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Eine lange Geschichte – Jugend in der DDR

14. April 2018 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog

In meinen ersten Schuljahren liebte ich die ersten Stunden nach den Sommerferien. Die alten Lehrer fragten, was wir in unseren Urlauben erlebt hatten, und die neuen interessierten sich für die Berufe unserer Eltern. Voller Stolz konnte ich immer allen erzählen, dass mein Vater Trainer im Radsport und meine Mutter Sekretärin im Außenhandel war. Dass fast 30 Prozent meiner Mitschüler einfach nur antworteten: „Mein Papa arbeitet bei MfS“, verstand ich nicht, auch nicht nachdem die Lehrerin es in ein „beim MfS“ verbessert hatte. Scheinbar wussten die Kinder selber nicht, was ihre Eltern dort so trieben und vor allem, was dieses MfS eigentlich war. Die erste Stunde verging trotzdem wie im Flug.

Ich ahnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass wir zu den privilegierten Familien gehörten, die in den ersten zehnstöckigen Neubaublöcken mit fließend warmem Wasser, Zentralheizung und Badewanne wohnten, zwischen Lenin- und Alexanderplatz. Ich hatte noch keine Erklärung, warum die Hälfte meiner Mitschüler sich in den Pausen über DEFA-Indianerfilme und “Ein Kessel Buntes” aus dem DDR-Fernsehen unterhielten statt wie wir über „Ein Colt für alle Fälle“ und “Wetten dass?”. Es gab für mich keine andere Welt da draußen, keine alten Häuser mit drei Hinterhöfen und Ofenheizung, keine verqualmten Eckkneipen, keine Klassenkameraden, deren Eltern kein Auto hatten, und keine schwer erziehbaren Kinder in der Klasse. Sie hatten uns eine eigene Welt geschaffen – eine heile.

Als ich meine erste Freundin kennen lernte, wusste ich natürlich längst, dass dieses ominöse MfS das Ministerium für Staatssicherheit war und leider auch, dass mein Vater obwohl er dem MDI (Ministerium des Innern) als Dynamo-Mitarbeiter unterstellt war, denselben Chef wie die MfS-Mitarbeiter hatte: Erich Mielke. Der Oberboss meiner Mutter hieß Herr Schalck-Golodkowski. Auch ahnte ich mittlerweile, dass einige Jungs aus meiner Nachbarschaft wirklich nicht wussten, was ihre Eltern so trieben. Über die Stasi wurde auch zu Hause nichts erzählt. Westfernsehen war dort sowieso verboten.
Sarah lernte ich mit 16 im Lager für Arbeit und Erholung kennen. In den drei Wochen arbeiteten wir am Vormittag und nachmittags erinnerte das Ganze an ein Ferienlager aus unserer Kinderzeit. In dem Zeltlager mitten im Wald gab es keine Regeln und Gesetze. Mir gefiel das. Sarah war anders als alle, die ich bisher getroffen hatte. Sie war rebellisch, aufmüpfig, unberechenbar – sie lebte in keiner heilen Welt und mit keinen MfS- oder MDI-Eltern. Genau genommen hatte Sarah überhaupt keine. Ich, das sozialistisch erzogene Bonzen-Kind aus dem „Regierungsviertel“, suchte mir das Mädchen, das in einem Kinderheim wohnte.

