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Buchvorstellung: Die große Freiheit ist es nicht geworden

31. März 2019 | von | Kategorie: Blog

In diesem Jahr begehen wir den 30igsten Jahrestag des Mauerfalls. Aus diesem Anlass wurden natürlich wieder unzählige neue Bücher publiziert, die sich mit dem weltbewegenden Ereignis auseinandersetzen. In vielen wird das Jubiläum gefeiert und beweihräuchert, in einigen wenigen aber auch betrauert.

Das Buch: „Die große Freiheit ist es nicht geworden von Matthias Krauß ist so eines, was durch den Untertitel: „Was sich für die Ostdeutschen seit der Wende verschlechtert hat“ noch verdeutlicht wird.

Nüchtern betrachtet, ist das Buch sehr informativ, da es anhand unzähliger Beispiele und Zahlen (die ich nicht nachgeprüft habe) Erklärungsansätze bietet, warum viele Menschen aus der ehemaligen DDR nach 30 Jahren „Freiheit“ ernüchtert und unzufrieden sind. Etliche wenden sich seit einiger Zeit von den etablierten Parteien und der einst erkämpften Demokratie sogar demonstrativ ab.

Den Kern des Werkes beschreibt in meinen Augen folgender Absatz: „Angesichts des fundamentalen Sieges des Westens 1990, hätte sich Großzügigkeit angeboten. Aber die bestimmende deutsche Mentalität ist dafür nicht geschaffen: ‚Wenn du nicht aufhören kannst zu siegen, dann wirst du ganz schwer verlieren‘, orakelte Gysi. Was gerade den heutigen deutschen Aufarbeitern so schwerfällt: ‚Verlierer sollte man niemals demütigen.‘ Irgendwann werde dafür die Rechnung präsentiert.“

Auf 256 Seiten versucht der Autor die berühmten Sätze von Helmut Kohl: „Es wird niemandem schlechter gehen als zuvor – dafür vielen besser“ in den alsbald „blühenden Landschaften“ durch Zahlen und Fakten ad absurdum zu führen. Er benennt, in einer nicht enden wollenden Abfolge, Dinge, die sich für den Ostdeutschen messbar verschlechtert haben – und hier geht es nicht nur um Frauenrechte, Kinderbetreuung, soziale Absicherung und Mietkosten, sondern um fast alle Bereiche des Lebens. Es ist eine Abrechnung mit dem „Sieger BRD“, der durch die Ungleichbehandlung der Ostdeutschen, Neid, Frust und seit ein paar Jahren sogar Hass in einigen Regionen entfacht hat.

Vielleicht noch ein weiterer Satz aus dem Buch: „Es ist sehr unterhaltsam zu sehen, wie Autoren und gerade Autorinnen im publizistischen Bereich bis heute oft übereifrig darauf bedacht sind, die Leistungen der DDR an dieser Stelle mit einem ‚einerseits, andererseits‘ kleinzumachen und schlechtzureden.“

Es geht an der gemeinten Stelle zwar nur um die berufstätige Frau in der DDR, doch dieser Ton zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Dabei hätte der Autor gut daran getan, an einigen Stellen, dieses „einerseits, andererseits“ selbst einmal in Betracht zu ziehen, da sich für viele Ostdeutsche (hier kann man eben nicht verallgemeinern) tatsächlich auch Dinge messbar verbessert haben.

Doch das ist nicht das Anliegen des Werkes. Es ist eine Streitschrift, die mit der Verteufelung der Errungenschaften der DDR abrechnet, diese jedoch in meinen Augen – nicht immer objektiv – idealisiert, womit wir bei der Frage angekommen sind: Wer hat die Deutungshoheit über diesen kleinen Staat, der lediglich 40 Jahre auf deutschem Boden existiert hat?

Hier könnt Ihr das Buch aus dem Verlag Das Neue Berlin bestellen: “Die große Freiheit ist es nicht geworden”

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Und ich? Alte Freunde und meine Familie sind mir weiterhin nah. Ab und zu sitzen wir in Runden zusammen und unterhalten uns über Dinge, die, mit Abstand von vielen Jahren, „urst“ komisch klingen und deren Zusammenhänge, wie dieses Wort, vielleicht nur ein „Ostdeutscher“ versteht. Natürlich trauern wir manchen Gebäuden, Gegenden, Produkten und Gerüchen nach, die es nicht mehr gibt. Aber tun wir das nicht auch mit verstorbenen Personen oder erloschenen Freundschaften?

