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Ich träum von dir – St. Pauli und Union Berlin

1. April 2017 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog

Die weihevollen Glocken des Heiligengeistfelds weisen den Weg in die Hölle. In dieser Hölle riecht es nach filterlosen Zigaretten, verkohlten Bratwürsten, fauligem Holz, nach Bier, Pisse, Modder und Schweiß. Der Schlund ist voll gestopft mit schwarz und braun gekleideten Wesen – ein Totenkopf ist ihr Symbol. „Hells Bells!“ Mit einem erwartungsfrohen Lächeln betreten sie das Millerntor.
Als ich am 10. April 2012 die Gegengerade in Block G erreicht habe, schnellt eine Faust von rechts nach vorn in Richtung meines Kinns. In dieser Faust steckt ein goldfarbenes Astra und Steve brüllt: „Moin Scheppi!“ Ich schaue mich um und stelle fest, dass heute nicht nur meine besten Hamburger Freunde gekommen waren. Wie bei einem Klassentreffen blicke ich irritiert in Gesichter von Menschen, die ich zwar kenne, aber schon seit ewiger Zeit nicht mehr gesehen habe. Uns alle verbindet ein Erlebnis, dass wir ein Leben lang nicht vergessen werden. Das Spiel beginnt…

Anfang der 90iger waren Bernd und ich nach Hamburg gegangen um beim Otto-Versand, Kohle für eine geplante Weltreise zu verdienen. Die Aktion lief anfangs scheiße, da wir zunächst bei Bernds Cousin Joachim in Schenefeld wohnen mussten. Erniedrigende Palettenrumschieber-Arbeit bei „Otto“ und abends ewig weit fahren, um ins Nobeldörfchen zurück zu kommen. So hatten wir uns die legendäre Hafenstadt nicht vorgestellt. Doch auch Joachim, ein feiner Kerl, der uns einige Male rotzbesoffen mit seinem Cabrio in die City gefahren (und wieder mitgenommen) hatte, merkte sofort, dass wir uns nicht sonderlich wohl fühlten und besorgte uns ein WG-Zimmer bei seinem Kumpel Roman in Altona. Wir verstanden uns sofort blind mit ihm und seinen Freunden. Kein Wochenende mehr ohne Matjesbrötchen und Bier am Sonntag um 7 Uhr morgens auf dem Fischmarkt, kein noch so zeckiger Laden in dem wir nicht unsere Kicker-Kenntnisse erweitern mussten und niemals ein billiges Astra oder Jever, welches dann auch das Letzte war. „But alive“ die ganze Nacht – „Hangover light“ am Tag darauf garantiert. Endlich angekommen. Roman & Co. wurden Freunde fürs Leben.

Die Ost-West-Kiste hatte damals noch einen höheren Stellenwert, doch mit den Jungs konnte man sich endlich auf Augenhöhe unterhalten und sich vor allem bis zum „Gehtnichtmehr“ gegenseitig hochziehen. Doch bei einer Sache verstanden sie überhaupt keinen Spaß. Die Ossis wurden gar nicht erst groß gefragt, zu welchem Verein an der Elbe sie gehen wollen. Auf zum Millerntor!

Zwei Jahre später: Ein fürchterlich anzuschauendes 0:0 gegen Wolfsburg war der Start in die Saison 94/95 des Vereins, der besonders im Kiez rund um St. Pauli und Altona innig geliebt wurde. Die lediglich 15.400 Zuschauer sprachen jedoch dagegen, dass er übermäßig „Kult“ war. Diese Spielzeit schien sowieso komplett in die Hose zu gehen, da sich das Team am nächsten Spieltag bei Hansa Rostock eine 0-3 Klatsche holte und im zweiten Heimspiel wieder nur Unentschieden (1-1) gegen Mannheim spielte. Spiel 4 ging 2-3 in Meppen (!) verloren.
Trotzdem! Ich war schon lange „angezeckt“ von dem extrem maroden Stadion auf dem Heiligengeistfeld in dem es nach filterlosen Zigaretten, nach verkohlten Salzbrenner-Würsten, fauligem Holz, nach Bier, Pisse, Modder und Schweiß roch. Ich war dort umgeben von schwarz gekleideten Gestalten, Pennern, Mumien, Säufern und Punks – aber auch von etlichen attraktiven Mädchen. Und ich lernte neben Kaschi, Steve, Toddel, Bobo und Gernot auch all die anderen „Verrückten“ aus Romans Freundeskreis kennen, die eine bedingungslose Fußballleidenschaft verband. Sankt Paulis Hölle bebte 1994 auch ohne Glocken und Ultras.

