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Abhängig – Jugend in der DDR

8. September 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog


Es gibt ein bemerkenswertes Foto von mir und meinem stolz auf mich herabschauenden Vater, auf dem ich aus einem Halbliterglas genüsslich Bier trinke. Auf dem Bild bin ich drei Jahre alt. Meine Mutter steht nicht dabei, ist aber auch nicht die Fotografin, und ich weiß, dass sie das nicht besonders witzig gefunden hätte. Doch bereits einige Jahre später war sie es wiederum, die uns zu jeder größeren Feier und am Silvesterabend „mal“ am Eierlikör nippen ließ. Ich erlebte eine typische DDR-Kindheit und kam, obwohl mir Alkohol lange Zeit überhaupt nicht schmeckte, sehr früh damit in Berührung.

Im Herbst 1985 schlenderte Didi mit einem riesigen West-Doppelkassetten-Rekorder an die „Platten“. Das Ding war gefühlt einen Meter lang, 20 Zentimeter hoch und hatte unendlich viel Power. Schnell avancierte er zum neuen Helden der Clique und um diese Stellung noch zu untermauern, kaufte er tags darauf im Intershop 60 Dosen DAB – Westbier! Erstens gab es bei uns nur Flaschen und zweitens hatte noch keiner von uns jemals echtes Bier von Drüben getrunken. Didi baute die Dosen auf unserer Tischtennisplatte geschickt zu einer riesigen Pyramide auf. Es war ein unglaublicher Anblick: So stellten wir uns den Westen vor. Sagenhafte Bierpyramiden, coole Typen und laute Musik aus monströsen Ghettoblastern. An diesem Abend trank ich, nur weil es Westbier war, 5 Dosen DAB und kotzte die halbe Nacht aus dem Kinderzimmer-Fenster im neunten Stock. Noch zwei Tage später waren die Fensterbretter bis zum 3. Stock unappetitlich besprenkelt. Aber aus den Fenstern reiherte hier öfter mal jemand. Mich hatte zu diesem Zeitpunkt noch niemand in Verdacht.

Mein Vater, der schon lange gar keinen Alkohol mehr anrührt, erzählte mir mal, wie das zum Schluss mit seiner Abhängigkeit war. Jeder Arbeits-Montag war ihm da wie eine kleine Entziehungskur erschienen, denn obwohl er schon längst jeden Tag maßlos soff, wurden die Rationen am Wochenende nochmals erhöht und montags früh um 7 Uhr fühlte er sich extrem elend und schwach. Auffällig war jedoch, dass dies vielen seiner Kollegen so zu gehen schien, ein ganzes Land nüchterte am Wochenbeginn – mit roten Äderchen auf der Nase – zitternd aus.

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Am 29. März 1986 stand endlich die heiß ersehnte Jugendweihefeier an. Das erste Problem, das sich ergab: Klamotten. Wieder einmal waren die Leute mit Westgeld im Vorteil, denn nur die konnten richtig fetzige, moderne Sachen bekommen. Bei uns anderen gab es noch zwei Abstufungen: Wer Eltern hatte, denen 1.000 DDR-Mark nichts ausmachten, konnte im “Exquisit” seine Jugendweihegarderobe kaufen; dort gab es oftmals Sachen fast auf Westniveau. Die ärmsten Schweine waren die, welche sich ihre Festtags-Klamotten im Centrum Warenhaus am Ostbahnhof, Alex oder in der Jugendmode am Spittelmarkt kaufen mussten. Ich war wie immer „Kategorie C“ beim Durchstöbern von Mode dritter Wahl und musste mir wiederholt anhören: „Hamm wa nüsch“.

Es gab wirklich nur Dreck, denn zur Jugendweihe trug man keine Anzüge, sondern schicke, aber dennoch coole Klamotten. Nach drei Besuchen zusammen mit Mutter war ich völlig verzweifelt. Die Sachen, die man dort ausstellte, waren so abgrundtief hässlich in Farbe, Muster, Material und Schnitt, dass man sich ernsthaft fragte, wer das auftragen sollte. Es gab dort keine Schuhe, die man gleich anbehalten wollte.

Da mir die Jugendweihe aber zu wichtig war, ging ich mit Mutter in eine Boutique in der Sophienstraße. Zwar sah ich mit den Sachen, die wir nach langer Diskussion kauften, wie ein ostdeutsches Mannequin für Arme aus, aber immerhin musste ich darin keine fiesen Kommentare befürchten. Als wir an unserem großen Tag, begleitet von einem Fagottquintett, in den festlich geschmückten Saal des Metropoltheaters einliefen, stellte ich sofort fest, dass ich tatsächlich alles richtig gemacht hatte, denn einige meiner Kumpels hatten zwar echt geile Westklamotten an, andere sahen jedoch richtig Scheiße aus. So richtig!
Die Feierstunde verlief nach dem gewohnten Muster. Zunächst wurde der „Kleine Trompeter“ und “Auf, auf zum Kampf” gesungen. Danach rezitierte unser GOL-Schulsekretär Hannes Jungblut die Gedichte „Für den Frieden der Welt“ und „Frieden wie das eigene Leben“. Die Festansprache selbst hielt Heinz Schmidt, Oberst der Volkspolizei. Nachdem die ersten Gäste auf ihren Stühlen unruhig hin und her scharrten, stolzierte der Oberst von der Bühne. Endlich bekamen wir die Urkunden, das Geschenkbuch „Vom Sinn unseres Lebens“ und unseren Blumenstrauß. Dabei legten wir auch das Gelöbnis ab. Man konnte förmlich sehen, wie eilig es alle hatten, nach draußen zu kommen, denn jetzt kam das Wichtigste der ganzen Veranstaltung: die Übergabe der Geschenke! Diese fand zu Hause statt.

