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Sozialistische Tiere – ein kleiner Ringel in Ostberlin – Kindheit in der DDR

18. Februar 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

Olly Hamster
Oh Mann, bin ich alt geworden. Letztes Wochenende habe ich tatsächlich einen Spaziergang mit meiner Nichte und meinem Neffen & ihren Eltern rund um die Rummelsburger Bucht ich Richtung Treptow gemacht und diesen – durchaus lustigen Ausflug – als “Ringel” bezeichnet. Wie gesagt: alt geworden der Mark, oder einfach nur nostalgisch-senil. Früher war das so:
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Leider gab es in meiner Kindheit noch ein wesentlich schlimmeres Horrorszenario als: „Wir fahren in den Garten!“ Es hieß: „Wir machen einen Ringel!“ Im Prinzip bedeutete so ein „Ringel“, dass sich die komplette Familie Scheppert auf Befehl meiner Mutter fein herausputzen und im Schneckentempo durch den Volkspark Friedrichshain spazieren musste. Wir gingen von unserer Wohnung in der Mollstraße zum Lenindenkmal, vorbei an den Köhlerhütten in Richtung Krankenhaus und dem Sport- und Erholungszentrum (SEZ) immer weiter zum alten Friesenstadion. Dort lag der Wendepunkt und über den Ententeich 2, Bunkerberg und Märchenbrunnen ging es weiter in die Hans-Beimler-Straße ins „Scheppert-Eck“. Manchmal blieben wir noch auf ein Würzfleisch oder einen Toast Hawaii, aber meist gingen Benny und ich schon vorher allein den kurzen Weg zurück nach Hause und legten uns vor die Glotze.
Ein „Ringel“ ging ausschließlich in diesen Park in unserem Bezirk. Die wirklich guten Ausflüge in den Palast der Republik, in den Pionierpark Wuhlheide, zum Müggelsee und vor allem in unseren geliebten Berliner Tierpark wurden nie so betitelt, weder von uns noch von unserer Mutter. Außerdem bestimmten wir, wann es zu den Tieren ging, und das war ziemlich oft. Nicht nur, um diesem drögen Volkspark-Spaziergang vor unserer Haustür zu entgehen.
Irgendwann kannte unsere Familie deshalb jedes einzelne Tier, jeden Weg, den man dort gehen konnte, und jeden einzelnen Neuzugang.
Pate
Die Eisbären, Affen und Elefanten gehörten zu unseren Favoriten, aber wir liebten auch den Fischotter, die Hängebauchschweine und das Okapi. Manchmal fuhren wir sogar ohne unsere Eltern dorthin und Benny musste mir auswendig sagen, welches Tier sich im nächsten Gehege befand, mit Herkunftsland. Die Reihenfolge weiß er sicher noch heute.