Wie durch ein Wunder eroberte das Team am 19. Spieltag nach einem 2-0 im Rückspiel gegen Hansa erstmals die Tabellenspitze, danach folgte zwar eine Achterbahnfahrt mit Siegen, Niederlagen und vor allem sechs Unentschieden, doch vor dem letzten Spieltag musste nur noch gegen den bereits feststehenden Absteiger Homburg gewonnen werden, um in die 1. Bundesliga aufzusteigen.
Nein, es war nicht „meine Saison mit St. Pauli“, denn ich war nicht bei allen (also auch den Auswärtsspielen) dabei gewesen, hatte nicht schon seit Jahren eine Dauerkarte und mein Herz wurde nicht nur von braunem Blut gespeist. Aber ich war irgendwie mit dabei – auch bei dem Match – zu dem sich 21.000 heißblütige Zuschauer ins morsche Stadion zwängten.
Da es mit der Kartenbesorgung etwas schwieriger gewesen war, standen wir weit verstreut im Rund mit den alten Holztribünen, hatten aber ausgemacht, dass wir uns alle nach Abpfiff am Mittelkreis treffen werden.
Sawitschew, Driller, Pröpper und zweimal Scharping schossen die Mannschaft zu einem ungefährdeten 5-0. Das Millerntor bebte, wie ich es nie zuvor (und danach) erlebt habe. Napoli-Feeling in der wohlhabenden Stadt an der Elbe. Alle warteten ungeduldig am Spielfeldrand auf den Schlusspfiff, alle waren zugepumpt mit Bier und Adrenalin. Alle strahlten. Es ging los!

Wie die Bekloppten enterten wir das Spielfeld und jagten die Aufstiegshelden, um ihnen die Klamotten vom Leib zu reißen. Doch plötzlich erklang die Stimme des Stadionsprechers, dass wir den Rasen sofort wieder verlassen sollen, da das Spiel noch nicht abgepfiffen sei. Scheiß drauf – immer mehr Leute stürmten auf das heilige Höllenfeld. Letztendlich war es dem Schiri zu verdanken, dass es keine Strafe oder gar ein Wiederholungsspiel gab. Eigentlich hatte er in der 87. Minute auf Strafstoß für St. Pauli entschieden, deutete seine Geste später als „Abpfiff“ um. Wir durften bleiben, lagen uns mit wildfremden Menschen in den Armen und rissen Erinnerungsnarben aus dem Grün. Man sollte dieses EINE Spiel mal verfilmen.
Meine Freunde traf ich im diesem Chaos nicht, doch am Mittelkreis umarmte mich Sophia. Es war jenes überaus hübsche Mädchen, welches ich seit etlichen Heimspielen verstohlen von der Seite angeschaut hatte. Blonde Traumfrau in braun-weiß. Auch sie hatte ihre Leute verloren und ging spontan mit mir auf die Reeperbahn zum Feiern. Dann nahm sie mich mit zu sich nach Hause – zum Vögeln. Details möchte ich mir ersparen (tolle Frau).
Sie kam sogar noch mit zu Steve, der gleich um die Ecke auf dem Kiez wohnte. Stark alkoholisierte Hotten flippten dort noch immer völlig aus. Glücklich schliefen wir ineinander verschlungen ein. Erste Bundesliga. Erste Hamburgerin. Reihenfolge unklar!

„Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie…“ Steve kann das zumindest bestätigen. Er ist bis heute Dauerkarten-Besitzer, sportlich aktiv beim FC St. Pauli 1910 (als Torwart des Blindenfußballteams sogar Deutscher Vize-Meister) und vor allem einer meiner besten Freunde in Hamburg.

Das Spiel beginnt. Karl trifft in der 34. Minute zum 0-1 für Union. Die etwa 3000 mitgereisten rot-weißen Fans machen ordentlich Alarm. Ich weiß, wie geil es ist, auswärts in Führung zu gehen, denn wenn Pauli in Berlin spielt, bin ich immer mit dabei. Fantastischer Support und zu Ehren Berlins auch ein guter Ärzte-Song:
Ich liebe dich
Ich träum von dir
In meinen Träumen
Bist du Europacupsieger
Doch wenn ich aufwach
Fällt mir wieder ein
Spielst ganz woanders
In Liga Zwei
Es bleibt beim 0-1 für die „Eisernen“ bis zur Halbzeit. Ich sehe in die nervösen Gesichter meiner Jungs. Ein Aufstieg oder die Relegation ist in dieser Saison eigentlich noch möglich, aber nur, wenn das Spiel heute gewonnen wird.
Kaschi holt Bier im Vorratspack während mir Steve erzählt, dass sie in der nächsten Saison umziehen müssen, da die Gegengerade nun auch neu gemacht wird. Erst jetzt schaue ich mich etwas genauer um. Die alten Holzplanken, die abgenutzten Schalensitze, der einmalige Blick auf den grauen Hochbunker und den Dom mit seiner beleuchteten Achterbahn. Sakrale Landschaft. Hübsche Frauen stehen um uns herum. Ein kurzer nostalgischer Augenblick.

Das (fast) fertige, neue (schöne) Stadion kocht, als Kruse in der 59. Minute zum Ausgleich trifft und es explodiert nach Ebbers Führungstreffer. Doch was war das? Der Schiri zeigt zum Mittelkreis und nach kurzer Diskussion (die Szenen spielen sich vor der weit entfernten Südtribüne ab) entscheidet er doch auf Abstoß.
Ich muss mal. Am unüberdachten, silber-metallenen Pissbecken fragt mich ein Typ: „Ist der Ebbers eigentlich bescheuert oder was?“ Erst jetzt erfahre ich, dass er ein Handspiel zugeben hatte und erzähle das oben meinen Jungs. Alle schütteln den Kopf, da St. Pauli – schon lange in Überzahl – zwar anrennt, aber bis zur 90. Minute nicht mehr trifft. Nachspielzeit. Ein letzter verzweifelter Angriff…
In unzähligen Liedern, Reportagen und Büchern wurde schon das „entscheidende Tor in der Nachspielzeit“ thematisiert, deshalb verzichte ich hier auf Superlative. Viele kennen dieses unbeschreibliche Glücksgefühl. „Messi“ Bartels trifft in der letzten Sekunde zum 2-1. Die Hölle brennt lichterloh.
Ich dusche in halbvollen Bierbechern, werde nach vorn und zurück geschleudert und Kalle, mein Nebenmann, fällt ungebremst rittlings in seinen Schalensitz, der sofort krachend in drei Teile zerbricht. Schlusspfiff – Ekstase. Ich stecke mir das größte Teil des zerstörten Plastiksitzes unter die Jacke.
Erst später realisiere ich, dass ich richtig Ärger bekommen hätte, wenn mich die Bullen – einen Berliner – mit dem Ding, dass ich stolz im „Jolly Roger“ und diversen Kiezkneipen hochgehalten hatte, erwischt hätten. Doch schon an diesem Abend wusste ich, dass dieses Teil einen Ehrenplatz in meiner Wohnung bekommen wird.
Das Stück Rasen von 1995 besitze ich nicht mehr, doch dies ist ein Andenken, das mich an das alte Millerntor und die alten Zeiten immer erinnern wird. Auch daran, dass die Freundschaft zu meinen Hamburger Jungs ewig währt. Das kantige blassrote Stück Plastik aus der Gegengerade, Block G, riecht allerdings ein bisschen streng: nach filterlosen Zigaretten, verkohlten Bratwürsten, fauligem Holz, nach Bier, Pisse, Modder und Schweiß.
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Und noch ein Nachtrag zu dieser Geschichte: Am 10.03.2017 war ich wieder einmal in St. Pauli beim Spiel gegen Union. Ich will nicht sagen, dass sich die Vorzeichen geändert haben, denn beide Teams “findnd wa toll”, aber zumindest stand ich diesmal im fertigen Stadion am Millerntor im Auswärtsblock. Die Stimmung – davor, während und danach – war gigantisch und die Eisernen gewannen erstmals in Hamburg (2:1).

