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DDR-Jugendweihe: Vom Sinn unseres Lebens

4. Juni 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

Jugendweihe FamilieDa mein kleiner Lieblings-Neffe nun bald seine Jugendweihe feiert: hier mal ein Rückblick auf meine ureigene.

Es gibt ein bemerkenswertes Foto von mir und meinem stolz auf mich herabschauenden Vater, auf dem ich aus einem Halbliterglas genüsslich Bier trinke. Auf dem Bild bin ich drei Jahre alt. Meine Mutter steht nicht dabei, ist aber auch nicht die Fotografin, und ich weiß, dass sie das nicht besonders witzig gefunden hätte. Doch bereits einige Jahre später war sie es wiederum, die uns zu jeder größeren Feier und am Silvesterabend “mal” am Eierlikör nippen ließ. Ich erlebte eine typische DDR-Kindheit und kam, obwohl mir Alkohol lange Zeit überhaupt nicht schmeckte, sehr früh damit in Berührung.

Im Herbst 1985 schlenderte Didi unangekündigt mit einem riesigen West-Doppelkassetten-Rekorder an die „Platten“. Das schwarze Ding war gefühlt einen Meter lang, 20 Zentimeter hoch und hatte unendlich viel Power. Schnell avancierte er zum neuen Helden der Clique und um diese Stellung noch zu untermauern, kaufte er tags darauf im Intershop 60 Dosen DAB – Westbier! Erstens gab es bei uns nur Flaschen – ich sammelte sogar leere Fanta- und Coladosen auf unserem Kinderzimmerschrank – und zweitens hatte noch keiner von uns jemals echtes Bier von Drüben getrunken. Didi baute die Dosen auf unserer Tischtennisplatte geschickt zu einer riesigen Pyramide auf. Es war ein unglaublicher Anblick: So stellten wir uns den Westen vor. Sagenhafte Bierpyramiden, coole Typen und laute Musik aus monströsen Ghettoblastern.
An diesem Abend trank ich, nur weil es Westbier war, 5 Dosen DAB und kotzte die halbe Nacht aus meinem Kinderzimmer-Fenster im neunten Stock. Noch zwei Tage später waren die Fensterbretter bis zum 3. Stock unappetitlich besprenkelt. Aber aus den Fenstern reiherte hier öfter mal jemand. Mich hatte zu diesem Zeitpunkt noch niemand in Verdacht. Didi übergab sich wohl noch etwas länger, denn als seine Eltern bemerkten, dass er ihr heiliges Westgeld geklaut hatte, prügelten sie ihm nicht nur die Dosen und den Rekorder aus dem Leib. Wir sahen ihn ein halbes Jahr nicht an den „Platten“ – Stubenarrest.

Mein Vater, der schon lange gar keinen Alkohol mehr anrührt, erzählte mir mal, wie das zum Schluss mit seiner Sucht war. Jeder Arbeits-Montag war ihm da wie eine kleine Entziehungskur erschienen, denn obwohl er schon längst jeden Tag maßlos soff, wurden die Rationen am Wochenende nochmals erhöht und montags früh um 7 Uhr fühlte er sich extrem elend und schwach. Auffällig war jedoch, dass dies vielen seiner Kollegen so zu gehen schien, ein ganzes Land nüchterte am Wochenbeginn mit roten Äderchen auf der Nase zitternd aus.

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Am 29. März 1986 stand endlich die heiß ersehnte Jugendweihefeier an. Das erste Problem, das sich ergab: Klamotten. Wieder einmal waren die Leute mit Westgeld im Vorteil, denn nur die konnten richtig fetzige, moderne Sachen bekommen. Bei uns anderen gab es noch zwei Abstufungen: Wer Eltern hatte, denen 1.000 DDR-Mark nichts ausmachten, konnte im “Exquisit” seine Jugendweihegarderobe kaufen; dort gab es oftmals Sachen fast auf Westniveau. Die ärmsten Schweine waren die, welche sich ihre Festtags-Klamotten im Centrum Warenhaus am Ostbahnhof, Alex oder in der Jugendmode am Spittelmarkt kaufen mussten. Ich war wie immer „Kategorie C“ beim Durchstöbern von Mode dritter Wahl und musste mir wiederholt anhören: „Hamm wa nüsch“.

Es gab wirklich nur Dreck, denn zur Jugendweihe trug man keine Anzüge, sondern schicke, aber dennoch coole Klamotten. Nach drei Besuchen zusammen mit Mutter war ich völlig verzweifelt. Die Sachen, die man dort ausstellte, waren so abgrundtief hässlich in Farbe, Muster, Material und Schnitt, dass man sich ernsthaft fragte, wer das auftragen sollte. Es gab dort keine Schuhe, die man gleich anbehalten wollte. Schön “am Volk vorbeiproduziert”, wie es hieß.
Da mir die Jugendweihe aber einfach zu wichtig war, ging ich mit Mutter in eine kleine Boutique in der Sophienstraße, die ihr eine Arbeitskollegin bei KoKo empfohlen hatte. Zwar sah ich mit den Sachen, die wir nach langer Diskussion kauften, trotzdem wie ein ostdeutsches Mannequin für Arme aus, aber immerhin musste ich darin keine fiesen Kommentare befürchten. Omas Liebling 1986 trug: eine graue, eng anliegende Stoffhose; eine graublaue Stoffjacke; einen hellblauen, dünnen Samtpullover, ein Paar blau-weiße Converse-Turnschuhe aus dem Exquisit, ein Paar weiße Socken und einen weißen Schlüpfer.
Als wir an unserem großen Tag, begleitet von einem Fagottquintett, in den festlich geschmückten Saal des Metropoltheaters einliefen, stellte ich sofort fest, dass ich dennoch alles richtig gemacht hatte, denn einige meiner Kumpels hatten zwar echt geile Westklamotten an, andere sahen jedoch so richtig Scheiße aus. So richtig!

Die Feierstunde mit Eltern und Verwandten verlief nach dem gewohnten Muster. Zunächst wurde der „Kleine Trompeter“ gesungen. Danach rezitierte unser GOL-Schulsekretär Hannes Jungblut die Gedichte „Für den Frieden der Welt“ und „Frieden wie das eigene Leben“. Die Festansprache selbst hielt Prof. Dr. Heinz Schmidt, Oberst der Volkspolizei. Mehrmals wies er darauf hin, dass unsere Feier in genau dem Saal stattfand, wo sich KPD und SPD am 21.4.1946, also vor fast genau 40 Jahren, zur SED vereinigt hatten.
Nachdem die ersten Gäste auf ihren Stühlen unruhig hin und her scharrten, stolzierte der Oberst von der Bühne. Endlich bekamen wir die Urkunden, das Geschenkbuch „Vom Sinn unseres Lebens“ und unseren Blumenstrauß. Dabei legten wir auch das Gelöbnis ab. Man konnte förmlich sehen, wie eilig es alle hatten, nach draußen zu kommen, denn jetzt kam das Wichtigste der ganzen Veranstaltung: die Übergabe der Geschenke! Diese fand zu Hause statt.
Als ich mit unseren Verwandten in der Mollstraße angekommen war, schenkte mir Vater vor versammelter Mannschaft erstmal ein Berliner Pilsner in ein Tulpenglas ein. Ich wurde somit auch von ihm in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen, was er allem Anschein nach mit dem Genuss von Alkohol in Verbindung brachte. Der kleine Benny schaute bewundernd zu mir auf. Er konnte dann später “mal” am Eierlikörglas von Oma Halle nippen.
Dann durfte ich in die Schatzkammer, das elterliche Schlafzimmer, gehen. Sie hatten mir wirklich den SKR 700 gekauft und für diesen über drei Kilogramm schweren DDR-Kassettenrekorder in anthrazitmetallic schlappe 1.540,- Mark hingeblättert!