Als ich mit unseren Verwandten in der Mollstraße angekommen war, schenkte mir Vater vor versammelter Mannschaft erstmal ein Berliner Pilsner in ein Tulpenglas ein. Ich wurde somit auch von ihm in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen, was er allem Anschein nach mit dem Genuss von Alkohol in Verbindung brachte. Der kleine Benny schaute bewundernd zu mir auf. Er konnte dann später „mal“ am Eierlikörglas von Oma Halle nippen.
Dann durfte ich in die Schatzkammer, das elterliche Schlafzimmer, gehen. Sie hatten mir den SKR 700 gekauft und für diesen über drei Kilogramm schweren DDR-Kassettenrekorder schlappe 1.540,- Mark hingeblättert! Ganz klar, der Ghettoblaster von Didi wog weniger als die Hälfte, sah cooler aus und kostete wahrscheinlich im Westen gerade mal ein Zehntel, aber ich fand Genugtuung darin, dass meine Eltern ordentlich für mich geblutet hatten. Nach der Sichtung der Präsente, vor allem der Umschläge der Verwandtschaft, ging ich zufrieden zurück ins Wohnzimmer, trank mein Bier in einem Zug aus und rief „Prosit!“ in die Runde. Alle lachten gerührt.

Mutter verbreitete schnell wieder Hektik, da wir bis 14 Uhr zur Feier meiner Klasse in der Clubgaststätte Kiew in Marzahn sein sollten. Der Familientisch war für zwölf Personen gedeckt und kaum, dass wir saßen, wurden auch schon unsere im Vorfeld gewählten Essen gebracht. Alle hatten sich für das „Steak au four“ entschieden. Benny aß wie immer zuerst sein komplettes Fleisch auf und schaute dann verdutzt auf mein saftiges Steak und hämisches Grinsen. Wie viele Klassenkameraden durfte ich weiterhin Bier trinken, mein Vater wäre sonst sicher enttäuscht gewesen, immerhin galt die Jugendweihe als das erste richtige (und offizielle) Besäufnis eines jungen DDR-Bürgers. Beschwipst lauschte ich dem beginnenden Kulturprogramm, welches das Elternaktiv vorbereitet hatte. Leider wurden ausgerechnet Coco und ich nach vorne gebeten, um einige sinnlose Artikel den Gästen vorzutragen. Meine Mutter blickte mit feuchten Augen hinüber zu ihrem großen, leicht schwankenden, Sohn in seinen hübschen blau-grauen Klamotten.

Ich war froh, als der Spuk vorbei war und das Abendbrot serviert wurde. Sie hatten ein unglaublich großes Buffet errichtet, denn noch nie zuvor hatte ich in der DDR erlebt, dass so viel liegen blieb. Zu Hause hieß es immer: “Es wird aufgegessen was auf den Tisch kommt!”, und selbst in Restaurants wurden wir angehalten, auch die ollen Sättigungsbeilagen zu verspeisen. Das glich einer riesigen Verschwendung, und der stark alkoholisierte Didi fragte unseren Lehrer Blase, ob wir die Buffetreste nicht aus Solidarität nach Angola schicken könnten. Bommel und Tessi lieferten sich draußen derweil eine Essensschlacht, indem sie sich gegenseitig mit Buletten bewarfen. Sie waren schon total blau.
Um 20 Uhr war bereits alles abgeräumt und die Disko begann. Nach den ersten paar Liedern war klar, dass es für uns eine B-Veranstaltung und eher etwas für die Eltern und Omas werden würde. Die Beatles, Beach Boys und Bee Gees trafen echt nicht den Zeitgeist der Jugend im Jahre 1986. Es geschah, was zu befürchten war: Wir trafen uns alle vor dem Eingang mit einer Pulle in der Hand und brüllten: “Auf, auf zum Kampf zum Kampf!”. Jeder hatte gegriffen, was gerade auf seinem Tisch stand – etliche sogar Weinbrand oder Korn – und von nun an hieß es: Saufen bis zum Erbrechen.
Weit nach Mitternacht sah ich zum ersten Mal in meinem Land eine Ansammlung von mehreren Taxis. Auch das schien vorher organisiert worden zu ein. Alle meine Freunde, inklusive mir und meines kleinen Bruders Benny hatten mehrere Male gekotzt. Meine Eltern bemerkten oder sagten nichts.

