Rechtswidrig – aus dem Buch „Leninplatz“

Am 21.05.1988 lungern wir seit Ewigkeiten mal wieder am Leninplatz herum. Gerüchte hatten die Runde gemacht, dass wir dort, am heutigen Samstag, in den Besitz eines wahren Schatzes gelangen können. Doch zwei Stunden lang flanieren nur ältere Ehepaare, die von einem Ringel aus dem maigrünen Friedrichshain kommen, oder Familien mit kreischenden Gören am Sockel vorbei. Als wir gegen 19 Uhr enttäuscht aufbrechen wollen, tauchen plötzlich zwei langhaarige Kunden in unserem Alter auf. Beide tragen Skateboards unter dem Arm, echte, aus dem Westen wohlgemerkt. Benny hatte sich im Winter zusammen mit Henry ein ostdeutsches Modell gebastelt, das aus einem zurechtgesägten Holzbrett auf vier gelben Rollschuhrädern besteht. Richtig scheiße sieht das Stullenbrett aus, obwohl er es weinrot lackiert und mit einem Garfield-Aufkleber…

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Und am Freitag in den Garten …

Die Reise mit meinen Kumpels war eine einzige Katastrophe. Ich kam richtig frustriert zurück nach Berlin und beschloss etwas: Diesmal merkst du dir aber genau, dachte ich mir, warum das so eine beschissene Tour war. Bevor ich noch einmal nach Mittelamerika oder mit denselben Idioten wegfahre. Man muss nicht jeden Fehler zweimal machen. Vor einigen Tagen bekam ich die Fotos aus diesem Urlaub wieder in die Hände. Darauf ist Folgendes zu sehen: Jenna, Göte und ich liegen lachend und bekifft an einsamen mexikanischen Traumstränden, schnorcheln mit riesigen Riffhaien und Manta-Rochen in der Nähe von tropischen Inseln, paddeln durch geheimnisvolle dunkle Höhlen in Belize und bestaunen mit offenen Mündern die Pyramiden der Maya im Regenwald von Guatemala. Es gibt kein einziges…

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Ein 9. November 1989 – der Mauerfall in der DDR

Ich werde vor allem von Westdeutschen oft gefragt, was ich am 9. November 1989 gemacht habe. Natürlich kann ich die Frage bis ins kleinste Detail beantworten: Wir waren wie jeden Donnerstag in diesen Tagen zum Trinken und Debattieren im HdjT verabredet. Vieles änderte sich in meinem Land, neue Parolen und Transparente flatterten in den Straßen der DDR. So viel Neues stürzte auf uns ein, dass wir es gar nicht schafften, über all unsere aufblühenden Vorstellungen und Fantasien für die Zukunft in unserem Land zu reden. Endlich könnten wir einen sozialistischen Staat errichten, der diesen Namen auch verdiente. Eine neue Welt würde da draußen geschaffen – von uns! Das Haus der Jungen Talente befand sich etwa 500 Meter Luftlinie von der…

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„Nadja und der Fackelzug“ bei SPIEGEL ONLINE aus meinem Buch „Leninplatz“

Auch meine Geschichte zum Fackelzug, anlässlich des 35jährigen Jubiläums der DDR, wurde nun auf Spiegel Online veröffentlicht. Im Gegensatz zu den "Mauergewinner"-Storys sind die Kommentare zu den neuen Geschichten bisher halbwegs maßvoll. Durch die Kürzungen entstehen natürlich Missverständnisse, z.B. warum ich als Thälmannpionier bei dieser FDJ-Verantstaltung schon teilnehmen konnte ... Daher anbei der Link zum Spiegel-Online-Text: "Nadja und der Fackelzug" . und hier zugleich der vollständige Text aus meinem Buch "Leninplatz": Am Freitag, den 5. Oktober 1984, werden wir morgens zum Fahnenappell einbestellt und von Frau Frisch darüber unterrichtet, dass wir sogleich geordnet, diszipliniert und mit Winkelementen ausgestattet zur Protokollstrecke an die Hans-Beimler-Straße, Ecke Mollstraße gehen werden. Erich Honecker, Andrei Gromyko und Jassir Arafat würden dort in wenigen Augenblicken zu…

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Generation Jan Ullrich – Kindheit in der DDR

Eine kleine Leseprobe aus "Mauergewinner": Ich kenne ihn und er kennt mich nicht. Wir wuchsen in derselben Zeit auf und sind auch fast gleichen Alters. Er ist ein Star und ich bin ein Nichts. Mit sicherlich hunderten Personen aus Film, Fernsehen und Sport geht uns das so – nicht nur mir. In diesem speziellen Fall ist die Sache jedoch etwas anders – komplexer, tragischer, vielleicht rührend. In unserer frühen Jugend begegneten wir uns das erste Mal. Meine Mutter ist eine sehr ängstliche Frau. Ich weiß nicht mehr, wie oft wir an der Ostsee im knietiefen Wasser zurückgebrüllt wurden, wie viele Male sie uns bis ins Erwachsenenalter belehrte, nur bei Grün über die Straße zu gehen, und wie glücklich sie war,…

