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Ich träum von dir – St. Pauli und Union Berlin

1. April 2017 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog

Die weihevollen Glocken des Heiligengeistfelds weisen den Weg in die Hölle. In dieser Hölle riecht es nach filterlosen Zigaretten, verkohlten Bratwürsten, fauligem Holz, nach Bier, Pisse, Modder und Schweiß. Der Schlund ist voll gestopft mit schwarz und braun gekleideten Wesen – ein Totenkopf ist ihr Symbol. „Hells Bells!“ Mit einem erwartungsfrohen Lächeln betreten sie das Millerntor.
Als ich am 10. April 2012 die Gegengerade in Block G erreicht habe, schnellt eine Faust von rechts nach vorn in Richtung meines Kinns. In dieser Faust steckt ein goldfarbenes Astra und Steve brüllt: „Moin Scheppi!“ Ich schaue mich um und stelle fest, dass heute nicht nur meine besten Hamburger Freunde gekommen waren. Wie bei einem Klassentreffen blicke ich irritiert in Gesichter von Menschen, die ich zwar kenne, aber schon seit ewiger Zeit nicht mehr gesehen habe. Uns alle verbindet ein Erlebnis, dass wir ein Leben lang nicht vergessen werden. Das Spiel beginnt…

Anfang der 90iger waren Bernd und ich nach Hamburg gegangen um beim Otto-Versand, Kohle für eine geplante Weltreise zu verdienen. Die Aktion lief anfangs scheiße, da wir zunächst bei Bernds Cousin Joachim in Schenefeld wohnen mussten. Erniedrigende Palettenrumschieber-Arbeit bei „Otto“ und abends ewig weit fahren, um ins Nobeldörfchen zurück zu kommen. So hatten wir uns die legendäre Hafenstadt nicht vorgestellt. Doch auch Joachim, ein feiner Kerl, der uns einige Male rotzbesoffen mit seinem Cabrio in die City gefahren (und wieder mitgenommen) hatte, merkte sofort, dass wir uns nicht sonderlich wohl fühlten und besorgte uns ein WG-Zimmer bei seinem Kumpel Roman in Altona. Wir verstanden uns sofort blind mit ihm und seinen Freunden. Kein Wochenende mehr ohne Matjesbrötchen und Bier am Sonntag um 7 Uhr morgens auf dem Fischmarkt, kein noch so zeckiger Laden in dem wir nicht unsere Kicker-Kenntnisse erweitern mussten und niemals ein billiges Astra oder Jever, welches dann auch das Letzte war. „But alive“ die ganze Nacht – „Hangover light“ am Tag darauf garantiert. Endlich angekommen. Roman & Co. wurden Freunde fürs Leben.

Die Ost-West-Kiste hatte damals noch einen höheren Stellenwert, doch mit den Jungs konnte man sich endlich auf Augenhöhe unterhalten und sich vor allem bis zum „Gehtnichtmehr“ gegenseitig hochziehen. Doch bei einer Sache verstanden sie überhaupt keinen Spaß. Die Ossis wurden gar nicht erst groß gefragt, zu welchem Verein an der Elbe sie gehen wollen. Auf zum Millerntor!

Zwei Jahre später: Ein fürchterlich anzuschauendes 0:0 gegen Wolfsburg war der Start in die Saison 94/95 des Vereins, der besonders im Kiez rund um St. Pauli und Altona innig geliebt wurde. Die lediglich 15.400 Zuschauer sprachen jedoch dagegen, dass er übermäßig „Kult“ war. Diese Spielzeit schien sowieso komplett in die Hose zu gehen, da sich das Team am nächsten Spieltag bei Hansa Rostock eine 0-3 Klatsche holte und im zweiten Heimspiel wieder nur Unentschieden (1-1) gegen Mannheim spielte. Spiel 4 ging 2-3 in Meppen (!) verloren.
Trotzdem! Ich war schon lange „angezeckt“ von dem extrem maroden Stadion auf dem Heiligengeistfeld in dem es nach filterlosen Zigaretten, nach verkohlten Salzbrenner-Würsten, fauligem Holz, nach Bier, Pisse, Modder und Schweiß roch. Ich war dort umgeben von schwarz gekleideten Gestalten, Pennern, Mumien, Säufern und Punks – aber auch von etlichen attraktiven Mädchen. Und ich lernte neben Kaschi, Steve, Toddel, Bobo und Gernot auch all die anderen „Verrückten“ aus Romans Freundeskreis kennen, die eine bedingungslose Fußballleidenschaft verband. Sankt Paulis Hölle bebte 1994 auch ohne Glocken und Ultras.