Andererseits existieren ja noch Plätze, Straßen und Dinge, die uns augenblicklich in unsere ostdeutsche Vergangenheit zurückversetzen. Wo wir kurz stehenbleiben und denken: „Mensch, das sieht ja noch wie früher aus“, oder „Was, das gibt es immer noch?“, „Ist ja wie im Osten!“ Allerdings gibt es immer weniger Orte, die uns in Gedanken unvermittelt 30 Jahre zurückreisen lassen.

Mein Wohnort blieb gleich, doch mein Heimatland wurde ein anderes. Der Mauerfall 1989 war für mich das schönste und wichtigste Ereignis meines Lebens. Von da an verlief es völlig anders als gedacht: keine Nationale Volksarmee, keine „freiwillige“ SED-Mitgliedschaft, keine Bude mit Ofenheizung und Außenklo, kein Trabi mit 30, keine dreiwöchigen FKK-Zelturlaube am Ostseestrand, keine Sauregurkenzeit in Konsumläden. Und so weiter und so fort. Luxus spielt für mich keine Rolle, aber daran gibt es nichts zu rütteln: Der Westen öffnete mir eine prall gefüllte Wundertüte.

Ich denke also nicht nostalgisch an mein früheres Leben. Aber ich erinnere mich. An meinen Kindergarten, wo ich wie jeder einen Platz bekam. Ich betrachte mich im FDJ- oder Pionierausweis, denke an unsere „Go-Trabi-Go-Aktion“ nach Budapest, an mein erstes Bier und die erste Zigarette im Lager für Arbeit und Erholung und an meine DDR-Jugendweihe, betrachte meine Sport-Auszeichnungen aus vergangenen Tagen. Ich lache bei der Erinnerung an Diebstähle in Kaufhallen, sinnlose Gruppenratswahlen und einseitige Diskussionen im Staatsbürgerkunde-Unterricht.

Ich habe aber auch nicht vergessen, dass im Wehrerziehungslager bereits die ersten Stasimitarbeiter in spe geschnüffelt haben und, dass ich eigentlich keine Hoffnung hatte, jemals nach New York, Rio de Janeiro und La Gomera zu kommen.

Meine Kindheit und Jugend in der DDR war spannend, aber ich vermisse das unwirkliche Land – in dem ich meine ersten 18 Jahre verbracht habe – nicht.

Heimat ist für mich kein Ort, sondern eher ein Gefühl. Sie ist eher dort, wo meine Familie, meine Freunde und die meisten meiner Bekannten leben. Mein Zuhause lässt sich eher mit einer Empfindung umschreiben: Geborgenheit.

Dennoch fühlen sich einige meiner Mitmenschen entwurzelt. Der Geburtsort dieser Bürger wird 30 Jahre nach dem Mauerfall oftmals nur noch auf eiskalte Mauerschützen, höllengleiche Stasi-Gefängnisse, brutale Kinderheime, Staats-Doping und unschöne Episoden reduziert. Auf ein graues, verlogenes Land voller Duckmäuser, Wegschauer, Denunzianten und Feiglinge, die sich permanent gegenseitig bespitzelten und in einer Atmosphäre der ständigen Angst vor dem unerbittlichen Staatsapparat lebten. Und wenn sie selbst mal in Bedrängnis gerieten, riefen alle im Chor: „Ich war das nicht, sondern der da!“

Da stellt sich natürlich vor allem bei älteren Leuten die Frage, was diese verallgemeinernde Darstellung in Filmen und Büchern eigentlich mit ihrem Leben zu tun hat, welches harmonisch und kameradschaftlich verlief. Da werden in der Generation meiner Eltern oftmals ganze Lebensläufe in Frage gestellt.

Stellt Euch doch einfach einmal vor, ein vollkommen Außenstehender sagt zu einem heute 70jährigen, dass sein komplettes Leben (auf gutdeutsch) „Scheiße“ war. Das würde niemandem, egal auf welcher Seite der Mauer er aufgewachsen ist, gefallen.