Ganz klar, der Ghettoblaster von Didi wog weniger als die Hälfte, sah wesentlich cooler aus und kostete wahrscheinlich im Westen gerade mal ein Zehntel, aber ich fand Genugtuung darin, dass meine Eltern ordentlich für mich geblutet hatten. Das Ding hatte sogar Power.
Nach der Sichtung der Präsente, vor allem der Umschläge der Verwandtschaft, ging ich zufrieden zurück ins Wohnzimmer und trank mein Bier in einem Zug aus. Was sollte ich bloß mit all dem Geld machen?

Mutter verbreitete schnell wieder Hektik, da wir bis 14 Uhr zur eigentlichen gemeinsamen Feier meiner Klasse in der Clubgaststätte Kiew in Marzahn sein sollten. Unser Familientisch war für zwölf Personen gedeckt und kaum, dass wir saßen, wurden auch schon unsere im Vorfeld gewählten Essen gebracht. Alle hatten sich für das „Steak au four“ entschieden. Benny aß wie immer zuerst sein komplettes Fleisch auf und schaute dann verdutzt auf mein saftiges Steak und hämisches Grinsen. Als die Kellner die Teller dann wieder abräumten, brachte man uns Kaffee und Kuchen. Das schien hier nach einem gewohnten Muster abzulaufen. Nur, dass Mutter noch einen „Kalten Hund“ mitgebracht hatte, durchkreuzte ihre Pläne vom Einheitsfest. Wie viele meiner Klassenkameraden durfte ich weiterhin Bier trinken, mein Vater wäre sonst sicher auch enttäuscht gewesen, immerhin galt die Jugendweihe als das erste richtige (und offizielle) Besäufnis eines jungen DDR-Bürgers.
Leicht beschwipst lauschte ich dem gerade beginnenden Kulturprogramm, welches das Elternaktiv vorbereitet hatte. Frau Demant und Frau Rittich hatten eine Jugendweihezeitung gemacht, in der unglaublich lächerliche Sachen standen. Leider wurden ausgerechnet Coco und ich nach vorne gebeten, um diese sinnlosen Artikel abwechselnd den Gästen vorzulesen. Meine Mutter blickte mit feuchten Augen hinüber zu ihrem großen Sohn in seinen hübschen blau-grauen Klamotten.

Ich war froh, als der Spuk vorbei war und das Abendbrot serviert wurde. Sie hatten ein unglaublich großes Buffet errichtet und dabei wahrscheinlich mit tausend Leuten gerechnet, denn noch nie zuvor hatte ich in der DDR erlebt, dass so viel liegen blieb. Zu Hause hieß es immer: “Es wird aufgegessen was auf den Tisch kommt!”, und auch in Restaurants wurden wir stets angehalten, auch die ollen Sättigungsbeilagen zu verspeisen. Das hier glich einer riesigen Verschwendung, und der stark alkoholisierte Didi fragte unseren Lehrer Blase, ob wir die Buffetreste nicht aus Solidarität nach Angola schicken könnten. Bommel und Tessi lieferten sich draußen derweil eine Essensschlacht, indem sie sich gegenseitig mit Buletten bewarfen. Sie waren schon total blau.
Durch die straffe Organisation war um 20 Uhr bereits alles abgeräumt und die Disko begann. Schon nach den ersten paar Liedern war klar, dass es für uns eine B-Veranstaltung und eher etwas für die Eltern und Omas werden würde. Die Beatles, Beach Boys und Bee Gees trafen echt nicht den Zeitgeist der Jugend im Jahre 1986. Es geschah, was zu befürchten war: Wir trafen uns alle vor dem Eingang mit irgendeiner Pulle in der Hand. Jeder hatte gegriffen, was gerade auf seinem Tisch stand – einige sogar Weinbrand oder Korn – und von nun an hieß es: Saufen bis zum Erbrechen.

Weit nach Mitternacht sah ich zum ersten Mal in meinem Land eine Ansammlung von mehreren Taxis. Auch das schien vorher organisiert worden zu ein. Alle meine Freunde, inklusive mir und meines kleinen Bruders Benny hatten mehrere Male gekotzt. Meine Eltern bemerkten oder sagten nichts. Zu Hause stöpselte ich Kopfhörer in den neuen 1.500-Mark-Rekorder und hörte meine Depeche-Mode-Kassette.

Ich habe im Jahr 2009 einen sehr gemischten Freundeskreis, doch bis auf ein, zwei Ausnahmen sind die richtig maßlosen Säufer alles ehemalige Ostdeutsche aus meiner Generation. Mit einem unglaublichen Tempo haue ich mir mit John, Jenna, Melli und Göte die Halben im „Rockz“ oder in der „Tagung“ in die Birne, ohne zu merken, dass uns andere Leute ganz komisch ansehen, wenn sie immer noch an ihrem ersten Alster nuckeln. Bis vor kurzem war auch mir das gar nicht aufgefallen.
Erst als mir fast jeder Arbeits-Montag wie eine kleine Entziehungskur erschien, machte ich mir langsam Sorgen. Am Wochenbeginn um 7.30 fühlte ich mich oft extrem elend und schwach. Es fiel mir auf, dass dies den wenigsten meiner Kollegen so zu gehen schien und ich der Einzige war, der seinen Wochenend-Rausch ausnüchterte. Neulich fragte ich mich sogar, ob ich womöglich so jung schon ganz vom Alkohol Abschied nehmen müsste. Ich dachte gleichzeitig an die riesige Pyramide aus Dosen der Dortmunder Aktien-Brauerei aus vergangenen Tagen. Es war also doch der Westen schuld!

