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Ein 7. Oktober mit dem Honeckerzombie – Kindheit in der DDR

13. Oktober 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

Ohne Palast der Republik
Es war ein herrlicher Herbsttag. Bei strahlendem Sonnenschein fuhr ich auf der Karl-Marx-Allee mit dem Fahrrad zur Arbeit und freute mich schon jetzt auf unsere Mittagspause, wo ich mich zusammen mit meiner lieben Kollegin Henna für eine Stunde in den kleinen Park gegenüber legen und die vielleicht letzten wärmenden Strahlen des Jahres genießen würde. Als ich an den zehngeschossigen Hochhäusern kurz hinterm Kino International vorüberkam, fiel mir etwas auf: An einem Fenster im fünften Stock eines der riesigen Betonblocks wehte eine einsame Fahne im Wind: eine DDR-Fahne. Ich fahre hier jeden Tag entlang und grübelte beim Weiterfahren, warum ausgerechnet heute jemand trotzig diesen alten Stofffetzen gehisst hatte. Kurz hinter dem Fernsehturm fiel der Groschen dann endlich. Heute war nicht irgendein belangloser Oktobertag. Es war der 7. des Monats, ein Tag, den ich eigentlich nicht so schnell hätte vergessen dürfen: Der 7. Oktober, der Gründungstag der Republik, war einer der wenigen gesetzlichen Feiertage in der DDR – der vielleicht wichtigste zudem.

Wir freuten uns eigentlich immer riesig auf freie Tage: Frei haben, das hieß lange ausschlafen, gemütlich frühstücken und gemeinsam an den Müggelsee fahren, wo es für alle ein „Steak au four“ in dem großen Gartenlokal mit den gemütlichen Holzstühlen am Wasser gab und nach einem kurzen Spaziergang in den Wäldern der Müggelberge noch ein Stück Kuchen oder ein Eis aus der Diele. Für den Vati gab es dann immer noch ein kühles Bier vom Fass für eine Mark und zwei.
Dazu ist es am 1. Mai und am 7. Oktober jedoch nie gekommen. Stattdessen hieß es für fast alle: früh aufstehen, am Genossen Erich Honecker vorbei über die Karl-Marx-Allee marschieren oder vor der Parade Spalier stehen. Das war unsere erste Bürgerpflicht.
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Als wir noch mit unserer Mutti, genau wie am 1. Mai, in der Brigade mitmarschierten, fanden wir es immer ganz toll, den Erich mal „in echt“ zu sehen. Ich stritt mich sogar mit Benny darüber, wen er angelächelt oder wem er gar zurückgewunken hatte. In der Aktuellen Kamera achteten wir abends darauf, ob wir irgendwo zu sehen waren. Wir hofften jedes Jahr wieder, dass sie ausgerechnet uns gefilmt hätten. Vater ging nach der Parade immer in seine Stammkneipe, das „Scheppert-Eck“, und überließ uns unserem Schicksal. Spätestens ab der 3. Klasse waren 1. Mai und der Geburtstag der DDR allerdings nicht mehr ganz so lustig. Obwohl die riesige Ehrentribüne nicht weit von unserer Wohnung stand, wurden wir zu unmenschlichen Zeiten geweckt, um pünktlich an der Sammelstelle unserer Schulklasse am Frankfurter Tor zu sein. Betriebsgruppen, Brigaden und Schulklassen trafen sich lange, bevor die Parade losging, an dieser riesigen Straßenkreuzung mit Blick auf die endlose Karl-Marx-Allee. Dann hieß es: Ruhe bewahren, abwarten und frieren. Leider waren wir eine DDR-Vorzeigeschule, denn während andere Kinder nur am 1. Mai selbst marschierten und am 7. Oktober lediglich den vorbeifahrenden Panzern, den Grenztruppen und Kampfgruppen der NVA mit Elementen in der Hand zuwinken mussten, bevor sie nach Hause liefen, war für uns noch lange nicht Schluss. Wir hatten die Ehre, so lange zu bleiben, bis auch die letzte Einheit im Gleichschritt vorbeistolziert war, durften sämtliche sozialistischen Brigaden mit ihren Losungen und die FDJ-Züge abwarten, bis unser Klassenlehrer, Herr Blase, endlich brüllte: „Klasse 5b sofort in Zweierreihen aufstellen. Es geht los!“
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Zentimeterweise stolperten wir vorwärts, inmitten von Hunderttausenden Berlinern. Es dauerte dann mehrere quälende Stunden, bis wir endlich diese trostlose Tribüne der alten Genossen erreichten, die ihrem Fußvolk – also uns – mühsam zuwinkten. Trotzdem war es eine Erlösung, schließlich am dauergrinsenden Erich Honecker mit seinem dicken grauen Mantel vorbeizumarschieren. Glückshormone wurden freigesetzt, denn jeder wusste: Jetzt habe ich es geschafft! Die tollen Panzer und die beeindruckend im Stechschritt laufenden Grenztruppen waren hier längst schon vorbeigezogen, und als auch wir vor den Herrschaften endlich sozialistisch salutiert hatten, entließ uns Herr Blase und wir standen verloren am Alex herum und überlegten uns, was wir mit dem Rest des Tages anfangen sollten. An unserem wichtigsten Feiertag waren die extra errichteten Buden und Verkaufsstände rund um den Alex jetzt heillos überfüllt, genau wie der Ketwurststand gegenüber vom Warenhaus. Mit platten Füßen kamen wir am späten Nachmittag nach Hause und waren trotz der Grilletta, für die wir uns stundenlang angestellt hatten, hungrig. So ging das jedes Jahr am 1. Mai und am 7. Oktober. Allerdings gab es auch Ausnahmen: 1985 erzählte ich meinen Eltern am Abend vor der großen Parade, dass sich unsere Klasse am nächsten Tag erst später treffen würde. Alles lief nach Plan. Ich wachte gegen 11.30 Uhr auf – meine Eltern und Benny marschierten längst auf der Karl-Marx-Allee. Ich legte mich vor die Glotze und schaltete zwischen ARD und ZDF hin und her. So stellte ich mir als 14-Jähriger einen Feiertag vor!
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Allerdings hatte ich nicht damit gerechnet, dass mein Vater genau an diesem Vormittag auf der riesigen Demonstration ausgerechnet meinen Klassenlehrer Blase traf, zusammen mit meiner fast vollzähligen Schulklasse. Ich war der einzige, der fehlte. Ich war ziemlich überrascht, als er gegen Mittag mit krebsrotem Kopf vor meiner gemütlichen Couch stand. Ich hatte meinen Alten selten so zornig gesehen. Ein Blick in seine Augen reichte aus und ich, das unsozialistische Kind eines Genossen und Majors der Volkspolizei, bekam richtig Angst. Es war zu befürchten, dass er mich aus dem Fenster des 9. Stockes schmeißen würde. Soll ich es Glück im Unglück nennen? Er schnappte nicht mich, sondern meinen schwarzen Annett Kassetten-Rekorder und klatschte diesen mit voller Wucht gegen die Kinderzimmerwand.
Ich stand unter Schock. Er hatte soeben etwas wirklich Wichtiges in meinem Leben zertrümmert und er wusste es. Große Tränen standen mir in den Augen. Keine „Schlager der Woche“ und „Hey Music“ auf RIAS und SFB mehr und die aufgenommenen Kassetten wieder und wieder hören – ich heulte plötzlich wie noch nie im Leben. Dieses unberechenbare Arschloch war nicht mehr mein Vater! Er wusste jetzt, dass er Scheiße gebaut hatte und auch, was er mir sechs Monate später als Ersatz für den Annett zur sozialistischen Jugendweihe zu schenken hatte: den nagelneuen RFT-Doppelkassetten-Rekorder für 1.500 Mark. Im Jahr darauf stand ich wieder brav mit meinem Winkelement in der Jubelmenge und huldigte Erich Honecker und seinen Genossen.