Das Wort „Heimatverlust“ können in meinen Augen jedoch nur Menschen benutzen, die ihr Land durch Krieg und Zerstörung verloren haben und danach nicht mehr zurückkommen konnten. Unter Umständen auch ältere Menschen, die die kompletten 40 Jahre der DDR bewusst und heimatverbunden erlebt und sich mit diesem Staat komplett identifiziert haben. Wenn solche Leute sagen: „Das ist nicht mehr meine Heimat“, obwohl sie in ein und derselben Stadt wohnen, sollte man sich darüber Gedanken machen und hinterfragen, warum dies so ist.

Ich selbst bin weder Fisch noch Fleisch, weder Ost noch West, nicht gestern, heute oder morgen. Ich habe eine geteilte Vergangenheit mit Eltern, die sich über ihre DDR definieren und Nichten und Neffen, die diese gar nicht mehr kennen. Ich sage nie, dass früher alles besser war, aber auch nicht, dass es heute so ist.

Heimatverlust empfinde ich nicht, aber zum 30jährigen Mauerfall-Jubiläum ist es an der Zeit, dass wir alle darüber reden: was war, was ist und was bleibt.


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Buchvorstellung: „Wir hatten ja nüscht im Osten“ – DDR Alltag

14. Oktober 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog

Mikis WesensbitterViele von Euch haben sich sicherlich schon lange gefragt: Wird es jemals ein besseres Buch über die DDR und das Ostberlin der 80iger Jahre, als das mittlerweile in jeder Schule auf dem Lehrplan stehende Werk „Mauergewinner“, geben?
Die Antwort lautet ja (!), denn Mikis Wesensbitter ist mit „Wir hatten ja nüscht im Osten … nich’ ma Spaß!“ ein echtes Meisterwerk gelungen. Zwar beschreibt er darin nur das berühmte Jahr 1989 in Tagebuchform, dies jedoch mit einer unfassbaren Detailgenauigkeit, Präzision und vor allem so dermaßen lustig, dass man sich diese Zeit manchmal echt zurückwünscht. Aua!

In meinem Fall hat das vielleicht sogar Gründe, da ich drei Jahre jünger bin. Während der Protagonist all die geilen Konzerte der Vorwendezeit mit 20 erlebt hat, in Friedrichshainer Kneipen bis tief in die Nacht versumpft ist und danach durchaus interessante Frauen abgeschleppt hat, war ich eben noch eher ein Junge, der dem „Held“ mit Sicherheit hier und da begegnet ist, aber eben viel uncooler in jener Zeit agierte. Und der blöderweise nur knutschen und fummeln durfte, da ihm die Mädels nicht in die Dreiraum-Wohnung seiner Eltern (mit Brüderchen Benny im selben Zimmer) folgen wollten.

Extrem gelungen finde ich ein Gefühl, welches der Autor vermittelt, nämlich, dass die DDR Scheiße war, aber alles was danach kam (in dem Buch eben nur die kurze Zeit nach dem Mauerfall) noch viel beschissener. Auch für mich waren die frühen 90iger – zumindest was Freunde betrifft – eher ernüchternd. Auf der großen Silvesterparty eines Kumpels am 31.12.1989 war ich Mitternachts plötzlich nur noch von 6 Leuten umgeben, da alle anderen 44 zu „den ganzen Freiheitsidioten“ (Zitat Wesensbitter) ans Brandenburger Tor abgehauen sind. Nach dem Abitur verringerte sich mein Freundeskreis schlagartig um 90 Prozent, da es vielen plötzlich nur noch um die große Kohle (statt die große Freiheit) ging.