Nach der Lagerromanze trafen wir uns häufig auf halbem Weg von unseren jeweiligen “Heimen” – in meinem Fall die Wohnung im 9. Stock an der Mollstraße, in ihrem das Kinderheim „Fritz Plön“ in Treptow. Die Eckkneipe an der Stralauer Allee, kurz vor der Brücke in ihren Stadtteil, war unser Treffpunkt. Sie kannte im Elseneck alle Typen und widerwärtig besoffene Kerle spendierten uns Cola mit Korn. An einem dieser Abende ging ich mit Sarah – wie gewohnt nicht an der Ampel, sondern unmittelbar vor der Kneipentür – über die vierspurige Straße. Sie bevorzugte direkte Wege auf ihrem Nachhauseweg – und im Leben. Zwei Volkspolizisten stoppten uns. Wahrscheinlich hätte eine Entschuldigung vollkommen ausgereicht, doch Sarah brüllte die beiden sofort an: „Ihr könnt mich mal am Arsch lecken Ihr Scheißbullen!“ – „Was haben Sie gesagt?“ Ich zog sie am Ärmel, doch sie schrie schon: „Schnauze, Drecksbulle!“
Plötzlich ging alles ganz schnell. Wir standen breitbeinig an der Wand – dahinter lagen die Spree und die Mauer nach Westberlin, Handschellen rasselten und innerhalb von fünf Minuten saßen wir im Einsatzwagen. Mit auf den Rücken verdrehten Armen wurden wir in verschiedene Einzelzellen gebracht. In den Gängen hallte das Brüllen anderer Gefangener, ich konnte aber nicht sagen, wo es eigentlich genau herkam. Langsam bekam ich ein wenig Angst!
Beim Verhör gab ich mich, wie ich wirklich war: opportunistisch und brav. Unterwürfig und weinerlich entschuldigte ich mich für unser unentschuldbares Fehlverhalten. Ich musste die Adresse meiner Eltern angeben und nach einer Stunde stand ich wieder in meiner Friedrichshainer Freiheit. Am nächsten Tag rief ich bei Sarah im Heim an und fragte sie, wie es ihr denn ergangen wäre. Sie sagte nur: „Ach, das ist eine lange Geschichte.“

Jahre später – im Herbst 1989 hatte sich einiges geändert. Tausende Menschen verließen unser Land über Polen und Ungarn und Sarah war Schnee von gestern. In diesen Tagen hatte fast jeder mit sich selbst zu tun und so war es auch recht einfach, als ich zusammen mit Otmar, Bernd und Matze für eine Woche die Schule schwänzte. Es sollte nach Frankfurt an der Oder ins dortige Jugendhotel gehen.
Gleich am zweiten Tag entdeckten wir nicht weit von uns entfernt einen Rummel. Die Hauptattraktion war wie überall der Autoskooter, wo wir auch recht schnell ein paar Leute kennen lernten. Leider landeten Otmar und Bernd bei den Mädels und schwirrten bald mit zwei Dorfschönheiten in Richtung unseres Hotels ab. Sie ließen Matze und mich zurück mit den eingeborenen Kampftrinkern. Der Abend zog sich in die Länge und nachdem Matze und ich um 3 Uhr eine Privatparty verlassen hatten, schwankten wir durch die tiefschwarze Nacht. Obwohl unser turmhohes Haus in Frankfurt eigentlich kaum zu verfehlen war, hatten wir uns schnell verlaufen. Mit einem letzten Bier in der Hand standen wir plötzlich an der friedlich dahinfließenden Oder, setzten uns davor auf den Boden und genossen die Stille. In solchen Momenten fingen wir in dieser Zeit immer öfter an zu reden, über die Flüchtlingsströme, über die sich verändernde DDR und über uns. Was aus unserem Leben hier eigentlich einmal werden würde. Mich machten diese Gespräche ruhiger, ich genoss es, mit anderen über diese Dinge zu sprechen. Matze reagierte anders – er steigerte sich in eine grenzenlose Wut über seine verschenkte und vergeudete Jugend und ein Leben ohne Perspektive hinein. Er sprang plötzlich auf und warf seine Bierpulle mit voller Kraft an die gegenüber liegende Häuserwand.

