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Torres del Paine – Türme der Schmerzen in Chile

24. März 2015 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog, Leseproben

Torres Panorama
Ich habe mich mit meinem Vater nie groß über Frauen unterhalten. Mir wäre das eher unangenehm gewesen und was wusste er schon vom Leben in der heutigen Zeit. Dennoch ist mir ein Satz in steter Erinnerung geblieben: „Du wirst erst herausbekommen, ob jemand wirklich zu dir passt, wenn ihr gemeinsam auf Reisen gegangen seid.“ Ich ahnte, was er meinte. Fernab der behüteten Heimat war es plötzlich vorbei gewesen mit der Harmonie und Eintracht. Erst unterwegs hatte ich oftmals bemerkt, mit was für einer Frau ich mich da eigentlich eingelassen hatte. Im September 2002 ist es dann endlich soweit. Ich habe sie mit dem Südamerika-Virus infiziert. Die drei Wochen Chile-Urlaub sind der große Sylvie-Test!

Gut gelaunt besteigen wir nach zwei Nächten in Santiago den Flieger nach Punta Arenas mit Zwischenlandung in Puerto Montt. Obwohl es bereits vor dem Abflug stürmt, lasse ich mir nicht anmerken, dass dies ganz und gar nicht mein Flugwetter ist. Schon auf der Rollbahn donnern heftige Winde lautstark gegen die Außenwände. Mit unsicherem Lächeln und bleichem Gesicht suche ich nach Sylvies Hand. Was sie nicht weiß: ich habe gehörige Flugangst. Endlich heben wir ab. Beunruhigende Turbulenzen erfassen die stark schwankende Maschine. Luftlöcher lassen uns metertief ins neblige Nichts fallen und nur mühsam kämpft sich der dröhnende Flieger wieder empor. Die Anschnallzeichen leuchten seit dem Start bedrohlich rot. Angst! Vor uns kotzen sich Menschen die Seele aus dem Leib und neben mir schreit ein junger Peruaner, der sich als Paolo vorgestellt hatte, wie am Spieß. Sylvie bittet mich irgendwann, ihre Hand loszulassen, da sie schon schmerze und Paolo soll ich sagen, dass er die Schnauze halten soll, sonst bringe sie ihn um. Ich bin von Kopf bis Fuß durchgeschwitzt. Ein Krachen erschüttert das Flugzeug, während wir nach vorn und wieder zurück in den Sitz geschleudert werden. Einige Gepäckfächer springen auf. Schreie, Motorengeräusche – dann Stille. Wir sind gelandet.
Der zweite Flugabschnitt ist ruhiger. Auch ich war vorhin kurz davor gewesen, mich zu übergeben und hatte mehrmals ängstlich gejault. Mit flauem Gefühl im Magen schaue ich möglichst cool hinüber zu Sylvie. Sie fragt mich lächelnd: „Nimmst du eigentlich Bier oder Rotwein zum Essen?“
2002 Chile Torres Weg