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Zum Nachlesen: “Sauforgie nach Bulettenschlacht” bei Spiegel Online
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Zum Weiterlesen: Mauergewinner
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Katarina Witt – Alles ganz simpel – Alltag in der DDR

20. Januar 2017 | von | Kategorie: Alles ganz simpel Leseproben, Blog

Deutsche Sportverlag DDR

Foto: Deutscher Sportverlag DDR

Natürlich stand ich in engem Kontakt zu unserem DTSB-Präsidenten Manfred Ewald. Obwohl ihm oftmals vorgehalten wurde, dass er recht diktatorisch waltete, kam ich immer mit ihm klar. Vor allem fand ich gut, dass er nie nachtragend war. Ein Beispiel: Bei wichtigen Verlagsentscheidungen musste ich an den Sekretariatssitzungen des DTSB teilnehmen. Ewald leitete die Sitzung. Wenn er sagte: „Die Decke ist grün“, nickten seine Untergebenen und antworteten: „Ja, Genosse Ewald, hellgrün.“ Das Perfide daran war, dass man mit ihm eigentlich diskutieren konnte, die meisten trauten es sich nur nicht. Jedenfalls hatte ich in dieser Sitzung zu einer Buchproduktion eine andere Auffassung und vertrat diese dort auch engagiert. Im Verlag wertete ich die Tagung dann immer mit meinen Kollegen aus und erzählte diesmal, dass wir uns wegen der einen Geschichte gestritten hätten. Jemand musste das bei Ewald gepetzt haben, denn der bestellte mich sofort am nächsten Tag ein und mahnte: „Du hast nicht auszuwerten, wer was bei uns besprochen hat, sondern was beschlossen wurde. Dass wir uns gestritten haben, darf nicht Bestandteil deiner Auswertungen sein.“
Ein paar Wochen später fand wieder Sekretariatssitzung statt an der ich teilnahm und wieder kam es zu einem Disput zwischen Ewald und mir. Franz Rietz, einer der DTSB-Vizepräsidenten, rief mir zu: „Du musst doch ganz ruhig sein. Du hast doch schon beim letzten Mal eine Ansage von Manfred bekommen.“ Ewald widersprach energisch: „Ja, Franz, aber damit war der Fall für mich auch erledigt. Das hier ist eine neue Diskussion.“
Foto: Deutscher Sportverlag DDR

Foto: Deutscher Sportverlag DDR


Auf der Leipziger Buchmesse im März 1988 hatte mich ein Westdeutscher Verleger angesprochen, ob wir nicht einen Bildband über Katarina Witt – exklusiv für ihre Eisrevue durch Westdeutschland – herausbringen könnten. Natürlich wollten wir das machen, schließlich ging es um ca. 8000 Exemplare für die wir harte Devisen bekommen würden. „Ich brauche das Buch aber im August“, fügte er hinzu. Das war das eigentliche Problem, denn in der DDR wurden die Produktion von Büchern und Abläufe in den Druckereien sehr lange im Voraus geplant. Flexibilität war oftmals nicht möglich. Dennoch sagte ich: „Okay, das machen wir“, und besiegelte es per Handschlag. Wir schafften es tatsächlich den wunderbaren Bildband „Katarina – Eine Traumkarriere auf dem Eis“, rechtzeitig zu produzieren. Es war ein reines Exportprodukt und wurde in der DDR nicht verkauft.
Ich verbrachte gerade mit Jutta meinen Urlaub im Garten in Priort, als mich mein Stellvertreter Werner Schreier mit einem Besuch überraschte. „Mensch, Horst, da ist große Scheiße passiert. Hast du denn das Witt-Buch ohne eine Genehmigung herausgebracht?“ Für Dienstag wurde extra eine Parteileitungssitzung einberufen, zu der sogar der Ewald kommt!“ Ich fuhr also aus dem Urlaub zurück, doch erst im Verlag begriff ich, was geschehen war. In vielen westdeutschen Zeitungen war das Buch über Katarina Witt rezensiert worden und machte überall positive Schlagzeilen. Da die Westpresse immer für die Politbüromitglieder ausgewertet wurde, bekam auch Egon Krenz, der im ZK mittlerweile für Sport verantwortlich war, davon Wind. Sofort rief er bei Manfred Ewald an und fragte: „Hast du das eigentlich genehmigt?“ Der antwortete überrumpelt: „Nein, Egon, ich kenn das Buch ja nicht einmal.“
Foto: Deutscher Sportverlag DDR

Foto: Deutscher Sportverlag DDR


In der Sonderparteileitungssitzung wurde ich minutenlang niedergemacht, dass ich nicht nur den Sportverlag, den DTSB und alle Werktätigen der DDR betrogen hätte, sondern auch das komplette sozialistische Lager. Obwohl in dem Bildband nicht ein einziges böses oder verwerfliches Wort über unser Land stand – ganz im Gegenteil – hatte ich scheinbar den Weltfrieden aufs Spiel gesetzt. Ewald saß neben mir und ich flüsterte ihm ins Ohr: „Manfred, ich hab dir doch sofort nach der Messe einen Brief geschrieben und da du dich nicht geäußert hast, dachte ich, dass alles in Ordnung geht.“ Er antwortete: „Weißt du wie viele Briefe mich am Tag erreichen? Du hättest mich einfach mal anrufen sollen.“ Eigentlich alles ganz simpel, doch in der DDR wurden oftmals aus Lappalien Dramen gemacht.
Im November 1988 wurde Ewalds Rücktritt aus gesundheitlichen Gründen bekannt gegeben und der Nachfolger vorgestellt. Doch auch mit Klaus Eichler, der von Egon Krenz vorgeschlagen worden war, konnte ich sehr gut zusammenarbeiten. Da er zuvor viele Jahre Generaldirektor des FDJ-Reisebüros „Jugendtouristik“ gewesen war, verstand er eben auch, wie man einen Betrieb leitete – er hatte Ahnung von dem, was wir taten.
Foto: Deutscher Sportverlag DDR

Foto: Deutscher Sportverlag DDR


Zu unserem 40-jährigen Betriebsjubiläum lernte ich ihn persönlich kennen. Unser Verlag sollte den Vaterländischen Verdienstorden in Gold bekommen, den uns Krenz überreichen würde. Es war klar, dass ich zu diesem Anlass eine Rede halten müsse. Wie es in der DDR offenbar üblich war, musste ich diese zuvor im Zentralkomitee der SED, Abteilung Sport, zum Absegnen einreichen. Mitarbeiter Rühmann sagte mir nach der Durchsicht: „Du, der Egon hört das Wort ‚Athleten’ nicht so gern – mach da mal lieber ‚Sportler’ draus.“ Obwohl das gegen meine Journalistenehre verstieß, da ich nun unzählige Wortwiederholungen im Text hatte, änderte ich die Passagen und gab sie wieder rüber. Als ich die genehmigte Rede abholte, fragte Rühmann: „Sag mal, wenn der Egon euch den Orden überreicht, musst du doch auch noch ein paar Dankesworte sagen.“ Ich nickte. Das war doch selbstverständlich. „Dann schreib die mal bitte auch auf und lass sie prüfen.“ So ein Schwachsinn – doch ich tat wie mir geheißen.
Die Veranstaltung fand im großen Saal des Berliner Verlages statt. Vor der Tür traf ich Krenz und fragte ihn, ob er denn zu der kleinen Zusammenkunft kommen würde, die im Anschluss stattfand. Doch er erklärte mir, dass er dafür keine Zeit habe. Ich hielt also meine überprüfte Rede und las sogar die Dankesworte vom Zettel ab. Thomas Köhler, der Vizepräsident für Wintersport im DTSB, saß danach neben mir und sagte: „Die Worte zum Schluss hättest du ja wenigstens mal aus dem Stehgreif sagen können Horst.“ Viel zu laut antworte ich: „Können ja, aber nicht dürfen.“ Die Idiotie an der Sache: ich war nicht der Einzige in unserem Land, dem das so erging. Abertausende mussten ihre Reden zuvor von zuständigen Stellen freigeben lassen. Wie viel unnütze Zeit damit verbracht wurde!
Foto: Deutscher Sportverlag DDR

