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Generation Jan Ullrich – Kindheit in der DDR

12. Mai 2018 | von | Kategorie: Aktuelles, Mauergewinner Leseproben

6 Tage Rennen Berlin

Eine kleine Leseprobe aus “Mauergewinner”:
Ich kenne ihn und er kennt mich nicht. Wir wuchsen in derselben Zeit auf und sind auch fast gleichen Alters. Er ist ein Star und ich bin ein Nichts. Mit sicherlich hunderten Personen aus Film, Fernsehen und Sport geht uns das so – nicht nur mir. In diesem speziellen Fall ist die Sache jedoch etwas anders – komplexer, tragischer, vielleicht rührend. In unserer frühen Jugend begegneten wir uns das erste Mal.

Meine Mutter ist eine sehr ängstliche Frau. Ich weiß nicht mehr, wie oft wir an der Ostsee im knietiefen Wasser zurückgebrüllt wurden, wie viele Male sie uns bis ins Erwachsenenalter belehrte, nur bei Grün über die Straße zu gehen, und wie glücklich sie war, wenn wir ohne „Loch im Kopf“ in unseren Roll-Bettchen lagen und schliefen. Somit gehörte Radfahren ihrer Meinung nach auch zu den Extremsportarten. Eine meiner unangenehmsten Erinnerungen an meine Kindheit ist, dass ich erst mit 13 Jahren heimlich übte, mit so einem Drahtesel nicht auf die Schnauze zu fallen. An den Schmerz und die zwei Wochen lang blau gefärbten Hoden, die ich mir beim Absteigen von der Fahrradstange meines neuen Herrenrennrades zuzog, kann ich mich noch heute erinnern.
Etwa im gleichen Alter zog ein junges Kerlchen von Rostock nach Berlin. Er hatte sich, im Gegensatz zu mir, genau in meinem neuen Lieblingssport schon in jungen Jahren mit besonderen Leistungen hervorgetan. Bereits mit neun gewann er sein erstes Schulrennen und ein Jahr darauf einen offiziellen Wettkampf mit geliehenem Rad und in normalen Turnschuhen. Er galt recht schnell als das ganz große Radsporttalent und fuhr alle seine Altersgenossen in Grund und Boden. Der Kleine hieß Jan Ullrich.
Sicherlich nicht nur in meinen Augen kommt jetzt die große Überraschung: Mein Papi, wie wir damals noch sagten, hatte an der DHfK in Leipzig Sport studiert. Dass er selbst eigentlich einmal aktiver Speerwerfer war, würde hier zu weit führen. Jedenfalls bekam er anscheinend durch die solide, alle Sportarten umfassende Ausbildung bald nach dem Studium eine Arbeitsstelle beim SC Dynamo in Berlin in der Sektion Radsport. Schnell stieg er dort sogar zum Sektionsleiter auf. Mein Vater war beliebt, die älteren Fahrer durften ihn duzen und einige nannten ihn “Scheppi” oder einfach nur “Trainer”.

