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Leseprobe 4 zum Buch “EINHEIT UNNORMAL”

17. Februar 2020 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, EINHEIT UNNORMAL

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“…zusammen mit 20.841 Zuschauern sehe ich also eine Partie, der ich, laut der Regel des Autors von „Fever Pitch“, leider nur null von sieben Punkten  geben kann.

Aber irgendwie, ich weiß nicht, es ist trotzdem geil.

Vielleicht, weil es der erste warme Tag des Jahres ist und das Bier an der „Falle“ vor dem Spiel besonders mundet. Vielleicht, weil Nadine die Musik-Auswahl vor der Partie begeistert und ihr die Hymne von Nina Hagen Gänsehaut beschert. Vielleicht, weil während des Grottenkicks ein kleiner, rot-weißer Ball von den Zuschauern zur Belustigung im Stadion herumgeworfen wird, den ich nur Zentimeter vor Nadines Kopf fange. Vielleicht, weil ich Billy und Keule in Sektor 3 (wir sind in 4) deutlich aus der Menge heraushören kann, wenn sie jemanden als „Blinden“, „Wichser“ oder „Vollpfosten“ beschimpften. Vielleicht, weil wir mit Metze noch einen Freund aus der Pfalz treffen, der uns zum Absacker nach Friedrichshain begleitet. Ich weiß es nicht.

Drei junge Engländer aus Birmingham stehen während des Spiels in unserer Nähe und wir kommen ins Gespräch. Sie lassen ihrer Freude darüber freien Lauf, wie preiswert die Tickets sind, dass es hier überall günstiges Bier gibt, dass sie an der Alten Försterei stehen und rauchen dürfen.

Auch die Dauergesänge tausender Unioner und die der „Roten Teufel“ nebenan finden sie gigantisch. Eine Atmosphäre, welche sie in „Sitzplatz-England“ nur noch sehr selten erleben.

Mir wird mal wieder bewusst: Deutschland hat sich eine fantastische Fußballkultur bewahrt, mit Stadien, die einen Ausgleich zum dumpfen Alltag bieten und ein Ventil für pure Lebensfreude sind.

Nur wenige Tage später hebt ein Flieger in Richtung London ab. Ich will Andi zum Geburtstag ein Spiel auf der Insel schenken. Natürlich habe ich nichts dem Zufall überlassen und bereits Tickets organisiert.Bei Arsenal und Chelsea war ich schon, Tottenham und Millwall kicken „away“ und Fulham kommt nicht in Frage. Bleibt also nur Crystal Palace, die im Stadtderby gegen die Queens Park Rangers in der Premier League antreten.
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Mein Kumpel in England hat mit Ryan einen „Eagle-Fan“ im Kollegenkreis, der uns zwei Jahreskarten im „Whitehorse Lane Stand“ zum Freundschafts-Preis von je 30 Pfund überlässt, weil er zu einer Hochzeit muss. Okay, bei Nick Hornby hätte das nicht als Ausrede für das Verpassen eines Fußballspiels gegolten. Uns ist es recht. Am 14. März 2015 heißt es um 11 Uhr: Auf zum Selhurst Park!

Im Vorort-Zug treffen wir auf die versammelte Alt-Hooligan-Fraktion von QPR, solche, denen man Ende der 80er lieber nicht über den Weg gelaufen wäre. In Selhurst Station gehen wir mit ihnen noch ein Stück des Weges, bis wir in eine dunkle Gasse – rechts und links von roten Klinkermauern umgeben – geraten. Mit komischem Akzent werden wir von einem dicken Kerl mit Glatze gefragt, ob wir Queenspark-Jungs wären, oder ob wir uns einfach nur verlaufen hätten? 

Zurück am Bahnhof wird  klar, dass die Heim-Fans eine völlig andere Route entlang des Bahndamms wählen. Wir reihen uns ein und laufen durch eine trostlose Londoner Vorstadt, wie in einer Szene aus einem Film über gewaltbereite Fans.

In der Masse fallen wir nicht als „Germans“ auf, zumal jetzt auch einige Väter mit Kindern am Start sind.

Es ist nun schon zwölf Uhr mittags und wir bekommen so langsam Durst. Leider gibt es hier keine Bier-Verkaufsstände, Kioske oder fliegende Händler, und die einzige Eckkneipe kurz vor dem Stadion ist brechend voll.

Auf der Suche nach unserem „Stand“ entlang des leicht zerstückelten Stadions, mit dem beindruckenden Backsteinbau der Haupttribüne, treffen wir die QPR-Typen vor dem „Arthur Wait Stand“ wieder. Andi wird von dem Dicken gegrüßt und fast mit hineingesaugt. Unmittelbar daneben befindet sich jedoch der richtige Eingang. Über ein schmales, rostiges Drehkreuz, einen finsteren Tunnel und etliche bröcklige Betonstufen gelangen wir endlich zu den richtigen Plätzen.  