Foto: Deutscher Sportverlag DDR


Mir erzählte mal ein Kollege, der eine Ansprache vorbereitet hatte, weil ein bedeutender Sportler den „Stern der Völkerfreundschaft in Gold“ überreicht bekommen sollte, was ihm widerfuhr. Erich Honecker las den Text, machte ein „X“ an die Seite und schrieb an den Rand „großer“. Unser Staatsratsvorsitzender hatte also diese unwichtige Rede persönlich gelesen, um dann lediglich festzustellen, dass derjenige den „großen Stern der Völkerfreundschaft in Gold“ erhielt.
Egon Krenz blieb dann doch noch zur anschließenden Verlagsfete, als er hörte, dass ich nicht nur die Funktionäre, sondern auch die Kraftfahrer, Putzfrauen und Aushilfen unseres Verlages eingeladen hatte. Das gefiel ihm.

Doch schon 1990 hörte mein Land auf zu existieren. Der Niedergang mit den vorangegangenen Massenfluchten über Polen, Ungarn und die CSSR und der spätere Mauerfall erfolgten jedoch in einem Tempo, das nicht nur mich vollkommen überraschte.
Honecker hatte kurz davor noch geschwafelt: „Wir weinen niemandem eine Träne nach, der unser Land verlassen will.“ Ich hatte mich entsetzt in der folgenden Parteiversammlung zu Wort gemeldet und gesagt: „Ich teile diese Auffassung nicht. Ich weine den Leuten Tränen nach, denn es kann doch nicht sein, dass wir hier den Sozialismus errichten wollen und so viele Leute unser Land verlassen.“ Dass ich dafür nicht zur Rechenschaft gezogen wurde, zeugte allerdings schon davon, dass wir am Scheideweg standen. Ein Parteiverfahren wäre üblich gewesen.

Foto: Deutscher Sportverlag DDR

Foto: Deutscher Sportverlag DDR


Mitte September 1989 waren wir zusammen mit den Senioren (ehemaligen Mitarbeitern) zu unserem jährlichen Betriebsausflug aufs Land aufgebrochen. In dem Ort und an der Kirche hingen große Aushänge mit Forderungen, die ein so genanntes „Neues Forum“ verbreitete. Ich sagte zu meinen Kollegen: „Ich glaube, wir sollten lieber nach Berlin zurückfahren, wer weiß, was hier heute noch passiert.“ Alle stimmten mir zu und so brachen wir den Aufenthalt ab. Es war uns – im eigenen Land – zu gefährlich geworden, denn selbst die Menschen, welche die DDR nicht aus Wut und Enttäuschung verlassen hatten, begehrten nun auf.
Noch einen abschließenden Satz zum Ende unserer Republik: Ich wollte nicht, dass die DDR untergeht, denn ich baute sie ja maßgeblich mit auf. Seit ihrer Gründung hatte ich mich für einen gerechten und lebenswerten sozialistischen Staat auf deutschem Boden eingesetzt. Dass in diesem Land unzählige Fehler gemacht wurden und wir meilenweit von den einstmals gut gemeinten Zielen entfernt gewesen waren, bestreite ich allerdings nicht.
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Mein 9. November 1989 – Mauerfall in der DDR