Der Tierpark vermittelte uns unbewusst ein Gefühl von Weite. Wir konnten an fernen Ländern und Kontinenten schnuppern, obwohl wir dort niemals hinkämen. Die hiesigen Elefanten und Löwen aus Afrika, die Leoparden, Pinguine und Eulen aus Südamerika und die Affen aus Südostasien verkörperten unser kleines persönliches Ausland. Im Alfred-Brehm-Haus konnten wir beim Brüllen der Raubkatzen und im Tropenhaus unter aufgeregt flatternden Fledermäusen erahnen, wie sich andere Klimazonen anfühlten. Der riesige Park in Berlin Friedrichsfelde stand in unserer Kindheit für grenzenlose Freiheit.
Zu Weihnachten wünschten Benny und ich uns zwei Hamster. Wir schrieben dem Weihnachtsmann und wurden erhört: Unter der wie immer krüppeligen Kiefer, die Vater an Heiligabend in letzter Sekunde ergattert hatte, rannten die beiden durch ihren Käfig. Moritz war nur durch den weißen Bauchreifen von Max zu unterscheiden. Natürlich liebten wir sie abgöttisch, wie sie in dem kleinen Laufrad ihre Kunststücke vollführten und sich an unseren Pullovern festkrallten.
Tierpark7
Doch im Mai 1983 hatten wir ein Problem: Sämtliche Tapeten, Teppiche, Schuhe und fast alles, was sonst noch auf dem Fußboden stand, war angeknabbert.
Vater hatte von Arbeitskollegen gehört, dass Mäuse durch Kabelschächte bis in die oberen Stockwerke der Häuser gelangen konnten. Demzufolge diagnostizierte er in der Mollstraße im 9. Stock: Mäusebefall! Er stellte im Flur eine kleine Falle auf.
Mit einem Stück Käse im Maul und gebrochenem Genick lag unser Moritz am nächsten Morgen in dem Gerät. Durch Mutters Aufschrei wurde mir der traurige Anblick nicht erspart. Benny hatte Glück, ihm wurde von Mutter in einer sehr diplomatischen Art erklärt, dass Moritz gestorben war und Vater ihn in den Müllschlucker geworfen hatte. Er heulte drei Tage neben mir im Rollbett ins Kissen.
In der zweiten Woche unseres Sommerferienlagers im Harz bekam ich von Mutter einen Brief, dass Max verschollen wäre und ich Benny darauf vorbereiten sollte. Unsere Eltern hatten den Überlebenden unserer beiden Hamster mit auf die Datsche genommen und unter dem schattigen Sauerkirschbaum abgestellt. Mutter arbeitete in der Rabatte und Vater saß Bier trinkend auf der Terrasse, als ein großer Hund in unseren Garten gerannt kam, Max schnappte und davonrannte.
Max und Moritz
Auf Höhe des Parkplatzes ließ der Hund unseren Hamster aus seinem Beißgriff. Max lebte noch. Dem Kerlchen war aber so die Angst in die kleinen Knochen gefahren, dass er in einem Höllentempo losrannte und durch den angrenzenden Zaun auf Nimmerwiedersehen verschwand.
Benny weinte diesmal nicht ganz so schlimm, da ich ihm Hoffnung machte, dass wir unseren Liebling nach unserer Rückkehr sicherlich wieder finden würden. Wir durchkämmten tatsächlich bis in den späten September sämtliche Böschungen, Gräben und Hecken. Wütend auf unsere Eltern, wurde aber bald eine berechtigte Forderung laut: Wir brauchten ein neues Haustier!
Wie jedes Jahr fuhr meine Mutter auch in diesem Jahr zur Leipziger Herbstmesse. Auf diesen Moment hatten wir gewartet. Es dauerte keine zwei Tage, bis wir Vater weich geklopft hatten und er mit uns nach der Arbeit in die Zoohandlung in der Bötzowstraße fuhr. Wir gingen ganz unvoreingenommen an die Auswahl der Tierart, jedoch war uns beiden sofort klar, dass es dieses kleine Wollknäuel dort in der Ecke sein sollte: ein Meerschwein. Schon auf dem Nachhauseweg bekam es seinen Namen: Otto! Nicht weil wir einen Onkel Otto hatten und die Schwimmerin Kristin Otto kannten. Benny und ich hatten einen unschlagbaren Lieblingskomiker im Westfernsehen: Otto Waalkes.
Skipistenkids
Kaum waren wir zu Hause angekommen, musste Vater noch dringend ins „Scheppert-Eck“ zum Feierabendbierchen. Danach dauerte es genau fünf Sekunden, bis Otto hinter die Wohnzimmerschrankwand rannte und verschwunden war. Benny fing an zu heulen.