Es dauerte keine Minute bis zwei Fahrzeuge in Höchstgeschwindigkeit angerast kamen. Die Scheinwerfer blendeten mich so, dass ich nicht sah, wie zwei Gestalten auf mich zurannten, die mich kurz darauf auf den Boden drückten. Ich sah Matzes Gesicht auf dem Kopfsteinpflaster neben mir liegen – auch auf ihm knieten zwei Leute. Ohne auch nur ein Wort zu sprechen, fesselten sie uns mit Handschellen und zerrten uns zu einem der Autos, schmissen uns auf die Rückbank und fuhren mit Höllentempo durch die plötzlich eisige Frankfurter Nacht: Die Kälte spürte ich besonders an meinem Rücken und am Hintern – die Rückbank des Ladas war vollkommen nass. Aber es roch nicht nach Urin, es war so, als hätte hier vor uns jemand mit klitschnassen Sachen gesessen. Wir schauten uns schweigend an und schienen beide gleichzeitig zu verstehen. Die Freunde des MfS – die Stasi – hatten uns verhaftet; sie dachten, wir wollten über die Oder nach Polen schwimmen. Wir waren in ihren Augen zweifelsfrei Republikflüchtige. MfS – Scheiße!
Noch immer hatte niemand ein Wort mit uns geredet. Das sollte sich ändern. Doch diesmal reichte es nicht einfach aus, dass ich mich entschuldigte und meine Personalien angab. Wir wurden einzeln zu mehreren Verhören mit verschiedenen Menschen gebracht. Der eine ganz ruhig und verständnisvoll, der nächste wild aufbrausend und bedrohlich. Und immer strahlte mir eine grelle Lampe in die Augen, sodass ich eigentlich nur die Umrisse der Personen erkennen konnte, die mich verhörten. Langsam bekam ich etwas mehr als ein wenig Angst! Mit vernebeltem Kopf und klopfendem Herzen fragte ich mich, wie das wohl ausgehen würde. Sie stießen mich, immer noch in engen Handschellen, durch einen Gang, in dem im Gegensatz zum Verhörzimmer Hektik herrschte und brachten mich in einen modrig riechenden Keller. In einer kleinen, schäbigen und vor allem hundekalten Zelle ohne Fenster wartete ich ganz allein und verängstigt auf meine Verurteilung wegen angeblicher Flucht aus dem Territorium der DDR.
Aus irgendeinem Grund ließen sie uns aber um 7 Uhr morgens gemeinsam wieder laufen. Matze fragte am Ausgang einen Volkspolizisten aus Jux, wo man hier ein “Neues Deutschland” kaufen könnte. Er wollte mit Sicherheit jetzt nichts lesen; ich zog ihn genervt am Ärmel weiter zu unserem Hotel. Bernd und Otmar wurden kurz wach, als wir ins Zimmer schlichen und fragten: „Wo kommt denn ihr jetzt her?“ Wir grinsten uns an und sagten: „Ach, das ist eine lange Geschichte.“

Aber sie ist noch nicht ganz zu Ende. Im Sommer 2002 wollten wir zum Force Attack Festival in die Nähe von Rostock fahren, ein mehrtägiges Punk Rock Open Air, und eine Freundin hatte mich gefragt, ob ich für sie, da sie erst am zweiten Tag käme, etwas mitnehmen könnte. Dieses „Etwas“ waren etwa zwei Gramm Haschisch, welches sie mir in einer schwarzen Filmdose in die Hand drückte.

Auf der Fahrt an die Ostsee erzählte ich meinem Beifahrer Jenna von unserer heißen Ware an Bord und als wir kurz vor der Einfahrt zum Konzertgelände von einer Polizeieinheit gestoppt wurden, sah ich in seinen Augen, dass er zumindest ein genauso großer Schisser war wie ich. Augenblicklich begann er zu schwitzen und quasselte mich mit wirrem Zeug zu.
Ich versuchte locker zu bleiben, aber als ich sah, wie sie unser Nachbarauto auseinander nahmen und sogar Schäferhunde darin schnüffelten, befiel mich ein ungutes Gefühl. Sie suchten nach Drogen und waren dabei nicht gerade zimperlich. Wir hatten uns sehr auf das Konzertwochenende gefreut und nun sah ich mich bereits in einer kleinen, schäbigen, hundekalten Zelle ohne Fenster sitzen und auf meine Verurteilung wegen des Besitzes von Betäubungsmitteln warten.