Das Buch vermittelt jedoch nicht den ganzen Mist: “In der DDR hielten die Leute viel mehr zusammen, haben viel öfter und besser gevögelt und auch sonst hat alles urst eingefetzt”, denn Mikis beschreibt auch diese traurigen, grauen Sonntagnachmittage, den Stumpfsinn im Alltag und in der Produktion. Und fiese „Stasiratten“ aus Memphis (MfS), die es auszutricksen galt. Aber eben auch Zärtlichkeiten, Gerüche, Gegenden, Freundschaften, Verlustängste, Euphorie. Er skizziert damit ein Land jenseits von Stasiknästen, Jugendwerkhöfen und sinnlosen Fahnenappellen, die es in manchen Köpfen ausschließlich zu geben scheint. Die Wende in Ostberlin 1989 steht eben auch für Punk, Saufen, Ficken und …

Absolute Kaufempfehlung und zwar hier: „Wir hatten ja nüscht im Osten“ bei Amazon

PS.: Am 13.10. war Mikis Wesensbitter bei unserer Lesebühne zu Gast. Gerne würde ich mit ihm mal eine „DDR-Lesung“ machen, denn er ist mir sympathisch (obwohl er „Berliner Pils“ ächtet). Spätestens 2019 – nur 30 Jahre nach dem Mauerfall – bekommen wir das sicherlich hin!
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Honeckerzombie oder die DDR im Herbst 1989

23. Oktober 2012 | von | Kategorie: Blog, Mauergewinner Leseproben

Honneker

Es war ein herrlicher Herbsttag. Bei strahlendem Sonnenschein fuhr ich auf der Karl-Marx-Allee mit dem Fahrrad zur Arbeit und freute mich schon jetzt auf unsere Mittagspause, wo ich mich zusammen mit meiner lieben Kollegin Henna für eine Stunde in den kleinen Park gegenüber legen und die vielleicht letzten wärmenden Strahlen des Jahres genießen würde.

Als ich an den zehngeschossigen Hochhäusern kurz hinterm Kino International vorüberkam, fiel mir etwas auf: An einem Fenster im fünften Stock eines der riesigen Betonblocks wehte eine einsame Fahne im Wind: eine DDR-Fahne. Ich fahre hier jeden Tag entlang und grübelte beim Weiterfahren, warum ausgerechnet heute jemand trotzig diesen alten Stofffetzen gehisst hatte. Kurz hinter dem Fernsehturm fiel der Groschen dann endlich. Heute war nicht irgendein belangloser Oktobertag. Es war der 7. des Monats, ein Tag, den ich eigentlich nicht so schnell hätte vergessen dürfen: Der 7. Oktober, der Gründungstag der Republik, war einer der wenigen gesetzlichen Feiertage in der DDR – der vielleicht wichtigste zudem.

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Wir freuten uns eigentlich immer riesig auf freie Tage: Frei haben, das hieß lange ausschlafen, gemütlich frühstücken und gemeinsam an den Müggelsee fahren, wo es für alle ein „Steak au four“ in dem großen Gartenlokal mit den gemütlichen Holzstühlen am Wasser gab und nach einem kurzen Spaziergang in den Wäldern der Müggelberge noch ein Stück Kuchen oder ein Eis aus der Diele. Für den Vati gab es dann immer noch ein kühles Bier vom Fass für eine Mark und zwei.
Dazu ist es am 1. Mai und am 7. Oktober jedoch nie gekommen. Stattdessen hieß es für fast alle: früh aufstehen, am Genossen Erich Honecker vorbei über die Karl-Marx-Allee marschieren oder vor der Parade Spalier stehen. Das war unsere erste Bürgerpflicht.
Als wir noch mit unserer Mutti, genau wie am 1. Mai, in der Brigade mitmarschierten, fanden wir es immer ganz toll, den Erich mal „in echt“ zu sehen. Ich stritt mich sogar mit Benny darüber, wen er angelächelt oder wem er gar zurückgewunken hatte. In der Aktuellen Kamera achteten wir abends darauf, ob wir irgendwo zu sehen waren. Wir hofften jedes Jahr wieder, dass sie ausgerechnet uns gefilmt hätten.