Heute habe ich einen sehr gemischten Freundeskreis, doch bis auf wenige Ausnahmen sind die abhängigen Säufer alles Ostdeutsche aus meiner Generation. Mit einem unglaublichen Tempo haue ich mir mit den Jungs die Halben im „Rockz“ hinter die Birne, ohne zu merken, dass uns andere Leute ganz komisch ansehen, während sie immer noch am ersten Alster nuckeln. Bis vor kurzem war auch mir das gar nicht aufgefallen.
Erst als mir fast jeder Arbeits-Montag wie eine kleine Entziehungskur erschien, machte ich mir langsam Sorgen. Am Wochenbeginn um 7.30 fühlte ich mich oft extrem elend und schwach. Es fiel mir auf, dass dies den wenigsten meiner Kollegen so zu gehen schien und ich der Einzige war, der seinen Wochenend-Rausch ausnüchterte. Neulich fragte ich mich sogar, ob ich womöglich sogar ganz vom Alkohol Abschied nehmen müsste. Ich dachte gleichzeitig an die riesige Pyramide aus Dosen der Dortmunder Aktien-Brauerei aus vergangenen Tagen.
Es war also doch der Westen schuld!
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Zum Weiterlesen: Mauergewinner oder ein Wessi des Ostens
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Benny eiskalt – Jugend in der DDR

22. Juli 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

Am 24. März 1986 sitze ich zusammen mit den Jungs im Alfclub. Wir diskutieren noch immer über das Spiel bei Lok Leipzig am Wochenende. Besonders Andi, der gerade im Chefsessel hockt, verteidigt den Stumpf-Elfmeter in der 94. Minute bis aufs Blut, wohl auch, weil seine Atze Billy der größte Union-Fan weit und breit ist und er sich das nur bei uns trauen darf. „Ein Spiel dauert 90 Minuten plus BFC-Nachspielzeit“, tönt er. Zuhause – und in der restlichen Republik – gäbe es dafür tierisch aufs Maul. Wir nicken gelangweilt, da die Meisterschaft durch das späte Tor von Frank Pastor nun fast schon wieder entschieden ist.
Plötzlich stürmen Henry und Daley zur Tür hinein. „Kinder haben hier gar nüscht zu suchen“, brüllt ausgerechnet Bommel, der einen halben Kopf kleiner als die beiden ist. Es sind Bennys beste Kumpels, die zwei bis drei Jahre jünger als wir sind. Daley wird in Anlehnung an Daley Thompson (den schwarzen Zehnkämpfer) so genannt, weil seine Haut fast durchsichtig und kreideweiß ist. Doch auch der sonst so quirlige Henry hat gerade keine gesunde Gesichtsfarbe.
„Mark, deine Keule ist verschwunden!“, ruft er mir aufgeregt zu. Es ist 19 Uhr und schon Dunkel draußen, aber längst kein Grund zur Beunruhigung. „Wann habt ihr ihn denn das letzte Mal gesehen“, antworte ich daher entspannt. „Also wir haben vorhin Verstecken gespielt und suchen ihn eigentlich schon seit halb sechse“.

Augenblicklich wird mir gleichzeitig heiß und kalt. „Und wo?“ „Also ich habe mit dem Kopf am Denkmal, ohne zu Schmulen, bis 100 gezählt und dann angefangen zu suchen. Nur Mike konnte abschlagen – alle anderen habe ich vorher gefunden. Außer Benny. Der ist irgendwie nicht wieder aufgetaucht, aber ich dachte, du kennst ja deine Keule, dass …“ „Nun erzähl hier mal keine Romane Piepel“, unterbricht ihn Bergi. „Ihr wart also am Lenindenkmal?“ „Ja, aber …“ „Und wo habt ihr schon überall gesucht?“, fragt er, während ich genau diese Überlegung in Gedanken anstelle: ‚Wo könnte sich der kleine, neunmalkluge Scheißer versteckt haben? ‘
Ich liebe meinen Bruder. Wir verstehen und trotz des Altersunterschiedes prächtig und oftmals staune ich darüber, welche Energie er darin verwendet, mich in diversen Spielen zu schlagen. Versteckspielen – ohne auffindbar zu sein – hatte er mir auch schon einmal im Garten in Karow angetan. Letztendlich entdeckte ich ihn dann mit hämmerndem Herzen in einer Kiesgrube, aus der er allein nicht mehr herauskam. Ich wäre vor Sorge fast gestorben und ließ ihn zur Strafe bis zum Mittagessen darin hocken. „Marki, das kannst du doch nicht machen. Marki, ich habe Hunger“, hörte ich es aus der Ferne wimmern. Doch Benny verpetzt nie jemanden und ist nicht nur deshalb bei all seinen Freunden hochgradig beliebt.
Auch meine Jungs mögen ihn und so schließen sich alle hilfsbereit dem Suchtrupp in Richtung Leninplatz an. Auf dem Weg rätseln wir weiter, auf welche Versteck-Idee er wohl gekommen sei, stellen aber bald ernüchternd fest, dass es dafür hunderte gäbe – das Einzugsgebiet riesig ist. Bevor wir uns aufteilen, bitte ich dennoch um weitere Bedenkzeit, da ich ihn ja wahrscheinlich am besten kenne.