Als der Gong über die Lautsprecher ertönte und dann noch einer und dann die Riffs von Angus Young einsetzten, die kleine Pyroshow begann und über 29.000 Menschen mit glühenden Gesichtern aufschrien „Pyrotechnik ist kein Verbrechen!“ – schöner kann es einfach nicht sein. Später in den Nebelschwaden des Flutlichts hüpften die Fans beider Kultmannschaften auf und nieder und schrien gemeinsam ihr Team nach vorn. Und dann 90 Minuten lang AC/DC-Fußball vom Feinsten …

Ganz ehrlich: in den letzten Jahren und vor allem Monaten macht sich schon wieder so ein Aufstiegskribbeln bemerkbar. Diesmal allerdings zugunsten der Eisernen aus dem wunderschönen Köpenick. Einerseits würde mich das natürlich extrem freuen, andererseits müsste ich dann (zumindestens für eine Saison) auf das “Spiel der Spiele” verzichten. Aber wie heißt es so schön: “Always look on the bright site of life”.
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Update: auch nächste Saison zieht es mich wieder zu Pauli gegen Union und irgendwie “Kuhl – wir steigen nicht auf!”
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Zum Weiterlesen: 90 Minuten Südamerika Update
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Chelsea London gegen Bayern München im Championsleague-Finale 2012

14. April 2012 | von | Kategorie: Blog

Icke und Terry
Ich habe mal drei Jahre in Mannheim gewohnt. Es war ’ne geile Zeit, nicht nur weil ich meine Sylvie und Jenna, seither mein bester Freund, dort kennen gelernt habe. Letzterer ärgert sich allerdings bis heute, dass ich damals nicht mit zu seinen „Waldhöfern“ gegangen bin, sondern deren Erzfeind die Daumen gedrückt habe.
Dabei ist er selbst Schuld. Hätte er mich, wie Kai, gleich nach drei Wochen mit zum Fußball geschleppt, wären mir wohl nicht – und so etwas geschieht eben auch im „Ausland“ – die „Roten Teufel“ gegeben worden, sondern „Mannem“.
Doch einmal mitgegangen, gehangen und wie der Zufall es wollte, erlebte ich dort mehr als nur ’ne geile Zeit, denn der 1. FC Kaiserslautern spielte die Fußball-Saison des Jahrhunderts. Waren sie 1997, in meinem ersten Jahr, „nur“ in die 1. Bundesliga gestürmt, erlebte ich im Jahr darauf das Unfassbare: „Lautre“ holte als erstes (und vermutlich letztes) Team in der Bundesliga die deutsche Meisterschaft nach einem Aufstieg. Einen Spieler hatte ich dabei besonders ins Herz geschlossen…

Drogba Torres

Sylvie war ganz in der Nähe des „Betze“ groß geworden. Als ich sie erstmals traf, hatte sie noch knallrote Teufel-Haare, obwohl sie mit Fußball eigentlich recht wenig am Hut hatte. Bei Maria, ihrer besten Freundin, war das anders. Sie erzählte mir einmal eine Geschichte, die ich bis heute nicht vergessen habe, obwohl ich nicht für ihren Wahrheitsgehalt garantieren kann.
Sie war 1998 Kellnerin im „Cafe am Markt“ und da Kaiserslautern (vor den Zeiten von Hoffenheim) das größte Fußballdorf der Liga war, tauchten dort eben auch öfter mal die Bundesligaprofis auf. Ein immer wiederkehrender Satz zwischen Spielern und Trainer Otto Rehhagel in Richtung der vornehmlich gut aussehenden Bedienungen lautete: „Geht doch mal mit dem Michael aus. Der kennt hier doch niemanden!“
Genau von diesem Zeitpunkt an mochte ich den unscheinbaren Mann aus Görlitz, denn in meiner „ersten Saison“ in Mannheim war es mir ähnlich ergangen – ich kannte keine Sau. Das änderte sich mit der Zeit, doch „den Michael“ – eine Simone hatte sich damals erbarmt – kennt heute ein ganzes Land. Richtig, der schüchterne Junge aus ’m Osten hieß: Michael Ballack!