Wandzeitung 29 Jahre DDR

Vater ging nach der Parade immer in seine Stammkneipe, das „Scheppert-Eck“, und überließ uns unserem Schicksal. Spätestens ab der 3. Klasse waren 1. Mai und der Geburtstag der DDR allerdings nicht mehr ganz so lustig. Obwohl die riesige Ehrentribüne nicht weit von unserer Wohnung stand, wurden wir zu unmenschlichen Zeiten geweckt, um pünktlich an der Sammelstelle unserer Schulklasse am Frankfurter Tor zu sein. Betriebsgruppen, Brigaden und Schulklassen trafen sich lange, bevor die Parade losging, an dieser riesigen Straßenkreuzung mit Blick auf die endlose Karl-Marx-Allee. Dann hieß es: Ruhe bewahren, abwarten und frieren. Leider waren wir eine DDR-Vorzeigeschule, denn während andere Kinder nur am 1. Mai selbst marschierten und am 7. Oktober lediglich den vorbeifahrenden Panzern, den Grenztruppen und Kampfgruppen der NVA mit Elementen in der Hand zuwinken mussten, bevor sie nach Hause liefen, war für uns noch lange nicht Schluss. Wir hatten die Ehre, so lange zu bleiben, bis auch die letzte Einheit im Gleichschritt vorbeistolziert war, durften sämtliche sozialistischen Brigaden mit ihren Losungen und die FDJ-Züge abwarten, bis unser Klassenlehrer, Herr Blase, endlich brüllte: „Klasse 5b sofort in Zweierreihen aufstellen. Es geht los!“

Wandzeitung 29 Jahre DDR 2

Zentimeterweise stolperten wir vorwärts, inmitten von Hunderttausenden Berlinern. Es dauerte dann mehrere quälende Stunden, bis wir endlich diese trostlose Tribüne der alten Genossen erreichten, die ihrem Fußvolk – also uns – mühsam zuwinkten. Trotzdem war es eine Erlösung, schließlich am dauergrinsenden Erich Honecker mit seinem dicken grauen Mantel vorbeizumarschieren. Glückshormone wurden freigesetzt, denn jeder wusste: Jetzt habe ich es geschafft! Die tollen Panzer und die beeindruckend im Stechschritt laufenden Grenztruppen waren hier längst schon vorbeigezogen, und als auch wir vor den Herrschaften endlich sozialistisch salutiert hatten, entließ uns Herr Blase und wir standen verloren am Alex herum und überlegten uns, was wir mit dem Rest des Tages anfangen sollten. An unserem wichtigsten Feiertag waren die extra errichteten Buden und Verkaufsstände rund um den Alex jetzt heillos überfüllt, genau wie der Ketwurststand gegenüber vom Warenhaus. Mit platten Füßen kamen wir am späten Nachmittag nach Hause und waren trotz der Grilletta, für die wir uns stundenlang angestellt hatten, hungrig. So ging das jedes Jahr am 1. Mai und am 7. Oktober.

Die NVA

Allerdings gab es auch Ausnahmen: 1985 erzählte ich meinen Eltern am Abend vor der großen Parade, dass sich unsere Klasse am nächsten Tag erst später treffen würde. Alles lief nach Plan. Ich wachte gegen 11.30 Uhr auf – meine Eltern und Benny marschierten längst auf der Karl-Marx-Allee. Ich legte mich vor die Glotze und schaltete zwischen ARD und ZDF hin und her. So stellte ich mir als 14-Jähriger einen Feiertag vor!
Allerdings hatte ich nicht damit gerechnet, dass mein Vater genau an diesem Vormittag auf der riesigen Demonstration ausgerechnet meinen Klassenlehrer Blase traf, zusammen mit meiner fast vollzähligen Schulklasse. Ich war der einzige, der fehlte. Ich war ziemlich überrascht, als er gegen Mittag mit krebsrotem Kopf vor meiner gemütlichen Couch stand. Ich hatte meinen Alten selten so zornig gesehen. Ein Blick in seine Augen reichte aus und ich, das unsozialistische Kind eines Genossen und Majors der Volkspolizei, bekam richtig Angst. Es war zu befürchten, dass er mich aus dem Fenster des 9. Stockes schmeißen würde. Soll ich es Glück im Unglück nennen? Er schnappte nicht mich, sondern meinen schwarzen Annett Kassetten-Rekorder und klatschte diesen mit voller Wucht gegen die Kinderzimmerwand.
Ich stand unter Schock. Er hatte soeben etwas wirklich Wichtiges in meinem Leben zertrümmert und er wusste es. Große Tränen standen mir in den Augen. Keine „Schlager der Woche“ und „Hey Music“ auf RIAS und SFB mehr und die aufgenommenen Kassetten wieder und wieder hören – ich heulte plötzlich wie noch nie im Leben. Dieses unberechenbare Arschloch war nicht mehr mein Vater! Er wusste jetzt, dass er Scheiße gebaut hatte und auch, was er mir sechs Monate später als Ersatz für den Annett zur sozialistischen Jugendweihe zu schenken hatte: den nagelneuen RFT-Doppelkassetten-Rekorder für 1.500 Mark. Im Jahr darauf stand ich wieder brav mit meinem Winkelement in der Jubelmenge und huldigte Erich Honecker und seinen Genossen.

