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DDR-Jugendweihe: Vom Sinn unseres Lebens

4. Juni 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

Jugendweihe FamilieEs gibt ein bemerkenswertes Foto von mir und meinem stolz auf mich herabschauenden Vater, auf dem ich aus einem Halbliterglas genüsslich Bier trinke. Auf dem Bild bin ich drei Jahre alt. Meine Mutter steht nicht dabei, ist aber auch nicht die Fotografin, und ich weiß, dass sie das nicht besonders witzig gefunden hätte. Doch bereits einige Jahre später war sie es wiederum, die uns zu jeder größeren Feier und am Silvesterabend “mal” am Eierlikör nippen ließ. Ich erlebte eine typische DDR-Kindheit und kam, obwohl mir Alkohol lange Zeit überhaupt nicht schmeckte, sehr früh damit in Berührung.

Im Herbst 1985 schlenderte Didi unangekündigt mit einem riesigen West-Doppelkassetten-Rekorder an die „Platten“. Das schwarze Ding war gefühlt einen Meter lang, 20 Zentimeter hoch und hatte unendlich viel Power. Schnell avancierte er zum neuen Helden der Clique und um diese Stellung noch zu untermauern, kaufte er tags darauf im Intershop 60 Dosen DAB – Westbier! Erstens gab es bei uns nur Flaschen – ich sammelte sogar leere Fanta- und Coladosen auf unserem Kinderzimmerschrank – und zweitens hatte noch keiner von uns jemals echtes Bier von Drüben getrunken. Didi baute die Dosen auf unserer Tischtennisplatte geschickt zu einer riesigen Pyramide auf. Es war ein unglaublicher Anblick: So stellten wir uns den Westen vor. Sagenhafte Bierpyramiden, coole Typen und laute Musik aus monströsen Ghettoblastern.
An diesem Abend trank ich, nur weil es Westbier war, 5 Dosen DAB und kotzte die halbe Nacht aus meinem Kinderzimmer-Fenster im neunten Stock. Noch zwei Tage später waren die Fensterbretter bis zum 3. Stock unappetitlich besprenkelt. Aber aus den Fenstern reiherte hier öfter mal jemand. Mich hatte zu diesem Zeitpunkt noch niemand in Verdacht. Didi übergab sich wohl noch etwas länger, denn als seine Eltern bemerkten, dass er ihr heiliges Westgeld geklaut hatte, prügelten sie ihm nicht nur die Dosen und den Rekorder aus dem Leib. Wir sahen ihn ein halbes Jahr nicht an den „Platten“ – Stubenarrest.

Mein Vater, der schon lange gar keinen Alkohol mehr anrührt, erzählte mir mal, wie das zum Schluss mit seiner Sucht war. Jeder Arbeits-Montag war ihm da wie eine kleine Entziehungskur erschienen, denn obwohl er schon längst jeden Tag maßlos soff, wurden die Rationen am Wochenende nochmals erhöht und montags früh um 7 Uhr fühlte er sich extrem elend und schwach. Auffällig war jedoch, dass dies vielen seiner Kollegen so zu gehen schien, ein ganzes Land nüchterte am Wochenbeginn mit roten Äderchen auf der Nase zitternd aus.

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Am 29. März 1986 stand endlich die heiß ersehnte Jugendweihefeier an. Das erste Problem, das sich ergab: Klamotten. Wieder einmal waren die Leute mit Westgeld im Vorteil, denn nur die konnten richtig fetzige, moderne Sachen bekommen. Bei uns anderen gab es noch zwei Abstufungen: Wer Eltern hatte, denen 1.000 DDR-Mark nichts ausmachten, konnte im “Exquisit” seine Jugendweihegarderobe kaufen; dort gab es oftmals Sachen fast auf Westniveau. Die ärmsten Schweine waren die, welche sich ihre Festtags-Klamotten im Centrum Warenhaus am Ostbahnhof, Alex oder in der Jugendmode am Spittelmarkt kaufen mussten. Ich war wie immer „Kategorie C“ beim Durchstöbern von Mode dritter Wahl und musste mir wiederholt anhören: „Hamm wa nüsch“.