Ich habe seinen spektakulären Werdegang somit fast von Anfang an verfolgt, sah ihn live in Leverkusen auflaufen und mit den Bayern und der Nationalmannschaft im Olympiastadion spielen. Noch heute gerate ich ins Schwärmen wenn ich an die WM 2002 denke, wo er sich im Halbfinale aufopferungsvoll die Gelbsperre einhandelte, um „uns“ kurz danach ins Finale zu schießen. Sein Hammer-Freistoßtor bei der EM 2008 gegen Österreich verursacht noch immer eine Gänsehaut.
Und was wird momentan aus „dem Michael“ gemacht? Mein Lieblings-Sachse gilt als arrogantes, eingeschnapptes Arschloch, der nie einen großen Titel gewonnen hat und als einer, der sich mit unserem „allseits beliebten“ Jogi Löw eine Blutfehde liefert. Zugegeben, ich kenne Ballack nicht persönlich, weiß nicht ob er in mein Schema eines guten Freundes passen würde, aber rein sportlich hat er vermutlich mehr große Titel gewonnen als alle (!) dieser geschniegelten aktuellen Nationalspieler.
Viermal Deutscher Meister, dreimal DfB-Pokalsieger, einmal Englischer Meister, dreimal FA-Cup-Gewinner, um nur die wichtigsten zu nennen. Von wegen „Vize-Ballack“. Bei den letzten WM- und EM-Titeln Deutschlands 1990 und 1996 war auch kein Lahm, Müller oder Schweinsteiger mit dabei gewesen. Ballack ist 2002 Vizeweltmeister und 2008 Vizeeuropameister geworden und stand zweimal im Championsleague-Finale. Und?
Das ist doch grandios! Seine Demontage nach dem Foul von Boateng kotzt mich extrem an, denn ich bin mir sicher, dass wir bei der WM 2010 mit ihm nie und nimmer schlechter abgeschnitten hätten. Ein würdiges Abschiedspiels des Mannes der bei der „BSG Motor Fritz Heckert Karl-Marx-Stadt“ das Fußballspielen erlernt hatte und zum torgefährlichsten Mittelfeldspieler der deutschen Fußball-Nationalmannschaft „ever“ wurde, wäre ja wohl nicht zu viel verlangt gewesen…

Kurz nachdem ich mein Studium in Mannheim 1999 (halbwegs) erfolgreich beendet hatte, ging Göte, mein bester Freund in Berlin, wegen eines Jobs und der Liebe nach London. Keine Ahnung wer ihn – den Jungen, der dort niemanden kannte – erstmals mitgeschleppt hatte, jedenfalls wurde ihm „Chelsea“ gegeben. Er erlebte mit seinem Team viele Tiefs aber eben auch die glorreichste Zeit des Vereins in seiner Historie. Fünfzig Jahre nach dem bisher einzigen Titel wurden sie 2005 wieder Englischer Meister und wiederholten dies 2006 und – 2010 mit dem Michael!
Göte hatte mich in den Ballack-Jahren öfter einmal eingeladen, doch irgendwie hatte ich es verkackt und das Team nie mit ihm live in London spielen sehen.

