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Trabi no go! – Kindheit in der DDR

18. September 2017 | von | Kategorie: Blog, Mauergewinner Leseproben

Als wir 1981 unseren ersten Trabant geliefert bekamen, hing ich mit meinem Bruder Benny zwei Stunden am Fenster. Vorher hatten wir zehn Jahre auf unser erstes Auto gewartet, aber diese beiden letzten Stunden, in denen wir unseren Vater herbeisehnten, der mit dem neuen Auto um die Ecke bog, waren die schlimmsten. Als die komplette Familie dann auf dem großen Parkplatz vor unserem Neubaublock stand, konnten wir Kinder gar nicht fassen, dass wir von nun an mit diesem tollen Auto in den Garten, in den Urlaub und zum Tierpark fahren würden.

DDR_Museum icke

Liebevoll und anerkennend strichen wir über den Lack. Vater lud uns sofort auf eine Probefahrt ein und erzählte mit trockener Stimme meiner Mutter von der Übergabe im IFA-Autohaus in der Rummelsburger Straße: Nachdem er dem Mann mit dem Autoschlüssel die 12.000 Mark in bar in die Hand gedrückt hatte, wurde er schweigend zu seinem neuen Auto geführt. Ringsum auf dem großen Hof standen die schicken Wartburgs und Ladas, die hier auch ausgeliefert wurden.

Schnell wurde das neue Auto mit dem Kennzeichen I-FY-6-38 nur noch “Iffy” gerufen. Unser Vater erklärte uns zahllose Male, dass wir echt Schwein gehabt hätten, da er das Modell Trabant 601 S bekommen hatte. Was genau am Auto jetzt die Bezeichnung “S” für Sonderwunsch rechtfertigte, konnten wir zwar nicht identifizieren, wahrscheinlich stand es dafür, dass das Ding nicht schon nach einem Jahr komplett auseinander fiel. Das Sachsenring-Werk in Zwickau hatte uns ein Pappauto in Champagnerbeige gefertigt – ziemlich vornehm hörte sich das an. Da es in unserer Kaufhalle nur eine Sektsorte gab, stellte ich mir den unbekannten, edlen Champagner jahrelang in der Farbe dieser Autolackierung vor – also dunkelgelb.

Drei Trabis klein

Die erste Übungsfahrt endete im Gartenzaun

Nach vier Tagen stolzen Besitzes fuhren wir mit unserem neuen Trabi zum ersten Mal in unsere Datsche nach Karow. Dort redete ich so lange auf meinen Vater ein, bis er es zuließ, dass ich unter Anleitung auch einmal fahren durfte. Hätten wir gewusst, dass ich später zweimal bei der praktischen Führerscheinprüfung durchfallen würde, Vater hätte sicherlich anders entschieden. So aber nahm er mich auf dem Fahrersitz auf seinen Schoß und wir fuhren wie zwei Bobfahrer los. Ich lenkte und bremste, er bediente das Gas und die Hebel-Gangschaltung.

Straßen gab es in der Kleingartenanlage nicht; die einzelnen Gärten waren nur durch schmale Feldwege verbunden. Schon in der ersten, ernst zu nehmenden Kurve gab es Probleme. Irgendwie stimmte die Koordination zwischen uns beiden nicht, denn ich lenkte zu früh ein und Vater gab entschieden zu viel Gas. Wir durchbrachen mit einem Knall den Zaun der Familie Billreimer, und meine erste Autofahrt endete auf deren exakt gestutzten grünen Rasen. Ich heulte, Vater schimpfte, Mutter schrie aus der Ferne und mein Bruder grinste über den zerborstenen Zaun.

Mauer Knutschen

Nachdem mein Vater den Trabi irgendwie zurück bugsiert hatte, musste er sofort mit Herrn Billreimer mehrere Biere und Versöhnungsschnäpse trinken. Bald kamen weitere Gartennachbarn, um ihren Diskussions- und Bierbeitrag zu geben. Es entwickelte sich ein großes fröhliches Fest zu Ehren unseres Trabi-Crashs.

Hitzekollaps auf der Rückbank

Am nächsten Morgen waren einige Dinge klar: Alle Erwachsenen hatten einen mörderischen Kater, der Zaun musste auf drei Metern von uns neu gemacht werden und ich bekam ein langes Fahrverbot. Obwohl das champagnerbeige Pappvehikel der S-Klasse bis auf ein paar Schrammen und eine kleine Delle an der Stoßstange nichts weiter abbekommen hatte, lenkte ich die restliche Zeit der real existierenden DDR kein Auto mehr.

Vor der Mauer

Dafür fuhren wir mit der Familie oft genug mit Iffy. Zum Beispiel in den Urlaub nach Ungarn, woran ich mich heute noch erinnere, als sei es gerade gestern gewesen. Denn bevor wir losfuhren, hatten wir früh um 5 Uhr auf unserem Parkplatz “die Brille auf”, wie mein Vater zu sagen pflegte. Er meinte damit: Jetzt haben wir ein Problem! Wir standen vor dem Trabi und sahen, dass kein einziges weiteres Gepäckstück in den kleinen Flitzer passen würde. Im Kofferraum war jeder Zentimeter ausgefüllt und auch auf der Rückbank und Ablage stapelten sich schon mehrere Taschen. Mein Vater war ein 110-Kilo-Mann, meine Mutter auch eher rundlich, und als sich dann auch noch ihre dicken Kinder dort hinten hineinquetschten, wog die Kiste sicher doppelt so viel wie bei Werksauslieferung in der Rummelsburger Straße.

Als wir uns schließlich doch noch irgendwie auf den Weg in Richtung CSSR machten, ahnten wir noch nicht, dass dies der heißeste Tag des Jahres werden sollte. Zwischen Prag und Brno standen wir im längsten Stau unseres bisherigen Lebens. Da man beim Trabi hinten die Fenster nicht herunterkurbeln kann, bekamen wir bei fast 40 Grad kaum Luft und gierten nach dem von Mutter gemachten, längst lauwarm gewordenen Eistee. Wir träumten von Ungarn und malten uns eine eiskalte Coca-Cola an den Ufern der Donau aus, dachten an Budapest mit Hot-Dog-Ständen, an denen Würste in champagnerbeigen Senf gebettet werden.