Es gab wirklich nur Dreck, denn zur Jugendweihe trug man keine Anzüge, sondern schicke, aber dennoch coole Klamotten. Nach drei Besuchen zusammen mit Mutter war ich völlig verzweifelt. Die Sachen, die man dort ausstellte, waren so abgrundtief hässlich in Farbe, Muster, Material und Schnitt, dass man sich ernsthaft fragte, wer das auftragen sollte. Es gab dort keine Schuhe, die man gleich anbehalten wollte. Schön “am Volk vorbeiproduziert”, wie es hieß.
Da mir die Jugendweihe aber einfach zu wichtig war, ging ich mit Mutter in eine kleine Boutique in der Sophienstraße, die ihr eine Arbeitskollegin bei KoKo empfohlen hatte. Zwar sah ich mit den Sachen, die wir nach langer Diskussion kauften, trotzdem wie ein ostdeutsches Mannequin für Arme aus, aber immerhin musste ich darin keine fiesen Kommentare befürchten. Omas Liebling 1986 trug: eine graue, eng anliegende Stoffhose; eine graublaue Stoffjacke; einen hellblauen, dünnen Samtpullover, ein Paar blau-weiße Converse-Turnschuhe aus dem Exquisit, ein Paar weiße Socken und einen weißen Schlüpfer.
Als wir an unserem großen Tag, begleitet von einem Fagottquintett, in den festlich geschmückten Saal des Metropoltheaters einliefen, stellte ich sofort fest, dass ich dennoch alles richtig gemacht hatte, denn einige meiner Kumpels hatten zwar echt geile Westklamotten an, andere sahen jedoch so richtig Scheiße aus. So richtig!

Die Feierstunde mit Eltern und Verwandten verlief nach dem gewohnten Muster. Zunächst wurde der „Kleine Trompeter“ gesungen. Danach rezitierte unser GOL-Schulsekretär Hannes Jungblut die Gedichte „Für den Frieden der Welt“ und „Frieden wie das eigene Leben“. Die Festansprache selbst hielt Prof. Dr. Heinz Schmidt, Oberst der Volkspolizei. Mehrmals wies er darauf hin, dass unsere Feier in genau dem Saal stattfand, wo sich KPD und SPD am 21.4.1946, also vor fast genau 40 Jahren, zur SED vereinigt hatten.
Nachdem die ersten Gäste auf ihren Stühlen unruhig hin und her scharrten, stolzierte der Oberst von der Bühne. Endlich bekamen wir die Urkunden, das Geschenkbuch „Vom Sinn unseres Lebens“ und unseren Blumenstrauß. Dabei legten wir auch das Gelöbnis ab. Man konnte förmlich sehen, wie eilig es alle hatten, nach draußen zu kommen, denn jetzt kam das Wichtigste der ganzen Veranstaltung: die Übergabe der Geschenke! Diese fand zu Hause statt.
Als ich mit unseren Verwandten in der Mollstraße angekommen war, schenkte mir Vater vor versammelter Mannschaft erstmal ein Berliner Pilsner in ein Tulpenglas ein. Ich wurde somit auch von ihm in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen, was er allem Anschein nach mit dem Genuss von Alkohol in Verbindung brachte. Der kleine Benny schaute bewundernd zu mir auf. Er konnte dann später “mal” am Eierlikörglas von Oma Halle nippen.
Dann durfte ich in die Schatzkammer, das elterliche Schlafzimmer, gehen. Sie hatten mir wirklich den SKR 700 gekauft und für diesen über drei Kilogramm schweren DDR-Kassettenrekorder in anthrazitmetallic schlappe 1.540,- Mark hingeblättert!

