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113 Minuten Brasilien – Das Fußball-WM-Finale 2014

12. März 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Fußball-WM 2014


1974- Meine erste Fußball-WM auf deutschem Boden.
Es hätte ein großes, ein bedeutendes Ereignis für mich werden können. Aber nein!
Zum einen fand das Turnier auf der falschen Seite der Mauer statt, zum anderen war ich gerade erst drei Jahre alt. Das Endspiel verlief für mich in etwa so: Mein Vater und mein Onkel Wolfgang hatten sich im – von uns so genannten – “Scheppert-Eck” an der Mollstraße beim Frühschoppen so dermaßen einen eingeholfen, dass sie beim Finale BRD gegen Holland schnarchend auf unserem Wohnzimmerteppich lagen und ich mit Mutter das Spiel allein anschaute. Die westdeutschen Nachbarn wurden Fußball-Weltmeister und ich war live und in Schwarz-Weiß mit dabei.

1990 – Meine erste bewusst erlebte Fußball-WM
Einige Monate nach dem Mauerfall saßen wir mit einigen Sixpacks Schultheiss bewaffnet auf einem der mit Gras überwucherten Sockel der Oberbaumbrücke und beobachteten die grölend vorbeiziehenden Idioten. Unangenehme Zeitgenossen mit Schnauzbart und in Marmorjeans torkelten aus Friedrichshain kommend in Richtung Kreuzberg. Sie grölten: „Deutschland, Deutschland, über alles. Über alles in der Welt“. Dieses Land war in Italien gerade zum dritten Weltmeister geworden und ich schämte mich für meine DDR-Landsleute – zutiefst.
Wir hatten die erste Halbzeit des Finales in einer verrauchten Kneipe gesehen. Keine deutschen Devotionalien schmückten den Raum und nur vereinzelnd trauten sich Gäste, zurückhaltend und unsicher, ihren Emotionen freien Lauf zu lassen. Einige drückten sogar Maradona und seinem Team offenkundig die Daumen. Die Jungs hatten mich zur Halbzeit überzeugt, dass wir gerade jetzt mit ein paar Bieren auf die Brücke klettern müssten. Die Stadt war wie leergefegt. Diese ausgestorbene Straße mit dem ruhig dahin fließenden Fluss würden wir vielleicht nur einmal im Leben an einem Sonntagabend in solch unfassbarer Stille erleben können. Sie hatten Recht behalten. Berlin gehörte für 45 Minuten nur uns allein.

Plötzlich ertönte ein gewaltiger Urschrei. An der Mauer und den Häuserwänden hallte das Echo sekundenlang nach. Die BRD musste in Führung gegangen sein. Doch der Jubel ließ mich nicht freudig erschaudern oder hemmungslos in Tränen ausbrechen. Obwohl die Wiedervereinigung kurz bevorstand, empfand ich nichts. Das war nicht mein Land, nicht mein Team und auch nicht mein Tor. Es war nicht mein Schrei! Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft konnte mir bis in alle Ewigkeit gestohlen bleiben. Und dieses Deutschland eigentlich auch. Ich war kein Deutscher! Ich wollte reisen und rote Punkte auf eine riesige Weltkarte kleben. Wollte andere Kulturen kennenlernen, andere Landschaften und Architekturen bestaunen, andere Menschen treffen, andere Biersorten testen, andere Musik hören und anderen Sex haben.
Ich drehte mich zu meinen Freunden um und murmelte etwas, doch dann erhob ich mein Bier und rief: „Dieses Land wird sehr lange nicht mehr Fußball-Weltmeister werden!“ Raketen flogen in den nächtlichen Himmel. Diese einfachen, billigen: rot oder gelb, einige grün. Auch Böller waren zu hören am Abend des 8. Juli 1990.

1994 – Meine erste Fußball-WM als Bundesbürger
Mit Matze und Göte war ich 1994 zum Viertelfinale bei Freunden in Hamburg eingeritten. Fast jeder erwartete einen deutlichen deutschen Sieg gegen Bulgarien. Bobo hatte sogar um seinen Alfa Spider gegen Roman gewettet, dass wir gewinnen – gegen dessen Turnschuhe. Doch Stoitschkow und Letschkow zerstörten all unsere Hoffnungen. Roman war amüsiert, schenkte Bobo die stinkenden Chucks und raste rotzbesoffen mit dem Liebhaberstück ums Viertel: 0:3 im Viertelfinale!

„Scheiße, oh mein Gott, Scheiße!“, schrie Jeannet und sprintete in den Urwald. Aus heiterem Himmel war etwas unmittelbar vor unsere Füße gefallen. In Sekunden-Bruchteilen hatte wohl auch meine Freundin realisiert: Es ist eine fette Vogelspinne! Das tiefschwarze Ding mit den rötlichen Haaren auf dem Rücken und den fiesen Beißklauen wirkte wie ein todbringendes Monster aus Gruselfilmen.
Ich hechelte ihr hinterher. „Eh warte doch mal, du rennst ja in die falsche Richtung!“, brüllte ich, doch sie war bereits stehengeblieben und schrie wie am Spieß. Vor uns liefen nun dutzende der Ekelviecher herum. Atemlos erreichen wir den VW-Käfer. Plötzlich krachte etwas aufs Dach. „Scheiße! Starte den Wagen! Kurbel die Fenster hoch! Scheiße, ist das ein Albtraum!“ Mit geschlossenen Fenstern tuckerte ich mit 10 km/h in Richtung Tulum. Auf einmal fiel mir etwas auf, was ich in der Aufregung gar nicht begriffen hatte.

