Posts Tagged ‘ friedrichshain ’

Buchvorstellung: „Wir hatten ja nüscht im Osten“ – DDR Alltag

14. Oktober 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog

Mikis WesensbitterViele von Euch haben sich sicherlich schon lange gefragt: Wird es jemals ein besseres Buch über die DDR und das Ostberlin der 80iger Jahre, als das mittlerweile in jeder Schule auf dem Lehrplan stehende Werk „Mauergewinner“, geben?
Die Antwort lautet ja (!), denn Mikis Wesensbitter ist mit „Wir hatten ja nüscht im Osten … nich’ ma Spaß!“ ein echtes Meisterwerk gelungen. Zwar beschreibt er darin nur das berühmte Jahr 1989 in Tagebuchform, dies jedoch mit einer unfassbaren Detailgenauigkeit, Präzision und vor allem so dermaßen lustig, dass man sich diese Zeit manchmal echt zurückwünscht. Aua!

In meinem Fall hat das vielleicht sogar Gründe, da ich drei Jahre jünger bin. Während der Protagonist all die geilen Konzerte der Vorwendezeit mit 20 erlebt hat, in Friedrichshainer Kneipen bis tief in die Nacht versumpft ist und danach durchaus interessante Frauen abgeschleppt hat, war ich eben noch eher ein Junge, der dem „Held“ mit Sicherheit hier und da begegnet ist, aber eben viel uncooler in jener Zeit agierte. Und der blöderweise nur knutschen und fummeln durfte, da ihm die Mädels nicht in die Dreiraum-Wohnung seiner Eltern (mit Brüderchen Benny im selben Zimmer) folgen wollten.

Extrem gelungen finde ich ein Gefühl, welches der Autor vermittelt, nämlich, dass die DDR Scheiße war, aber alles was danach kam (in dem Buch eben nur die kurze Zeit nach dem Mauerfall) noch viel beschissener. Auch für mich waren die frühen 90iger – zumindest was Freunde betrifft – eher ernüchternd. Auf der großen Silvesterparty eines Kumpels am 31.12.1989 war ich Mitternachts plötzlich nur noch von 6 Leuten umgeben, da alle anderen 44 zu „den ganzen Freiheitsidioten“ (Zitat Wesensbitter) ans Brandenburger Tor abgehauen sind. Nach dem Abitur verringerte sich mein Freundeskreis schlagartig um 90 Prozent, da es vielen plötzlich nur noch um die große Kohle (statt die große Freiheit) ging.

Das Buch vermittelt jedoch nicht den ganzen Mist: “In der DDR hielten die Leute viel mehr zusammen, haben viel öfter und besser gevögelt und auch sonst hat alles urst eingefetzt”, denn Mikis beschreibt auch diese traurigen, grauen Sonntagnachmittage, den Stumpfsinn im Alltag und in der Produktion. Und fiese „Stasiratten“ aus Memphis (MfS), die es auszutricksen galt. Aber eben auch Zärtlichkeiten, Gerüche, Gegenden, Freundschaften, Verlustängste, Euphorie. Er skizziert damit ein Land jenseits von Stasiknästen, Jugendwerkhöfen und sinnlosen Fahnenappellen, die es in manchen Köpfen ausschließlich zu geben scheint. Die Wende in Ostberlin 1989 steht eben auch für Punk, Saufen, Ficken und …

Absolute Kaufempfehlung und zwar hier: „Wir hatten ja nüscht im Osten“ bei Amazon

PS.: Am 13.10. war Mikis Wesensbitter bei unserer Lesebühne zu Gast. Gerne würde ich mit ihm mal eine „DDR-Lesung“ machen, denn er ist mir sympathisch (obwohl er „Berliner Pils“ ächtet). Spätestens 2019 – nur 30 Jahre nach dem Mauerfall – bekommen wir das sicherlich hin!
.
.
.

[Weiter...]


Lesung am 13.10.2016 – Thema “Verflucht” mit Mikis Wesensbitter

8. Oktober 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Termine

8716_1235602723111_1020487528_30768514_2616130_nVerflixt und zugenäht – verflucht und aufgeschrieben! Die Unerhörten haben sich für ihre Lesung im Oktober ein Thema voller Aberglauben, Magie, düsteren Prophezeiungen und einer ganzen Menge kräftiger Worte ausgesucht: „Verflucht“! Die sechs Autorinnen und Autoren werden wie immer alle Aspekte des Themas aus dem mystischen Dunkel zerren und geschmeidig aufs Papier bringen. Und vorsichtshalber beim Schreiben ihrer Geschichten Amulette gegen böse Blicke tragen – auch die schwarze Katze muss leider in der Zeit draußen bleiben!
.
Wer: Lesebühne “Die Unerhörten” (mit Ariane, Friedhelm, Doris, Sebastian, Carol & icke)
.
Wann: 13.10.2016 ab 20 Uhr
.
Ort: Das verflucht schöne Café und Antiquariat Tasso in der Frankfurter Allee 11, Berlin Friedrichshain
.
Stargast: Am 13.10 wird der – weit über die Grenzen Friedrichshains – bekannte Schriftsteller Mikis Wesensbitter bei uns zu Gast sein.

Foto: Jana Farley

Mikis Wesensbitter; Foto: Jana Farley


Mikis wäre eigentlich ein waschechter Ostberliner geworden, wenn nicht Ende August 1968 ein Unfall bei der Deutschen Reichsbahn den kompletten Schienenverkehr der DDR lahmgelegt hätte. So kam er in Zossen zur Welt. Schon im Kindergarten wurde er zum Mobbingopfer: 1. wegen seines Namens und 2. wegen seines Geburtsorts. Mit 6 Jahren bekam er wegen seiner tiefen Stimme Gesangsverbot, mit 9 Jahren wegen moralisch anstößiger Texte Schreibverbot und mit 12 Jahren wegen seltsamer Fragen im Biologieunterricht Redeverbot. Ein Friseurverbot hat er sich mit 15 Jahren dann selbst auferlegt wegen der permanenten Messerformschnitt-Diktatur der sozialistischen Einheits-Frisiersalons. Mit den Abgründen des Ostalltags kennt er sich also bestens aus.
Mit der Wende wurde es dann aber etwas besser. Schließlich durfte er nun singen, schreiben und sagen, was er wollte. Aber das durften ja jetzt alle. Und schon machte es ihm keinen Spaß mehr.