Letztendlich grenzen unsere Sitze unmittelbar an den Gästeblock und bereits vor Spielbeginn müssen wir Schmähgesänge über uns ergehen lassen. Die Palace Jungs halten dagegen und fordern die QPR-Fraktion mit eindeutigen Gesten dazu auf, rüberzukommen. Und das alles ohne Zäune und wenig Security. Ein Spaß!

Die „Holmesdale Fanatics“ des Crystal Palace FC stehen auf der gegenüberliegenden Seite. Sie sollen eine der wenigen Ultra-Vereinigungen in England sein, die noch gegen die hohen Eintrittspreise rebellieren und sich mit allerlei Aktionen dafür einsetzen, die alte, britische Fußballkultur zu bewahren. Zumindest sehe ich mit eigenen Augen, dass der schwarz gekleidete Mob die ganze Zeit steht und ordentlich Rabatz macht.

Unten im Tunnel verkaufen sie überraschenderweise alkoholhaltiges Bier in Plastik-Flaschen, und da uns niemand daran hindert, betreten Andi und ich den Rasen auf Höhe der Eckfahne und machen lustige Erinnerungsfotos. Er mit Union-Schal.

Erst als Cheerleader-Mädels auflaufen (so viel zu britischer Fußballkultur), werden wir verscheucht. Zumindest erleben wir noch den Flug eines riesigen Adlers, der grazil über das ganze Spielfeld segelt und im Block direkt vor unseren Augen wieder landet. Ryan funkt mich alle 10 Minuten per SMS an und fragt, wie es uns gefällt.

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Um 12:45 Uhr ist Anpfiff: Beide Teams sind nicht sonderlich spielstark, doch Ryan kann sich für uns freuen, da wir ein abwechslungsreiches 3:1 und wahrscheinlich das Tor des Jahres in England sehen: „Matt Phillips scored a brilliant 40-yard effort after 83 minutes.“ Zufrieden laufen wir mit den Massen durch die engen Gassen zurück zum Bahnhof und bekommen nirgendwo aufs Maul.

Wir versacken in der Londoner Innenstadt im „Zeitgeist“, einer Kneipe, die auch die Bundesliga zeigt. Es ist noch früh am Abend. Dennoch klingt mir schon jetzt ein Song der Crystal-Palace-Fans in den Ohren, der mich bis tief in die Nacht begleitet und meine Gefühle beschreibt: „And I’m feeling, glad all over. Yes I’m, glad all over.”  

Am 20. März 2015 enden meine zwölftägigen Fußball-Festspiele: Union kickt gegen St. Pauli. Es ist die einzige Partie, zu der ich immer nach Köpenick fahre. Was soll ich berichten? Das Match ist fast noch schlechter als das gegen den FCK, obwohl ich das kaum für möglich gehalten hatte.

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Aber (!) es ist ein Freitagabend-Flutlichtspiel und die rappelvolle Hütte brennt in der 89. Minute lichterloh, als Sebastian Polter der 1:0-Siegtreffer gelingt.

Meine Hamburger Freunde, die jetzt Vorletzter sind, müssen getröstet werden, auch weil Haue aus Billys Truppe sie am Stammtisch fragt: „Was ist der Unterschied zwischen einem Marienkäfer und St. Pauli?“ „Der Marienkäfer hat mehr Punkte.“ Der Abend endet verdammt spät im Friedrichshainer Kneipensumpf.

Mit einem Flutlichtspiel endete am 20.03.2015 eine – für mich – außergewöhnliche Woche: Union kickte gegen den FC St. Pauli. Das ist die Partie, auf welche ich seit Jahren eigentlich immer gehe (auswärts wie home). Das Match war in meinen Augen noch schlechter, als das gegen den FCK, obwohl es für Fußball-Nostalgiker (und Eiserne Fans) denkbar schön mit einem Tor in der 89. Minute 1:0 für die Köpenicker ausging. Aber es war ein Freitagabend-Flutlichtspiel! Eine riesige Truppe (mit befreundeten Hamburgern) hatte sich zusammengefunden, hunderte Liter “Berliner Pilsner” wurden nicht nur am „Warsteiner-Stammtisch“ angesaugt und der Abend endete verdammt spät in der „Tagung“ in Friedrichshain. Was für eine Fußballwoche!