Ins Hochhaus hat er sich eher nicht verkrochen. Benny leidet, wie sein Bruder, unter Höhenangst und gerade die Treppenhaus-Balkone im 25-Stöcker wären der blanke Horror. Genau wie die Müllschlucker-Räume oder die regelmäßig steckenbleibenden Fahrstühle. Wobei nach denen mal einer schauen könnte.
Pattere, im Café am Leninplatz oder im Speiserestaurant Baikal, hätten sie ihn auf dem Klo oder beim Naschen von Spanferkel-Resten in der Küche schon längst entdeckt und entfernt – fällt also auch aus!
Den S-Block und den U-Block (unsere Mutter nennt sie „Schlange“ und „Bumerang“, was außer ihr kein Mensch sagt) halte ich auch für unwahrscheinlich, da sie zu weit vom Abschlage-Mal entfernt sind.
An den Volkspark Friedrichshain mit seinen gruseligen Wäldern und Büschen voller Kinderschänder, die sich im Dunkeln dort herumtreiben sollen, will ich gar nicht erst denken. Ich könnte mir zwar vorstellen, dass er sich an den ollen Köhlerhütten noch schnell eine Bockwurst gekauft hat, aber spätestens nach zwanzig Minuten wäre er gut gesättigt wieder aufgetaucht.
Bliebe noch die Baugrube zwischen dem Grünen Block und der Lenin-Kaufhalle. Doch die ist laut Bommel seit letzter Woche verschwunden, obwohl ich ihn in meinem Inneren schon flehentlich „Marki“ habe rufen hören.
„Moment mal“, brülle ich Henry plötzlich an. „Hat sich von euch schon mal einer in der Kaufhalle versteckt?“ „Ach du meine Nase. Benny hat heute irgendwas von den Kühltruhen da drinnen erzählt.“ Beim Gedanken an die kalten Geräte wird mir wieder heiß, denn mir fällt ein, dass dieses Gerede schon am Sonntag begann.

Unsere Mutter erzählte während des Polizeirufs 110, der gerade im Fernsehen lief, dass bei ihrer Ausbildung in Zwickau mal ein Lehrling ums Leben gekommen war. Er war beim Versteckspielen (!) in einen Industriekühlschrank geklettert und wurde dort erst nach sechs Stunden gefunden. „Der war natürlich längst erfroren, weil man einen Kühlschrank von innen nämlich nicht aufbekommt!“, erklärte sie oberlehrerhaft. Benny wollte das partout nicht glauben, doch unser Gerät bot keine Gelegenheit, dies auszuprobieren. Benny, alias Paule Platsch (wie er zu Hause noch immer genannt wird), hätte dort nicht nur wegen der vielen Bierflaschen und der großen blauen Wurstschachtel einfach nicht hineingepasst.

„Scheiße, hat die Koofi noch offen?“, rufe ich in die Runde, obwohl ich ja wissen müsste, dass dies nach 19 Uhr nicht mehr der Fall sein wird. Um mich selbst zu beruhigen und nicht an den langsam einsetzenden Kältetod meines geliebten Bruders zu denken, erzähle ich den anderen, dass er am Sonnabend erfahren hat (was allerdings auch wahr ist), dass es jetzt endlich auch „Benny-Eislöffel“ gibt.

Seit ich denken kann, sucht er, tief hineingebeugt in die Kühltruhen sämtlicher Kaufhallen der DDR, nach einem dieser Miniatur-Plastik-Löffel mit seinem Namen. Fast alle Klassenkameraden schien es im Sortiment zu geben – nur seinen eben nicht. Als er in Wismar dann auch noch zwischen all dem Moskauer Waffeleis und Hexenküssen einen „Mark-Löffel“ ans Licht beförderte, verstärkte sich die Manie.
„Und dann hat er beim Suchen die Zeit vergessen und wurde eingeschlossen“, sagt Daley grinsend. Er ahnt ja nicht, dass meine Keule gerade in einer der Kühltruhe – wie in einem Sarg – liegt, weil er sie von innen nicht mehr aufbekommt. „Schnauze“, ruft Bommel, „sonst kriegste was hinter deine weißen Löffel.“ Mir ist noch immer arschwarm obwohl wir nur kühle fünf Grad haben. Ich taumele zwischen Hoffnung und Verzweiflung.
„Und wie kommen wir jetzt in die Koofi?“, fragt Torte die einzig vernünftige Frage. „Sollen wir einbrechen?“ Ich weiß, dass er das mit einem Dietrich wahrscheinlich hinbekommen würde und falls nicht, würde Andi die brachiale Methode anwenden und eine Scheibe einschmeißen. Aber das ist mir zu heiß. Auch zur Volkspolizei in die Friedensstraße möchte ich nicht gehen, da die uns kennen und das Ganze für einen üblen Scherz halten werden – während mein Bruder längst steifgefroren ist und der Herzschlag langsam aussetzt.

