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Vergänglichkeit – aus dem Buch “Leninplatz”

9. Juni 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Leninplatz, Leseproben


Am Freitag, den 5. Oktober 1984, werden wir morgens zum Fahnenappell einbestellt und von Frau Frisch darüber unterrichtet, dass wir sogleich geordnet, diszipliniert und mit Winkelementen ausgestattet zur Protokollstrecke an die Hans-Beimler-Straße, Ecke Mollstraße gehen werden. Erich Honecker, Andrei Gromyko und Jassir Arafat würden dort in wenigen Augenblicken zu den Feierlichkeiten rund um den 35. Jahrestag der Republik vorbeifahren. Obwohl viele Länder nur ihre zweite Garde gesandt hatten, ist die Bedeutung ihrer Ankunft all meinen Freunden sofort klar: Wir haben zwei Stunden schulfrei und können uns in kleinen Gruppen absetzen!
Kein Lehrer wird uns im dichten Gedränge am Straßenrand vermissen und schon gar nicht im „Scheppert-Eck“, der Lieblingskneipe meines Alten, auftauchen.
Während ich gerade mein Würzfleisch verspeise, schwillt der Geräuschpegel vor der Tür merklich an. Okay, die Kolonne schwerer Autos würde ich eigentlich ganz gerne sehen, aber letztendlich sitze ich lieber inmitten meiner feixenden Jungs. Als wir uns dann doch entschließen, hinaus zu spurten, ist der Konvoi schwarzer Schlitten schon vorbei. „Das soll mir nie wieder passieren. Heute Abend gehe ich zum Fackelzug“, grölt ausgerechnet Andi. Alle wissen: Er blödelt nur herum.

Unsere Mitschüler haben sich schon in Richtung Schule verduftet, doch als Bommel und ich den Unterrichtsraum betreten, sind wir dort mutterseelenallein. Auf dem Lehrertisch liegt das Klassenbuch – unbeaufsichtigt! Nun gibt es eigentlich nur eine Möglichkeit. Wir, die ausgemachten Fälschungsexperten, schreiben in Fächern, in denen wir auf der Kippe stehen, ein paar gute Noten hinein, die das Problem vorerst beheben.

Doch was macht mein bester Freund? Er rennt zum Tisch und wirft das Buch im Überschwang – völlig unmotiviert – in Richtung Wand oberhalb der Tafel.
Und dann geschieht das Unglück: Der Zensuren-Spiegel fällt nicht zurück auf den Boden oder bleibt auf dem schmalen Ablagesims der dunkelgrünen Schiefertafel liegen, sondern rutscht in eine Lücke zwischen Wand und Tafel. Schnell bemerken wir, dass dieser Spalt ein Hohlraum ist. An das gute Stück kommen wir weder von unten noch von der Seite heran. Also schieben wir den Lehrertisch vor, Bommel klettert hinauf und versucht mit seinen dünnen Ärmchen, an das verschollene Klassenbuch zu gelangen.
„Was macht ihr denn da?“, brüllt plötzlich jemand an der Tür. Unser durchgeknallter Hausmeister Müller befiehlt, den Tisch sofort wieder an die vorgesehene Stelle zu rücken. Wir gehorchen. „Der steht ja falsch herum!“, meckert er. Die Schreibtisch-Schublade ist vorne, also steht er eigentlich richtig, doch wir drehen ihn einmal komplett, damit der Vogel verschwindet und sich wieder seinen Wellensittichen widmen kann, die er im Foyer der Schule züchtet.
Dann ruft schon wieder einer aus dem Hinterhalt: „Wo ist das Buch, Mark?“
„Dirk, du Arschloch“, zische ich. „Hast du mich erschreckt!“. Er ist unser Klassenbuch-Beauftragter und eigentlich ganz okay. Bommel sagt: „Wir fummeln das Ding nach der Stunde schon wieder raus, Dirki, weißte doch.“ Auch für uns wäre ein Verschwinden katastrophal, da wir bereits etliche Zensuren manipuliert hatten und bei einer möglichen Neubewertung unserer Leistungen sicher viel schlechter eingestuft werden würden.