9. November 2012 | von | Kategorie: Blog

marko08sw

Ich werde vor allem von westdeutschen Freunden oft gefragt, was ich am 9. November 1989 gemacht habe. Natürlich kann ich – wie jeder meiner Generation – die Frage bis ins kleinste Detail beantworten:
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18.53 Uhr: Günter Schabowski, Sprecher des SED-Zentralkomitees, gibt gerade die neue Reiseregelung für DDR-Bürger bekannt. Auf die Nachfrage eines Journalisten, wann die Regelung in Kraft treten soll, antwortet Schabowski: „Ab sofort, unverzüglich!”
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Wir waren wie jeden Donnerstag in diesen Tagen zum Trinken und Debattieren im HdjT verabredet. Vieles änderte sich in meinem Land, neue Parolen und Transparente flatterten in den Straßen der DDR. So viel Neues stürzte auf uns ein, dass wir es gar nicht schafften, über all unsere aufblühenden Vorstellungen und Fantasien für die Zukunft in unserem Land zu reden. Endlich könnten wir einen sozialistischen Staat errichten, der diesen Namen auch verdiente. Eine neue Welt würde da draußen geschaffen – von uns!
Das Haus der Jungen Talente befand sich etwa 500 Meter Luftlinie von der Mauer nach Westberlin entfernt am U-Bahnhof Klosterstraße. Hier konnte man gemütlich bei Livemusik herumgammeln. An der Bar steckten David, Otmar und ich die Köpfe zusammen, sprachen über Egon Krenz, seine Genossen und die riesige Demo vom letzten Samstag auf dem Alex.
Auch an allen anderen Tischen des Clubs tuschelten die Leute eifrig über diese Dinge. Die meisten waren älter als wir Abiturienten. Die langhaarigen Typen mit ihren lässig gekleideten Mädels verkörperten „die Künstlerszene“, in die vor allem Otmar so gerne hinein wollte. Einige von ihnen kannten wir bereits und im Vorbeigehen erzählte einer der Künstler ganz nebenbei, dass sich die Reisebestimmungen irgendwie gelockert hätten – so zumindest soll es Schabowski in der Aktuellen Kamera gesagt haben.
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20.15 Uhr: Laut Lagebericht der Berliner Volkspolizei haben sich insgesamt 80 Ost-Berliner an den Grenzübergängen Bornholmer Straße, Invalidenstraße und Heinrich-Heine-Straße eingefunden. Anweisung an die Grenzwächter: Die Menschen auf den nächsten Tag zu vertrösten und zurückzuschicken.
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Kadarka
Wir stiegen von Bier auf Rotwein um und diskutierten die nächste Stunde darüber, ob man jetzt endlich auch als Nicht-Rentner per staatlich geprüftem Antrag einmal rüber fahren durfte oder ob sich nur die Wartezeit für Ausreiseanträge verkürzen würde. David kam mit zwei weiteren Flaschen Wein von der Bar zurück und rief uns zu: „Kommt Jungs, lasst uns abhauen!“ David war Otmars bester Freund aus alten Tagen. Er war ein großer Heavy-Metal-Fan, mit schulterlangen, fettigen Haaren und dünnen Beinen, die in engen Röhrenjeans steckten. Da die beiden Schlagzeug spielten, musste ich mir mit ihnen viele schlechte Bands mit angeblich guten Drummern anschauen. Doch diese Jungs kannten politische Zusammenhänge, Filme und Bücher, von denen ich noch nie etwas gehört hatte! Sie besaßen sogar geheimnisvolle Kenntnisse über Organisationen im Untergrund wie das Neue Forum und kannten Musikgruppen, die nicht nur staatstreue Texte sangen, persönlich.
In den letzten Tagen und Monaten geriet ich regelrecht in einen Strudel von Informationen, wurde mehr und mehr ein Bestandteil dieser kontrovers diskutierenden Gemeinschaft. Im Herbst 1989 waren wir 17- und 18-Jährigen plötzlich eine ernstzunehmende politische Größe in einem Land, das sich zum ersten Mal für neue Ideen öffnete. Wir waren die Generation, die noch nicht versaut war durch drei Jahre NVA, SED-Mitgliedschaft, politische Schulungen in den marxistisch-leninistischen Studiengängen. Wir waren offen in alle Richtungen und zu jung, um uns einer inoffiziellen Mitarbeit beim Ministerium der Stasi verschrieben zu haben. Wir konnten und wollten etwas bewegen, uns selbst ein anderes Leben in diesem Land ermöglichen. In der Schule lernte ich neben Otmar, Matze und Bernd immer mehr Leute kennen, die heiß diskutierten und uns in die Kneipen folgten. Selbst Leute, denen sonst alles scheißegal gewesen war, engagierten sich plötzlich.
Was die Freunde David und Otmar unterschied, war ihre gegensätzliche Einstellung zum Leben. Während meinen Klassenkameraden Otmar eine positive Grundstimmung umgab und er den ganzen Tag gut gelaunt durchs Leben lief, hatte David oft negative, düstere Gedanken, die nach dem Genuss von zu viel Alkohol auch mal in Todeswünsche umschlugen. Aber wir waren keine Psychologen. Es war für uns einfach nur seine krasse Masche, wenn er – mit zu viel Doppelkorn in der Birne – mies drauf war.
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21.30 Uhr: Zwischen 500 und 1.000 Menschen haben sich am Grenzübergang Bornholmer Straße eingefunden. Die Staatssicherheit setzt auf eine „Ventillösung”.
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Bei den abendlichen Ausflügen hatte es sich eingebürgert, dass wir am Ende der Nacht, wenn alle Kneipen und Clubs schlossen und wir hochgradig betrunken waren, auf Häuser und Gerüste kletterten. Noch heute bekomme ich feuchte Hände und Schweißausbrüche, wenn ich daran denke, was ich – mit meiner real existierenden Höhenangst – für halsbrecherische Aktionen veranstaltet habe. Wir kamen an keinem eingerüsteten Gebäude vorbei, ohne hinaufzuklettern, und die Kletterei endete wirklich erst, wenn alle auf den hohen, schiefen Dächern saßen, in die sternenklaren Nächte Berlins schauten und das kribbelnde Rauschen in den Adern spürten. Auf vielen Dächern, besonders im Prenzlauer Berg, konnten wir hunderte Meter von einem Haus zum anderen laufen, mit unseren ständigen Begleitern: der Freiheit und dem Tod. Als Bernd einmal auf der Humboldt-Universität unglücklich ausrutschte und nur noch mit einer Hand am Dachsims hing, konnten wir ihn gerade noch mit allerletzter Kraft wieder hochziehen. Ich hätte fast gekotzt – Wahnsinn!
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22.28 Uhr: In den Spätnachrichten der „Aktuellen Kamera” des DDR-Fernsehens wird noch einmal darauf hingewiesen, dass Ausreisen erst erfolgen könnten, „nachdem sie beantragt und genehmigt worden sind.” Es ist ein letzter Versuch, die Entwicklung zu bremsen.
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Es war noch weit vor Mitternacht, als wir das HdjT verließen und zurück ins Herz unserer Stadt zogen. Und das schlägt für mich seit jeher in Friedrichshain. Zwischen den hiesigen, zehnstöckigen Hochhäusern war es an diesem Abend besonders ruhig, dunkel und unheimlich. Nein, es begegneten uns keine Fahnen schwenkenden Bewohner, niemand kam uns grölend entgegen, Trabis und Wartburgs standen in unserer Gegend, dem Viertel der staatstreuen Bediensteten und Bonzen, still auf ihren übergroßen, aufgemalten Parkplätzen. Ein einsames Multicar ratterte durch die Nacht.
Gleich im ersten Aufgang eines Neubaublocks fanden wir eine offene Luke ins Glück. In dreißig Metern Höhe, mit einem gigantischen Ausblick auf den Fernsehturm, das Hotel Stadt Berlin und die schlafende Stadt schien uns eine unbekannte Stimme aus der Ferne zuzubrüllen: „Wer jetzt noch schläft, der ist schon tot!“ Wir bildeten uns ein, bis weit nach Westberlin schauen zu können – diesem hellen, leuchtenden Streifen am Horizont.
Blick Fernseturm Sonne

Doch plötzlich rief David, der bereits am anderen Ende des Hauses angekommen war: „Hey Jungs. Ich hab jetzt echt die Schnauze voll von allem. Ich will nicht mehr. Macht’s gut, es war schön mit euch.“ Er nahm Anlauf und sprang mit einem energischen Satz von der Kante in den schwarzen Abgrund. Der Schock machte mich bewegungsunfähig. Ich starrte mit weit aufgerissenen Augen zu Otmar, der bereits in die Richtung des Unglücks rannte. Das war jetzt nicht wahr, oder? In unserem Land änderte sich gerade so vieles zum Guten, und mein bester Kumpel sprang in den Tod. Ich schaute verzweifelt zu Otmar. Trotz seiner nachgewiesen guten schauspielerischen Fähigkeiten konnte er bei dem Spruch: „Scheiße, der ist Matsch!“ ein Lächeln nicht unterdrücken.
Wenige Sekunden später, lugte die verwegene Mähne Davids über die Brüstung. Ich hatte nicht gewusst, dass die Häuser in diesem Block einen überdachten Balkon hatten, sodass er wagemutig auf diesen, etwa einen Meter tiefer gelegenen Vorsprung gesprungen war. Sie hatten mich verarscht!
Wahrscheinlich gab es wieder viele gute Nachrichten an diesem 9. November 1989 im Fernsehen, dachte ich. Die Schönste für mich war, dass mein Freund David noch lebte. Wir lagen uns lachend in den Armen.
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23.00: In der Bornholmer Straße wird die Lage für die überforderten Kontrolleure bedrohlich. Tausende Menschen drücken auf den Grenzübergang. Die Ventillösung hat sich als unklug erwiesen. Als einige ausreisen dürfen, verstärkt sich das Gedränge derjenigen, die noch warten müssen. Als der Drahtgitterzaun vor dem Grenzübergang beiseitegeschoben wird, bangen die Grenzwächter um ihr Leben. Oberstleutnant Harald Jäger beschließt, alles aufzumachen und die Kontrollen einzustellen. Tausende von Menschen strömen in die Grenzanlage, überrennen die Kontrolleinrichtungen, laufen über die Brücke und werden auf der West-Berliner Seite begeistert begrüßt.
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Auf dem Rücken liegend sahen wir in den Ostberliner Himmel und tranken zum allerletzten Mal in unserem Leben diesen fürchterlich schmeckenden Rotwein. Tief in der Nacht schwankte ich durch mein schlafendes, regierungstreues Viertel nach Hause. Es war so spät, dass ich keinem einzigen Menschen begegnete und zu Hause völlig gerädert, aber glücklich, in mein Bett fiel. Ich hatte keine Kraft mehr, wie sonst üblich, noch ein bisschen Fernsehen zu schauen. Was sollte ich da heute auch schon groß verpassen? Schlafen!
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0.00 Uhr: Bis gegen Mitternacht wird die Öffnung aller Berliner Übergänge erzwungen.
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Meine Eltern und Benny waren schon weg. Ich war viel zu spät dran am nächsten Morgen auf meinem Weg zur Schule und hörte keine Radionachrichten. Ausgerechnet heute fielen zwei Busse aus und als dann endlich einer kam, war ich in diesem der einzige Fahrgast. „Versteckte Kamera jetzt auch im Osten”, dachte ich irritiert. Verschlafen sah ich aus dem Busfenster. Kurz hinterm Leninplatz, an der kleinen Polizeiwache Friedensstraße, bildete sich eine kilometerlange Menschenschlange. Ich hätte die zwei jetzt zugestiegenen Passagiere oder den Busfahrer fragen können, was da los war. Doch ich war viel zu müde, obwohl ich langsam ahnte, dass sie gestern wohl doch etwas Wichtiges bei Auslandsreisen geändert hatten. Hier war ja die polizeiliche Meldestelle.