Nach zehn Jahren in der Musikbranche wechselte er Anfang der 2000er zum Journalismus. Seit 15 Jahren schreibt er u.a. für das Legacy, das Multimania und das AGM- Magazin. Auf seinem Blog veröffentlicht er zudem Geschichten über die beiden anderen schönsten Nebensachen der Welt: die Liebe und das Bier. Hier gehts zur Webseite von Mikis Wesensbitter
.
.
.

[Weiter...]


All die hübschen Frauen – Willkommen in Chile!!!

5. Mai 2015 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog

Schwarz-rot-gold AricaAm Busbahnhof lasse ich mir ein letztes Mal die schwarzen Docs wienern. Göte sitzt auf einem hohen Stuhl nebenan und ein älterer Mann rubbelt, während er Zeitung liest, an seinen Adidas herum. La Paz ist eine Schuhputzerstadt, denn an jeder zweiten Ecke werden wir darauf hingewiesen, dass es mal wieder Zeit für eine Politur wäre. Es ist eher eine freundliche Geste, denn so landen wenigstens ein paar Bolivianos bei denen, die es nötig haben. „Eh Scheppert. 4:1 gegen Spanien“, ruft mir Göte zu. „Zweimal Scholl und zweimal Zickler.“ Es ist das erste deutsche Match unter Rudi Völler und ich bin überrascht, dass europäische Freundschaftsspiele hier in der Zeitung stehen. „Das ist unsere Tante Käthe!“, rufe ich rüber. Göte nickt.
Wir werden La Paz nach nur zwei Tagen wieder verlassen. Obwohl uns die Stadt sehr gut gefällt, haben wir immer noch Probleme mit der Höhe. Besonders Jenna fühlt sich schlecht. Er schläft kaum, raucht nur noch eine Schachtel rote Marlboro am Tag und trinkt in meinen Augen auch eindeutig zu wenig Bier. Mit dem Nachtbus wollen wir auf Meereshöhe nach Chile hinunterfahren.
2000 Bol La paz
An der Grenzstation erwarten uns übellaunige Zöllner, die besonders die Bolivianer peinlich genau kontrollieren. Ich gehe spontan zu einem besonders dreisten Typen und frage, ob ich ein Foto mit ihm vor der chilenischen Fahne machen kann. „Por qué no?“ (Warum nicht?), antwortet er überraschend freundlich. Wir nehmen Aufstellung und ich drücke Matze meine Kamera in die Hand. Ich trage meine Fliegerjacke, enge Bluejeans und die leuchtend polierten Docs – er seine Uniform. Arm in Arm strahlen wir um die Wette in die Linse. Plötzlich geht alles ganz schnell mit den Formalitäten. Der Grenzer verteilt lächelnd die Pässe und begrüßt jeden einzelnen Passagier mit einem herzlichen: „Bienvenido a Chile“ (Willkommen in Chile). Ein guter Start.
Die Fahrt auf der Serpentinenstraße von 4000 Metern Höhe auf Null ist die rasanteste meines Lebens. Der Druck auf unsere Ohren nimmt stetig zu und sogar die Bierdosen dellen sich nach innen. Wenngleich über uns ein sternenklarer Himmel leuchtet, sehen wir am Horizont, über schneebedeckten Bergkämmen ein spektakuläres Gewitter. Grelle Blitze zucken dort alle zwanzig Sekunden herab. Am Straßenrand schauen Vicunjas ängstlich, Lamas neugierig und Schafe dämlich ins Scheinwerferlicht. Ein Fernseher läuft lautstark im Inneren, doch wir drücken uns die Nasen an den Scheiben platt. Was für eine Landschaft, was für ein Naturschauspiel! Müde erreichen wir Arica.
2000 Chile ich Grenzer
Jenna zündet sich bereits seine achte Kippe an und grinst erleichtert. Die Hafenstadt ist keine architektonische Schönheit, doch es gibt eine belebte Fußgängerzone, ein Latin Quater, große Burgerläden, Kneipen, die Fassbier servieren, und vor allem eine salzig schmeckende Luft, die uns tief durchatmen lässt. So schön wie Peru und Bolivien auch gewesen waren, wir hatten immer das beschämende Gefühl gehabt, eine Art „Armutstourismus“ zu betreiben. Hinsehen, betroffen sein und wegschauen. Vielen Menschen ging es dort sichtlich dreckig und wir fuhren erster Klasse durch die Gegend und tranken Unmengen Alkohol. In der hiesigen Kneipe, mit den grünen Stühlen und Schirmen vor der Tür, ist das weniger anstandslos. Nach unserem ersten Schop (Zapfbier) im „Grünen“ beschließen wir: das ist unsere Stadt.
Es gibt hier sogar große Supermärkte, in denen sie uns auf dem Heimweg einen Bierkasten und zwei Pappen Rotwein verkaufen. Im Patio machen wir es uns gemütlich und öffnen die „Cristal“ mit lautem Zischen. „Eh, da ist ja ein Hund auf dem Dach!“, ruft Matze. „Un perro en la dacha?“ (ein Hund in der Datsche), fragt Göte falsch nach, doch Matze klettert bereits über einen Baum auf das Gebäude. „Das ist ja geil, kommt mal hoch!“ Ich folge und gebe ihm Recht. Von oben hat man einen herrlichen Blick auf die, von der Abendsonne, beleuchteten Gärten. Die dahinter liegende Stadt, scheint im Blau des Pazifiks zu versinken. Der Köter ist weg. Nach und nach ziehen wir Göte, Jenna, vier Stühle und die Kiste Bier hoch. Schweigend genießen wir das Panoramabild.