Wie durch ein Wunder eroberte das Team am 19. Spieltag nach einem 2-0 im Rückspiel gegen Hansa erstmals die Tabellenspitze, danach folgte zwar eine Achterbahnfahrt mit Siegen, Niederlagen und vor allem sechs Unentschieden, doch vor dem letzten Spieltag musste nur noch gegen den bereits feststehenden Absteiger Homburg gewonnen werden, um in die 1. Bundesliga aufzusteigen.
Nein, es war nicht „meine Saison mit St. Pauli“, denn ich war nicht bei allen (also auch den Auswärtsspielen) dabei gewesen, hatte nicht schon seit Jahren eine Dauerkarte und mein Herz wurde nicht nur von braunem Blut gespeist. Aber ich war irgendwie mit dabei – auch bei dem Match – zu dem sich 21.000 heißblütige Zuschauer ins morsche Stadion zwängten.
Da es mit der Kartenbesorgung etwas schwieriger gewesen war, standen wir weit verstreut im Rund mit den alten Holztribünen, hatten aber ausgemacht, dass wir uns alle nach Abpfiff am Mittelkreis treffen werden.
Sawitschew, Driller, Pröpper und zweimal Scharping schossen die Mannschaft zu einem ungefährdeten 5-0. Das Millerntor bebte, wie ich es nie zuvor (und danach) erlebt habe. Napoli-Feeling in der wohlhabenden Stadt an der Elbe. Alle warteten ungeduldig am Spielfeldrand auf den Schlusspfiff, alle waren zugepumpt mit Bier und Adrenalin. Alle strahlten. Es ging los!

Wie die Bekloppten enterten wir das Spielfeld und jagten die Aufstiegshelden, um ihnen die Klamotten vom Leib zu reißen. Doch plötzlich erklang die Stimme des Stadionsprechers, dass wir den Rasen sofort wieder verlassen sollen, da das Spiel noch nicht abgepfiffen sei. Scheiß drauf – immer mehr Leute stürmten auf das heilige Höllenfeld. Letztendlich war es dem Schiri zu verdanken, dass es keine Strafe oder gar ein Wiederholungsspiel gab. Eigentlich hatte er in der 87. Minute auf Strafstoß für St. Pauli entschieden, deutete seine Geste später als „Abpfiff“ um. Wir durften bleiben, lagen uns mit wildfremden Menschen in den Armen und rissen Erinnerungsnarben aus dem Grün. Man sollte dieses EINE Spiel mal verfilmen.
Meine Freunde traf ich im diesem Chaos nicht, doch am Mittelkreis umarmte mich Sophia. Es war jenes überaus hübsche Mädchen, welches ich seit etlichen Heimspielen verstohlen von der Seite angeschaut hatte. Blonde Traumfrau in braun-weiß. Auch sie hatte ihre Leute verloren und ging spontan mit mir auf die Reeperbahn zum Feiern. Dann nahm sie mich mit zu sich nach Hause – zum Vögeln. Details möchte ich mir ersparen (tolle Frau).
Sie kam sogar noch mit zu Steve, der gleich um die Ecke auf dem Kiez wohnte. Stark alkoholisierte Hotten flippten dort noch immer völlig aus. Glücklich schliefen wir ineinander verschlungen ein. Erste Bundesliga. Erste Hamburgerin. Reihenfolge unklar!

„Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie…“ Steve kann das zumindest bestätigen. Er ist bis heute Dauerkarten-Besitzer, sportlich aktiv beim FC St. Pauli 1910 (als Torwart des Blindenfußballteams sogar Deutscher Vize-Meister) und vor allem einer meiner besten Freunde in Hamburg.