Ganz klar, der Ghettoblaster von Didi wog weniger als die Hälfte, sah wesentlich cooler aus und kostete wahrscheinlich im Westen gerade mal ein Zehntel, aber ich fand Genugtuung darin, dass meine Eltern ordentlich für mich geblutet hatten. Das Ding hatte sogar Power.
Nach der Sichtung der Präsente, vor allem der Umschläge der Verwandtschaft, ging ich zufrieden zurück ins Wohnzimmer und trank mein Bier in einem Zug aus. Was sollte ich bloß mit all dem Geld machen?

Mutter verbreitete schnell wieder Hektik, da wir bis 14 Uhr zur eigentlichen gemeinsamen Feier meiner Klasse in der Clubgaststätte Kiew in Marzahn sein sollten. Unser Familientisch war für zwölf Personen gedeckt und kaum, dass wir saßen, wurden auch schon unsere im Vorfeld gewählten Essen gebracht. Alle hatten sich für das „Steak au four“ entschieden. Benny aß wie immer zuerst sein komplettes Fleisch auf und schaute dann verdutzt auf mein saftiges Steak und hämisches Grinsen. Als die Kellner die Teller dann wieder abräumten, brachte man uns Kaffee und Kuchen. Das schien hier nach einem gewohnten Muster abzulaufen. Nur, dass Mutter noch einen „Kalten Hund“ mitgebracht hatte, durchkreuzte ihre Pläne vom Einheitsfest. Wie viele meiner Klassenkameraden durfte ich weiterhin Bier trinken, mein Vater wäre sonst sicher auch enttäuscht gewesen, immerhin galt die Jugendweihe als das erste richtige (und offizielle) Besäufnis eines jungen DDR-Bürgers.
Leicht beschwipst lauschte ich dem gerade beginnenden Kulturprogramm, welches das Elternaktiv vorbereitet hatte. Frau Demant und Frau Rittich hatten eine Jugendweihezeitung gemacht, in der unglaublich lächerliche Sachen standen. Leider wurden ausgerechnet Coco und ich nach vorne gebeten, um diese sinnlosen Artikel abwechselnd den Gästen vorzulesen. Meine Mutter blickte mit feuchten Augen hinüber zu ihrem großen Sohn in seinen hübschen blau-grauen Klamotten.

Ich war froh, als der Spuk vorbei war und das Abendbrot serviert wurde. Sie hatten ein unglaublich großes Buffet errichtet und dabei wahrscheinlich mit tausend Leuten gerechnet, denn noch nie zuvor hatte ich in der DDR erlebt, dass so viel liegen blieb. Zu Hause hieß es immer: “Es wird aufgegessen was auf den Tisch kommt!”, und auch in Restaurants wurden wir stets angehalten, auch die ollen Sättigungsbeilagen zu verspeisen. Das hier glich einer riesigen Verschwendung, und der stark alkoholisierte Didi fragte unseren Lehrer Blase, ob wir die Buffetreste nicht aus Solidarität nach Angola schicken könnten. Bommel und Tessi lieferten sich draußen derweil eine Essensschlacht, indem sie sich gegenseitig mit Buletten bewarfen. Sie waren schon total blau.
Durch die straffe Organisation war um 20 Uhr bereits alles abgeräumt und die Disko begann. Schon nach den ersten paar Liedern war klar, dass es für uns eine B-Veranstaltung und eher etwas für die Eltern und Omas werden würde. Die Beatles, Beach Boys und Bee Gees trafen echt nicht den Zeitgeist der Jugend im Jahre 1986. Es geschah, was zu befürchten war: Wir trafen uns alle vor dem Eingang mit irgendeiner Pulle in der Hand. Jeder hatte gegriffen, was gerade auf seinem Tisch stand – einige sogar Weinbrand oder Korn – und von nun an hieß es: Saufen bis zum Erbrechen.

