Posts Tagged ‘ Ostalgie ’

DDR Weihnachtsgeschenke

9. Dezember 2010 | von | Kategorie: Blog

Halloren
Heute gleich die nächste Frage: Ich habe mir vorgenommen, meiner Westverwandtschaft zu Weihnachten, ein liebevolles “Ostpaket” zu schnüren. Allerdings war ich beim Gang durch die Kaufhalle etwas verwirrt, da es wohl kaum noch (oder für mich nicht zu erkennen) Ostprodukte in den Auslagen gibt. Einfach eine Pulle Rotkäppchen, Cabinet-Zigaretten und ein paar Halloren-Kugel zu schicken, ist ja ein bißchen billig.

Ein paar Anregung habe ich zwar im Spiegel-Artikel Schluss mit Ostalgie gefunden, aber vielleicht habt Ihr ja noch irgendwelche Ideen für mich.

Bitte einfach als Kommentar hinterlassen.

[Weiter...]


DDR-Bücher

25. November 2010 | von | Kategorie: Blog

mauer

Es gibt ja zum Glück nicht nur den „Mauergewinner“…

In den letzten Monaten habe ich mir noch das eine oder andere „DDR-Buch“ zugelegt.
Ohne die einzelnen Werke hier großartig beurteilen zu wollen (da mir das sicherlich nicht zusteht) – grundsätzlich fiel mir auf, dass noch immer nicht alles gesagt und erzählt ist.

Anbei eine kleine Auswahl der gelesenen DDR-Bücher (Belletristik):

  • Meine Freie Deusche Jugend von Claudia Rusch
  • DJ-Westradio von Sascha Lange
  • Soundtrack meiner Jugend von Jan Josef Liefers
  • Damals in der DDR von Hans-Hermann Hertle
  • Ost-Berlin von Lutz Rathenow
  • Der Turm von Uwe Tellkamp
  • Boxhagener Platz von Torsten Schulz
  • Mein erstes T-Shirt von Jakob Hein
  • Simple Storys von Ingo Schulze
  • Schlecht Englisch kann ich gut von Bürger Lars Dietrich
  • Am kürzeren Ende der Sonnenallee von Thomas Brussig
  • Geteilte Träume von Robert Ide
  • Haltet euer Herz bereit von Maxim Leo
  • Ich schlage vor, dass wir uns küssen von Rayk Wieland
  • Zonenkinder von Jana Hensel
  • Westbesuch von Jutta Voigt
  • Der Klassenfeind und ich von Barbara Bollwahn
  • Immer wieder Dezember von Susanne Schädlich
  • Kalungas Kind von Stephanie-Lahya Aukongo
  • Falls ihr noch Tipps und Anregungen habt, schreibt bitte einfach einen Kommentar.

    [Weiter...]


    DDR-Leckerbissen

    11. Oktober 2010 | von | Kategorie: Blog

    GBAm 10.10.2010 haben nun die Pforten des DDR-Restaurants “Domklause” in Berlin Mitte geöffnet. Die Idee dazu hatten die Leute des DDR-Museums, welches sich genau daneben befindet. Wie oft haben mich schon Freunde und Besucher von außerhalb gefragt, wo man denn eine “Ketwurst”, eine “Grilletta”, oder einen “Goldbroiler” mit Sättigungsbeilage essen kann.
    Hier gehts zum DDR-Restaurant

    …das Wort “Leckerbissen” animierte mich zu folgender Geschichte:

    Die Meerschweinchen tragen in Peru lustige Hüte! Vor zwanzig Minuten hatte es in der Küche fürchterlich gequiekt und gerade beschwert sich Göte meckernd beim Kellner, dass bei seinem Cuy, wie die gegrillten Kuscheltiere hier genannt werden, die Karotten-Krone fehlt. Noch immer denke ich ein wenig pikiert an unseren wuscheligen Otto, mit dem Benny und ich in unserer Kindheit so gerne gespielt hatten. Jenna verlangt nach der scharfen Soße. „Schmeckt ein bisschen wie Kaninchen“, ruft Matze mit vollem Mund und nickt mir aufmunternd zu. „Mann, seid ihr ein paar Fleischnazis. Das arme Ding“, antworte ich und steche zögerlich die Gabel in einen Schenkel. Das niedliche Vieh, scheint mich mit traurigen Augen zu fragen: „Warum?“
    Otto-Buch

    Wir befinden uns in einem Restaurant in Cusco, einer Stadt in Peru, welche für die Inka noch der „Nabel der Welt“ gewesen war. Doch Spanische Eroberer hatten sie vor knapp 500 Jahren erobert, überrannt, niedergebrannt und jedes einzelne Gebäude überbaut. Lediglich die gewaltigen Steine einer „Mauer“ – welch Parallele zu einem anderen Land – des ehemaligen Inka-Palastes, waren als Mahnmahl einer besiegten Kultur übrig geblieben. Wie hatte es hier bloß früher einmal ausgesehen? Ich versuche es mir vorzustellen:

    Der kleine Roca sitzt neben seinem Vater auf dem belebten Marktplatz, ganz in der Nähe des großen Sonnentempels. Es war ein guter Tag gewesen. Sie hatten acht der weißen, langhaarigen Meerschweinchen und sechs der gescheckten glatten verkauft. Mutter wird sich sehr freuen, wenn sie sieht, wie viel Maismehl, Bohnen und Kartoffeln sie dafür bekommen hatten. Später waren sogar noch zwei hungrige Priester gekommen und so hatten sie zwei der Tiere vor Ort schlachten, häuten und ausnehmen müssen. Im Feuer der Manchilla müssten sie nun langsam gar sein.
    In der Mittagshitze leert sich der staubige Platz allmählich. Nebenan werden Kokablätter in große Körbe gepackt, die Alpaka-Wollhändler räumen langsam zusammen und die Flötenspieler haben sich gar schon im Schatten des großen Palastes von Viracocha niedergelassen. Über ihnen funkeln die goldenen Platten des Hauptportals im Lichte der hoch stehenden Sonne.
    ‚Wie gern würde ich dort einmal hineingehen’, denkt Roca traurig. Niemand den er kannte, nicht einmal sein Vater, war jemals im Inneren des heiligen Tempels gewesen. Doch jeder wusste, dass in einem, ganz und gar aus Gold bestehenden Raum, die heilige Sonnenscheibe der Götter aufbewahrt wird und im silbernen Nachbarraum, die Scheibe des Mondes. Vater hatte ihm erklärte, das jenes Gold, die „Schweißperlen der Sonne“ und das Silber „die Tränen des Mondes“ sind.
    Sein Vater war so klug! Als sie nach dem letzten Opferfest durch den heiligen Garten gelaufen waren, konnte er zu all den Tieren, die dort mit riesigen steinernen Köpfen nachgebildet sind, etwas sagen. Der Puma bedeutet Krieg, der Jaguar Macht, die gefiederte Schlage steht für Weisheit, im Gegensatz zur großen grauen Schlange, die den Geiz verkörpert. Das Alpaka bedeutet Wärme und der Kondor steht für eine Botschaft. Der kleine Roca hatte sich das alles gemerkt.
    Erst heute fällt ihm auf, dass es dort gar kein Meerschwein gegeben hatte und er deshalb seinen Vater auch nicht gefragt hatte, welche Bedeutung es hat. Vorsichtig tippt er ihn an die Schulter: „Du Papa, für was steht…“

    Foto by A. Hoppe

    Foto by A. Hoppe

    Mist! Irgendwie komme ich an dieser Stelle nicht weiter. Also anders:

