Posts Tagged ‘ Mapuche Indianer ’

Chi, Chi, Chi – le, le, le – Viva Chile!

1. Juli 2015 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog, Leseproben

1996 Santiago Zimmerleute
Ein trauriger Blick zurück. Jeannet steht vor dem Check-In und weint mit rot unterlaufenen Augen. Ich winke ein letztes Mal und verschwinde dann um die Ecke. Auch mir kullern warme Tränen über die Wangen, die ich mir mit dem Ärmel vom Gesicht wische. Betröpfelt reihe ich mich in die Schlange ein und besteige den Flieger. Wir verabschieden uns in unterschiedliche Richtungen im Leben.
Ich bin jetzt fast 25. Seit dem Mauerfall hatte ich nur herumgelungert und mich mit Nebenjobs über Wasser gehalten. Eine innere Stimme sagte mir, dass ich endlich einmal etwas Sinnvolles anpacken müsse. Doch was, wann und wo? Spontan hatte ich mir einen Flug nach Santiago de Chile gebucht. Auf dem Ticket schien „Ausgang aus der Verwirrung“ zu stehen. Die sieben Wochen würde ich ernsthaft dazu nutzen, um über meine Zukunft nachzudenken.
So groß der Abschiedsschmerz auch war: der Flieger saugt mich in eine andere Welt. Wie auf Knopfdruck kehrt diese intensive Neugier nach dem Fremden zurück. Ich weiß, dass ich jetzt einfach nur abwarten muss, dass etwas mit mir passieren wird. Nur unterwegs entdecke ich Dinge und mich ständig neu. Wie zur Bestätigung, setzen sich zwei Jungs neben mich und grüßen auf Deutsch. Sven aus Braunschweig und Jörg aus Zürich sehen sehr speziell aus. Ich hatte zwar schon einige durch meine Stadt laufen sehen, aber nie geahnt, dass ich die ersten auf einem Flug nach Südamerika kennen lerne.
Beide tragen weite schwarze Schlaghosen aus Cord, dazu passende Westen und ein Jackett mit großen Knöpfen. Darunter weiße Hemden und Krawatte. Sven hat einen Hut mit breiter Krempe und Jörg einen Zylinder auf dem Kopf. Es sind Zimmerleute auf der Walz. Ihre Habseligkeiten hatten sie in einem kleinen Bündel (Charlie) zusammen mit ihrem Stock (Stenz) in den Ablagen verstaut.
Begeistert lausche ich den Geschichten ihrer Wanderzeit und stelle fest, dass es, sobald wir die deutsche Grenze überflogen haben, kein Ost oder West, arm oder reich, schlau oder ungebildet mehr gibt. Alles, was jetzt noch zählt, ist Sympathie. Der Schweizer schüttet mir mitten in der Nacht ein Bier über den Schädel, da er der Meinung ist, dass wir jetzt Äquatortaufe feiern müssten. „Bist du bescheuert oder was?“, schreie ich künstlich entsetzt, aber er hat ja recht, auch ich überquere erstmals diesen Breitengrad. Die Jungs sind sympathisch!
Da sie ohne Reiseführer nach Chile fliegen und kein Wort Spanisch sprechen, fragt Sven mich, ob wir die ersten Tage gemeinsam verbringen können. Als wir in die Stadt fahren, beobachte ich, wie sie ihre ersten südamerikanischen Eindrücke gierig aufsaugen. Santiago wirkt im Gegensatz zu Mexiko City modern, sauber und unaufgeregt. Nur die Außentemperaturen lassen zu wünschen übrig. Ich Idiot fliege in den chilenischen Winter, während in Europa gerade bei Sonnenschein die Fußball-EM zu Ende geht. Diese Reise war mir wirklich wichtig gewesen!
Um dem Jetlag zu entgehen, kaufen wir Rotwein und beginnen im Hotel, mit einer Streichholzschachtel zu spielen. Derjenige, der an der Reihe ist, schnippt sie in die Luft und je nachdem auf welcher Seite sie landet, gibt es verschiedene Punkte. Wer die siegbringenden 22 Zähler als Erster erzielt, muss aufspringen und „Leckarsch“ brüllen. Wir lachen Tränen und duellieren uns bis tief in die Nacht.
P1010366
Am nächsten Tag fallen wir nicht nur beim Bummel durchs Kneipenviertel „Bellavista“ und der Fahrt mit der Seilbahn auf den Hausberg auf. Während für uns der Panoramablick auf die von den Anden umrahmte Stadt eine Sensation ist, sind wir es für die Einheimischen. Ich passe als großer, blonder Typ schon nicht so recht ins Stadtbild, doch die Wandergesellen sind der Knaller. Überall verursachen wir einen kleinen Menschenauflauf. „Carpintero“ (Zimmermann) wird das dritte Wort, was Sven und Jörg auf Spanisch lernen. „Tres cervezas“ (drei Bier) waren die ersten gewesen. Doch auch ich bin fasziniert von den beiden. Mit einer fast kindlichen Naivität erkunden sie die Stadt, schäkern grinsend mit den Frauen, bringen Kinder zum Lachen oder ziehen charmant vor älteren Herren den Hut. Aber ich beneide sie nicht nur um ihre Ausstrahlung. Sie verkörpern in meinen Augen das Wort „Freiheit“ in Reinkultur. Sie können jederzeit überall hinfahren, arbeiten und einfach wieder abhauen. Es gelten immer nur ihre eigenen Regeln. Sie sind unabhängig und mindestens für drei Jahre und einen Tag unterwegs. Ich wäre gerne wie sie.

