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Der Bockwurst-Mann vom Leppinsee un sin Fru

31. Juli 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog

Meine diesjährige Kids-Tour fand am letzten Juli-Wochenende 2017 statt. Wenn ich schon nicht mehr dazu komme, eigene Reiseberichte zu schreiben, möchte ich wenigstens diesen Trip, welchen wir M. anlässlich seiner Jugendweihe geschenkt hatten, kurz zusammenfassen.

Natürlich erwarteten meine Nichte und mein Neffe am Donnerstag bei mir Daheim das traditionelle Spaghetti-Bolognese-Essen ohne Besteck, wobei sie dafür langsam ein wenig zu alt werden. Ich weiß nicht, ob sie sich noch lange das T-Shirt vor mir und N. einfach so ausziehen, um danach kopfüber im Fleischsoßen-Berg zu versinken. Allerdings entdeckten sie danach 48 Elefanten auf unserem Flicken-Wandteppich aus Senegal (wo ich bisher, ohne die Einnahme von Hackfleisch-Drogen, lediglich 36 entdeckt hatte).
Noch interessanter war das neuerliche Schauen von „Big Lebwoski“, da sie den Dude, Walter, Donny und sogar die fiktive Band „Autobahn“ dieses Mal viel lustiger fanden – oder einige Witze und Anspielungen (wie ich) erst jetzt verstanden. Um es vorweg zu nehmen: viele Dinge – auch die richtig guten – waren danach an diesem Wochenende eindeutig „bekackt“, um es in der Sprache von Big Lebowski und seinem Freund Walter zu sagen.

Am nächsten Tag ging es auf der echten Autobahn in Richtung Mecklenburg-Vorpommern in die Nähe von Mirow in einen Ferienpark. Dieser ist eigentlich ganz gut für Kinder geeignet, wobei mir die dort anwesenden, oftmals leicht gestörten Quälgeister, eher auf den Keks gingen und von unseren im Schwimmbad sogleich weggeboxt oder untergetaucht wurden.

Das Sommerwetter ließ in diesem Jahr zu wünschen übrig, sodass der Regen am Nachmittag in unsere Eisbecher (einer war sogar aus Schweden) im Schlosscafé von Mirow schüttete. Beim Wechsel ins Innere waren wir plötzlich umgeben von einer extrem hässlichen Fettfisch-Familie, die alsbald die „Nemos“ getauft wurden. „Ist das tschechisch?“, fragte ich die anderen, da man deren (wohl doch deutschen) Dialekt überhaupt nicht verstehen konnte. Der Ferienpark entpuppte sich später übrigens als Paradies für wohlgenährte Menschen aus dem Südosten der Republik, die den dort angebotenen sportlichen Aktivitäten (außer Bierkasten-Schleppen) eher wenig Beachtung schenkten.

Wir hingegen besorgten uns Minigolf-Schläger, um zu einem „bekackten Ligaspiel“ gegeneinander anzutreten. Nun ist es so, dass N. und ich leider keine fürsorglichen Eltern sind, die ihre Kinder immer knapp gewinnen lassen. Somit belegten sie nur den 3. und den 4. Platz, wobei M. beim „echten Golf“ wenigstens einmal gewinnen und L. einmal Zweite wurde, da sie ihre „Mädchen-Bier“-Flasche getroffen hatte. “Schreib ihr ne Null auf!”, wurde dennoch zu geflügelten Worten.
Mein Bruder Benny und ich fanden Krocket-Spielen im Garten früher irgendwann kotzlangweilig und benutzen die Schläger und Bälle dann eher, um weit entfernt eingegrabene Löcher zu erreichen. So auch wir in dieser Anlage, nur dass die Löcher schon vorgegeben waren – der Abschlag aber auf einem grünen Hügel von einer Bank aus stattfand. Das wir keines der Fischfamilien-Kinder am Kopf trafen, war das eigentliche Wunder im Wunderland.

Zum Sonnenuntergang machte selbige dann noch einmal den Vorgucker, sodass wir am Steg – gemütlich auf einem roten Tretboot sitzend (dort, wo es natürlich bekackte Verbotsschilder gab) ein Feierabendbier mit Blick auf den sich spiegelnden See namens „Granzower Möschen“ genießen konnten. Passend zu diesem Namen sprang in jenem Moment ein nackter Piepel – mit kleinem Schniepel – von einer hölzernen Plattform und sagte zu seinen Kumpels etwas extrem Versautes, was ich hier nicht wiedergeben möchte. Hut ab, was die Kids heute schon für Worte nutzen.