Das Match endet 2:0 für Union gegen das Premier-League-Team aus England, aber auch die rund 500 mitgereisten Palace-Fans haben sichtlich ihren Spaß. Sie schmücken den Gästesektor mit unzähligen Zaunfahnen, singen ununterbrochen gegen die 8.000 Unioner an und genießen bei strahlendem Sonnenschein das frisch gezapfte Berliner Pilsner, um im Anschluss in Köpenicks Biergärten zu versacken.

Sie sind „Glad all over“ an diesem herrlichen Sommertag, denn auch für die Supporter des „Stolzes aus Südlondon“ ist Fußball ein Ausgleich zum dumpfen Alltag und ein Ventil für pure Lebensfreude! …” 

Zum Weiterlesen: 

Einheit Unnormal

von Mark Scheppert und El Rubio

BoD-Verlag; 128 Seiten; 9,90 €

ISBN:  978-3751967013

Bestellbar z. B. bei AMAZON

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„11 kleine Union-Geschichten rund um Heim- und Auswärtsspiele einer sagenhaft trinkfesten Truppe namens EINHEIT UNNORMAL von Mitte der 80er bis heute, nicht chronologisch geordnet, dafür unglaublich lustig erzählt. Sehr zu empfehlen“

Christian Arbeit, Stadion- und Pressesprecher 1. FC Union Berlin

Und hier noch ein paar Bewegtbilder:

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https://youtu.be/-wfCtWp7x-8

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Benny eiskalt – aus dem Buch “Leninplatz”

17. Februar 2020 | von | Kategorie: Blog, Leninplatz, Leseproben

Am 24. März 1986 sitze ich mit den Jungs in unserem Alfclub. Plötzlich stürmen Henry und Daley zur Tür hinein. „Kinder haben hier gar nichts zu suchen“, brüllt ausgerechnet Bommel, der einen halben Kopf kleiner als die beiden ist. Es sind Bennys beste Kumpels, die zwei Jahre jünger sind als wir. Daley wird in Anlehnung an Daley Thompson – den schwarzen Zehnkämpfer – so genannt, weil seine Haut kreideweiß wie ein nagelneues Pionierhemd ist. Doch auch der sonst so quirlige Henry hat gerade keine gesunde Gesichtsfarbe.
„Mark, deine Keule ist verschwunden!“, ruft er mir aufgeregt zu. Es ist 19 Uhr und schon dunkel draußen, aber längst kein Grund zur Beunruhigung. „Wann habt ihr ihn denn das letzte Mal gesehen“, antworte ich daher entspannt. „Also wir haben vorhin Verstecken gespielt und suchen ihn eigentlich schon seit sechs.“

Augenblicklich wird mir gleichzeitig heiß und kalt. „Und wo?“ „Also ich habe mit dem Kopf am Denkmal, ohne zu Schmulen, bis 100 gezählt und dann angefangen zu suchen. Nur Maik konnte abschlagen – alle anderen habe ich vorher gefunden. Außer Benny. Der ist irgendwie nicht wieder aufgetaucht, aber ich dachte, du kennst ja deine Keule, dass …“
„Nun erzähl hier mal keine Romane, Piepel“, unterbricht ihn Bergi. „Ihr wart also am Lenindenkmal? Und wo habt ihr schon überall gesucht?“, fragt er, während ich genau diese Überlegung in Gedanken anstelle: ‚Wo könnte sich der neunmalkluge Scheißer versteckt haben?‘

Ich liebe meinen Bruder. Wir verstehen uns trotz des Altersunterschiedes prächtig und oftmals staune ich darüber, welche Energie er darauf verwendet, mich in diversen Spielen zu schlagen. Versteckspielen – ohne auffindbar zu sein – hatte er mir auch schon einmal im Garten in Karow angetan. Letztendlich entdeckte ich ihn mit hämmerndem Herzen in einer Kiesgrube, aus der sein Arm plötzlich auftauchte, er aber allein nicht mehr herauskam. Ich wäre vor Sorge fast gestorben und ließ ihn zur Strafe bis zum Mittagessen darin hocken. „Marki, das kannst du doch nicht machen. Marki, ich hab Hunger“, hörte ich ihn aus der Ferne mit tränenerstickter Stimme rufen. Doch Benny verpetzt nie jemanden und ist nicht nur deshalb bei all seinen Freunden hochgradig beliebt.

Auch meine Jungs mögen ihn und so schließen sich alle hilfsbereit dem Suchtrupp in Richtung Leninplatz an. Auf dem Weg rätseln wir weiter, auf welche Versteck-Idee er wohl gekommen sei, stellen aber bald ernüchtert fest, dass es dafür Hunderte gäbe – das Einzugsgebiet ist riesig. Bevor wir uns aufteilen, bitte ich dennoch um weitere Bedenkzeit, da ich ihn wahrscheinlich am besten kenne.


