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Ungarische Würste – aus dem Buch “Leninplatz”

8. August 2018 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Leninplatz, Leseproben

Hungarn wirAm 1. August 1986 gehen wir anlässlich meines 15. Geburtstags zum Essen in den Palast der Republik. Während sich Benny nach stundenlangem Studium der Karte wie üblich fürs „Steak-au-four“ mit Pommes Frites entscheidet, trinke ich mit Vater bereits meine zweite Tulpe Wernesgrüner. Seit der Jugendweihe bestellt er Bier für mich mit. Ein Statement – das muss man ihm lassen. Mutter hat sich für Rosenthaler Kadarka und Gulasch entschieden, was sie daran erinnert, als junge Frau – also vor sehr vielen Jahren – mal in Ungarn gewesen zu sein. Mein Alter ruft: „Da wolltest du doch auch schon immer mal hin, oder?“ Was für eine Frage: Ungarn hat im Gegensatz zu allen anderen Bruderstaaten eine magische Anziehungskraft, denn dort kann man die Dinge aus dem Werbefernsehen nicht nur anstarren, sondern auch kaufen. Levi‘s-Jeans, Camel-Zigaretten, Nike-Turnschuhe, Walkman, Ghettoblaster, Schallplatten, Bravos, Sticker und Glitzersteine – einfach alles, was das Herz begehrt.
„Logo“, antworte ich gelangweilt, da ich ihm schon oft erklärt hatte, dass ich es nicht gerade witzig finde, erst in drei Ländern gewesen zu sein: DDR, ČSSR und in Polen nur, weil Benny und ich unerlaubt zwanzig Meter auf der Schneekoppe über die Grenze geflitzt waren. „Okay, nächste Woche geht‘s los. Wir fahren für ein paar Tage nach Budapest.“ Der Satz trifft mich wie ein Schlag in die Magengrube und Benny verschluckt sich an der Club Cola. „Echt jetzt?“, brüllen wir im Chor – doch an Mutters seligem Grinsen hinter der Gabel mit Szegediner Gulasch erkenne ich: Das ist kein Scherz! „Köszönöm heißt Danke“, murmelt sie und meint damit wohl, dass ich mich nun artig zu bedanken hätte. Mein Bruderherz ruft: „Krieg ich noch einen Pittiplatsch-Eisbecher? Köszönom!“ Alle lachen.

Ich bin euphorisch, auch weil Vater über seine Beziehungen reichlich Berechtigungsscheine zum Umtausch von Mark in Forint besorgt hat, denn insgesamt dürfen eigentlich nur 440 Mark pro Person im Jahr gewechselt werden. Endlich kann ich mein nutzlos herumliegendes Jugendweihe-Geld mal sinnvoll verbraten. Obwohl auch Mutter durch diese Papiere der Staatsbank der DDR abgesichert ist, schmiert sie am Tag vor der Abreise einen monströsen Stullenberg.

Früh um 5 Uhr haben wir auf dem Parkplatz allerdings „die Brille auf“, wie mein Alter zu sagen pflegt, wenn es ein Problem gibt. Wir stehen vor dem Trabi und sehen, dass kein einziges Gepäckstück mehr in den kleinen Flitzer passt. Im Kofferraum ist jeder Zentimeter ausgefüllt und auch auf der Rückbank und der Ablage stapeln sich schon Taschen und Beutel. Mutter schleppt vier dicke Pullover und unsere Anoraks wieder nach oben, obwohl sie da noch nicht wissen kann, dass heute der heißeste Tag des Jahres werden wird.
Vater hat gerade ein Kampfgewicht von 110 Kilo und auch unsere Mutter ist ja eher rundlich. Als sich dann noch wir beiden Jungs hinten hineinquetschen, wiegt das Auto sicherlich doppelt so viel wie bei Auslieferung in der Rummelsburger Straße.
Mein Vater erzählt auf dem Weg in Richtung Adlergestell mal wieder die Geschichte der Anmeldung im Jahre 1972: „Ihren Trabi können sie am 10. Juli 1984 abholen“ und er: „Vormittags oder nachmittags?“ „Warum wollen sie das denn wissen?“ „Na am Vormittag wird doch schon unser Waschmaschine geliefert!“ Niemand lacht.

