Über Mauergewinner

25. Oktober 2009 | von | Kategorie: Infos

mauergewinner3Als ich meine Geschichten 2008 zu schreiben begann, hatte ich mir vorgenommen, stellvertretend für meine Generation etwas Neues und Einzigartiges über die DDR zu schreiben. Denn seltsam: In keinem der angeblich so „typischen“ literarischen Denkmäler für dieses verschwundene Land fand ich mich wieder. Weder gehörte ich zu der Generation von „Zonenkindern“, ich wohnte in keiner „Sonnenallee“ und keinem „Turm“. Meine Jugend, meine Auseinandersetzung mit diesem seltsamen Ort namens DDR, meine Erfahrungen und meine Kämpfe kamen nirgendwo vor. Und erst recht nicht das Gefühl, das ich mit dieser Zeit verband. Komisch. War ich so ein Sonderfall?
Das konnte kaum sein. Wieder hatte ich dieses beunruhigende Gefühl, dass wir Ossis eigentlich bis heute keine eigene Stimme gefunden hatten, um mit Würde und Selbstbewusstsein, humorvoll und gerade deshalb auch ernsthaft von unserer Vergangenheit zu erzählen. Jenseits von Verklärung, Verkitschung, Verniedlichung, Ostalgie und – natürlich – politischer Aufarbeitung. Ich fand, dass im neuen Deutschland langsam ein Bild der DDR heranreifte, das mit meiner DDR erstaunlich wenig gemein hatte.

War ein Teil von mir also wirklich mit der DDR verschwunden? Meine Erlebnisse und Erinnerungen lebten in mir fort – doch um sie aufzubewahren, musste ich sie zu Papier bringen. Ich ahnte dabei natürlich nicht, wie schwierig es sein würde, so wie ich es mir vorgenommen hatte – mit sprachlichem Witz, behutsam und ehrlich – diese Zeit zu reflektieren und dabei von gängigen Mustern abzuweichen. Ich gab mir Mühe, mich nicht nur zu erinnern, sondern auch Verbindungen zur heutigen Zeit herzustellen, zu verfolgen, wie das Erbe der DDR im neuen Deutschland weiterlebt. So wie auch ich es tue.

mauergewinner2Ich wusste, was ich suchte: das Kleine, das Genaue, das Detail, in dem vielleicht gerade, weil es so nebensächlich schien, das große Ganze sichtbar wurde. Dazu gehörte meine Familie mit all ihren Ritualen, meine Freunde mit all ihren verrückten Ideen, die Schule, die Sportwettkämpfe – meine persönliche Umgebung. Und das schon in meiner Jugend immer deutlicher werdende Gefühl, den gnadenlosen Mechanismen eines totalitären Staates und Systems unterworfen zu sein.

Die richtige Form für mein Unterfangen waren kurze, temporeiche Geschichten. Ich wollte gerade keine literarischen Denkmäler errichten. Nichts Monumentales wollte ich schreiben, sondern etwas Leichtes, nichts Sprödes, sondern etwas, das auf die Leser einen gewissen Sogeffekt ausübt.

Entstanden sind 30 Geschichten. In jeder davon steht ein prägnantes Erlebnis im Mittelpunkt. Doch sie sind auch untereinander verwoben. So tauchen manche Motive wie das berüchtigte „Scheppert-Eck“ immer wieder auf, werden hier nur beiläufig erwähnt, dort aber vertieft. Nebenfiguren aus einer Geschichte lernt man in einer anderen plötzlich besser kennen. So ergibt sich aus all den Einzelteilen letztendlich doch ein zusammengehöriges Ganzes, das aber assoziativ im Kopf des Lesers entsteht, das Freiräume lässt und lose verwoben ist.

Mein Wunsch wäre, dass sich aus den einzelnen Elementen ein „Gesamtgefühl“, eine „Gesamterfahrung“ einstellt, die mein „DDR-Gefühl“ nachvollziehbar macht. Weil ich davon überzeugt bin, dass ich nicht der einzige bin, dem hier etwas fehlt.

Ich möchte Erinnerungen und Ereignisse, die ich für persönlich bedeutsam, aber darüber hinaus auch für allgemeingültig halte, aufbewahren und teilen. Ich glaube, die Chancen stehen gut, dass sich dadurch auch viele andere Ossis in meinen Geschichten wieder finden.
Was das Interesse von „Wessis“ betrifft, so bieten ihnen meine Geschichten einen Einblick in den Alltag einer Welt, die sie so nie kennen gelernt haben.
Ich hoffe, dass es mir gelungen ist, hier allen Lesern auf unterhaltsame Weise etwas nahe zu bringen, das auch 20 Jahre nach Mauerfall immer noch bedroht ist (und sich wahrscheinlich auch immer mehr dem Vergessen nähern wird).