„18“, brüllt Göte irgendwann, „20“, antwortet Matze. Ich rufe „Zwo“ und auch Jenna muss mal und sagt „23“. Wir verlassen das Dach zum Pinkeln nicht. Wenig später fragt „Hausmeister Krause“, der Besitzer der Residencial, ob er auch ein paar Bilder von uns machen dürfe. Diese könne er in seinen Prospekt aufnehmen und dort als Sonnenterrasse verkaufen.
Icke Arcia Dach
Wir seilen uns mit breitem Grinsen ab und mit Jenna wanke ich zum Spätverkauf. Er ist schon ziemlich blau und braucht Kippen. Als wir zurückkommen, sitzen Göte und Matze vor einem noch mühsam lodernden Feuer. „Wie seht ihr denn aus?“, frage ich höhnisch. „Mann, hier sind Dantas aufgeschlagen!“, flüstert der herausgeputzte Göte aufgeregt. „Und was für welche!“, ergänzt ein stark parfümierter Matze beschwörend. Genau in diesem Moment treten zwei Mädchen aus dem Rassedantas-Katalog durch die Tür ihres Zimmers und fragen schüchtern, ob sie sich dazusetzen können. Hatten wir soeben noch wie Hotten vom Dach gepullert, sehe ich plötzlich nur noch zuvorkommende Gentleman. Göte zerrt zwei Stühle in den Kreis und Matze besorgt Rotweingläser. Das wird interessant! Die beiden muss man sich nicht hübsch saufen. Mimi ist bildschön mit dunklen Augen, langen schwarzen Haaren, feinen Gesichtszügen und einem selbstsicheren Lächeln. Jana das Gegenstück in blond.
Wir kommen gut ins Gespräch und ahnen ohne viele Worte, dass sie sich wohl eher uns schön trinken müssen. Matze reagiert und schenkt aus der Weinpappe nach. Obwohl wir gleich zu Beginn geprahlt hatten, dass wir aus Berlin kommen, erfahren wir zunächst nur, dass sie in Freiburg studieren und vernachlässigen das Thema. Matze stellt geschickt die „Freund-Frage“ und als beide verneinen, sehe ich sein berühmtes Charmeurlächeln. Auch Göte greift jetzt an. Die beiden sind immer noch Singles. Ich halte mich zurück, da ich mich in der Heimat schwer in Sylvie verliebt habe. War sie zunächst nur meine allerbeste Freundin gewesen, hatte es plötzlich Klick gemacht. Sie wäre in jeder Beziehung die Richtige für mich und momentan sieht es fast so aus, als ob ich bei der kleinen Pfälzerin eine realistische Chance habe. Sie will sich während dieser Reise von ihrem Freund trennen. Jenna, der immer betrunkener wird, wohnt verliebt mit seiner süßen Danny zusammen.
2000 Chile Julia und ich
Göte fragt, ob sie Fußball mögen. Mimi und Jana berichten stolz, dass sie VfB-Fans sind, auch, weil sie ja ursprünglich aus Stuttgart kommen. Okay, denke ich beruhigt, für mich hat sich das jetzt eh erledigt. Doch Göte lässt nicht locker. „Kennt ihr einen Typen namens Toastbrot?“, fragt er zynisch. Wenngleich sie natürlich verneinen und ich protestiere, beginnen die anderen lang und breit zu erzählen, dass mir dieses Stuttgarter Arschgesicht vor Jahren meine Freundin ausgespannt hatte. „Na, das hat ja auch was Gutes“, mische ich mich trotzig ein. „Ich habe jetzt immer einen Platz im Bett frei.“ Matzes und Götes Augen funkeln, doch Jana antwortet herzlich „Gerne, ich war sowieso erst einmal mit meinem Ex, dem Idiot, zur Loveparade in Berlin.“ Göte schwärmt nun von Pankow, Matze von Prenzlauer Berg und ich rühme Friedrichshain als idealen Schlafplatz. Jenna ist dicht.
Sie weiß nicht mehr, wo sie damals gewesen war und beschreibt eine gewöhnliche Wohnung – Berliner Hinterhausromantik. Ich stecke mir eine Zigarette an und lausche abwesend den Gesprächen.
Plötzlich habe ich eine Vermutung. Ich beuge mich zu Jana hinüber und frage: „Wie heißt denn dein Ex-Freund eigentlich?“ Mit einem Mal sind alle ganz still. Nur das Klicken von Jennas Feuerzeug und das Knacken der Scheite, ist noch zu hören. Sie schaut mich sehr lange an. Ihre Gesichtszüge verändern sich. „Ach die Jeannet!“, platzt es plötzlich aus ihr heraus. Ich falle samt Stuhl nach hinten ins Gebüsch.
Wir Morro
In Chile, tausende Kilometer entfernt von der Heimat, treffe ich die Ex-Freundin meines Erzfeindes Toastbrot aus Stuttgart. Es stellt sich heraus, dass sie zur Loveparade 1996, während ich allein auf Reisen gewesen war, sogar in meiner Wohnung in Berlin übernachtet hatten. Selbst Jana schien damals nicht bemerkt zu haben, dass es in dieser Zeit zwischen Jeannet und ihrem Freund gefunkt hatte. Als ich nach sieben Wochen aus Chile zurückkam, war schon alles zu spät. Jeannet wollte das Westschwein und umgekehrt. Jana war es ähnlich ergangen, nur, dass Jeannet die Ostschlampe gewesen war. Wir waren für lange Zeit die traurigsten Menschen auf dem Planeten gewesen. Gleichzeitig stehen wir auf und nehmen uns in die Arme. There’s a slow waltz for Chile. Göte und Matze beginnen leise zu applaudieren. Mimi wischt sich ein Tränchen aus den Augenwinkeln und flüstert: „Ach die Jeannet!“
.
Zum Weiterlesen: 90 Minuten Südamerika
.