Winterbahn

Dynamo Berlin hatte Klassefahrer, die Benny und ich wegen des Papas natürlich bereits als Kleinkinder persönlich gut kannten, wie Carsten Wolf, Emanuel Rasch und Bill Huck. Das Problem daran war, dass die Besten in seiner Talentschmiede alles Bahnradfahrer waren, die bis auf wenige Fachleute und echte Fans kein Schwein kannte. Die eigentlichen Helden dieser Zeit waren aber die Friedensfahrer, das Gegenstück zu den Gladiatoren der Tour de France des Westens. Wirklich jeder aus meiner Schulklasse kannte das komplette DDR-Team. Ob nun Hans-Joachim Hartnik, Bernd Drogan oder Olaf Ludwig – alle liebten sie. Nur waren diese Spitzensportler, sehr zum Ärger des obersten Dynamo-Chefs Erich Mielke, allesamt Fahrer von Vereinen aus Leipzig, Erfurt und Gera. Doch in Rostock hatten sie einen Jungen entdeckt, den der Cheftrainer meines Vaters nach Berlin “delegierte”. Jetzt hatten sie wenigstens ein Supertalent für die Zukunft in der Hauptstadt der DDR – richtig: Jan Ullrich.
Viele unserer Wochenendausflüge endeten für mich und meinen Bruder Benny in dieser Zeit in irgendwelchen Käffern von Brandenburg, wo verschwitzte, ungeduschte Jungs mit ihren blöden Rennrädern um die Wette fuhren. Mein Vater dachte wahrscheinlich, dass wir das ganz unterhaltsam finden würden – fanden wir nicht! Ich war mittlerweile 14 Jahre alt und belächelte diese kleinen hechelnden Idioten, die meinen Vater mit großen Augen fragten: “Herr Scheppert, wann fahren wir zurück?” Ich ging in die kalten, feuchten Wälder, rauchte heimlich ein paar Cabinet Zigaretten und fragte mich das auch.
Auch im Winter war der Spuk nicht vorbei, da dann am Wochenende die Jugendrennen in der Werner-Seelenbinder-Halle stattfanden. Auf dem halsbrecherischen Rund der so genannten Winterbahn mit ihrem extremen Neigungswinkel gab es oft brutale Stürze und schwere Verletzungen des ehrgeizigen Nachwuchses – auf der Straße übrigens bei Unfällen sogar manchmal Tote. Ich dankte innerlich meiner Mutter, deren Genen ich meine Unsportlichkeit verdankte, und grinste die Jungs – wenn uns mein Vater vorstellte – verächtlich an. Im Kantinenbereich konnte ich heimlich eine paffen.

Icke Benny

Meinem Vater fehlten die Erfolge. Der so genannte Olympiaauftrag wurde wiederholt nicht erfüllt und so mussten auch schon im Osten Köpfe rollen. Ihm wurde außerdem ein zu freundschaftliches Verhältnis zum Kollektiv der Sportler vorgeworfen. Die ersten Erfolge Jan Ullrichs und seines Trainers Peter Becker erlebte er nicht mehr in leitender Funktion. Becker galt als der härteste Hund unter den Trainerkollegen meines Vaters. Er war es auch, über den ich mein erstes Rennrad bekommen hatte. Wenn er geahnt hätte, dass ich, der Sohn des Sektionsleiters, also seines Vorgesetzten, mit 13 Jahren gerade erst begann, Radfahren zu lernen, wäre mein Vater sicherlich ganz bei Dynamo rausgeflogen.
So wurde er wegen anhaltender Erfolglosigkeit nur in die Sektion Schwimmen delegiert.
Dort war eine Planstelle frei. So unglaublich es klingt, als dortiger Sichtungstrainer in den Trainingszentren empfahl er unter anderem, eine gewisse Franziska van Almsick auf die Kinder- und Jugendsportschule zu schicken. Ich bin mir sicher, mein Vater (kein besonders geübter Schwimmer) hatte kein gutes Händchen – er hatte einfach nur Glück. Doch kurz nach dem Mauerfall 1989 war die ganze Blase „sozialistischer Leistungssport“ endgültig geplatzt. Mein von mir – trotz des Missfallens am Radsport – immer bewunderter Vater musste sich nach etwas Neuem umsehen.
Jan Ullrich blieb auch nach der Wende bei seinem Trainer Peter Becker, wurde 1993 Amateurweltmeister auf der Straße und bekam einen gut dotierten Vertrag beim Team Telekom. „Ulle“ wurde nach der Schwimmerin “Franzi” der zweite gesamtdeutsche Superstar im vereinten Land und am Ende seiner Karriere leider der bislang tollpatschigste, tragischste gefallene Held – natürlich aus dem ehemaligen Osten. Mein Vater bekam nach längerem Suchen einen weniger lukrativen Job als Hausmeister bei einer dubiosen Immobilienfirma, trennte sich wegen einer Jüngeren von meiner Mutter und stolperte danach von einer persönlichen Katastrophe in die nächste, um am Ende – und hier war nicht der Westen, sondern der Alkohol schuld – alles zu verlieren, sogar seine Würde. Als er ungepflegt und vor allem besoffen zur Hochzeit meines Bruders Benny erschien, beobachtete ich ihn mit einer Mischung aus Scham und Bestürzung. Genervt rauchte ich – jetzt nicht mehr heimlich – irgendwo weiterhin meine Cabinet Zigaretten, das letzte Relikt aus alten Tagen.
Nein! So traurig darf und wird diese Geschichte nicht enden!