Abends (nach ein paar klassischen Mettenden) spielten wir die Kartenspiele „Lügen“ (langweilig) und „Knack“ (ich war zu überlegen), bevor wir dann doch das zuvor abgewählte Brettspiel „Scrabble“ hervorkramten. L. & M. stellten sich gar nicht so blöd an, wurden jedoch von N. deutlich in die Schranken verwiesen. Und nochmals: „AEROKUNDAQ“ ist kein Wort! Kurz nach Mitternacht entließ ich die beiden mit den Worten: „Jetzt geht bitte auf euer Zimmer und schaut Fernsehen!“ Wir Alten waren nämlich müde und wollten langsam ins Bett.

Meine Nichte L. und Neffe M., die mit ihren Eltern sonst in AI-Urlaube fahren, werden ein Apartment mit Küchenzeile irgendwann zu schätzen wissen, da man dort erst um 11 Uhr und nicht bis (!) 10 Uhr Frühstücken kann, was man sich am Vortag im Edeka selbst ausgewählt hat. Egal, der Himmel war noch immer bedeckt bei kühlen 18 Grad, sodass wir eigentlich ein Motorboot mieten wollten, uns dann aber doch fürs Kajak-Fahren entschieden. Wir sind ja keine bekackten Weicheier!

Die Mädchen und Jungs bildeten jeweils ein Team und ohne großartige Einweisung paddelten wir wie Profis hinaus auf das besagte „Granzower Möschen“, bevor es, über einen malerischen Kanal, in den „Kleinen Kotzower See“ hinausging. Gesäumt von Schilf, erblühten rechts und links tausende Seerosen und auf kleinen Röhricht-Inseln brüteten riesige weiße Schwäne gerade ihre Jungen aus.
Die Kids sabbelten ein bisschen viel, um die Natur mit innerer Ruhe genießen zu können – dafür war es mit ihnen rund um die Uhr lustig. Besonders wenn man „aus Versehen“ in einem abgelegenen Arm des Sees in eine riesige Modderpampe aus Entengrütze gerät und sich das Boot danach weder vor noch zurück bewegen lässt. Wir bewegten uns in einer Welt des Schmerzes und mussten uns freischaufeln.

Über den „Großen Kotzower See“ und einen namens „Mössel“ erreichten wir mit viel Rückenwind (eines der wenigen uns begleitenden Boote nutzte sogar einen Schirm als Segel) recht bald das Ziel unserer Reise: den Campingplatz am „Leppinsee“.
Nun kenne ich das als Kind auch noch so, dass ein Ausflug ein Ziel mit Belohnung haben sollte. Hier war auf der Karte ein Restaurant verzeichnet gewesen und ich hatte den armen, halb verhungerten Kids Champignonsuppe, Soljanka, Würzfleisch und sonst was versprochen.

Ein verwitterter Camper aus DDR-Zeiten mit einem offenen Fenster am Waldesrand stellte sich schließlich als das „Restaurant“ heraus. Davor saß ein dicker, älterer Mann mit Shorts und vollgesabberten (ehemals) weißem Träger-T-Shirt. Neben ihm hockte eine abwesend wirkende Frau, die einen leichten Bier-Anzug (Jogging-Sachen von KiK) trug. Auf meine Frage, was es zu Essen gäbe, öffnete sich sein Mund (in dem es nur noch zwei Zähne gab): „Bockwurst“ L. und M. schüttelten den Kopf „Und was noch?“, fragte ich daher. „Mit Brötchen!“
Wir bestellten vier, während ich grübelte, ob es als Getränk womöglich Bockwurst-Wasser aus der Dose gäbe. „Und vier Cola“, rief ich dennoch. „Hamm wa nüsch!“, zischte der Typ berlinerisch. „Nur Limmo!“. Die gestörte Frau nickte dümmlich grinsend.

Genau in diesem Moment trat ein Riese an den versiffen Wohnwagen heran. Seine Schuhgröße war mit Sicherheit 52, wobei die aufgequollenen Quanten auch 20 Zentimeter breit waren. „Bigfoot“ rief dem „Bockwurst-Mann“ mit hoher Stimme zu: „Ich nehm dann noch so ein Bierchen“. Bei dem Zwei-Meter-Typen wirkte die 0,5 Literflasche Herforder tatsächlich wie ein „Mini-Bierchen“, wobei es vermutlich schon sein sechstes war. Gegen 14 Uhr aßen wir also vier Bockwürste mit Schrippe und tranken genüsslich Orangen-Limo. Ein lohnenswertes Ziel muss so ein Trip schon haben …

