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Leseprobe 4 zum Buch “EINHEIT UNNORMAL”

17. Februar 2020 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, EINHEIT UNNORMAL

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“…zusammen mit 20.841 Zuschauern sehe ich also eine Partie, der ich, laut der Regel des Autors von „Fever Pitch“, leider nur null von sieben Punkten  geben kann.

Aber irgendwie, ich weiß nicht, es ist trotzdem geil.

Vielleicht, weil es der erste warme Tag des Jahres ist und das Bier an der „Falle“ vor dem Spiel besonders mundet. Vielleicht, weil Nadine die Musik-Auswahl vor der Partie begeistert und ihr die Hymne von Nina Hagen Gänsehaut beschert. Vielleicht, weil während des Grottenkicks ein kleiner, rot-weißer Ball von den Zuschauern zur Belustigung im Stadion herumgeworfen wird, den ich nur Zentimeter vor Nadines Kopf fange. Vielleicht, weil ich Billy und Keule in Sektor 3 (wir sind in 4) deutlich aus der Menge heraushören kann, wenn sie jemanden als „Blinden“, „Wichser“ oder „Vollpfosten“ beschimpften. Vielleicht, weil wir mit Metze noch einen Freund aus der Pfalz treffen, der uns zum Absacker nach Friedrichshain begleitet. Ich weiß es nicht.

Drei junge Engländer aus Birmingham stehen während des Spiels in unserer Nähe und wir kommen ins Gespräch. Sie lassen ihrer Freude darüber freien Lauf, wie preiswert die Tickets sind, dass es hier überall günstiges Bier gibt, dass sie an der Alten Försterei stehen und rauchen dürfen.

Auch die Dauergesänge tausender Unioner und die der „Roten Teufel“ nebenan finden sie gigantisch. Eine Atmosphäre, welche sie in „Sitzplatz-England“ nur noch sehr selten erleben.

Mir wird mal wieder bewusst: Deutschland hat sich eine fantastische Fußballkultur bewahrt, mit Stadien, die einen Ausgleich zum dumpfen Alltag bieten und ein Ventil für pure Lebensfreude sind.

Nur wenige Tage später hebt ein Flieger in Richtung London ab. Ich will Andi zum Geburtstag ein Spiel auf der Insel schenken. Natürlich habe ich nichts dem Zufall überlassen und bereits Tickets organisiert.Bei Arsenal und Chelsea war ich schon, Tottenham und Millwall kicken „away“ und Fulham kommt nicht in Frage. Bleibt also nur Crystal Palace, die im Stadtderby gegen die Queens Park Rangers in der Premier League antreten.
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Mein Kumpel in England hat mit Ryan einen „Eagle-Fan“ im Kollegenkreis, der uns zwei Jahreskarten im „Whitehorse Lane Stand“ zum Freundschafts-Preis von je 30 Pfund überlässt, weil er zu einer Hochzeit muss. Okay, bei Nick Hornby hätte das nicht als Ausrede für das Verpassen eines Fußballspiels gegolten. Uns ist es recht. Am 14. März 2015 heißt es um 11 Uhr: Auf zum Selhurst Park!

Im Vorort-Zug treffen wir auf die versammelte Alt-Hooligan-Fraktion von QPR, solche, denen man Ende der 80er lieber nicht über den Weg gelaufen wäre. In Selhurst Station gehen wir mit ihnen noch ein Stück des Weges, bis wir in eine dunkle Gasse – rechts und links von roten Klinkermauern umgeben – geraten. Mit komischem Akzent werden wir von einem dicken Kerl mit Glatze gefragt, ob wir Queenspark-Jungs wären, oder ob wir uns einfach nur verlaufen hätten? 

Zurück am Bahnhof wird  klar, dass die Heim-Fans eine völlig andere Route entlang des Bahndamms wählen. Wir reihen uns ein und laufen durch eine trostlose Londoner Vorstadt, wie in einer Szene aus einem Film über gewaltbereite Fans.

In der Masse fallen wir nicht als „Germans“ auf, zumal jetzt auch einige Väter mit Kindern am Start sind.