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Beim letzten 7. Oktober vor dem Mauerfall hatte ich diese Geschichte eigentlich längst vergessen. Dennoch lagen 1989 noch größere Welten zwischen mir und meinem Vater als zuvor. Ich war mittlerweile Abiturient der 12. Klasse mit heiß diskutierenden Mitschülern, die sich in Kirchen trafen, um neue Ideen auszutauschen, kritische Artikel verfassten und zum Teil in geheimnisvolle neue Foren eintraten. Einige waren über Ungarn abgehauen. Mein alter Herr war nach wie vor beim SC Dynamo Sportfunktionär, wo man die Dinge in Ungarn ungern sah. Die DDR wackelte und unsere Familie gleich mit.
Es war später Herbstnachmittag an diesem Feiertag, ich hatte diesmal wieder ausgeschlafen und traf mich mit Matze, Otmar und Bernd in den letzten Sonnenstrahlen am Alexanderplatz. Die Jungs hatten munkeln hören, dass hier heute etwas los wäre. Was genau, wusste eigentlich niemand. In der Mitte des Platzes in der Nähe der Weltzeituhr versammelten sich allmählich etwa 500 Leute. Es kam mir vor, als hätte sich hier eine Truppe von Rowdys und Krawalltouristen getroffen, die endlich einmal zeigen wollten, dass nicht nur in Leipzig und Dresden die Post abging. Obwohl es ein Samstag war: Dies sollte scheinbar Berlins erste Montagsdemo werden! Die kleine Meute brüllte ununterbrochen: „Schließt Euch an!” Trotzdem war es weiterhin ein erbärmliches Häuflein – weit entfernt von den Menschenmassen, die angeblich in Sachsen auf die Straße gingen. In Berlin war in dieser Hinsicht am wenigsten los. Warum, konnte ich auch nicht sagen. Ein paar Leute riefen fast schüchtern: „Freiheit, Freiheit“.
Einige rollten Transparente aus, und eine kleine Gruppe begann, neue Parolen anzustimmen. „Gorbi, Gorbi!“, „Gorbi hilf uns!“ und „Wir sind das Volk!“, brüllten sie in der Hoffnung, dass die anderen mit einstimmten. Doch nicht alle folgten der Aufforderung; viele beobachteten die Szenerie nur äußerst aufmerksam. Heute denke ich, dass zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich die Hälfte der Anwesenden die Veranstaltung unterwandert hatte. Genossen vom Innenministerium lagen in Zivil auf den Dächern der angrenzenden Häuser. Ich konnte sehen, dass dort oben mehrere Beobachter mit großen Kameras standen.
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Doch auch ohne Handy – also durch den „Buschfunk“ – strömten nach und nach immer mehr Menschen auf den Alex. Angesteckt von meinen Jungs brüllte auch ich mittlerweile: „Schließt Euch an!“ Einige zeigten den Stinke- oder die gespreizten Victory-Finger in Richtung der Aufseher auf den Dächern. Ohne erkennbares Zeichen setzte sich der Tross in Bewegung. Es ging zum Palast der Republik. Aus dem Restaurant „Schwalbennest“ beobachteten uns komische Vögel, und gleichzeitig, in „Erichs Lampenladen“, tagten und feierten die obersten Genossen und eingeladenen Staatsgäste den 40. Jahrestag der Gründung unserer DDR bei voller Beleuchtung.
Auf Höhe der Spree, die wie eine künstliche Mauer vor dem „Palazzo Prozzo“ floss, kamen wir zum Stehen. Vor der Brücke am Nikolaiviertel standen hunderte von Volkspolizisten und riegelten den Zugang ab. Immer lauter wurden die Gesänge und Rufe der Menge. Inzwischen mochten wir schon 3.000 Leute sein. Den Polizisten stand die Angst ins Gesicht geschrieben. Zum ersten Mal trafen in Berlin Staatsmacht und Volk so geballt aufeinander. Keiner wusste, was geschehen würde.
Matze war unser Mann in vorderster Front. Er provozierte und beschimpfte die Arm in Arm eingehakten Beschützer aufs Übelste. Plötzlich begannen er und ein paar andere Kerle, mit voller Kraft gegen diesen menschlichen Wall, der die wenigen Oberen vor ihren vielen Untergebenen schützen sollte, anzurennen. Die ersten Angriffe wurden mit Schlagstöcken abgewehrt. Da ertönte aus dem Pulk der Demonstranten eine Parole in Richtung der Palastwächter, die wie eine doppeldeutige Drohung klang. Sie kam aus mittlerweile tausenden Kehlen: „Wir bleiben hier! Wir bleiben hier! Wir bleiben hier!“ Mir liefen kalte Schauer über den Rücken.
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In den Augen der Polizisten sah ich eine bedrohliche Mischung aus Angst und Hass, hinter der ersten Reihe sprang jetzt eine zweite Garde von einem LKW. Diese Jungs hatten große Kalaschnikows in den Händen. Alle Protestierer wichen augenblicklich zurück, und der Kommandeur auf der anderen Seite war plötzlich mit seinen gebrüllten Befehlen wesentlich lauter als die 3.000 Leute des Volkes. Ich spürte, dass sich in diesen Augenblicken die Geschichte unseres Landes entscheiden würde. Und mein Gefühl sagte mir, dass sie gleich in die Massen ballern würden.
Mit schlotternden Knien ging ich zu den anderen und sagte, dass ich nicht hier bleiben würde. Wir sahen uns verängstigt an und keiner nahm es mir übel. Zusammen mit Otmar war ich innerhalb von dreißig Sekunden aus der Gefahrenzone.
Mein Vater war zu gleicher Zeit von seiner Behörde in ständige Alarmbereitschaft versetzt worden, mit Ausgabe von Uniform und scharfer Pistole. So kitschig wie in manchen deutschen Spielfilmproduktionen auf RTL oder SAT1: Wenn es zu einer ernsthaften Eskalation gekommen wäre, hätte ich unter Umständen wirklich meinem Vater gegenübergestanden oder er hätte die wesentlich mutigeren Matze und Bernd erschießen können.
Hat er aber nicht! Und das war die wirklich sensationell gute Nachricht an diesem 7. Oktober 1989. Die Leute, die vor Honeckers Regierungspalast standhaft geblieben waren, hatten den Sieg davon getragen. Die Bilder der wütenden Demonstranten gingen um die Welt und trotz späterer Prügelorgien der Stasi und Volkspolizei und allerlei Festnahmen gab es keinen Schießbefehl und keinen einzigen Toten.
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Der Arbeitstag 19 Jahre später ging friedlich vorüber und nichts erinnerte mehr an die Zeit vor so vielen Jahren. Mit meiner Kollegin Henna diskutierte ich lange auf der Wiese, ob man verschwundene Feiertage eigentlich ein Leben lang vermissen würde. So wie eine innere Uhr einen schon immer Wochen vorher spüren lässt, dass bald Weihnachten ist, sticht es bei jedem anständigen Ossi am 7. Oktober im Herzen. Obwohl Henna aus Heidelberg kommt und selbst den 17. Juni verloren hatte, kannte sie dieses Gefühl scheinbar nicht. Auf dem Rücken liegend, schaute sie grübelnd in den strahlend blauen Himmel und fragte mich: „Meinst du denn nicht, dass es auch einen Himmel für verlorengegangene Feiertage gibt und gerade jetzt vor einer rostigen Ehrentribüne zigtausende untote Genossen an einem Honeckerzombie in dickem grauen Mantel vorbeimarschieren?“ Ich rollte mich zu ihr hinüber und rief grinsend: „Henna, Scheppert! Sofort in Zweierreihen aufstellen. Es geht los!“
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Als ich abends an den Häusern der Karl-Marx-Allee vorbeikam, war die einsame DDR-Fahne, die hier heute früh baumelte, verschwunden. Ich steckte mein Fotohandy wieder ein und dachte: „Dann gibt es das Bild eben nächstes Jahr.“ 2009, zum 60. Geburtstag der Deutschen Demokratischen Republik. Mit eigener Fahne!