Ins Hochhaus hat er sich eher nicht verkrochen. Benny leidet, wie ich, unter Höhenangst und gerade die Treppenhausbalkone im 25-Stöcker wären der blanke Horror. Genau wie die Müllschlucker-Räume oder die regelmäßig steckenbleibenden Fahrstühle, wobei nach denen mal einer schauen könnte.
Parterre, im Café am Leninplatz, oder im Speiserestaurant Baikal hätten sie ihn auf dem Klo oder beim Naschen von Fleischresten in der Küche schon längst entdeckt und entfernt – fällt also auch aus!
Den S-Block und den U-Block (unsere Mutter nennt sie „Schlange“ und „Bumerang“, was außer ihr kein Mensch sagt) halte ich auch für unwahrscheinlich, weil sie vom Abschlagemal zu gut einsehbar sind.
An den Volkspark Friedrichshain mit seinen gruseligen Wäldern und Büschen voller Kinderschänder, die sich im Dunkeln dort herumtreiben sollen, will ich gar nicht erst denken. Ich könnte mir zwar vorstellen, dass er sich an den Köhlerhütten noch schnell eine verkohlte Bratwurst gekauft hat, aber spätestens nach zwanzig Minuten wäre er gut gesättigt wieder aufgetaucht.
Bliebe noch die Baugrube zwischen dem Grünen Block und der Lenin-Kaufhalle. Doch die ist laut Bommel seit letzter Woche verschwunden, obwohl ich ihn mit einem Ohr schon flehentlich „Marki“ habe wimmern hören.

„Moment mal“, brülle ich Henry plötzlich an. „Hat sich von euch schon mal einer in der Kaufhalle versteckt?“ – „Ach du meine Nase. Benny hat heute irgendwas von den Kühltruhen da drinnen erzählt.“ Beim Gedanken daran wird mir augenblicklich wieder heiß, denn mir fällt ein, dass dieses Gerede schon am Sonntag begann.

Mutter erzählte, während gerade „Mach mit, mach’s nach, mach’s besser“ mit Adi in seiner vom Puller ausgebeulten Trainingshose im Fernsehen lief, dass bei ihrer Ausbildung in Zwickau mal ein Lehrling ums Leben gekommen war. Er war beim Versteckspielen in einen alten Industrie-Kühlschrank geklettert und wurde dort erst nach sechs Stunden gefunden. „Der war natürlich längst erfroren, weil man einen Kühlschrank von innen nämlich nicht mehr aufbekommt!“, erklärte sie oberlehrerhaft. Benny wollte das partout nicht glauben, doch unser Gerät in der Küche bot keine Gelegenheit, dies auszuprobieren. Benny, alias Paule Platsch (wie er zu Hause noch immer genannt wird), hätte dort nicht nur wegen der vielen Bierflaschen und der blauen Wurstschachtel einfach nicht hineingepasst. Außerdem war er leicht erkältet und hatte mal wieder den halben Tag ein Thermometer im Mund gehabt.


„Scheiße, hat die Koofi noch offen?“, brülle ich in die Runde, obwohl ich ja wissen müsste, dass dies nach 19 Uhr nicht mehr der Fall sein wird. Um mich selbst zu beruhigen und nicht an den langsam einsetzenden Kältetod des geliebten Bruders zu denken, erzähle ich den anderen, dass er am Sonnabend erfahren hat (was allerdings auch wahr ist), dass es jetzt endlich auch „Benny-Eislöffel“ gibt. Seit ich denken kann, sucht er, tief hineingebeugt in die Kühltruhen sämtlicher Kaufhallen, nach einem dieser Miniatur-Plastiklöffel mit seinem Namen. Alle Klassenkameraden schien es im Sortiment zu geben – nur seinen Namen eben nicht. Als er in Wismar dann auch noch zwischen Moskauer Waffeleis und Hexenküssen einen „Mark-Löffel“ ans Licht beförderte, verstärkte sich die Manie.
„Und dann hat er beim Suchen die Zeit vergessen und wurde eingeschlossen“, sagt Daley grinsend. Er ahnt ja nicht, dass meine Keule gerade in einer der Kühltruhen liegt wie in einem Sarg, weil er sie von innen nicht mehr aufbekommt. „Schnauze, du Daumenlutscher“, ruft Bommel, „sonst gibt’s Keile.“ Mir ist noch immer arschwarm, obwohl wir nur kühle fünf Grad haben. Ich taumele zwischen Hoffnung und Verzweiflung und würde am liebsten bei der Möwe, die gerade auf Lenins rotem Kopf sitzt, eine Suchanzeige erstatten.