Es ist nun schon zwölf Uhr mittags und wir bekommen so langsam Durst. Leider gibt es hier keine Bier-Verkaufsstände, Kioske oder fliegende Händler, und die einzige Eckkneipe kurz vor dem Stadion ist brechend voll.

Auf der Suche nach unserem „Stand“ entlang des leicht zerstückelten Stadions, mit dem beindruckenden Backsteinbau der Haupttribüne, treffen wir die QPR-Typen vor dem „Arthur Wait Stand“ wieder. Andi wird von dem Dicken gegrüßt und fast mit hineingesaugt. Unmittelbar daneben befindet sich jedoch der richtige Eingang. Über ein schmales, rostiges Drehkreuz, einen finsteren Tunnel und etliche bröcklige Betonstufen gelangen wir endlich zu den richtigen Plätzen.  

Letztendlich grenzen unsere Sitze unmittelbar an den Gästeblock und bereits vor Spielbeginn müssen wir Schmähgesänge über uns ergehen lassen. Die Palace Jungs halten dagegen und fordern die QPR-Fraktion mit eindeutigen Gesten dazu auf, rüberzukommen. Und das alles ohne Zäune und wenig Security. Ein Spaß!

Die „Holmesdale Fanatics“ des Crystal Palace FC stehen auf der gegenüberliegenden Seite. Sie sollen eine der wenigen Ultra-Vereinigungen in England sein, die noch gegen die hohen Eintrittspreise rebellieren und sich mit allerlei Aktionen dafür einsetzen, die alte, britische Fußballkultur zu bewahren. Zumindest sehe ich mit eigenen Augen, dass der schwarz gekleidete Mob die ganze Zeit steht und ordentlich Rabatz macht.

Unten im Tunnel verkaufen sie überraschenderweise alkoholhaltiges Bier in Plastik-Flaschen, und da uns niemand daran hindert, betreten Andi und ich den Rasen auf Höhe der Eckfahne und machen lustige Erinnerungsfotos. Er mit Union-Schal.

Erst als Cheerleader-Mädels auflaufen (so viel zu britischer Fußballkultur), werden wir verscheucht. Zumindest erleben wir noch den Flug eines riesigen Adlers, der grazil über das ganze Spielfeld segelt und im Block direkt vor unseren Augen wieder landet. Ryan funkt mich alle 10 Minuten per SMS an und fragt, wie es uns gefällt.

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Um 12:45 Uhr ist Anpfiff: Beide Teams sind nicht sonderlich spielstark, doch Ryan kann sich für uns freuen, da wir ein abwechslungsreiches 3:1 und wahrscheinlich das Tor des Jahres in England sehen: „Matt Phillips scored a brilliant 40-yard effort after 83 minutes.“ Zufrieden laufen wir mit den Massen durch die engen Gassen zurück zum Bahnhof und bekommen nirgendwo aufs Maul.

Wir versacken in der Londoner Innenstadt im „Zeitgeist“, einer Kneipe, die auch die Bundesliga zeigt. Es ist noch früh am Abend. Dennoch klingt mir schon jetzt ein Song der Crystal-Palace-Fans in den Ohren, der mich bis tief in die Nacht begleitet und meine Gefühle beschreibt: „And I’m feeling, glad all over. Yes I’m, glad all over.”  

Am 20. März 2015 enden meine zwölftägigen Fußball-Festspiele: Union kickt gegen St. Pauli. Es ist die einzige Partie, zu der ich immer nach Köpenick fahre. Was soll ich berichten? Das Match ist fast noch schlechter als das gegen den FCK, obwohl ich das kaum für möglich gehalten hatte.

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Aber (!) es ist ein Freitagabend-Flutlichtspiel und die rappelvolle Hütte brennt in der 89. Minute lichterloh, als Sebastian Polter der 1:0-Siegtreffer gelingt.

Meine Hamburger Freunde, die jetzt Vorletzter sind, müssen getröstet werden, auch weil Haue aus Billys Truppe sie am Stammtisch fragt: „Was ist der Unterschied zwischen einem Marienkäfer und St. Pauli?“ „Der Marienkäfer hat mehr Punkte.“ Der Abend endet verdammt spät im Friedrichshainer Kneipensumpf.