Alsbald trudelt der Rest der Klasse ein, bevor auch Frau Frisch ihren Auftritt hat. Die Geschichtslehrerin ist eine Hundertzwanzigprozentige, die vor dem Unterricht noch immer alle aufstehen lässt und in ihrer typischen Keifstellung: „Für Frieden und Sozialismus, seid bereit!“ krächzt. Bergi murmelt, wie die Großen: „Immer breit.“
Die Lehrerin will sich setzen – und knallt scheppernd mit den Knien gegen die bis zum Boden reichende Rückwand des Schreibtischs. „Auuuua“, jault sie. Bommel flüstert mir kichernd ins Ohr: „Der steht ja falsch herum“, während Lars und Dirk eilig den Tisch wieder so drehen, dass die Frisch ihre lädierten Beine darunter ausstrecken kann. Wir lachen innerlich, bis die Augen tränen.
Sie ist so neben der Spur, dass sie sogar den Anwesenheitseintrag im Klassenbuch vergisst und sofort zur Tagesordnung übergeht. Diese besteht seit einigen Wochen darin, uns auf den 35. Jahrestag der DDR einzustimmen. Genossin Frisch hat alle Losungen extrem verinnerlicht und hält auch heute eine langatmige Rede über die Unvergänglichkeit unserer sozialistischen Republik. „Die DDR wird nicht nur 35 Jahre existieren. Nein, sie wird ewig währen“, geifert sie. „Wie das tausendjährige Reich“, nuschelt Andi und weckt Bommel und mich damit aus dem Wachkoma.
Am Ende der Stunde erklärt sie, wo sich die Leute zum Fackelzug am Sonnabend treffen, so als ob das alle beträfe.
Nachdem sich der Raum geleert hat, reißen wir mit Hilfe des starken Bergis an der Tafel die seitliche Verkleidung ab, holen das eingestaubte Klassenbuch heraus und drücken die Holzlatte provisorisch wieder dran. Dirk schüttelt bei der Übergabe zwar mit dem Kopf, hält aber sicher die Fresse. So viel steht fest.

Als ich auf den Schulhof komme, steht dort Nadja. Wir sind allein. Seit zwei Jahren bin ich in die schwarzhaarige Traumfrau aus der Parallelklasse böse verliebt und beobachte sie während fast jeder Hofpause mit klopfendem Herzen. Sie ist das allerschönste Mädchen der Schule und hat sogar schon einen richtigen Busen. Dummerweise bin ich Lichtjahre davon entfernt, auch nur die geringste Chance bei ihr zu haben. Vor einem Jahr hatte ich noch versucht, über ihre Freundin Simone an sie heranzukommen. Doch der gängige Trick erwies sich als Eigentor, da ich irgendwann eine heulende Simone entsorgen musste und Nadja deswegen bis heute kaum noch mit mir spricht.

Während sie sich ausschließlich mit Westklamotten einzukleiden pflegt, sehe ich in meinen Wisent-Jeans und den blau-weißen Stoffidas wie der letzte Eimer aus.
Fast erwarte ich, dass sie mich, in Anlehnung an den Nena-Song, mit den Worten: „Alles was ich an dir mag, sind deine Turnschuh zu fünf Mark“ begrüßt. Stattdessen fragt sie: „Mark, gehst du eigentlich zum Fackelzug?“ Ich mache mit dem Finger das Schrauben-Locker-Zeichen, besinne mich aber und antworte: „Gehst du denn?“ „Ja, ist doch irgendwie was Besonderes. Vielleicht willst du mich ja begleiten?“ Die Frage trifft mich wie eine 50-Kilo-Faust in den Magen. Ich kann nicht – die Jungs würden mich killen. „Okay“, flüstere ich. „Wo soll ich dich abholen?“

Letztendlich vereinbaren wir ein Treffen am Leninplatz. Sie wohnt da, will aber nicht, dass ich sie zu Hause abhole, wodurch ich keinen Blick in ihr Zimmer – es soll dort aussehen wie im Intershop – erhaschen kann. Deckung suchend, im Schatten des riesigen Denkmals, warte ich. Nadja scheint sich zu freuen; sie hakt sich bei mir ein und wie ein glückliches Paar laufen wir zur Jannowitzbrücke, von wo wir mit der S-Bahn zur Friedrichstraße weiterfahren.

Zum Fackelzug der FDJ wurden 80.000 vorbildliche Jugendliche aus der gesamten Republik delegiert, wobei ich den Eindruck habe, dass die Fraktion aus Sachsen mal wieder in der Überzahl ist. Alle tragen das blaue Hemd mit dem FDJ-Symbol über der aufgehenden Sonne auf dem linken Ärmel und einen dunkelblauen FDJ-Anorak aus Polyestergemisch.

Auch wir hatten Hemd und Jacke noch am Freitag ausgehändigt bekommen, obwohl wir erst nächstes Jahr aufgenommen werden und dies als übergroße Auszeichnung für gute Thälmann-Pioniere verstehen sollten. Wir erhalten somit ein „Mandat zur Teilnahme am Fackelzug der FDJ“ im sogenannten „Friedensaufgebot“.