Plötzlich blinkte die Warnleuchte

Vor der Mauer 2

Doch kurz vor der magischen Grenze begann plötzlich eine der wenigen Leuchten im Trabi zu blinken. Vater fuhr sofort hektisch auf einen Rastplatz. Wir kamen an die frische Luft und ich lernte wieder einmal dazu. Statt die Kühlerhaube zu öffnen oder nach dem Wartungshandbuch zu suchen, stieg er aus und ging sofort zu einer Gruppe quatschender Männer. Nur kurze Zeit später standen zwei bedeutungsschwer diskutierende Kerle um unser Auto, schauten auf die Anzeigen und unter die Motorhaube. Mein Vater lehnte zuhörend an der Fahrertür und spornte die Jungs freundlich an, den Fehler zu finden. Ich weiß heute nicht mehr, was Iffys Problem gewesen war, nur, dass die hilfsbereiten Menschen namens Ede und Michael, obwohl sie es zunächst ablehnten, jeder zehn Mark bekamen und wir weiterfahren konnten.

Im Frühjahr 1989 verkauften meine Eltern unser geliebtes Gefährt, um den neuen vollkommen gesichtslosen, papyrusweißen Trabi bezahlen zu können. Der junge Lkw-Schlosser Kai aus Friedrichsfelde hatte sicher einige Monate später nach dem Mauerfall “die Brille auf”, als er feststellte, dass unser Trabi total durchgerostet war, einige Stellen mit Beton gekittet waren und vor allem, dass er meinem Vater schlappe 11.000 Mark für dieses Wrack in die Hand gedrückt hatte.

Trabi Mauerloch

Bereits 1991 fuhr mein Vater einen weißen, gebrauchten VW-Polo. Der Trabant war verschwunden, doch die Erinnerungen blieben. Er hatte uns nicht nur nach Budapest gebracht. In der CSSR luden wir ihn mit Glitschi-Tieren voll. Diese Nachbildungen aus Gummi fanden wir genial und sogar Vater lächelte, wenn wir die Gummi-Schlange während der Fahrt von hinten über Mutters Hals legten und sie wie am Spieß schrie. Im selben Urlaub rasten wir in Zelesny Brod mit ihr zum dortigen Zahnarzt, da sie einen Zahn verloren hatte und nun aussah wie die Hexe Babajaga aus den russischen Filmen.

In Prag mussten wir eine hohe Strafe bezahlen, da wir genau vor dem Hradschin auf den Parkplätzen der tschechoslowakischen Staatsregierung geparkt hatten. Bis meine Eltern Reisetabletten entdeckten, erbrach ich bei jeder Fahrt in den Wagen. Es stank jedes Mal extrem nach Kinderkotze. Der kleine Trabi hatte körbeweise Maronen und Steinpilze aus brandenburgischen Wäldern, unseren ersten Farbfernseher, den großen Kühlschrank und die schwere Waschmaschine transportiert. Ohne größere Pannen oder Unfälle war er unser Steuermann durch eine bald endende DDR gewesen.

Vor der Mauer

Vor kurzem holte mich Göte, einer meiner besten Freunde und ebenso ehemaliger armer Ostschlucker, mit einem dunkelblauen Porsche-Cabrio vor meiner Wohnung in Friedrichshain ab. Ich zeigte dem Angeber einen Vogel, doch schon nach den ersten rasanten Metern auf der Karl-Marx-Allee brüllte ich in den nächtlichen Abendhimmel: “Iffy, wo immer du jetzt bist, du fehlst mir überhaupt nicht. Aber falls du in einer vollkommen anderen Karosserie wiedergeboren werden solltest, mit gemütlichen Sitzen, Klimaautomatik, elektrischen Fensterhebern und diesem Motor, komm vorbei und wir fahren zusammen nach Budapest, Prag oder Zelesny Brod. Ich kotze dich dann auch nicht voll. Versprochen.”

Vorm Bus

Das Video:

Trabi-Rallye 2010

…und hier die Story bei Spiegel Online

Bestellen kann man “Mauergewinner” zum Beispiel bei amazon.de
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Ziemlich anzüglich – Jugend in der DDR

18. August 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Berlin Leninplatz, Blog

Nach dem Abschluss der 10. Klasse will ich an die Ostsee fahren. Didi hat dort mit seinen Eltern einen Dauercampingplatz in Prerow und seine Alten sind gerade nicht da. Mittlerweile gehört es zu den Gepflogenheiten, überallhin zu trampen und so stehe ich am Freitagabend – es dämmert bereits – in Pankow-Heinersdorf an der Autobahn-Auffahrt und halte den Daumen in die Höhe.

Beim Trampen trifft man gelegentlich auf zwielichtige Gestalten, aber diesmal habe ich Glück, denn es hält ein weißer Trabi mit zwei jungen Frauen. „Wo willst du denn hin Jungchen?“, fragt mich die eine gut gelaunt und als ich mein Ziel nenne, ruft die Beifahrerin vergnügt: „Bis Rostock nehmen wir dich mit!“ Sie steigt aus, klappt den Sitz nach vorn und drückt mich mit den Händen am Po auf die Rückbank, wo ich mich zwischen unzähligen Weiberklamotten wiederfinde. Über die ruckelige Fahrt kann ich nichts Spannendes berichten, da sich die Mädchen zwar köstlich amüsieren, mich dabei aber gänzlich ignorieren. Egal, ich komme der Ostsee immer näher und mit den Worten: „Na dann viel Glück, Lütter“, lassen sie mich in Bentwisch, an der Landstraße heraus.

Nun heißt es bangen, denn es ist mittlerweile stockdunkel und wird immer frischer. Genervt mache ich mir ein Rucksack-Bier auf und warte. Und warte. Und laufe auf und ab und mache Kniebeugen, Liegestütze und ziehe meine lange Hose und meinen Pulli an – und warte. Gegen Mitternacht, niemand will mich bei stark abnehmendem Verkehr mitnehmen, entdecke an der Straße eine Bushaltestelle. Auf der Bank kann ich mich zumindest ein wenig lang machen und zur Not auch bis zum nächsten Morgen in der Tiefenschwärze der Nacht ausharren. Wie eine Fata Morgana taucht plötzlich ein papyrusweißer Trabi mit zwei albernden Frauen in der Fahrgastzelle auf – und hält!