Mit einem Flutlichtspiel endete am 20.03.2015 eine – für mich – außergewöhnliche Woche: Union kickte gegen den FC St. Pauli. Das ist die Partie, auf welche ich seit Jahren eigentlich immer gehe (auswärts wie home). Das Match war in meinen Augen noch schlechter, als das gegen den FCK, obwohl es für Fußball-Nostalgiker (und Eiserne Fans) denkbar schön mit einem Tor in der 89. Minute 1:0 für die Köpenicker ausging. Aber es war ein Freitagabend-Flutlichtspiel! Eine riesige Truppe (mit befreundeten Hamburgern) hatte sich zusammengefunden, hunderte Liter “Berliner Pilsner” wurden nicht nur am „Warsteiner-Stammtisch“ angesaugt und der Abend endete verdammt spät in der „Tagung“ in Friedrichshain. Was für eine Fußballwoche!

Das Match endet 2:0 für Union gegen das Premier-League-Team aus England, aber auch die rund 500 mitgereisten Palace-Fans haben sichtlich ihren Spaß. Sie schmücken den Gästesektor mit unzähligen Zaunfahnen, singen ununterbrochen gegen die 8.000 Unioner an und genießen bei strahlendem Sonnenschein das frisch gezapfte Berliner Pilsner, um im Anschluss in Köpenicks Biergärten zu versacken.

Sie sind „Glad all over“ an diesem herrlichen Sommertag, denn auch für die Supporter des „Stolzes aus Südlondon“ ist Fußball ein Ausgleich zum dumpfen Alltag und ein Ventil für pure Lebensfreude! …” 

Zum Weiterlesen: 

Einheit Unnormal

von Mark Scheppert und El Rubio

BoD-Verlag; 128 Seiten; 9,90 €

ISBN:  978-3751967013

Bestellbar z. B. bei AMAZON

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„11 kleine Union-Geschichten rund um Heim- und Auswärtsspiele einer sagenhaft trinkfesten Truppe namens EINHEIT UNNORMAL von Mitte der 80er bis heute, nicht chronologisch geordnet, dafür unglaublich lustig erzählt. Sehr zu empfehlen“

Christian Arbeit, Stadion- und Pressesprecher 1. FC Union Berlin

Und hier noch ein paar Bewegtbilder:

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https://youtu.be/-wfCtWp7x-8

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Blau in München 2012

30. Mai 2012 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Blog

Mir san mir
„Sind wir bescheuert oder was?“, ruft mir Benny entsetzt zu. Am „Olympiazentrum“ hatte er bemerkt, dass wir in die falsche U-Bahnlinie gestiegen waren. Ich muss grinsen, denn irgendwie komme ich mir vor, wie ein chinesischer Tourist, der anstatt in der „Allianz-Arena“ im „Olympiastadion“ gelandet ist. Zudem haben wir Zeit. Es ist gerade einmal 19 Uhr als wir in einem fast leeren Abteil mit der U3 zurück zur „Münchner Freiheit“ fahren. Wir kommen mit einem älteren Paar ins Gespräch. Der Mann fragt, wo wir das Match sehen werden und nachdem ich es ihm voller Stolz erzähle, berichtet er mit leuchtenden Augen, dass er beim Endspiel der WM 1974 auch im Stadion gewesen war. Ich beuge mich vor und flüstere: „Es gibt nur zwei Spiele, die ich im Leben unbedingt einmal live sehen möchte: Ein Finale der Fußball-WM mit deutscher Beteiligung und das heutige Match.“ Ich habe Karten für das Endspiel der Championsleague 2012 zwischen Bayern München und Chelsea London und erfülle mir gerade 50 % eines Traums!

Dazu braucht man entweder viel Geld, was ich nicht besitze, oder gute Freunde. Nein, nicht diese Virtuellen, sondern Kumpels, die man ein halbes Leben lang kennt und die sich für einen den Arsch aufreißen. In meinem Fall sitzt dieser Mensch in London. Göte ist seit vielen Jahren im Chelsea-Supporter-Club und kann nur deswegen nicht mit mir nach München reisen, da seine Frau laut eigener Aussage „genau an diesem Wochenende werfen muss.“ Ich habe Verständnis dafür, dass er kein vollkommen durchgeknallter Fußballidiot ist, sondern bei der Geburt seines ersten Kindes mit dabei sein möchte. Allerdings ist das gut für mich, denn so kann meinen Bruder Benny mit nach Bayern nehmen. Wir müssen ein paar Formulare mit Passnummer ausfüllen (da sie in England die bösen Buben aussortieren wollen) und bekommen irgendwann per E-Mail die Zusage, dass uns ein Ryan die Tickets für je 70,- € am 19.05. in einem Hotel in München übergeben wird. Wahnsinn!