[Weiter...]


Mauergewinner! – Jugend in der DDR

8. Februar 2015 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

3483266545_b7378fb5f9_b Obwohl man es meinem Vater, der Kugel, nicht ansieht, widmete er sein Leben dem Sport. Bereits als Kind wurde er in Halle an der Saale von Funktionären gesichtet und zur Kreis-, Kinder- und Jugendsportschule (KJS) nach Berlin delegiert. Er wurde Juniorenmeister im Speerwerfen und spielte besser Fußball als mancher DDR-Oberligaspieler. Nach dem Diplom als Sportlehrer wurde er Funktionär für Radsport und Schwimmen. In einem Land, in dem der geförderte Leistungssport eine übergeordnet große Rolle spielte, waren mein Bruder Benny und ich also geradezu prädestiniert, in
die angesehene Sportelite unseres Landes aufzusteigen.
Was soll ich sagen? Natürlich fielen auch wir nicht durch das engmaschige Netz der systematischen sportlichen Beobachtung. Bereits im Kindergarten erkannten Sichtungstrainer mein Ausnahmetalent: Sie schickten mich zum Eiskunstlaufen! Ich möchte hier kein präzises Bild von mir zeichnen, nur so viel: Ich bin bis heute genau das Gegenteil von graziös und anmutig. Wirklich niemand möchte “Mark on Ice” sehen. Eine zornige Trainerin brachte mich bei den ersten drei Terminen zum Weinen und beim vierten Mal wurde ich, nachdem ich beim Kurven wieder einmal tollpatschig alle rot-weißen Hütchen umgefahren hatte, lautstark aus der Trainingsgruppe geschmissen.
Leider prophezeite man mir danach – ich wurde ständig gewogen und vermessen – eine äußerst erfolgreiche Schwimmkarriere. Bis heute bin in von den errechneten 1,90 Metern Körpergröße, die mir vorausgesagt wurden, 15 Zentimeter entfernt, und nach den ersten Sprüngen ins Becken hielt ich mich in Todesangst an der gereichten Stange fest. Ich jammerte und heulte bei jedem Schluck Chlorwasser und war auch hier nach drei Einheiten raus aus der sozialistischen Sportfördergemeinschaft.
Mein sportlicher Vater hielt sich aus allem heraus und drängte mich nicht, lebensbedrohliche Sportarten auszuüben. Genau genommen interessierten ihn meine ersten Schritte als potenzieller Topathlet kaum. Vielleicht war ihm auch einfach schon immer klar, dass mit mir auf diesem Gebiet nicht viel anzufangen war. Als ich aus freien Stücken Fußballer wurde, holte er mich kein einziges Mal von einem Spiel ab.
Meine Mannschaft “Empor Brandenburger Tor” – kurz EBT – spielte im nahen Friedrichshain. Der linke Verteidiger war nach dem Torwart der zweitschlechteste Spieler im Team und spielte in der winterlichen Hallensaison sogar nur in der zweiten Mannschaft. Dass ich diese traurige Gestalt war, die ohne einen einzigen Torerfolg blieb, dafür jedoch einige vermeidbare Treffer, sogar gegen die Flaschen von „Motor Ost“, verschuldete, erzählte ich meinem Vater nie.

Staffel 5.
Dann kam die Kinder-und-Jugend-Spartakiade.
Anders als sonst, verschwand der Alte nach Feierabend nicht gleich im Scheppert-Eck, sondern brachte sich sogar Arbeit mit nach Hause. Nach dem Abendbrot setzte er sich mit zahlreichen Listen und einem Bier an den Wohnzimmertisch und begann, verschiedene Zahlen aus alten Listen in neue zu übertragen. Bereits am nächsten Abend fragte er uns stöhnend, ob wir ihm ein bisschen helfen wollten. Es ging darum, die Zwischenzeiten der verschiedenen Schwimmer in die Spalten zu schreiben und die Endzeiten zu vergleichen. Für jede vollständige Liste bekamen wir eine Mark.
Neben schnell verdientem Geld schaukelten Benny und ich uns wie immer hoch, wer die größten Talente und schnellsten Zeiten auf seinen Listen hatte. Ich verlor sehr selten Spiele gegen meinen kleinen Bruder, doch diesmal hatte ich keine Chance. In sämtlichen Tabellen, die sich Benny geschnappt hatte, lag eine gewisse Franziska in allen Zwischenzeiten meilenweit vorne. Sie war sogar besser als einige Jungs in ihrem Alter. Doch im Prinzip war mir dieses Mädel egal, denn ich schaffte an zwei Abenden zwölf Listen und Benny, trotz dieser wundersamen Franziska van Almsick, nur neun. Mein Vater kam auf vier Flaschen Bier und drei Korn und hatte eine sehr talentierte, angeblich auch goldige, Schwimmerin in seiner Trainingsgruppe gesichtet.
Die Spartakiaden waren, zusammen mit den Kreis-, Bezirks- und DDR-Meisterschaften sowie dem Pionierpokal, die wichtigsten sportlichen Wettbewerbe für Kinder und Jugendliche. Die Vorkämpfe und Qualifikationen dafür begannen bereits in den einzelnen Schulen. Wahrscheinlich liegt hier genau der Grund, warum ich meine Ambitionen und den Siegeswillen trotz der vielen Ängste und Enttäuschungen nie verlor. In meiner Klasse war ich richtig gut!
Bei den Schul-Spartakiaden gewann ich meine ersten Medaillen, die ich stolz in unser Kinderzimmer hängte. Silber im Weitsprung, Bronze im Schlagballweitwurf und Gold im Fußball, wo wir lediglich unsere Parallel-, die A-Klasse besiegt hatten. Diese Methode, auch die schwächsten und ungelenkigsten Kinder zu motivieren, sorgte dafür, dass ein ganzes Land gerne so gewesen wäre wie seine ehrgeizigen, erfolgshungrigen Spitzenathleten, die der ganzen Welt die Überlegenheit unseres sozialistischen Systems beweisen sollten. Schon wir Schüler und unsere Lehrer strebten nach Erfolg, Annerkennung und Ruhm, auch wenn wir nichts konnten.
Trotzdem muss ich noch heute mitleidig an unsere Sportlehrer denken, denn der nächst höhere Wettbewerb, bei dem die verschiedenen Schulen gegeneinander antraten, war die Stadtbezirks-Spartakiade. Warum unsere Lehrer nicht einfach auf unsere Teilnahme verzichteten, alles absagten oder erklärten, dass bei uns eine Grippeepidemie ausgebrochen war, verstand ich nicht – wir wurden jedes Jahr wieder zu den Bezirks-Spartakiaden von Friedrichshain geschickt und blamierten unsere Schule bis aufs Blut. Dass auch nur ein Schüler oder Team der Käte-Duncker-Oberschule unter die ersten drei kam, war denkbar unwahrscheinlich. Scheinbar hatten sie bei uns die unsportlichsten Kinder des ganzen Stadtbezirkes gesucht und gemeinsam eingeschult.
OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Ich hatte gleich in der vierten Klasse die Qualifikation für die Staffel geschafft, in der Vertreter der 4. bis 7. Klassen antreten mussten. Zwar nur als viertbester meiner Altersstufe, aber immerhin. Am Abend vor dem Lauf lag ich ganz aufgeregt in unserem gemeinsamen Roll-Bett und erzählte Benny, dass ich auf die dritte Startposition gesetzt war.
Die Reise ging nach Schulschluss zum Lasker-Sportplatz in die komplett andere Ecke meines Bezirkes. Ich aß zu Hause noch schnell eine Stulle; in meinen Stoff-Turnbeutel packte ich nur einen Apfel und ein Handtuch, da ich die Sportsachen gleich anzog. Ausgerechnet drei Leute aus der Parallelklasse 4 A waren meine Mitstreiter. Wir aus der B-Klasse hänselten sie immer mit dem Spruch: „A wie Arschloch, B wie besser“. Matthias, Enrico und Thomas schauten mich schon an der Bushaltestelle, wo wir uns sammelten, abwertend an und riefen „A wie artig, B wie blöde“ zu mir herüber.
Wir mussten gemeinsam in den Bus am Volkspark Friedrichshain einsteigen und fuhren vorbei am Leninplatz, über die Karl-Marx-Allee und den S-Bahnhof Warschauer Straße in die Persiusstraße. In Höhe des Bahnhofs, als der Bus in die Stralauer Allee einbog, zog diese schier endlos erscheinende weiße Mauer an uns vorbei. Eine Weile starrte ich aus dem Fenster, und da niemand mit mir sprach, stand ich von meinem Sitz auf und ging hinüber zu unserem Lehrer Herrn Pinka. Ich setzte mich neben ihn und hoffte, dass er mich erkennen würde, aber er beachtete mich nicht. Stattdessen blickte auch er nur verdrossen auf die grauen vorbeiziehenden Häuser. Obwohl ich ihn bis zum Abschluss der 10. Klasse als recht ehrgeizig und zielstrebig in Erinnerung behalten habe, gab es bei meiner ersten Spartakiade keine taktischen Anweisungen, keine motivierenden Ansprachen im Vorfeld. Wir fuhren einfach nur schweigend eine lange, hohe Mauer entlang, auf dem Weg zum Wettkampf der Besten.
OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Die Sportanlage war grauenhaft. Eine Vierhundert-Meter-Aschelaufbahn, umrahmt von einem hohen zehnstöckigen Neubaublock, der Straße und einer verfallenen Tribüne aus kaskadenförmig angeordneten Betonsockeln. Jenseits dieser Empore gab es eine ungepflegte Rasenfläche, wo sich die Schüler aus den verschiedenen Schulen sammelten. Unsere Schultrikots bestanden aus einer weißen Turnhose und einem ärmellosen gelben Hemd, auf dem das Emblem der „Käthe-Duncker-Oberschule“ aufgenäht war. Ich kenne bis heute kein anderes Sport- oder Fußballteam, das diese grässliche Farbzusammenstellung gewählt hätte. Das einzig Positive für uns Kinder war, dass wir unsere Schulkameraden immer recht schnell im Gewühl wiederfanden und die anderen wussten: „Da kommen die Pfeifen aus der Käthe!”
Die hundert aufgeregt plappernden Kinder ließen meine Anspannung ins Unermessliche steigen. Ich setzte mich nervös auf den Rasen neben meine mich ignorierenden Kameraden aus der A-Klasse. Dann wurden die Teilnehmer des 4×100-Meter-Laufs aufgefordert, Aufstellung zu nehmen. Als ich an meine Position ging, packte mich das Lampenfieber endgültig. Plötzlich brüllte auch Herr Pinka irgendwelche Dinge, die ich hier hinten wegen des lauten Publikums nicht verstand. Meine Konkurrenten und Mitstreiter an der 3. Stelle lachten mir fies ins Gesicht. Zum Glück waren meine Eltern nicht dabei, dachte ich, denn die Situation war ganz und gar nicht mit den Staffelrennen, die wir untereinander in unserer Schulsporthalle veranstalteten, zu vergleichen. Dort war ich ein strahlender Siegertyp und hier, bei meinem ersten richtigen Wettkampf, ein jämmerlicher Waschlappen.