„Mensch, Jungchen, bist ja immer noch da. Willst du nicht bei uns pennen?“, ruft mir die eine aus der heruntergekurbelten Scheibe zu. Die Szene hat Bums. „Wie’n jetzt?“, frage ich irritiert und finde mich fünf Minuten später im Wohnzimmer eines wohlig-warmen Hauses wieder. Antje und Jasmin studieren in Berlin. Soeben sind sie von einer Party in Rostock ins sturmfreie Haus von Jasmins Eltern zurückgekehrt. Beide sind schon etwas hinüber, mixen sich aber sogleich eine Grüne Wiese mit Curacao und kubanischen Apfelsinen Marke „Berlin Import“. Ich bleibe bei Deutschem Pilsner und entspanne mich allmählich, denn weder Antje noch Jasmin sind so anmutig, wie die noch immer in meinen Träumen vorkommenden Schatzkästchen-Mädchen Annika und Jaqueline, deren vollkommenen Brüste und Spreewald-feuchte Scham ich in so manchem Traum schon gestreichelt habe.
Es sind ganz gewöhnliche Mädels, mit denen man nicht groß angeben kann und vor denen man keine Angst haben braucht, auch wenn sie drei, vier Jahre älter sind.
Ich unterschätze sie und genau das macht sie so gefährlich! Lüstern schlecken sie an den grünen Schalen der Orangen und bewerfen sich gegenseitig damit. Ein Hauch von Erotik wabert durchs Wohnzimmer. Dann holen sie Kaffee-Likör aus der elterlichen Bar und gießen auch mir eine tiefe Tasse ein.

Jasmin geht aufs Klo. Sogleich schmiegt sich Antje an mich und plötzlich spüre ich ihre Bereitschaft zur Hingabe – und eine Hand am Reißverschluss meiner Hose. Von Ost-Südfrüchten verklebte Finger berühren mein immer größer werdendes unschuldiges Glied. ‚Heute werde ich das durchziehen’, denke ich tapfer.

Als Jasmin zurückkehrt, verschwindet Antje hektisch im Bad. Sie ist weniger kuschelig und starrt auf meine ausgebeulte Jeans. „Biste eigentlich noch Jungfrau, Jungchen?“, fragt sie kühl. „Wieso, willste ficken?“, pariere ich. Mein Kopf nimmt die Farbe von Kirchen und Erdbeeren an, wenngleich hier nur Apfelsinen herumliegen. Aber Begierde macht wahrscheinlich auch meine Birne orange. „Na du bist ja vielleicht ‘ne versauter Type?“, murmelt sie und verlässt den Raum. Wenig später wirft sie mir eine Decke auf die Couch und verschwindet dann wortlos.
Bei Jasmin war ich wohl etwas zu unanständig gewesen, aber dass sie Antje gleich davon erzählen musste, während meine Erektion fast schon schmerzte, schmerzt. Mit glühendem Schädel werfe ich mich aufs Bett und möchte in aller Ruhe weinen.

Es brennt noch eine Kerze und plötzlich erscheint die Silhouette einer Frau mit vollen Brüsten auf der gegenüberliegenden Wand. Zu viel Bier, zu viel KaLi, zu viel Stress, denn ich spürt zwei warme Hände auf meinem Rücken. Als ich mich umdrehte, steht ein äußerst begehrenswertes Mädchen splitterfasernackt vor mir. Jasmin legt mir einen Finger auf die Lippen, nimmt meine Hand und führt mich auf leisen Sohlen ins Ehebett ihrer Eltern.

Ich verzichte nach dieser Nacht darauf, nach Prerow weiter zu reisen. Denn als mich Jasmin am nächsten Morgen „Markiboy“ nennt und mich ins Bad unter die heiße Dusche zieht, wo ich nicht mehr die blaue Badehose aus alten Tagen tragen muss, weiß ich: ich bin gekommen, um zu bleiben.

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Zum Weiterlesen: Berlin Leninplatz
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Ungarn-Urlaub in der DDR 1986 zur Jugendweihe

30. Juli 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

Hungarn wirAn meinem 15. Geburtstag gehen wir in den Palast der Republik, wo wir an einem Tisch im Palastrestaurant platziert werden. Während sich Benny nach stundenlangem Studiums der Karte dann doch nicht für das „Braumeister-Steak“, sondern wie üblich fürs „Steak-au-four“ entscheidet, trinke ich mit Vater bereits meine zweite Tulpe Wernesgrüner. Seit der Jugendweihe bestellt er immer Bier für mich mit. Ein Statement – das muss man ihm lassen. Mutter hat sich für Rosenthaler Kadarka und Gulasch entschieden, was sie komischerweise daran erinnert, als junge Frau – also vor sehr vielen Jahren – mal in Ungarn gewesen zu sein. Doch mein Alter unterbricht ihre Schwelgerei und ruft mir zu: „Da wolltest du doch auch schon immer mal hin, oder?“
Blöde Frage: Ungarn hat im Gegensatz zu allen anderen Bruderstaaten eine magische Anziehungskraft, denn dort kann man die Dinge aus dem Werbefernsehen nicht nur sehen und anfassen, sondern auch kaufen. Levis-Jeans, Camel-Zigaretten, Nike-Turnschuhe, Walkman, Ghettoblaster, Schallplatten, Bravo-Zeitschriften, Glitzersteine und Sticker – einfach alles, was das Herz begehrt. „Logo“, antworte ich gelangweilt, da ich ihm schon oft erklärt hatte, dass ich es nicht gerade witzig finde, mit 15 Jahren erst in drei Ländern gewesen zu sein: in der DDR, in der CSSR und in Polen nur, weil Benny und ich unerlaubt zwanzig Meter über die Grenze auf der Schneekoppe geflitzt waren.
„Okay, nächste Woche geht‘s los. Wir fahren für ein paar Tage nach Budapest“. Der Satz trifft es mich wie ein Schlag in die Magengrube und Benny verschluckt sich an der Club Cola. „Echt jetzt?“, brüllen wir im Chor – doch an Mutters seligem Grinsen hinter der Gabel voller Szegeginer Gulasch erkenne ich: Das ist kein Scherz. „Köszönöm heißt Danke“, murmelt sie und meint damit wohl, dass ich mich nun artig zu bedanken hätte. „Kriegen wir noch einen Pittiplatsch- oder einen Bummi-Eisbecher? Köszönom!“, antwortet mein Bruderherz spontan. Alle lachen.
Ich bin extrem begeistert, auch weil Vater über Beziehungen reichlich Berechtigungsscheine zum Umtausch von Mark in Forint besorgt, denn insgesamt dürfen eigentlich nur 2.650 Forint (knapp 440 Mark) pro Person im Jahr gewechselt werden. Endlich kann ich mein nutzlos herumliegendes Jugendweihe-Geld sinnvoll verbraten. Und obwohl auch Mutter durch diese Zettel der Staatsbank der DDR abgesichert ist, schmiert sie am Tag vor der Abreise einen monströsen Stullenberg.