    Es gibt zwei Wörter, die ich niemals in meinen Texten verwenden wollte: nett und lecker! Auch nicht als Substantiv.
    „Nett“ ist die Koseform von Scheiße und „lecker“ steht für das Unvermögen der Menschen, sich vernünftig auszudrücken. Ich kenne niemanden der „nett“ ist und bei keiner Speise, oder einem Getränk würde es mir in den Sinn kommen, sie als „lecker“ zu bezeichnen. Niemals!
    Nicht mal in Dialoge anderer Protagonisten würde ich diese Adjektive einbauen. So redet einfach niemand, oder habt ihr schon mal jemanden sagen hören: „Das war ja ein mal netter Berliner Busfahrer, der hat uns sogar Leckerbissen angeboten.“ Merkt ihr was? Kein Berliner Busfahrer ist „nett“ und er bietet schon gar nicht „Leckerbissen“ an. Das ist gequirlter Käse!
    Oder einer meiner Freunde würde in einer Story zu mir sagen: „Das war aber echt nett von dir, ich lade dich im Rockz noch auf ein lecker Bier ein“. Hey! Ich bin verdammt noch mal nicht „nett“ und wir tauschen in meiner Stammkneipe auch keine „Nettigkeiten“ aus. Süffiges Becks und Staropramen kann man dort bestellen, aber kein „leckeres“. Nein, ich habe keine „netten“ Kolleginnen mit „leckeren“ Hintern. Und auch Euch Leser würde ich niemals als „nett“ bezeichnen, welches an „leckerem“ Öko-Bier nuckelt. Wirklich nicht!
    Vielleicht ist es wieder einmal nur eine Frage der Herkunft. Im Osten gab es die Begriffe „nett“ und „lecker“ einfach nicht. Da war jemand „duffte“, „knorke“ oder „fetzte urst ein“ und auch ein Essen konnte „duffte“ und „knorke“ schmecken, oder „fetzte manchmal urst ein“. Astrein, genial und cool kamen später noch dazu.
    Und im Westen? Ich konnte ARD und ZDF früher immer empfangen und weis daher, dass die Jogurts in den Werbepausen vormals „cremig“ oder „fruchtig“ waren.
    Doch genau hier habe ich es irgendwann zum ersten Mal gehört. Zwei braungebrannte 25jährige Schönheiten, die in einer mondänen 45 Quadratmeterküche, deutsche Durchschnitts-Hausfrauen mimen – natürlich kommen sie gerade vom Joggen und präsentieren die Bikini-Titten – löffeln an einer quarkartigen Speise. Die eine: „Voll nett eure neue Küche.“ Die andere: „Und der Jogurt?“. „Voll lecker!!!“ Sorry, mir wird schlecht – ich muss gleich kotzen.
    Kann denn diese scheiß Nobelküche nicht hinreißend, bezaubernd, stilvoll, angenehm oder meinetwegen auch fesch aussehen? Warum sagt die alte Ziege: „Voll nett?“ – was meint sie damit? Richtig schlecht? Sonst hätte sie ja „ganz nett“ gesagt, wenn es einfach nur nichts Besonderes wäre. Und warum in Gottes Namen darf dieser bescheuerte Jogurt denn nicht munden, köstlich, delikat, herrlich, wunderbar oder einfach nur gut schmecken? „Voll lecker“, so eine gekünstelte Sprache. Wir verblöden immer mehr! Ich schmeiß meine Kiste irgendwann hochkant aus dem Fenster. Volle Kanne!
    Scheinbar sind es tatsächlich deutsche Adjektive dachte ich zunächst, denn weder im Englischen, Spanischen oder Russischen habe ich entsprechende Herleitungen gefunden. Kommt mir jetzt bitte nicht mit „nice“ für „nett“ oder „rico“ für „lecker“, nur weil ein oder zwei Buchstaben dieselben sind. Das Russische „Ochn harraschow“ ist zumindest eindeutig unlecker und des Französischen bin ich nicht mächtig.
    Dennoch bin ich der Herkunft unseres „Leckerbissens“ auf die Schliche gekommen. „Lecker“ kommt ursprünglich aus dem Afrikaans in Südafrika und wurde letztendlich auch ins Niederländische übernommen. Dort wird es allerdings mit zwei „kk“ in der Mitte geschrieben.
    Für mich, als großen Fußballfan, wäre es die Höchststrafe, wenn mir beim Spiel Holland gegen Deutschland jemand ins Ohr flüstern würde: „Ons het lekker gespeel“ – unsere haben großartig gespielt. Der Superlativ ist noch viel schlimmer: lekkerst! Bei Wiktionary von Wikipedia könnte ich einen neuen Eintrag für die Herkunft des deutschsprachigen Wortes „Leckerbissen“ erstellen. Es gibt nämlich noch keinen. Mache ich aber nicht! Dort ist bisher nur „lecker“ erläutert. Es bedeutete ursprünglich im Deutschen: „Was gut zu lecken ist…“ Ganz kurz hatte ich eine Vorstellung davon, was es sein könnte…Verwirrend!
    „Nu haste mir aber janz lecker gemacht“, schreibt Alfred Döblin dazu passender weise in seinem Buch „Berlin Alexanderplatz“
    P9210004
    Es gibt aber noch einen anderen Ansatz. Vor kurzem besuchte uns eine Freundin aus der Schweiz. Sie hatte als Gastgeschenk ein paar „Leckerlis“, wie sie es nannte, mitgebracht. Auch dieser Fährte bin ich nachgegangen und so erfuhr ich, dass der Begriff „Basler Läckerli“ – mit „ä“ geschrieben, erstmals 1720 amtlich erwähnt wurde.
    Das lebkuchenartige Gebäck, hergestellt aus Weizenmehl, Honig, kandierten Früchten und Nüssen kann man noch heute fast überall kaufen. Alles wäre so schön, wenn ich Euch jetzt zur Weihnachtszeit, die kleinen rechteckigen Stücke mit der Zuckerglasur anbieten könnte und wüsste, dass einzig und allein diese Basler Spezialität und Gaumenfreude als „lecker“ bezeichnet werden dürfte.
    Aber nein, es gibt eine Band namens „Lecker Nudelsalat“, Kochrezepte unter „lecker.de“, „voll leckere Jogurts“ im TV, „Lecker – das Kochmagazin“, Die WDR-Reihe „von-und-zu-lecker“, „Die Leckschwestern“ in einem Video, „Lecker – die CD von Atze Schröder“, die Bücher „Lafer, Lichter, Lecker“ und „Hundekekse frisch und lecker“ und unzählige weitere „Leckerein und Leckerbissen“. Sorry, aber ich möchte dieses Wort jetzt wirklich nicht mehr niederschreiben. Ich weis, das ist nicht gerade nett von mir.