Ich bekam Magenschmerzen; ich hatte jetzt richtig Schiss. Als ich auf meine Startposition ging, wurden daraus richtige Krämpfe. Nur ein mächtiger Pups konnte mich jetzt noch retten. Augenblicklich spürte ich, dass dies keine gute Idee gewesen war. Es sollte nicht bei dem erleichternden Furz bleiben; ich hatte mir zeitgleich mit dem krachenden Startschuss in die Hose gekeckert. Es dauerte etwa dreißig Sekunden, bis Matthias auf Enrico gewechselt hatte, dieser bei mir war und mir schreiend den Stab in die Hand schlug. Irgendwie schaffte ich es, auch mit Kacke in der Hose zu laufen. Nein! Ich war sogar schneller als sonst.
Auf dem vierten Platz hatte ich übernommen und schaffte es tatsächlich auch an dieser Position liegend, an unseren Schlussläufer Thomas zu übergeben. Am Ende wurden wir Fünfte von sechs Staffeln in diesem Vorlauf und schieden wie alle anderen Staffeln unserer Schule aus. Leider hatte auch ich etwas ausgeschieden, was sich deutlich an meiner weißen Turnhose abzeichnete. Voller Scham verkroch ich mich in die letzte Ecke und versuchte die gesamte Zeit, meinen Turnbeutel so zu halten, dass er das Unheil verdeckte. Zum Glück gab es für uns und den wie immer frostig dreinschauenden Herrn Pinka heute keine Urkunden und Medaillen. Mir waren diese auch völlig egal geworden, ich wollte nur noch weg. Trotzdem dauerte es gefühlte Stunden, bis ich es endlich geschafft hatte, mich von unserem Lehrer und meinen Mitläufern zu verabschieden. Ich sagte, dass ich noch einen Onkel in dieser Gegend besuchen müsste und war augenblicklich verschwunden. Natürlich konnte ich mit meinem braunen Streifen, der in meiner Wahrnehmung jetzt auch zu muffeln begann, nicht mehr mit dem Bus fahren.
OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Den Tränen nahe, rannte ich einfach drauflos. Bereits nach fünf Minuten merkte ich allerdings, dass ich mich vollkommen verlaufen hatte. Plötzlich stand ich vor dieser riesigen weißen Mauer und wusste nicht, ob ich nach rechts oder links laufen sollte. Ich begann zu heulen, entschied mich für eine Richtung und lief los, immer entlang an dem hohen weißen Ungetüm. Es war „die Mauer“, doch kein Grenzsoldat oder hilfsbereiter Volkspolizist nahm mich, den kleinen, traurigen Jungen, wahr und tröstend in den Arm. Niemand meinte es gut mit mir. Plötzlich erblickte ich den Fernsehturm, und als ich die Jannowitzbrücke erreichte, erkannte ich freudestrahlend den weiteren Weg nach Hause. Ich musste jetzt nur noch rechts in die Straße zum Kino International abbiegen und dann ging es immer geradeaus zur Mollstraße.
Nach einer dreiviertel Stunde war ich endlich angekommen, zog mich in Windeseile aus, schmiss die verschissene Turnhose und meinen Schlüpfer sofort in den Müllschlucker und legte mich in unsere Badewanne. Kein einziger Mensch hatte mein Malheur mitbekommen. Ich war so glücklich, wieder sauber und daheim zu sein und dachte an diese endlose Mauer. Sie war mein Wegweiser gewesen, ohne sie hätte ich mich heillos in dieser riesigen Stadt verlaufen. Sie hatte mir Glück und mich nach Hause gebracht. Ich war so dankbar, dass es sie gegeben hatte. Die Staffel war verloren, doch ich war Mauergewinner!
Jan-Erik Nord Warschauer Str. 85 10243 Berlin www.jan-erik-nord.de Oktober 2009
Das 1,3 Kilometer lange Stück an der East Side Gallery steht noch heute und wäre doch fast abgerissen worden. Ich freue mich über die Restaurierung des denkmalgeschützten Abschnitts in meinem Friedrichshain, denn momentan ist sie weder weiß noch bunt. Autoabgase von Millionen Fahrzeugen, Regen, Frost und Farbanschläge haben die Bilder bis zur Unkenntlichkeit entstellt. An vielen Stellen hackten Touristen große Löcher in die Wände, nur um ein Stück Erinnerung mit in die Heimat zu nehmen.
Wenn ich manchmal am Ostbahnhof in die S-Bahn steige, werde ich von aufgeregten Menschen aus England, Italien oder Spanien gefragt: „Und wo ist die Mauer?“ Mit einem Lächeln deute ich nach links und denke: Vielleicht können sie ihren Kindern einmal erzählen, warum und wieso „die“ da steht und damit vieles mehr von einem Abschnitt bedeutender deutscher Geschichte. Ich jedenfalls kann genau von diesen 1.300 Metern meine eigene berichten.
.
Zum Weiterlesen: “Mauergewinner” bei Spiegel Online
.
Zum Buchkauf: “Mauergewinner” bei amazon.de
.
.
.