„Vielleicht gehen wir erst mal kieken“, meint Torte, der heute wirklich durchdachte Ansätze hat. Ich renne über die Mollstraße hinüber zur riesigen Fensterfront der Kaufhalle. ‚Wie soll ich das meinen Eltern erklären, wie soll ich den Schmerz und die Trauer jemals verdrängen‘, denke ich und hämmere gegen das Glas. Nichts!
„Benny!“, brüllt Henry plötzlich vom anderen Ende. Er war schlauer gewesen und hatte in Höhe der Eisschränke an die Fenster gekloppt. Atemlos erreiche ich ihn und sehe, dass Benny von Innen an der Scheibe klebt. Sein Gesichtsausdruck wandelt gerade von extrem geschockt, hin zu total erleichtert. Dann grinst er sein berühmtes Grinsen. Er zuckt mit den Schultern und deutet übermütig auf den Pappbecher mit Schokoladenimitat-Eis in seiner Hand. Darin befinden sich drei dieser winzigen Plastiklöffel.
Letztendlich fällt Andi ein, dass die Mutter von Ute als hochdekorierte Verkäuferin in der Leninkaufhalle arbeitet und für Havarie-Fälle einen Schlüssel besitzt. Doch weder er noch einer Jungs traut sich zu fragen, da Ute – seit Andi sie zugunsten von Lydia entsorgt hatte – nicht sehr gut auf uns zu sprechen ist. Schließlich überzeugen wir ausgerechnet Astrid zu klingeln. Sie ist in unseren Reihen als ausgesprochene Meisterdiebin wohlbekannt. Allerdings klaut sie eher in der Büsching-Kaufhalle.
Und Assi ist kuhl. Sie gibt Benny als ihren Bruder aus, erzählt aber sonst keine Fantasie-Geschichten, sondern einfach, dass er versehentlich eingeschlossen wurde und sie deshalb zu Hause nicht reinkommt, weil er die Wohnungsschlüssel hat.

Während des Aufschließens verstecken wir uns im Gebüsch. Benny kommt heraus, das Kinn schuldbewusst auf die Brust gelegt und wir hören, wie Utes Mutter ihm hinterher ruft: „Nun aber schnell ins Bettchen, mein Kleiner“. Bommel macht sich fast in die Hose. Als er bei uns ist, packe ihn mit beiden Händen an den eiskalten Ohren. Ich bin kurz davor, ihm einen Satz heiße zu verpassen, sage jedoch: „Na du bist mir vielleicht ein Kunde!“ Meine Freunde grinsen. „Marki, eigentlich wollte ich mich nur verstecken, aber dann fiel mir der Eislöffel ein. Ich habe alle Truhen von oben bis unten durchwühlt und weißt du, was ich gefunden habe: Bernd, Benjamin, Benno und dann war plötzlich abgeschlossen.“ Die Jungs feixen, da er mal wieder fantasiert. „Aber ich hab mir überlegt, im Werken aus dem Benno einen Benny zu schnitzen. Was meinst du?“ Ohne groß zu überlegen, antworte ich: „Das kannst du sehr gerne machen. Aber versprich mir, dass du niemals probierst, ob ein Eisschrank auch von Innen wieder aufgeht, okay Dicker?“ Die anderen wundern sich zwar über meine Antwort, folgen uns aber – ohne nachzufragen – gut gelaunt in Richtung Alfclub. Auf dem Weg flüstert mir meine Keule ins Ohr: „Würde ich mich nie trauen“. ‚Schlaues Kind‘, denke ich gerührt. „Aber zusammen können wir es doch mal testen, oder?“, ruft er mir zu, bevor er lachend Henry und Daley hinterher rennt.
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Zum Weiterlesen: Berlin Leninplatz
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Mauergewinner! – Jugend in der DDR