An der Grenze zur ČSSR stehen wir im längsten Stau unseres bisherigen Lebens. Da man beim Trabi die Fenster hinten nicht herunterkurbeln kann, bekommen wir bei fast 40 Grad kaum Luft und gieren nach dem längst lauwarm gewordenen Eistee. Wir träumen von Ungarn und malen uns eine eiskalte Cola an den Ufern der Donau aus, denken an Budapest mit Ständen, an denen Hotdogs, die bei uns Ketwürste heißen, in champagnerbeigen Senf gebettet werden.
Doch dazu wird es heute nicht mehr kommen. Nach zehn Stunden im Backofen hat Vater die Nase voll und verlässt in Brno die Autobahn. Er kennt sich hier durch diverse Radrennen ganz gut aus und steuert zielsicher eine Plattenbausiedlung an. Dort wohnt ein tschechischer Trainerkollege, der natürlich nicht daheim ist. Wie peinlich: Eine Stunde lang sitzen wir wie Asoziale im stockdunklen Treppenhaus, essen mitgebrachte Speckstullen und warten auf diesen Herrn Svoboda.
Vielleicht war es ja doch ein geplanter Zwischenstopp, denn der Typ freut sich, dass wir ihn besuchen, und verschwindet, nachdem man uns vor den Fernseher verfrachtet hat, mit meinen Eltern ins benachbarte Hochhausrestaurant. Das ist okay, denn neben den tschechischen Sendern, ARD und ZDF haben die hier auch zwei österreichische Programme und eines aus Bayern. So eine Vielfalt – und dann noch in Farbe – haben wir noch nie erlebt. Wir bleiben bis Sendeschluss gebannt vor der Kiste sitzen, was ungefähr mit der nächtlichen Kneipenschließung einhergeht.

Vater
Am nächsten Tag geht es mit verkaterten Eltern und Kindern mit viereckigen Augen bei sengender Hitze weiter in Richtung Ungarn. Doch kurz vor der magischen Grenze beginnt plötzlich eine der wenigen elektronischen Leuchten im Trabi zu blinken. Vater fährt hektisch auf einen Rastplatz. Wir kommen an die frische Luft und ich lerne wieder einmal etwas dazu. Statt die Motorhaube zu öffnen oder nach dem Wartungshandbuch zu suchen, steigt Vater aus und geht sofort zu einer Gruppe quatschender Männer. Kurze Zeit später stehen zwei bedeutungsschwer diskutierende Kerle um unser Auto. Mein Alter lehnt mit den Händen in den Hüften an der Fahrertür und spornt die Jungs freundlich an, den Fehler zu finden.
Ich weiß nicht, was das Problem war, nur, dass Ede und Michel aus Sachsen jeder zehn Mark bekommen und wir weiterfahren können. Ich muss zurück in den Ofen und ahne nun, wie man ein Auto repariert, wenn man Scheppert heißt. Leider fahren wir aus Kostengründen noch einmal an eine Tankstelle und müssen dort und später an der Grenze zu Land Nummer 4 ewig warten. Doch nach dem letzten Schlagbaum erfasst mich plötzlich ein Gefühl der grenzenlosen Freiheit, welches ich mir ein Leben lang bewahren möchte. Eine Sehnsucht geht in Erfüllung.

Endlich angekommen, meint sich Mutter nach 20 Jahren noch an die Straßenverläufe erinnern zu können, wobei sie Vater danach von einer Einbahnstraße in die nächste Sackgasse lotst. Der wirkt stark unterhopft. Während sich die Alten vorne anschreien, als ob unser Rücksitz weit von ihnen entfernt wäre, pieke ich Benny in den Bauch: „Du stinkst ja wie die Pest“ „Und du wie Buda.“ Wir machen uns darüber lustig, dass die Eltern nicht mal wissen, in welchen Stadtteil wir müssen. Irgendwann hat der Alte die Schnauze voll, hält mitten auf einer Kreuzung und fragt einen Polizisten. Auf dem Rückweg fährt ihm fast ein Skoda über die Füße und er hämmert mit voller Wucht mit der Faust auf das Wagendach. Mir wird mal wieder klar, warum ich noch immer solch einen Respekt vor ihm habe. Das Klima im vorderen Teil des Trabis ist danach – trotz 34 Grad im Schatten – frostig.

Icke Bad Boy
Die Gastwirte haben für uns das Schlafzimmer geräumt, um nun drei Nächte auf der Wohnzimmercouch zu campieren. Benny ärgert das, weil dort der Fernseher steht. Doch der sendet nur Schwarz-Weiß und ich möchte sofort hinunter in die farbenfrohe West-Welt. Bis wir endlich aufbrechen, trinkt Vati mit dem Opa noch zwei Pálinka-Schnäpse, während mir die ältere Dame mit der Hand durch die Haare fährt und in gebrochenem Deutsch murmelt: „Was für ein schönes Kind. Wie mein Attila.“ 15-jährige Jugendliche können das besonders gut leiden.
Vor der Tür erklärt mir Mutter, dass deren einziger Sohn 1956 gestorben sei und ich ihm wohl ähnlich sehe. Trotzdem kein Grund, mich so zu betätscheln. Benny wird von mir ab sofort dafür eingeteilt, auch wenn er kein so schönes Kind ist – was ich ihm sofort mitteilen muss. Mutter verpasst mir eine Backpfeife: „Natürlich! Benny ist noch viel hübscher.“ Der juchzt, ich grinse und Vater zwinkert mir verschwörerisch zu.