Zum Weiterlesen im Buch Mauergewinner

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Ungarn-Urlaub in der DDR 1986 zur Jugendweihe

30. Juli 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

Hungarn wirAn meinem 15. Geburtstag gehen wir in den Palast der Republik, wo wir an einem Tisch im Palastrestaurant platziert werden. Während sich Benny nach stundenlangem Studiums der Karte dann doch nicht für das „Braumeister-Steak“, sondern wie üblich fürs „Steak-au-four“ entscheidet, trinke ich mit Vater bereits meine zweite Tulpe Wernesgrüner. Seit der Jugendweihe bestellt er immer Bier für mich mit. Ein Statement – das muss man ihm lassen. Mutter hat sich für Rosenthaler Kadarka und Gulasch entschieden, was sie komischerweise daran erinnert, als junge Frau – also vor sehr vielen Jahren – mal in Ungarn gewesen zu sein. Doch mein Alter unterbricht ihre Schwelgerei und ruft mir zu: „Da wolltest du doch auch schon immer mal hin, oder?“
Blöde Frage: Ungarn hat im Gegensatz zu allen anderen Bruderstaaten eine magische Anziehungskraft, denn dort kann man die Dinge aus dem Werbefernsehen nicht nur sehen und anfassen, sondern auch kaufen. Levis-Jeans, Camel-Zigaretten, Nike-Turnschuhe, Walkman, Ghettoblaster, Schallplatten, Bravo-Zeitschriften, Glitzersteine und Sticker – einfach alles, was das Herz begehrt. „Logo“, antworte ich gelangweilt, da ich ihm schon oft erklärt hatte, dass ich es nicht gerade witzig finde, mit 15 Jahren erst in drei Ländern gewesen zu sein: in der DDR, in der CSSR und in Polen nur, weil Benny und ich unerlaubt zwanzig Meter über die Grenze auf der Schneekoppe geflitzt waren.
„Okay, nächste Woche geht‘s los. Wir fahren für ein paar Tage nach Budapest“. Der Satz trifft es mich wie ein Schlag in die Magengrube und Benny verschluckt sich an der Club Cola. „Echt jetzt?“, brüllen wir im Chor – doch an Mutters seligem Grinsen hinter der Gabel voller Szegeginer Gulasch erkenne ich: Das ist kein Scherz. „Köszönöm heißt Danke“, murmelt sie und meint damit wohl, dass ich mich nun artig zu bedanken hätte. „Kriegen wir noch einen Pittiplatsch- oder einen Bummi-Eisbecher? Köszönom!“, antwortet mein Bruderherz spontan. Alle lachen.
Ich bin extrem begeistert, auch weil Vater über Beziehungen reichlich Berechtigungsscheine zum Umtausch von Mark in Forint besorgt, denn insgesamt dürfen eigentlich nur 2.650 Forint (knapp 440 Mark) pro Person im Jahr gewechselt werden. Endlich kann ich mein nutzlos herumliegendes Jugendweihe-Geld sinnvoll verbraten. Und obwohl auch Mutter durch diese Zettel der Staatsbank der DDR abgesichert ist, schmiert sie am Tag vor der Abreise einen monströsen Stullenberg.