8. Februar 2015 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

3483266545_b7378fb5f9_b Obwohl man es meinem Vater, der Kugel, nicht ansieht, widmete er sein Leben dem Sport. Bereits als Kind wurde er in Halle an der Saale von Funktionären gesichtet und zur Kreis-, Kinder- und Jugendsportschule (KJS) nach Berlin delegiert. Er wurde Juniorenmeister im Speerwerfen und spielte besser Fußball als mancher DDR-Oberligaspieler. Nach dem Diplom als Sportlehrer wurde er Funktionär für Radsport und Schwimmen. In einem Land, in dem der geförderte Leistungssport eine übergeordnet große Rolle spielte, waren mein Bruder Benny und ich also geradezu prädestiniert, in
die angesehene Sportelite unseres Landes aufzusteigen.
Was soll ich sagen? Natürlich fielen auch wir nicht durch das engmaschige Netz der systematischen sportlichen Beobachtung. Bereits im Kindergarten erkannten Sichtungstrainer mein Ausnahmetalent: Sie schickten mich zum Eiskunstlaufen! Ich möchte hier kein präzises Bild von mir zeichnen, nur so viel: Ich bin bis heute genau das Gegenteil von graziös und anmutig. Wirklich niemand möchte “Mark on Ice” sehen. Eine zornige Trainerin brachte mich bei den ersten drei Terminen zum Weinen und beim vierten Mal wurde ich, nachdem ich beim Kurven wieder einmal tollpatschig alle rot-weißen Hütchen umgefahren hatte, lautstark aus der Trainingsgruppe geschmissen.
Leider prophezeite man mir danach – ich wurde ständig gewogen und vermessen – eine äußerst erfolgreiche Schwimmkarriere. Bis heute bin in von den errechneten 1,90 Metern Körpergröße, die mir vorausgesagt wurden, 15 Zentimeter entfernt, und nach den ersten Sprüngen ins Becken hielt ich mich in Todesangst an der gereichten Stange fest. Ich jammerte und heulte bei jedem Schluck Chlorwasser und war auch hier nach drei Einheiten raus aus der sozialistischen Sportfördergemeinschaft.
Mein sportlicher Vater hielt sich aus allem heraus und drängte mich nicht, lebensbedrohliche Sportarten auszuüben. Genau genommen interessierten ihn meine ersten Schritte als potenzieller Topathlet kaum. Vielleicht war ihm auch einfach schon immer klar, dass mit mir auf diesem Gebiet nicht viel anzufangen war. Als ich aus freien Stücken Fußballer wurde, holte er mich kein einziges Mal von einem Spiel ab.
Meine Mannschaft “Empor Brandenburger Tor” – kurz EBT – spielte im nahen Friedrichshain. Der linke Verteidiger war nach dem Torwart der zweitschlechteste Spieler im Team und spielte in der winterlichen Hallensaison sogar nur in der zweiten Mannschaft. Dass ich diese traurige Gestalt war, die ohne einen einzigen Torerfolg blieb, dafür jedoch einige vermeidbare Treffer, sogar gegen die Flaschen von „Motor Ost“, verschuldete, erzählte ich meinem Vater nie.

