum aus Westberlin erschien und mit Pascal in der U-Bahn zum Alex fuhr. Und genau während dieser Fahrt merkte er erstmals, dass mit ihm etwas nicht „stimmte“. Unzählige Passagiere drehten sich nach den beiden um, tuschelten und kurz vor der Endstation zeigte ein kleines Kind mit dem Finger auf ihn und rief laut zu seinen Eltern: „Guck mal, die Negerpuppe kann ja sprechen!“
Sicherlich muss man dazu wissen, dass es in der DDR eine Spielzeugpuppe für Mädchen gab, die tatsächlich unter dem sinnfreien Namen „Negerpuppe“ in volkseigenen Läden verkauft wurde. Zwei „lebendige“ schwarze Menschen waren in jener Zeit in Ostberlin eine echte Sensation – für das geschockte weiße Kind sicherlich umso mehr.
Neger – ich tue mich heutzutage schwer damit, dieses Wort zu niederzuschreiben, denn ich komme aus einem Land der politischen Korrektheit, in dem man, historisch bedingt, äußerst vorsichtig in seiner Wortwahl gegenüber Andersfarbigen sein muss. In diversen, historisch bedeutsamen Büchern musste diese Bezeichnung mittlerweile entfernt werden. Gleichzeitig lebe ich in einem Land der „Weißen“, in dem unterschwelliger Rassenhass noch immer an der Tagesordnung ist.

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Während der langen Busfahrt dachte ich an die Story von Pascal, da ich vor kurzem das Buch „Herren des Strandes“ von Jorge Amado gelesen hatte. In wenigen Stunden würden wir also Salvador da Bahia erreichen, die Stadt der Negerpriesterinnen, Negerheiligen und Negergöttinnen – wie der Autor sie wortwörtlich nannte, der Ort mit dem seltsamsten Menschenschlag Brasiliens, in dem kräftige Mulatten und schwarze Vagabunden ihr Unwesen treiben und ihre Blicke kaum von den Brüsten und Schenkeln kleiner Negerinnen mit tänzelndem Gang wenden können (in Amados Werk wurden schwarzen Menschen ausschließlich – ohne rassistische Hintergedanken – Neger genannt). In Reiseführern heißt es, dass 80 % der Bevölkerung Salvadors Afro-Brasilianer sind und die ehemalige Hauptstadt die kulturelle, religiöse und musikalische afrikanische Seele das Landes sein soll.
Als wir den Busbahnhof erreichten, war ich dennoch geschockt. Alle (!) waren schwarz und ich hatte das Gefühl, dass uns auch jeder anstarrte. Die braungebrannte Sylvie fiel mit ihren dunklen Haaren und dem eher arabisch anmutendem Äußeren gar nicht so sehr auf. Doch ich, mit meinem flatternden Blondhaar und dem käseweißen Gesicht, fühlte mich, als ob ich soeben im Dschungel von Schwarz-Afrika abgeworfen wurde. Ein dunkelhäutiger Krakeeler zeigte mit dem Finger auf mich und brüllte etwas, was den halben Busbahnhof zu amüsieren schien. „Guck mal, das bleiche Persil-Paket kann ja sprechen“, könnte es gewesen sein.
Es gab dort keine Harmonie und Ausgewogenheit der Rassen, dass es einem augenblicklich ganz warm ums Herz wurde und zum allerersten Mal im Leben ahnte ich, wie es ist, „anders“ zu sein. Wir waren umgeben von Mördern, Frauenschändern und Dieben. Nein! Niemand krümmte uns ein Haar und mit unerwarteter Herzlichkeit erklärte man uns, mit welchem Bus wir ins Zentrum gelangten.
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Auf dem Weg dorthin trafen wir unseren ersten weißen Menschen seit einer halben Stunde. Im Buch von Amado gab es ein Foto vom Autor – mit weißem Haar und Oberlippenbart – und wenn ich nicht gewusst hätte, dass er bereits 2001 gestorben war, hätte ich gedacht, wir säßen ihm nun genau gegenüber. Das Krasse: es war ein Deutscher, der vor über 50 Jahre ausgewandert war, um in der schönsten Stadt der Welt zu leben. Mit viel Witz und Charme begleitete uns Bruno auf der fast einstündigen Fahrt nach Pelorinho und stellte uns – wie bei einer teuer erkauften Stadtrundfahrt – seine Stadt, mit eingeworfenen Anekdoten, vor. Zu fast jeder Häuserzeile, aber auch zum altehrwürdigen Fußball-Stadion kannte er unzählige Geschichten und recht schnell merkten wir, dass er „die Negerstadt“ Amados über alles auf der Welt liebte. Die noch im 17. Jahrhundert größte Stadt der Südhalbkugel und ehemalige Hauptstadt Brasiliens ist noch heute mit seinen fast 3 Millionen Einwohnern die drittgrößte Metropole und das eigentliche kulturelle Zentrum des Landes.
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Wir waren fast ein wenig traurig als wir das historische Altstadtzentrum in der so genannten „Oberstadt“, erreichten, da wir uns nun per Umarmung voneinander verabschieden mussten. Leider hatte ich Bruno vergessen zu fragen, ob die „Herren des Strandes“ noch immer in der „Capital da Alegria“ (Hauptstadt der Freude) ihr Unwesen treiben, zumal er uns eindrücklich geraten hatte, das Museum von Jorge Amado zu besuchen.