    Ich hätte vielleicht doch lieber die Märchen-Geschichte aus Südamerika weitererzählen sollen. Wollt ihr wissen, wie sie ausgegangen ist?

    Der kleine Roca tippt seinen Vater vorsichtig an die Schulter: „Du Papa, für was steht eigentlich das Meerschwein in der Götter-Sprache?“ Der Alte schaut seinen Sohn fragend an: „Weist Du denn nicht mehr, wie wir mit einem „Glatthaar“ über Onkel Xocil Körper gerieben haben, um die kranke Stelle zu finden?“ Roca schüttelt den Kopf. „Es hatte auf seinem Herzen gequiekt und als wir es töteten und aufschnitten, bestätigte sich die Vermutung. Auch das Meerschwein hatte ein krankes Herz. Es steht also für Heilung.“ Sein Sohn ist mit der Antwort nicht zufrieden, denn Onkel Xocil wurde längst von den Göttern heimgeholt. „Papa, warum essen wir es dann eigentlich so oft?“ Mit stolzem Blick schaut er hinab auf seinen Sohn. Wie klug er nur ist! „Mein Junge, die Menschen unseres Volkes verspeisen es so gern, weil es ein wahrlich netter Leckerbissen ist!“

    Foto by Rebeccaypedro

    Foto by Rebeccaypedro


    .
    .

    [Weiter...]


    Nuklear Dresden

    23. Juli 2010 | von | Kategorie: Blog

    Dorf alt1

    Bei der letzten Geschichte, die gestern – am Donnerstag den 22.07.2010- bei “Spiegel Online” veröffentlicht wurde, hatte ich ein bißchen das Gefühl, dass sie ein wenig so gekürzt wurde, dass nicht ganz klar wird, was ich eigentlich ausdrücken möchte. Deshalb hier nochmals die vollständige Story aus meinem DDR-Buch “Mauergewinner oder ein Wessi des Osten”:

    ————————————————————————————————————

    Anfang August 1971 standen eine hübsche Frau aus Sachsen und ein junger Mann aus Sachsen-Anhalt glücklich vor der Notversorgungsanlage im Volkspolizei-Krankenhaus in Berlin-Mitte und schauten auf ein komisch gefärbtes Kind. Eine Woche musste ich dort als das „blaue Baby“ im Sauerstoffzelt liegen, weil ich mir die Nabelschnur um den Hals gewickelt hatte. In meinem Ausweis steht als Geburtsort Berlin, trotzdem bin ich ein sächsisch-anhaltinischer Berlin-Mischling. Pfui!

    Im Kindergarten, spätestens jedoch in den ersten Jahren der Schulzeit lernten wir Kinder Eines: Berliner sind die Allergrößten und besonders Sachsen sind das genaue Gegenteil. Bereits mit sieben Jahren lagen wir vor Lachen im Dreck, als wir erfuhren, dass „Nuklear“ auf Sächsisch „Na klar“ heißt. Die durfte man einfach nicht ernst nehmen. Komisch sprechende Menschen aus Bayern und Schwaben waren durch den Mauerbau in Vergessenheit geraten. In der DDR war es ein ungeschriebenes Gesetz, dass Sachsen in Berlin nicht besonders willkommen waren – und umgekehrt. Punkt.
    Das Hauptziel des Hasses war Dresden. Ein Berliner Spruch zeugt von der besonderen Wertschätzung der Stadt an der Elbe: „Wie kommt man am schnellsten von Berlin nach Dresden? Da steckst du einfach den Finger in den Arsch und dresden (drehst ihn).“
    Über diverse Informanten und Kanäle hatte mein Vater erfahren, dass Dresden der einzige Ort zwischen Rügen und Fichtelgebirge war, wo es noch den neuen RFT-Farbfernseher gab und selbst dort nur nach vorheriger telefonischer Anmeldung. Keine Ahnung, wie er es geschafft hatte, einen Tag frei zu bekommen. Unsere Mutter wusste jedenfalls nichts von seiner geplanten Fahrt. Eine Überraschung bahnte sich an.
    Begriffe wie „Vitamin B“ für gute Beziehungen oder „Bückware“ für Dinge, die es nur unter dem Ladentisch gab, gingen in den offiziellen Sprachgebrauch unseres Landes ein. Die Freundschaften zu Automechanikern, Fliesenlegern oder Fleischwaren-Fachverkäufern waren wichtiger als die zu gut bezahlten Staatsdienern, Polizisten oder NVA-Offizieren. Ohne Verbindungen konnte man sich von seinem Geld wenig Vernünftiges kaufen oder besorgen lassen.
    Trabi