Das Spiel beginnt. Karl trifft in der 34. Minute zum 0-1 für Union. Die etwa 3000 mitgereisten rot-weißen Fans machen ordentlich Alarm. Ich weiß, wie geil es ist, auswärts in Führung zu gehen, denn wenn Pauli in Berlin spielt, bin ich immer mit dabei. Fantastischer Support und zu Ehren Berlins auch ein guter Ärzte-Song:
Ich liebe dich
Ich träum von dir
In meinen Träumen
Bist du Europacupsieger
Doch wenn ich aufwach
Fällt mir wieder ein
Spielst ganz woanders
In Liga Zwei
Es bleibt beim 0-1 für die „Eisernen“ bis zur Halbzeit. Ich sehe in die nervösen Gesichter meiner Jungs. Ein Aufstieg oder die Relegation ist in dieser Saison eigentlich noch möglich, aber nur, wenn das Spiel heute gewonnen wird.
Kaschi holt Bier im Vorratspack während mir Steve erzählt, dass sie in der nächsten Saison umziehen müssen, da die Gegengerade nun auch neu gemacht wird. Erst jetzt schaue ich mich etwas genauer um. Die alten Holzplanken, die abgenutzten Schalensitze, der einmalige Blick auf den grauen Hochbunker und den Dom mit seiner beleuchteten Achterbahn. Sakrale Landschaft. Hübsche Frauen stehen um uns herum. Ein kurzer nostalgischer Augenblick.

Das (fast) fertige, neue (schöne) Stadion kocht, als Kruse in der 59. Minute zum Ausgleich trifft und es explodiert nach Ebbers Führungstreffer. Doch was war das? Der Schiri zeigt zum Mittelkreis und nach kurzer Diskussion (die Szenen spielen sich vor der weit entfernten Südtribüne ab) entscheidet er doch auf Abstoß.
Ich muss mal. Am unüberdachten, silber-metallenen Pissbecken fragt mich ein Typ: „Ist der Ebbers eigentlich bescheuert oder was?“ Erst jetzt erfahre ich, dass er ein Handspiel zugeben hatte und erzähle das oben meinen Jungs. Alle schütteln den Kopf, da St. Pauli – schon lange in Überzahl – zwar anrennt, aber bis zur 90. Minute nicht mehr trifft. Nachspielzeit. Ein letzter verzweifelter Angriff…
In unzähligen Liedern, Reportagen und Büchern wurde schon das „entscheidende Tor in der Nachspielzeit“ thematisiert, deshalb verzichte ich hier auf Superlative. Viele kennen dieses unbeschreibliche Glücksgefühl. „Messi“ Bartels trifft in der letzten Sekunde zum 2-1. Die Hölle brennt lichterloh.
Ich dusche in halbvollen Bierbechern, werde nach vorn und zurück geschleudert und Kalle, mein Nebenmann, fällt ungebremst rittlings in seinen Schalensitz, der sofort krachend in drei Teile zerbricht. Schlusspfiff – Ekstase. Ich stecke mir das größte Teil des zerstörten Plastiksitzes unter die Jacke.
Erst später realisiere ich, dass ich richtig Ärger bekommen hätte, wenn mich die Bullen – einen Berliner – mit dem Ding, dass ich stolz im „Jolly Roger“ und diversen Kiezkneipen hochgehalten hatte, erwischt hätten. Doch schon an diesem Abend wusste ich, dass dieses Teil einen Ehrenplatz in meiner Wohnung bekommen wird.
Das Stück Rasen von 1995 besitze ich nicht mehr, doch dies ist ein Andenken, das mich an das alte Millerntor und die alten Zeiten immer erinnern wird. Auch daran, dass die Freundschaft zu meinen Hamburger Jungs ewig währt. Das kantige blassrote Stück Plastik aus der Gegengerade, Block G, riecht allerdings ein bisschen streng: nach filterlosen Zigaretten, verkohlten Bratwürsten, fauligem Holz, nach Bier, Pisse, Modder und Schweiß.
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Und noch ein Nachtrag zu dieser Geschichte: Am 10.03.2017 war ich wieder einmal in St. Pauli beim Spiel gegen Union. Ich will nicht sagen, dass sich die Vorzeichen geändert haben, denn beide Teams “findnd wa toll”, aber zumindest stand ich diesmal im fertigen Stadion am Millerntor im Auswärtsblock. Die Stimmung – davor, während und danach – war gigantisch und die Eisernen gewannen erstmals in Hamburg (2:1).