Ein Typ vom Bundesgrenzschutz kam schließlich zu unserem Auto, doch eine Kollegin mit Hund rief ihm hinterher: „Die übernehme ich!“ Um Unauffälligkeit bemüht, stiegen wir aus meinem Wagen und stellten uns daneben. Die junge Frau machte ihren Köter an einem Außenspiegel fest, kroch ins Auto und untersuchte den Innenraum. Als sie wieder herauskam und sich aufrichtete, schaute die Dame direkt in mein Gesicht. Ich brauchte fünf Sekunden, um sie zu erkennen und konnte es dennoch nicht glauben: Die militärisch gekleidete Frau kannte ich aus meiner Jugend – es war tatsächlich die gleiche Sarah, für die noch vor 16 Jahren alle Menschen in Uniform einfach nur „Scheiß-“ oder „Drecksbullen“ gewesen waren.
Wir sagten kein Wort, doch ich spürte, dass auch sie mich erkannte. Ihr Hund begann ganz aufgeregt an der Leine zu ziehen und bellte in Richtung meines Kofferraums. Auch wenn es nur zu erahnen war, sah ich ein kleines Lächeln auf Ihren Lippen. Sie drehte sich um und brüllte zu ihren BGS-Kollegen: „Die hier sind sauber!“
Ich startete das Auto. Jenna, der die seltsame Szene hautnah miterlebt hatte, drehte sich zu mir herüber und fragte erstaunt: „Was war das denn, kanntest du die etwa?“ Ich schaute in den Spiegel, Sarah verfolgte unsere Abfahrt, und ich sagte: „Ach, dass ist eine lange Geschichte.“
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Zum Weiterlesen: Mauergewinner
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Eine kranke Geschichte – Jugend in der DDR

2. Februar 2015 | von | Kategorie: Blog, Mauergewinner Leseproben

OLYMPUS DIGITAL CAMERAWir sind die einzig wahren Kinder aus Zone Ost. Die Generation unserer Eltern kannte noch den Ku’damm, wo sie heimlich mit der U-Bahn ins Kino hingefahren waren – sie hatten einen kurzen Blick in den Westen erhaschen können, einen kleinen Vergleich gehabt. Wir nicht. Sie haben uns in eine von ihnen erschaffene DDR hineingeboren und wir mussten nun staunend zuhören, wenn sie aufgeregt ihre abenteuerlichen Geschichten vom Bahnhof Zoo zum Besten gaben. Wir marschierten an einer von ihnen erbauten Mauer vorbei und drückten uns nicht an riesigen Schaufensterscheiben die Nase platt.
Im Alter von sieben Jahren malte ich Bilder, welche die Überschriften „Waffenbrüderschaft“ und „Ich will Kosmonaut werden“ und nicht „Urlaub in Spanien“ oder „Meine Katze Ricky“ trugen. Vom ersten Schultag an wurden wir bombardiert mit Phrasen zur Überlegenheit des Kommunismus, mit Parolen, wie lieb wir unseren großen Bruder und Befreier haben müssten und wie glücklich wir uns schätzen konnten, in der sowjetisch besetzten Zone geboren worden zu sein.
Ständig wollte man uns auch weismachen, dass wir Weltmarktführer sind. In vielen industriellen Bereichen lagen wir angeblich sogar unter den ersten sieben Nationen der Erde. Bei uns war alles viel besser als im Westen. Unsere Eltern und Lehrer logen uns buchstäblich das Blaue vom eigentlich friedlichen Himmel herunter. Oder glaubten sie gar an diesen Mist?

Ein besonderes Kennzeichen der DDR war ihre Fortschrittlichkeit auf wissenschaftlich-technischem Gebiet. Schon ab 1986 durften wir den Rechenschieber gegen einen hochmodernen Taschenrechner eintauschen. Wir Kinder ohne Westverwandtschaft mussten uns einen „SR1“ der Firma Robotron aus Sömmerda für schlappe 123 Mark zulegen (das war der subventionierte Preis mit Bezugschein!). Die einzelnen Ziffernfelder waren fast so groß wie die Tasten einer Schreibmaschine, wodurch der Rechner eine stattliche Länge, Breite und Dicke bekam. Man konnte ihn als Lineal benutzen oder damit jemanden totschlagen. Bei Tessi und Bommel und vielen anderen mit Kontakten nach Drüben passte der ultraleichte, Streichholzschachtelgroße Taschenrechner von „Sanyo“ in die Federtasche.
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Ähnlich war es mit Uhren. Die brauchten wir zwar nicht zwingend im Unterricht, aber so eine schicke Quarzuhr machte schon was her. Wieder hatten wir im Land der Erneuerer und Meister von morgen ein Spitzenprodukt. Eine klobige Quarzuhr von Ruhla gab es ab 185 Mark und die sah aus, als ob sie aus einem Stück geschweißt worden war. Made in GDR. Wahrscheinlich lagen solche Dinger bereits damals im Technikmuseum von Westberlin. Im Westen trug man ganz kleine, leichte Quarzuhren aus schwarzem Kunststoff mit Stoppuhr, Licht und weiteren sechs Zusatzfunktionen – munkelte man.