    Ich hatte natürlich gesagt, dass ich mitkomme. Mit 13 lernte ich endlich die schlechteste Autobahn der DDR kennen. Die holprige Fahrt nach Dresden war kein Zuckerschlecken. 100 Km/h waren bei dem Zustand der Straße eigentlich kaum möglich und kurz hinter Berlin versuchte ich verzweifelt, einen Westsender im kleinen Radio des Trabis herein zu bekommen. Ich drehte und drehte an dem kleinen Knopf, es gelang mir nicht.
    So redeten Vater und ich den Rest der Fahrt ohne Musik über die völlig neuen Möglichkeiten, die sich uns erschließen würden, wenn wir erst mal das Farbfernsehgerät im Wohnzimmer aufgebaut hätten.
    Es gäbe die Sportschau mit grünem Rasen und wir könnten endlich die Mannschaften richtig unterscheiden. Blaues Wasser bei der Schwimm-WM mit Kristin Otto, kein grauer Schnee bei der Vierschanzentournee mit Weißflog, Nykänen, Züchner und Co., bunte Westprodukte in den Werbepausen und wir würden endlich die Farbe von Colt Sievers’ Auto erfahren. Bei alten Schwarz-Weiß-Filmen würden wir wegschalten. Als wir nach Dresden hinein fuhren, wunderte ich mich, wie grau und farblos die Stadt wirkte. Fast könnte man sagen: schwarz-weiß. Wir kurvten kreuz und quer durch die Straßen. Natürlich hatten wir keinen Stadtplan und so hielt Vater an jeder zweiten Kreuzung, wo ich die Einheimischen nach dem Weg fragen sollte. Leider verstand ich kein Wort in dieser komischen Sprache und wir folgten einfach den Armbewegungen.

    Dresden5

    Als wir dann endlich den Laden in einem schäbigen Hinterhof gefunden hatten, sollte ich im Auto warten, denn Vater wollte die Verhandlungen alleine führen. Ich malte mir aus, wie er unsere Datsche, den Trabi oder sonst was verpfändete, um diesen wertvollen Farbfernseh-Apparat zu bekommen. Sicher war zumindest, dass er eine hohe Summe schwarz zahlen würde, da ich sonst ja hätte mitkommen dürfen. Keine Zeugen!
    Nach einer halben Stunde winkte er mich aufgeregt hinein. Eine riesige Kiste stand auf dem Verkaufstresen – und mein Vater lächelte mich an. Dass ich mir keinen Leistenbruch zuzog, ist ein Wunder, denn das Ding wog ungefähr eine Tonne. In der DDR war es oft so: Was viel wog, war sehr teuer, stand aber auch für Qualität. Insgeheim hoffte ich für den Familienfrieden, dass Vater wirklich nur die 4.500 Mark geblecht hatte, die er nannte. Die Verpackung mussten wir wegwerfen, da das Monster sonst nicht auf die Rückbank gepasst hätte. Wir klatschten uns ab und fuhren los. Keine Zeit für eine Stadtbesichtigung oder sonstigen Quatsch. Ab nach Hause ins farbenfrohe Berlin!
    Auf der Rückfahrt waren wir beide sehr glücklich. Vater in der Vorfreude des ersten Bieres vor der luxuriösen Röhre und ich bei der Vorstellung, welche Augen Mutter und Benny machen würden. Ich ahnte bereits, dass Mutter über die große Geldausgabe alles andere als erfreut sein würde und mein Bruderherz ganz nervös und vor Glück aufgeregt grinsend um die neue bunte Flimmerkiste herumschleichen würde.

    P1010048

    Mein zweiter Ausflug in die Stadt des berühmten Weihnachtsstollens verlief anfangs ganz ähnlich. Mein Vater rief von Arbeit zu Hause an: „Mark, hast Du heute Lust, mit nach Dresden zu kommen? Ich hab noch eine Karte für das Spiel.“ – „Nuklear!“, brüllte ich in den Hörer. Ja, hatte ich! Am Nachmittag saß ich mit Vater und drei seiner Kollegen in einem Wartburg; die Straßen waren unverändert schlecht und das Radio spielte keine Westhits. Ich saß hinten in der Mitte und der Typ neben mir stank widerlich aus dem Mund. Der andere trank ein Bier nach dem anderen und wir mussten seinetwegen drei Mal zum Pinkeln halten.
    Aber immerhin ging es zum Halbfinale des UEFA-Cups zwischen Dynamo Dresden und dem VFB Stuttgart – das war es allemal wert! Ich war jetzt 17 und auf der Karte stand: Stehplatz Erwachsene 15,10 M.
    Natürlich hatte Vater die Karten über „Vitamin B“ bekommen und die echten Dresdner Fans, für die keine mehr im Vorverkauf übrig waren, hassten uns. Bereits 50 Kilometer vor der Stadt leuchteten die ersten schwarz-gelben Farben. Viele Leute ließen ihre Schals aus dem Auto flattern und fieberten wie ich dem Spiel gegen Jürgen Klinsmann und Co. entgegen.
    Für die Dresdner ging es dabei um viel. Sie vertraten den Osten gegen den Westen, DDR gegen BRD und gleichzeitig inoffiziell die immerwährende Schlacht der Sachsen gegen den Stasiverein aus der Hauptstadt. Hier wurde vor aller Augen und den ARD-Kameras ein Exempel statuiert, das zeigen sollte, dass Dynamo Dresden nicht nur die beste Mannschaft der DDR war, sondern auch das Team mit den fanatischsten Fans der ganzen Republik.