Staffel 5.
Dann kam die Kinder-und-Jugend-Spartakiade.
Anders als sonst, verschwand der Alte nach Feierabend nicht gleich im Scheppert-Eck, sondern brachte sich sogar Arbeit mit nach Hause. Nach dem Abendbrot setzte er sich mit zahlreichen Listen und einem Bier an den Wohnzimmertisch und begann, verschiedene Zahlen aus alten Listen in neue zu übertragen. Bereits am nächsten Abend fragte er uns stöhnend, ob wir ihm ein bisschen helfen wollten. Es ging darum, die Zwischenzeiten der verschiedenen Schwimmer in die Spalten zu schreiben und die Endzeiten zu vergleichen. Für jede vollständige Liste bekamen wir eine Mark.
Neben schnell verdientem Geld schaukelten Benny und ich uns wie immer hoch, wer die größten Talente und schnellsten Zeiten auf seinen Listen hatte. Ich verlor sehr selten Spiele gegen meinen kleinen Bruder, doch diesmal hatte ich keine Chance. In sämtlichen Tabellen, die sich Benny geschnappt hatte, lag eine gewisse Franziska in allen Zwischenzeiten meilenweit vorne. Sie war sogar besser als einige Jungs in ihrem Alter. Doch im Prinzip war mir dieses Mädel egal, denn ich schaffte an zwei Abenden zwölf Listen und Benny, trotz dieser wundersamen Franziska van Almsick, nur neun. Mein Vater kam auf vier Flaschen Bier und drei Korn und hatte eine sehr talentierte, angeblich auch goldige, Schwimmerin in seiner Trainingsgruppe gesichtet.
Die Spartakiaden waren, zusammen mit den Kreis-, Bezirks- und DDR-Meisterschaften sowie dem Pionierpokal, die wichtigsten sportlichen Wettbewerbe für Kinder und Jugendliche. Die Vorkämpfe und Qualifikationen dafür begannen bereits in den einzelnen Schulen. Wahrscheinlich liegt hier genau der Grund, warum ich meine Ambitionen und den Siegeswillen trotz der vielen Ängste und Enttäuschungen nie verlor. In meiner Klasse war ich richtig gut!
Bei den Schul-Spartakiaden gewann ich meine ersten Medaillen, die ich stolz in unser Kinderzimmer hängte. Silber im Weitsprung, Bronze im Schlagballweitwurf und Gold im Fußball, wo wir lediglich unsere Parallel-, die A-Klasse besiegt hatten. Diese Methode, auch die schwächsten und ungelenkigsten Kinder zu motivieren, sorgte dafür, dass ein ganzes Land gerne so gewesen wäre wie seine ehrgeizigen, erfolgshungrigen Spitzenathleten, die der ganzen Welt die Überlegenheit unseres sozialistischen Systems beweisen sollten. Schon wir Schüler und unsere Lehrer strebten nach Erfolg, Annerkennung und Ruhm, auch wenn wir nichts konnten.
Trotzdem muss ich noch heute mitleidig an unsere Sportlehrer denken, denn der nächst höhere Wettbewerb, bei dem die verschiedenen Schulen gegeneinander antraten, war die Stadtbezirks-Spartakiade. Warum unsere Lehrer nicht einfach auf unsere Teilnahme verzichteten, alles absagten oder erklärten, dass bei uns eine Grippeepidemie ausgebrochen war, verstand ich nicht – wir wurden jedes Jahr wieder zu den Bezirks-Spartakiaden von Friedrichshain geschickt und blamierten unsere Schule bis aufs Blut. Dass auch nur ein Schüler oder Team der Käte-Duncker-Oberschule unter die ersten drei kam, war denkbar unwahrscheinlich. Scheinbar hatten sie bei uns die unsportlichsten Kinder des ganzen Stadtbezirkes gesucht und gemeinsam eingeschult.
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Ich hatte gleich in der vierten Klasse die Qualifikation für die Staffel geschafft, in der Vertreter der 4. bis 7. Klassen antreten mussten. Zwar nur als viertbester meiner Altersstufe, aber immerhin. Am Abend vor dem Lauf lag ich ganz aufgeregt in unserem gemeinsamen Roll-Bett und erzählte Benny, dass ich auf die dritte Startposition gesetzt war.
Die Reise ging nach Schulschluss zum Lasker-Sportplatz in die komplett andere Ecke meines Bezirkes. Ich aß zu Hause noch schnell eine Stulle; in meinen Stoff-Turnbeutel packte ich nur einen Apfel und ein Handtuch, da ich die Sportsachen gleich anzog. Ausgerechnet drei Leute aus der Parallelklasse 4 A waren meine Mitstreiter. Wir aus der B-Klasse hänselten sie immer mit dem Spruch: „A wie Arschloch, B wie besser“. Matthias, Enrico und Thomas schauten mich schon an der Bushaltestelle, wo wir uns sammelten, abwertend an und riefen „A wie artig, B wie blöde“ zu mir herüber.
Wir mussten gemeinsam in den Bus am Volkspark Friedrichshain einsteigen und fuhren vorbei am Leninplatz, über die Karl-Marx-Allee und den S-Bahnhof Warschauer Straße in die Persiusstraße. In Höhe des Bahnhofs, als der Bus in die Stralauer Allee einbog, zog diese schier endlos erscheinende weiße Mauer an uns vorbei. Eine Weile starrte ich aus dem Fenster, und da niemand mit mir sprach, stand ich von meinem Sitz auf und ging hinüber zu unserem Lehrer Herrn Pinka. Ich setzte mich neben ihn und hoffte, dass er mich erkennen würde, aber er beachtete mich nicht. Stattdessen blickte auch er nur verdrossen auf die grauen vorbeiziehenden Häuser. Obwohl ich ihn bis zum Abschluss der 10. Klasse als recht ehrgeizig und zielstrebig in Erinnerung behalten habe, gab es bei meiner ersten Spartakiade keine taktischen Anweisungen, keine motivierenden Ansprachen im Vorfeld. Wir fuhren einfach nur schweigend eine lange, hohe Mauer entlang, auf dem Weg zum Wettkampf der Besten.
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Die Sportanlage war grauenhaft. Eine Vierhundert-Meter-Aschelaufbahn, umrahmt von einem hohen zehnstöckigen Neubaublock, der Straße und einer verfallenen Tribüne aus kaskadenförmig angeordneten Betonsockeln. Jenseits dieser Empore gab es eine ungepflegte Rasenfläche, wo sich die Schüler aus den verschiedenen Schulen sammelten. Unsere Schultrikots bestanden aus einer weißen Turnhose und einem ärmellosen gelben Hemd, auf dem das Emblem der „Käthe-Duncker-Oberschule“ aufgenäht war. Ich kenne bis heute kein anderes Sport- oder Fußballteam, das diese grässliche Farbzusammenstellung gewählt hätte. Das einzig Positive für uns Kinder war, dass wir unsere Schulkameraden immer recht schnell im Gewühl wiederfanden und die anderen wussten: „Da kommen die Pfeifen aus der Käthe!”
Die hundert aufgeregt plappernden Kinder ließen meine Anspannung ins Unermessliche steigen. Ich setzte mich nervös auf den Rasen neben meine mich ignorierenden Kameraden aus der A-Klasse. Dann wurden die Teilnehmer des 4×100-Meter-Laufs aufgefordert, Aufstellung zu nehmen. Als ich an meine Position ging, packte mich das Lampenfieber endgültig. Plötzlich brüllte auch Herr Pinka irgendwelche Dinge, die ich hier hinten wegen des lauten Publikums nicht verstand. Meine Konkurrenten und Mitstreiter an der 3. Stelle lachten mir fies ins Gesicht. Zum Glück waren meine Eltern nicht dabei, dachte ich, denn die Situation war ganz und gar nicht mit den Staffelrennen, die wir untereinander in unserer Schulsporthalle veranstalteten, zu vergleichen. Dort war ich ein strahlender Siegertyp und hier, bei meinem ersten richtigen Wettkampf, ein jämmerlicher Waschlappen.