Rückblende: wir hatten uns den weißen Käfer gemietet und fuhren zu den Ruinen von Tulum. Sie sollten das Mexiko-Postkartenmotiv schlechthin sein, da es die einzige Mayastadt war, die direkt am Karibischen Meer erbaut worden war. Schon von weitem sahen wir, wie sich die alten Gebäude majestätisch über dem türkisfarbenen Wasser erhoben. Doch auf dem Parkplatz standen viele Busse, sodass wir entschieden, erst am Nachmittag zurückzukehren. Eine Stunde brauchten wir auf der holprigen Straße für die 40 Kilometer nach Cobá. Es war fast schon ein bisschen gespenstig als wir auf einsamen Pfaden ganz allein durch die weitläufige Anlage im Dschungel liefen. Die gewaltigen, von Flechten und Kletterpflanzen gekaperten Pyramiden schienen denen von „Tikal“ in Guatemala ähneln. Wir schlugen uns durchs Unterholz und erklommen die Stufen zum „El Castillo“. Die Aussicht von der höchsten Mayapyramide auf Yucatán war umso spektakulärer, da sie auf einem Hügel erbaut wurde. Kilometerweit erstreckte sich der Regenwald unter uns bis ins Nirgendwo.
Auf dem Weg zum Auto begann es bald sintflutartig zu schütten, aber wir entdeckten einen Unterstand. Unter der einfachen Holzkonstruktion saß ein altes Männlein mit indianischem Einschlag, der gerade geschnitzte Holzfiguren in schwarze Plastiktüten verstaute. Während der Regen lautstark niederprasselte, ließ sich meine Freundin eine Jaguar-Maske zeigen.
Jeannet hatte vor einigen Tagen Tränen gelacht, als ich ihr die Story von diesem Priester erzählt hatte, der mir für 2014 den nächsten deutschen WM-Titel prophezeit hatte. Wie naiv ich nur sei: der vermeintliche Hellseher hätte doch nur die in die Erde geritzte Zahlenreihe vervollständigt. 1998, 2002, 2006, 2010. Die sinnvollste Lösung wäre 2014 gewesen. Ich schaute mir den Kunstgewerbe-Verkäufer genauer an. Okay, einen zweiten Versuch war es wert. Ich malte mit einem Ast in eine Reihe: 1998, 2002, 2006 und darunter 2010, 2014, 2018 und umrahmte die Zahlen mit einem Rechteck. „Scheiße, oh mein Gott, Scheiße!“, kreischte Jeannet. Sie trat unter der Hütte hervor und sprintete in den Urwald. Eine fette, haarige Vogelspinne!
Erst hier im Auto fiel mir ein, was ich in der ganzen Aufregung fast übersehen hatte. „Weißt du eigentlich auf welche Jahreszahl die Spinne unter dem Dach gefallen ist?“ Sie schaute mich fragend an und ich grübelte bereits in welchem Land das Ereignis wohl stattfinden wird und ich dann schon über 40 Jahre alt bin. „Deutschland wird also tatsächlich erst 2014 das nächste Mal Fußball-Weltmeister!“
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1998 – Meine erste Fußball-WM in Südamerika
Die Zeit drängte, denn wir mussten noch eine Kneipe finden, um live zu erleben, wie Deutschland ins Halbfinale einzog. Auf der Plaza Bolivar in Porlamar (Venezuela) stoppte plötzlich ein LKW mit quietschenden Reifen. Bewaffnete Soldaten sprangen herunter und stürmten auf uns zu. „Manos arriba“, brüllte ein Typ mit vorgehaltener Kalaschnikow. Ein zweiter Krieger schrie: „Pasaporte!“ „Den hat der da vorne“ rief Matze auf Deutsch“, „Passaporte!“ „Jenna, du Idiot, bleib doch mal stehen“, kreischte Göte, doch es war zu spät. Mit der Gewehrmündung im Rücken wurden wir auf den LKW getrieben. Als die Ladefläche mit 30 männlichen Personen gefüllt war, rasten wir im Höllentempo davon. Drei Soldaten richteten die Waffen weiterhin auf uns und ihr Anführer befahl, die Schnauze zu halten. Nach zwanzig Minuten wurden wir mit militärischem Gebrüll vom Wagen gestoßen. Sie führten uns auf eine Aschelaufbahn und forderten uns auf, dort hintereinander im Kreis zu marschieren.

Nach einer Runde erreichten wir wieder das Hauptgebäude und der Kommandeur beorderte mich aus der Kolonne. Ich hörte wie er den Truppenleiter anbrüllte und verstand: „La puta rubia“ (die blonde Nutte). Er erklärte mir, was das für eine Aktion ist: Da sich die Männer hier gern mal vor dem Wehrdienst drücken, werden in solchen Einsätzen alle Jungs im entsprechenden Alter eingesackt. Innerhalb von 24 Stunden müssten sie dann nachweisen, bereits gedient zu haben.
Vorsichtig räusperte ich mich und deutete auf meine noch immer rotierenden Jungs. Als sie das nächste Mal bei uns waren, winkte er Matze und Jenna heraus. Nur Göte musste geschockt eine weitere Runde mit den neuen Kameraden drehen. Kichernd beschlossen wir, dem Kerlchen noch 400 Meter zu gönnen. „Scheiße, das Spiel!“, rief Matze. Wir rannten zum Chef und baten ihn, Göte zu erlösen. „Ihr seid ja richtig gute Freunde!“, brüllte er als wir aus der Armee entlassen wurden und in eine Spelunke stürmten. Gleich war Halbzeit und Kroatien führte mit 1:0. Soeben war auch noch Christian Wörns vom Platz geflogen. Nachdem wir eine Lokalrunde spendiert hatten, war die Kneipe komplett auf Seite der Deutschen, doch Vlaovic und Suker verdarben mit ihren Toren eine gigantische Polarbier-Party in Polarmar: 0:3 im Viertelfinale!