Wir probierten, Otto mit allem Essbaren anzulocken, das wir zur Verfügung hatten, hörten aber keinen Mucks mehr. Als Vater gegen 22 Uhr aus der Kneipe zurückkam, fand er seine beiden Jungs jammernd im Wohnzimmer. Durch diverse Biere und ein paar Korn hatte er gute Laune, sodass er beschloss, noch an diesem Abend den Schrank auseinanderzunehmen. Als gegen Mitternacht die komplette Anbauwand in Einzelteilen im Wohnzimmer lag, konnten wir das verstörte Tier endlich befreien und zurück in seinen Käfig setzen. Den Schrank bauten wir erst einen Tag bevor Mutter von der Messe zurückkam, wieder zusammen.
Silvester Kinder früher
Ohne unsere Mutter versanken wir nämlich zufrieden im Dreck und Chaos. Dafür gab es statt Stullen öfter mal Goldbroiler vom Strausberger Platz zum Abendbrot, lange Fernsehabende und ein neues Familienmitglied: Otto, das Meerschwein. Die ganze Familie, sogar unsere skeptische Mutter, liebte den kleinen Kerl. Wir stritten uns fast, wer den Käfig sauber machen durfte, wer ihn füttern und zum Tierarzt bringen durfte. Otto war eindeutig das passende Haustier für uns.
Diese Zuneigung hielt genau ein Jahr. Inzwischen war er nicht mehr das kleine niedliche Ding, sondern ein riesiges Vieh, das ein Viertel des Käfigs einnahm. Sobald er früh um halb sieben wie verrückt zu quieken begann, warfen wir ihm im Halbschlaf ein paar Möhren, Gras oder Salat in den Käfig, damit das nervige Gefiepe aufhörte. Der Zwinger stank bereits nach kürzester Zeit ohne Putzen fürchterlich nach Meerschwein-Hinterlassenschaften. Otto war zu einer Last geworden!
Da mich der stechende Geruch nervte, hatte ich an einem heißen Sommertag eine gute Idee. Ich setzte Otto ins Zimmer, nahm den mit feuchten Sägespänen und Kackwürstchen gefüllten Käfig und schüttete den Inhalt einfach aus dem Fenster des 9. Stocks. Das war schnell und praktisch. Fünf Minuten später klingelte es an der Wohnungstür. Als ich aufmachte, schnappte mich Herr Römer aus dem 8. Stock und zog mich am Ohr in seine Wohnung. Ich bekam einen uralten Staubsauger in die Hand gedrückt und musste das Schlafzimmer des Ehepaars Römer reinigen. Tausende von vollgepissten Sägespänen verzierten den Teppich. Als wäre diese Demütigung nicht schon genug, erzählte er am Abend auch noch alles meiner Mutter. Ich stand dabei und war froh, dass Vater im „Scheppert-Eck“ abgetaucht war. Am nächsten Morgen steckte er Otto jedoch unvermittelt in einen Schuh-Karton und brachte ihn wutentbrannt zurück in die Zoohandlung. Mist, Mutter hatte es ihm also doch erzählt.
Otto sw
Ein kleiner Junge zerschlug am nächsten Tag mit einem Hammer sein Sparschwein und lief hoffnungsfroh in die Bötzowstraße. Mit Tränen in den Augen suchte Benny verzweifelt nach seinem Otto. Das kleine, liebenswerte, wuschelige Tier war aber vor genau zwanzig Minuten verkauft worden. An wen, wusste der Verkäufer natürlich nicht zu sagen, und alle Versuche, dem Käufer doch noch irgendwie auf die Spur zu kommen, blieben vergeblich. Es sollte das letzte unserer Haustiere gewesen sein.
Als Ausgleich für sein Leid spielte ich mit Benny „Wand, Bild oder Schrift“, wenn wir mit der U-Bahn von der Schillingstraße zum Tierpark fuhren. Hierbei mussten wir tippen, was vor dem Ausschnitt unseres Fensters zum Vorschein kommen würde, sobald der Zug hielt. „Wand“ war die kahle Kachelwand der U-Bahnhöfe, „Schrift“ waren die Namensschilder der Bahnhöfe wie „Frankfurter Tor“, und die leeren weißen Werbetafeln ergaben „Bild“, auch wenn rein gar nichts darauf zu sehen war. Es war ein Spiel vor allem für den Jüngeren, da er sehr gute Chancen hatte, mich auch mal zu schlagen. Glücklich betraten wir jedes Mal den Park der sozialistischen Tiere.

Hier geht es zum Mauergewinner-Buch inklusive dieser Geschichte, die dort noch fortführt wird. Anbei noch ein Video von der nachfolgenden Generation aus unserem geliebten Tierpark in Berlin.


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