Weit nach Mitternacht sah ich zum ersten Mal in meinem Land eine Ansammlung von mehreren Taxis. Auch das schien vorher organisiert worden zu ein. Alle meine Freunde, inklusive mir und meines kleinen Bruders Benny hatten mehrere Male gekotzt. Meine Eltern bemerkten oder sagten nichts. Zu Hause stöpselte ich Kopfhörer in den neuen 1.500-Mark-Rekorder und hörte meine Depeche-Mode-Kassette.

Ich habe im Jahr 2009 einen sehr gemischten Freundeskreis, doch bis auf ein, zwei Ausnahmen sind die richtig maßlosen Säufer alles ehemalige Ostdeutsche aus meiner Generation. Mit einem unglaublichen Tempo haue ich mir mit John, Jenna, Melli und Göte die Halben im „Rockz“ oder in der „Tagung“ in die Birne, ohne zu merken, dass uns andere Leute ganz komisch ansehen, wenn sie immer noch an ihrem ersten Alster nuckeln. Bis vor kurzem war auch mir das gar nicht aufgefallen.
Erst als mir fast jeder Arbeits-Montag wie eine kleine Entziehungskur erschien, machte ich mir langsam Sorgen. Am Wochenbeginn um 7.30 fühlte ich mich oft extrem elend und schwach. Es fiel mir auf, dass dies den wenigsten meiner Kollegen so zu gehen schien und ich der Einzige war, der seinen Wochenend-Rausch ausnüchterte. Neulich fragte ich mich sogar, ob ich womöglich so jung schon ganz vom Alkohol Abschied nehmen müsste. Ich dachte gleichzeitig an die riesige Pyramide aus Dosen der Dortmunder Aktien-Brauerei aus vergangenen Tagen. Es war also doch der Westen schuld!

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Zum Nachlesen: “Sauforgie nach Bulettenschlacht” bei Spiegel Online
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Zum Weiterlesen: Mauergewinner
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Genosse Gehorsam – aus dem Buch “Leninplatz”

1. Dezember 2015 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Leninplatz, Leseproben

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Ein Wort, welches unsere Stabi-Lehrerin Frisch ständig benutzt, ist das antiquierte „gehorsam“. Kaum eine Stunde vergeht, wo wir nicht angehalten werden, endlich – verdammt nochmal – gehorsam zu sein. Torsten nennen meine Freunde seit einiger Zeit „Genosse Gehorsam“. Das trifft es allerdings nicht. Oft beobachte ich aus den Augenwinkeln, wie er auf dem Hof schüchtern in die Reihen der entscheidenden Leute schaut und sich augenscheinlich wünscht, derjenige zu sein, der den nächsten Brüller raushaut. Bei ihm zu Hause herrscht nämlich Zucht und Ordnung. Im Prinzip hat er dauerhaften Stubenarrest. Niemals darf er abends noch runter, stets wird er durch den grellen Pfiff seines Arschloch-Vaters um 18 Uhr nach oben zitiert. Selbst sein Schatten ist dann innerhalb weniger Sekunden im Hauseingang verschwunden. Manchmal frage ich mich, wie viele Tage er schon unglücklich in seinem Zimmer herumlungern musste.

In der großen Mittagspause am 12. Juni 1986 stehen wir in der Raucherecke. Tessi bietet mir lässig eine Kippe an. Wie gewohnt, hat er seine Cabinet-Zigaretten in eine Camel-Schachtel umgefüllt und wieder einmal wundere ich mich, dass die gelbe Schachtel noch immer wie neu aussieht. Warum tut er eigentlich vor uns so, als ob er Westzigaretten rauchen würde? Das ist doch albern. Wir stellen uns zu Andi, Bergi und Bommel, paffen gemeinsam dicke Rauchschwaden in die Luft und schauen hinüber zu Lars. Der steht allein, etwa zehn Meter entfernt, am Zaun und kaut mürrisch auf einer mitgebrachten Stulle herum.
Nein, er ist kein besonders großer Streber (ich habe bessere Noten), ist weder zu dick noch zu klein (Tessi ist eine Tonne und Bommel ein Zwerg), aber Lars hat sich vor drei Wochen für 25 Jahre bei der Nationalen Volksarmee verpflichtet. Das kann und will selbst in unserer Vorzeigeschule niemand verstehen. Bei uns darf man sich Einiges leisten, ohne dafür Prügel oder Häme von der Clique zu beziehen, doch 25 Jahre NVA gelten auch hier als größtmögliche Arschkriecherleistung. Wir reagieren darauf so, wie es Schüler in unserem Alter nun mal tun: Niemand von uns will irgendwas mit ihm zu tun haben.