Mark Scheppert

Hier geht es zum DDR-Buch “Mauergewinner”

Und hier noch der Trailer zu “Mauergewinner”:


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Generation Wall

Welch Freude: endlich gibt es mein Buch “Mauergewinner” auch in der Englischen Fassung.

Ein ganz großer Dank geht an meine Freundin und ehemalige Schulkameradin Kathi für die Übersetzung. Im Gegensatz zu mir beherrscht sie diese Sprache als Englisch-Lehrerin in einem Gymnasium in Süddeutschland perfekt. Das Buch kann ab sofort in Deutschland, England und den USA bei Amazon als Ebook bezogen werden und ist im Gegensatz zur Deutschen Variante ein wahres Schnäpchen.
Auch Danny und Jenna möchte ich herzlich danken für die Umsetzung des Projektes. War wohl doch nicht so einfach wie anfangs gedacht.

Zwar weiß ich noch nicht, wie man die Leute darauf aufmerksam machen kann, aber das ist ja jetzt erstmal egal – fetzt einfach urst ein.
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Book description “Generation Wall”:

When I started writing these stories in 2008, I pledged to create something NEW and EXCEPTIONAL about the German Democratic Republic that does not exist so far and reflects the feelings of my generation. Why? Well, it was odd. Nowhere in these supposedly typical literary monuments for this dematerialised country, I could picture myself. I did neither belong to this generation of “Zonenkindern” (“Children of the occupation zones” by Jana Hensel), nor did I live in “Sonnenallee” (“At the shorter end of sun alley” by Thomas Brussig or in a “Turm” (“The Tower” by Uwe Tellkamp). My youth, my experiences and my fights with this strange place called GDR did not occur in these books. And certainly not my emotions that I associated with this time. Bizarre.
Was I so different?

That could not be true. Once again I had this sinister feeling that until today we, the Ossis, have not found our own voice that is able to tell the stories of our past with dignity and self-confidence, humorous but sober, without playing something down, kitsch, nostalgia or glorification and definitely far away from coming to terms with the political past.
I thought that in this reunited Germany, there has slowly grown an image of the GDR that has nearly nothing in common with the GDR I lived in.
Has a piece of me indeed vanished with the GDR? My experiences and memories were still alive, but to keep them, I needed to write them down. I had no idea how difficult it turned out to be to reflect this time as I planned – witty, honest but also cautious and avoiding typical patterns.
I tried hard not only to remember but to connect past and present, to find out what the heritage of the GDR did to the Germany of today. Moreover, I wanted to know in how far the former living in the GDR has influenced my personal development.

I knew what I was looking for, the tiny little things, the precise ones, the details that maybe can show the whole situation. My family with all its strange rituals, my friends with all their mad ideas, school, sports competitions and my personal surroundings – all those parts form the whole thing. And not to forget – this strange feeling to be submitted to the merciless mechanisms of a totalitarian state – that was coming up for the first time at this age.

The right genre for all this, were fast-paced short stories. I did not intend to create a literary monument, but something that entertains and draws the reader into the plot.

What came out were 15 stories with 15 typical events. But they are also connected. Minor characters of one story become main characters in others. Some themes occur twice or will be intensified at a certain point. Finally, the whole affair is created in each reader’s mind leaving enough space for personal connections.

My greatest wish with this book is to create a whole feeling, a whole experience that covers my view on the GDR, as I am convinced that I am not the only one that is different.

I would like to share and conserve the memories that shaped me, but at the same time are somehow universal. I believe that many Ossis find themselves in these stories and all the other readers will gain insight into the ordinary days of a world they did not become acquainted with.
In occasion of the 20th anniversary of the fall of the Berlin Wall, these stories describe a different view on this vanished country and will hopefuly fight oblivion.

Mark Scheppert

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Vito von Eichborn über das Buch:

Meine Buchhändler in sagte mir: „ja“, sagte sie…

Ja, ein Roman über das Alltagsleben in der DDR könnte gute Chancen haben. Vielleicht ist ja jetzt, zwanzig Jahre später, auch die Zeit der Klischees wie der Idealisierung vorbei. Ich weiß allerdings nicht, ob es eine neue Neugier gibt – ist das nicht alles abgehakt? Vor allem aber – dies sind doch nur reale Geschichten? Ist das letztendlich nicht langweilig?