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Genervt und eine halbe Stunde zu spät, erreichte ich meinen Schulhof. Plötzlich wurde ich von hinten zu Boden gerissen. Jemand drehte mich, noch am Boden liegend, um und knutschte mich eklig nass ab. Als ich mich langsam aufrappelte, war Claudia gerade dabei, mich von oben bis unten mit Sekt zu bespritzen. “Bist du bescheuert oder was?”, brüllte ich sie an und dachte, dass meine überdrehte Klassenkameradin jetzt endgültig reif für die Klapsmühle wäre. Sie schnitt verrückte Grimassen, schrie irgendetwas und wedelte die ganze Zeit mit dem blauen Personalausweis vor meinem Gesicht herum. In diesem Moment wusste dann endlich auch ich, was in der gestrigen Nacht des 9.11. an der Mauer passiert war. Ich hätte fast gekotzt – Wahnsinn.

Für die Geschichtsstunde hatten wir für diesen, alles verändernden Morgen die Hausaufgabe gehabt: „Der antifaschistische Schutzwall, seine Berechtigung gestern und heute“. Wir ahnten bereits, dass uns das in 20 Jahren niemand mehr glauben würde. Aber es gibt ja Zeugen dafür. Kati ließ den nächsten Sektkorken knallen, und die alte Frau Kamerat verließ heulend das Klassenzimmer.
Nein, Otmar und ich gingen nicht einfach nach Hause und dann zum Checkpoint Charlie “rüber”. Ich mimte in Bio zunächst den todkranken Schüler und bat meine Klassenlehrerin Frau Schuhmann, ob mich der Otmar zum Arzt bringen dürfte. Obwohl sie es schmunzelnd genehmigte, gingen wir Idioten wirklich noch pflichtbewusst zum Doktor. Das Wartezimmer war komplett leer, und der sehr alte Doktor erkannte an meinem viel zu schnellen Herzschlag, dass er mich sofort in Richtung Grenzübergang Invalidenstraße entlassen musste. Was war ich nur für eine riesengroße Pfeife?
Wir saßen im Zug der Verlierer, der Menschen, die gestern verpennt hatten und sich den ganzen Tag die euphorischen Geschichten der anderen hatten anhören müssen. Unangenehme Zeitgenossen lasen die BZ ihrer bereits „drüben“ gewesenen Kollegen. Kurz vor der Mauer quetschten wir uns durch die kreischenden Massen in Marmor-Jeans, riefen ihnen „Scheiß Ostler!“ hinterher und ärgerten uns immer noch, dass wir heute mit dem nervigen “Mob” rüber mussten. Ausgerechnet in diesem historischen Augenblick waren wir auf Häuser geklettert und hatten den Nachthimmel angeheult.
Als wir den letzten Schlagbaum passiert hatten, geschah dann aber doch etwas mit mir. Das Herz begann zu hämmern und sicher spürte ich bereits, dass wir unser Land soeben für immer verlassen hatten. Ich umarmte Otmar sehr lange, und fast wäre mir sogar ein Tränchen entwichen. Unser allererster waschechter Westberliner auf der anderen Seite drückte jedem von uns einen 10-DM-Schein in die Hand und sagte lächelnd: „Viel Glück!“

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Am 10.11.1989 standen wir um 11.30 Uhr am Bahnsteig des heillos überfüllten Lehrter Stadtbahnhofs. Wir warteten nun schon über eine halbe Stunde auf die S-Bahn in Richtung Zoo. Wir wollten uns am Wasserklops vor dem Europacenter mit den anderen treffen. Otmar sagte genervt: „Scheiß Westen!“, und ich stimmte ihm verschlafen zu.
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Honeckerzombie oder die DDR im Herbst 1989

23. Oktober 2012 | von | Kategorie: Blog, Mauergewinner Leseproben

Honneker

Es war ein herrlicher Herbsttag. Bei strahlendem Sonnenschein fuhr ich auf der Karl-Marx-Allee mit dem Fahrrad zur Arbeit und freute mich schon jetzt auf unsere Mittagspause, wo ich mich zusammen mit meiner lieben Kollegin Henna für eine Stunde in den kleinen Park gegenüber legen und die vielleicht letzten wärmenden Strahlen des Jahres genießen würde.

Als ich an den zehngeschossigen Hochhäusern kurz hinterm Kino International vorüberkam, fiel mir etwas auf: An einem Fenster im fünften Stock eines der riesigen Betonblocks wehte eine einsame Fahne im Wind: eine DDR-Fahne. Ich fahre hier jeden Tag entlang und grübelte beim Weiterfahren, warum ausgerechnet heute jemand trotzig diesen alten Stofffetzen gehisst hatte. Kurz hinter dem Fernsehturm fiel der Groschen dann endlich. Heute war nicht irgendein belangloser Oktobertag. Es war der 7. des Monats, ein Tag, den ich eigentlich nicht so schnell hätte vergessen dürfen: Der 7. Oktober, der Gründungstag der Republik, war einer der wenigen gesetzlichen Feiertage in der DDR – der vielleicht wichtigste zudem.