Gut gelaunt kehren wir zurück. Vor unserem Hotel wird gerade ein Film gedreht. Schnell kommen wir, mit einem Becher „Gato Negro“ Rotwein in der Hand, mit den Akteuren ins Gespräch und da zumindest ich ein paar Brocken verstehe, erfahren wir, dass sie einen Kinderfilm produzieren. Wir genießen die angenehme Stimmung in der Abenddämmerung und versuchen die Handlung herzuleiten. Tief in der Nacht – wir spielen längst wieder „Leckarsch“ – haben die Geschehnisse so eine Eigendynamik entwickelt, dass wir uns nur noch mit unseren neuen Namen ansprechen: Sven ist nun „Ulf der irre Igel“, Jörg „Klaus-Dieter das lachende Lama“ und ich bin „Tobias das gütige Gürteltier“.

Am nächsten Tag fahren wir ans Meer und behalten die Namen einfach bei. Wir übernachten in einem Kaff, auf dessen Fischmarkt etliche Seelöwen und Pelikane herumlungern, bevor es weiter nach Cartagena geht. In einem Restaurant lernen wir Chilenen in unserem Alter kennen. Trotz Sprachbarrieren mögen wir uns auf Anhieb und quartieren uns in deren Hostal ein. Wir verlieren gegen die Jungs im Strandfußball und beim Wettschwimmen im eiswürfelkalten Meer, was sie dazu animiert, lauthals: „Chi, Chi, Chi, le, le, le“, zu brüllen. Dafür schlagen wir sie locker im Tischfußball und beim „Leckarsch“. Ulf und ich rufen: „Deutsch, Deutsch, Deutsch, land, land, land.“, doch nur die Chilenen hatten es ernst gemeint.
1996 Chile Neruda
Besonders mit Valeria und der kleinen Saqui verstehe ich mich blendend. Bei Kerzenlicht, Wein und Gitarrenmusik erzählen sie mir, dass sie einer linken politischen Gruppe angehören. Ich weiß natürlich, dass sich auch in Chile seit 1989 einiges verändert hatte. Die ersten freien Wahlen nach 15 Jahren Pinochet-Diktatur waren für sie die große Erlösung – der chilenische Mauerfall – gewesen. Ich ahne, was ihnen die neu gewonnenen Freiheiten bedeuten und bewundere sie dafür, dass sie noch immer aktiv an der Neugestaltung ihres Landes mitwirken. Ich bin, obwohl ich Anfang der 90iger noch Juso-Chef von Friedrichshain war, politisch gesehen, extrem ernüchtert und desillusioniert. Eine „unterm Strich zähl ich“-Mentalität hatte langsam von mir Besitz ergriffen.
Beim Ausflug nach Isla Negra zeigen sie uns voller Stolz das Arbeitshaus von Pablo Neruda. Die Ausstellungsräume gleichen einem voll gestopften Museum, da der Literaturnobelpreisträger scheinbar von einer ungeheuren Sammelleidenschaft besessen war. Alle Zimmer sind voller Kitsch und Tinnef. Trotzdem ist es ergreifend, durch die Wohnräume von Chiles größtem Poet und Messie zu wandeln. Ein verloren geglaubtes Gefühl kehrt zurück. Die Bibliothek meiner Kindheit hieß aus Solidarität mit dem chilenischen Volke „Pablo Neruda“. Ich nehme Valeria und Saqui in die Arme. Was würde ich den Mädels wohl in Deutschland zeigen wollen?