Mit 13 kamen Stefan und ich auf die Idee, zum Spaß Leute zu interviewen. Der schwarze Annettrekorder und das Mikrofon machten erstaunlich gute Aufnahmen, auch wenn wir unzählige dicke Batterien brauchten und dann nur zwei Stunden Aufnahmezeit hatten. Nach der Schule zogen wir los und befragten wildfremde Menschen auf der Straße. Wir logen ihnen natürlich vor, dass dies im Auftrag der Schule geschehe. Leider konnten wir uns das Lachen oft nicht verkneifen, sodass die Geschichte meist aufflog, aber niemand nahm uns das wirklich krumm. Die fertigen Interviews spielten wir unseren Kumpels vor.
Doch bald stellten wir fest, dass uns keine richtigen Fragen einfielen. „Wo haben Sie das Wochenende verbracht?“, „Wie war ihr letzter Urlaub?“ und „Welche Musik hören Sie gern?“ Das interessierte uns eigentlich nicht wirklich. Stefan hatte deshalb die Idee, in Betriebe und Läden zu gehen, mit der Bitte, dass uns die Menschen von ihrem sozialistischen Arbeitsalltag berichteten. Dies führte uns bald in diverse Kaufhallen, Geschäfte, ins Sportforum, ins Sport- und Erholungszentrum (SEZ) und ins Hotel Berolina. Wir waren die rasenden Reporter von Friedrichshain, die bald merkten, dass sie in bestimmten Geschäften auch etwas abgreifen konnten. Beim Fleischer eine Knacker oder eine warme Bulette, im SEZ eine kostenlose Stunde auf der Eisbahn oder im Wellenbad und beim Bäcker gab’s eine belegte Schrippe mit Hackepeter oder Tatar.
Der Bäckermeister an der Leninallee führte uns in seinem Laden herum, zeigte uns die Öfen und erzählte einiges aus seinem trüben und vor allem sehr früh beginnenden Arbeitsleben. Als er: „Jungs, jetzt muss ick aber mal nach die Schrippen kieken“, sagte und im Nebenraum verschwand, waren wir plötzlich allein in der Backstube und sahen diese wunderschöne Quarzuhr auf dem Regal liegen. Ich nickte und schon schnappte Stefan das Ding und wir rannten gemeinsam aus der Tür, die Straße hinunter, bis wir in den Volkspark Friedrichshain eintauchen konnten.
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In Stefans Wohnung am Leninplatz schauten wir uns die schwarze Uhr, die aus hartem Gummi zu bestehen schien, mindestens eine Stunde lang ganz genau an und probierten alle Funktionen mehrere Male aus. Es musste ein wahnsinnig wertvolles westdeutsches Stück sein, denn sie hatte nicht nur Licht, Stoppuhr, Datum und Wecker, sondern auch einen kleinen Taschenrechner mit Miniaturtasten auf dem Gehäuse. So etwas hatten wir noch nie gesehen.
Bald kam die Frage auf, wer von uns beiden die Uhr behalten dürfte. Doch es entstand komischerweise kein Streit. Beide wussten wir, dass wir dieses auffällige Teil niemals tragen konnten, nicht in der Schule, nicht vor den Kumpels und nicht mal zu Hause heimlich auf dem Klo. Wenn dieser dreiste Diebstahl herauskäme, könnten wir uns eine richtige „Pfeife anzünden“, das gäbe ein Jahr Stubenarrest – Minimum.
Wir hatten also drei Möglichkeiten. Wir konnten die Uhr verkaufen, sie wieder zurückbringen oder sie einfach wegschmeißen. Wir waren junge, neugierige 13jährige Jungs – stolze und vorbildliche Thälmannpioniere – da war es doch völlig klar, was wir machten. Diese Uhr hatte 1984 vielleicht einen Wert von umgerechnet 700 DDR-Mark!
Steffen holte zwei Hämmer aus dem Werkzeugkasten seines Vaters und wir droschen so lange auf die Uhr ein, bis sie in kleinen Einzelteilen vor uns lag. Mit Streichhölzern kokelten wir das Gummi ab. Als wir den Trümmerhaufen zusammenkehrten und in den Müllschlucker warfen, mussten wir lachen. Wir hatten jetzt wieder einmal einen technischen Informationsvorsprung gegenüber unseren Mitschülern, doch sie würden von uns nie erfahren, wie eine westdeutsche Quarzuhr von innen aussah!
Nach der 9. Klasse zog Stefan mit seinen Eltern nach Marzahn und wir sahen uns nie wieder. Anfang des 10. Schuljahres kam Fred Krankel, schnell nur noch „Krank“ genannt, irgendwie als sein Ersatz in unsere Klasse, obwohl das mit Stefan nichts zu tun hatte. Er war aus disziplinarischen Gründen von der KJS (Kinder- und Jugendsportschule) gefeuert worden, wo der 1,90-Meter-Hüne beim SC Dynamo Berlin Eishockey gespielt hatte. Als ich meinen Vater fragte, ob er mal in seinem Club lauschen könnte, was da so vorgefallen war, erzählte er mir zwar keine Details, aber immerhin so viel, dass „Krank“ in seinem Jahrgang das größte Talent gewesen wäre, allerdings auch der brutalste und disziplinloseste Spieler aller Zeiten in diesem Verein. Überheblich, durch etliche kaputte Zähne grinsend, setzte er sich in die allererste Reihe und ich hoffte sofort, dass ich sein Freund und nicht sein Feind werden würde.
Wimpel KJS
Fred verkörperte all das, was ich versuchte, nach außen hin darzustellen – Coolness, Gefährlichkeit, Stärke und Unverletzlichkeit, doch nur bei ihm wirkte es echt. Er hatte eine Art, die Dinge äußerst locker zu sehen, besonders abschätzig alles „ostig“ oder „zonig“ zu finden und auf die DDR-Staatsmacht komplett zu scheißen. Ich machte mir da schon eher mal in die Hosen und verkloppte keine „roten Säue“. Sicher war unsere Freundschaft auch darin begründet, dass bittere Ironie und purer Sarkasmus unsere stärksten Ausdrucksformen waren. Vielleicht hatte ich auch lange nur auf jemanden wie ihn gewartet, mit dem ich jeden Mist machen konnte und der mich vor den Folgen jederzeit beschützte.