2002 – Mein erstes Fußball-WM-Finale als Bundesbürger
Sylvie und ich schmissen die Sachen aufs Bett und gingen hinaus, um noch ein paar Fotos in „Torres del Paine“ in der chilenischen Abendsonne zu schießen. Auf einem Feld stand eine wild gestikulierende Horde, die gerade etwas absteckte. Ein Typ kam angerannt und brüllte aufgeregt irgendetwas von „futbol“. Bevor wir ihn verstanden, waren wir schon Mitglieder der „Extranjeros“ (Ausländer). Neben uns waren noch ein Deutsches Paar, ein Japaner und zwei Argentinier mit im Team und wir durften nun gegen „Chile“ in einer 20minütigen Partie antreten.
Obwohl auch die Chilenen zwei Mädels im Team hatten, wirkten sie eingespielt. Der Ball lief gut durch ihre Reihen und nach fünf Minuten hätten sie bereits 3:0 führen müssen, scheiterten jedoch immer an unserer glänzenden Torfrau Elke. In einer Pause konnten wir uns besprechen und veränderten die Aufstellung. Michel, Renato, Sylvie und ich bildeten nun eine dichte 4er Abwehrkette. Masaru, der Japaner, stand im Mittelfeld und der Argentinier Joaquin spielte allein im Sturm. Wir ließen den Gegner kommen und starteten in der 15. Minute einen Bilderbuch-Konter. Ich passte steil auf Masaru, der direkt auf den, vor dem Tor lauernden, Joaquin weiterspielte. Schuss – gehalten! Doch deren Keeperin ließ den Ball abprallen, woraufhin „Joa“ ihn mühelos über die Linie schieben konnte. Ein ohrenbetäubender Torjubel schallte durchs Tal. Das „Ausland“ führte und kurz danach gelang Masaru sogar das 2:0. Auch bei diesem Treffer hatte die Torfrau nicht sonderlich gut ausgesehen.

Die Chilenen gratulierten fair und luden uns zur Party am Abend ein. Sylvie, die noch immer bis über beide Ohren strahlte, rief euphorisch: „Das war ja wie Brasilien gegen Deutschland beim WM-Finale“. Selbst mir war das bisher gar nicht aufgefallen.
Wir tanzten, sangen und wurden von den Gastgebern mit „Gato Negro“ Rotwein aus 1,5 Liter Pappen gehörig abgefüllt. An jenem Tag war ihr Nationalfeiertag. Mit „Chi, Chi, Chi, le, le, le!“ feierten sie sich lautstark selbst.

Auch wenn während der WM 2002 wieder die ersten Deutschland-Rufe ertönten, hatten wir bei den Spielen lediglich: „Es gibt nur ein’ Rudi Völler“, gegrölt. Beim Finale gegen Brasilien, welches wir mit 50 Mann bei Ziggi in Vellahn sahen, trug niemand den Adler auf der Brust. Nur die Kinder meines Bruders schwenkten kleine schwarz-rot-goldene Fähnchen. Vielleicht wuchs da ja eine neue Generation heran, die einmal viel unbelasteter für „uns“ sein kann: 0:2 im Finale!

2006 – Meine zweite Fußball-WM auf deutschem Boden
Es hätte ein großes, ein bedeutendes Ereignis für mich werden können. Aber nein!
Zwar fand das Finale in meiner Heimatstadt Berlin statt, doch ich war gerade mit Sylvie auf Weltreise und tourte durch Südamerika.
Das Halbfinale verlief in etwa so: Wir verliebten uns sofort in das kleine Örtchen Itaunas in Brasilien und schließlich fanden wir eine Traumunterkunft mit Pool und Hängematte vor dem Zimmer. Im Dorf lagen überall grün-gelb-blaue Girlanden im Müll. Brasilien war bereits ausgeschieden und hatte abgeschmückt. Unser Spiel gegen Italien schien hier niemanden vom Hocker zu reißen. Nach längerer Suche entdeckten wir in einer verrauchten Bar dann aber doch noch die Hardcore-Fans des Ortes. Endlich trafen wir auch Mauro, den italienischen Inhaber unserer Pousada, der uns herzlich begrüßte und sofort mit seinen Dorfkumpels bekanntmachte. Das Lokal war in grün-weiß-roter Hand. Mauro und drei Typen seiner Gang trugen sogar Trikots der „Squadra Azzurra“. Eine italienische Fahne hing von der Decke herab. Brahma-Bier und Kurze wurden gereicht, was die Stimmung zusätzlich anheizte. Die Hütte brodelte, als ob wir uns in Sizilien befänden und schnell bildeten sich zwei Fan-Lager: Sylvie und ich in den Deutschland-Trikots – gegen den Rest.