Bei der Rücktour durften die Kinder zusammen in einem Kajak fahren. Wären N. und ich ihre Eltern, hätten wir womöglich auf den einsetzenden Sturm mit starkem Gegenwind geachtet, ein Gewitter mit Blitzen vorhergesehen, oder daran gedacht, dass man beim Kentern (natürlich hatten wir auf bekackte Schwimmwesten verzichtet) nirgends im morastigen Schilf zum Wiedereinstieg anlegen kann.
Kurz (bei einsetzendem Wellengang in der Mitte des Sees) mache ich mir tatsächlich Sorgen, genoss dann aber mit meiner Freundin die herrliche Stille in der wunderschönen Naturlandschaft. Weit hinter uns hörte man L. und M. singen, lachen und manchmal sogar ihre Paddel ins Wasser schlagen. Eigentlich stellten sie sich auch allein ziemlich gut an – muss man ja fairerweise sagen. Außer, dass sie vielleicht den wasserdichten Sack richtig zu machen hätten sollen. Aber es war ja nicht mein bekacktes Handy. Nach über vier Stunden endete der Paddelausflug zum Bockwurst-Mann am Leppinsee in der Kanustation von Granzow.

Am Abend wollten wir unser Essen-Versprechen für die Zeugnisse (obwohl ich bei L. von ihrem Notenschnitt von 1,58 etwas enttäuscht gewesen war) dann doch noch einlösen. Dies erwies sich zunächst als schwierig, da die ersten beiden Gasthäuser (wir wollten nicht unbedingt in der Ferienanlage essen) geschlossen waren.
Somit landeten wir dann doch im so genannten „Pfannenkuchenhaus-deluxe“, wo sie auch das – ebenso versprochene – Schnitzel auf der Karte hatten. Die Sonne kam raus, das Essen schmeckte überraschenderweise gut und die Bedienung war nett.
Lediglich beim Nachtisch verstand sie mich bei meiner Bestellung eines „White Russian“ (den Dude-Drink wollten alle unbedingt mal kosten) überhaupt nicht und brachte einen „Lillet Wild Berry“. Da fragt man sich allerdings, was ich für eine beschissene Aussprache habe. Das eiswürfel-gekühlte, spritzige Getränk mit den Him-, Brom-und Preiselbeeren zogen sich unseren Jugendlichen letztlich genussvoll per Strohhalm hinein und taufen es Prinzessin „Lillifee“.

Den Abend verbrachten wir wieder mit einem Absacker am Sonnenuntergangs-Ufer des Sees bevor sich alle auf die Revanche-Partie im Scrabble freuten. Mittlerweile war auch dies ein „bekacktes Liga-Spiel“ geworden und dieses Mal ging es viel enger zu, besonders, da L. als allerletzten Buchstaben noch ihr „C“ bei „HITCH“ (der Date Doktor) loswurde. Wir ließen es gelten, da sie auch mit diesen Punkten nur den zweiten Platz erreichte. Zum Gewinnen dieses, oder anderer Spiele und Wettkämpfe müssen sie wohl noch ein bisschen üben und öfter mit uns verreisen.
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Ich freue mich schon auf das kommende Jahr 2018!
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Depeche Mode in Ostberlin & Martin Gore – Jugend in der DDR

21. Juni 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

Icke Bad Boy

Meine ersten Freunde kamen aus Vietnam, Jugoslawien und Bulgarien. An den kleinen Tuan Tui aus dem Kindergarten kann ich mich zwar kaum noch erinnern, aber immerhin schickte ich später aus Solidarität regelmäßig Spielzeug in die Volksrepublik Vietnam. Später unternahm ich viel mit Strafko aus Sofia, der sagenhaft schelmisch dreinblicken konnte. Der wichtigste Ausländer in meinem Leben bis zum Abi aber war Dejan für mich.

Es wuchs zusammen, was zusammen gehört. Am 3. Oktober 1990 feierten die Deutschen die Wiedervereinigung. Mit dem Ruf “Wir sind das Volk!” hatten die Ostdeutschen zuvor das SED-Regime bezwungen. einestages präsentiert Geschichten rund um die deutsche Einheit
Dejan war Diplomatensohn aus Sarajevo – und ein Geschenk des Himmels.

Ab der fünften Klasse saß er neben mir. In Zeiten, in denen man für abfotografierte Bilder aus der “Bravo” 15 Mark bekam und für originale Doppelseiten sogar 40, konnte Dejan jederzeit nach West-Berlin fahren und die Kultzeitschrift besorgen. Einfach so. Mit seinen Eltern und ihrem Dienstwagen. Fortan wartete ich immer gespannt darauf, wann mein allerbester Freund wieder nach “drüben” düsen würde. Erst später ging mir auf, dass er mich einfach mal im Kofferraum in den Westen hätte schmuggeln können – und zurück!