Früh um 5 Uhr haben wir auf dem Parkplatz allerdings „die Brille auf“, wie mein Alter zu sagen pflegt, wenn es ein Problem gibt. Wir stehen vor dem Trabi und sehen, dass kein einziges Gepäckstück mehr in den kleinen Flitzer passt. Im Kofferraum ist jeder Zentimeter ausgefüllt (wobei ich auf die Kiste Bier verzichtet hätte) und auch auf der Rückbank und der Ablage stapeln sich schon Taschen und Beutel. Mutter schleppt vier dicke Pullover und unsere Anoraks wieder nach oben, obwohl sie da noch nicht wissen kann, dass heute der heißeste Tag des Jahres werden wird.
Vater hat gerade ein Kampfgewicht von 110 Kilo und auch seine Frau ist ja eher rundlich. Als sich dann auch noch ihre beiden dicken Kinder hinten hineinquetschen, wiegt das Auto sicher doppelt so viel wie bei Werksauslieferung in der Rummelsburger Straße.
An der Grenze zur CSSR stehen wir im längsten Stau unseres bisherigen Lebens. Da man beim Trabi die Fenster hinten nicht herunterkurbeln kann, bekommen wir bei fast 40 Grad kaum Luft und gieren nach dem von Mutter gemachten, längst lauwarm gewordenen, Eistee. Wir träumen von Ungarn und malen uns eine eiskalte Coca Cola an den Ufern der Donau aus, denken an Budapest mit Hotdog-Ständen an denen Würste in champagnerbeigen Senf gebettet werden. Doch dazu wird es heute nicht mehr kommen. Nach zehn Stunden Fahrt im Backofen hat Vater die Nase voll und verlässt in Brno die Autobahn. Er kennt sich hier durch diverse Radrennen ganz gut aus und steuert zielsicher eine Plattenbausiedlung an. Dort wohnt ein tschechischer Trainerkollege, der natürlich noch nicht daheim ist. Wie peinlich: fast zwei Stunden sitzen wir wie Asoziale im stockdunklen Treppenhaus, essen mitgebrachte Hackepeter- und Specksstullen und warten auf diesen Herrn Svoboda.
Vielleicht war es ja doch ein geplanter Zwischenstopp, denn der Typ freut sich, dass wir bei ihm pennen und verschwindet, nachdem man uns vor den Fernseher verfrachtet hat, sofort mit meinen Eltern ins benachbarte Hochhausrestaurant. Das ist okay, denn neben den zwei tschechischen Sendern, ARD und ZDF haben die hier auch zwei österreichische Programme und eines aus Bayern. So eine Vielfalt – und dann noch in Farbe – haben wir noch nie erlebt. Wir bleiben bis Sendeschluss gebannt vor der Kiste sitzen, was ungefähr mit der nächtlichen Kneipenschließung einhergeht.
Vater
Am nächsten Tag geht es mit leicht verkaterten Eltern und Kindern mit viereckigen Augen bei brüllender Hitze weiter in Richtung Ungarn. Doch kurz vor der magischen Grenze beginnt plötzlich eine der wenigen elektronischen Leuchten im Trabi zu blinken. Vater fährt hektisch auf einen Rastplatz. Wir kommen an die frische Luft und ich lerne wieder einmal etwas dazu. Statt die Motorhaube zu öffnen oder nach dem Wartungshandbuch zu suchen, steigt er aus und geht sofort zu einer Gruppe quatschender Männer. Kurze Zeit später stehen zwei bedeutungsschwer diskutierende Kerle um unser Auto. Mein Vater lehnt derweil mit den Händen in den Hüften, an der Fahrertür und spornt die Jungs freundlich an, den Fehler zu finden. Ich weiß nicht, was das Problem war, nur, dass die hilfsbereiten Menschen namens Ede und Michel jeder zehn Mark bekommen und wir weiterfahren können. Ich muss zurück in den Backofen und ahne nun, wie man ein Auto repariert, wenn man Scheppert heißt.
Leider fahren wir aus Kostengründen noch einmal an eine Tankstelle und müssen dort und später an der Grenze zu meinem Land Nummer 4 wieder ewig warten. Doch nach dem letzten Schlagbaum erfasst mich ein Gefühl der grenzenlosen Freiheit, welches ich mir für immer im Leben bewahren möchte. In Ungarn weht ein laues Lüftchen und auf gut geteerten Straßen erreichen wir endlich die sagenumwobene Stadt an der blauen Donau.
Das Quartier bei Privatleuten hatte Mutter organisiert und nun wird es lustig: Sie meint sich nach gut zwanzig Jahren noch an die Straßenverläufe erinnern zu können, was leider nicht stimmt, da sie Vater von einer Einbahnstraße in die nächste Sackgasse lotst. Der ist in solchen Situationen nicht sonderlich entspannt, zumal er stark unterhopft wirkt und das erste ungarische Bier herbeisehnt. Während sich die Alten vorne anschreien, pieke ich mein Brüderchen in den Bauch und liefere mir ein Wortgefecht: „Du stinkst ja wie die Pest“ „Und du wie Buda“. Wir machen uns darüber lustig, dass unsere Alten nicht einmal wissen, in welchen Teil der Stadt wir überhaupt müssen. Irgendwann hat Vater die Schnauze voll, hält mitten auf einer viel befahrenen Kreuzung und fragt einen Verkehrspolizisten nach dem Weg. Es werden fünf weitere Befragungen von Passanten folgen bis wir am Ziel der Reise sind. Das Klima im vorderen Teil des Trabis ist mittlerweile – trotz 34 Grad – frostig.
Das Haus ist ganz alt, mit verschnörkelten Wänden und hohen, stuckverzierten Decken. Wir Kinder aus dem Neubau-Block wissen das natürlich nicht zu würdigen. Auch nicht, dass die Gastwirte extra für uns das Schlaf- und Jugendzimmer geräumt haben und nun drei Nächte auf der Wohnzimmercouch campieren. Benny ärgert das, weil dort der Fernseher steht. Doch der sendet nur in Schwarz-Weiß und ich möchte sofort hinunter in die farbefrohe West-Welt. Bis wir endlich aufbrechen, trinkt Vater „Schluckspecht“ mit dem Opa zwei Pálinka-Schnäpse, während die ältere Dame fünfmal mit der Hand durch meine Haare fährt und in gebrochenem Deutsch murmelt: „Was für ein schönes Kind. Wie mein Attila.“ 15jähjrige Jugendliche können das besonders gut leiden. Vor der Tür erklärt mir Mutter, dass deren einziger Sohn 1956 mit 18 Jahren gestorben sei und ich ihm wohl sehr ähnlich sehe. Trotzdem kein Grund mich so zu betätscheln. Schmuseäffchen Benny wird von mir ab sofort dafür eingeteilt; auch wenn er kein so schönes Kind ist, was ich ihm sofort mitteilen muss. Mutter verpasst mir ein Backpfeife und brüllt: „Natürlich! Benny ist noch viel hübscher“. Benny juchzt, ich grinse und Vater zwinkert mit verschwörerisch zu.
Icke Bad Boy
Schwein gehabt, wir wohnen in „Buda“ und gar nicht mal weit entfernt von der Donau. Doch für den riesigen Fluss und die ihn überspannenden Brücken haben wir keinen Sinn, da uns ausschließlich die knallbunten Auslagen der Geschäfte interessieren. Direkt neben unserem Haus gibt es einen Laden mit kuhlen Adidas, Nike- und Reebok-Klamotten. „Komm mal. Sowas haste noch nicht gesehen“, zerren wir an Vater. Doch der will ein Frischbier und vertröstet uns auf morgen. Unter dem Bogen einer für Mutter berühmten Kettenbrücke, wobei sie in den nächsten Tagen alles „berühmt“ oder „weltberühmt“ betitelt – entdecken wir einen Imbisstand. Vater spendiert uns zwei eiskalte Coca Cola und „Paros virsli mustar a szemle“, oder so ähnlich, denn aus Ungarisch werden wir – trotz Russischunterrichts – nicht schlau. Der Hotdog ist trotzdem – wie der erste Eindruck von dieser Stadt – zum Weinen fantastisch!
Außerdem kostet die Cola umgerechnet nur 10 Forint und die Wurst im Brotlaib 20. Das ist ja alles bezahlbar, wobei wir fürs Abendbrot trotzdem zurück in die Bude geschliffen werden. Dort ist Vaters mitgebrachtes Gastgeschenk (Berliner Pilsner) nun kalt und auch die Teewurst-Schrippen haben sich im Kühlschrank ein wenig erholt. Es sind die letzten dieser Tour. Für Morgen wird uns echtes ungarisches Gulasch im Restaurant versprochen.
Am Abend machen wir noch einen kleinen Ringel. Die komplette Stadt scheint zu leuchten. Die Uferpromenade, die Brücken, die Ausflugsdampfer, die Werbetafeln auf den Häuserzeilen, die Reklamen der Geschäfte, die Taxis, die Busse, die Metroeingänge – einfach alles. Im RIAS habe ich Moderatoren schon öfter mal vom grauen, finsteren Ostberlin reden hören. Heute habe ich erstmals eine Vorstellung davon, was sie damit gemeint haben könnten. Budapest fetzt! Urst! Ein!
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Am Morgen gibt es dennoch Stress. Obwohl wir uns in der perfekten Konsumgesellschaft befinden, in der man einfach alles kaufen kann, gibt es zum Frühstück nur Brötchen mit Marmelade oder Honig und danach will Mutter auch noch auf Sehenswürdigkeits-Tour gehen, wohingegen wir natürlich die Kauftempel der Stadt plündern wollen. Wir einigen uns auf einen Kompromiss: Benny und ich haben bis Mittag Ausgang. Wir treffen uns erst um 13 Uhr an dieser Würstchenbude wieder. Zunächst denke ich, die Alten wollen uns verarschen, doch die Gastwirtin streichelt Benny über die Omme und versichert dabei, dass die Geschäfte hier wirklich alle auch am Sonnabend geöffnet haben.