Das Spiel war nicht gut, lebte aber von der Magenkrämpfe verursachenden Spannung und als nach 90 Minuten noch immer keine Tore gefallen waren, orderten auch wir erste Beruhigungsschnäpse. Mauro, dieser heißblütige und so schelmisch grinsende Kerl, dessen einziger deutscher Satz: „Du bist eine Scheiße-Italiener“ war, platzierte zur Verlängerung Heiligenfiguren im Raum. Die weihevolle Madonna direkt auf dem Fernseher wirkte in der 119. Minute. Das muss sie, denn Fabio Grosso war der Torschütze. Der spielte bei Mauros Lieblingsverein Palermo. Nach dem zweiten Tor drehte unser Hotelier dann endgültig frei. Die ganz große Freude. Zumindest für ihn und alle Italiener auf dieser Welt.
Erstmals im Leben füllten sich meine Augen wegen eines Fußballspiels mit Tränen und Sylvie nahm mich tröstend in die Arme. Nach und nach kamen Gäste an unseren Tisch und drückten ihr Mitgefühl aus. Barbesitzer Cassio stellte die Flasche Cachaça vor uns ab und Mauro setzte sich dazu. Er bettelte nun fast darum, dass wir bis zum Finale bleiben, in der Suite – ohne Aufpreis. Ich spürte, wie meine Trauer allmählich verflog, erhob mein Glas und rief: „Okay, du Scheiße-Italiener“: 0:2 im Halbfinale!

2010 – Meine erste Fußball-WM als Deutschland-Fan

Meine Stadt hatte sich verändert und mit ihr auch die Menschen. Vor mir liefen hunderte, aufgeregt plappernde Leute. Fast alle trugen ein Trikot der Deutschen Fußball-Nationalmannschaft, schwenkten schwarz-rot-goldene Fahnen und hatten sich die Gesichter, Arme – manche sogar die Zehennägel – „deutsch“ bemalt. Etliche imitierten einen Hornissenschwarm, indem sie in eine Vuvuzela tröteten. Doch obwohl sie damit meine Nerven strapazierten, wirkten diese Menschen nicht martialisch, böse oder gefährlich – eher zuversichtlich, hoffnungsfroh und unglaublich glücklich. An diesem Tag begann die WM 2010 erst richtig, denn Deutschland traf im Achtelfinale auf den Erzfeind aus England.
Auch ich trug das Trikot der Deutschen, ohne mich dafür zu schämen. Ein wenig „Krakengläubig“ das rote 2006er Auswärtstrikot, da unser Team bisher nur einmal gegen Serbien verloren hatte, als ich das weiß-schwarze getragen hatte. Nein, es gab da kein verpflichtendes Gefühl im Zuge der fortschreitenden „Schlandisierung“ meiner Heimat, auch keinen übertriebenen Nationalstolz. Während der WM 2006 hatte ich das Shirt erstmals in Südamerika getragen. Ich wollte den Leuten damals zeigen, wo ich herkomme, wo meine Wurzeln sind, wo ich das viele Geld verdient hatte, um diesen wunderschönen Kontinent bereisen zu können und vor allem, wem ich die Daumen drückte! Doch im Jahr 2010 war ich erstmals die gesamte WM lang ein Fan unserer Nationalmannschaft gewesen.

Viele Freunde waren schon da und alberten nervös herum. Wir sind ein zusammen gewürfelter Haufen aus Nord und Süd, Ost und West. Erst der Mauerfall hatte viele von uns zusammengebracht und fast alle wissen das sehr zu schätzen. Auch die Jungs, mit denen ich vor 20 Jahren auf den Turmsockeln der Oberbaum-Brücke gehockt und das WM-Endspiel 1990 bewusst ignoriert hatte, waren erschienen.
Durch die Straßen schob sich noch immer ein unüberschaubarer Strom schwarz-rot-golden gekleideter Fans. Angeblich soll die Stimmung 2006 noch viel ausgelassener gewesen sein. Ich konnte mir das beim besten Willen nicht vorstellen. Meine Stadt erstarrte in angespannter Vorfreude. Ein bisschen Herzklopfen, leichtes Aufatmen und ein spürbar wohliges Gefühl im Magen. Das Spiel begann.
20. Minute: Langer Abschlag von Neuer direkt in den Lauf von Klose. Er enteilte dem englischen Verteidiger und schob, fast im Fallen, den Ball über die Linie. Ein Schrei donnerte durch die Simon-Dach-Straße. Es war ein Urschrei, der aus tausenden Kehlen gleichzeitig ertönte. Ein Schrei der Erlösung, der grenzenlosen Erleichterung, ein Orgasmus ohne Sex. An den Häuserwänden hallte das Echo sekundenlang nach. Der grenzenlose Jubel ließ mich erschaudern. Das war mein Land. Es war mein Team und auch mein Tor. Es war mein Schrei!

Viermal jubelten wir an dem Tag und ebenso oft berauschten wir uns im Viertelfinale an den Toren im Spiel gegen Argentinien. Ich war beruhigt, dass es nur Uruguay bis ins Halbfinale schaffte. So hatte ich keine gigantische Party in Südamerika verpasst. Außer die in Montevideo. Doch auch für Deutschland war im Halbfinale gegen Spanien Schluss. Müdigkeit, Trauer und Depression. Ich fiel in ein schwarzes WM-Loch, bis ich mich entschloss, nach Madrid zu fliegen: 0:1 im Halbfinale!