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Tessi deutet mit Kippe in der Hand zu ihm hinüber und pöbelt: „Jetzt wird der Idiot sicher auch noch Gruppenführer im GST-Lager.” Plötzlich hören wir ein lautes „Platsch!” und beobachten, wie Lars erschreckt zusammenzuckt und sich dabei fast an seiner Stulle verschluckt. Aus etwa zehn Metern Höhe hat ihm eine dort oben grölende Möwe direkt auf den Kopf gekackt.
Es ist das Bild des Jahres 1986. Bommel liegt heulend vor Lachen auf dem Boden und brüllt immer wieder: „Ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr!”, während Lars wie angewurzelt dasteht und wahrscheinlich gerade spürt, wie sich der grünlich-graue Möwenschiss verflüssigt und über seinen Hals auf die Schultern des Nikis hinunter tröpfelt. Dicke Tränen kullern ihm über die Wangen.
In der Raucherecke gibt es kein Halten mehr. Ich bilde mir ein, dass wir noch nie so herzhaft gelacht haben. Mit feuchten Augen biete ich Tessi eine Cabinet aus meiner Cabinet-Schachtel an. Plötzlich kommt Torsten angelaufen und fragt trocken: „War das vielleicht eine Lachmöwe?“ Bommel, der das hört, bekommt seinen nächsten Anfall und steckt uns alle von neuem an. Heulend zieht Lars von dannen.

Der restliche Schultag ist nicht so spektakulär – bis auf die letzte Stunde. Tessi hatte im Schlafzimmer seines Alten in einem Geheimversteck etwas Ungeheuerliches entdeckt und es in Physik heimlich herumgereicht. Beim Blick auf – und in – das erste weibliche Geschlechtsorgan meines Lebens in Farbe und Großaufnahme muss ich fast kotzen. Bommel lässt die Sache beinahe auffliegen, weil er beim Blättern in den glänzenden Seiten zunächst dunkelrot anläuft, dann aber laut und mit Piepsstimme brüllt: „Was für eine riesige Muschi“, bevor ihm wie immer die Freudentränen über die Wangen kullern.


Dem westlichen Druckerzeugnis will ich mich nach Unterrichtsschluss noch etwas intensiver widmen. Viele Bilder, wenig Text – das kenne ich bisher nur aus Mosaik-Heften, und eine Frau in dem Hochglanzmagazin sieht aus wie Andis Mutter.
Tessi ist verschwunden, doch über Dirk, der immer weiß, wo sich gerade jemand aufhält, habe ich schnell sein Versteck ausgehorcht. Er liegt mit Bergi und Bommel in einer der Betonröhren auf dem Spielplatz und blättert sich durch Seiten voller Ekelkram. Ich krieche hocherfreut dazu.
Mit gedrücktem Knopf der weinroten Narva-Stabtaschenlampe starren wir auf die versauten Bilderrätsel. Plötzlich steht Torsten am Ende der kreisrunden Öffnung. „Was will denn Genosse Gehorsam hier?“, ruft Bommel im Funzellicht, während Tessi hektisch das Heft in seinem Koffer verstaut und aus der Röhre robbt. Wir treten ins Freie. „Kommt, lasst uns klauen gehen“, murmelt Bergi konsterniert.
„Darf ich mitkommen?“ Alle Blicke sind plötzlich auf Torsten gerichtet. „Aber wenn du bei Mutti petzt, kriegst du auf die Fresse“, keift Bommel, da er noch nie bei einem dieser Raubzüge in der Kaufhalle dabei gewesen ist. Torsten ist der Sohn eines ständig in einem kackbraunen ASV-Trainingsanzug herumlaufenden, strengen NVA-Offiziers und einer äußerst ängstlichen Mutter.
Gemeinsam laufen wir zum Selbstbedienungsladen an der Büschingstraße und treffen Astrid davor, die sich uns anschließt. Gekonnt sackt Bommel eine Flasche Kirsch-Whisky im Turnbeutel ein, Assi lässt eine Pulle Pfeffi unter ihrem weiten Pullover verschwinden und mein Aktenkoffer wird mit KaLi (Kaffee-Likör) gefüllt, bevor wir zu dritt, unschuldig schauend, jeder eine Stange Zitronen-Bonbons von Zitro an der Kasse kaufen. Bergi und Tessi stehen Schmiere.