Als der Gong über die Lautsprecher ertönte und dann noch einer und dann die Riffs von Angus Young einsetzten, die kleine Pyroshow begann und über 29.000 Menschen mit glühenden Gesichtern aufschrien „Pyrotechnik ist kein Verbrechen!“ – schöner kann es einfach nicht sein. Später in den Nebelschwaden des Flutlichts hüpften die Fans beider Kultmannschaften auf und nieder und schrien gemeinsam ihr Team nach vorn. Und dann 90 Minuten lang AC/DC-Fußball vom Feinsten …

Ganz ehrlich: in den letzten Jahren und vor allem Monaten macht sich schon wieder so ein Aufstiegskribbeln bemerkbar. Diesmal allerdings zugunsten der Eisernen aus dem wunderschönen Köpenick. Einerseits würde mich das natürlich extrem freuen, andererseits müsste ich dann (zumindestens für eine Saison) auf das “Spiel der Spiele” verzichten. Aber wie heißt es so schön: “Always look on the bright site of life”.
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Update: auch nächste Saison zieht es mich wieder zu Pauli gegen Union und irgendwie “Kuhl – wir steigen nicht auf!”
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Zum Weiterlesen: 90 Minuten Südamerika Update
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Das Vorspiel: Deutschland gegen Ghana – Brasilien 2014

30. November 2015 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Fußball-WM 2014

P1110187Durch die Samba-Bar schlängelt sich eine 200köpfige Polonaise, angeführt von Erni. Fast alle Gäste haben sich – gegenseitig an die Schulter fassend – angeschlossen und steigen gerade kreischend über Tische und Stühle bevor uns mein Freund nach draußen unter den 5-Sterne-Sternenhimmel leitet. In brasilianisch-deutscher Leidenschaft bricht der Laden gerade fast zusammen und ich ahne schon jetzt, dass ich mich noch lange an diesen Abend erinnern werde. Erni brüllt mir von vorne zu: „Das iss ma ‘ne rischdsche Bolonäse.“
Plötzlich erwache ich aus einem Traum, der im Juli 1990 begann und stelle fest, dass ich mich im Juni 2014 in der Wirklichkeit befinde. Ich habe so ein krasses Gefühl von früher und gleichzeitig eines der unbändigen Augenblicks-Freude. Allein für diesen magischen Moment haben sich diese Nacht, die Reise und das Leben gelohnt!