Unser Highlight im chilenischen Süden soll der Nationalpark „Torres del Paine“ werden und recht schnell haben wir alle Infos zusammen, um zu den „Türmen der Schmerzen“ aufzubrechen. Es ist eine denkbar ungünstige Konstellation, denn der Kerl, der uns in Puerto Natales ermahnt, möglichst wenig Gepäck mitzunehmen, beobachtet unsere Abreise nicht. Wir hatten unsere Klamotten in zwei Müllsäcke geworfen und nur einen Rucksack mit folgendem Inhalt gepackt: Schlafsäcke, Zahnputzzeug, zwei Äpfel, eine Packung Kekse und eine Flasche Pisco. Vor allem hätte er fragen sollen, ob wir schon jemals im Leben trekken gewesen waren, denn wir tragen: schwarze Docs, Jeans, Sylvie einen grünen DDR-Parker und ich eine uralte Winterjacke. Meine westdeutsche Freundin hatte in Berlin Gefallen an dem, mit Schafsfell gefütterten, Mantel gefunden, der, wie mein Oberteil, aus keinerlei regenabweisenden noch atmungsaktiven Materialien besteht.
Torres - Hinweg wir
Nachdem uns ein Bus am Parkeingang absetzt und wir zwei Minuten den Weg entlanglaufen, beginnt es leicht zu nieseln, bevor wir in ein mittelschweres Gewitter geraten. Doch so plötzlich wie es anfing, hört es auch wieder auf. Die Landschaft wechselt nun ständig ihr Erscheinungsbild, denn bald erreichen wir eine goldfarbene Steppe. Wir müssen heftigem Gegenwind trotzen, beginnen fürchterlich zu frieren und öffnen erschöpft die Pulle mit dem hochprozentigen Schnaps. Nur wenige Augenblicke später klart es wieder auf. Trotz der Strapazen ist die kleine Pfälzerin entspannt und nimmt mich glücklich in die Arme, als wir die nadelartigen Granitberge – die Wahrzeichen von Torres del Paine – erstmals am Horizont erblicken. In voller Schönheit pieksen sie nun in den azurblauen Himmel. Nach fast fünf Stunden erreichen wir einen Berggipfel von dem wir das Ziel unserer Wanderung sehen können: Das Refugio am Lago Pehoe. Vor uns liegt jedoch noch ein extrem steiler Abstieg auf glatten, ausgewaschenen Steinen, der seitlich in eine todbringende Schlucht abfällt. Unsicher lächelnd und mit bleichem Gesicht suche ich nach Sylvies Hand. Was sie nicht weiß: ich habe gehörige Höhenangst. Mit zittrigen Beinen klettere ich rückwärts auf allen Vieren die Felswand hinab. Endlich sind wir da. Sylvie reicht mir den Pisco: „War doch gar nicht so schlimm, oder?“
2002 Chile Torres Abhang
Wir schmeißen unsere Sachen aufs Doppelstockbett und gehen hinaus, um ein paar Fotos von den „Türmen“ in der Abendsonne zu schießen. Auf einem Feld steht eine wild gestikulierende Horde, die scheinbar gerade etwas absteckt. Ein Typ kommt aufgeregt angerannt. Er brüllt irgendetwas von „futbol“ und noch bevor wir richtig verstehen, was los ist, sind wir schon Mitglieder des Teams der „Extranjeros“ (Ausländer). Da neben uns nur ein weiteres Deutsches Paar, ein Japaner und ein Argentinier hier sind, bekommen wir noch Renato aus Arica zugewiesen und dürfen gegen „Chile“ in einer 20minütigen Partie antreten. Obwohl auch die Chilenen zwei Mädels im Team haben, wirken sie eingespielt. Der Ball läuft gut durch ihre Reihen und schon nach fünf Minuten müssten sie 3:0 führen, scheitern jedoch an unserer glänzenden Torfrau Elke. In einer Pause können wir uns besprechen und verändern unsere Aufstellung. Michel, Renato, Sylvie und ich bilden nun eine dichte 4er Abwehrkette. Masaru, der Japaner, steht im Mittelfeld und unser Argentinier Joaquin spielt allein im Sturm. Wir lassen den Gegner kommen und starten in der 15. Minute einen Bilderbuch-Konter. Ich passe steil zu Masaru, der direkt auf den, vor dem Tor lauernden, Joaquin weiterspielt. Er schießt unplatziert, doch deren Keeperin Josefa lässt abprallen. Mühelos schiebt er den Ball über die Linie. Ohrenbetäubender Torjubel schallt durch das Tal. Das „Ausland“ führt und kurz vor Schluss gelingt Masaru sogar das 2:0. Auch bei diesem Treffer hatte die Torfrau nicht sonderlich gut ausgesehen. Die Chilenen gratulieren und laden uns zur Party am Abend ein. Als wir zur Hütte laufen, spüre ich, dass ich mein Knie verdreht habe und mir am Zeh und an der Fußsohle eine Blase gelaufen habe. Ich humpele mit schmerzverzehrtem Gesicht zu Sylvie, die noch immer bis über beide Ohren strahlt. „War ja wie Brasilien gegen Deutschland beim WM-Finale“, ruft sie. Selbst mir war das bisher noch gar nicht aufgefallen. Was für eine Frau!
Torres - Tanzen
Wir tanzen, singen und werden von unseren Gastgebern mit „Gato Negro“ Rotwein aus 1,5 Literpappen gehörig abgefüllt. Heute ist ihr Nationalfeiertag. „Chi, Chi, Chi, le, le, le!“ Sie feiern sich lautstark selbst. Auch wenn nach der letzten – zugegeben fantastischen – WM wieder die ersten Deutschland-Rufe in meinem Land laut wurden, hatten meine Freunde und ich lediglich: „Es gibt nur ein’ Rudi Völler“, gegrölt. Beim Finale, das wir mit 50 Mann bei Ziggi in Vellahn gesehen hatten, trug niemand den Adler auf der Brust. Nur die Kinder meines Bruders schwenkten schwarz-rot-goldene Fähnchen. Vielleicht wächst da ja eine neue Generation heran, die einmal viel unbelasteter für „uns“ sein kann.