Im Juni 1988 hatte Dejan keine Zeit, als ich mit meinem Freund Stefan zur Rennbahn nach Weißensee fuhr. Wir wollten eigentlich nur mal kurz schauen, ob es überhaupt noch eine Karte gäbe. Denn schließlich sollte Bryan Adams dort auftreten. Allein dass der Sänger aus Kanada kam und seine Band nicht “Stern Meißen Combo” hieß, machte seinen Auftritt attraktiv. Als wir in Weißensee ankamen, war am Kartenhäuschen überraschenderweise nicht viel los. Schon nach zwei Minuten hielten wir stolz unsere Karten zum staatlich vorgeschriebenen Preis von 15 Mark in den Händen.

Bereits nach 200 Metern sprachen uns die ersten Leute an: “Ey Piepel, habt ihr vielleicht noch Karten?” Nee – hatten wir nicht! Immer mehr Menschen strömten jetzt Richtung Konzertgelände. Zwei Typen mit Dauerwelle fragten uns, ob wir “zufällig ‘ne Karte zu viel” hätten. 30 Mark würden sie uns dafür geben – pro Karte! Schwuppdiwupp waren wir unsere Bryan-Adams-Tickets wieder los.

Zurück am Schalter mussten wir 15 Minuten warten, bekamen aber ohne Probleme vier neue Karten. Ohne zu überlegen, rannten wir die Straße hinunter und flüsterten den Rockfans zu: “Braucht ihr noch ‘ne Karte? Nur 30 Mark.” Viele staunten nicht schlecht: “Gibt’s denn keene mehr vorne?” – “Nee, total ausverkauft”, antworteten wir mit verschwörerischer Miene. Recht schnell brachten wir die heiße Ware an den Mann.

Wir spurteten zurück und reihten uns in die Schlange vor dem Kassenhäuschen ein. Dort stellten sie keine Fragen, für wen wir die vielen Tickets bräuchten, und verkauften uns acht neue. Und so ging es weiter. Gegen 19 Uhr waren wir die reichsten Jugendlichen von Weißensee. Zwei Tickets hatten wir nicht verscherbelt, und so gingen wir freudestrahlend auf das riesige Gelände der Radrennbahn. Doch von Bryan Adams kann ich nicht viel berichten. Ich lief mit 800 Mark in ausgebeulten Hosentaschen zwischen 80.000 Menschen umher und dachte die ganze Zeit nur an eines: Du musst die Kohle sicher nach Hause bringen!
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Noch mehr Geld hätte ich bereits drei Monate zuvor mit nur einer Konzertkarte verdienen können. Am 7. März 1988 hatte mich Sabine abgepasst. Sabine war die Vorsitzende unseres Freundschaftsrates, einer Art Schülervertretung, und sagte, dass sie drei Eintrittskarten für eine westliche Musikgruppe bekommen habe. Diese Tickets sollte sie an Schüler mit besonders guten gesellschaftspolitischen Leistungen verkaufen. Ich wollte mich gerade umdrehen und sagen, dass sie sich ihre Karten sonst wohin stecken könnte. Auf Bands, die in die DDR eingeladen wurden, konnte man in der Regel verzichten. Doch dann wurde ich neugierig: “Welcher bedeutende Künstler beehrt denn unser sozialistisches Heimatland?” Die Antwort ließ mich erstarren. Ich, der 16-jährige, neuerdings dauergewellte Junge, hörte den Namen wie einen Donnerschlag: “Depeche Mode”.

“Zeig her!”, brüllte ich und entriss ihr die bräunlichen Pappkarten. Da stand es: “FDJ & DT64 Geburtstagskonzert: Depeche Mode am 7. März in der Werner-Seelenbinder-Halle, Einlass 18 Uhr.” Wir standen uns schweigend gegenüber. Die Band war zu diesem Zeitpunkt die bedeutendste Rockgruppe, egal ob in Ost oder West – das sagte zumindest Dejans “Bravo”. Sie waren die Beatles unserer Generation. Ich, ihr wohl größter Fan in Ost-Berlin, hatte die ersten Lieder der Engländer auf unseren Schuldiscos gespielt. Dejan hatte mir eine LP zum Freundschaftspreis von 100 DDR-Mark und ein Poster aus West-Berlin mitgebracht.

Mein Vater, der des Englischen nicht sonderlich mächtig war, nannte mich seitdem nur noch “People A” und meinen Bruder Benny “People B”. Selbst er hatte ständig den Song “People Are People” im Ohr. Dass er den Text nicht verstand, störte ihn offensichtlich nicht. Depeche Mode hatte ich bei uns schon eingeführt, noch bevor sich alle Mädels in die Bandmitglieder verliebten und zu ihren Liedern Breakdance auf den Schulhöfen getanzt wurde. Ich, der Typ mit den blonden Martin-Gore-Locken, verdiente diese Karte!