Die Einheitskleidung fetzt dennoch, da es zwischen Nadja und mir, zumindest was die Oberbekleidung betrifft, endlich einmal keinerlei Unterschiede gibt. Ich lasse das blaue Hemd mit hochgeklapptem Kragen locker aus der Hose hängen, um etwas kuhler zu wirken. Während ich ein Nicki darunter trage, kollabiere ich beim Blick in Nadjas Ausschnitt fast vor Erregung. Ihre Brüste werden beim Laufen fast vollständig freigelegt. Einmal mehr wird mir bewusst, dass ich freiwillig hier bin – nur für diese eine Nacht mit diesem Mädchen!
Unsere Lehrerin Frisch, die gleichzeitig GOL-Sekretärin der Schule ist, brüllt: „Schön, dich zu sehen, Jugendfreund Scheppert. Hier ist deine Fackel! Oh, mit weiblicher Begleitung aus der A-Klasse“, ereifert sie sich und überreicht mir zusätzlich noch einen Plastikbecher mit Limonade. Ich binde mir den dicken Anorak um die Hüften und trabe in einer unüberschaubar großen Menge von Blauhemden in Richtung Brandenburger Tor.
Dort müssen wir wenden und die Straße Unter den Linden in Richtung Palast der Republik zurückmarschieren. Ein Typ, der mit einer riesigen FDJ-Fahne vom „VEB Pirnetta Pirna“ bewaffnet ist, ruft: „SED – FDJ“ und danach: „Frieden, Freundschaft, Solidarität“. Er soll damit wahrscheinlich die Dankbarkeit der sächsischen Jugend zum Ausdruck bringen, ist aber aufgrund seines Dialektes kaum zu verstehen. Etliche Typen stimmen danach „Bau auf, bau auf, bau auf, bau auf. Freie Deutsche Jugend, bau auf. Für eine bessere Zukunft richten wir die Heimat auf“, „Die Internationale“ und „Wir sind die junge Garde des Proletariats“ an.
Die vielen Fackeln, der Lärm und das Tamtam der Blauhemden haben auf mich dennoch eine schaurig-schöne Ausstrahlung im grell erleuchteten Berlin, zumal Nadja weiter eingehakt an meiner Seite läuft und ihre Bluse in flammender Hitze immer weiter aufknöpft. Mein Herz!
Als wir auf Höhe der Ehrentribüne vor dem Palast angelangt sind, zieht mich das wunderschöne Mädchen ganz nah zu sich heran und flüstert: „Was für eine bescheuerte Rentnerbrigade.“

Besonders Honecker, Mittag und Mielke winken uns senil grinsend zu, wobei auch die jüngeren Genossen wie Krenz und Aurich fast scheintot wirken. Unser Staatsratsvorsitzender hatte bei der Festansprache noch genuschelt: „Der Sozialismus wird siechen.“ Genauso sieht es dort oben aus.
Ich zertrete verlegen zwei der weißen Plastikbecher und schaue gebannt in Nadjas errötetes Gesicht: „Ja, ist Kacke hier, aber mit dir fetzt es trotzdem.“ Sie lächelt.

Am Alex löst sich der Pulk allmählich auf, weil dort Container für die Fackeln und 600 Busse für die Dörfler stehen, die sie zurück in die Pampa bringen.
Es beginnt zu regnen. Ich will Nadja noch auf einen Eisbecher einladen, doch sie überredet mich, im Café am Leninplatz zwei Flaschen Club Cola zu kaufen und diese draußen zu süffeln. Das Zeug ist so süß wie das Mädchen, welches mit dem Rücken an die glatte Granitwand des Lenin-Denkmals gelehnt im Nieselregen neben mir sitzt. Auf einmal legt sie einen Arm um meine Schulter, beugt sich seitlich über mich und gibt mir den ersten ernstzunehmenden Kuss meines bisherigen Lebens. Ich möchte nie wieder aufstehen und in diesem Augenblick vor Glück sterben.