In Fortaleza hat sich einiges verändert. Wahrscheinlich nur WM-Fassade, doch ein Unterschied zwischen arm und reich, hell- und dunkelhäutig, gefährlich und save ist im Zentrum nicht erkennbar. Es gibt kaum Dreck, keine offenen Abwasserkanäle, wirr verzweigte Stromkabel, oder gar verlumpte Kids in dreckigen Shirts und verbeulten Sandalen. Die Innenstadt ist touristenfreundlich geworden. Mich irritiert das nicht, denn alle Menschen, die wir am Vortag des Deutschland-Spiels treffen, ob jung oder alt, Brasilianer, Schweizer, Franzose, oder Ghanaer tragen ein eingemeißeltes Lächeln im Gesicht. Heile Welt, denn sogar die Polizisten sind zuvorkommend.
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Wir wohnen unweit meiner geliebten Honiglippenbucht in Iracema und genau dort haben sie auch die Fanmeile mit zwei Mega-Leinwänden inmitten des Stadtstrandes errichtet. Die Stimmung ist ausgelassen, ja geradezu euphorisch und obwohl die Tische und Stühle der Restaurants, den Ständen der FIFA-Sponsoren weichen mussten, beschweren wir uns nicht, da das gereichte Brahma eiskalt und bezahlbar ist. Außerdem sind die knallroten Hartplastik-Becher ein tolles Souvenir. Auf ihnen ist das bunte WM-Logo und der Slogan: „Fan Fest Fortaleza – Jagandas de Mucuripe“ zu sehen. Wir kaufen einen turmhohen Stapel Souvenirs.
Die heutige Nachmittagspartie zwischen Frankreich und der Schweiz ist die bisher torreichste der Weltmeisterschaft, was die multikulturelle Feierstimmung zusätzlich anheizt. Sogar Jenna genehmigt sich ein Bier pro Tor, obwohl er die „Froschfresser“ noch immer nicht leiden kann. Nach sieben Stück (das Spiel endet 5:2) tanzen 20 Gockel mit 30 Eidgenossen zu brasilianischem Ska im Sand. Sie greifen sich dabei gegenseitig an die Schultern und bilden einen Kreis. In dessen Mitte drehen drei Typen aus Costa Rica komplett frei, da sie im Mittags-Spiel die Italiener sensationell mit 1:0 besiegt hatten. Die Mittelamerikaner stecken alle mit ihrer Orgie aus purer Lebensfreude an. Erni brüllt mir ins Ohr: „Das is aber geene rischdsche Bolonäse!“ Wohl nicht, aber ich begeistere mich dafür, wie friedlich die Nationen hier gerade miteinander tanzen. „Morgen ist auch noch ein Tag“, rufe ich zurück. Passend dazu sehen wir auf der Promenade nun auch deutsche Fans, die Fortaleza allmählich entern und zwei schüchterne Ghanaer. Einen von ihnen überrede ich zu einem Fotoshooting. Ich, noch immer leichenblass, und mein schwarzer Freund erschaffen – Arm in Arm – für 30 Sekunden ein Harmoniegemälde menschlicher Hautfarben. Fast alle Leute die vorbeischlendern, erheben den Daumen und lächeln verzückt. Es sind offensichtlich keine Rassisten, Nazis, rechte Hools oder sonstige Vollidioten nach Fortaleza gekommen – und so kann es auch bleiben!
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Kurz danach nehme ich Danny zu Seite und flüsterte ihr ins Ohr: „So kannst du aber morgen nicht auf dem Spiel herumlaufen.“ Sie trägt, wie wir alle momentan, neutrale Klamotten, ist aber die Einzige, die kein Deutschland-Trikot im Gepäck dabei hat. Die Antwort überrascht mich: „Okay, lass uns dort vorne mal gucken.“ Im FIFA-Fanshop kauft sie – mangels Alternativen – das vermutlich teuerste Nicht-Original-Trikot der Welt. Es ist ein schwarz-weißes, kurzärmliches Hemdchen, wo mit einer Art Stempel liederlich die deutsche Flagge über der rechten Brust aufgedruckt wurde. Und das hässliche Ding kostet 75 Dollar! Vielleicht macht sie es nur mir zu liebe. Wenn dem so ist, werde sie dafür ein Leben lang in Dankbarkeit umarmen.
Danny kenne ich schon solange wie Sylvie und Jenna, bin aber in den letzten Jahren nicht mehr so richtig warm mit ihr geworden. Doch seit wir in Berlin den WM-Flieger bestiegen haben, ist sie wieder das zauberhaft-offene und fast jugendlich wirkende, sauhübsche Mädchen, in das ich mich fast mal verknallt hätte. Das Abendspiel zwischen Honduras und Ecuador (2:1) ist nicht so der Brüller, da keine Supporter aus diesen Ländern im lauwarmen Sand durchdrehen. Nach einem Mahl – Erni murmelt in sein Essen: „Das sind aber geene rischdschen Spaghetti Bolonäse“ – und zwei dickbäuchigen Caipirinhas gehen wir zu Bett. Die lange Anreise aus Pipa hat doch mehr geschlaucht, als wir uns das lange eingestehen wollten.
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Obwohl Erni schnarcht – er wird auf der Reise abwechselnd auf die Zimmer der Paare verteilt – schlafe ich traumlos und gut. Am Morgen schlottern mir dennoch die Knie. Ich werde heute mein allererstes WM-Spiel live im Stadion verfolgen und am liebsten wäre ich jetzt, sechs Stunden vor Anpfiff, allein. Das funktioniert sogar fast, da Erni Geld ziehen muss und die Mädels noch Ansichtskarten kaufen wollen. Mit Jenna laufe ich hinunter zum Pazifik. Er ist mein bester Freund! Vielleicht sollte ich ihm das einmal sagen. Seit 16 Jahren reisen wir nun schon gemeinsam durch Südamerika und kein Göte oder Matze ist diesmal dabei (obwohl die vorher noch groß getönt hatten). Nur der alte Mannheimer läuft – wie ich – schweigsam im rot-schwarzen Auswärtstrikot neben mir her und ist, nach den salzigen Perlen auf seiner Stirn zu urteilen, gerade genauso aufgeregt. In diesem Augenblick wünsche ich mir, dass auch ich für ihn der allerbeste Freund der Welt bin.
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In unserem Hotel wohnen die „Dubaiern“ – bärige Typen, die von Dubai aus Bayern München supporten und an der Bucht sehen wir zwei „Unioner“ aus Halle/S. (deren Zaunfahne bei fast jedem Deutschland-Spiel zu sehen ist). Wir treffen auf eine Horde aus dem „Wilden Süden Gladbachs“ und auf zwei strohblonde Mecklenburger, die Trikots mit der 1 und der 8 tragen. Bei dem einem steht „Toni“, beim anderen „Kroos“ auf dem Rücken. Der grandiose Kaltblüter mit der 18 aus MeckPomm ist der einzige gebürtige Ostdeutsche im Nationalteam und auch mein liebster Spieler, obwohl seine Herkunft (Greifswald) – 25 Jahre nach dem Mauerfall – eigentlich völlig schnuppe ist.