Wir wohnen nicht weit von der Donau entfernt. Doch für den riesigen Fluss habe ich keinen Sinn, weil mich ausschließlich die quietschbunten Auslagen der Geschäfte interessieren. Direkt neben dem Haus gibt es einen Laden mit kuhlen Adidas-Klamotten. „Komm mal. Sowas haste noch nicht gesehen“, zerren wir an Vater. Doch der will ein schäumendes Frischbier und vertröstet uns auf morgen. Unter dem Bogen einer berühmten Kettenbrücke, wobei Mutti in den nächsten Tagen alles als „weltberühmt“ betitelt, entdecken wir einen Imbissstand. Vater spendiert zwei eiskalte Coca Cola und „Paros virsli mustar “, oder so ähnlich, denn aus Ungarisch werden wir, trotz des Russischunterrichts, nicht schlau. Der Hotdog ist trotzdem – wie der erste Eindruck von dieser Stadt – zum Weinen schön!
Außerdem kostet die Cola nur 10 Forint und die Wurst im Brotlaib 20. Das ist ja alles bezahlbar, wobei wir fürs Abendbrot trotzdem zurück in die Bude geschleift werden. Vaters Gastgeschenk (Nordhäuser Doppelkorn) ist nun kalt und auch die Teewurst-Schrippen haben sich im Kühlschrank ein wenig erholt. Dann machen wir noch einen Ringel. Die komplette Stadt scheint zu leuchten. Die Uferpromenade, die Brücken, die Ausflugsdampfer, die Werbetafeln auf den Häusern, die Reklamen der Geschäfte, die Taxis, die Busse, die Metroeingänge – einfach alles. Im RIAS habe ich die Moderatoren mal vom grauen, finsteren Ostberlin reden hören. Heute habe ich erstmals eine Vorstellung davon, was sie damit gemeint haben könnten. Budapest fetzt! Urst! Ein!

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Obwohl wir uns in der perfekten Konsumgesellschaft befinden, gibt es zum Frühstück nur löchrige Marmeladen-Graubrote, und danach will Mutter auf Sehenswürdigkeitstour gehen. Doch wir einigen uns auf einen Kompromiss: Benny und ich haben bis zum Mittag frei. Zunächst denke ich, die Alten wollen uns verarschen, doch die anschmiegsame Gastwirtin versichert mir, dass die Geschäfte hier wirklich alle auch am Sonnabend geöffnet haben.
Aufgrund der Kürze der Zeit, aber auch weil mein Forint-Vorrat begrenzt ist, muss ich in den Shops die DDR-Kaufhallentaktik anwenden. Es wird immer ein – durchaus hochwertiges – Stück gekauft und eines geklaut. Benny bekommt von alledem nichts mit und ist mit seinem naiv-drolligen Gesichtsausdruck sogar ein ganz gutes Alibi. Eine Levi‘s, ein Nike-Pullover, Converse-Schuhe und ein schwarz-rotes „Bad Boys“-Shirt landen in meinen Einkaufstüten, wobei ich nur für die Hose und die Treter bezahlen muss. Benny erwirbt Sticker von „Franky Goes To Hollywood“ und „Kim Wilde“ und ich spendiere ihm, da der Spasti kaum Geld dabei hat, noch ein „Honda-Nicki“. Noch nie haben wir so viele Sachen gesehen, die wir brauchen! In einem Plattenladen hole ich mir die „Black Celebration“ von Depeche Mode. Obwohl ich alle Songs davon auf Kassette habe, kann ich zu Hause damit extrem angeben.