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Eine lange Geschichte – Jugend in der DDR

In meinen ersten Schuljahren liebte ich die ersten Stunden nach den Sommerferien. Die alten Lehrer fragten, was wir in unseren Urlauben erlebt hatten, und die neuen interessierten sich für die Berufe unserer Eltern. Voller Stolz konnte ich immer allen erzählen, dass mein Vater Trainer im Radsport und meine Mutter Sekretärin im Außenhandel war. Dass fast 30 Prozent meiner Mitschüler einfach nur antworteten: „Mein Papa arbeitet bei MfS“, verstand ich nicht, auch nicht nachdem die Lehrerin es in ein „beim MfS“ verbessert hatte. Scheinbar wussten die Kinder selber nicht, was ihre Eltern dort so trieben und vor allem, was dieses MfS eigentlich war. Die erste Stunde verging trotzdem wie im Flug. Ich ahnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass wir zu…

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Depeche Mode in Ostberlin vor 30 Jahren

Meine ersten Freunde kamen aus Vietnam, Jugoslawien und Bulgarien. An den kleinen Tuan Tui aus dem Kindergarten kann ich mich zwar kaum noch erinnern, aber immerhin schickte ich später aus Solidarität regelmäßig Spielzeug in die Volksrepublik Vietnam. Später unternahm ich viel mit Strafko aus Sofia, der sagenhaft schelmisch dreinblicken konnte. Der wichtigste Ausländer in meinem Leben bis zum Abi aber war Dejan für mich. Es wuchs zusammen, was zusammen gehört. Am 3. Oktober 1990 feierten die Deutschen die Wiedervereinigung. Mit dem Ruf "Wir sind das Volk!" hatten die Ostdeutschen zuvor das SED-Regime bezwungen. einestages präsentiert Geschichten rund um die deutsche Einheit Dejan war Diplomatensohn aus Sarajevo - und ein Geschenk des Himmels. Ab der fünften Klasse saß er neben mir.…

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Kolumbien – Wenn dein Herz brennt

Im Fischerörtchen Taganga an der Karibikküste Kolumbiens treffen wir eine Spezies, der wir aufgrund unserer Reiseroute lange erfolgreich aus dem Weg gegangen waren. Es sind nicht nur fünf oder sechs Leute, sondern regelrechte - vorzugsweise englisch, hebräisch und französisch sprechende - Backpackerhorden. Alle Hotels direkt am Strand sind von ihnen blockiert und stylishe Typen und gackernde Bikini-Püppchen beobachten hinter schwarzen Marken-Sonnenbrillen, unsere Suche nach einem geeigneten Quartier. Für die globalisierte Gemeinschaft der „Lonely Planet Generation“ scheint dieser Ort der Endpunkt ihres Südamerika-Kreuzzuges zu sein, denn tatsächlich liegen auch zwei Schottinnen im Sand, die wir zuletzt kotzend in Nordargentinien gesehen hatten. Sie wären seit Monaten mit der gleichen Truppe unterwegs gewesen, berichten sie stolz, und sind nach Bolivien, Peru und Ecuador…

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Dreamworld – Startklar fürs Leben

Keine Ahnung, wie oft wir ihn schon imaginär gesehen haben: in Fotobüchern und Hochglanzmagazinen, auf Postkarten, riesigen Postern oder im Fernsehen. Doch wenn man ihn das erste Mal erblickt, fühlt man sich trotzdem unvorbereitet. Kein einziges Bild wird diesem Anblick gerecht. Nach einer Kurve, hinter einem kaum wahrnehmbaren Hügel, verharren wir in hündischem Staunen. Der magische Berg erscheint karminrot am Horizont. Er ist jetzt das höchstaufragende Ding auf der ganzen Welt! Wir hatten mehrere Ozeane und Kontinente überflogen, um nach Australien zu gelangen, waren tagelang durch eine ungezähmte Einöde ins rote Zentrum des Landes gefahren, nur um diesen einen Augenblick erleben zu dürfen. Wir sind am Ziel unserer Reise. Dass ein Lebenstraum so bewegend in Erfüllung gehen kann, hatten wir…

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Trabi no go! – Kindheit in der DDR

Als wir 1981 unseren ersten Trabant geliefert bekamen, hing ich mit meinem Bruder Benny zwei Stunden am Fenster. Vorher hatten wir zehn Jahre auf unser erstes Auto gewartet, aber diese beiden letzten Stunden, in denen wir unseren Vater herbeisehnten, der mit dem neuen Auto um die Ecke bog, waren die schlimmsten. Als die komplette Familie dann auf dem großen Parkplatz vor unserem Neubaublock stand, konnten wir Kinder gar nicht fassen, dass wir von nun an mit diesem tollen Auto in den Garten, in den Urlaub und zum Tierpark fahren würden. Liebevoll und anerkennend strichen wir über den Lack. Vater lud uns sofort auf eine Probefahrt ein und erzählte mit trockener Stimme meiner Mutter von der Übergabe im IFA-Autohaus in der…

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