Genossen

Beim letzten 7. Oktober vor dem Mauerfall hatte ich diese Geschichte eigentlich längst vergessen. Dennoch lagen 1989 noch größere Welten zwischen mir und meinem Vater als zuvor. Ich war mittlerweile Abiturient der 12. Klasse mit heiß diskutierenden Mitschülern, die sich in Kirchen trafen, um neue Ideen auszutauschen, kritische Artikel verfassten und zum Teil in geheimnisvolle neue Foren eintraten. Einige waren über Ungarn abgehauen. Mein alter Herr war nach wie vor beim SC Dynamo Sportfunktionär, wo man die Dinge in Ungarn ungern sah.

Die DDR wackelte und unsere Familie gleich mit.

Es war später Herbstnachmittag an diesem Feiertag, ich hatte diesmal wieder ausgeschlafen und traf mich mit Matze, Otmar und Bernd in den letzten Sonnenstrahlen am Alexanderplatz. Die Jungs hatten munkeln hören, dass hier heute etwas los wäre. Was genau, wusste eigentlich niemand. In der Mitte des Platzes in der Nähe der Weltzeituhr versammelten sich allmählich etwa 500 Leute. Es kam mir vor, als hätte sich hier eine Truppe von Rowdys und Krawalltouristen getroffen, die endlich einmal zeigen wollten, dass nicht nur in Leipzig und Dresden die Post abging. Obwohl es ein Samstag war: Dies sollte scheinbar Berlins erste Montagsdemo werden! Die kleine Meute brüllte ununterbrochen: „Schließt Euch an!” Trotzdem war es weiterhin ein erbärmliches Häuflein – weit entfernt von den Menschenmassen, die angeblich in Sachsen auf die Straße gingen. In Berlin war in dieser Hinsicht am wenigsten los. Warum, konnte ich auch nicht sagen. Ein paar Leute riefen fast schüchtern: „Freiheit, Freiheit“.

Weltzeit

Einige rollten Transparente aus, und eine kleine Gruppe begann, neue Parolen anzustimmen. „Gorbi, Gorbi!“, „Gorbi hilf uns!“ und „Wir sind das Volk!“, brüllten sie in der Hoffnung, dass die anderen mit einstimmten. Doch nicht alle folgten der Aufforderung; viele beobachteten die Szenerie nur äußerst aufmerksam. Heute denke ich, dass zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich die Hälfte der Anwesenden die Veranstaltung unterwandert hatte. Genossen vom Innenministerium lagen in Zivil auf den Dächern der angrenzenden Häuser. Ich konnte sehen, dass dort oben mehrere Beobachter mit großen Kameras standen.
Doch auch ohne Handy – also durch den „Buschfunk“ – strömten nach und nach immer mehr Menschen auf den Alex. Angesteckt von meinen Jungs brüllte auch ich mittlerweile: „Schließt Euch an!“ Einige zeigten den Stinke- oder die gespreizten Victory-Finger in Richtung der Aufseher auf den Dächern. Ohne erkennbares Zeichen setzte sich der Tross in Bewegung. Es ging zum Palast der Republik. Aus dem Restaurant „Schwalbennest“ beobachteten uns komische Vögel, und gleichzeitig, in „Erichs Lampenladen“, tagten und feierten die obersten Genossen und eingeladenen Staatsgäste den 40. Jahrestag der Gründung unserer DDR bei voller Beleuchtung.