Mit meinem Vater gab es mal ein gemeinsames Fußballereignis welches uns bis zu seinem Tod für immer zusammengeschweißt hatte. Schon bevor wir das Auto besteigen, habe ich im Gefühl, dass dies das (!) Brüder-Match sein könnte. Allerdings ist Benny seit vielen Jahren großer Drogba- und Chelsea-Fan. Bei mir schlägt eher das deutsche Herz wenn es eine Mannschaft von „uns“ so weit geschafft hat.

Wir stellen am Samstag gegen 11 Uhr das Auto in München-Freimann ab und fahren mit der U6 in die Innenstadt. Gestern hatten wir noch in „Bayern 3“ gehört, dass alle Münchner dazu aufgefordert wurden, die Stadt „rot-weiß“ zu schmücken und auch im TV hatte es zuvor ununterbrochen geheißen, dass alle Deutschen den Bayern beim Finale „Dahoam“ die Daumen drücken müssen.

Ich muss zugeben, dass sie mich als Berliner mit dem „Mir san mir“-Gequatsche nicht so richtig ins Boot geholt hatten. Selbst Manuel Neuer hatte dieses „Dahoam“ (mit lustiger Betonung) aufsagen müssen. Okay, mir sind die Bayernspieler fast alle sympathisch, aber leider auch ein bisschen zu omnipräsent. In jeder zweiten Werbeanzeige sieht man eines ihrer Gesichter und der Auftritt von Robben in der Reklame für einen Sportwetten-Anbieter ist genauso grausam, als wenn man sich alle Werbespots von „Carglass“ in einer Dauerschleife anschauen müsste. Nicht nur weil wir abends bei den „Blauen“ stehen werden, trage ich ein neutrales „Flamengo Rio de Janeiro“-Shirt, als wir gen Marienplatz tuckern.

Benny ist vermeintlicher Ärger jedoch scheißegal. Er trägt ein Chelsea Basecape, ein blaues Chelsea-Trikot (Drogba) und einen blau-weißen Chelsea-Schal. Als großer Bruder fühle ich mich noch immer ein wenig in der Beschützerrolle, doch der „Kleine“ ist mittlerweile 38 und wird schon wissen was er macht. Dennoch entspanne ich mich erst als wir den Untergrund verlassen. Überall laufen „Blues“ in kleinen Gruppen herum und keiner der vielen „Roten“ bepöbelt oder bespuckt sie, obwohl einige bereits zur Mittagszeit ordentlich Weißbier getankt haben. Lediglich ein paar jugendliche Bayernfans laufen Fahnen schwenkend durch die Straßen und brüllen provokativ: „Who the fuck is Chelsea London? Heh, Heh!“

In einem Hof in der Sendlinger Straße trinken wir Kaffee. Plötzlich springt mich jemand von hinten an. Der Barmann – ein Brasilianer – hatte entdeckt, dass ich das Trikot seines Lieblingsvereins trage. Es scheint heute ein völkerverbindender Spaß zu werden.

Wenig später treffen wir den „Frittenmeister“ aus München, einen bisher nur virtuellen Freund, der sich innerhalb einer Stunde gute Chancen erarbeit, einmal ein echter zu werden. Zu diesem Zeitpunkt sind er und Benny noch das einzige „Pärchen“, welches mit Chelsea- und Bayerntrikot lachend nebeneinander sitzt – einige Weißbier später folgen etliche Jungs und Mädels diesem Beispiel. Dann gibt es auch die Szene wo ein „Roter“ und ein „Blauer“ direkt vor uns gemeinsam „Schuhplattler“ tanzen und das komplette Lokal johlt. Eine Sache fällt jedoch auf. Die Londoner scheinen fast alle älter als die bayrischen Fans zu sein. Immer wenn der Schlachtgesang „Who the fuck is Chelsea?“ ertönt, sieht man in vernarbten, rauen Gesichtern ein weises Lächeln, das zu sagen scheint: „Nach dem Spiel werdet ihr es wissen!“