Nicht der dicke Schädel macht mir am nächsten Morgen Sorgen. Mein Knie kann ich kaum noch beugen und die Blasen sind aufgegangen. Heute geht es an den Grey Gletscher. Da es ein Frühstück gab, nehmen wir lediglich die zwei Äpfel mit. Der Weg ist nicht sonderlich schwierig. Mir geht es nur leider beschissen. Neben den Schmerzen im Knie lassen mich starke Böen fast ununterbrochen in 30 Grad Schieflage laufen und in den Docs spüre ich jeden einzelnen Kieselstein am offenen Fleisch der Blasen. An einem Flussbett rutsche ich ab und stehe mit beiden Füßen im eiskalten Wasser. Ich beginne zu jammern, was in pure Verzweiflung umschlägt, als wir vor dem Refugio am Lago Grey vor verschlossenen Türen stehen. Wir müssen also noch heute wieder zurück. Eine Katastrophe.
Torres - Gletscher Grey
Am Gletscher vergesse ich für einen Augenblick die vor uns liegenden Strapazen. Es ist ein Anblick unvergleichlicher Schönheit. Gigantische Eisbergtürme werden aus den Bergen in den See gedrückt. Die Wände des Gletschers und die der großen Eisschollen sind nicht weiß, oder grau, wie der Name besagt, sondern glitzern in verschiedenen Blautönen.
Nicht nur mir bereitet der Rückmarsch Höllenqualen. Auch Sylvie ist noch nie im Leben acht Stunden mit Doc Martens und dicker Schafsfelljacke durch unwegsames Gelände gelaufen. Es ist ein Wunder der Natur, dass wir, wie schon auf dem Hinweg, permanent auf starken Gegenwind stoßen. Im Dämmerlicht teilen wir den letzten Apfel und sprechen uns Mut zu, dass wir auch in völliger Dunkelheit zurück finden werden. Kurz nach acht kommen uns zwei Typen auf Pferden entgegen geritten. Kopfschüttelnd schauen sie herab und weisen uns den Weg. Vor der Hütte steht Josefa und fragt aufgeregt: „Dónde estan los Chilenos?“ (Wo sind die Chilenen?)
Torres ich liegend
Wenig später erscheinen dann auch die noch Fehlenden in tiefschwarzer Nacht. Mario bereist mit Renato ganz Chile. Er möchte, dass sein Sohn mit ihm das Land kennen lernt, von Norden bis ganz in den Süden. Dafür bräuchte man eben Zeit erklärt er achselzuckend. Es stellt sich heraus, dass er Arzt ist und nach dem Essen schaut er sich meinen Fuß an. An den offenen Stellen leuchtet das rosafarbene Fleisch und mein Zeh ist bereits bläulich gefärbt und angeschwollen. Das Desinfizieren der Wunde ist eine brutale Tortur und gerade als ich dabei bin, vor Schmerz in den Schlafsack zu beißen, erscheint Sylvie im Zimmer. „Weißt du eigentlich, dass ‚Torres del Paine’ gar nicht ‚Türme der Schmerzen’ bedeutet?“ „Ist mir scheißegal“, brülle ich, doch sie spricht einfach weiter. „Paine heißt in der Sprache der Mapuche-Indianer ‚blau’. Es sind also die ‚blauen Türme’.“ Ich verdrehe die Augen. „So blau wie dein großer Zeh!“

Zwei Tage später liege ich im Hostal von Punta Arenas und kann überhaupt nicht mehr laufen. Sylvie sitzt mit meinen besten Freunden Göte und Jenna in einem Restaurant in der Innenstadt. Sie hatten sich hier mit uns verabredet und werden morgen nach Feuerland weiterreisen. Was wird sie den beiden erzählen von unserer ersten Woche? Dass man mit mir nicht verreisen kann? Dass ich eine riesengroße Pfeife und Memme bin? Dass dieser Urlaub für sie der große Scheppert-Test ist?
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Zum Weiterlesen: 90 Minuten Südamerika
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