Sabine merkte nicht, dass ich auf einmal ganz blass um die Nase geworden war. Auch dass ich für meine Dauerwelle zwei Stunden lang beim Frauenfrisör äußerst verschämt aus dem Fenster geschaut hatte und zu Hause “Zwergpudel” genannt wurde, ahnte sie nicht. Ich säuselte ihr lieblich ins Ohr: “Sabs, da können wir doch nächste Woche mal zusammen ins Café am Leninplatz gehen.” Sie schaute mich lächelnd an: “Aber nur, wenn du bezahlst.” Natürlich würde das klargehen, drei Schweden-Eisbecher mit extra viel Eierlikör – ich musste bloß lebend mit dieser Karte aus dem Zimmer kommen. Sabine zwinkerte mir zu und drückte mir das wichtigste Stück Papier meines Lebens in die Hand.

Natürlich gab es an diesem Tag noch Ärger wegen der Verteilungskriterien für die Karten, da sie nicht ordnungsgemäß an die besten FDJler und anständigsten Menschen vergeben worden waren. Ich würde meine aber unter keinen Umständen wieder hergeben. Am Abend fuhr ich allein mit der Straßenbahn zum Konzert ins Glück. Vor der Halle gierten Tausende aufgeregte Leute nach Karten. Man munkelte, dass nur 6000 Tickets im Umlauf waren.
Mark Scheppert
Es gab regelrechte Tumulte. Viele versuchten über die gut geschützten Zäune hineinzukommen, einige hatten sich schon am Vormittag im Innengelände versteckt. Alle anderen versuchten auf legale Weise, an die Tickets zu gelangen – für illegal viel Geld. Ich sah keinen einzigen Menschen mit blauem FDJ-Hemd, fast alle trugen Schwarz. Hunderte sprachen mich an und boten mir schwindelerregend viel Geld – einer sogar sein Moped der Marke Simson. Bei eisiger Kälte und leichtem Schneefall schüttelte ich erbarmungslos den Kopf. Dass zwei andere Mädels aus meiner Schule ihre beiden Karten für je 800 Mark verscheuerten, erfuhr ich erst am nächsten Tag. Ich musste für diese Summe Wochen später 27 Bryan-Adams-Tickets verkaufen!

Endlich war ich drin und mein Herz pochte, als Tausende Menschen die Vorband “Mixed Pickles” von der Bühne buhten. Ich kämpfte mich bis nach vorn. Nachdem die Band des Jahrzehnts das erste Lied unter ohrenbetäubendem Lärm hinter geschlossenem Vorhang gespielt hatte, begrüßte Dave Gahan eine durchdrehende Meute. Ich verstand nur etwas von “East Berlin”, denn ab jetzt gab es kein Halten mehr. Die völlig überfüllte Halle tobte, sprang und sang, wie ich es noch nie erlebt hatte – und es nie wieder erleben würde.

Nach dem vierten Lied bekam ich keine Luft mehr. Ich schaffte es gerade noch, etwas weiter nach hinten zu gelangen, ohne zusammenzubrechen. Plötzlich bemerkte ich das süße Mädchen neben mir; auch sie schien vollkommen atemlos zu sein.

Wir schauten uns lange in die Augen, lauschten der Musik und nahmen uns zärtlich in die Arme. Bald umarmten wir uns immer inniger und sangen gemeinsam die Lieder unserer Helden aus dem Radio. Bei einer Ballade zog sie mich plötzlich zu sich hinüber und gab mir den wärmsten und schönsten Kuss meines gesamten DDR-Lebens.

Nach dem Konzert sahen wir uns nie wieder. People Are People!
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Zum Weiterlesen mit Bildern bei Spiegel Online
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Zum Gesamtkunstwerk “Mauergewinner”
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People A, People (B) – Jugend in der DDR mit Depeche Mode