Foto: Tobias Volke

Foto: Tobias Volke

Mittlerweile haben alle dieses „What-a-perfect-day“-Leuchten in den Augen. Das Wetter ist saugut, die Stimmung grandios und die Vorfreude auf das Spiel unbeschreiblich. Nach einer Stärkung (Pizza, Pasta & Bier) laufen wir gemeinsam zum Sendlinger Tor in Richtung des vereinbarten Hotels. Langsam werde ich nervös, denn Stimmung hin oder her – ich will das Spiel jetzt wirklich im Stadion verfolgen.

Der letzte Stand war der, dass wir uns hier mit ein paar Norwegern und besagtem Ryan aus England treffen werden. Eric, der Wikinger und zwei seiner Freunde – alle in Chelsea-Kluft – sind da. Wer fehlt, ist der Mann mit den Karten. Der Frittenmeister, den ich heiß gemacht hatte, dass er vielleicht noch ein Ticket abgreifen kann, führt uns in ein Café an dem eine Regenbogen-Fahne flattert und macht den zwei Nordländern (Eric wartet im Hotel auf Ryan) klar, dass ein Toilettenbesuch hier kein Zuckerschlecken ist. Die glauben das sogar, obwohl das natürlich ein Scherz ist.

Erst jetzt stelle ich fest, dass das Englisch meines Bruders noch schlechter als meines ist, was den Gang in den Chelsea-Block sicherlich nicht erleichtern wird. Endlich kommt Eric. Allein! In seinem Gesicht erkenne ich pure Verzweiflung und als wir ihn nach den Karten fragen, schüttelt er niedergeschlagen den Kopf…um im nächsten Moment einen Umschlag aus seiner Jacke zu holen. Er überreicht uns die bedeutendsten Fußball-Eintrittskarten des Lebens. Wahnsinn!

Wir legen nun noch eine Schippe drauf und es entwickelt sich ein denkwürdiger, biergeschwängerter Nachmittag. Leider ist keine Karte mehr für den Frittenmeister übrig, doch dank ihm fühle ich mich nun wie „Daheim“. Als wir uns verabschieden, denke ich an einen Songtext von Dritte Wahl: „Liebe gute alte Zeit, bleib ein bisschen stehen, ruh dich aus für eine Weile, denn es ist grad so schön. Lass uns hier und heute bleiben, halt die Uhren alle an. Diesen Augenblick wollen wir die nächsten hundert Jahre lang!“

Vor dem U-Bahnhof holt mein Bruder ein schwarzes Auswärtstrikot von Drogba aus seinem Rucksack und zwingt mich, es überzustreifen. Also doch Auswärtsspiel!

„Sind wir bescheuert oder was?“, ruft Benny entsetzt. Erst am „Olympiazentrum“ hatte er bemerkt, dass wir in die falsche Linie gestiegen waren. Wir machen kehrt und stellen gegen 19.30 Uhr an der „Münchner Freiheit“ ernüchtert fest, dass wir uns nun total angeschissen haben. Der Bahnsteig ist komplett überfüllt und in den ankommenden Bahnen lassen sie niemand mehr hinein. Die Norweger, die eh woanders im Stadion sind, rennen aufgeregt zum Taxistand. Doch „Ihr seid Ihr“, denn die MVG lässt wenig später einen komplett leeren Zug in den Bahnhof einrollen. Lauter Jubel brandet auf, denn alle Verzweifelten passen in die Wagons. Engländer überwiegen mittlerweile, was womöglich daran liegt, dass sie sich länger dem Münchener Bier gewidmet haben. „Blue is the colour“, tönt es überall lautstark.