Früh um 5 Uhr haben wir auf dem Parkplatz allerdings „die Brille auf“, wie mein Alter zu sagen pflegt, wenn es ein Problem gibt. Wir stehen vor dem Trabi und sehen, dass kein einziges Gepäckstück mehr in den kleinen Flitzer passt. Im Kofferraum ist jeder Zentimeter ausgefüllt (wobei ich auf die Kiste Bier verzichtet hätte) und auch auf der Rückbank und der Ablage stapeln sich schon Taschen und Beutel. Mutter schleppt vier dicke Pullover und unsere Anoraks wieder nach oben, obwohl sie da noch nicht wissen kann, dass heute der heißeste Tag des Jahres werden wird.
Vater hat gerade ein Kampfgewicht von 110 Kilo und auch seine Frau ist ja eher rundlich. Als sich dann auch noch ihre beiden dicken Kinder hinten hineinquetschen, wiegt das Auto sicher doppelt so viel wie bei Werksauslieferung in der Rummelsburger Straße.
An der Grenze zur CSSR stehen wir im längsten Stau unseres bisherigen Lebens. Da man beim Trabi die Fenster hinten nicht herunterkurbeln kann, bekommen wir bei fast 40 Grad kaum Luft und gieren nach dem von Mutter gemachten, längst lauwarm gewordenen, Eistee. Wir träumen von Ungarn und malen uns eine eiskalte Coca Cola an den Ufern der Donau aus, denken an Budapest mit Hotdog-Ständen an denen Würste in champagnerbeigen Senf gebettet werden. Doch dazu wird es heute nicht mehr kommen. Nach zehn Stunden Fahrt im Backofen hat Vater die Nase voll und verlässt in Brno die Autobahn. Er kennt sich hier durch diverse Radrennen ganz gut aus und steuert zielsicher eine Plattenbausiedlung an. Dort wohnt ein tschechischer Trainerkollege, der natürlich noch nicht daheim ist. Wie peinlich: fast zwei Stunden sitzen wir wie Asoziale im stockdunklen Treppenhaus, essen mitgebrachte Hackepeter- und Specksstullen und warten auf diesen Herrn Svoboda.
Vielleicht war es ja doch ein geplanter Zwischenstopp, denn der Typ freut sich, dass wir bei ihm pennen und verschwindet, nachdem man uns vor den Fernseher verfrachtet hat, sofort mit meinen Eltern ins benachbarte Hochhausrestaurant. Das ist okay, denn neben den zwei tschechischen Sendern, ARD und ZDF haben die hier auch zwei österreichische Programme und eines aus Bayern. So eine Vielfalt – und dann noch in Farbe – haben wir noch nie erlebt. Wir bleiben bis Sendeschluss gebannt vor der Kiste sitzen, was ungefähr mit der nächtlichen Kneipenschließung einhergeht.
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Am nächsten Tag geht es mit leicht verkaterten Eltern und Kindern mit viereckigen Augen bei brüllender Hitze weiter in Richtung Ungarn. Doch kurz vor der magischen Grenze beginnt plötzlich eine der wenigen elektronischen Leuchten im Trabi zu blinken. Vater fährt hektisch auf einen Rastplatz. Wir kommen an die frische Luft und ich lerne wieder einmal etwas dazu. Statt die Motorhaube zu öffnen oder nach dem Wartungshandbuch zu suchen, steigt er aus und geht sofort zu einer Gruppe quatschender Männer. Kurze Zeit später stehen zwei bedeutungsschwer diskutierende Kerle um unser Auto. Mein Vater lehnt derweil mit den Händen in den Hüften, an der Fahrertür und spornt die Jungs freundlich an, den Fehler zu finden. Ich weiß nicht, was das Problem war, nur, dass die hilfsbereiten Menschen namens Ede und Michel jeder zehn Mark bekommen und wir weiterfahren können. Ich muss zurück in den Backofen und ahne nun, wie man ein Auto repariert, wenn man Scheppert heißt.
Leider fahren wir aus Kostengründen noch einmal an eine Tankstelle und müssen dort und später an der Grenze zu meinem Land Nummer 4 wieder ewig warten. Doch nach dem letzten Schlagbaum erfasst mich ein Gefühl der grenzenlosen Freiheit, welches ich mir für immer im Leben bewahren möchte. In Ungarn weht ein laues Lüftchen und auf gut geteerten Straßen erreichen wir endlich die sagenumwobene Stadt an der blauen Donau.
Das Quartier bei Privatleuten hatte Mutter organisiert und nun wird es lustig: Sie meint sich nach gut zwanzig Jahren noch an die Straßenverläufe erinnern zu können, was leider nicht stimmt, da sie Vater von einer Einbahnstraße in die nächste Sackgasse lotst. Der ist in solchen Situationen nicht sonderlich entspannt, zumal er stark unterhopft wirkt und das erste ungarische Bier herbeisehnt. Während sich die Alten vorne anschreien, pieke ich mein Brüderchen in den Bauch und liefere mir ein Wortgefecht: „Du stinkst ja wie die Pest“ „Und du wie Buda“. Wir machen uns darüber lustig, dass unsere Alten nicht einmal wissen, in welchen Teil der Stadt wir überhaupt müssen. Irgendwann hat Vater die Schnauze voll, hält mitten auf einer viel befahrenen Kreuzung und fragt einen Verkehrspolizisten nach dem Weg. Es werden fünf weitere Befragungen von Passanten folgen bis wir am Ziel der Reise sind. Das Klima im vorderen Teil des Trabis ist mittlerweile – trotz 34 Grad – frostig.