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Wir freuten uns eigentlich immer riesig auf freie Tage: Frei haben, das hieß lange ausschlafen, gemütlich frühstücken und gemeinsam an den Müggelsee fahren, wo es für alle ein „Steak au four“ in dem großen Gartenlokal mit den gemütlichen Holzstühlen am Wasser gab und nach einem kurzen Spaziergang in den Wäldern der Müggelberge noch ein Stück Kuchen oder ein Eis aus der Diele. Für den Vati gab es dann immer noch ein kühles Bier vom Fass für eine Mark und zwei.
Dazu ist es am 1. Mai und am 7. Oktober jedoch nie gekommen. Stattdessen hieß es für fast alle: früh aufstehen, am Genossen Erich Honecker vorbei über die Karl-Marx-Allee marschieren oder vor der Parade Spalier stehen. Das war unsere erste Bürgerpflicht.
Als wir noch mit unserer Mutti, genau wie am 1. Mai, in der Brigade mitmarschierten, fanden wir es immer ganz toll, den Erich mal „in echt“ zu sehen. Ich stritt mich sogar mit Benny darüber, wen er angelächelt oder wem er gar zurückgewunken hatte. In der Aktuellen Kamera achteten wir abends darauf, ob wir irgendwo zu sehen waren. Wir hofften jedes Jahr wieder, dass sie ausgerechnet uns gefilmt hätten.

Wandzeitung 29 Jahre DDR

Vater ging nach der Parade immer in seine Stammkneipe, das „Scheppert-Eck“, und überließ uns unserem Schicksal. Spätestens ab der 3. Klasse waren 1. Mai und der Geburtstag der DDR allerdings nicht mehr ganz so lustig. Obwohl die riesige Ehrentribüne nicht weit von unserer Wohnung stand, wurden wir zu unmenschlichen Zeiten geweckt, um pünktlich an der Sammelstelle unserer Schulklasse am Frankfurter Tor zu sein. Betriebsgruppen, Brigaden und Schulklassen trafen sich lange, bevor die Parade losging, an dieser riesigen Straßenkreuzung mit Blick auf die endlose Karl-Marx-Allee. Dann hieß es: Ruhe bewahren, abwarten und frieren. Leider waren wir eine DDR-Vorzeigeschule, denn während andere Kinder nur am 1. Mai selbst marschierten und am 7. Oktober lediglich den vorbeifahrenden Panzern, den Grenztruppen und Kampfgruppen der NVA mit Elementen in der Hand zuwinken mussten, bevor sie nach Hause liefen, war für uns noch lange nicht Schluss. Wir hatten die Ehre, so lange zu bleiben, bis auch die letzte Einheit im Gleichschritt vorbeistolziert war, durften sämtliche sozialistischen Brigaden mit ihren Losungen und die FDJ-Züge abwarten, bis unser Klassenlehrer, Herr Blase, endlich brüllte: „Klasse 5b sofort in Zweierreihen aufstellen. Es geht los!“

Wandzeitung 29 Jahre DDR 2

Zentimeterweise stolperten wir vorwärts, inmitten von Hunderttausenden Berlinern. Es dauerte dann mehrere quälende Stunden, bis wir endlich diese trostlose Tribüne der alten Genossen erreichten, die ihrem Fußvolk – also uns – mühsam zuwinkten. Trotzdem war es eine Erlösung, schließlich am dauergrinsenden Erich Honecker mit seinem dicken grauen Mantel vorbeizumarschieren. Glückshormone wurden freigesetzt, denn jeder wusste: Jetzt habe ich es geschafft! Die tollen Panzer und die beeindruckend im Stechschritt laufenden Grenztruppen waren hier längst schon vorbeigezogen, und als auch wir vor den Herrschaften endlich sozialistisch salutiert hatten, entließ uns Herr Blase und wir standen verloren am Alex herum und überlegten uns, was wir mit dem Rest des Tages anfangen sollten. An unserem wichtigsten Feiertag waren die extra errichteten Buden und Verkaufsstände rund um den Alex jetzt heillos überfüllt, genau wie der Ketwurststand gegenüber vom Warenhaus. Mit platten Füßen kamen wir am späten Nachmittag nach Hause und waren trotz der Grilletta, für die wir uns stundenlang angestellt hatten, hungrig. So ging das jedes Jahr am 1. Mai und am 7. Oktober.

Die NVA

Allerdings gab es auch Ausnahmen: 1985 erzählte ich meinen Eltern am Abend vor der großen Parade, dass sich unsere Klasse am nächsten Tag erst später treffen würde. Alles lief nach Plan. Ich wachte gegen 11.30 Uhr auf – meine Eltern und Benny marschierten längst auf der Karl-Marx-Allee. Ich legte mich vor die Glotze und schaltete zwischen ARD und ZDF hin und her. So stellte ich mir als 14-Jähriger einen Feiertag vor!
Allerdings hatte ich nicht damit gerechnet, dass mein Vater genau an diesem Vormittag auf der riesigen Demonstration ausgerechnet meinen Klassenlehrer Blase traf, zusammen mit meiner fast vollzähligen Schulklasse. Ich war der einzige, der fehlte. Ich war ziemlich überrascht, als er gegen Mittag mit krebsrotem Kopf vor meiner gemütlichen Couch stand. Ich hatte meinen Alten selten so zornig gesehen. Ein Blick in seine Augen reichte aus und ich, das unsozialistische Kind eines Genossen und Majors der Volkspolizei, bekam richtig Angst. Es war zu befürchten, dass er mich aus dem Fenster des 9. Stockes schmeißen würde. Soll ich es Glück im Unglück nennen? Er schnappte nicht mich, sondern meinen schwarzen Annett Kassetten-Rekorder und klatschte diesen mit voller Wucht gegen die Kinderzimmerwand.
Ich stand unter Schock. Er hatte soeben etwas wirklich Wichtiges in meinem Leben zertrümmert und er wusste es. Große Tränen standen mir in den Augen. Keine „Schlager der Woche“ und „Hey Music“ auf RIAS und SFB mehr und die aufgenommenen Kassetten wieder und wieder hören – ich heulte plötzlich wie noch nie im Leben. Dieses unberechenbare Arschloch war nicht mehr mein Vater! Er wusste jetzt, dass er Scheiße gebaut hatte und auch, was er mir sechs Monate später als Ersatz für den Annett zur sozialistischen Jugendweihe zu schenken hatte: den nagelneuen RFT-Doppelkassetten-Rekorder für 1.500 Mark. Im Jahr darauf stand ich wieder brav mit meinem Winkelement in der Jubelmenge und huldigte Erich Honecker und seinen Genossen.

Genossen

Beim letzten 7. Oktober vor dem Mauerfall hatte ich diese Geschichte eigentlich längst vergessen. Dennoch lagen 1989 noch größere Welten zwischen mir und meinem Vater als zuvor. Ich war mittlerweile Abiturient der 12. Klasse mit heiß diskutierenden Mitschülern, die sich in Kirchen trafen, um neue Ideen auszutauschen, kritische Artikel verfassten und zum Teil in geheimnisvolle neue Foren eintraten. Einige waren über Ungarn abgehauen. Mein alter Herr war nach wie vor beim SC Dynamo Sportfunktionär, wo man die Dinge in Ungarn ungern sah.

Die DDR wackelte und unsere Familie gleich mit.