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Nur Torsten ist weg. Bis wir ihn mit einem vollbeladenen Einkaufswagen rechts neben den Kassen vorbeimarschieren sehen. Wie selbstverständlich holt er zwei Dederon-Beutel aus seinem Ranzen, packt eiskalt etliche Schnaps-, Likör- und sogar Bierflaschen hinein und marschiert damit dann seelenruhig zum Ausgang.
Wir bekommen den Mund fast nicht zu. „Na du bist ja ein kuhler Kunde!“, ruft ihm Bommel auf dem Heimweg durchaus anerkennend zu. „Und jetzt mit Fassbrause die Birne wegschießen?“, frage ich. Allen ist klar, dass wir die Wahnsinns-Tat – Torsten hat sogar eine schwer zu klauende Falkner-Whisky Pulle eingesackt – im Alfclub mit Hochprozentigem begießen müssen.

Doch Tessi verabschiedet sich recht bald (inklusive seines Heftes), Assi folgt wenig später und so brechen auch wir nach nur einem Glas auf. Bergi fragt mich: „Noch schnell ein Telefonstreich bei dir?“ – „Och ja, bitte Scheppi“, stimmt Bommel aufgeregt zu, nicht nur, weil seine Alten kein Telefon besitzen. Ich habe nichts dagegen und auch Torsten folgt uns wortlos in den Aufzug. Oben liegt Benny bäuchlings auf der Couch, fummelt an seinem roten Tresor aus Plaste wie Egon Olsen herum und schaut nebenbei die Schlümpfe in der ARD. Andi klingelt an der Tür. Mit ihm sind wir nun fast wieder vollzählig.

Alles begann vor einigen Monaten ganz harmlos. Ich hatte mir aus Langeweile das Telefonbuch geschnappt und ein bisschen darin geblättert. Beim Buchstaben „W“ war mir ein Witz meines Vaters eingefallen. Ich rief bei einer Frau Werk an und fragte: „Kann ich mal bitte ihre Tochter Claire sprechen?“ – „Wen?“, brüllte mich eine Frau an. „Na ihre Tochter Klärwerk!“ So richtig zündete das noch nicht und erst als ich bei Frau Grube nochmals die Nummer brachte, kugelte sich Bommel vor Lachen mit meinem Bruder auf der Auslegeware. „Klärgrube, ich dreh durch!“