Das Haus ist ganz alt, mit verschnörkelten Wänden und hohen, stuckverzierten Decken. Wir Kinder aus dem Neubau-Block wissen das natürlich nicht zu würdigen. Auch nicht, dass die Gastwirte extra für uns das Schlaf- und Jugendzimmer geräumt haben und nun drei Nächte auf der Wohnzimmercouch campieren. Benny ärgert das, weil dort der Fernseher steht. Doch der sendet nur in Schwarz-Weiß und ich möchte sofort hinunter in die farbefrohe West-Welt. Bis wir endlich aufbrechen, trinkt Vater „Schluckspecht“ mit dem Opa zwei Pálinka-Schnäpse, während die ältere Dame fünfmal mit der Hand durch meine Haare fährt und in gebrochenem Deutsch murmelt: „Was für ein schönes Kind. Wie mein Attila.“ 15jähjrige Jugendliche können das besonders gut leiden. Vor der Tür erklärt mir Mutter, dass deren einziger Sohn 1956 mit 18 Jahren gestorben sei und ich ihm wohl sehr ähnlich sehe. Trotzdem kein Grund mich so zu betätscheln. Schmuseäffchen Benny wird von mir ab sofort dafür eingeteilt; auch wenn er kein so schönes Kind ist, was ich ihm sofort mitteilen muss. Mutter verpasst mir ein Backpfeife und brüllt: „Natürlich! Benny ist noch viel hübscher“. Benny juchzt, ich grinse und Vater zwinkert mit verschwörerisch zu.
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Schwein gehabt, wir wohnen in „Buda“ und gar nicht mal weit entfernt von der Donau. Doch für den riesigen Fluss und die ihn überspannenden Brücken haben wir keinen Sinn, da uns ausschließlich die knallbunten Auslagen der Geschäfte interessieren. Direkt neben unserem Haus gibt es einen Laden mit kuhlen Adidas, Nike- und Reebok-Klamotten. „Komm mal. Sowas haste noch nicht gesehen“, zerren wir an Vater. Doch der will ein Frischbier und vertröstet uns auf morgen. Unter dem Bogen einer für Mutter berühmten Kettenbrücke, wobei sie in den nächsten Tagen alles „berühmt“ oder „weltberühmt“ betitelt – entdecken wir einen Imbisstand. Vater spendiert uns zwei eiskalte Coca Cola und „Paros virsli mustar a szemle“, oder so ähnlich, denn aus Ungarisch werden wir – trotz Russischunterrichts – nicht schlau. Der Hotdog ist trotzdem – wie der erste Eindruck von dieser Stadt – zum Weinen fantastisch!
Außerdem kostet die Cola umgerechnet nur 10 Forint und die Wurst im Brotlaib 20. Das ist ja alles bezahlbar, wobei wir fürs Abendbrot trotzdem zurück in die Bude geschliffen werden. Dort ist Vaters mitgebrachtes Gastgeschenk (Berliner Pilsner) nun kalt und auch die Teewurst-Schrippen haben sich im Kühlschrank ein wenig erholt. Es sind die letzten dieser Tour. Für Morgen wird uns echtes ungarisches Gulasch im Restaurant versprochen.
Am Abend machen wir noch einen kleinen Ringel. Die komplette Stadt scheint zu leuchten. Die Uferpromenade, die Brücken, die Ausflugsdampfer, die Werbetafeln auf den Häuserzeilen, die Reklamen der Geschäfte, die Taxis, die Busse, die Metroeingänge – einfach alles. Im RIAS habe ich Moderatoren schon öfter mal vom grauen, finsteren Ostberlin reden hören. Heute habe ich erstmals eine Vorstellung davon, was sie damit gemeint haben könnten. Budapest fetzt! Urst! Ein!
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Am Morgen gibt es dennoch Stress. Obwohl wir uns in der perfekten Konsumgesellschaft befinden, in der man einfach alles kaufen kann, gibt es zum Frühstück nur Brötchen mit Marmelade oder Honig und danach will Mutter auch noch auf Sehenswürdigkeits-Tour gehen, wohingegen wir natürlich die Kauftempel der Stadt plündern wollen. Wir einigen uns auf einen Kompromiss: Benny und ich haben bis Mittag Ausgang. Wir treffen uns erst um 13 Uhr an dieser Würstchenbude wieder. Zunächst denke ich, die Alten wollen uns verarschen, doch die Gastwirtin streichelt Benny über die Omme und versichert dabei, dass die Geschäfte hier wirklich alle auch am Sonnabend geöffnet haben.