Am kommenden Morgen, der eigentliche Nationalfeiertag fällt in diesem Jahr auf einen Sonntag, sehen wir uns wieder, da wir auch am 7.10. antreten müssen. Als ich Nadjas Augen suche, blickt sie weg, und auch später würdigt sie mich keines einzigen Blickes! Sie ignoriert mich, als wäre ich Luft.
Für mich geht an diesem Tag die Welt in Flammen unter. Ich möchte endlich 16 sein und ein Mädchen, dem ich am Vorabend noch die Hand unter die Bluse geschoben habe, umarmen und leidenschaftlich küssen. Voller Wut laufe ich Erich und seinen Genossen auf ihrer Ehrentribüne entgegen, die sich dort oben bestimmt alle ziemlich wundern, dass ich nicht einmal zurückwinke.
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Zum Weiterlesen: “Leninplatz” von Mark Scheppert, 9,90 €
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Gruppenratswahl – aus dem Buch “Leninplatz”

12. November 2014 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Leninplatz, Leseproben

Jugendweihebuch alle
Als wäre ein Montag nicht schon Strafe genug, findet in der darauffolgenden Woche auch noch eine außerplanmäßige Gruppenratswahl nach dem Unterricht statt, weil unsere Vorsitzende Steffi umgezogen war und unsere Klasse – obwohl wir bald in die FDJ aufgenommen werden – deshalb neu wählen muss.

„Was hältst du eigentlich davon, heute Gruppenratsvorsitzender zu werden?“, frage ich Andi auf dem Schulhof. „Bist du jetzt total bescheuert, oder was?“, pariert er und zeigt mir einen Vogel. „Na nur, um die Frisch ein bisschen zu ärgern“, antworte ich und sehe in seinen Augen nun keine gänzliche Ablehnung mehr.
„Nee, lass das mal lieber wieder die Weiber machen“, murmelt er. „Nur für drei Wochen. Danach können wir dich ja wieder abwählen“, bettele ich, doch mein Freund schüttelt energisch den Kopf.
Um 15.00 Uhr trudeln die restlichen Jungs im weißen Pionierhemd und mit schlampig gebundenem rotem Pionierhalstuch ein. Zwanzig Minuten später sitzen wir in U-Form an Tischen. Vor uns haben Herr Blase, Frau Frisch und Herr Hohmann aus dem Elternrat Platz genommen. Wie peinlich für Dirk, dass sein Alter bei solchen Sitzungen fast immer mit dabei ist. Vor ihnen liegt die TROMMEL, welche vor zwei Jahren die bei allen einigermaßen beliebte FRÖSI als Pflichtzeitschrift für uns Thälmann-Pioniere abgelöst hat.
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„Für Frieden und Sozialismus, seid bereit“, ruft Uta, die bisherige Stellvertreterin. Wir antworten gelangweilt mit: „Immer bereit“ und singen danach „Spaniens Himmel breitet seine Sterne über unsere Schützengräben aus“. Die Wahl des Gruppenrats ist der einzige Tagesordnungspunkt.
Sabine und Lars können nicht gewählt werden, weil sie im Freundschaftsrat eine hohe Funktion ausüben, was sie jedem mit den zwei roten Streifen über dem „JP-Emblem“ zeigen. Ein „TP“, für Thälmann-Pioniere, gibt es nicht.
Lena meldet sich: „Ich schlage Daniela als Vorsitzende vor“, während Anja sofort quäkt: „Ich auch!“ Die Mädchen haben sich also auf Daniela aus meinem Haus geeinigt – diese Ziege, die stets darauf bedacht ist, wie ein Junge auszusehen. Die weiße Pionierbluse mit dem roten Tuch und der blaue Rock stehen ihr sogar, denn so kann sie ihre Klamotten, die aus Konsumjeans und einem 10er-Pack Nikis aus der Jugendmode zu bestehen scheinen, wenigstens mal für zwei Stunden im Schrank lassen. Außerdem riecht sie, trotz der kurzen Haare, immer extrem nach Action-Haarspray und gilt – neben der fetten Anja – als größte Petze der Klasse.