Stadion außen

Doch immer wieder erzählte er mir, wie sehr sie den „Meikel“ mit der Nummer 13 noch immer verehren, wie sehr sie ihm nachtrauern – wie beliebt er gewesen war.
In Chemnitz, Kaiserslautern, Leverkusen und München war ich schon bei einem Fußballmatch, es fehlte mir also nur noch die Stamford Bridge, um an all seinen Wirkungsstätten als Profi einmal gewesen zu sein. Ich wollte das Kapitel Michael Ballack endlich abschließen. Chelsea-Time!

„Scheppert, bist du eigentlich total bescheuert oder was?“, fragt mich Jenna als wir uns in London zum Treffpunkt begeben. Auf dem Weg mit der Tube zum „Oxford Circus“ erzählt er mir von Götes E-Mail, die mich nie erreicht hatte. Dieser hatte „zur Feier des Tages“ Karten in einer Box (Lounge) besorgt und uns als Investment-Heinis einer deutschen Bank angekündigt. Seine E-Mail: „Ihr braucht euch ja nicht aufzuschlipsen, aber bitte kein Kapuzenpulli und auf keinen Fall Turnschuhe!“ Mein Outfit: Bluejeans, grüne Regenjacke, schwarzer Kapuzenpulli und natürlich Turnschuhe – herzlichen Glückwunsch Herr Scheppert. Zumindest trage ich auch ein Hemd drunter und Jenna sieht – trotz Nobelpullover – scheiße aus wie immer.
Göte und Matze begrüßen uns im Pub dennoch herzlich, doch ihr Kollege Lars fragt sogleich in die Runde, ob wir „Headhunter“ (Alt-Hooligans) wären.

Nach etlichen „Becks Vier“ – Leichtbier mit nur 4 Prozent Alkohol – geht es los in Richtung Stadion. „Fulham Broadway“ ist nicht gerade in der Nähe, aber erst auf den letzten drei Stationen steigen endlich auch „Blues“ ein. Göte erklärt im typischen Meckerton, dass in London eben mehr als nur zwei Teams beheimatet sind. Die Chelsea-Leute leben somit fast alle rundherum um ihr Stadion und viele „Ausländer“, wie er, unterstützen sie.
Die „Stamford Bridge“ ist von außen extrem unspektakulär, da sie sich in einer Wohngegend hinter unzähligen Apartmenthäusern versteckt – kein gigantisches Bauwerk, welches sich in den blau-weißen Himmel erhebt.
Alles friedlich. Geteilte Chelsea-Benfica-Schals werden verkauft und die Fans mischen sich 1:10 durcheinander. An den das Stadion begrenzenden Mauern hängen Bilder der größten Chelsea-Götter – auch „der Michael“ ist zu sehen.

Ballack
Ein Pseudo-Investmentbanker mit Hooligan-Turnschuhen betritt das Allerheiligste.
Ich brauche keine „Box“ mit Schnickschnack und die hiesige sieht eher aus wie ein Besprechungsraum der AOK, aber es gibt Freibier und gutes Essen, welches den Alkohol bindet. Nörgeln sollte ich sowieso nicht, da ich zum Viertelfinale der Championsleague 2012 eingeladen bin.
Als das Spiel beginnt, begreife ich jedoch unmittelbar, wie sich der Fußball in England in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Okay, die VIP-Boxen und die anderen Leute mit teuren Karten finanzieren das Business, aber da sitzen eben häufig nicht gerade die heißblütigen Supporter des Teams. In unserer Lounge befinden sich drei Fan-Touristen die überhaupt keine Ahnung von Fußball haben und besonders eine Frau fragt viele unnötige Dinge über Abseitsfallen.
Man darf in keiner Ecke des Stadions rauchen, das Bier nicht mit auf die Tribüne nehmen (ich werde fast von einem Ordner angesprungen) und selbst „Aufstehen“ und „Brüllen“ bei brenzligen Situationen wird von den Guards äußerst ungern gesehen. Das ist der Fußball des 21. Jahrhunderts in England…

Wir haben „draußen“ 16 Plätze und da nicht alle immer gleichzeitig anwesend sind, ist der linke Sitz neben mir frei. Ein Typ, der so ähnlich aussieht wie die ätzenden Oberordner, fragt mich höflich, ob er sich mal kurz setzen darf. Ich nicke doch Göte ruft sofort: „Aber nur kurz, wenn Jenna kommt, musste dich wieder verpissen.“ Der Typ nickt unterwürfig während Göte zum Pinkeln verschwindet.