Durch meine Bekanntschaften im Lager für Arbeit und Erholung fuhr ich seit einiger Zeit ins entfernte
Grünau, in die Wuhlheide und nach Schöneweide in diverse Diskos. Jedes Wochenende gingen wir jetzt in den „Weißkopf“, ins „Pipa“ und zu vorgerückter Stunde auch in den „Bullenclub“. Schon damals grübelte ich, was „Weißkopf“ bedeutete, und wieso der andere „Bullenclub“ genannt wurde, erfuhr ich auch nicht. Nur „Pipa“ war klar, das stand für „Pionierpark“ – in diesem befand sich der Club nun einmal.
Ich hatte „Krank“ ein paar hübsche Frauen versprochen, und so folgte er auch mir einmal. Die Clubs in dieser Ecke von Ostberlin hatten den Vorteil, dass es dort nicht ganz so viele Cliquen und glatzköpfige Gangs wie in Marzahn und Hohenschönhausen gab. Hier konnten wir schon zu zweit und mit 16 Jahren „einen Affen machen“.
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In den noblen „Bullenclub“ kamen eigentlich nur Leute über 18 rein und auf alle Gläser wurde zwei Mark Pfand genommen. Nicht nur, dass wir überhaupt hineingelassen wurden, wir sammelten auch die leeren Gläser von sämtlichen Tischen und gaben sie wie selbstverständlich an der Bar als unsere ab. Ärger bekamen wir nie und wenn mich doch mal jemand vorsichtig ansprach, dass es sein Pfand wäre, rief ich einfach nach meiner Kampfmaschine „Krank“.
Bei einer dieser Touren durch die Pampa ging uns trotzdem einmal das Geld aus, wir hatten nicht mal die nötigen Groschen, um Claudia anzurufen. Sie war die wichtigste Frau der Gegend, denn sie stellte uns immer neue und heißere Freundinnen in einem der Clubs vor. Mit der Straßenbahn machten wir uns auf den Weg. Auch wenn die normale Fahrt nur 20 Pfennig kostete – wir bezahlten nie am Fahrscheinautomaten. Dass dieses Ding Automat genannt wurde, wäre schon wieder ein Hohn auf westdeutsche Ingenieurskunst gewesen. Im Prinzip war es nur ein großes metallenes Etwas, das oben einen Schlitz hatte und an der vorderen Front eine Glasscheibe, wo man beobachten konnte, wie das Kleingeld auf ein rundes Förderrad fiel. Sobald man den mechanischen Hebel an der Seite herunterdrückte, rutschte das Geld in die nächste Lade und ein Stück Papier, wie von einer alten Kinokartenrolle, kam am vorderen Schlitz heraus – der Fahrschein.
Wenn man nur an dem Hebel gezogen hätte, ohne Geld hineinzuwerfen, wäre zwar auch dieser Papierschnipsel herausgekommen, aber ein möglicher, blitzartig herbeigeeilter Kontrolleur hätte festgestellt, dass die obere Förderbox leer ist. Kompliziert? Nein, ostdeutsche Ingenieurskunst!
Dennoch gab es genug pflichtbewusste Bürger, die in dieses antiquierte Fahrscheingerät ihre Fünfziger, Zwanziger und Groschen hineinwarfen.
Als ich den unberechenbaren „Krank“ an dem Gerät herumfummeln sah, dachte ich mir noch nichts dabei, doch plötzlich umfasste er das Ding mit beiden Armen und riss es einfach aus der am Boden verschweißten Verankerung. An der nächsten Haltestelle stiegen wir mit einem 20 Kilo schweren, unhandlichen Fahrscheinautomaten in den Händen aus.