In den Adern von Saqui fließt das Blut der Mapuche-Indianer. Blauschwarze Haare bedecken ihren fast kreisrund wirkenden Kopf und ihre Nase ist fast so breit wie der immer lächelnde Mund. Mit den dichten Augenbrauen und stolzen Indianeraugen sieht sie eher aus, wie ich mir eine Frau aus dem äußersten Norden der Erde vorgestellt hätte. Ich nenne sie deshalb: Eskimo. Obwohl es zwischen uns, außer herzlichen Umarmungen, zu keinerlei körperlichem Kontakt kommt, sehe ich in ihrem feurigen Blick, dass dies nicht immer so bleiben müsste.
1996 Chile Mapuche
Um mein Gewissen zu beruhigen, telefoniere ich mit Jeannet. Als ob ich im Ferienlager wäre, erzähle ich überschwänglich, dass ich gut angekommen bin und schon richtig gute Freunde gefunden habe. Sie klingt ein wenig verstimmt und sagt mir, dass ich mich sofort bei Matze melden soll. Wäre wohl wichtig. Außerdem hätte Deutschland das Endspiel der EM erreicht. Diese Info würde mich ja sicherlich auch interessieren. Ihr Unterton irritiert mich. Erst als ich auflege, bemerke ich, dass ich vergessen hatte, „Ich liebe dich“, zu sagen. Ich wähle die Nummer meines Freundes und gehe dann zurück zu den anderen. Ulf Igel und Klaus-Dieter Lama sitzen zusammen mit den Chilenen, brüllen schon wieder „Leckarsch“ durchs halbe Hostal und rücken eiligst einen weiteren Stuhl an den Tisch heran.

Als ich mich in Santiago von den herzensguten Zimmerleuten verabschiede, kullern mir beinahe Tränen über die Wangen. Sie waren mir in dieser Woche richtig ans Herz gewachsen. „Mach’s gut Tobias Gürteltier“, rufen sie zurück und winken ein letztes Mal, bevor sie um die Ecke verschwinden…
.
Zum Weiterlesen: 90 Minuten Südamerika
.
Kleiner Nachtrag: Kennt die Jungs (Zimmerleute) zufällig jemand? Seit dieser Reise habe ich nur Ulf Igel einmal getroffen und danach beide – in Zeiten ohne E-Mail-Adresse oder Handy – nie wieder gesehen.
.
Nur diese Bergleute, aber da waren sie nicht dabei …

[Weiter...]


Torres del Paine – Türme der Schmerzen in Chile

24. März 2015 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog, Leseproben

Torres Panorama
Ich habe mich mit meinem Vater nie groß über Frauen unterhalten. Mir wäre das eher unangenehm gewesen und was wusste er schon vom Leben in der heutigen Zeit. Dennoch ist mir ein Satz in steter Erinnerung geblieben: „Du wirst erst herausbekommen, ob jemand wirklich zu dir passt, wenn ihr gemeinsam auf Reisen gegangen seid.“ Ich ahnte, was er meinte. Fernab der behüteten Heimat war es plötzlich vorbei gewesen mit der Harmonie und Eintracht. Erst unterwegs hatte ich oftmals bemerkt, mit was für einer Frau ich mich da eigentlich eingelassen hatte. Im September 2002 ist es dann endlich soweit. Ich habe sie mit dem Südamerika-Virus infiziert. Die drei Wochen Chile-Urlaub sind der große Sylvie-Test!