2014 – Mein erster WM-Titel als Bundesbürger
In Madrid erlebte ich 2010 einen Jubel, den ich niemals im Leben vergessen werde, denn wie eine zerstörerische Lawine brach ein hunderttausendstimmiges „Goool“ in der 116. Minute über Spaniens Himmel herein. Es war ein nicht enden wollender Schrei, so als ob das ganze Land jahrzehntelang dafür Luft geholt hatte. Alle tobten und kreischten bis zum ersehnten Schlusspfiff. Es war der (!) spanische Treffer der letzten 100 Jahre, die Erlösung und der fußballerische Erinnerungsmoment eines jeden hier Anwesenden bis zum Tod. Kein Einziger hatte dieses Glücksgefühl jemals zuvor verspürt, denn Spanien wird eben nur einmal zum allerersten Mal Fußball-Weltmeister! Gracias Iniesta!
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In Deutschland sind diese kollektiven Emotionsausbrüche im Jahre 2014 eigentlich nicht möglich. Es gibt zu viele Menschen, die sich noch an die WM-Titel 1954, 1974 und 1990 erinnern können oder sogar live dabei gewesen waren, ob nun vor dem TV oder in einem der drei Stadien. Auch ich bin mittlerweile so alt, dass ich bei zwei Triumpfen zumindest schon existiert habe. Dennoch endet für mich heute eine lange Reise – egal wie das Spiel ausgeht – denn mehr geht einfach nicht: Argentinien gegen Deutschland im Finale einer Fußball-WM in Brasilien; einer WM, bei der ich bis zum Viertelfinale selbst mit vor Ort war. Alle Turniere danach werden nie wieder diesen ultimativen Kick auslösen können.

Auf meinen Reisen durch Südamerika wurde mir des Öfteren prophezeit, dass unser Land 2014 wieder Fußball-Weltmeister wird, aber ernsthaft glaube ich eigentlich nicht an diesen Hokuspokus, wenngleich ich die Vorhersage in „90 Minuten Südamerika“ schriftlich festgehalten hatte. Gerade heute, an einem 13ten im Juli, bin ich mir nicht mehr so sicher; denke an den unberechenbaren Messi-Zwerg, an die stimmgewaltige Übermacht der argentinischen Fans im Stadion und an die Magenkrämpfe verursachenden Deutschland-Spiele gegen Ghana und Algerien.
Zwei Stunden vor Anpfiff fahre ich in meinen Pub in Friedrichshain, um bei ein paar Vorgeplänkel-Bieren herunterzukommen. Obwohl alle, die ich im Freundeskreis mit dem „Rockz“ in Verbindung bringe, nach und nach eintrudeln, kommt zunächst keine unbändige Vorfreude auf. Viele haben wahrscheinlich, wie ich, die Vorahnung, dass uns nach dem 7:1-Wunder ein enges, hart umkämpftes und hochdramatisches Spiel bevorsteht, dessen Ausgang niemand vorsagen kann. Warum meldet sich Truman eigentlich nicht? Um 21 Uhr atmen alle auf. Das Spiel beginnt.

113. Minute: Kroos passt hinüber zu Schürrle, der im Sprint auf der linken Seite bis weit in die argentinische Spielhälfte vorstößt. Bedrängt von zwei Verteidigern schlägt er eine Flanke, die auf Höhe des Fünf-Meter-Raums landet. Der heranstürmende Götze kann den Ball mit der Brust nicht nur stoppen, sondern fast im Rutschen mit links in Richtung Tor befördern. Während der argentinische Keeper wohl eher mit einem Schuss ins kurze Eck spekuliert, landet der Ball hinter ihm im … (für den Bruchteil einer Sekunde verharren wir in ungläubigem Staunen, doch dann schreien wir es gemeinsam hinaus)…Tooor! Es ist der (!) ultimative deutsche Treffer des 21-Jahrhunderts, die Erlösung nach 24 Jahren des Wartens. Der fußballerische Erinnerungsmoment für jeden hier Anwesenden bis zum Tod. Danke Mario!

Bierbänke kippen krachend nach vorn, Gläser auf Tischen verlieren ihren Halt und scheppern auf den Asphalt. All meine Freunde fallen sich in die Arme und dann in einem wirren Knäul gemeinsam zu Boden. Bis zum Abpfiff wollen wir uns dort in Jubelorgien ergehen. Es gelingt nicht, denn der Schiri will einfach nicht abpfeifen und als Messi in der Nachspielzeit zum Freistoß antritt, sterben nicht nur wir tausend Tode. Doch er verzieht und dann heißt es tatsächlich: 1:0 im Finale!

Jetzt kommt mit Sicherheit kein spiritueller Mist nach dem Motto: Spinnen, Krebse und Priester haben mir den WM-Titel bereits prophezeit. Auch kein sentimentaler Abgesang, dass mein Coming-Of-Age (mein Erwachsenwerden) nun vollzogen ist, weil sich Herr Scheppert, dem im Jahre 1990 die Nationalmannschaft noch völlig am Arsch vorbeiging, 2014 nun selbst wie ein Weltmeister fühlt. Nein!
Nur dies: Wir sind eine tolle Nation, die in der Welt geschätzt und gefeiert wird – nicht zuletzt durch unsere Fußballspieler, deren Eltern in allen Teilen dieser wunderbaren Erde geboren worden sind. Die Guten haben gesiegt!