Am „Ponte dos Ingleses“ klatscht Jenna mit zwei „Monnemer Jungs“ ab, ich grüße einen einsamen St. Pauli-Fan und ein pummeliger Kerl mit Dynamo-Dresden-Fahne um die Hüften gewickelt, watschelt auch noch herum. Ganz Deutschland ist heute vertreten und als wir unsere Bielefelder, die wir auf dem Hinflug getroffen hatten, entdecken, wird aus Wiedersehensfreude Mittagsbier gekauft. Manchmal kann einen schon die Stimmung vor einer Partie fesseln – heute ist so ein Tag!
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Wir kommen fast zu spät zum vereinbarten Treffpunkt, obwohl ich es ja war, der um 13 Uhr – drei Stunden vor Spielbeginn – aufbrechen wollte. Auch die Frauen haben sich nun herausgeputzt. Sylvie trägt das rote Auswärtstrikot der WM 2006, Danny das schwarz-weiße Shirt von gestern, plus Flip-Flops in schwarz-rot-gold (!) und Erni seine lustigen 74er-Klamotten. Er sorgt am Taxistand zudem für Belustigung, da er sich mit einem Idioten, der von Hut bis Fuß mit deutschem Tinnef und Lametta behangen ist, ablichten lässt. Auf dessen linker Brust klebt – warum auch immer – der Kopf von Bert. Erni lehnt seinen Schädel grinsend dagegen und Danny knipst die seltsame Sesamstraße in Fortaleza. Sylvie bekommt sich fast nicht mehr ein, aber aus einem anderen Grund. Sie erzählt, dass unser Freund in der Heimat das Limit seiner Kreditkarte auf 500 Euro pro Monat limitiert hatte, sodass er soeben gerade noch 60 Real (ca. 20 Euro) aus dem Automaten ziehen konnte.