„Und wie kommen wir jetzt in die Koofi?“, stellt Torte die einzig vernünftige Frage. „Sollen wir einbrechen?“ Ich weiß, dass er das mit einem Dietrich wahrscheinlich hinbekommen würde, und falls nicht, würde Andi die brachiale Methode anwenden und eine Scheibe einschmeißen. Aber das ist auch nicht so der Bringer – nur eine Notlösung. Zur Volkspolizei in die Friedensstraße möchte ich nicht gehen, weil die uns kennen und das Ganze für einen üblen Scherz halten werden – während mein Bruder längst steifgefroren ist und der Herzschlag langsam aussetzt.


„Vielleicht gehen wir erst mal kieken“, meint Torte, der heute wirklich durchdachte Ansätze hat. Ich renne über die Mollstraße hinüber zur riesigen Fensterfront der Kaufhalle. ‚Wie soll ich das meinen Eltern erklären, wie soll ich den Schmerz jemals überwinden?‘, denke ich und hämmere gegen das Glas. Nichts. „Benny!“, brüllt Henry plötzlich vom anderen Ende. Er war schlauer gewesen und hatte in Höhe der Eisschränke an die Fenster geklopft. Atemlos erreiche ich ihn und sehe, dass Benny von innen an der Scheibe klebt. Sein Gesichtsausdruck wandelt gerade von extrem geschockt hin zu total erleichtert. Dann grinst er sein berühmtes Grinsen. Er zuckt mit den Schultern und deutet übermütig auf den Pappbecher mit Schokoladenimitat-Eis in seiner Hand. Darin befinden sich drei dieser winzigen Plastiklöffel.

Letztendlich fällt Andi ein, dass die Mutter von Uta als hochdekorierte Verkäuferin in der Leninkaufhalle arbeitet und für Havariefälle einen Schlüssel besitzt. Doch weder er noch einer der Jungs trauen sich zu fragen, weil Uta – seit Andi sie zugunsten von Daniela entsorgt hatte – nicht sehr gut auf uns zu sprechen ist. Schließlich überzeugen wir ausgerechnet Astrid zu klingeln. Sie ist in unseren Reihen als ausgesprochene Meisterdiebin bekannt. Allerdings klaut sie eher in der Büsching-Kaufhalle, weil es dort mehr Schnapssorten gibt und nur die nötigsten Lebensmittel.
Und Assi ist kuhl. Sie gibt Benny als ihren kleinen Bruder aus, erzählt aber sonst keine Fantasie-Geschichten, sondern dass er versehentlich eingeschlossen wurde und sie zu Hause nicht reinkommt, weil der Idiot die Wohnungsschlüssel hat.


Während des Aufschließens verstecken wir uns im Gebüsch. Benny kommt heraus, das Kinn schuldbewusst auf die Brust gelegt, und wir hören, wie Utas Mutter ihm hinterher ruft: „Du bist mir vielleicht ein Früchtchen.“ Bommel macht sich fast in die Hose. Als er bei uns ist, packe ich ihn mit beiden Händen an den eiskalten Ohren. Ich bin kurz davor, ihm einen Satz heiße zu verpassen. Er riecht nach vergorener Milch und feuchtem Meerschweinfell. „Für heute hast du mir echt genug Aufregung beschert, Paule Platsch!“, sage ich. Meine Freunde grinsen.
„Marki, eigentlich wollte ich mich nur verstecken, aber dann fiel mir der Eislöffel ein. Ich habe alle Truhen von oben bis unten durchwühlt und weißt du, was ich gefunden habe: Bernd, Benjamin, Benno und dann war plötzlich abgeschlossen.“ Die Jungs feixen, weil er mal wieder fantasiert.
„Aber ich hab mir überlegt, im Werken aus dem Benno einen Benny zu schnitzen. Was meinst du?“ Ohne groß zu überlegen, sage ich: „Das kannst du gerne machen. Aber versprich mir, dass du niemals probierst, ob ein Eisschrank auch von innen wieder aufgeht, okay Dicker?“ Die anderen wundern sich zwar über meine Antwort, folgen uns aber – ohne nachzufragen – gut gelaunt in Richtung Alfclub.
Auf dem Weg flüstert mir mein Bruder ins Ohr: „Würde ich mich nie trauen, weißte doch. Aber zusammen können wir es doch mal testen, oder?“, bevor er lachend Henry und Daley hinterher spurtet.

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Zum Weiterlesen: “Leninplatz” von Mark Scheppert, 9,90 €

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