Durch die Verlängerung ist es schon spät geworden, doch ich feiere als gäbe es kein Morgen – zunächst im „Rockz“ mit Freunden und wildfremden Menschen, dann weiter in der „Tagung“ mit dem Bodensatz dieser Truppe. Irgendwann habe ich im Vollrausch eine wirre Idee, die mich nicht mehr loslässt, doch erst gegen 4 Uhr, als ich längst zu Hause sein sollte, wanke ich los. Erst im dritten Späti finde Schultheiss und als ich an der Warschauer Straße angelangt bin, habe ich bereits das zweite Bier des Sixpacks intus.
Am U-Bahnhof ahne ich, dass ich im Begriff bin, Scheiße zu bauen. Adrenalinblöd renne ich in der Dunkelheit auf den Gleisen in Richtung Oberbaumbrücke. Keiner kann mich jetzt stoppen und als ich an den roten Backstein-Türmen angelangt bin, ist das Ziel einer 24jährigen Reise erreicht. Ich weiß: auf die Türme werde ich nicht gelangen, aber die Aussicht von oberhalb der Brücke reicht mir völlig. An der Kante, kurz hinter den Schienen sitzend, mit Blick auf die Spree und meine, sich noch immer rasant verändernde Stadt, mit dem Fernsehturm als Fixpunkt in der Ferne, habe ich den Platz gefunden, an dem ich unter dem Sternehimmel den Weltmeistertitel 2014 mit herunterbaumelnden Beinen ganz allein genießen kann. Meinen ersten als …

… plötzlich blendet mich etwas. Ein Lichtstrahl nähert sich in atemberaubender Geschwindigkeit: Scheiße, die U-Bahn! Bin ich bescheuert oder was?

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Zum Weiterlesen: 90 Minuten Südamerika oder 113 Minuten Brasilien
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Das Spiel: Deutschland vs. Ghana in Brasilien 2014

5. Dezember 2015 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Fußball-WM 2014

P1110210Bei der Einlasskontrolle müssen wir die Karten auf einen Scanner legen. Es leuchtet grün und meine Augen auf der anderen Seite strahlend blau. Wir sind drin! Noch haben wir eine Stunde Zeit bis zum Spielbeginn und so schlendern wir durch den Innenring fast einmal ums Stadion. Dummerweise haben wir Karten in verschieden Sektoren: vier Tickets in Kategorie 2 zu 135 Dollar und nur zwei in der günstigeren 3er (zu 90 US-Dollar), wobei das der Deutschland-Block ist. Dennoch entscheiden wir uns für die vermeintlich bessere Sicht, auch vor dem Hintergrund, dass wir dort nur einen einschmuggeln müssen. Der Witz: wir gelangen ohne kontrolliert zu werden auf 1-A-Sitze. Direkt daneben gibt es Plätze für „Behinderte“, die es heute augenscheinlich nicht gibt. Enri hockt sich hin.
Bei 30 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit werden wir das Match nah am Spielfeld auf Höhe einer Eckfahne verfolgen und die Schwüle einfach wegsaugen. Um uns herum sind unzählige Landsleute, sodass auch hier das Barometer sicher auf Stimmungs-Hochdruck geeicht ist. Direkt vor dem Tor tanzt sich die Ghana-Kolonie ein und vor ihnen drehen die Fußballer ihre Runden. Sylvie zoomt heran und macht lebensgroße Fotos von all den Helden, die den Titel hoffentlich in drei Wochen mit nach Hause bringen werden.
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Plötzlich geschieht etwas Außergewöhnliches – mit mir. Beim Einlauf der Teams verspüre ich von jetzt auf sofort keinerlei Hektik mehr, bin nicht mehr angespannt oder aufgeregt – in meinem Herzen herrscht gespenstische Ruh. Alle um mich herum und die Spieler singen die Nationalhymne, nur Jerome Boateng und ich schweigen, denn bei mir läuft gerade ein anderer Film. In „90 Minuten Südamerika“ hatte ich noch betont, dass dies kein Fußballbuch sei. Heute sind etwa 15.000 Landsleute mit uns im Stadion – von 80 Millionen Einwohnern. Jetzt fühle ich mich durchaus dazu berufen, mein Werk so zu nennen!
Mein Zeitgefühl kommt mir abhanden. Die Minuten vor Beginn der Partie können im Nachgang nur 10 aber auch 100 gewesen sein.
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Mit noch etwas anderem liebäugelt mein Hirn. Wäre dies nicht der ideale Zeitpunkt, Sylvie zu fragen, ob sie mich heiraten will? Ich hatte ihr 2006, als ich die Fußball-WM daheim nicht erleben durfte, die Pistole auf die Brust gesetzt: Falls jemals eine WM in Brasilien stattfinden sollte, fahren wir hin – ohne Rücksicht auf das, was gerade im Leben ansteht. Wir sind hier! Kann es ein schöneres eingelöstes Versprechen geben? Es soll im Leben eines Mannes ja nur drei Frauen geben, von denen man glaubt, dass es die richtige ist. Ich habe meine eine längst gefunden. Doch was spricht eigentlich dagegen, mit ihr in ewiger Liebe als Traumpaar und beste Freunde durchs Leben ziehen? Erni bringt mich zurück in die Wirklichkeit, denn er brüllt: „Nu ghana losgehen“. Das Spiel geht los!
Schon nach wenigen Ballberührungen herrscht Unruhe im Stadion. Nicht auf dem Platz, sondern im Oberring – direkt gegenüber. Heerscharen von Ordnern sammeln gerade hektisch die Banner unsere Freunde aus Dubaiern, Halle an der Saale und Gladbach ein – so sieht es zumindest aus der Ferne aus. Ein Pfeifkonzert und „FIFA raus“ schallt zu uns hinüber. Dass Zaunfahnen ein elementarer Bestandteil der Fankultur sind, vergessen die Weltverband-Idioten mal wieder, zumal die Sponsoren ja sowieso in einer Art FIFA-Dauerwerbesendung allgegenwärtig sind. Falls auf der Videotafel das Original-TV-Bild übertragen wird, schwenken sie außerdem nur sehr selten in die Fanblocks, was Erni, der permanent in eine Zuschauer-Kamera winkt, augenscheinlich scheiße findet. Unsere Bier-Fahnen wehen weiterhin durch die Arena – ohne Konsequenzen.
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Das Spiel hingegen ist weniger aufregend. Ein Hin- und Her im Mittelfeld und Ghana hat sogar die bessere Spielanlage, weil die Deutschen das Tempo arg verschleppen. Lediglich Kroos serviert gewohnt seine überheblich-eleganten Pässe und auch Özil gefällt mir im Gegensatz zu Götze ganz gut. Im Boateng-Bruderduell gewinnt Jerome gegen Kevin-Prinz jeden Zweikampf. Gute Ansätze, aber Torchancen kann sich Deutschland – im Gegensatz zu den Afrikanern – kaum herausspielen. Sind die echt besser als Portugal?
Auch das Liedgut lässt zu wünschen übrig. Der Klassiker „Deutschland, Deutschland“ ist lautstark zu hören und „Steht auf, wenn Ihr Deutsche seid“, wobei man an den „Sitzenbleibern“ sieht, wie viele Brasilianer im Stadion sind. Die besingen das müde Gekicke mit: „Eu sou brasileiro, com muito orgulho, com muito amor.“ Aus tausenden Kehlen schallt es wie ein Manifest durchs Oval. Sie spielen heute nicht – feiern sich aber selbst, mit großem Stolz und viel Liebe. Zur Pause steht es 0:0.