21. Dezember 2014 | von | Kategorie: Blog, Mauergewinner Leseproben

Mark ScheppertMeine ersten Freunde im Leben kamen aus Vietnam, Jugoslawien und Bulgarien. An den kleinen Tuan Tui aus dem Kindergarten kann ich mich zwar kaum noch erinnern, aber meine Mutter beharrt darauf, dass ich damals bei der Familie mit den dunklen Augen beinahe zu Hause war. Zumindest schickte ich anschließend immer aus Solidarität brav Spielzeug in die Volksrepublik Vietnam.
Im Abitur gab es den Strafko aus Sofia. Er war ein Wirrkopf, der sagenhaft schelmisch dreinblicken konnte. Otmar und ich brachten ihm die schlimmsten deutschen Schimpfwörter bei und stellten ihn Mädels als Sohn von Jean-Paul Belmondo vor, da er gewisse Ähnlichkeit mit dem Schauspieler hatte. Im Gegenzug musste ich bei meiner ersten Flugreise zusammen mit Kosbi in die bulgarische Hauptstadt für die Übernachtung nichts bezahlen. Wir konnten bei Strafkos Eltern wohnen.
Zwischen Kindergarten und Abi traf ich jedoch meinen wichtigsten Ausländer: Dejan. Der Diplomatensohn aus Sarajewo war ein Geschenk des Himmels. Er saß ab der 5. Klasse neben mir und wurde mein wichtigster Freund. In Zeiten, in denen man für abfotografierte Fotos aus der Bravo 15 Mark bekam und für originale Doppelseiten sogar 40, konnte Dejan nach Westberlin fahren und diese Kultzeitschrift besorgen. Einfach so. Mit seinen Eltern und ihrem Dienstwagen. Fortan kümmerte ich mich in besonderer Weise um meinen allerbesten Freund und wartete gespannt darauf, wann er wieder nach Drüben düsen würde. Erst als er plötzlich, wie zuvor Tuan Tui und später Strafko, aus meinem Leben verschwand, kapierte ich, was mit ihm so alles möglich gewesen wäre: Er hätte mich mal im Kofferraum in den Westen schmuggeln können – und zurück!
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Im Juni 1988 hatte Dejan keine Zeit und auch Stefan und ich wollten eigentlich nur mal kurz vorbeischauen: Vielleicht gab es ja noch eine Karte an der Rennbahn in Weißensee. Es war nicht irgendein Konzert: Bryan Adams sollte heute hier spielen. Allein, dass er aus Kanada kam und nicht Stern Meißen Combo oder Petra Ziegler hieß, war die große Sensation. Wir waren ziemlich früh losgefahren, sodass wir zwar mit mehr Menschen als üblich in der Straßenbahn saßen, aber Massen waren es noch nicht. Auch am Kartenhäuschen war nicht viel los und so standen wir maximal zwei Minuten davor, bis wir stolz unsere Karten zum Einzelhandelsverkaufspreis EVP 15 Mark in den Händen hielten. Der Einlass war noch geschlossen und so schlenderten wir gut gelaunt die Straße zurück. Bereits nach ca. 200 Metern sprachen uns die ersten Leute an: „Ey Piepel, habt ihr vielleicht noch Karten?“ Nee – hatten wir nicht und gingen weiter.
Immer mehr Menschen strömten jetzt aufgeregt in Richtung Konzertgelände. Zwei dicke Typen mit Dauerwelle fragten uns, ob wir „zufällig ne Karte zu viel“ hätten. 30 Mark würden sie uns dafür geben – pro Karte! Wir brauchten uns gar nicht lange zu beraten und schwuppdiwupp waren wir unsere Bryan-Adams-Tickets wieder los.
Zurück am Schalter mussten wir nun schon 15 Minuten warten, bekamen aber ohne Probleme vier neue Eintrittskarten. Ohne groß zu überlegen, rannten wir die Straße hinunter und flüsterten den ankommenden Rockfans zu: „Braucht ihr noch ne Karte? Nur 30 Mark.“ Viele staunten nicht schlecht: „Gibt’s denn keene mehr vorne?“ – „Nee, total ausverkauft“, antworteten wir mit verschwörerischer Miene. Recht schnell brachten wir die heiße Ware an den Mann.
Zum ersten Mal ahnte ich, was meine Mutter unter „Bückware“ verstand. Wir spurteten zum Eingang zurück und reihten uns in die lange Schlange des Kassenhäuschens ein. Sie stellten uns keine Fragen, für wen wir die vielen Tickets brauchten und verkauften uns acht neue. Gegen 19 Uhr waren wir die reichsten Jungs von Berlin-Weißensee. Zwei allerletzte Tickets hatten wir nicht verscherbelt und so gingen wir freudestrahlend auf das riesige Openair-Gelände der Radrennbahn. Doch von Bryan Adams kann ich nicht viel berichten; ich lief mit 800 Mark in kleinen Scheinen in ausgebeulten Hosentaschen zwischen den 80.000 Menschen umher und dachte die ganze Zeit nur an eines: Du musst die Kohle sicher nach Hause bringen!
Olly ich