Icke Fahne

In diesem Moment geschehen viele Dinge gleichzeitig. Genau als mich mein neuer englischer Sitznachbar fragt, ob ich Chelseafan wäre, taucht ein Kerl mit einem Stapel Bilder auf. Ich sage: „No, but“, und beobachte, wie der Mensch neben mir, äußerst routiniert Autogramme auf den Dingern verteilt. Viele Zuschauer drehen sich nun um und grüßen ihn mit einem Lächeln im Gesicht.
Göte bleibt cool. Als er zurückkehrt und erfährt, dass dies der Spieler mit den zweitmeisten Toren von Chelsea „ever“ – noch vor Frank Lampard – ist, wiederholt er seinen Satz: „Aber wenn Jenna kommt, musst du abhauen!“ Kerry Dixon nickt.
Wir kommen ins Gespräch. Ich erfahre, dass er 1985 – zusammen mit Gary Lineker – Torschützenkönig der englischen Liga war und sein erstes Länderspieltor gegen Deutschland erzielt hatte. Mein Stichwort: ich spreche ihn auf Ballack an.
Was jetzt kommt, gleicht einer Lobeshymne, denn „der Michael“ war für Dixon einer der besten Spieler, der jemals für Chelsea aufgelaufen ist. Er war weder der schnellste noch der torgefährlichste oder technisch versierteste Player, aber der Mann hatte Klasse, Eleganz, Spielverständnis und vor allem Ausstrahlung.
Jenna kommt. Mein neuer Freund Kerry steht unbeholfen auf. Von weitem ruft er mit zu: „Hey Mark. My second name is Michael“. Ich grinse. Wir sehen uns nie wieder.

In der Halbzeitpause – Frank Lampard hatte per Elfmeter bereits zum 1-0 getroffen und ein Portugiese war vom Platz geflogen – erzählt mir Matze, das Göte seinen Sohn nach einem Spieler von Chelsea benennen will. Seine Freundin ist nunmehr im siebten Monat schwanger und alle überlegen schon ob er Didier, Fernando oder Branislav heißen wird. Mir fiele da noch etwas anderes ein…

Zweite Halbzeit. Chelsea spielt kacke und Benfica – zumindest bis zum 16er – genial. Doch sie versauen die besten Chancen und treffen eher unverhofft nach einer Ecke in der 85igsten Minute zum 1-1. Das Hinspiel war 1-0 für Chelsea ausgegangen. Endlich Championsleague-Feeling. Die knapp 3000 mitgereisten Portugiesen flippen schlichtweg aus.

In einer atemberaubenden Schlussphase haben sie trotz Unterzahl Chancen zum Sieg, doch gerade der verhasste Meireles (spielte mal bei Porto) entscheidet die Partie in einem Konter für Chelsea. Göte und die Jungs auf den „Stehrängen“ rechts unter uns drehen durch. Halbfinale gegen Barça!

Und ich? Endlich war ich einmal in dem englischen Stadion gewesen in dem einer der besten deutschen Fußballer „ever“ gespielt hatte. Ich habe in den 90 Minuten tatsächlich sehr oft an ihn gedacht und deshalb möchte ich Michael Ballack einen Rat geben. Da Chelsea das Finale der Champions League ja sicherlich gegen Bayern München erreichen wird: Fahre hin! Es wäre auch dein Abschiedspiel. Jeder wüsste, dass du mit diesen beiden Teams deine größten Erfolge im Vereinsfußball gefeiert hast, jeder würde sich noch einmal vor dir verneigen und niemand würde dich von einem Platz mit dem Spruch: „verpiss dich, gleich kommt mein Kumpel wieder“, verweisen, da „den Michael“ auch Menschen kennen, die überhaupt keine Ahnung vom Fußball haben.
Noch!

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Stadion voll

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