Plötzlich hatten alle Feuer gefangen. Andi schnappte sich sofort den Schinken, ließ die Wählscheibe sieben Mal rotieren und sagte mit tiefer Stimme: „Hier ist Karl Schäffner. Wollen Sie nächste Saison bei uns spielen?“ Wir verstanden die Antwort nicht. „Das ist mein reiner Ernst!“, brüllte er in den Hörer, schmiss ihn auf die Gabel und klopfte sich auf die Schenkel.
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. Doch so machte das keinen Spaß. Er hatte sich als Union-Trainer ausgegeben und bei einem Rainer Ernst angerufen, was an sich lustig war. Aber nur für Fußballfans und vielleicht, wenn er uns vorher aufgeklärt hätte. Die Regeln wurden geändert. Den Nachnamen musste man nun vorher sagen. So kamen immerhin noch ein Mark Stück, eine Martha Pahl und ein Karsten Bier zustande, was ausreichte, um auch die nicht anwesenden Jungs der Clique eine Woche lang zu belustigen.
Danach gingen meine Freunde, denen unser Lehrer, Herr Schönlein, stets jegliche Kreativität abgesprochen hatte, derart in sich, dass fantastische Telefonstreiche geboren wurden. Bergi fragte eine Frau Stäbe nach Gitta, Tessi suchte seine Cousine Anna Nass, Billy wollte Onkel Bill Iger sprechen und Andi einer Frau Anne Gurgel gehen. Das alles fetzte erst richtig ein, wenn Bommel und mein Brüderlein dabei waren, denn die lachten mit einer derart kindlichen Naivität oftmals minutenlang. Bei Bommels Anruf auf der Suche nach Hack Fresse quietschte jedoch nur Benny vor Vergnügen, da Hack ja gar kein Vorname war und er zudem bei einem Herrn Fräse angerufen hatte. Ein typischer Kugelwitz. Keine Ecke zum Lachen.
Als Bergi noch einen Herrn Smaul im Buch entdeckte und fragte: „Bin ich da richtig bei Christoph Smaul?“, musste ich alle bremsen, bevor noch unser angesoffener Nachbar Voss erschien und fragte, was wir hier eigentlich treiben. Als dann der Wäschemann von Rewatex unten klingelte, beendete ich die Veranstaltung.

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Auch am heutigen Tag ist es witzig. Als ob uns noch allen Tessis Heft im Kopf herumschwirrt, verlangt Bommel nach einer Frau Rosa Schlüpfer, Andi nach Rose Tee (wobei er Rosette danach erklären muss), ich suche einen Bruce Twarze und Bergi murmelt sautrocken in den Hörer: „Spreche ich mit Herrn Harten? Ich bin ein Klassenkamerad von ihrem Sohn Christian“. „Von wem?“ – „Kriegst ja ‘n Harten!“ Der zieht und auch mein Christian bei Frau Steifen ist noch ein Brüller. Nur Torsten verzieht keine Miene.
Okay, er ist nicht eingeweiht und so schnell fällt einem da auch nichts Neues ein.
Plötzlich ruft er: „Hat mal jemand die Nummer von Assi?“ Ich bin ein wenig perplex, reiche ihm aber mein kleines Notizbuch. ‚Welcher Vorname soll denn auf Homberg passen?‘, frage ich mich. Er schnappt sich das graue Telefon und bedient elegant die Wählscheibe. 4373250 – die „0“ dreht sich dabei besonders lang – bevor das erste Freizeichen ertönt. Alle sind mucksmäuschenstill. „Ja bitte?“
„Spreche ich mit Astrid Homberg?“, sagt er mit der tiefsten Stimme, die ich jemals von einem Jungen meines Alters gehört habe. „Ja, wieso?“ „Hier spricht Klaus Flade aus der Konsum-Kaufhalle an der Büschingstraße. Sie wurden soeben angezeigt, heute um 15 Uhr einen Ladendiebstahl begannen zu haben. Kommen Sie umgehend mit ihrem Personalausweis und einem Besen bei uns vorbei! Ich erwarte sie vor dem Eingang!“
Wir hören die Antwort nicht. „Umgehend, sagte ich, oder es erwarten Sie ernsthafte Konsequenzen!“ Torsten legt auf. Wir sind baff, doch Bergi bricht das Schweigen: „Hut ab, Genosse Gehorsam!“ All meine Freunde beginnen zu lachen und rennen zum Kinderzimmerfenster. Wir lehnen uns aufs Fensterbrett, um zu schauen, ob Assi aus dem Nachbareingang marschiert. „Was ist denn mit dir heute los?“, frage ich Torsten. Langsam wird es mir unheimlich, was aus dem braven Muttersöhnchen innerhalb eines Tages geworden ist. Nach kurzer Pause brummt er: „Ach weißte, Scheppi, ich habe drei Tage sturmfrei, weil meine Oma gestorben ist. Heute wollte ich auch mal ein bisschen Spaß haben.“