Tour de France

Im Juli 1997 überraschte mich meine damalige Freundin Danny mit einem Besuch in meiner Studentenbude. Eigentlich waren wir noch gar nicht so richtig zusammen – wie auch immer. Sie erklärte mir umständlich, dass ich am nächsten Morgen sehr früh aufstehen und ein paar Sachen für das Wochenende packen müsste. Zu früher Stunde saß ich tags darauf in einem Zug in Richtung Frankreich. Sie hatte ein Wochenende Paris für uns gebucht! Wir kannten uns noch kaum, doch Danny lernte zumindest mich – und meine Vergangenheit – in diesen Tagen kennen.
Die Stadt war geschmückt, als ob sie gerade eine Jubiläums-Feier ausrichtete. Überall hingen Fahnen, Wimpel und riesige Plakate, die auf ein großes Ereignis am Sonntag hinwiesen. Ich war aufgeregt wie ein kleines Kind – jedoch nicht wegen des hübschen Mädchens an meiner Seite, die vorher nicht einmal wusste, dass die 84. Tour de France genau an diesem Wochenende hier enden würde! Mein Jan Ullrich würde als erster Deutscher das gelbe Trikot nach Paris radeln! Ich konnte über nichts anderes mehr sprechen als über Forst, das kleine Kaff in Brandenburg mit seinen Jugendrennen, über meinen tollen Papi, der den neuen Radsportkönig irgendwie mit entdeckt hatte, sogar über meine blauen, geschwollenen Eier.

Tour de France 3

Ich war so stolz, ich war so gerührt, als am Sonntag dann endlich die Jungs im Stadtkurs der Pariser Innenstadt mehrere Male an uns vorbei rollten. Tränen standen mir in den Augen. Ich jubelte ihm zu, dem verschwitzten Jungen aus meiner Kindheit. Wie hatte er sich gequält: durch eine Jugend ohne Biersaufen und Cabinet-Zigaretten – jetzt fuhr er an mir vorbei, mit einem strahlenden Lächeln, in seinem leuchtend gelben Trikot des Siegers. Es war einer der bewegendsten Momente meines bisherigen Lebens – für mich war es, als führe Geschichte an mir vorbei. Nicht nur die der beiden Deutschlands, nicht nur die des Radsports, sondern auch meine ureigene. Nach dem Etappensprint standen wir aufgeregt in der Nähe des Teams Telekom. Ich traute mich nicht, hinüberzugehen, und zündete mir stattdessen hektisch eine französische Zigarette an. Ich kannte ihn – doch er kannte mich nicht.

Tour de France 2

Mit Hilfe der Familie, eiserner Disziplin und vor allem ohne jeglichen Alkohol bekam mein alter Herr sein Leben nach und nach wieder geregelt. Er ist gesund, fit und als Rentner sogar wieder ehrenamtlich im Sport engagiert. Ich bin heute wieder richtig stolz auf ihn, wenn er beim jährlichen Berliner Sechs-Tage-Rennen immer noch jeden kennt und viele ehemalige Radrennfahrer ihm noch heute hinterherrufen: „Ey Coach, alles klar?“ In diesen Momenten fühle ich, dass er glücklich ist.
Und ich? Durch die beiden wurde ich zur Generation Jan Ullrich. Wir sind weder Fisch noch Fleisch, weder Ost noch West, nicht gestern, heute oder morgen. Wir haben eine geteilte Vergangenheit mit Eltern, die sich über ihre DDR definieren und Kindern, die diese nicht mehr kennen. Wir werden oft danach gefragt, wie es in diesem verschwundenen Land war und wenn wir zu erzählen beginnen, wird uns nicht mehr richtig zugehört. Wir versuchen zu sein wie Vorzeige-Wessis und drücken noch immer erfolgreichen Ossis besonders die Daumen. Wir sagen nie, dass früher alles besser war, aber auch nicht, dass es heute so ist.
Es wird Zeit, dass wir ernst genommen werden.
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Mauergewinner

Mauergewinner

Zum Weiterlesen: Mauergewinner oder ein Wessi des Ostens

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