Gut gelaunt besteigen wir nach zwei Nächten in Santiago den Flieger nach Punta Arenas mit Zwischenlandung in Puerto Montt. Obwohl es bereits vor dem Abflug stürmt, lasse ich mir nicht anmerken, dass dies ganz und gar nicht mein Flugwetter ist. Schon auf der Rollbahn donnern heftige Winde lautstark gegen die Außenwände. Mit unsicherem Lächeln und bleichem Gesicht suche ich nach Sylvies Hand. Was sie nicht weiß: ich habe gehörige Flugangst. Endlich heben wir ab. Beunruhigende Turbulenzen erfassen die stark schwankende Maschine. Luftlöcher lassen uns metertief ins neblige Nichts fallen und nur mühsam kämpft sich der dröhnende Flieger wieder empor. Die Anschnallzeichen leuchten seit dem Start bedrohlich rot. Angst! Vor uns kotzen sich Menschen die Seele aus dem Leib und neben mir schreit ein junger Peruaner, der sich als Paolo vorgestellt hatte, wie am Spieß. Sylvie bittet mich irgendwann, ihre Hand loszulassen, da sie schon schmerze und Paolo soll ich sagen, dass er die Schnauze halten soll, sonst bringe sie ihn um. Ich bin von Kopf bis Fuß durchgeschwitzt. Ein Krachen erschüttert das Flugzeug, während wir nach vorn und wieder zurück in den Sitz geschleudert werden. Einige Gepäckfächer springen auf. Schreie, Motorengeräusche – dann Stille. Wir sind gelandet.
Der zweite Flugabschnitt ist ruhiger. Auch ich war vorhin kurz davor gewesen, mich zu übergeben und hatte mehrmals ängstlich gejault. Mit flauem Gefühl im Magen schaue ich möglichst cool hinüber zu Sylvie. Sie fragt mich lächelnd: „Nimmst du eigentlich Bier oder Rotwein zum Essen?“
2002 Chile Torres Weg