    Dynamo

    Als wir um 17.30 Uhr vor dem Stadion ankamen, wunderten wir uns noch, weshalb hier so wenig los war, doch als wir die Gänge ins Innere betraten, sahen wir, dass die Ränge bereits randvoll gefüllt waren. Wie in fast allen Meisterschaftsspielen auch, waren die Dynamos bis auf den letzten Platz ausverkauft. Das heutige Spiel sollte um 20 Uhr beginnen und schon jetzt, zweieinhalb Stunden vorher, waren 36.000 heißblütige Sachsen im Stadion! Ohne meinen starken Vater und seine Kollegen hätte ich hier im Dresdner Fanblock wirklich Angst gehabt, dass sie mich als Berliner enttarnten, das gäbe richtig Ärger! Natürlich behielten wir unsere Tarnung und kamen sogar mit einigen der äußerst freundlichen Jungs ins Gespräch.
    Um 19 Uhr begann ein Vorprogramm, wie ich es noch nie im DDR-Fußball erlebt hatte. Die Leute erhoben sich, als der Stadionsprecher mit dem Glücksschwein „Eschi“ ins Stadion einfuhr. Unter Jubel wurde ein Tandemrennen ehemaliger DDR-Sportler angekündigt. Plötzlich fuhren Jens Weisflog, Olaf Ludwig und Kristin Otto an uns vorbei – natürlich in Begleitung zweier lauter Dixielandgruppen mit schrillen gelben Hemden unter schwarzen Anzügen. Altbekannte Größen des DDR-Fußballs brachten große Blumensträuße für die möglichen Dresdner Torschützen und spielten danach Fußball-Tennis hinter den Toren. Ich konnte gar nicht glauben, was hier abging, und als der Stadionsprecher das Sachsenlied ankündigte, verstanden wir unser eigenes Wort nicht mehr. Aus fast 36.000 jetzt schon heiseren Kehlen erklang das berühmte: „Sing, mein Sachse, sing“. Die beiden Mannschaften versanken beim Einlaufen im schwarz-gelben Fahnenmeer. Ich erkannte Jürgen Klinsmann, der gerade in diesem Moment in unseren Block schaute und genau mich anlächelte. Im April 1989 jubelte ihm in Dresden noch niemand zu.

    VB
    Neben mir brüllten die Fans aufgeregt unverständliches sächsisches Zeug. Zum ersten Mal verstand ich, was mit einem „Hexenkessel“ gemeint war. Ich stand in unserem Block D mittendrin. „Obseids!“ (Abseits) verstand ich, als Guido Buchwald den Ball ins Aus schlug. Der Schiri schüttelte den Kopf und ich brüllte zusammen mit Tausenden Anderen „Nuklear, Obseids!“ ins Stadionrund. Das Spiel war aufregend, es ging hin und her. Am Ende bedeutete das 1-1 jedoch, dass Dynamo Dresden ausgeschieden war und der VfB Stuttgart im Finale gegen Diego Maradonas SSC Neapel antreten durfte.
    An den Ausgängen zwängten sich die enttäuschten Massen durch ein viel zu schmales, rostiges Eisentor. Vater schob mich vor sich her, doch ich bekam immer weniger Luft. Zu groß war der Druck der Menschenmenge, so groß, dass ich immer mehr zusammengequetscht wurde. Ich dachte plötzlich an die vielen vor kurzem zu Tode gedrückten Menschen beim Fußballspiel in Sheffield. Ich hatte jetzt keine Kontrolle mehr, wohin ich trieb, die Menge schob mich hierhin und dorthin. Jeder versuchte jetzt nur noch, auf den Beinen zu bleiben, wer hier stürzte, war sicher tot. Ich wurde irgendwann an eine hohe Mauer gedrückt und konnte mich keinen Millimeter mehr bewegen. Mit weit aufgerissenen Augen schaute ich zu meinen Vater. Später erzählte er mir, dass mein Gesicht schon blau angelaufen war. Ich weiß nicht, ob das wirklich stimmt, doch auf einmal brüllte er etwas nach oben, über mich hinweg. Ich konnte den Kopf nicht drehen und wusste nicht, was dort los war. Plötzlich packte eine Hand von oberhalb der Mauer meinen Arm und zog mich aus den immer stärker nachdrückenden Massen hinauf.
    Erst vor dem Stadiontor traf ich, geschockt und noch immer schwer atmend, meinen besorgten Vater wieder. Glücklich nahmen wir uns zum erstem Mal in unserem Leben in die Arme und fuhren schweigend auf der holprigen Autobahn durch die Nacht. Das Halbfinale des UEFA-Cups war mein bisher bestes Fußball-Erlebnis in der DDR gewesen und am Ende hatte sogar noch ein Dresdner dem ehemals blauen Berliner Baby das Leben gerettet!