Aufgrund der Kürze der Zeit, aber auch weil mein Forint-Vorrat keinen Kleiderschrank füllt, muss ich in den Boutiquen meine Kaufhallentaktik anwenden. Es wird immer ein – durchaus hochwertiges – Stück gekauft und eines geklaut. Benny bekommt von alledem nichts mit und ist mit seinem naiv-drolligen Gesichtsausdruck vielleicht sogar ein ganz gutes Alibi. Eine dunkelgraue Levis, ein weißer Nike-Pullover, blau-weiße Converse-Schuhe und ein schwarz-rotes „Bad Boys“-Shirt landen so in meinen Einkaufstüten, wobei ich nur für die Hose und die Treter bezahlen muss. Benny erwirbt Sticker von „Franky Goes To Hollywood“, „Kim Wilde“ und „Sandra“ und ich spendiere ihm, da der Spasti kaum Geld dabei hat, ein günstiges Nicki mit einer Werbung von „Honda“. Noch nie haben wir so viele Sachen gesehen, die wir brauchten. Im Plattenladen greife ich dann nochmals tief in die Tasche und hole mir die „Black Celebration“ von „Depeche Mode“ und „Standing on a Beach“ von „The Cure“. Obwohl ich fast alle Songs auf Kassette habe, kann ich damit zu Hause richtig einfetzen. Goldstaub ist gar kein Ausdruck. Die Scheiben kosten zusammen 500 Forint (83 Mark), allerdings könnte ich sie im Plänterwald sicher für das Fünffache verkaufen – was natürlich nie und nimmer geschehen wird. Benny hilft mir beim Tragen und vollbepackt wie zwei DDR-Esel erreichen wir den Imbiss von gestern Abend.
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Vater nippt genüsslich am Fassbier und Mutter schlägt sich die Hände vor den Mund als sie uns kommen sieht. „Ihr habt ja halb Budapest leergekauft“, ruft sie, wobei auch vor ihr zwei Einkaufstaschen voller Westklamotten auf dem Boden stehen. Ich habe meine rot-schwarz längsgestreifte „Lee“ an, die mir Oma mal mitgebracht hatte. Die Röhrenjeans fühlt sich heute wie eine Spendierhose an, vor allem, weil ich sie nun auch mal mit der „Levis“ wechseln kann. Ich gehe an den Kiosk und bestelle vier dieser „Paros Wüschtli Mustafa“. Den Preis zeichnet mir der Verkäufer auf: 160 Forint. Eine Matheschwäche habe ich nicht. „Nee Genosse Towarisch, 80!“ Ich lasse mir den Kuli geben, um es aufzuschreiben, denn gestern hatte ja eine nur 20 gekostet. Doch er beharrt auf dem Wucherpreis, bis ich meinen Vater heranwinke. „Mark, mein Bier hat auch schon das Doppelte gekostet. Morgen ist hier Formel-1-Rennen.“ „Was hat denn das mit den Hotdogs zu tun?“, frage ich entsetzt. „Junge, schon mal was von freier Marktwirtschaft gehört?“, mischt sich eine Frau neben mir plötzlich ein. „Was will die Olle denn jetzt?“, flüstere ich meinem Vater zu, der gerade die noch fehlenden Forint hinter die Theke schiebt. Die Frau wedelt mit einem 10 DM-Schein.
‚Der Kapitalismus ist eine Gesellschaft der Ausbeutung‘, kommen mir die ständig gebrüllten Worte unserer Staatsbürgerkunde-Lehrerin Frisch in den Sinn. „Wegen eines beschissenen Autorennens verdoppelt Watzlav hier gleich mal die Preise“, schimpfe ich. Doch Vater, der sich noch ein zweites überteuertes Bier geleistet hat, antwortet, als könne er Gedanken lesen: „Nur der Kommunismus kann die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen beseitigen, Prost!“ Darüber kann auch ich dann wieder ablachen.
Im ehemaligen „Attila-Zimmer“ breiten wir stolz unsere Einkäufe auf dem Bett aus. Die Wirtin kriegt sich fast nicht mehr ein und ich staune, dass Benny einen Beutel voller Glitzersteine hat mitgehen lassen. Er grinst mich verstohlen an, während ich bereits überlege, mir damit „DEMO“ auf die Jacke zu pinnen. Eigentlich brauche ich jetzt nur noch Kleinkram, wie Kassetten, Camel und eine Bravo, die es hier an jeder zweiten Ecke zu kaufen gibt.
Nach einem Stadtbummel laden uns die Eltern – wie versprochen – in ein uriges Lokal in der Altstadt ein. Im Land des „Gulasch-Kommunismus“ werden wir am Einlass gefragt: „Deutsch oder DDR?“, und dann vom Objektleiter in die hinterste Ecke des Ladens verfrachtet. Die Stadt ist wegen des ersten Formel-1-Rennens am Hungaro-Ring voll von Deutschen, die jedoch von den Ungarn in zwei Kategorien eingeteilt werden. Reisen bildet!
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Zum Frühstück gibt es diesmal zwar U-SA (Ungarische Salami) aber ansonsten scheinen wir nun wirklich DDR-Betteltouristen zu sein, die trotz Metro alles ablaufen und die das noble Hilton Hotel nur von außen bestaunen dürfen. Danach erklimmen wir den Gellertberg und dessen Zitadelle, nur wegen der „fantastischen Aussicht“ bis wir endlich das „weltberühmte“ Gellert-Bad erreichen. Mutter die Sonntagsroute zu überlassen, war keine gute Idee.
Vor dem Eingang stehen hunderte mumienartige Frauen in der prallen Sonne an, um ihre verschrumpelten alten Körper in Heilwasser zu tunken. Darauf haben wir echt keine Böcke.
Also zurück. In umgekehrter Richtung wandern wir an endlosen Straßenzügen entlang, bis wir die Margareten-Brücke und die im Fluss befindliche Margareten-Insel erreicht haben. Wir lechzten nach einem Eis und vor allem wollen wir nun endlich baden gehen. Auch das hiesige Palatinus-Bad kennt unsere Mutter wie aus dem Nähkästchen, obwohl sie zuletzt vor zwanzig Jahren dort gewesen war. Ununterbrochen schwärmt sie von den riesigen Schwimmbecken, den großen Liegewiesen und vom einzigartigen Wellenbad. Das ist zwar alles noch da, aber vollgestopft mit tausenden Menschen. Hier scheinen es eher Mütter mit drei kreischenden Gören zu sein. „Alle anderen Männer sind beim Grand-Prix“, nörgelt mein Vater, obwohl er sich absolut nicht für Autorennen interessiert.
Richtig schlimm wird es erst im Wasser. Die Konstruktion des Wellenbades ist wahrscheinlich von 1937 und nichts im Vergleich mit unserem hochmodernen SEZ in Friedrichshain, welches die Schweden vor kurzem erbaut hatten. Die Wellen kommen nur einmal jede Stunde, sind popelig oder durch die Massen nur zu erahnen. Völlig arschlos!
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„Mark, Benny, ist das nicht schau? Benny, gleich kommt die nächste Welle. Mark, ist das nicht schau hier?“, brüllt meine Mutter ohne Unterlass. „Nein, lass los. Das ist die letzte Scheiße!“, rufe ich, doch sie krallt sich regelrecht an mir fest. Ich weiß mir nicht anders zu helfen, als sie grob wegzustoßen und treffe dabei versehentlich ihr Gesicht. Das hat mir gerade noch gefehlt, denn nun beginnt meine Mutter auch noch zu heulen. Das wird Vater überhaupt nicht gefallen, der gerade in der Schlange vor dem Bierstand versackt ist. Nicht nur deshalb entschuldige ich mich auf dem Weg zum Handtuch mehrmals und erkläre ihr das Berlin-Budapest-Wellenbad-Ding noch einmal genau.