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Vati nippt genüsslich am Bier und Mutti schlägt sich die Hände vor den Mund, als sie uns kommen sieht. „Graf Koks hat ja halb Budapest leergekauft“, ruft sie mir zu, wobei auch vor ihr zwei Einkaufstaschen voller Westklamotten stehen. Ich habe Spendierhosen an, gehe an den Kiosk und bestelle vier dieser „Paros Würschtli Mustafa“. Den Preis zeichnet mir der Verkäufer auf: 160 Forint. „Nee, Genosse, 80!“ Ich lass mir den Kuli geben, um es aufzuschreiben, denn gestern hatte eine ja lediglich 20 gekostet. Doch er beharrt darauf, bis ich Vater heranwinke. „Mark, mein Bier hat auch das Doppelte gekostet. Morgen ist hier Formel-1-Rennen.“ „Was hat denn das mit den Hotdogs zu tun?“, frage ich entsetzt. „Junge, schon mal was von freier Marktwirtschaft gehört?“, mischt sich eine Frau neben mir plötzlich ein.
„Was will die Olle denn jetzt?“, flüstere ich meinem Vater zu, der gerade die noch fehlenden Forint hinter die Theke schiebt. Die Frau wedelt mit einem 10 DM-Schein.
‚Der Kapitalismus ist eine Gesellschaft der Ausbeutung‘, kommen mir die Worte unserer Stabi-Lehrerin Frisch in den Sinn. „Wegen eines beschissenen Autorennens verdoppeln die hier gleich mal die Preise?“, schimpfe ich. Doch Vater antwortet, als könne er Gedanken lesen: „Nur der Kommunismus kann die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen beseitigen!“ Er trinkt sein überteuertes Bier auf ex aus, rülpst und ruft: „Nastarowje!“ Da kann auch ich wieder lachen.

Im Zimmer breiten wir stolz unsere Einkäufe aus. Die Wirtin kriegt sich fast nicht mehr ein und ich staune, dass Benny einen Beutel Glitzersteine hat mitgehen lassen. Er grinst mich verstohlen an, während ich bereits überlege, mir damit „DEMO“ auf die Jacke zu pinnen. Abends laden uns die Eltern in ein uriges Lokal in der Altstadt ein. Am Einlass werden wir gefragt: „Deutsch oder DDR?“, und dann vom Objektleiter in die hinterste Ecke des Ladens verfrachtet. Die Stadt ist wegen des Rennens am Hungaro-Ring voll von Deutschen, die jedoch von den Ungarn in zwei Kategorien eingeteilt werden. Wie unkuhl.

Ungarn
Tags darauf scheinen wir wirklich Betteltouristen zu sein, die trotz toller Metro alles ablaufen müssen und das noble Hilton Hotel nur von außen bestaunen dürfen. Danach erklimmen wir den Gellertberg, wegen der „Aussicht“, bis wir das „berühmte“ Gellert-Bad erreichen. Mutter die Route zu überlassen war keine gute Idee. Vor dem Eingang stehen hunderte mumienartige Frauen in der prallen Sonne an. Darauf haben wir echt keine Böcke. Also zurück. In umgekehrter Richtung wandern wir an endlosen Straßenzügen entlang, bis wir die im Fluss befindliche Margareteninsel erreichen. Wir lechzen nach einem Eis und wollen vor allem endlich baden.
Auch das Palatinus-Bad kennt Mutter wie aus dem Nähkästchen, obwohl sie zuletzt vor 20 Jahren dort gewesen war. Unaufhörlich schwärmt sie von riesigen Schwimmbecken, großen Liegewiesen und vom einzigartigen Wellenbad. Das ist zwar alles noch da, aber vollgestopft mit tausenden von Menschen. Hier sind es eher Mütter mit kreischenden Gören. „Alle Männer sind ja beim Formel-1-Rennen“, nörgelt mein Vater, obwohl er sich nullstens für Autos interessiert.

Das Bad ist nichts im Vergleich zum modernen SEZ in Friedrichshain. Die Wellen kommen nur einmal jede Stunde, sind extrem popelig oder durch die Massen nur zu erahnen. Völlig arschlos!

„Benny, gleich kommt die nächste.“ „Mark, ist das nicht schau?“, brüllt meine Mutter ohne Unterlass. „Nein, lass los. Das ist die letzte Scheiße!“, rufe ich, doch sie krallt sich regelrecht an mir fest.
Ich weiß mir nicht anders zu helfen, als sie wegzustoßen, und treffe versehentlich ihr Gesicht. Das hat mir gerade noch gefehlt, denn nun beginnt sie auch noch zu weinen. Das wird Vater, der gerade in der Schlange vor dem Bierstand versackt ist, überhaupt nicht gefallen. Mehrmals entschuldige ich mich und erkläre ihr das Berlin-Budapest-Wellenbad-Ding noch einmal genau.