Doch das Erlebnis war nicht einmalig und längst nicht unerreicht …

Als ich am 7. März 1988 morgens in die Schule kam, wusste ich noch nicht, dass ein besonderer Tag meines Lebens vor mir lag. Sabine aus meiner Klasse und Vorsitzende unseres Freundschaftsrates passte mich auf dem Flur ab und sagte zu mir, dass sie drei Eintrittskarten für eine westliche Musikgruppe bekommen hätte, welche sie an Schüler mit besonders guten gesellschaftspolitischen Leistungen verkaufen sollte. Obwohl ich wusste, dass Sabine ein gewisses Faible für mich hatte, wollte ich mich gerade umdrehen und sagen, dass sie sich ihre Karten sonst wohin stecken könnte. Auf die Bands, die in die DDR eingeladen wurden, konnte man in der Regel locker verzichten. Die 15 Mark machten mich jedoch stutzig; das waren ja kanadische Bryan-Adams-Preise. Deshalb fragte ich freundlich: „Welcher bedeutende Künstler beehrt denn unser sozialistisches Heimatland?“ Die Antwort ließ mich erstarren. Ich, der 16-Jährige, neuerdings dauergewellte Junge, hörte den Namen wie einen Donnerschlag: „Depeche Mode.“
„Zeig her!“, brüllte ich und entriss ihr die bräunlichen Pappkarten. Da stand es, schwarz auf braun: „FDJ & DT64 Geburtstagskonzert: Depeche Mode am 7. März in der Werner-Seelenbinder-Halle, Einlass 18 Uhr“.
Icke Bad Boy
Wir standen uns schweigend gegenüber: auf der einen Seite der größte DEMO-Fan Ostberlins und auf der anderen die Frau mit den magischen Papieren. Die Band war zu diesem Zeitpunkt die bedeutendste Rockgruppe, das sagte zumindest Dejans Bravo, egal ob in Ost oder West; sie waren die Superstars, die Beatles unserer Generation.
Ich (!) war es doch gewesen, der die ersten Lieder der Engländer auf unseren Schuldiskos gespielt hatte. Mein jugoslawischer bester Freund Dejan hatte mir (!) doch die erste Platte zum Freundschaftspreis von 100 DDR-Mark und das Poster aus Westberlin mitgebracht. Mein Vater nannte mich (!) doch nur noch People A (und Benny People B), weil selbst ihm schon das „People are People“ ein Ohrwurm war. Eigentlich hatte ich (!) Depeche Mode in der DDR eingeführt, noch bevor sich alle Mädels in die Bandmitglieder verliebt und man zu ihren Liedern Breakdance auf den Schulhöfen getanzt hatte. Scheiße, ich (!), der Typ mit den blonden Martin Gore-Locken, verdiente diese Karte.
Sabine merkte nicht, dass ich ganz blass um die Nase geworden war und sie ahnte auch nicht, dass ich für meine Depeche Mode-Dauerwelle zwei Stunden lang beim Frauenfrisör äußerst verschämt aus dem Fenster geschaut hatte und zu Hause „Zwergpudel“ genannt wurde. Ich säuselte ihr lieblich ins Ohr: „Mensch Sabs, da können wir doch nächste Woche mal zusammen ins Café am Leninplatz gehen. Was hältst Du davon?“ Sie schaute mich skeptisch an und lächelte: „Aber nur, wenn Du bezahlst.“ Natürlich ginge das, ganz klar, drei Schweden-Eisbecher mit extra viel Eierlikör – ich musste bloß lebend mit dieser Karte aus dem Zimmer kommen. Sie zwinkerte mir zu und drückte mir das wichtigste Stück Papier meines bisherigen Lebens in die Hand. Wow – ein Depeche-Mode-Ticket!
People A und B
Natürlich gab es an diesem Schultag noch großen Ärger wegen der Verteilungskriterien der Karten. Wütend wurde Sabine beschimpft, dass die Tickets nicht ordnungsgemäß an die besten FDJler und anständigsten Menschen vergeben wurden, aber ich besaß eins und würde es auch nicht wieder hergeben. Am Abend fuhr ich ganz allein mit der Straßenbahn zum Konzert ins Glück. Die Sache hatte sich herum gesprochen. Vor der Halle gierten tausende aufgeregte Leute nach Karten. Man munkelte, dass 6.000 Tickets im Umlauf und diese nur an vorbildliche FDJler (wie mich!) verteilt worden waren.
Es gab regelrechte Tumulte, viele versuchten über die gut geschützten Zäune hinein zu kommen, einige hatten sich schon am Vormittag im Innengelände versteckt. Alle anderen versuchten auf legale Weise, an die Tickets zu gelangen – für illegal viel Geld. Ich sah keinen einzigen Menschen mit blauem FDJ-Hemd, fast alle trugen Schwarz von Kopf bis Fuß. Hunderte sprachen mich an und boten mir Schwindel erregend viel Geld – einer sogar sein Moped der Marke Simson. Bei eisiger Kälte und leichtem Schneefall schüttelte ich erbarmungslos den Kopf. Dass die beiden anderen Karten besitzenden Mädels aus meiner Schule diese für je 800 Mark verscheuert hatten, erfuhr ich erst am nächsten Tag. Ich hatte drei Monate später 27 Bryan-Adams-Tickets dafür gebraucht!
Endlich war ich drin, mein Kopf glühte und mein Herz pochte, als tausende Menschen die Vorband „Mixed Pickles“ von der Bühne buhten. Ich kämpfte mich bis ganz nach vorn durch und nachdem die Band unseres Jahrzehnts das erste Lied unter ohrenbetäubendem Lärm noch hinter einem geschlossenen Vorhang gespielt hatte, begrüße Dave Gahan eine durchdrehende Meute. Ich verstand nur irgendetwas von „East Berlin“, denn rechts und links von mir gab es kein Halten mehr. Die vollkommen überfüllte Halle tobte, sprang und sang, wie ich es nie zuvor (und danach) erlebt habe. Was für eine geile FDJ-Veranstaltung!
Demo-Ticket (2)
Es war das Konzert meines Lebens. Nach dem vierten Lied bekam ich keine Luft mehr und schaffte es gerade noch, ohne zusammenzubrechen etwas weiter nach hinten. Zwei Songs später drängelte ich erschöpft zum etwas leereren Ausgangsbereich. Plötzlich bemerkte ich das niedliche Mädchen neben mir; auch sie schien vollkommen atemlos zu sein. Wir schauten uns lange in die Augen, lauschten der Musik und nahmen uns zärtlich in die Arme. Bald umarmten wir uns immer inniger und sangen gemeinsam die Lieder unserer Helden aus dem Radio. Bei einer herzzerreißenden Ballade zog sie mich plötzlich zu sich hinüber und gab mir den innigsten, wärmsten und schönsten Kuss meines gesamten DDR-Lebens. Nach dem Konzert sahen wir uns nie wieder. People are People!