„Pelorinho“ – so der Name des Stadtteils, den wir nun betraten, bedeutet übersetzt Pranger oder Steinpfosten und – so viel wussten wir bereits – war einmal Teil des größten Sklavenmarktes in Südamerika, wo der Hauptteil der fünf Millionen Sklaven vor einigen Jahrhunderten aus Westafrika ankam und nicht wenige von ihnen an diesem Steinpfosten ausgepeitscht wurden. Noch heute ist die bestimmende Hautfarbe auch hier „oben“ eher schwarz, doch das vormals heruntergekommene Viertel wurde aufwendig saniert und gehört seitdem zum UNESCO-Weltkulturerbe. Demnach waren die Menschen weiße Touristen gewohnt. Niemand beachtete uns bei der Suche nach einer Unterkunft.
Dummerweise hatten wir im Vorfeld nichts gebucht, sodass wir ziemlich lange herumirrten. Die ersten vier Hotels waren ausgebucht. Zum Glück gab es weitere Alternativen und von der, von uns schließlich gebuchten Behausung, konnten wir direkt auf einen Platz mit futuristischem Springbrunnen schauen und das bunte Treiben auf den Straßen beobachten. Wir hielten uns gar nicht lange am Fenster auf, sondern stürzen uns sofort ins pralle Leben!

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Die Menschen in Salvador sollen für ihre Lebensfreude, ihre Lust am Musizieren und am Tanzen bekannt sein. Bereits bei den ersten Schritten über die heißen Pflastersteine der beeindruckend hübschen Altstadt bekamen wir das zu spüren. Überall erklang Musik aus Bars und Cafés, die Menschen tanzten spontan – und recht wild – auf der Straße und das alles ohne, dass es aufgesetzt wirkte. Direkt vor dem berühmten Art-Deco-Fahrstuhl „Elevador Lacersa“, mit dem man in 30 Sekunden die 72 Meter tiefergelegene „Unterstadt“ erreichen kann, zelebrierte eine Gruppe dunkelhäutiger Typen gerade eine Capoeira-Vorstellung. Wir waren beeindruckt, was man mit seinem Körper in dieser Mischung aus Kampf, Tanz, Geschicklichkeit und Spiel alles so anstellen kann.
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Vor der Aussichtsplattform – mit herrlichem Blick auf das Büro- und Hafenviertel mit dem berühmten „Tor des Meeres“ – stand eine große, schwarze und vor allem vollbusige Figur. So viel wusste ich schon durch Amado: in Salvador werden vor allem die mutigsten und tapfersten Frauen von der schwarzen Bevölkerung nach ihrem Tode als Heilige verehrt.
Wir fühlten uns gut aufgehoben und sicher, denn durch die Restaurierung des historischen Zentrums war hier eine Gegend wiederbelebt worden, die zuvor als extrem gefährlich galt. Das hatten wir noch von Bruno erfahren. Als tapfere Touristen trauten wir uns demnach bis tief in die Nacht sogar in dunkle Seitenstraßen, wo vermeintliche Messerstecher lauerten. Leider viel zu spät bemerkten wir jedoch, dass uns bei der Hotelwahl einen Fehler unterlaufen war, denn der moderne Brunnen begann alle halbe Stunde riesige Fontänen auszuspucken. Doch damit nicht genug: dazu erklang eine unfassbar laute und vor allem nervige klassische Musik. Am Tage wäre das ja alles zu ertragen gewesen, aber nicht nachts, halbstündlich und vor unserem Fenster. Sylvie lehnte sich um 4 Uhr neben mir ungläubig mit hängenden Brüsten weit über die Brüstung, da sie das alles nicht glauben konnte. Der Mond übergoss den Platz mit gelben Licht. Irgendwo in der Ferne sang jemand eine traurige Samba und das Schluchzen eines Mädchens war zu hören.