Wir waren allein im zweiten Wagen gewesen, aber ich kannte „Krank“ jetzt schon ein bisschen – er hätte das Gerät auch im ersten Führerwagen mitgenommen, wenn dieser vollbesetzt gewesen wäre.
Als wir merkten, dass wir direkt vor einer bewachten Armeekaserne ausgestiegen waren, lachten wir beide. Ich bitterlich süß aus purer Angst, er fand das wirklich sehr belustigend. Wir trugen das Ding geschützt, genau zwischen uns beiden, durch die hier nur sehr schwach beleuchtete Straße und beschlossen, das Gerät sicherheitshalber sofort im nächsten Gebüsch aufzubrechen.
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Mit einem Stein schlugen wir den Hebel-Automaten an der Frontseite auf und steckten uns das zu unserer Überraschung nicht knapp bemessene Kleingeld in die Hosen- und Jackentaschen. Gut gelaunt liefen wir in Richtung S-Bahnhof und fanden auch endlich wieder eine Telefonzelle, um bei Claudia anzurufen. „Krank“ war richtig sauer, als wir sie nicht zu Hause erreichten – er hatte sich auf Kool & the Gang, Cola Whisky und anschließenden kranken Sex gefreut. Er kochte vor Wut und riss, für mich vollkommen unvorhersehbar, mit urwüchsiger Kraft den volkseigenen Telefonhörer inklusive Kabel einfach aus dem dann schwankenden Telefonhäuschen.
Ich wusste, dass es für Vandalismus an Volkseigentum besonders hohe Strafen gab, nicht nur, weil es sich hier um die scheinbar einzige Möglichkeit handelte, mit der man Kontakt zur Außenwelt aufnehmen konnte. Aber noch machte ich mir keinen größeren Schädel, frustriert gingen wir in Richtung S-Bahnhof. Als wir die Treppen hinaufkamen, sahen wir auf dem Bahnsteig, keine 200 Meter von uns entfernt, zwei Polizisten, die in ein intensives Gespräch mit einem älteren Mann verwickelt waren. Als dieser in unsere Richtung zeigte und rief: „Da sind die Typen!“, brüllte „Krank“ mich einfach nur an: „Komm!“. Wir rannten sofort über die Gleise, sprangen über zwei hohe Zäune und liefen die Straße hinunter. Zum ersten Mal in meinem Leben lief ich die 100 Meter unter 14 Sekunden. Wir schauten uns nicht um, rannten immer weiter und bogen in eine Seitenstraße mit Kopfsteinpflaster ein.
In meinem gesamten DDR-Leben schwebte scheinbar, obwohl ich atheistisch erzogen wurde, ein Glücksengel über meinem Haupt, denn ich stieß fast mit einem Auto zusammen: einem Taxi mit „Frei“-Zeichen! In unserem autoarmen Land, in dem man gut und gerne mal zwei Stunden wartete, sogar wenn man ein Taxi bestellt hatte, flog ich in diesem Augenblick fast über die Kühlerhaube eines beigen Wartburgs. Ich riss die Tür auf – „Krank“ hätte sie bestimmt wieder abgerissen – und fragte ungläubig: „Frei?“
Opa Auto
Wir fuhren in den Alfclub in die Mollstraße und bezahlten den Taxifahrer großzügig mit Groschen und Zwanzigern. Das Restgeld unserer Tour teilten wir brüderlich, es waren tatsächlich auch ein paar Fünfziger, mehrere Markstücke, ein Rubel und zwei Knöpfe dabei.
Wir stießen darauf an, dass wir nicht in einem „Bullentaxi“ gelandet waren und auf den technischen Informationsvorsprung gegenüber unseren Mitschülern. Die würden doch nie erfahren, wie ein Fahrscheinautomat von innen aussah!