Nachdem ich Sabine tatsächlich drei riesige Becher mit Vanille-Eis, Apfelmus, Eierlikör und Sahne – unsere so sehr geliebten Schweden-Eisbecher – im Café am Leninplatz spendiert hatte, war ich durch das Konzert endgültig zum Musikfan geworden, erlebte später auch Bruce Springsteen in Weißensee und vor allem durch meinen Freund Otmar, der Schlagzeuger war, auch viele kleinere, durchaus ansehnliche und kritische DDR-Bands. Beim Mauerfall war ich 18 – es war nicht zu spät, die vielen verpassten Gelegenheiten nachzuholen. Ich kaufte und tauschte Schallplatten, ging in riesige Hallen und fuhr auf legendäre, schmuddelige Openair-Festivals. Mit Bestimmtheit kann ich sagen, dass ich die bedeutenden Bands meiner Zeit mindestens einmal live gesehen habe.
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In der Bar in Asuncion, der Hauptstadt Paraguays, war ich der einzige blonde Mensch, der einzige Deutsche und überhaupt der einzige Ausländer. Sylvie hatte sich einen Grippevirus eingefangen und sich frierend richtige Blocker in Tablettenform reingezogen und schlief jetzt tief und fest. Doch mir ging es blendend, also schlenderte ich in die belebte Stadt und fand recht schnell eine gemütliche Kneipe. Nach ein, zwei Bier kam ich mit ein paar hübschen Mädchen ins Gespräch, die vorschlugen, noch gemeinsam in eine benachbarte Kellerbar zu gehen. Ich ließ mich überreden, doch in dem Lokal wurde mir schnell klar, dass ich in einer Karaoke-Bar gelandet war. Aber egal – ich war gut drauf, angeheitert und sowieso noch nie in so einem Ding gewesen.
Weitere Freundinnen der Mädels kamen an unseren Tisch und orderten verführerisch lächelnd noch mehr alkoholische Getränke für mich. Die hiesigen Menschen sahen fantastisch aus, irgendwie geheimnisvoll, und waren vor allem in einer Art und Weise gastfreundlich, wie ich es noch nie erlebt hatte.
Plötzlich drückte mir Marcia das Mikrofon in die Hand und die etwa hundert Gäste des Clubs sahen mich erwartungsvoll an. Natürlich konnte ich die Leute jetzt nicht enttäuschen und ließ mir ein Buch mit Plastikseiten geben, in denen die Titel von sicher 500 Liedern standen, die meisten davon in Spanisch. Als ich es fast schon aufgeben wollte, entdeckte ich jedoch einen Song, den ich kannte. Vor einer begeisterter Meute sang ich lauthals „People are People“ von Depeche Mode ins Mikrofon. Ich war jetzt endgültig der ausländische Star des Abends.
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Zum Weiterlesen: People A, People B bei Spiegel Online
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Zum Gesamtkunstwerk: Mauergewinner oder ein Wessi des Ostens
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