[Weiter...]


Endlich angekommen! – Leben in der DDR

30. Juli 2014 | von | Kategorie: Blog, Mauergewinner Leseproben

Schluss

Kurz vor meinem Geburtstag beschreibe ich heute einmal, wie der “Mauergewinner” entstanden ist. Letztendlich habe ich nach dieser Story vor ein paar Jahren überhaupt erst zu Schreiben begonnen. Gute Entscheidung.
.
———————————————————————————————————
Mein 37. Geburtstag stand vor der Tür. Kein besonderes Ereignis – weder ein rundes Jahr, noch war gerade irgendetwas Außergewöhnliches passiert. Ich sagte Sylvie, dass ich trotzdem richtig Lust hätte, eine große Party zu geben. Was mir fehlte, war ein pfiffiges Motto. Es sollte mit mir zu tun haben. Aber wer bin ich?

1971 im ostberliner Stadtteil Friedrichshain geboren, habe ich dort tatsächlich mein komplettes bisheriges Leben lang gewohnt. In meiner Stammkneipe in der Wühlischstraße werde ich von den vielen Zugezogenen bestaunt: ein gebürtiger Berliner, Ostberliner und dann auch noch Friedrichshainer! Wahrscheinlich bin ich einer der letzten meiner Art und gleichzeitig ein Vertreter dieser neuen Generation, der heimatlosen Wossis. Wie eine traurige Sorte Klöße: halb und halb.

Ich bin weder Fisch noch Fleisch, weder Ost noch West, nicht gestern, heute oder morgen. Ich habe eine geteilte Vergangenheit mit Eltern, die sich über ihre DDR definieren und Nichten und Neffen, die diese nicht mehr kennen. Ich werde oft danach gefragt, wie es in diesem verschwundenen Land war und wenn ich zu erzählen beginne, wird mir nicht mehr richtig zugehört. Ich versuche zu sein, wie ein Vorzeige-Wessi und drücke noch immer erfolgreichen Ossis besonders die Daumen. Ich sage nie, dass früher alles besser war, aber auch nicht, dass es heute so ist.

Mein Wohnort blieb gleich, doch mein Heimatland wurde ein anderes. Der Mauerfall 1989 war für mich das schönste und wichtigste Ereignis meines Lebens. Von da an verlief es völlig anders als gedacht: keine Nationale Volksarmee, keine “freiwillige” SED-Mitgliedschaft, keine Bude mit Ofenheizung und Außenklo, kein Trabi mit 30, keine dreiwöchigen FKK-Zelturlaube am Ostseestrand, keine Sauregurkenzeit in Konsumläden. Und so weiter und so fort.
Luxus spielt für mich keine Rolle, aber daran gibt es nichts zu rütteln: Der Westen öffnete mir eine prall gefüllte Wundertüte.

Ich konnte die Welt sehen. Ich machte eine einjährige Weltreise und meine Freunde und Bekannten leben weit verstreut, viele sogar in Westdeutschland. Meine Weltkarte an der Wand ist voll mit roten Punkten. Ich bin ein Ossi auf Tour.
Verloren habe ich durch die Wende – nichts. Alte Freunde aus der DDR und meine Familie sind mir weiterhin nah. Ein Jammerossi bin ich nie geworden. Ich denke nicht nostalgisch oder gar “ostalgisch” an mein früheres Leben. Aber ich erinnere mich. An meinen Kindergarten, wo ich wie jeder einen Platz bekam. Ich betrachte mich im FDJ- oder Pionierausweis, denke an unsere “Go-Trabi-Go-Aktion” nach Budapest, an mein erstes Bier im Lager für Arbeit und Erholung und an meine DDR-Jugendweihe, betrachte meine Auszeichnungen aus vergangenen Tagen.
Ich lache bei der Erinnerung an die Diebstähle in diversen Kaufhallen, sinnlose Gruppenratswahlen und einseitige Diskussionen im Staatsbürgerkunde-Unterricht.