Plötzlich beginnt meine Mutter mit tränennassen Augen zu erzählen, dass ihre erste große Liebe ein Ungar namens Laszlo gewesen war, mit dem sie die drei schönsten Wochen ihres Lebens am Balaton und in Budapest verbracht hatte. In diesem Wellenbad küssten sie sich das erste Mal. Ich staune mit offenem Mund darüber, wie wenig Söhne eigentlich über ihre Mütter wissen. Allerdings überlege ich auch, was mit einem ungarischen Vater alles möglich gewesen wäre. Rein klamottentechnisch!
Mit 15 Jahren nehme ich meine Mutti erstmals ohne Scham in die Arme und flüstere ganz leise: „Ich hab dich lieb.“
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Zum Weiterlesen: “Leninplatz” von Mark Scheppert, 9,90 €
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Genosse Gehorsam – aus dem Buch “Leninplatz”

1. Dezember 2015 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Leninplatz, Leseproben

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Ein Wort, welches unsere Stabi-Lehrerin Frisch ständig benutzt, ist das antiquierte „gehorsam“. Kaum eine Stunde vergeht, wo wir nicht angehalten werden, endlich – verdammt nochmal – gehorsam zu sein. Torsten nennen meine Freunde seit einiger Zeit „Genosse Gehorsam“. Das trifft es allerdings nicht. Oft beobachte ich aus den Augenwinkeln, wie er auf dem Hof schüchtern in die Reihen der entscheidenden Leute schaut und sich augenscheinlich wünscht, derjenige zu sein, der den nächsten Brüller raushaut. Bei ihm zu Hause herrscht nämlich Zucht und Ordnung. Im Prinzip hat er dauerhaften Stubenarrest. Niemals darf er abends noch runter, stets wird er durch den grellen Pfiff seines Arschloch-Vaters um 18 Uhr nach oben zitiert. Selbst sein Schatten ist dann innerhalb weniger Sekunden im Hauseingang verschwunden. Manchmal frage ich mich, wie viele Tage er schon unglücklich in seinem Zimmer herumlungern musste.

In der großen Mittagspause am 12. Juni 1986 stehen wir in der Raucherecke. Tessi bietet mir lässig eine Kippe an. Wie gewohnt, hat er seine Cabinet-Zigaretten in eine Camel-Schachtel umgefüllt und wieder einmal wundere ich mich, dass die gelbe Schachtel noch immer wie neu aussieht. Warum tut er eigentlich vor uns so, als ob er Westzigaretten rauchen würde? Das ist doch albern. Wir stellen uns zu Andi, Bergi und Bommel, paffen gemeinsam dicke Rauchschwaden in die Luft und schauen hinüber zu Lars. Der steht allein, etwa zehn Meter entfernt, am Zaun und kaut mürrisch auf einer mitgebrachten Stulle herum.
Nein, er ist kein besonders großer Streber (ich habe bessere Noten), ist weder zu dick noch zu klein (Tessi ist eine Tonne und Bommel ein Zwerg), aber Lars hat sich vor drei Wochen für 25 Jahre bei der Nationalen Volksarmee verpflichtet. Das kann und will selbst in unserer Vorzeigeschule niemand verstehen. Bei uns darf man sich Einiges leisten, ohne dafür Prügel oder Häme von der Clique zu beziehen, doch 25 Jahre NVA gelten auch hier als größtmögliche Arschkriecherleistung. Wir reagieren darauf so, wie es Schüler in unserem Alter nun mal tun: Niemand von uns will irgendwas mit ihm zu tun haben.

NVA Soldier


Tessi deutet mit Kippe in der Hand zu ihm hinüber und pöbelt: „Jetzt wird der Idiot sicher auch noch Gruppenführer im GST-Lager.” Plötzlich hören wir ein lautes „Platsch!” und beobachten, wie Lars erschreckt zusammenzuckt und sich dabei fast an seiner Stulle verschluckt. Aus etwa zehn Metern Höhe hat ihm eine dort oben grölende Möwe direkt auf den Kopf gekackt.
Es ist das Bild des Jahres 1986. Bommel liegt heulend vor Lachen auf dem Boden und brüllt immer wieder: „Ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr!”, während Lars wie angewurzelt dasteht und wahrscheinlich gerade spürt, wie sich der grünlich-graue Möwenschiss verflüssigt und über seinen Hals auf die Schultern des Nikis hinunter tröpfelt. Dicke Tränen kullern ihm über die Wangen.
In der Raucherecke gibt es kein Halten mehr. Ich bilde mir ein, dass wir noch nie so herzhaft gelacht haben. Mit feuchten Augen biete ich Tessi eine Cabinet aus meiner Cabinet-Schachtel an. Plötzlich kommt Torsten angelaufen und fragt trocken: „War das vielleicht eine Lachmöwe?“ Bommel, der das hört, bekommt seinen nächsten Anfall und steckt uns alle von neuem an. Heulend zieht Lars von dannen.