Und plötzlich beginnt meine Mutter ganz unerwartet mit tränennassen Augen zu erzählen …
… dass ihre erste große Liebe ein Ungar namens Laszlo gewesen war, mit dem sie die drei schönsten Wochen ihres Lebens am Balaton und in Budapest verbracht hat. In diesem Wellenbad haben sie sich das erste Mal geküsst. Ich staune mit offenem Mund und überlege sogleich, was mit einem ungarischen Vater alles möglich gewesen wäre. Allein Klamottentechnisch.
Mit 15 Jahren nehme ich meine Mutti erstmals ohne Scham oder ein Gefühl des Unwohlseins in die Arme. Diese Reise wird mir nicht nur deshalb sehr lange in Erinnerung bleiben und vielleicht werde ich in 30 Jahren einmal darüber berichten?!
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Ausfahrt ins Dynamo-Dresden-Land – Kindheit in der DDR

3. März 2015 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

Dynamo Anfang August 1971 standen eine hübsche Frau aus Sachsen und ein junger Mann aus Sachsen-Anhalt glücklich vor der Notversorgungsanlage im Krankenhaus in Berlin-Mitte und schauten auf ein komisch gefärbtes Kind. Eine Woche musste ich dort als das “blaue Baby” im Sauerstoffzelt liegen, weil ich mir die Nabelschnur um den Hals gewickelt hatte. In meinem Ausweis steht als Geburtsort Berlin, tatsächlich aber bin ich ein sächsisch-anhaltinischer Berlin-Mischling. Pfui!