Wir lassen uns vom Ergebnis die Laune nicht verderben. Unsere Frauen holen die nächste Runde Souvenirs, Jenna fachsimpelt mit mir und Erni klettert vier Reihen hinauf, um sich mit drei Schönheiten fotografieren zu lassen. Die Hübschen halten ein riesiges Plakat in die Höhe: „Jetzt wird wieder geMüllert und geHumeltst“, ist dort zu lesen. Gerade drücken sie meinem Freund einen Fußballball in die Hand, den er hin- und herschwingen soll. Auch sie wollen ins Fernsehen, was nicht gelingen wird, denn in Deutschland läuft momentan sicherlich die „tageschau“ oder FIFA-Werbung. Plötzlich hängen die Zaunfahnen gegenüber wieder. Mal sehen, ob wir wenigstens dieses Duell gewinnen werden.
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Danny und Sylvie kommen mit zehn Brahma-Bechern rechtzeitig zurück, um beim Blick auf die Anzeigetafel fast zeitgleich den legendären Satz zu rufen: „Was ist denn ein Shkodran Mustafi?“ Okay, den Typen kannte ich bisher selbst kaum und nur weil auf der Videoleinwand auch der Name J. Boateng daneben steht, weiß ich, dass er gerade eingewechselt wurde. Schon krass, was für eine multikulturelle Truppe unser Team geworden ist. Schön krass!
Deutschland spielt jetzt auf das gegenüberliegende Tor und es sind erst wenige Minuten gespielt, als Müller von rechts in die Mitte flankt und Mario Götze der Ball irgendwie auf den Kopf und dann ans Knie prallt. Egal – das Ding ist urplötzlich im Netz. Tooor! Mit meinen Freunden vollführe ich den wüstesten Jubel-Pogo unseres Lebens. Sind wir bescheuert, oder was? Nein! Es ist unser Premieren-Tor bei einer Fußball-Weltmeisterschaft. ‚Der Götze ist ja doch nicht so übel‘, denke ich, während ich im Pulk mehrere Treppenstufen hinuntertreibe.
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Als wir uns wieder gefangen haben, flitzt ein mit Filzstift bemalter, bärtiger Typ auf den Rasen. Sylvie zoomt heran und es schaut so aus, als ob der Spinner SS-Runen auf seinem Arschloch-Körper zur Schau stellt. Abführen! Eine Minute später patzt Lahm und Ghana stürmt sofort auf unser Tor zu. Nach einer Flanke köpft Ayew unbedrängt von Shkodran und Per Mertesacker ein. Ausgleich – Scheiße!
Schon in den ersten 10 Minuten der zweiten Halbzeit wurde mehr Herzinfarkt-Risiko erzeugt, als in unserem ganzen WM-Fanleben. Deutschland hängt mächtig in den Seilen & wir kommen eben aus diesem Land. Das macht uns dünnhäutig.
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Danny reißt mich herum: „Das halte ich nicht mehr aus – mach was!“, denn plötzlich entdecken auch die Brasilianer ihr „Coração“ (Herz) für den Außenseiter. „Gana, Gana, Gana“, schallt es durchs Rund und direkt unter uns beschwört ein krass geschminkter Voodoo-Priester seine schwarzen Brüder. Es nun ein wilder Schlagabtausch und es gibt Riesenchancen auf beiden Seiten – doch nur Ghana trifft. Der erste Rückstand bei der WM und ich hoffe sogleich, dass es der letzte sein wird. Torschütze Gyan und der irre Medizinmann im Ghana-Block lassen sich feiern. Die Brasilianer starten eine La-Ola, die (fast) durchs ganze Stadion rollt. Die letzten Minuten kamen mir vor wie im Zeitraffer. Was für ein Drama!
Sylvie schreit mir ins Ohr: „Anscheinend wird Deutschland doch nicht Weltmeister.“ „Nein, scheinbar wird Deutschland nicht Weltmeister“, brülle ich zurück, denn endlich habe ich den Unterschied zwischen den Wörtern kapiert. Der Schein trügt, natürlich holen wir den Titel! Rede ich mir gut zu. Allerdings haben sich die neutralen Fans nun komplett auf die Seite des Gegners gestellt. Es stürmt gerade aber auch nur eine Mannschaft – und das ist Ghana. Atempause. Ecke für Deutschland. Kroos flankt präzise in den Strafraum, Höwedes verlängert geschickt und Klose – gerade erst eingewechselt – staubt ab. Tooor, Salto, Ausgleich – Wahnsinn! Es folgt der wüsteste Jubel-Tanz unseres Lebens. Mehr Glückshormone können nicht durch einen Körper schwappen. Wir kullern im Knäul hinunter bis zum Zaun. Weiter geht es mit völlig irrationalem, unkontrolliertem Offensivfußball von beiden Seiten. Erni reißt mich aus dem Geschehen: „Pixie schreibt gerade, dass Miro den fetten Ronaldo jetzt eingeholt hat“, dabei ist es mir scheißegal, wie viele Tore Klose bei WMs (jetzt 15) macht – Hauptsache er kann sich mal Weltmeister nennen. Ich brülle mit ihm hemmungslos: „Miro Klose! Miro Klose! Miro Klose!“
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Nach einer vergebenen Großchance von Müller endet das Spiel mit 2:2. Der liegt beim Schlusspfiff blutüberströmt am Boden. Aber auch ich bin fix und alle. Noch nie habe ich eine Partie mit solch einer brodelnden Intensität im Stadion verfolgt. Sylvie umarmt mich lange und Danny ruft mir in Jennas Armen liegend zu: „Noch so ein Spiel halte ich definitiv nicht aus.“ Sie spricht mir aus dem Herzen.
Zwei Typen mit schwarz-weiß gestreiften Trikots quatschen uns nach dem Spiel an. Wir wären ja abgegangen, wie sie – Fans aus São Paulo – plappernd sie drauflos. Anscheinend haben sie uns während der Partie beobachtet. Sie spendieren Erni (dem cleveren, geldknappen „Corintians-Fan“) zwei Bier.
Als wir die Arena eine Stunde nach Abpfiff verlassen, versinkt die Sonne gerade in den Häuserschluchten von Fortaleza und hinter dem glitzernden Pazifik. Ich bin noch immer so vollgepumpt mit Adrenalin, dass ich dies zwar wahrnehme, aber gar nicht so richtig zu würdigen weiß. Sonst würde ich in diesem Augenblick heulen.