Fröttmaning – Endstation für Fußballjunkies. Die Arena sieht der Ferne wie ein eierschalenfarbenes Schlauchboot oder eine Monsterbienenwabe aus. Wir standen beide noch nie so nah davor und sind wie paralysiert. Überall laufen zwielichtige Gestalten herum und fragen nach Tickets. „Benny, leg deine Hand auf die Hosentasche“, brülle ich ihn an. Endlich erreichen wir den Eingang. Die Kontrollen sind lasch und als der Code meiner Karte am Drehkreuz funktioniert, reiße ich auf der anderen Seite jubelnd die Arme in die Höhe. Ein Bayernfan kommt auf mich zu, haut mir auf die Schultern und ruft: „Good luck.“ Längst habe ich vergessen, dass ich ein Chelsea-Trikot trage. „Fiel Glug“, antworte ich mit unerwarteter Leichtigkeit.

Wir laufen ums Stadion herum, um in Block 346 zu gelangen. Hier ist München blau und viele quatschen uns auf Englisch an. Da ich nur die Hälfte verstehe, rufe ich lächelnd „yes“ und strecke den Daumen nach oben. Mein Bruder folgt dem Beispiel.

Auf dem steilen Weg zu unseren Plätzen spüren wir die zahllosen Zigaretten des Tages und als wir endlich in Reihe 15 angelangt sind, sehen wir, dass wir im gigantischen Stadion fast direkt unter dem Dach stehen werden. Wie üblich wurden die Gäste in der Nordkurve platziert. Die Ränge sind momentan jedoch lediglich zu 2/3 gefüllt – einige Chelsea-Jungs scheinen sich immer noch in der Innenstadt warm zu saufen (ein Typ kommt übrigens erst in der 99. Minute), während die Südtribüne schon bis auf den letzten Platz gefüllt zu sein scheint. Unser Block liegt genau an der Schnittstelle zu den „neutralen Zuschauern“. Zäune oder eine Polizeikette gibt es nicht. Gut so!

Langsam beginnt das große Kribbeln. Auf dem Gang unterhalten wir uns über den Medienhype, der um dieses „Finale Dahoam“ seit vielen Tagen gemacht wurde. Die Frage in fast allen Sendern und Zeitungen war allerdings lediglich gewesen, wie hoch die Bayern das Spiel gewinnen werden. In meinen Augen wurde das Chelseateam aufgrund ihres Alters und der defensiven Spielweise regelrecht verspottet. „Who the fuck is Chelsea“ – in zehn Minuten werden wir es sehen!

Das Spektakel beginnt. Fahneträger laufen ein und im Kessel beginnt es zu brodeln. Die Fans im Süden zeigen eine beeindruckende rot-weiße Choreografie, in deren Mitte der Pott zu sehen ist. Auf drei Spruchbändern steht: „Unsere Stadt“, „Unser Stadion“, „Unser Pokal“. Diese Forderung gefällt mir, da sie damit ihr München meinen und eben nicht ganz Deutschland zwangsverpflichten.

In unserem Bereich liegt auf jedem Platz eine blau-weiße Fahne. Die Leute in der noch immer nicht vollzählige Kurve schwenken sie im Flutlicht und singen voller Inbrunst: „Blue is the colour, football is the game. We’re all together and winning is our aim. So cheer us on through the sun and rain, cos Chelsea, Chelsea is our name.“ Gänsehaut – und als ein Tenor die Championsleague-Hymne singt, läuft sicherlich nicht nur mir ein eiskalter Schauer über den Rücken. Mein Bruder nimmt mich in den Arm – wir sind gemeinsam hier. Wahnsinn!

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Genau in diesem Moment kommt ein vollkommen besoffener, etwa 50 Jahre alter Glatzkopf angetorkelt und fragt, ob dies Reihe 15 wäre. Ja, und der Platz neben mir gehört ihm auch. Um es vorwegzunehmen: in der Folge ruft „England-Marc“ fast ohne Unterbrechung: „Come on Chelsea“, zerrt an mir oder klammert sich fest, um nicht umzufallen. Doch er ist schwer in Ordnung, ebenso wie Peter, ein Punk mit blauem Iro, der neben Benny Platz steht. Vor und hinter uns gibt es etliche ältere Männer, die uns erklären, dass Peter Osgood, der in den 60igern und 70igern für Chelsea spielte, noch immer ihr Lieblingsspieler ist. Tätowierten Haudegen – Marke „The nightmare returns“ – denen man in den 80igern lieber nicht begegnet wäre, sieht man an, dass sie fix und fertig sind. Die Fans waren, wie ihre heutigen Helden Drogba, Terry und Lampard, ins Alter gekommen. Einige haben ihre Söhne mitgebracht und Frauen sind nur sehr wenige am Start. Anpfiff!