Es war später Herbstnachmittag an diesem Feiertag, ich hatte diesmal wieder ausgeschlafen und traf mich mit Matze, Otmar und Bernd in den letzten Sonnenstrahlen am Alexanderplatz. Die Jungs hatten munkeln hören, dass hier heute etwas los wäre. Was genau, wusste eigentlich niemand. In der Mitte des Platzes in der Nähe der Weltzeituhr versammelten sich allmählich etwa 500 Leute. Es kam mir vor, als hätte sich hier eine Truppe von Rowdys und Krawalltouristen getroffen, die endlich einmal zeigen wollten, dass nicht nur in Leipzig und Dresden die Post abging. Obwohl es ein Samstag war: Dies sollte scheinbar Berlins erste Montagsdemo werden! Die kleine Meute brüllte ununterbrochen: „Schließt Euch an!” Trotzdem war es weiterhin ein erbärmliches Häuflein – weit entfernt von den Menschenmassen, die angeblich in Sachsen auf die Straße gingen. In Berlin war in dieser Hinsicht am wenigsten los. Warum, konnte ich auch nicht sagen. Ein paar Leute riefen fast schüchtern: „Freiheit, Freiheit“.

Weltzeit

Einige rollten Transparente aus, und eine kleine Gruppe begann, neue Parolen anzustimmen. „Gorbi, Gorbi!“, „Gorbi hilf uns!“ und „Wir sind das Volk!“, brüllten sie in der Hoffnung, dass die anderen mit einstimmten. Doch nicht alle folgten der Aufforderung; viele beobachteten die Szenerie nur äußerst aufmerksam. Heute denke ich, dass zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich die Hälfte der Anwesenden die Veranstaltung unterwandert hatte. Genossen vom Innenministerium lagen in Zivil auf den Dächern der angrenzenden Häuser. Ich konnte sehen, dass dort oben mehrere Beobachter mit großen Kameras standen.
Doch auch ohne Handy – also durch den „Buschfunk“ – strömten nach und nach immer mehr Menschen auf den Alex. Angesteckt von meinen Jungs brüllte auch ich mittlerweile: „Schließt Euch an!“ Einige zeigten den Stinke- oder die gespreizten Victory-Finger in Richtung der Aufseher auf den Dächern. Ohne erkennbares Zeichen setzte sich der Tross in Bewegung. Es ging zum Palast der Republik. Aus dem Restaurant „Schwalbennest“ beobachteten uns komische Vögel, und gleichzeitig, in „Erichs Lampenladen“, tagten und feierten die obersten Genossen und eingeladenen Staatsgäste den 40. Jahrestag der Gründung unserer DDR bei voller Beleuchtung.

Palast

Auf Höhe der Spree, die wie eine künstliche Mauer vor dem „Palazzo Prozzo“ floss, kamen wir zum Stehen. Vor der Brücke am Nikolaiviertel standen hunderte von Volkspolizisten und riegelten den Zugang ab. Immer lauter wurden die Gesänge und Rufe der Menge. Inzwischen mochten wir schon 3.000 Leute sein. Den Polizisten stand die Angst ins Gesicht geschrieben. Zum ersten Mal trafen in Berlin Staatsmacht und Volk so geballt aufeinander. Keiner wusste, was geschehen würde.
Matze war unser Mann in vorderster Front. Er provozierte und beschimpfte die Arm in Arm eingehakten Beschützer aufs Übelste. Plötzlich begannen er und ein paar andere Kerle, mit voller Kraft gegen diesen menschlichen Wall, der die wenigen Oberen vor ihren vielen Untergebenen schützen sollte, anzurennen. Die ersten Angriffe wurden mit Schlagstöcken abgewehrt. Da ertönte aus dem Pulk der Demonstranten eine Parole in Richtung der Palastwächter, die wie eine doppeldeutige Drohung klang. Sie kam aus mittlerweile tausenden Kehlen: „Wir bleiben hier! Wir bleiben hier! Wir bleiben hier!“ Mir liefen kalte Schauer über den Rücken.
In den Augen der Polizisten sah ich eine bedrohliche Mischung aus Angst und Hass, hinter der ersten Reihe sprang jetzt eine zweite Garde von einem LKW. Diese Jungs hatten große Kalaschnikows in den Händen. Alle Protestierer wichen augenblicklich zurück, und der Kommandeur auf der anderen Seite war plötzlich mit seinen gebrüllten Befehlen wesentlich lauter als die 3.000 Leute des Volkes. Ich spürte, dass sich in diesen Augenblicken die Geschichte unseres Landes entscheiden würde. Und mein Gefühl sagte mir, dass sie gleich in die Massen ballern würden.

Palast 1

Mit schlotternden Knien ging ich zu den anderen und sagte, dass ich nicht hier bleiben würde. Wir sahen uns verängstigt an und keiner nahm es mir übel. Zusammen mit Otmar war ich innerhalb von dreißig Sekunden aus der Gefahrenzone.
Mein Vater war zu gleicher Zeit von seiner Behörde in ständige Alarmbereitschaft versetzt worden, mit Ausgabe von Uniform und scharfer Pistole. So kitschig wie in manchen deutschen Spielfilmproduktionen auf RTL oder SAT1: Wenn es zu einer ernsthaften Eskalation gekommen wäre, hätte ich unter Umständen wirklich meinem Vater gegenübergestanden oder er hätte die wesentlich mutigeren Matze und Bernd erschießen können.
Hat er aber nicht! Und das war die wirklich sensationell gute Nachricht an diesem 7. Oktober 1989. Die Leute, die vor Honeckers Regierungspalast standhaft geblieben waren, hatten den Sieg davon getragen. Die Bilder der wütenden Demonstranten gingen um die Welt und trotz späterer Prügelorgien der Stasi und Volkspolizei und allerlei Festnahmen gab es keinen Schießbefehl und keinen einzigen Toten.

Ohne Palast

Der Arbeitstag 19 Jahre später ging friedlich vorüber und nichts erinnerte mehr an die Zeit vor so vielen Jahren. Mit meiner Kollegin Henna diskutierte ich lange auf der Wiese, ob man verschwundene Feiertage eigentlich ein Leben lang vermissen würde. So wie eine innere Uhr einen schon immer Wochen vorher spüren lässt, dass bald Weihnachten ist, sticht es bei jedem anständigen Ossi am 7. Oktober im Herzen. Obwohl Henna aus Heidelberg kommt und selbst den 17. Juni verloren hatte, kannte sie dieses Gefühl scheinbar nicht. Auf dem Rücken liegend, schaute sie grübelnd in den strahlend blauen Himmel und fragte mich: „Meinst du denn nicht, dass es auch einen Himmel für verlorengegangene Feiertage gibt und gerade jetzt vor einer rostigen Ehrentribüne zigtausende untote Genossen an einem Honeckerzombie in dickem grauen Mantel vorbeimarschieren?“ Ich rollte mich zu ihr hinüber und rief grinsend: „Henna, Scheppert! Sofort in Zweierreihen aufstellen. Es geht los!“

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Weiterlesen kann man in meinem DDR-Buch: “Mauergewinner oder ein Wessi des Ostens”

oder bei
Spiegel Online

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