Der restliche Schultag ist nicht so spektakulär – bis auf die letzte Stunde. Tessi hatte im Schlafzimmer seines Alten in einem Geheimversteck etwas Ungeheuerliches entdeckt und es in Physik heimlich herumgereicht. Beim Blick auf – und in – das erste weibliche Geschlechtsorgan meines Lebens in Farbe und Großaufnahme muss ich fast kotzen. Bommel lässt die Sache beinahe auffliegen, weil er beim Blättern in den glänzenden Seiten zunächst dunkelrot anläuft, dann aber laut und mit Piepsstimme brüllt: „Was für eine riesige Muschi“, bevor ihm wie immer die Freudentränen über die Wangen kullern.


Dem westlichen Druckerzeugnis will ich mich nach Unterrichtsschluss noch etwas intensiver widmen. Viele Bilder, wenig Text – das kenne ich bisher nur aus Mosaik-Heften, und eine Frau in dem Hochglanzmagazin sieht aus wie Andis Mutter.
Tessi ist verschwunden, doch über Dirk, der immer weiß, wo sich gerade jemand aufhält, habe ich schnell sein Versteck ausgehorcht. Er liegt mit Bergi und Bommel in einer der Betonröhren auf dem Spielplatz und blättert sich durch Seiten voller Ekelkram. Ich krieche hocherfreut dazu.
Mit gedrücktem Knopf der weinroten Narva-Stabtaschenlampe starren wir auf die versauten Bilderrätsel. Plötzlich steht Torsten am Ende der kreisrunden Öffnung. „Was will denn Genosse Gehorsam hier?“, ruft Bommel im Funzellicht, während Tessi hektisch das Heft in seinem Koffer verstaut und aus der Röhre robbt. Wir treten ins Freie. „Kommt, lasst uns klauen gehen“, murmelt Bergi konsterniert.
„Darf ich mitkommen?“ Alle Blicke sind plötzlich auf Torsten gerichtet. „Aber wenn du bei Mutti petzt, kriegst du auf die Fresse“, keift Bommel, da er noch nie bei einem dieser Raubzüge in der Kaufhalle dabei gewesen ist. Torsten ist der Sohn eines ständig in einem kackbraunen ASV-Trainingsanzug herumlaufenden, strengen NVA-Offiziers und einer äußerst ängstlichen Mutter.
Gemeinsam laufen wir zum Selbstbedienungsladen an der Büschingstraße und treffen Astrid davor, die sich uns anschließt. Gekonnt sackt Bommel eine Flasche Kirsch-Whisky im Turnbeutel ein, Assi lässt eine Pulle Pfeffi unter ihrem weiten Pullover verschwinden und mein Aktenkoffer wird mit KaLi (Kaffee-Likör) gefüllt, bevor wir zu dritt, unschuldig schauend, jeder eine Stange Zitronen-Bonbons von Zitro an der Kasse kaufen. Bergi und Tessi stehen Schmiere.

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Nur Torsten ist weg. Bis wir ihn mit einem vollbeladenen Einkaufswagen rechts neben den Kassen vorbeimarschieren sehen. Wie selbstverständlich holt er zwei Dederon-Beutel aus seinem Ranzen, packt eiskalt etliche Schnaps-, Likör- und sogar Bierflaschen hinein und marschiert damit dann seelenruhig zum Ausgang.
Wir bekommen den Mund fast nicht zu. „Na du bist ja ein kuhler Kunde!“, ruft ihm Bommel auf dem Heimweg durchaus anerkennend zu. „Und jetzt mit Fassbrause die Birne wegschießen?“, frage ich. Allen ist klar, dass wir die Wahnsinns-Tat – Torsten hat sogar eine schwer zu klauende Falkner-Whisky Pulle eingesackt – im Alfclub mit Hochprozentigem begießen müssen.

Doch Tessi verabschiedet sich recht bald (inklusive seines Heftes), Assi folgt wenig später und so brechen auch wir nach nur einem Glas auf. Bergi fragt mich: „Noch schnell ein Telefonstreich bei dir?“ – „Och ja, bitte Scheppi“, stimmt Bommel aufgeregt zu, nicht nur, weil seine Alten kein Telefon besitzen. Ich habe nichts dagegen und auch Torsten folgt uns wortlos in den Aufzug. Oben liegt Benny bäuchlings auf der Couch, fummelt an seinem roten Tresor aus Plaste wie Egon Olsen herum und schaut nebenbei die Schlümpfe in der ARD. Andi klingelt an der Tür. Mit ihm sind wir nun fast wieder vollzählig.