Ich bekam Magenschmerzen; ich hatte jetzt richtig Schiss. Als ich auf meine Startposition ging, wurden daraus richtige Krämpfe. Nur ein mächtiger Pups konnte mich jetzt noch retten. Augenblicklich spürte ich, dass dies keine gute Idee gewesen war. Es sollte nicht bei dem erleichternden Furz bleiben; ich hatte mir zeitgleich mit dem krachenden Startschuss in die Hose gekeckert. Es dauerte etwa dreißig Sekunden, bis Matthias auf Enrico gewechselt hatte, dieser bei mir war und mir schreiend den Stab in die Hand schlug. Irgendwie schaffte ich es, auch mit Kacke in der Hose zu laufen. Nein! Ich war sogar schneller als sonst.
Auf dem vierten Platz hatte ich übernommen und schaffte es tatsächlich auch an dieser Position liegend, an unseren Schlussläufer Thomas zu übergeben. Am Ende wurden wir Fünfte von sechs Staffeln in diesem Vorlauf und schieden wie alle anderen Staffeln unserer Schule aus. Leider hatte auch ich etwas ausgeschieden, was sich deutlich an meiner weißen Turnhose abzeichnete. Voller Scham verkroch ich mich in die letzte Ecke und versuchte die gesamte Zeit, meinen Turnbeutel so zu halten, dass er das Unheil verdeckte. Zum Glück gab es für uns und den wie immer frostig dreinschauenden Herrn Pinka heute keine Urkunden und Medaillen. Mir waren diese auch völlig egal geworden, ich wollte nur noch weg. Trotzdem dauerte es gefühlte Stunden, bis ich es endlich geschafft hatte, mich von unserem Lehrer und meinen Mitläufern zu verabschieden. Ich sagte, dass ich noch einen Onkel in dieser Gegend besuchen müsste und war augenblicklich verschwunden. Natürlich konnte ich mit meinem braunen Streifen, der in meiner Wahrnehmung jetzt auch zu muffeln begann, nicht mehr mit dem Bus fahren.
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Den Tränen nahe, rannte ich einfach drauflos. Bereits nach fünf Minuten merkte ich allerdings, dass ich mich vollkommen verlaufen hatte. Plötzlich stand ich vor dieser riesigen weißen Mauer und wusste nicht, ob ich nach rechts oder links laufen sollte. Ich begann zu heulen, entschied mich für eine Richtung und lief los, immer entlang an dem hohen weißen Ungetüm. Es war „die Mauer“, doch kein Grenzsoldat oder hilfsbereiter Volkspolizist nahm mich, den kleinen, traurigen Jungen, wahr und tröstend in den Arm. Niemand meinte es gut mit mir. Plötzlich erblickte ich den Fernsehturm, und als ich die Jannowitzbrücke erreichte, erkannte ich freudestrahlend den weiteren Weg nach Hause. Ich musste jetzt nur noch rechts in die Straße zum Kino International abbiegen und dann ging es immer geradeaus zur Mollstraße.
Nach einer dreiviertel Stunde war ich endlich angekommen, zog mich in Windeseile aus, schmiss die verschissene Turnhose und meinen Schlüpfer sofort in den Müllschlucker und legte mich in unsere Badewanne. Kein einziger Mensch hatte mein Malheur mitbekommen. Ich war so glücklich, wieder sauber und daheim zu sein und dachte an diese endlose Mauer. Sie war mein Wegweiser gewesen, ohne sie hätte ich mich heillos in dieser riesigen Stadt verlaufen. Sie hatte mir Glück und mich nach Hause gebracht. Ich war so dankbar, dass es sie gegeben hatte. Die Staffel war verloren, doch ich war Mauergewinner!
Jan-Erik Nord Warschauer Str. 85 10243 Berlin www.jan-erik-nord.de Oktober 2009
Das 1,3 Kilometer lange Stück an der East Side Gallery steht noch heute und wäre doch fast abgerissen worden. Ich freue mich über die Restaurierung des denkmalgeschützten Abschnitts in meinem Friedrichshain, denn momentan ist sie weder weiß noch bunt. Autoabgase von Millionen Fahrzeugen, Regen, Frost und Farbanschläge haben die Bilder bis zur Unkenntlichkeit entstellt. An vielen Stellen hackten Touristen große Löcher in die Wände, nur um ein Stück Erinnerung mit in die Heimat zu nehmen.
Wenn ich manchmal am Ostbahnhof in die S-Bahn steige, werde ich von aufgeregten Menschen aus England, Italien oder Spanien gefragt: „Und wo ist die Mauer?“ Mit einem Lächeln deute ich nach links und denke: Vielleicht können sie ihren Kindern einmal erzählen, warum und wieso „die“ da steht und damit vieles mehr von einem Abschnitt bedeutender deutscher Geschichte. Ich jedenfalls kann genau von diesen 1.300 Metern meine eigene berichten.
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Zum Weiterlesen: “Mauergewinner” bei Spiegel Online
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