Im Kindergarten, spätestens jedoch in den ersten Schuljahren lernten wir Kinder eines: Berliner sind die Allergrößten, und besonders Sachsen sind das genaue Gegenteil. Bereits mit sieben Jahren lagen wir vor Lachen im Dreck, als wir erfuhren, dass “Nuklear” auf Sächsisch “Na klar” heißt. Die Sachsen konnte man einfach nicht ernst nehmen. Komisch sprechende Menschen aus Bayern und Schwaben waren durch den Mauerbau in Vergessenheit geraten. In der DDR war es ein ungeschriebenes Gesetz, dass Sachsen in Berlin nicht besonders willkommen waren – und umgekehrt. Punkt.

Das Hauptziel des Spottes war Dresden. Ein Berliner Spruch zeugt von der besonderen Wertschätzung der Stadt an der Elbe: “Wie kommt man am schnellsten von Berlin nach Dresden? – Da steckst du einfach den Finger in den Arsch und dresden (drehst ihn).”
Wimpel Dynamo

Über diverse Informanten und Kanäle hatte mein Vater eines Tages erfahren, dass Dresden der einzige Ort zwischen Rügen und Fichtelgebirge war, wo es noch einen neuen RFT-Farbfernseher zu kaufen gab – wenn auch nur nach vorheriger telefonischer Anmeldung. Keine Ahnung, wie er es geschafft hatte, einen Tag frei zu bekommen. Unsere Mutter wusste jedenfalls nichts von seiner geplanten Fahrt. Eine Überraschung bahnte sich an.
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Welche Farbe hat Colt Seavers’ Wagen?

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Ich hatte natürlich gesagt, dass ich mitkomme. Mit 13 Jahren lernte ich endlich die schlechteste Autobahn der Republik kennen. Die holprige Fahrt nach Dresden war kein Zuckerschlecken. Tempo 100 war bei dem Zustand der Straße eigentlich kaum möglich, und kurz hinter Berlin versuchte ich verzweifelt, einen Westsender im kleinen Radio des Trabis hereinzubekommen. Ich drehte und drehte an dem kleinen Knopf, es gelang mir nicht.

So redeten Vater und ich den Rest der Fahrt ohne Musik über die völlig neuen Möglichkeiten, die sich uns erschließen würden, wenn wir erst mal das Farbfernsehgerät im Wohnzimmer aufgebaut hätten.

Es gäbe die “Sportschau” mit grünem Rasen, und wir könnten endlich die Mannschaften richtig unterscheiden. Blaues Wasser bei der Schwimm-WM mit Kristin Otto, kein grauer Schnee bei der Vierschanzentournee mit Weißflog, Nykänen, Züchner und Co., bunte Westprodukte in den Werbepausen und wir würden endlich die Farbe von Colt Seavers’ Auto erfahren. Bei alten Schwarzweißfilmen würden wir wegschalten.
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Als wir nach Dresden hineinfuhren, wunderte ich mich, wie grau und farblos die Stadt wirkte. Fast könnte man sagen: schwarzweiß. Wir kurvten kreuz und quer durch die Straßen. Natürlich hatten wir keinen Stadtplan, und so hielt Vater an jeder zweiten Kreuzung, wo ich die Einheimischen nach dem Weg fragen sollte. Leider verstand ich kein Wort in dieser komischen Sprache, und wir folgten einfach den Armbewegungen.
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Geheimverhandlungen
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Nachdem wir endlich den Laden in einem schäbigen Hinterhof gefunden hatten, sollte ich im Auto warten, denn Vater wollte die Verhandlungen allein führen. Ich malte mir aus, wie er unsere Datsche, den Trabi oder sonst was verpfändete, um diesen wertvollen Farbfernsehapparat zu bekommen. Sicher war zumindest, dass er eine hohe Summe schwarz zahlen würde, da ich sonst ja hätte mitkommen dürfen. Keine Zeugen!

Nach einer halben Stunde winkte er mich aufgeregt herein. Eine riesige Kiste stand auf dem Verkaufstresen – und mein Vater lächelte mich an. Dass ich mir keinen Leistenbruch zuzog, ist ein Wunder, denn das Ding wog ungefähr eine Tonne. In der DDR war es oft so: Was viel wog, war sehr teuer, stand aber auch für Qualität. Insgeheim hoffte ich für den Familienfrieden, dass Vater wirklich nur die 4500 Mark geblecht hatte, die er nannte. Wir klatschten uns ab und fuhren los. Keine Zeit für eine Stadtbesichtigung oder sonstigen Quatsch. Ab nach Hause ins farbenfrohe Berlin!

Mein zweiter Ausflug in die Stadt des berühmten Weihnachtsstollens verlief anfangs ganz ähnlich. Mein Vater rief von der Arbeit zu Hause an: “Marko, hast du heute Lust, mit nach Dresden zu kommen? Ich hab noch eine Karte für das Spiel.” – “Nuklear!”, brüllte ich in den Hörer. Ja, hatte ich! Am Nachmittag saß ich mit Vater und drei seiner Kollegen in einem Wartburg; die Straßen waren unverändert schlecht, und das Radio spielte keine Westhits. Ich saß hinten in der Mitte, und der Typ neben mir stank widerlich aus dem Mund. Der andere trank ein Bier nach dem anderen, und wir mussten seinetwegen dreimal zum Pinkeln halten.

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Es ging um viel
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Aber immerhin: Es ging zum Halbfinale des Uefa-Cups zwischen Dynamo Dresden und dem VFB Stuttgart – das war es allemal wert! Ich war jetzt 17, und auf der Karte stand: Stehplatz Erwachsene 15,10 M.