„Oje, neiin“, rief ich, „ich hatte bei keiner einzigen dieser so lebendigen Geschichten, ja, in keinem einzigen Moment einen Hänger – das ist komisch und liebevoll und selbstironisch und wunderbar auf den Punkt gebracht. Und von wegen Geschichten – Ingo Schulze nannte seinen Nachwenderoman ‚Simple Storys’. Er verschränkte seine 29 literarischen Fiktionen zu einem richtigen Roman. Scheppert hat sicherlich bewusst eine mehr, also 30 Storys verknüpft – jedoch ohne einen Roman daraus zu machen. Ich habe ja oft gegen ‚abgeschriebene Realitäten’ von phantasielosen modernen Autoren geschimpft. Den neuen Realismus finde ich weitgehend langweilig, auch wenn er sich als Literatur tarnt. Diesem Autoren nun gelingt etwas ganz Seltenes: Er liefert dem Leser nichts anderes als erlebte Realitäten – und macht fesselnde Literatur daraus. Und es liest sich wie ein Roman, weil auch er in Vor- und Rückblenden springt, alles miteinander verknüpft…“

Schluss

Meine Buchhändlerin unterbrach mich, wie sie es immer tut: „Jetzt will ich erst mal wissen, wovon das überhaupt handelt. Und dann, wie es sich zu Schulze und anderen DDR-Romanen verhält.“

„Naja, Schulze erzählt hemmingwaymäßig nüchtern von larmoyanten Helden im traurigen Ossi-Leben. Keine Frage, das ist ein großes Buch, aber die NZZ schrieb: ‚In diesen Storys schlägt kein Herz.’ Das ist zwar ungerecht, aber der Leser muss die Emotionalisierung selbst machen. Naja, natürlich will ich diese erlebte DDR-Kindheit nicht mit Schulzes literarischem Wurf vergleichen. Und die DDR-Autoren sonst? Unser Autor Scheppert sagt, ganz offensichtlich zu Recht, in ‚Zonenkindern’, ‚Sonnenallee’ und ‚Turm’ finde er sich nicht wieder…“

„Also nun bitte mal: Ich will wissen, wovon er eigentlich erzählt!“

„Okay, der Ich-Erzähler ist zur Wende 18-jähriger Abiturient. Heute ein ‚Wossi’ aus der ‚Generation Jan Ullrich’. Er erzählt uns seine Kindheit und Jugend, springt manchmal in die Gegenwart – und schafft mit diesen 30 pointierten Facetten eine Art herzerwärmenden Alltagsroman aus dem Leben in der DDR. Die Handlung?
Also bitte: Kleingarten mit Datsche, Trabi und FKK, Wehrerziehungslager und Jugendweihe, Bückware, Westbier und Eierlikör, Rockkonzerte, Westfernsehen und Partys, Sport, Fußball und viel heile Welt. Außerdem die Geschichte der Stalinallee, viel DDR-Alltag, bis zu den Erlebnissen an der Wende und der eigenen Stasi-Akte dieses Teenagers. Der Vater ist kugelrunder alkoholisierte Sportfunktionär, die Mutter rundliche Sekretärin von Schalck-Golodkowski, der kleine Bruder ebenfalls rund, und die Mitschüler, Freunde ebenso wie die Mädchen, werden allesamt zu prototypischen Mitmenschen – wie wir alle sie kennen, wann und wo auch immer.
Das jugendliche Klauen in Konsumläden und pubertäres Randalieren sind so real wie die alltägliche MfS und Stasi. Auch Irrungen und Wirrungen des Jugendlichen, bis zu Annikas Brüsten und dem ersten harmlosen Orgasmus – alles stimmt. Und es ergreift – eben, weil es so stimmig ist.
Das ist ganz viel Herz, und Scheppert vermeidet erstaunlicherweise all die Fallstricke, von den DDR-Klischees bis zum Pubertätsroman oder dem Abrechnungsgestus.“

Schluss DDRMeine Buchhändlerin war sprachlos. Das gibt’s selten. Sie meinte trocken: „Das hört sich klasse an, das muss ich lesen – ja ich komme!“, weil die Eingangsglocke geläutet hatte.

Dies ist weder Ossi-Larmoyanz und Ostalgie noch die Überheblichkeit der Nachgeborenen. Dies ist auch nicht feuilletonistische Abstraktion, großartige Erkenntnis oder so. Der nicht klischiert, sondern liebevoll plastisch darstellt, ebenson wie das ganze DDR-Drumherum. Man sieht quasi einen Film, in dem man sich selbst wieder findet, wie – egal, wann, wo und wie jemand groß geworden ist – die Mitmenschlichkeit im kleinen Menschenleben für uns alle wichtiger ist als jeder politische, historische oder auch literarische Überbau.

Mir bleibt nur, diese rundherum vergnügliche Lektüre zu empfehlen – und vielleicht ein bisschen Distanz zum eigenen wie Toleranz gegenüber allen anderen Lebensläufen zu gewinnen.

Vito von Eichborn

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