Aufgrund der Kürze der Zeit, aber auch weil mein Forint-Vorrat keinen Kleiderschrank füllt, muss ich in den Boutiquen meine Kaufhallentaktik anwenden. Es wird immer ein – durchaus hochwertiges – Stück gekauft und eines geklaut. Benny bekommt von alledem nichts mit und ist mit seinem naiv-drolligen Gesichtsausdruck vielleicht sogar ein ganz gutes Alibi. Eine dunkelgraue Levis, ein weißer Nike-Pullover, blau-weiße Converse-Schuhe und ein schwarz-rotes „Bad Boys“-Shirt landen so in meinen Einkaufstüten, wobei ich nur für die Hose und die Treter bezahlen muss. Benny erwirbt Sticker von „Franky Goes To Hollywood“, „Kim Wilde“ und „Sandra“ und ich spendiere ihm, da der Spasti kaum Geld dabei hat, ein günstiges Nicki mit einer Werbung von „Honda“. Noch nie haben wir so viele Sachen gesehen, die wir brauchten. Im Plattenladen greife ich dann nochmals tief in die Tasche und hole mir die „Black Celebration“ von „Depeche Mode“ und „Standing on a Beach“ von „The Cure“. Obwohl ich fast alle Songs auf Kassette habe, kann ich damit zu Hause richtig einfetzen. Goldstaub ist gar kein Ausdruck. Die Scheiben kosten zusammen 500 Forint (83 Mark), allerdings könnte ich sie im Plänterwald sicher für das Fünffache verkaufen – was natürlich nie und nimmer geschehen wird. Benny hilft mir beim Tragen und vollbepackt wie zwei DDR-Esel erreichen wir den Imbiss von gestern Abend.
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Vater nippt genüsslich am Fassbier und Mutter schlägt sich die Hände vor den Mund als sie uns kommen sieht. „Ihr habt ja halb Budapest leergekauft“, ruft sie, wobei auch vor ihr zwei Einkaufstaschen voller Westklamotten auf dem Boden stehen. Ich habe meine rot-schwarz längsgestreifte „Lee“ an, die mir Oma mal mitgebracht hatte. Die Röhrenjeans fühlt sich heute wie eine Spendierhose an, vor allem, weil ich sie nun auch mal mit der „Levis“ wechseln kann. Ich gehe an den Kiosk und bestelle vier dieser „Paros Wüschtli Mustafa“. Den Preis zeichnet mir der Verkäufer auf: 160 Forint. Eine Matheschwäche habe ich nicht. „Nee Genosse Towarisch, 80!“ Ich lasse mir den Kuli geben, um es aufzuschreiben, denn gestern hatte ja eine nur 20 gekostet. Doch er beharrt auf dem Wucherpreis, bis ich meinen Vater heranwinke. „Mark, mein Bier hat auch schon das Doppelte gekostet. Morgen ist hier Formel-1-Rennen.“ „Was hat denn das mit den Hotdogs zu tun?“, frage ich entsetzt. „Junge, schon mal was von freier Marktwirtschaft gehört?“, mischt sich eine Frau neben mir plötzlich ein. „Was will die Olle denn jetzt?“, flüstere ich meinem Vater zu, der gerade die noch fehlenden Forint hinter die Theke schiebt. Die Frau wedelt mit einem 10 DM-Schein.
‚Der Kapitalismus ist eine Gesellschaft der Ausbeutung‘, kommen mir die ständig gebrüllten Worte unserer Staatsbürgerkunde-Lehrerin Frisch in den Sinn. „Wegen eines beschissenen Autorennens verdoppelt Watzlav hier gleich mal die Preise“, schimpfe ich. Doch Vater, der sich noch ein zweites überteuertes Bier geleistet hat, antwortet, als könne er Gedanken lesen: „Nur der Kommunismus kann die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen beseitigen, Prost!“ Darüber kann auch ich dann wieder ablachen.
Im ehemaligen „Attila-Zimmer“ breiten wir stolz unsere Einkäufe auf dem Bett aus. Die Wirtin kriegt sich fast nicht mehr ein und ich staune, dass Benny einen Beutel voller Glitzersteine hat mitgehen lassen. Er grinst mich verstohlen an, während ich bereits überlege, mir damit „DEMO“ auf die Jacke zu pinnen. Eigentlich brauche ich jetzt nur noch Kleinkram, wie Kassetten, Camel und eine Bravo, die es hier an jeder zweiten Ecke zu kaufen gibt.
Nach einem Stadtbummel laden uns die Eltern – wie versprochen – in ein uriges Lokal in der Altstadt ein. Im Land des „Gulasch-Kommunismus“ werden wir am Einlass gefragt: „Deutsch oder DDR?“, und dann vom Objektleiter in die hinterste Ecke des Ladens verfrachtet. Die Stadt ist wegen des ersten Formel-1-Rennens am Hungaro-Ring voll von Deutschen, die jedoch von den Ungarn in zwei Kategorien eingeteilt werden. Reisen bildet!
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Zum Frühstück gibt es diesmal zwar U-SA (Ungarische Salami) aber ansonsten scheinen wir nun wirklich DDR-Betteltouristen zu sein, die trotz Metro alles ablaufen und die das noble Hilton Hotel nur von außen bestaunen dürfen. Danach erklimmen wir den Gellertberg und dessen Zitadelle, nur wegen der „fantastischen Aussicht“ bis wir endlich das „weltberühmte“ Gellert-Bad erreichen. Mutter die Sonntagsroute zu überlassen, war keine gute Idee.
Vor dem Eingang stehen hunderte mumienartige Frauen in der prallen Sonne an, um ihre verschrumpelten alten Körper in Heilwasser zu tunken. Darauf haben wir echt keine Böcke.
Also zurück. In umgekehrter Richtung wandern wir an endlosen Straßenzügen entlang, bis wir die Margareten-Brücke und die im Fluss befindliche Margareten-Insel erreicht haben. Wir lechzten nach einem Eis und vor allem wollen wir nun endlich baden gehen. Auch das hiesige Palatinus-Bad kennt unsere Mutter wie aus dem Nähkästchen, obwohl sie zuletzt vor zwanzig Jahren dort gewesen war. Ununterbrochen schwärmt sie von den riesigen Schwimmbecken, den großen Liegewiesen und vom einzigartigen Wellenbad. Das ist zwar alles noch da, aber vollgestopft mit tausenden Menschen. Hier scheinen es eher Mütter mit drei kreischenden Gören zu sein. „Alle anderen Männer sind beim Grand-Prix“, nörgelt mein Vater, obwohl er sich absolut nicht für Autorennen interessiert.
Richtig schlimm wird es erst im Wasser. Die Konstruktion des Wellenbades ist wahrscheinlich von 1937 und nichts im Vergleich mit unserem hochmodernen SEZ in Friedrichshain, welches die Schweden vor kurzem erbaut hatten. Die Wellen kommen nur einmal jede Stunde, sind popelig oder durch die Massen nur zu erahnen. Völlig arschlos!
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„Mark, Benny, ist das nicht schau? Benny, gleich kommt die nächste Welle. Mark, ist das nicht schau hier?“, brüllt meine Mutter ohne Unterlass. „Nein, lass los. Das ist die letzte Scheiße!“, rufe ich, doch sie krallt sich regelrecht an mir fest. Ich weiß mir nicht anders zu helfen, als sie grob wegzustoßen und treffe dabei versehentlich ihr Gesicht. Das hat mir gerade noch gefehlt, denn nun beginnt meine Mutter auch noch zu heulen. Das wird Vater überhaupt nicht gefallen, der gerade in der Schlange vor dem Bierstand versackt ist. Nicht nur deshalb entschuldige ich mich auf dem Weg zum Handtuch mehrmals und erkläre ihr das Berlin-Budapest-Wellenbad-Ding noch einmal genau.