Fred Krankel alias „Krank“ verschwand 1989 über Ungarn in den Westen. Er war kurz nach dem Mauerfall der erste Mensch, bei dem ich dort – in Westberlin – persönlich eingeladen war. Freudestrahlend grinste mich der jetzige Profi-Eishockeyspieler der „Berliner Preußen“ an. Wir betranken unser Wiedersehen in einer urigen Berliner Kneipe in Tempelhof. Nach mehreren Schultheiß-Pils und zwei, drei Schnäpsen schwankte ich mit ihm zum Musikautomaten. Für einen Moment beschlich mich ein ungutes Gefühl. Aber nein, er riss das Ding nicht aus der Wand, sondern wollte lediglich nochmals den neuesten Hit, „Bakerman“ von Laid Back, hören.

Ich konnte Stefan und Fred im Jahr 2009 zwar schon über das Internet ausfindig machen – trotzdem habe ich sie – wie viele andere wichtige Protagonisten meines früheren Lebens – seit fast 20 Jahren nicht mehr gesehen. Wenn ich sie träfe, würden wir sicherlich recht schnell gemeinsam überlegen, ob es heute noch viele Plätze, Straßen und Orte gibt, die uns augenblicklich in unsere ostdeutsche Vergangenheit beamen. Wo wir kurz stehen bleiben und denken würden: „Mensch, das sieht ja noch auch wie früher“, oder „Was, das gibt es ja immer noch?“, „Ist ja wie im Osten!“
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Wahrscheinlich sind es immer wenigere Flecken in Berlin und der ehemaligen Republik, die uns in Gedanken unvermittelt 20 Jahre zurückreisen lassen. Unsere ehemalige Heimat wurde, als wären wir ein rückständiges Inka-Volk gewesen, gnadenlos überbetoniert.
Es war eine große Geschichte, als ein Architekt im November 2008 eine seit 1989 unberührte Wohnung in Leipzig entdeckte. Komplett eingerichtet – ohne ein einziges Westprodukt. Da war es dann plötzlich wieder spannend, wie dieser Ost-Stamm gehaust hatte.
Aber solche Stellen meine ich auch gar nicht und eigentlich müssen wir uns gar keine Mühe mehr geben beim Aufspüren solcher Orte, Dingen des Alltagslebens, bestimmter Gerüche, ungewöhnlicher Stoffe, Redensarten oder Ereignisse, die uns an den Arbeiter- und Bauernstaat erinnern, denn wir haben einen Informationsvorsprung gegenüber unseren Mitmenschen aus dem Westen. Die werden doch nie erfahren, wie das bunte Leben in der DDR wirklich war!
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Zum Weiterlesen auf Spiegel Online – Teil 1
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Zum Weiterlesen auf Spiegel Online – Teil 2
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Zum Koofen: “Mauergewinner bei Amazon”
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