    Vater Mutte ich

    Zeitgleich mit dem Fall der Mauer haben sich all diese Dinge komplett verändert. Von einem Tag auf den anderen gab es keine „Bückware“ mehr. Was das gesamtdeutsche Herz begehrte, stand plötzlich in den Warenhäusern und Supermärkten und später auch günstig und gebraucht im Internet. Auch riesengroße, preiswerte Farbfernseher.
    Dynamo Dresden hat zwar nach wie vor sehr treue Anhänger, ist aber nie zu einer Fußballmacht aufgestiegen, die die Bundesliga regiert. Heute dümpeln sie in der 3. Liga herum und stehen wegen finanzieller Probleme des Öfteren vor dem Kollaps. Doch beide Dinge bewegen mich nicht sonderlich, da ich immer eine gut funktionierende Flimmerkiste besaß und nur noch selten, an die Schwarz-Gelb gekleideten Fans erinnert werde.
    Eine Sache finde ich außerdem bemerkenswert. Unmittelbar nach der Wiedervereinigung haben sich ein paar Dinge im Kopf der Menschen verschoben und teilweise sogar grundlegend geändert. Für den gemeinen Ostberliner, aber auch für den Ursprungs-Sachsen, gebürtigen Erfurter oder Schweriner gibt es einen völlig neuen Gegner: den Wessi. Kein Unterschied, ob Kölner, Bayer oder Schwabe – der Westdeutsche ist der große Feind. Punkt.
    Plötzlich halten sie zusammen, die Schachtscheißer aus Zwickau und Fischköppe aus Rostock, die Thüringer und Brandenburger. Die Marzahner und Friedrichshainer. Ganz Ostdeutschland ist eine einzige solidarische Region; ein Land, in dem die Menschen zusammenrücken, ihre Ängste teilen, sich gegen die Übermacht von Drüben wehren und in ihrer gemeinsamen Vergangenheit schwelgen. Es ist vor allem die Generation meiner Eltern, die in ihrer „Superillu“ oder im MDR-Fernsehen über das Leben der ehemaligen Oststars informiert werden will. Bei allen Leuten aus Politik, Funk und Fernsehen mit entsprechendem Hintergrund vermelden sie eilig und stolz: „Der ist aber aus dem Osten.“

    Dresden23

    Ich kann da verständlicherweise nicht mitmachen. Ich habe seit vielen Jahren eine Freundin aus Westdeutschland und lese nicht gerne Berichte über die Pudhys, Herbert Köfer, Axel Schulz oder Ulf Kirsten. Für mich gibt es eigentlich kein Ost und West und mit Erstaunen habe ich einmal festgestellt, dass ich in allen 17 Bundesländern Freunde oder Bekannte habe. Auch habe ich heute überhaupt kein Problem mehr mit Leuten aus Sachsen und deren Sprache. Mittlerweile mag ich die Menschen aus Dresden, Leipzig, Aue und Zwickau sogar sehr und falls mich mal jemand von denen fragt, ob ich auch schon mal in Karl-Marx-Stadt, als Chemnitz noch so hieß, war, kann ich stolz und wahrheitsgemäß antworten: „Nuklear!“

    Hier gehts zur gekürzten Spiegel-Online-Version

    Das DDR-Buch “Mauergewinner” ist im Buchhandel, oder über amazon.de . käuflich zu erwerben

    [Weiter...]


    DDR-Spezialist Mark Scheppert?

    23. März 2010 | von | Kategorie: Blog

    logo_mz_web
    Die Leipziger Buchmesse 2010 war wie immer ganz schön, wobei ich eigentlich nur hingefahren war, um ein paar alte Freunde zu treffen und am Freitag, nacheinander auf die “Moritzbastei-Party” und die “Party der jungen Verlage” zu gehen. Fragt mich nicht, wo es cooler war, denn bei Party 1 waren alle Getränke frei und bei der letzteren gab es Gin-Tonic im Mischungsverhältis 50:50. Es war lustig.
    Auf dem Messestand meines Verlages wurde wohl oft nach mir gefragt, nach dem Motto: “Ist denn auch der DDR-Spezialist Mark Scheppert hier?”. Irgendwann wurde klar, dass es einen Artikel in der Mitteldeutschen Zeitung gegeben hatte, wo ich so tituliert wurde. In Mitteldeutschland habe ich nun scheinbar seit meinem DDR-Buch diesen Status. Ich bin ein bißchen gerührt (und schreibe jetzt mal sicherheitshalber ein paar Texte zu einem anderen Thema).