Natürlich hatte Vater die Karten über “Vitamin B” – B wie Beziehungen – bekommen, und die echten Dresdner Fans, für die es keine mehr im Vorverkauf gab, dürften uns dafür gehasst haben. Bereits 50 Kilometer vor der Stadt leuchteten die ersten schwarz-gelben Farben. Viele Leute ließen ihre Schals aus dem Auto flattern und fieberten wie ich dem Spiel gegen Jürgen Klinsmann und Co. entgegen.

Für die Dresdner ging es dabei um viel. Sie vertraten den Osten gegen den Westen, DDR gegen Bundesrepublik und gleichzeitig inoffiziell die immerwährende Schlacht der Sachsen gegen den Stasi-Verein BFC aus der Hauptstadt. Hier wurde vor aller Augen und den ARD-Kameras ein Exempel statuiert, das zeigen sollte, dass Dynamo Dresden nicht nur die beste Mannschaft der DDR war, sondern auch das Team mit den fanatischsten Fans der ganzen Republik.
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Ich konnte es nicht glauben
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Als wir um 17.30 Uhr vor dem Stadion ankamen, wunderten wir uns noch, weshalb hier so wenig los war. Doch als wir die Gänge ins Innere betraten, sahen wir, dass die Ränge bereits randvoll gefüllt waren. Wie in fast allen Meisterschaftsspielen auch, waren die Dynamos bis auf den letzten Platz ausverkauft. Das heutige Spiel sollte um 20 Uhr beginnen und schon jetzt, zweieinhalb Stunden vorher, waren 36.000 heißblütige Sachsen im Stadion! Schnell kamen wir mit einigen der äußerst freundlichen Jungs ins Gespräch.

Um 19 Uhr begann ein Vorprogramm, wie ich es noch nie im DDR-Fußball erlebt hatte. Die Leute erhoben sich, als der Stadionsprecher mit dem Glücksschwein Eschi ins Stadion einfuhr. Unter Jubel wurde ein Tandemrennen ehemaliger DDR-Sportler angekündigt. Plötzlich fuhren Jens Weisflog, Olaf Ludwig und Kristin Otto an uns vorbei – natürlich in Begleitung zweier lauter Dixielandgruppen. Altbekannte Größen des DDR-Fußballs brachten große Blumensträuße für die möglichen Dresdner Torschützen und spielten danach Fußball-Tennis hinter den Toren.
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Ich konnte gar nicht glauben, was hier abging, und als der Stadionsprecher das Sachsenlied ankündigte, verstanden wir unser eigenes Wort nicht mehr. Aus fast 36.000, jetzt schon heiseren Kehlen, erklang das berühmte: “Sing, mein Sachse, sing”. Die beiden Mannschaften versanken beim Einlaufen im schwarz-gelben Fahnenmeer. Ich erkannte Jürgen Klinsmann, der gerade in diesem Moment in unseren Block schaute und genau mich anlächelte. Im April 1989 jubelte ihm in Dresden noch niemand zu.
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Im Hexenkessel
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Neben mir brüllten die Fans aufgeregt unverständliches, sächsisches Zeug. Zum ersten Mal verstand ich, was mit einem “Hexenkessel” gemeint war. Ich stand in unserem Block D mittendrin. “Obseids!” (Abseits) verstand ich, als Guido Buchwald den Ball ins Aus schlug. Der Schiri schüttelte den Kopf, und ich brüllte zusammen mit Tausenden anderen Menschen “Nuklear, Obseids!” ins Stadionrund. Das Spiel war aufregend, es ging hin und her. Am Ende bedeutete das 1:1 jedoch, dass Dynamo Dresden ausgeschieden war.

An den Ausgängen zwängten sich die enttäuschten Massen durch ein viel zu schmales, rostiges Eisentor. Vater schob mich vor sich her, doch ich bekam immer weniger Luft. Zu groß war der Druck der Menschenmenge, so groß, dass ich immer mehr zusammengequetscht wurde. Ich dachte plötzlich an die vielen vor kurzem zu Tode gedrückten Menschen beim Fußballspiel in Sheffield. Ich hatte jetzt keine Kontrolle mehr, wohin ich trieb, die Menge schob mich hierhin und dorthin. Jeder versuchte jetzt nur noch, auf den Beinen zu bleiben.
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Ich wurde irgendwann an eine hohe Mauer gedrückt und konnte mich keinen Millimeter mehr bewegen. Mit weit aufgerissenen Augen schaute ich zu meinem Vater. Später erzählte er mir, dass mein Gesicht schon blau angelaufen war. Ich weiß nicht, ob das wirklich stimmte, doch auf einmal brüllte er etwas nach oben, über mich hinweg. Ich konnte den Kopf nicht drehen und wusste nicht, was dort los war. Plötzlich packte eine Hand von oberhalb der Mauer meinen Arm und zog mich aus den immer stärker nachdrückenden Massen hinauf.

Erst vor dem Stadiontor traf ich, schockiert und noch immer schweratmend, meinen besorgten Vater wieder. Glücklich nahmen wir uns zum erstem Mal in unserem Leben in die Arme und fuhren schweigend auf der holprigen Autobahn durch die Nacht.

Das Halbfinale des Uefa-Cups war mein bestes Fußballerlebnis in der DDR gewesen – und am Ende hatte sogar noch ein Dresdner dem ehemals blauen Berliner Baby das Leben gerettet!
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Zum Nachlesen bei Spiegel Online
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Zum Weiterlesen: Mauergewinner koofen
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Trabi no go – Kindheit in der DDR

18. März 2010 | von | Kategorie: Blog

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Spiegel Online hatte gerade meine Trabi-Story auf der Startseite veröffentlicht. Lediglich von der (von Spiegel gewählten) Überschrift muss ich mich distanzieren, da es nicht “Kindheit im Plastikmobil” heißen muss, sondern – wenn schon ostdeutsch – “Plastemobil”. In meinem DDR-Buch heißt die ausführliche Geschichte sowieso “Trabi no go”, aber ich will ja nicht meckern.

Hier der Einführungstext:
“Zehn Jahre musste sie warten, dann nahm die Familie von Marko Schubert 1981 endlich ihren ersten Trabant entgegen. Treu fuhr der Pappkamerad die Familie durch die letzten Jahre der DDR – auch wenn die erste Übungsfahrt im Gartenzaun endete.”
Und hier der Link:

Kindheit im Plaste(!)mobil

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