Noch bevor ich darüber nachdenken kann, schreit Bommel, der mit dem Kopf gerade so über den Fenstersims reicht: „Das gibt’s doch gar nicht!“ Astrid verlässt tatsächlich mit einem Besen in der Hand das Haus – und wer hechelt hinterher? Richtig, Tessi. „Die Schweine haben sich zusammen das Pornoheft angeglotzt!“, brüllt Andi. „Was für ein Heft?“, piepst mein Bruder. „Ach so ein Pittiplatsch- und Schnatterinchen-Heft.“ Wir grinsen über Bergis Witz und rennen zur Tür. Torsten fragt mich nach unserem Besen und spurtet mit diesem die Treppen hinunter.
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Er ist vor dem Fahrstuhl unten und draußen sehen wir, dass er die Abkürzung durch den Rosengarten in Richtung Kaufhalle nimmt. Jetzt müssen auch wir uns sputen, wenn wir sehen wollen, was dort geschieht.

Doch wir kommen zu spät. Vor dem Eingang fegt Assi bereits eifrig. „Was machst du denn hier?“, fragt Bommel. Er sieht aus, als ob er sich gleich vor Lachen in seine abgeschnittene Boxerjeans pisst. „Na irgend so ein Schwein hat uns verpfiffen und jetzt müssen wir die Scheiße hier machen. Der da“, sie deutet auf Torsten „war schon vor mir da und hat gesagt, dass ich auch fegen soll“. Astrid läuft puterrot an. Wir auch, aber nicht aus Scham, sondern aus purer Freude über den besten Streich des Jahres. Bommel quiekt: „Ich kann nicht mehr“, während Astrid: „Ihr geht mir echt auf die Klöten“, schnauzt, obwohl ihr dafür leider die Voraussetzungen fehlen, was Bergi ihr sicherlich gleich mitteilen wird.
Bommel biegt sich derweil noch immer vor Freude, sodass Assi schließlich gegen ihren Willen auch grinsen muss. In diesem Moment kommt der echte Kaufhallen-Leiter Flade in einem versifften Dedoron-Kittel herausgestürmt und brüllt: „Was ist hier los? Verpisst euch, ihr Penner!“

Wir zischen ab und Tessi murmelt: „Der Typ heißt bestimmt Sigmund Jähn?“ „Warum?“ frage ich, obwohl ich den Witz schon kenne. „Er kennt sich mit leeren Räumen aus.“ Bommel quiekt dennoch wie ein Viertklässler.
Auf dem Rückweg entschuldigt sich Torsten bei Astrid und sagt dann: „Ey Assi, du hast ja Sperma aufm Pulli.“ Sie blickt geschockt an sich hinunter. Er schnippt ihr mit dem Finger unter die Nase und ruft: „Reingefallen!“
Am nächsten Tag wird Torsten in unsere Clique aufgenommen. Um 18 Uhr schließe ich den Alfclub auf und wenig später verlagern wir die Veranstaltung – inklusive einiger Mädchen – in Torstens Wohnung. Es entwickelt sich eine legendäre Party, von der ich nichts berichten darf, da wir uns das mit Indianer- und Pionierehrenwort geschworen haben. Was ich jedoch verraten kann: An jenem Abend, der in Chaos und kindlichen Sex-Experimenten endete, verlor Torsten seinen Spitznamen (und beinahe seine Unschuld). Genosse Gehorsam wurde unser Freund Torte.
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Zum Weiterlesen: “Leninplatz” von Mark Scheppert, 9,90 €

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