Zum Spiel wurde schon alles gesagt und geschrieben. Obwohl wir nach 80 Minuten fast jeden Chelsea-Song mitsingen können, kühlt der Support spürbar ab. Alle hatten die große Überlegenheit der Bayern mit eigenen Augen beobachten können und als wenig später das folgerichtige 1-0 durch Müller fällt, weiß im Prinzip jeder Londoner, dass man diese Partie (zurecht) verlieren wird. Doch wie aus dem Nichts köpft Didier Drogba kurz vor Abpfiff zum 1-1 ein. Die Nordkurve explodiert und in der Pause klopfen uns etliche Chelsea-Leute auf die Schultern, nur weil wir in unserem Bereich die beiden einzigen sind, die den Namen des Torschützen auf dem Rücken tragen. Benny platzt fast vor Stolz. Der Rest ist schon jetzt Fußballgeschichte. Die Bayern bleiben weiter hoch überlegen, Robben verschießt den Foulelfmeter in der Verlängerung und im Elfmeterschießen verliert – gefühlt – erstmals eine deutsche Mannschaft gegen eine englische. „Didi“ schießt auch hier den entscheidenden Strafstoß. Chelsea holt den Pott!

Marc erwürgt Benny fast mit dessen Schal und ich kann mich gerade so festhalten, um nicht mehrere Stufen hinunterzustürzen. Wir versinken in einer Jubelorgie, wie ich sie noch nie bei einem Spiel zweier Vereinsmannschaften erlebt habe.

Bayern München hatte nicht gegen Milan, Real oder ManU verloren, die den Titel, wie sie selbst, schon zig mal geholt haben, sondern gegen ein Team, deren Fans dieses Gefühl überhaupt noch nicht kannten. Obwohl es abgedroschen klingt: „Man wird eben nur einmal zum ersten Mal Championsleague-Sieger!“ Neben uns werden unzählige Tränen vergossen – einige harte Männer heulen wie kleine Kinder. Ein Leben lang hatten sie daran geglaubt und auf diesen Augenblick gewartet. „Who the fuck is Chelsea London?“ Die Fragesteller hatten soeben ihr blaues Wunder erlebt.

Dann geschieht etwas Außergewöhnliches. Als die betröpfelten Bayernspieler ihre wertlose Medaille überreicht bekommen, gibt es aus unserer Kurve minutenlang Beifall. Ohne jegliche Häme, sondern voller Respekt für die gezeigte Leistung. Alle begreifen, dass sie dem wesentlich besseren Team in „Ihrer Stadt“ und in „Ihrem Stadion“ in wenigen Minuten „Ihren Pokal“ klauen werden.

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Nach der Übergabe leert sich das Stadion in Windeseile, nur im Norden wird noch geweint, gesungen und getanzt. Als dann auch noch „One step beyond“ von „Madness“ gespielt wird, flippen 20000 Fans regelrecht aus und rocken hüpfend die Arena. Man spürt bis in die Fingerspitzen, dass viele von ihnen länger auf diesen Tag gewartet haben als dieser Mr. Abramowitsch überhaupt lebt. Man sollte den Chelsea-Fans den Titel deshalb auch gönnen. Das Gegenteil von Neid ist Wohlwollen.

Bald sind die Bayern wieder dran, nicht Daheim – sondern Auswärts!

Ach so. Didier Drogba wird nach dem Spiel auch noch zum „Man of the match“ gewählt, was für Benny natürlich ein zusätzliches Schmankerl ist.

Doch vor allem wird ihm diese Partie als das (!) Brüder-Spiel in Erinnerung bleiben. Bis ans Lebensende werden wir uns die Erlebnisse vor Augen führen und wissen, dass wir uns fantastisch verstehen und immer füreinander da sind.

P.S.: Bei der EURO 2012 hauen wir die Engländer dann allerdings wieder weg, falls sie unseren Weg kreuzen sollten. Sportlich, rein sportlich.

Hier noch der Bericht bei “Fritten, Fussball und Bier” mit mehr Bildern!

Madness!

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