Palast

Auf Höhe der Spree, die wie eine künstliche Mauer vor dem „Palazzo Prozzo“ floss, kamen wir zum Stehen. Vor der Brücke am Nikolaiviertel standen hunderte von Volkspolizisten und riegelten den Zugang ab. Immer lauter wurden die Gesänge und Rufe der Menge. Inzwischen mochten wir schon 3.000 Leute sein. Den Polizisten stand die Angst ins Gesicht geschrieben. Zum ersten Mal trafen in Berlin Staatsmacht und Volk so geballt aufeinander. Keiner wusste, was geschehen würde.
Matze war unser Mann in vorderster Front. Er provozierte und beschimpfte die Arm in Arm eingehakten Beschützer aufs Übelste. Plötzlich begannen er und ein paar andere Kerle, mit voller Kraft gegen diesen menschlichen Wall, der die wenigen Oberen vor ihren vielen Untergebenen schützen sollte, anzurennen. Die ersten Angriffe wurden mit Schlagstöcken abgewehrt. Da ertönte aus dem Pulk der Demonstranten eine Parole in Richtung der Palastwächter, die wie eine doppeldeutige Drohung klang. Sie kam aus mittlerweile tausenden Kehlen: „Wir bleiben hier! Wir bleiben hier! Wir bleiben hier!“ Mir liefen kalte Schauer über den Rücken.
In den Augen der Polizisten sah ich eine bedrohliche Mischung aus Angst und Hass, hinter der ersten Reihe sprang jetzt eine zweite Garde von einem LKW. Diese Jungs hatten große Kalaschnikows in den Händen. Alle Protestierer wichen augenblicklich zurück, und der Kommandeur auf der anderen Seite war plötzlich mit seinen gebrüllten Befehlen wesentlich lauter als die 3.000 Leute des Volkes. Ich spürte, dass sich in diesen Augenblicken die Geschichte unseres Landes entscheiden würde. Und mein Gefühl sagte mir, dass sie gleich in die Massen ballern würden.

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Mit schlotternden Knien ging ich zu den anderen und sagte, dass ich nicht hier bleiben würde. Wir sahen uns verängstigt an und keiner nahm es mir übel. Zusammen mit Otmar war ich innerhalb von dreißig Sekunden aus der Gefahrenzone.
Mein Vater war zu gleicher Zeit von seiner Behörde in ständige Alarmbereitschaft versetzt worden, mit Ausgabe von Uniform und scharfer Pistole. So kitschig wie in manchen deutschen Spielfilmproduktionen auf RTL oder SAT1: Wenn es zu einer ernsthaften Eskalation gekommen wäre, hätte ich unter Umständen wirklich meinem Vater gegenübergestanden oder er hätte die wesentlich mutigeren Matze und Bernd erschießen können.
Hat er aber nicht! Und das war die wirklich sensationell gute Nachricht an diesem 7. Oktober 1989. Die Leute, die vor Honeckers Regierungspalast standhaft geblieben waren, hatten den Sieg davon getragen. Die Bilder der wütenden Demonstranten gingen um die Welt und trotz späterer Prügelorgien der Stasi und Volkspolizei und allerlei Festnahmen gab es keinen Schießbefehl und keinen einzigen Toten.

Ohne Palast

Der Arbeitstag 19 Jahre später ging friedlich vorüber und nichts erinnerte mehr an die Zeit vor so vielen Jahren. Mit meiner Kollegin Henna diskutierte ich lange auf der Wiese, ob man verschwundene Feiertage eigentlich ein Leben lang vermissen würde. So wie eine innere Uhr einen schon immer Wochen vorher spüren lässt, dass bald Weihnachten ist, sticht es bei jedem anständigen Ossi am 7. Oktober im Herzen. Obwohl Henna aus Heidelberg kommt und selbst den 17. Juni verloren hatte, kannte sie dieses Gefühl scheinbar nicht. Auf dem Rücken liegend, schaute sie grübelnd in den strahlend blauen Himmel und fragte mich: „Meinst du denn nicht, dass es auch einen Himmel für verlorengegangene Feiertage gibt und gerade jetzt vor einer rostigen Ehrentribüne zigtausende untote Genossen an einem Honeckerzombie in dickem grauen Mantel vorbeimarschieren?“ Ich rollte mich zu ihr hinüber und rief grinsend: „Henna, Scheppert! Sofort in Zweierreihen aufstellen. Es geht los!“

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Weiterlesen kann man in meinem DDR-Buch: “Mauergewinner oder ein Wessi des Ostens”

oder bei
Spiegel Online

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