Nach zu wenig Schlaf tauchten wir wieder in das faszinierende Leben der Altstadt ein. Die Sonne überzog die Straßen und pastellfarbenen Häuserfassaden mit einer sanften Helligkeit. Schon nach kurzer Zeit spürten wir die Herrlichkeit des Tages und die einzigartige Freiheit, die Straßen dieser Stadt durchstreifen zu dürfen. Nach einem Cafezinho, den wir an einem rollenden Kiosk von einem frech grinsenden Jungen gekauft hatten, der so schwarz, wie der von ihm gereichte kleine Kaffee war, kamen wir an unzähligen Galerien, Kunst- und Trödelläden vorbei. Die Kopfsteinpflaster-Plätze und alten Kirchen zogen uns magisch in ihren Bann. Besonders die mächtige Catedral Basilica, die barocke Igreja de Sao Francisco und die auffallend blau getünchte Igreja do Rosario dos Petros, aber auch der Terreiro de Jesus (ein Brunnen mit Figuren, welche die vier großen Flüsse Brasiliens symbolisieren) ergaben prächtige Fotomotive.
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Später entdeckten wir endlich das Wohnhaus von Jorge Amado. Schräg gegenüber befand sich das Museum, wobei uns die ausgestellten Fotos und die Übersicht seiner Bücher nicht gerade zu Begeisterungsstürmen veranlassten. Aber sagen wir es mal so: Salvador zu besuchen, ohne seinen bedeutendsten Bewohner zu huldigen, ist in etwa so, als verbrächte man erstmals einige Tage in Ostberlin und hätte zuvor nicht den „Mauergewinner“ gelesen. Vor der Museumstür gab es eine Skulptur aus Stahl, namens Exu, welche laut Amado ein Kind darstellen soll, dass es liebt, sich vagabundierend auf den Straßen herumzutreiben, Streiche zu spielen und keine Einschränkung seiner Freiheit duldet.
Nach einem Mittagsschlaf und ein paar Bahia-Frikadellen (Bällchen aus brauen Bohnen, Salz, Zwiebeln und serviert mit einer Creme aus zermahlenen Krabben, Nüssen, Öl und Kokosmilch) stürzten wir uns einmal mehr ins lebendige Nachtleben.
Schon zuvor hatten wir erfahren, dass wir genau zur richtigen Zeit in der Stadt waren. Am Abend fand, wie jeden Dienstag, in „Pelo“ das Open Air Fest „Dia & Noite“ statt. Unglaublich, aber die Stadtverwaltung bezahlt tatsächlich allwöchentlich die diversen Rhythmusgruppen, Trommler und Musiker damit wir kalkweißen Touristen uns die Darbietungen kostenlos anhören können. In Berlin feiert man einmal im Jahr beim „Karneval der Kulturen“ das Miteinander aller Hautfarben – in Salvador da Bahia jeden Dienstag. Muito bom!