Das ist zu viel für mich. „Ja, bitte Mark!“, ruft Uta, die sieht, dass ich meine Hand gehoben habe. „Also ich schlage Andi vor“, und schaue dabei tief in seine Augen. Unmerklich schüttelt er den Kopf und auf seinen Lippen kann ich ablesen: „Bei dir piept’s wohl“, aber ich weiß: Auch er hasst Daniela wie die Pest. Ich beobachte, dass die Frisch tief durchatmet und ihre Gesichtsfarbe von blass ins Rötliche wechselt, während Herr Blase still in sich hineinzulächeln scheint. Wir sind seit Steffis Weggang 13 Jungs und nur noch 12 Mädchen in der Klasse.
Zeugnis hinten
Siegessicher lasse ich den Blick durch die Reihen schweifen – und fange plötzlich an zu schwitzen. Didi ist nicht gekommen. Natürlich nicht, denn er ist ja kein Mitglied. Selbst wenn er an einigen Pioniernachmittagen gerne teilnehmen wollte, lassen ihn seine Eltern nicht und schleppen ihn lieber in die evangelische Kirche. Ich Idiot hatte das total vergessen. Uta fragt: „In Ordnung, wer ist alles für Andi?“
Zwölf Arme – einschließlich seines eigenen – recken sich in die Höhe. Doch das wird nicht reichen, da bei einem Unentschieden Pionierleiterin Frisch, unter Abwesenheit jeglichen Humors, zum Wohle der Pionier-Organisation entscheiden wird.
Ich blicke hinüber zur Stabi-Lehrerin, die sich allmählich zu entspannen scheint. Uta beginnt zu zählen. „Eins, zwei, drei,…“ Die Frisch feiert schon innerlich. Gleich wird mit Daniela ein ihr stets alles zutragender Pionier zur Gruppenrats-Vorsitzenden des Klassenkollektivs der 7 B gewählt werden. „Elf, zwölf – und dreizehn“, ruft Uta.
Irritiert schaue ich in die Runde. Wer hat sich denn da auf unsere Seite geschlagen? Astrid lächelt und ich nicke ihr anerkennend zu, doch sie deutet mit dem Daumen nach links. Daniela selbst ist die entscheidende Wählerin und Andi damit neuer Gruppenrats-Vorsitzender. Wie arschkuhl ist das denn!

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Uta bleibt Stellvertreterin, Lena Schriftführerin, Dirk wird zum Altstoff-Beauftragten und Milchgeld-Kassierer gewählt (was seinen Vati sichtlich stolz macht) und ich bleibe Sport- und Kulturfunktionär. Lediglich bei Anjas Wahl zum Agitator wird es noch einmal eng, aber da die Jungs schon den Chefposten stellen, kann sie den ungeliebten Job ruhig weiterhin machen. Wir haben der Frisch gehörig eins ausgewischt!

Auf dem Heimweg steht Andi natürlich im Mittelpunkt. Alle lachen sich darüber kaputt, dass erstmals ein Schüler der Käte zum Gruppenratsvorsitzenden gewählt worden ist, der in Betragen gerade eine 5 hat und in der Vorwoche nur knapp an einem Tadel vorbeigeschrammt ist. Das Gebot „Wir Thälmannpioniere lernen fleißig, sind ordentlich und diszipliniert“ trifft auf ihn wahrlich nicht zu.

Sogar Lars darf nun Teil der Truppe sein, da er sich der Stimme nicht enthalten hat. Allerdings wird er geahnt haben, dass er sonst von Bergi am Kragen seines Anoraks an die Klettergiraffe gehängt worden wäre, wo er alsbald wimmernd Nasenbluten bekommen hätte.

Kurz vor meinem Hauseingang nehme ich Andi zur Seite. „Warum hat Daniela eigentlich für dich gestimmt? Kapiere ich nicht.“ Ich bemerke seine Unsicherheit, da er sonst fast immer einen Kuhlen macht. „Scheppi, wenn du es unbedingt wissen willst. Ich bin mit Dani seit über einem Jahr zusammen.“

Ich bin eher enttäuscht als geschockt, weil er mir – seinem angeblich besten Freund – dies bisher verschwiegen hatte, denn „wir Thälmannpioniere lieben die Wahrheit, sind zuverlässig und einander freund“, besagt ein anderes Gebot.
Erst vor dem Fernseher auf der Couch wird mir klar, dass ich wahrscheinlich von vielen Dingen, die sich in meinem allerengsten Umfeld zutragen, nicht die geringste Ahnung habe. Irgendwo wird sogar gemunkelt, dass Steffi gar nicht nach Querfurt, sondern in die USA „umgezogen“ ist, was auch den weißen Flor an der Autoantenne ihres Vaters erklären würde. Aber wer weiß denn eigentlich, dass ich in Nadja und manchmal sogar in die verrückte Ina verknallt bin? Niemand!

Kurz darauf beginnen die Heute-Nachrichten im ZDF. Die Top-Meldung des Tages widmet sich dem 54-jährigen Michael Gorbatschow, der vorige Woche zum neuen 1. Generalsekretär der KPdSU der UdSSR gewählt worden war. Der Mann mit dem Muttermal auf der Glatze ist verhältnismäßig jung und sieht nicht einmal besonders unsympathisch aus. Doch große Reformen, wie sie die Leute im Westen nun erhoffen, sind auch von ihm sicherlich nicht zu erwarten. Ebenso wenig wird Andi eine Wende im Verhalten des Gruppenrats der 7 B einleiten. Dafür sind die Strukturen unserer Pionierorganisation viel zu eingefahren.
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Zum Weiterlesen: “Leninplatz” von Mark Scheppert, 9,90 €

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