Alles begann vor einigen Monaten ganz harmlos. Ich hatte mir aus Langeweile das Telefonbuch geschnappt und ein bisschen darin geblättert. Beim Buchstaben „W“ war mir ein Witz meines Vaters eingefallen. Ich rief bei einer Frau Werk an und fragte: „Kann ich mal bitte ihre Tochter Claire sprechen?“ – „Wen?“, brüllte mich eine Frau an. „Na ihre Tochter Klärwerk!“ So richtig zündete das noch nicht und erst als ich bei Frau Grube nochmals die Nummer brachte, kugelte sich Bommel vor Lachen mit meinem Bruder auf der Auslegeware. „Klärgrube, ich dreh durch!“

Plötzlich hatten alle Feuer gefangen. Andi schnappte sich sofort den Schinken, ließ die Wählscheibe sieben Mal rotieren und sagte mit tiefer Stimme: „Hier ist Karl Schäffner. Wollen Sie nächste Saison bei uns spielen?“ Wir verstanden die Antwort nicht. „Das ist mein reiner Ernst!“, brüllte er in den Hörer, schmiss ihn auf die Gabel und klopfte sich auf die Schenkel.
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. Doch so machte das keinen Spaß. Er hatte sich als Union-Trainer ausgegeben und bei einem Rainer Ernst angerufen, was an sich lustig war. Aber nur für Fußballfans und vielleicht, wenn er uns vorher aufgeklärt hätte. Die Regeln wurden geändert. Den Nachnamen musste man nun vorher sagen. So kamen immerhin noch ein Mark Stück, eine Martha Pahl und ein Karsten Bier zustande, was ausreichte, um auch die nicht anwesenden Jungs der Clique eine Woche lang zu belustigen.
Danach gingen meine Freunde, denen unser Lehrer, Herr Schönlein, stets jegliche Kreativität abgesprochen hatte, derart in sich, dass fantastische Telefonstreiche geboren wurden. Bergi fragte eine Frau Stäbe nach Gitta, Tessi suchte seine Cousine Anna Nass, Billy wollte Onkel Bill Iger sprechen und Andi einer Frau Anne Gurgel gehen. Das alles fetzte erst richtig ein, wenn Bommel und mein Brüderlein dabei waren, denn die lachten mit einer derart kindlichen Naivität oftmals minutenlang. Bei Bommels Anruf auf der Suche nach Hack Fresse quietschte jedoch nur Benny vor Vergnügen, da Hack ja gar kein Vorname war und er zudem bei einem Herrn Fräse angerufen hatte. Ein typischer Kugelwitz. Keine Ecke zum Lachen.
Als Bergi noch einen Herrn Smaul im Buch entdeckte und fragte: „Bin ich da richtig bei Christoph Smaul?“, musste ich alle bremsen, bevor noch unser angesoffener Nachbar Voss erschien und fragte, was wir hier eigentlich treiben. Als dann der Wäschemann von Rewatex unten klingelte, beendete ich die Veranstaltung.

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Auch am heutigen Tag ist es witzig. Als ob uns noch allen Tessis Heft im Kopf herumschwirrt, verlangt Bommel nach einer Frau Rosa Schlüpfer, Andi nach Rose Tee (wobei er Rosette danach erklären muss), ich suche einen Bruce Twarze und Bergi murmelt sautrocken in den Hörer: „Spreche ich mit Herrn Harten? Ich bin ein Klassenkamerad von ihrem Sohn Christian“. „Von wem?“ – „Kriegst ja ‘n Harten!“ Der zieht und auch mein Christian bei Frau Steifen ist noch ein Brüller. Nur Torsten verzieht keine Miene.
Okay, er ist nicht eingeweiht und so schnell fällt einem da auch nichts Neues ein.
Plötzlich ruft er: „Hat mal jemand die Nummer von Assi?“ Ich bin ein wenig perplex, reiche ihm aber mein kleines Notizbuch. ‚Welcher Vorname soll denn auf Homberg passen?‘, frage ich mich. Er schnappt sich das graue Telefon und bedient elegant die Wählscheibe. 4373250 – die „0“ dreht sich dabei besonders lang – bevor das erste Freizeichen ertönt. Alle sind mucksmäuschenstill. „Ja bitte?“
„Spreche ich mit Astrid Homberg?“, sagt er mit der tiefsten Stimme, die ich jemals von einem Jungen meines Alters gehört habe. „Ja, wieso?“ „Hier spricht Klaus Flade aus der Konsum-Kaufhalle an der Büschingstraße. Sie wurden soeben angezeigt, heute um 15 Uhr einen Ladendiebstahl begannen zu haben. Kommen Sie umgehend mit ihrem Personalausweis und einem Besen bei uns vorbei! Ich erwarte sie vor dem Eingang!“
Wir hören die Antwort nicht. „Umgehend, sagte ich, oder es erwarten Sie ernsthafte Konsequenzen!“ Torsten legt auf. Wir sind baff, doch Bergi bricht das Schweigen: „Hut ab, Genosse Gehorsam!“ All meine Freunde beginnen zu lachen und rennen zum Kinderzimmerfenster. Wir lehnen uns aufs Fensterbrett, um zu schauen, ob Assi aus dem Nachbareingang marschiert. „Was ist denn mit dir heute los?“, frage ich Torsten. Langsam wird es mir unheimlich, was aus dem braven Muttersöhnchen innerhalb eines Tages geworden ist. Nach kurzer Pause brummt er: „Ach weißte, Scheppi, ich habe drei Tage sturmfrei, weil meine Oma gestorben ist. Heute wollte ich auch mal ein bisschen Spaß haben.“