    Hier der Artikel: MZ Artikel 1

    Und etwas länger: MZ Artikel 2

    [Weiter...]


    Sat.1 Film “Die Grenze” Eure Meinung ist gefragt

    15. März 2010 | von | Kategorie: Blog

    small-teaser-diegrenze_about
    Na beim “Boxhagener Platz” hat es ja schon ganz gut geklappt…

    Diesmal möchte ich Eure Meinung über den Sat.1 Zweiteiler “Die Grenze” wissen. Ich werde heute nur den ersten Teil sehen können, deshalb würde ich gern wissen, ob es sich lohnt, auch den Rest zu schauen. Die Idee finde ich ganz interessant. Einfach Eure Meinung unten als Kommentar hinterlassen.

    Trailer “Die Grenze”

    [Weiter...]


    Blog des Monats Feb. 2010 Bumsbutzener Gumpfen

    12. Februar 2010 | von | Kategorie: Blog

    wizard-oz-l2

    Da Blogschreiber scheinbar die besseren Schriftsteller sind, werde ich hier ab und zu mal, auf solche Freaks hinweisen. Beginnen möchte ich mit Bumsbutzener Gumpfen.

    Zwar hat MUC-Michel gerade ne Schaffens-Krise (und das, obwohl er extra einen 10er von Daddy fürs Trabi-Reparieren bekommen hat. Aber vielleicht schreibt er ja auch gerade an “Strobo II”?), dafür führt HAL-Ed sein Lebenswerk fast ebenbürtig weiter und vielleicht kommt es ja irgendwann in diesem Leben in der Diaspora mal zu einem Treffen mit dem Mauergewinner in der Stadt, wo die Dummen nicht alle werden.

    Hier geht zum Blog

    [Weiter...]


    Lesebühne 11.02.2010

    1. Februar 2010 | von | Kategorie: Blog

    logo_die_unerhoerten_v2_web

    Hallo Liebe Freunde,

    seit September letzten Jahres tritt die neue Lesebühne “DIE UNERHÖRTEN” regelmäßig im Café Tasso auf. Etwa 6 Autoren ( Das Team: Friedhelm Feller, Oliver Mahlke, Ariane Meinzer, Susanne Schmidt, Mark Scheppert, Boris Steinberg, Ralph Trommer ) lesen zu einem gemeinsamen Thema literarische Texte mit hohem Unterhaltungswert. Die Bühne hat sich bereits etabliert und ein Stammpublikum angezogen. Ich würde mich freuen, wenn weitere Neugierige, Literaturinteressierte, Bisher Literaturdesinteressierte, Sympathieträger, Anhänger alternativer, ungewöhnlicher Events und Anhänger der Unerhörten Literatur bei uns reinschauen.

    Pünktlichkeit vorausgesetzt, denn die Veranstaltungen beginnen jeweils Schlag 20 Uhr im Café-Antiquariat Tasso in Berlin-Friedrichshain, Frankfurter Allee 11, 10247 Berlin (Tel. 48624708 ; www.cafe-tasso.de; nahe U 5/ M20-Station Frankfurter Tor).

    EINTRITT IST FREI – SPENDEN WILLKOMMEN!

    Nächster nicht zu verpassender Termin:

    DONNERSTAG, 11.02.2010, 20.00, Café Tasso

    Thema des Abends:

    6 Autoren lesen zum Thema “FILM” (BERLINALE-SPECIAL)

    GAST ist der VERBRECHER VERLAG, der seine Publikationen zum Thema Film vorstellt.

    Herzliche Grüße, DIE UNERHÖRTEN

  • Ort (immer): Cafe Tasso, Frankfurter Allee 11 in meinem wunderschönen Friedrichshain.
    • Zeit (immer): 20 Uhr und pünktlich sein, denn es ist komischerweise ziemlich voll.
    • Eintritt (bislang): Frei
    • Termine (stehen bei mir unter Termine): z.B. 11.02.2010 / 11.03.2010
    [Weiter...]


    Weitere Leseproben

    6. November 2009 | von | Kategorie: Blog, Leseproben, Mauergewinner Leseproben

    Weitere Leseproben von Mauergewinner und weiteres von Mark Scheppert gibt es z.B. hier:

    logo-friedrichshainer.indd

    Kama

    Hier noch ein Artikel im ND-Online, wobei der allerdings kostenpflichtig ist. Also lieber in den Leseproben 1+2 stöbern…

    Stalinallee von Mark Scheppert


    .
    .
    .

    [Weiter...]