Ich habe auch nicht vergessen, dass ich meinen Abiturplatz nur bekam, weil ich mich drei Jahre für die NVA verpflichtet hatte, dass im Wehrerziehungslager bereits die ersten Jungoffiziere und Stasimitarbeiter in spe geschnüffelt haben und vor allem, dass ich keine Hoffnung hatte, jemals nach New York, Sydney und Barcelona zu kommen.
Meine Kindheit und Jugend in der DDR war spannend, aber ich bin unglaublich glücklich, dass das unwirkliche Land, in dem ich meine ersten 18 Jahre verbrachte, nur noch in der Erinnerung existiert.

Mittlerweile wohne ich länger in der Bundesrepublik Deutschland als in der Deutschen Demokratischen Republik. Ich bin mehr Wessi als Ossi. Das wollte ich feiern! Die Gäste auf der Party zu meinem 37. Geburtstag in einer Kleingartenkolonie in Ostberlin: 50 Prozent Ost-, 50 Prozent Westdeutsche.
Ich schaue immer nach vorne und nie zurück. Dachte ich. Doch etwas fehlte in meiner neuen deutschen Biografie und irgendwann merkte ich, was es war. Ich tauchte ein in meine Vergangenheit, hielt alte Urkunden, Zeugnisse und Fotos aus meiner DDR-Zeit in den Händen. Ich wachte eines Nachts sogar auf und dachte geschockt: „Mist, die Mauer steht wieder.“ Am nächsten Morgen musste ich darüber schmunzeln und begann, zunächst nur für mich zu schreiben, ohne Druck und höhere Ziele. Ich erzählte mir meine Geschichte.
Schon Minuten nachdem ich mit diesem Buch begonnen hatte, spürte ich wie mich die Zeilen befreiten, meine Vergangenheit an mir vorbeiflog, die ich soeben verarbeitet hatte.
Als Motto der Party schrieb ich auf die Einladungen: „Endlich angekommen!” Nicht als Frage, sondern mit Ausrufezeichen!

—————————————————————————————————————–

Was aus meinem DDR-Buch “Mauergewinner” letztendlich geworden ist, kann man hier nachlesen.

Anbei noch ein paar Bilder aus dem Artikel, der damals sogar bei Spiegel-Online erschienen ist:

[Weiter...]


20 Jahre “Die Tagung”

21. Oktober 2012 | von | Kategorie: Blog

20 Jahre die Tagung - Seid Bereit!Am 20. Oktober 2012 fand die große 20 Jahre-Jubiläums-Party in der wunderbaren “Tagung” in der Wühlischstraße 29 in Berlin-Friedrichshain statt und ich hatte die Ehre, einer der unzähligen geladenen Gäste zu sein.
Etwas ist mir bei der gigantischen Fete, die urst eingefetzt hat, aufgefallen: Zum einen kannte ich über 50 % der Leute tatsächlich vom Sehen oder habe mit ihnen zumindest schon mal ein paar Worte gewechselt, zum anderen ist es irgendwann mal an der Zeit, eine Story über “Die Tagung” und meine dortigen (durchaus denkwürdigen) Erlebnisse zu schreiben.
Zwar habe ich das ” unhippe Zuhause” schon im Mauergewinner erwähnt und in der Danksagung zu 90 Minuten Südamerika ein paar Leute genannt, aber da wäre natürlich noch viel mehr drin, zumal die dortigen Protagonisten sogar Stoff für einen Berlin-Roman hergeben würden.
.
20 Jahre die Tagung - Es lebe die Tagung
Wie auch immer, demnächst gibt es an dieser Stelle vielleicht noch ein paar Fotos vom Jubiläum (falls ich welche gesandt bekomme) und spätestens zum 30jährigen Fest ist meine Geschichte dann sicherlich auch fertig. Dann wird sie in der Biergaststätte auch vorgetragen. Versprochen!

Ach so: in der “Tagung” firmiere ich übrigens als “El rubio”. Einfach mal direkt neben der Bar auf den Bundesliga-Tippschein achten. Ziemlich oft (okay, das ist Wuschdenken) sieht der nämlich so aus…:

Die Tagung Tippspiel

[Weiter...]


“90 Minuten” in der Friedrichshainer Chronik

11. September 2012 | von | Kategorie: Blog

P1010858
In der Online-Ausgabe der Friedrichshainer Chronikkann man nun auch einen Auszug aus meinem Buch “90 Minuten Südamerika” lesen. Auszug:

…die Oberbaumbrücke zwischen den Berliner Stadtteilen Friedrichshain und Kreuzberg symbolisiert in diesen Tagen im Sommer 1990 für meine Freunde und mich grenzenlose Freiheit. 28 Jahre lang war es DDR-Bürgern nahezu unmöglich gewesen, über sie in den Westen zu gelangen. Kurz nach dem Mauerfall hatten wir sie für uns entdeckt. Hoch oben auf den verfallenen Stümpfen der Türme haben wir einen phantastischen Blick über die Spree, bis hin zum Hotel »Stadt Berlin« und dem Fernsehturm. Wir können die neugierigen Menschen aus Richtung Friedrichshain kommend und gleichzeitig das bunte Treiben in Kreuzberg beobachten. Der Sonnenuntergang, über dem sich verändernden Berlin, ist hier der schönste in meiner Stadt. Es ist ein magischer Ort.

Zum Weiterlesen

[Weiter...]


“Generation Wall” – English ebook about a childhood in the GDR and East Berlin

4. Juni 2011 | von | Kategorie: Blog

Generation Wall

Now 15 stories of the “Mauergewinner”, describing my childhood in the GDR and East Berlin were translated into English.

Ebook “Generation Wall” – Amazon.de in Germany

Ebook “Generation Wall” – Amazon.co.uk in Great Britain

Ebook “Generation Wall” – Amazon.com in the USA
.
.