Noch bevor ich darüber nachdenken kann, schreit Bommel, der mit dem Kopf gerade so über den Fenstersims reicht: „Das gibt’s doch gar nicht!“ Astrid verlässt tatsächlich mit einem Besen in der Hand das Haus – und wer hechelt hinterher? Richtig, Tessi. „Die Schweine haben sich zusammen das Pornoheft angeglotzt!“, brüllt Andi. „Was für ein Heft?“, piepst mein Bruder. „Ach so ein Pittiplatsch- und Schnatterinchen-Heft.“ Wir grinsen über Bergis Witz und rennen zur Tür. Torsten fragt mich nach unserem Besen und spurtet mit diesem die Treppen hinunter.
Blick Häuser früher 2
Er ist vor dem Fahrstuhl unten und draußen sehen wir, dass er die Abkürzung durch den Rosengarten in Richtung Kaufhalle nimmt. Jetzt müssen auch wir uns sputen, wenn wir sehen wollen, was dort geschieht.

Doch wir kommen zu spät. Vor dem Eingang fegt Assi bereits eifrig. „Was machst du denn hier?“, fragt Bommel. Er sieht aus, als ob er sich gleich vor Lachen in seine abgeschnittene Boxerjeans pisst. „Na irgend so ein Schwein hat uns verpfiffen und jetzt müssen wir die Scheiße hier machen. Der da“, sie deutet auf Torsten „war schon vor mir da und hat gesagt, dass ich auch fegen soll“. Astrid läuft puterrot an. Wir auch, aber nicht aus Scham, sondern aus purer Freude über den besten Streich des Jahres. Bommel quiekt: „Ich kann nicht mehr“, während Astrid: „Ihr geht mir echt auf die Klöten“, schnauzt, obwohl ihr dafür leider die Voraussetzungen fehlen, was Bergi ihr sicherlich gleich mitteilen wird.
Bommel biegt sich derweil noch immer vor Freude, sodass Assi schließlich gegen ihren Willen auch grinsen muss. In diesem Moment kommt der echte Kaufhallen-Leiter Flade in einem versifften Dedoron-Kittel herausgestürmt und brüllt: „Was ist hier los? Verpisst euch, ihr Penner!“

Wir zischen ab und Tessi murmelt: „Der Typ heißt bestimmt Sigmund Jähn?“ „Warum?“ frage ich, obwohl ich den Witz schon kenne. „Er kennt sich mit leeren Räumen aus.“ Bommel quiekt dennoch wie ein Viertklässler.
Auf dem Rückweg entschuldigt sich Torsten bei Astrid und sagt dann: „Ey Assi, du hast ja Sperma aufm Pulli.“ Sie blickt geschockt an sich hinunter. Er schnippt ihr mit dem Finger unter die Nase und ruft: „Reingefallen!“
Am nächsten Tag wird Torsten in unsere Clique aufgenommen. Um 18 Uhr schließe ich den Alfclub auf und wenig später verlagern wir die Veranstaltung – inklusive einiger Mädchen – in Torstens Wohnung. Es entwickelt sich eine legendäre Party, von der ich nichts berichten darf, da wir uns das mit Indianer- und Pionierehrenwort geschworen haben. Was ich jedoch verraten kann: An jenem Abend, der in Chaos und kindlichen Sex-Experimenten endete, verlor Torsten seinen Spitznamen (und beinahe seine Unschuld). Genosse Gehorsam wurde unser Freund Torte.
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Zum Weiterlesen: “Leninplatz” von Mark Scheppert, 9,90 €

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