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Eine ständig wachsende Menschenmenge wälzte sich wenig später durch die nunmehr eng wirkenden Straßen der Stadt, denn nicht nur auf dem Hauptplatz des Viertels sangen und tanzten die Gruppen – die ganze Altstadt war nun eine Bühne. Die Leute bewegten sich rhythmisch im Strom durch die Gassen. Zusätzlich gab es überall fliegende Händler bei denen wir günstige Snacks und Dosenbier bekamen. Allerdings gab es noch immer keine Spur von den räuberischen und stolzen „Herren des Strandes“ aus meinem Buch. Wir sahen aber auch nirgends verwahrloste Straßenkinder in Lumpen und Taugenichtse die Klebstoff schnüffelten, stahlen oder Frauen (und blonde Männer) belästigten. Der größte Barock-Slum der Welt – aus den Zeiten Amados – hatte sich in dieser Hinsicht deutlich verändert. Lediglich ein einziger schwarzgelockter Junge im Alter von etwa 10 Jahren, der gekonnt mit fünf Kokosnüssen jonglierte und dabei freudestrahlend seine blitzenden weißen Zähne zeigte, erinnerte mich an die Jungs mit Namen wie Hinkebein, Kater, Joao Grande, Gottesliebling und Pedro Bala, die trotz allerlei Flausen im Kopf, immer einen Stern an der Stelle des Herzens trugen.
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Die Polizei lief dennoch ein paar Runden, kontrollierte aber lediglich, ob alle Bierverkäufer Genehmigungen besaßen. Die leeren Dosen wurden uns von Blechsammlern regelrecht aus den Händen gerissen. Obwohl mir das bunte Treiben sehr gefiel, konnte besonders Sylvie nicht genug bekommen und wollte bis weit nach Mitternacht um die Häuser ziehen. Aber auch ich konnte die Blicke kaum von den Schenkeln und Brüsten der dunkelhäutigen Frauen abwenden, die ekstatisch und mit elegantem Hüftschwung Lambada und Samba tanzten. Doch die schönste Frau, mit dem zärtlichsten Blick der Welt, befand sich an meiner Seite. In diesem Moment wusste ich, dass unter den abertausenden Sternen über Salvador da Bahia gerade nur einer für mich leuchtete.
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Urplötzlich waren die Straßen stockdunkel und menschenleer. Ich hielt es daher für keine schlaue Idee, ganz allein in der Finsternis zu flirten, denn die verlassenen Ecken wirkten nun nicht mehr sehr sicher. Um 3 Uhr nachts war Feierabend und nur der singende Brunnen erklang noch klagend bis zum Morgengrauen.

Vor der langen Busfahrt ins weiter nördlich gelegene Recife schliefen wir gemütlich aus, frühstückten in einem Straßencafé und bummelten nochmals durch die entzückende Stadt. Bei einigen Galerien kehrten wir sogar ein und kauften – erstmals auf dieser Reise – ein paar farbenfrohe Bilder. Die postkartengroßen Malereien im typisch salvadorianischen Stil haben bis heute einen Ehrenplatz in unserer Wohnung. Nach einer nochmaligen Bahia-Buletten-Stärkung stiegen wir in den Bus zum Fernreisebahnhof. Und wen trafen wir wieder? Richtig, unseren Freund Bruno. Mit überschäumender Begeisterung berichteten wir ihm von unseren Erlebnissen in seiner tiefschwarzen aber doch so bunten Stadt. Er hatte uns nicht zu viel versprochen. Lediglich die „Herren des Strandes“ hatten wir nicht getroffen, erzählte ich ihm. Bruno schaute mich groß an und sagte: „Wie der Name schon sagt, werdet ihr sie am Strand treffen, doch heutzutage…“. Bruno überzeugte uns, mal wieder alle Pläne über den Haufen zu werfen, denn am Busbahnhof kauften wir uns Tickets bis nach Valencia (statt nach Recife), um zuvor an die – laut seiner Aussage – schönsten Strände Brasiliens zu gelangen. Auf nach Morro de Sao Paulo!
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Zum Weiterlesen: 90 Minuten Update

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