Wir laufen zurück wie wir gekommen waren. Unterwegs steht mitten auf der Straße ein einsamer Plastikstuhl. Ich muss mich kurz sammeln, ausruhen, wieder zu Kräften kommen und will meinem Herzschlag lauschen. Erni hält den Augenblick inmitten der Massen in einem Bild fest. Es wird das Fußball-Foto – von mir – für die Ewigkeit.
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Zurück in der Stadt entern wir zielsicher ein Kilo-Restaurant. Als erfahrener Brasilen-Reisender erläutert Jenna den Frischlingen, dass sie sich bitte keine Kartoffeln oder sonstigen Beilagen-Quatsch auf die Teller packen sollen, da an der Kasse nur das Gewicht zählt. Fleisch, Würste, Fisch, Krebse, Garnelen und Gemüse im Überfluss gibt es auch für Erni, dem Danny 100 Real geliehen hatte, da sie unsere dummen Sprüche nicht länger ertragen konnte. Im Gegensatz zu mir macht Sylvie das Gelage müde. Sie verzieht sich ins Hotel. Ohne mein Mädchen taumeln wir in ein Konzert auf dem Fanfest. Ein dicker Sänger namens „Pericles“ heizt dort mit dunkelschwarzer Engelsstimme und Bigband in einer Mischung aus Samba-Reggea-Ska den Massen ein. Erni und ich schlagen uns in die vordersten Reihen durch. Dort bemerkt mein Kumpel, dass wir direkt vor der fest installierten Kamera stehen, die alle dreißig Sekunden ins Publikum schwenkt. Er greift mir an die Hose und zieht die DDR-Fahne aus der Schlaufe. Jede halbe Minute lachen wir nun – Tränen.
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Ausschließlich umgeben von krass abgehenden brasilienbraunen Jungs und beinahe barbusigen Schönheiten erschaffen wir ein durch den Zufall inszeniertes Bühnenbild. „Ordem e progresso“ und „Hammer, Sichel und Ehrenkranz“ werden von gut 5.000 Leuten nun alle 30 Sekunden gesehen, während alle dabei in Ekstase zur Musik springen. Brasilien feiert mit den zwei Ossis. Glückswellen durchziehen meinen Körper. Die besten Jahre sind noch lange nicht vorbei. Was für ein perfekter Tag!
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Zum Weiterlesen: 90 Minuten Update
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