Und plötzlich beginnt meine Mutter ganz unerwartet mit tränennassen Augen zu erzählen …
… dass ihre erste große Liebe ein Ungar namens Laszlo gewesen war, mit dem sie die drei schönsten Wochen ihres Lebens am Balaton und in Budapest verbracht hat. In diesem Wellenbad haben sie sich das erste Mal geküsst. Ich staune mit offenem Mund und überlege sogleich, was mit einem ungarischen Vater alles möglich gewesen wäre. Allein Klamottentechnisch.
Mit 15 Jahren nehme ich meine Mutti erstmals ohne Scham oder ein Gefühl des Unwohlseins in die Arme. Diese Reise wird mir nicht nur deshalb sehr lange in Erinnerung bleiben und vielleicht werde ich in 30 Jahren einmal darüber berichten?!
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Zum Weiterlesen: Berlin Leninplatz
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DDR-Leckerbissen

11. Oktober 2010 | von | Kategorie: Blog

GBAm 10.10.2010 haben nun die Pforten des DDR-Restaurants “Domklause” in Berlin Mitte geöffnet. Die Idee dazu hatten die Leute des DDR-Museums, welches sich genau daneben befindet. Wie oft haben mich schon Freunde und Besucher von außerhalb gefragt, wo man denn eine “Ketwurst”, eine “Grilletta”, oder einen “Goldbroiler” mit Sättigungsbeilage essen kann.
Hier gehts zum DDR-Restaurant

…das Wort “Leckerbissen” animierte mich zu folgender Geschichte:

Die Meerschweinchen tragen in Peru lustige Hüte! Vor zwanzig Minuten hatte es in der Küche fürchterlich gequiekt und gerade beschwert sich Göte meckernd beim Kellner, dass bei seinem Cuy, wie die gegrillten Kuscheltiere hier genannt werden, die Karotten-Krone fehlt. Noch immer denke ich ein wenig pikiert an unseren wuscheligen Otto, mit dem Benny und ich in unserer Kindheit so gerne gespielt hatten. Jenna verlangt nach der scharfen Soße. „Schmeckt ein bisschen wie Kaninchen“, ruft Matze mit vollem Mund und nickt mir aufmunternd zu. „Mann, seid ihr ein paar Fleischnazis. Das arme Ding“, antworte ich und steche zögerlich die Gabel in einen Schenkel. Das niedliche Vieh, scheint mich mit traurigen Augen zu fragen: „Warum?“
Otto-Buch

Wir befinden uns in einem Restaurant in Cusco, einer Stadt in Peru, welche für die Inka noch der „Nabel der Welt“ gewesen war. Doch Spanische Eroberer hatten sie vor knapp 500 Jahren erobert, überrannt, niedergebrannt und jedes einzelne Gebäude überbaut. Lediglich die gewaltigen Steine einer „Mauer“ – welch Parallele zu einem anderen Land – des ehemaligen Inka-Palastes, waren als Mahnmahl einer besiegten Kultur übrig geblieben. Wie hatte es hier bloß früher einmal ausgesehen? Ich versuche es mir vorzustellen:

Der kleine Roca sitzt neben seinem Vater auf dem belebten Marktplatz, ganz in der Nähe des großen Sonnentempels. Es war ein guter Tag gewesen. Sie hatten acht der weißen, langhaarigen Meerschweinchen und sechs der gescheckten glatten verkauft. Mutter wird sich sehr freuen, wenn sie sieht, wie viel Maismehl, Bohnen und Kartoffeln sie dafür bekommen hatten. Später waren sogar noch zwei hungrige Priester gekommen und so hatten sie zwei der Tiere vor Ort schlachten, häuten und ausnehmen müssen. Im Feuer der Manchilla müssten sie nun langsam gar sein.
In der Mittagshitze leert sich der staubige Platz allmählich. Nebenan werden Kokablätter in große Körbe gepackt, die Alpaka-Wollhändler räumen langsam zusammen und die Flötenspieler haben sich gar schon im Schatten des großen Palastes von Viracocha niedergelassen. Über ihnen funkeln die goldenen Platten des Hauptportals im Lichte der hoch stehenden Sonne.
‚Wie gern würde ich dort einmal hineingehen’, denkt Roca traurig. Niemand den er kannte, nicht einmal sein Vater, war jemals im Inneren des heiligen Tempels gewesen. Doch jeder wusste, dass in einem, ganz und gar aus Gold bestehenden Raum, die heilige Sonnenscheibe der Götter aufbewahrt wird und im silbernen Nachbarraum, die Scheibe des Mondes. Vater hatte ihm erklärte, das jenes Gold, die „Schweißperlen der Sonne“ und das Silber „die Tränen des Mondes“ sind.
Sein Vater war so klug! Als sie nach dem letzten Opferfest durch den heiligen Garten gelaufen waren, konnte er zu all den Tieren, die dort mit riesigen steinernen Köpfen nachgebildet sind, etwas sagen. Der Puma bedeutet Krieg, der Jaguar Macht, die gefiederte Schlage steht für Weisheit, im Gegensatz zur großen grauen Schlange, die den Geiz verkörpert. Das Alpaka bedeutet Wärme und der Kondor steht für eine Botschaft. Der kleine Roca hatte sich das alles gemerkt.
Erst heute fällt ihm auf, dass es dort gar kein Meerschwein gegeben hatte und er deshalb seinen Vater auch nicht gefragt hatte, welche Bedeutung es hat. Vorsichtig tippt er ihn an die Schulter: „Du Papa, für was steht…“

Foto by A. Hoppe

Foto by A. Hoppe

Mist! Irgendwie komme ich an dieser Stelle nicht weiter. Also anders:

Es gibt zwei Wörter, die ich niemals in meinen Texten verwenden wollte: nett und lecker! Auch nicht als Substantiv.
„Nett“ ist die Koseform von Scheiße und „lecker“ steht für das Unvermögen der Menschen, sich vernünftig auszudrücken. Ich kenne niemanden der „nett“ ist und bei keiner Speise, oder einem Getränk würde es mir in den Sinn kommen, sie als „lecker“ zu bezeichnen. Niemals!
Nicht mal in Dialoge anderer Protagonisten würde ich diese Adjektive einbauen. So redet einfach niemand, oder habt ihr schon mal jemanden sagen hören: „Das war ja ein mal netter Berliner Busfahrer, der hat uns sogar Leckerbissen angeboten.“ Merkt ihr was? Kein Berliner Busfahrer ist „nett“ und er bietet schon gar nicht „Leckerbissen“ an. Das ist gequirlter Käse!
Oder einer meiner Freunde würde in einer Story zu mir sagen: „Das war aber echt nett von dir, ich lade dich im Rockz noch auf ein lecker Bier ein“. Hey! Ich bin verdammt noch mal nicht „nett“ und wir tauschen in meiner Stammkneipe auch keine „Nettigkeiten“ aus. Süffiges Becks und Staropramen kann man dort bestellen, aber kein „leckeres“. Nein, ich habe keine „netten“ Kolleginnen mit „leckeren“ Hintern. Und auch Euch Leser würde ich niemals als „nett“ bezeichnen, welches an „leckerem“ Öko-Bier nuckelt. Wirklich nicht!
Vielleicht ist es wieder einmal nur eine Frage der Herkunft. Im Osten gab es die Begriffe „nett“ und „lecker“ einfach nicht. Da war jemand „duffte“, „knorke“ oder „fetzte urst ein“ und auch ein Essen konnte „duffte“ und „knorke“ schmecken, oder „fetzte manchmal urst ein“. Astrein, genial und cool kamen später noch dazu.
Und im Westen? Ich konnte ARD und ZDF früher immer empfangen und weis daher, dass die Jogurts in den Werbepausen vormals „cremig“ oder „fruchtig“ waren.
Doch genau hier habe ich es irgendwann zum ersten Mal gehört. Zwei braungebrannte 25jährige Schönheiten, die in einer mondänen 45 Quadratmeterküche, deutsche Durchschnitts-Hausfrauen mimen – natürlich kommen sie gerade vom Joggen und präsentieren die Bikini-Titten – löffeln an einer quarkartigen Speise. Die eine: „Voll nett eure neue Küche.“ Die andere: „Und der Jogurt?“. „Voll lecker!!!“ Sorry, mir wird schlecht – ich muss gleich kotzen.
Kann denn diese scheiß Nobelküche nicht hinreißend, bezaubernd, stilvoll, angenehm oder meinetwegen auch fesch aussehen? Warum sagt die alte Ziege: „Voll nett?“ – was meint sie damit? Richtig schlecht? Sonst hätte sie ja „ganz nett“ gesagt, wenn es einfach nur nichts Besonderes wäre. Und warum in Gottes Namen darf dieser bescheuerte Jogurt denn nicht munden, köstlich, delikat, herrlich, wunderbar oder einfach nur gut schmecken? „Voll lecker“, so eine gekünstelte Sprache. Wir verblöden immer mehr! Ich schmeiß meine Kiste irgendwann hochkant aus dem Fenster. Volle Kanne!
Scheinbar sind es tatsächlich deutsche Adjektive dachte ich zunächst, denn weder im Englischen, Spanischen oder Russischen habe ich entsprechende Herleitungen gefunden. Kommt mir jetzt bitte nicht mit „nice“ für „nett“ oder „rico“ für „lecker“, nur weil ein oder zwei Buchstaben dieselben sind. Das Russische „Ochn harraschow“ ist zumindest eindeutig unlecker und des Französischen bin ich nicht mächtig.
Dennoch bin ich der Herkunft unseres „Leckerbissens“ auf die Schliche gekommen. „Lecker“ kommt ursprünglich aus dem Afrikaans in Südafrika und wurde letztendlich auch ins Niederländische übernommen. Dort wird es allerdings mit zwei „kk“ in der Mitte geschrieben.
Für mich, als großen Fußballfan, wäre es die Höchststrafe, wenn mir beim Spiel Holland gegen Deutschland jemand ins Ohr flüstern würde: „Ons het lekker gespeel“ – unsere haben großartig gespielt. Der Superlativ ist noch viel schlimmer: lekkerst! Bei Wiktionary von Wikipedia könnte ich einen neuen Eintrag für die Herkunft des deutschsprachigen Wortes „Leckerbissen“ erstellen. Es gibt nämlich noch keinen. Mache ich aber nicht! Dort ist bisher nur „lecker“ erläutert. Es bedeutete ursprünglich im Deutschen: „Was gut zu lecken ist…“ Ganz kurz hatte ich eine Vorstellung davon, was es sein könnte…Verwirrend!
„Nu haste mir aber janz lecker gemacht“, schreibt Alfred Döblin dazu passender weise in seinem Buch „Berlin Alexanderplatz“
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Es gibt aber noch einen anderen Ansatz. Vor kurzem besuchte uns eine Freundin aus der Schweiz. Sie hatte als Gastgeschenk ein paar „Leckerlis“, wie sie es nannte, mitgebracht. Auch dieser Fährte bin ich nachgegangen und so erfuhr ich, dass der Begriff „Basler Läckerli“ – mit „ä“ geschrieben, erstmals 1720 amtlich erwähnt wurde.
Das lebkuchenartige Gebäck, hergestellt aus Weizenmehl, Honig, kandierten Früchten und Nüssen kann man noch heute fast überall kaufen. Alles wäre so schön, wenn ich Euch jetzt zur Weihnachtszeit, die kleinen rechteckigen Stücke mit der Zuckerglasur anbieten könnte und wüsste, dass einzig und allein diese Basler Spezialität und Gaumenfreude als „lecker“ bezeichnet werden dürfte.
Aber nein, es gibt eine Band namens „Lecker Nudelsalat“, Kochrezepte unter „lecker.de“, „voll leckere Jogurts“ im TV, „Lecker – das Kochmagazin“, Die WDR-Reihe „von-und-zu-lecker“, „Die Leckschwestern“ in einem Video, „Lecker – die CD von Atze Schröder“, die Bücher „Lafer, Lichter, Lecker“ und „Hundekekse frisch und lecker“ und unzählige weitere „Leckerein und Leckerbissen“. Sorry, aber ich möchte dieses Wort jetzt wirklich nicht mehr niederschreiben. Ich weis, das ist nicht gerade nett von mir.

Ich hätte vielleicht doch lieber die Märchen-Geschichte aus Südamerika weitererzählen sollen. Wollt ihr wissen, wie sie ausgegangen ist?

Der kleine Roca tippt seinen Vater vorsichtig an die Schulter: „Du Papa, für was steht eigentlich das Meerschwein in der Götter-Sprache?“ Der Alte schaut seinen Sohn fragend an: „Weist Du denn nicht mehr, wie wir mit einem „Glatthaar“ über Onkel Xocil Körper gerieben haben, um die kranke Stelle zu finden?“ Roca schüttelt den Kopf. „Es hatte auf seinem Herzen gequiekt und als wir es töteten und aufschnitten, bestätigte sich die Vermutung. Auch das Meerschwein hatte ein krankes Herz. Es steht also für Heilung.“ Sein Sohn ist mit der Antwort nicht zufrieden, denn Onkel Xocil wurde längst von den Göttern heimgeholt. „Papa, warum essen wir es dann eigentlich so oft?“ Mit stolzem Blick schaut er hinab auf seinen Sohn. Wie klug er nur ist! „Mein Junge, die Menschen unseres Volkes verspeisen es so gern, weil es ein wahrlich netter Leckerbissen ist!“

Foto by Rebeccaypedro

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