Book description “Generation Wall”:

When I started writing these stories in 2008, I pledged to create something NEW and EXCEPTIONAL about the German Democratic Republic that does not exist so far and reflects the feelings of my generation. Why? Well, it was odd. Nowhere in these supposedly typical literary monuments for this dematerialised country, I could picture myself. I did neither belong to this generation of “Zonenkindern” (“Children of the occupation zones” by Jana Hensel), nor did I live in “Sonnenallee” (“At the shorter end of sun alley” by Thomas Brussig or in a “Turm” (“The Tower” by Uwe Tellkamp). My youth, my experiences and my fights with this strange place called GDR did not occur in these books. And certainly not my emotions that I associated with this time. Bizarre.
Was I so different?

That could not be true. Once again I had this sinister feeling that until today we, the Ossis, have not found our own voice that is able to tell the stories of our past with dignity and self-confidence, humorous but sober, without playing something down, kitsch, nostalgia or glorification and definitely far away from coming to terms with the political past.
I thought that in this reunited Germany, there has slowly grown an image of the GDR that has nearly nothing in common with the GDR I lived in.
Has a piece of me indeed vanished with the GDR? My experiences and memories were still alive, but to keep them, I needed to write them down. I had no idea how difficult it turned out to be to reflect this time as I planned – witty, honest but also cautious and avoiding typical patterns.
I tried hard not only to remember but to connect past and present, to find out what the heritage of the GDR did to the Germany of today. Moreover, I wanted to know in how far the former living in the GDR has influenced my personal development.

I knew what I was looking for, the tiny little things, the precise ones, the details that maybe can show the whole situation. My family with all its strange rituals, my friends with all their mad ideas, school, sports competitions and my personal surroundings – all those parts form the whole thing. And not to forget – this strange feeling to be submitted to the merciless mechanisms of a totalitarian state – that was coming up for the first time at this age.

The right genre for all this, were fast-paced short stories. I did not intend to create a literary monument, but something that entertains and draws the reader into the plot.

What came out were 15 stories with 15 typical events. But they are also connected. Minor characters of one story become main characters in others. Some themes occur twice or will be intensified at a certain point. Finally, the whole affair is created in each reader’s mind leaving enough space for personal connections.

My greatest wish with this book is to create a whole feeling, a whole experience that covers my view on the GDR, as I am convinced that I am not the only one that is different.

I would like to share and conserve the memories that shaped me, but at the same time are somehow universal. I believe that many Ossis find themselves in these stories and all the other readers will gain insight into the ordinary days of a world they did not become acquainted with.
In occasion of the 20th anniversary of the fall of the Berlin Wall, these stories describe a different view on this vanished country and will hopefuly fight oblivion.

Mark Scheppert

Generation Wall


About the author:

Mark Scheppert was a landscape gardener, a removalist, a clerk, a student, Forestry Commission person, a harvest hand, an agent, an event manager, a travelling salesman, a stock clerk, a postman, an advertisement canvasser, and a swamper. But all this he didn’t find exciting. Therefore, he began to write a little.
With the publication of his autobiographical debut novel ‘Berlin Wall Champs’ he was immediately quite successful. He even reached number one of the BoD bestselling list in Germany.

“He hadn’t moved a single bit – but nonetheless converted from Ossi to Wessi. His whole life M.S. has been living in the Eastern part of Berlin. At his 37th birthday he experienced his personal turnaround.”
Spiegel Online

[Weiter...]


Blog des Monats Feb. 2011

17. Februar 2011 | von | Kategorie: Blog

IMG_7401
Ich bin ja im Berliner Stadtteil Friedrichshain geboren und groß geworden und habe dort mit kurzen Unterbrechungen immer gewohnt.
Deshalb freut es mich besonders, dass sich David vom Friedrichshainblog auf seiner Seite mit meinem Buch auseinander gesetzt hat. Seinen Blog finde ich übrigens sehr ansprechend, da auch ich als “Urgestein” dort auf einige interessante Dinge, neue Läden und Initiativen gestoßen bin.

Hier also seine Rezension:

Mauergewinner: Lustige und alltägliche Geschichten über die DDR Sozialisation und die Wende.

Mark Scheppert bindet in seinen Geschichte die Psychologie des Lebens mit ein. So variieren die Geschichten aus der Perspektive des damaligen Erlebens mit der nachträglichen Sicht auf die alltäglichen Dinge des Lebens. Dabei schreibt Mark Scheppert in seinem Buch erstaunlich offen über sein Leben in der DDR mit vielen witzigen und zum Teil erstaunlichen Details seiner Jugend.

In dem Buch “Mauergewinner oder ein Wessi des Ostens” spielen viele Geschichten in dem Ort in dem er aufwuchs: Berlin Friedrichshain.

Unter den amüsanten Geschichten gibt es aber auch einiges über beispielsweise das MfS Ministerium für Staatssicherheit (oder wie es vielleicht eher bekannt ist: Stasi) und die Probleme mit dem Staat in der DDR.

IMG_7394

Man lacht, man ist aufgeregt und fiebert mit dem jungen Mark Scheppert. Diese Konnektion entsteht nicht nur durch die lebensnahen Geschichten und der Autenzität des Buchs, sondern auch durch die Tagebuchähnliche Art des Schreibens des Autors. Dabei weiß man selbst um die Wende und die Veränderungen, die Mark Scheppert manchmal genial umschifft und so auch zum Denken anregt.

Ein lustiges Buch mit kleinen Geschichten, das man immer wieder mal in die Hand nehmen kann. Bei vielen Geschichten kann man sich auch selbst wieder erkennen – da muss man gar nicht aus dem Osten kommen.

Ich kann es durchaus empfehlen, auch wenn man sich mal ein bisschen mit der Geschichte von Berlin Friedrichshain während der DDR interessiert.

Hier gehts zum Friedrichshainblog

[Weiter...]


Unsere Lesebühne

20. Oktober 2010 | von | Kategorie: Blog

unerhört-1-klein Die Friedrichshainer Lesebühne “Die Unerhörten” gibt es nun schon seit über einem Jahr. Natürlich spricht das für eine gewisse Konstanz, andererseits möchte ich nicht ganz unbescheiden feststellen: so “unerhört” sind wir mittlerweile gar nicht mehr.

Bei unserem letzten Auftritt platzte das Tasso aus allen Nähten und sogar “Gaststars” haben mittlerweile großes Interesse, bei uns aufzutreten. Also in gewisser Weise ne kleine Erfolgsgeschichte, gerade bei dem Überangebot an Lesebühnen in Berlin.
Hier erfahrt ihr mehr über die Unerhörten
unerhört_3-klein

[Weiter...]