In dem Moment, als wir in das Taxi mit dem Ziel Estádio Castelão steigen, habe ich gute Freunde und die schönste Frau der Welt an meiner Seite. Obwohl wir uns zu viert auf die Rückbank quetschen, schmusen wir wie zwei junge Welpen. Danny und Jenna auch. Heute kann nichts mehr schiefgehen!
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Der Fahrer rät zu einem Umweg, da die Zufahrtstraße zum Stadion verstopft sei. Wir einigen uns auf 75 Real Festpreis. 15 für jeden. Ich rufe: „Erni, du hast dann ja noch 45 Tacken.“ Er hatte zwar schon seine Freundin Pixie per Not-Telefonat gebeten, Kohle auf sein Konto zu überweisen, aber heute wird der listige Sparfuchs ohne Weitblick den ganzen Tag hochgezogen.
Pixie ist eigentlich eine patente Frau – mit krassem Fußballverstand und ich verstehe bis heute nicht, warum sie nicht mitgekommen ist. Dennoch bin ich froh, dass wir Erni nicht schon am ersten Tag verloren haben – das war nämlich ihre größte Sorge gewesen. Der fragt Jenna gerade: „Kannste mir mal ‘nen Hunderter borgen?“ „Du hast doch noch fett die Kohle“, schallt es gewohnt trocken zurück.
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Mein Handy brummt. Eine SMS: „Lass es krachen und die Karte steht. Trueman.“ Mein liebster Kneipenkumpel aus dem „Rockz“ hatte es leider nicht nach Fortaleza geschafft, obwohl wir für ihn ein Ticket haben. Erst zum Spiel gegen die USA reitet er zur WM ein und hätte dort wiederum eines für mich im Gepäck. ‚Oh Mann‘, denke ich im Wissen, dass wir morgen in den Amazonas fliegen werden und Recife wohl eher ausfällt.
Ich verzichte noch immer auf ein Smartphone, um nicht ständig online zu sein und keine wertvolle Lebenszeit ständig mit so einem Scheiß vergeuden will. Dieses Mal wäre so ein Ding durchaus sinnvoll gewesen. „Hört mal Leute. Mein Handy hat ‘ne sprechende Uhr“, rufe ich. „Es ist 13 Uhr 32“, krächzt eine weibliche Blechstimme und sorgt damit für die nächsten Lacher.
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Die weiträumige Umfahrung war eine gute Idee gewesen – da wir schon um 14 Uhr ankommen und im Strom der Massen in Richtung des aus der Ferne gigantisch wirkenden Stadions laufen. Entgegen aller Vermutungen gibt es überall fliegende Händler, die Snacks und Dosenbier verkaufen. Die Brasilianer pfeifen auf die FIFA-Regularien. „Erni, hol mal die erste Runde. Hier ist es noch billig“, ruft Danny. Das Brahma kostet 6 Real, sodass er nach fünf Kaltgetränken, mit 15 Real Barbesitz im Prinzip pleite ist. Ich fühle mich sauwohl, denn es gibt nirgendwo eng zulaufenden Gatter und dichtes Gedränge. Dennoch schwitzen wir wie Schweine. Ob es an den Außentemperaturen, der haarsträubenden Intensität oder an der Aufregung liegt?
Die deutschen Gesänge werden nun immer lauter. Meine Frau trägt jetzt sogar ein schwarz-rot-goldenes Band im Haar und Danny einen Aufkleber auf dem Rücken, auf dem steht: „I love Brasil“ – wobei dieses Gefühl seit Tagen allumfassend ist.
„Bist du glücklich?“, fragt mich Sylvie. „Oh ja“, posaune ich zurück, denn obwohl Menschenaufläufe auf mich oftmals bedrohlich wirken, zieht mich das Getümmel heute magisch an. Ich verschmelze mit der Euphorie der Massen und lasse mich kübelweise mit Glücksgefühlen überschütten. Nur einen Wermutstropfen gibt es: niemand sucht nach einer Karte. Sie verkaufen sogar noch welche an den Kassen. Okay, das Fassungsvermögen soll bei über 60.000 liegen, aber ein bisschen enttäuschend ist es schon, dass sie das Ding nicht voll kriegen. Außerdem lungern momentan keine Fans oder erwartungsfrohe Kids vor den Toren herum, denen wir die Karte einfach schenken könnten. Das Trueman-Ticket werden wir nicht los.
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Hinter der ersten Sicherheitskontrolle – wir sind noch nicht im Stadion – hole ich die DDR-Fahne heraus und lass mich damit vor dem Beton-Monster fotografieren. Das Bild ist in Gedenken an meinen Vater, um ihm – wo immer er gerade ist – zu zeigen, dass es sein kleiner Ossi-Sohn tatsächlich bis zur Fußball-WM nach Brasilen geschafft hat. Das soll es dann aber auch mit Nostalgie gewesen sein. Ich stecke den Fetzen so in eine Hosenschlaufe, dass das Emblem nicht mehr zu sehen ist. Erni stellt sich mit Deutschland-Fahne neben mich. Die Vergangenheit ist endgültig ad acta gelegt – von jetzt an lebe ich nur noch im Präsens.
Die Brahma-Brauerei ist auch hier präsent. Die roten Becher zu 10 Real haben den Aufdruck: „ 21 de junho de 2014. Estadio Castelão. Fortaleza CE.“ Darunter sind die Nationalflaggen und „Alemanha“ und „Gana“ aufgedruckt. Erni hat nun vier Runden lang Pause vor unserem ätzenden Humor und gleichzeitig Zeit, zu sich überlegen, was er mit den langweiligen FIFA-Fanfest Souvenirs machen soll. Die Stimmung ist überragend: Musik, Geschnatter, Lachen, Herzlichkeit und Lebenslust. Neben Deutschen und Ghanaern sind extrem viele Brasilianer aber auch etliche Mexikaner mit vor Ort. Auf einer Leinwand schießt Messi gerade im Mittagsspiel per Traumtor das 1:0 für Argentinien gegen den Iran. In der 90. Minute! Die Brasilianer finden das Scheiße und ich denke sogleich: ‚Hoffentlich werden unsere Nerven heute nicht so lange strapaziert.
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