Unser Highlight im chilenischen Süden soll der Nationalpark „Torres del Paine“ werden und recht schnell haben wir alle Infos zusammen, um zu den „Türmen der Schmerzen“ aufzubrechen. Es ist eine denkbar ungünstige Konstellation, denn der Kerl, der uns in Puerto Natales ermahnt, möglichst wenig Gepäck mitzunehmen, beobachtet unsere Abreise nicht. Wir hatten unsere Klamotten in zwei Müllsäcke geworfen und nur einen Rucksack mit folgendem Inhalt gepackt: Schlafsäcke, Zahnputzzeug, zwei Äpfel, eine Packung Kekse und eine Flasche Pisco. Vor allem hätte er fragen sollen, ob wir schon jemals im Leben trekken gewesen waren, denn wir tragen: schwarze Docs, Jeans, Sylvie einen grünen DDR-Parker und ich eine uralte Winterjacke. Meine westdeutsche Freundin hatte in Berlin Gefallen an dem, mit Schafsfell gefütterten, Mantel gefunden, der, wie mein Oberteil, aus keinerlei regenabweisenden noch atmungsaktiven Materialien besteht.
Torres - Hinweg wir
Nachdem uns ein Bus am Parkeingang absetzt und wir zwei Minuten den Weg entlanglaufen, beginnt es leicht zu nieseln, bevor wir in ein mittelschweres Gewitter geraten. Doch so plötzlich wie es anfing, hört es auch wieder auf. Die Landschaft wechselt nun ständig ihr Erscheinungsbild, denn bald erreichen wir eine goldfarbene Steppe. Wir müssen heftigem Gegenwind trotzen, beginnen fürchterlich zu frieren und öffnen erschöpft die Pulle mit dem hochprozentigen Schnaps. Nur wenige Augenblicke später klart es wieder auf. Trotz der Strapazen ist die kleine Pfälzerin entspannt und nimmt mich glücklich in die Arme, als wir die nadelartigen Granitberge – die Wahrzeichen von Torres del Paine – erstmals am Horizont erblicken. In voller Schönheit pieksen sie nun in den azurblauen Himmel. Nach fast fünf Stunden erreichen wir einen Berggipfel von dem wir das Ziel unserer Wanderung sehen können: Das Refugio am Lago Pehoe. Vor uns liegt jedoch noch ein extrem steiler Abstieg auf glatten, ausgewaschenen Steinen, der seitlich in eine todbringende Schlucht abfällt. Unsicher lächelnd und mit bleichem Gesicht suche ich nach Sylvies Hand. Was sie nicht weiß: ich habe gehörige Höhenangst. Mit zittrigen Beinen klettere ich rückwärts auf allen Vieren die Felswand hinab. Endlich sind wir da. Sylvie reicht mir den Pisco: „War doch gar nicht so schlimm, oder?“
2002 Chile Torres Abhang
Wir schmeißen unsere Sachen aufs Doppelstockbett und gehen hinaus, um ein paar Fotos von den „Türmen“ in der Abendsonne zu schießen. Auf einem Feld steht eine wild gestikulierende Horde, die scheinbar gerade etwas absteckt. Ein Typ kommt aufgeregt angerannt. Er brüllt irgendetwas von „futbol“ und noch bevor wir richtig verstehen, was los ist, sind wir schon Mitglieder des Teams der „Extranjeros“ (Ausländer). Da neben uns nur ein weiteres Deutsches Paar, ein Japaner und ein Argentinier hier sind, bekommen wir noch Renato aus Arica zugewiesen und dürfen gegen „Chile“ in einer 20minütigen Partie antreten. Obwohl auch die Chilenen zwei Mädels im Team haben, wirken sie eingespielt. Der Ball läuft gut durch ihre Reihen und schon nach fünf Minuten müssten sie 3:0 führen, scheitern jedoch an unserer glänzenden Torfrau Elke. In einer Pause können wir uns besprechen und verändern unsere Aufstellung. Michel, Renato, Sylvie und ich bilden nun eine dichte 4er Abwehrkette. Masaru, der Japaner, steht im Mittelfeld und unser Argentinier Joaquin spielt allein im Sturm. Wir lassen den Gegner kommen und starten in der 15. Minute einen Bilderbuch-Konter. Ich passe steil zu Masaru, der direkt auf den, vor dem Tor lauernden, Joaquin weiterspielt. Er schießt unplatziert, doch deren Keeperin Josefa lässt abprallen. Mühelos schiebt er den Ball über die Linie. Ohrenbetäubender Torjubel schallt durch das Tal. Das „Ausland“ führt und kurz vor Schluss gelingt Masaru sogar das 2:0. Auch bei diesem Treffer hatte die Torfrau nicht sonderlich gut ausgesehen. Die Chilenen gratulieren und laden uns zur Party am Abend ein. Als wir zur Hütte laufen, spüre ich, dass ich mein Knie verdreht habe und mir am Zeh und an der Fußsohle eine Blase gelaufen habe. Ich humpele mit schmerzverzehrtem Gesicht zu Sylvie, die noch immer bis über beide Ohren strahlt. „War ja wie Brasilien gegen Deutschland beim WM-Finale“, ruft sie. Selbst mir war das bisher noch gar nicht aufgefallen. Was für eine Frau!
Torres - Tanzen
Wir tanzen, singen und werden von unseren Gastgebern mit „Gato Negro“ Rotwein aus 1,5 Literpappen gehörig abgefüllt. Heute ist ihr Nationalfeiertag. „Chi, Chi, Chi, le, le, le!“ Sie feiern sich lautstark selbst. Auch wenn nach der letzten – zugegeben fantastischen – WM wieder die ersten Deutschland-Rufe in meinem Land laut wurden, hatten meine Freunde und ich lediglich: „Es gibt nur ein’ Rudi Völler“, gegrölt. Beim Finale, das wir mit 50 Mann bei Ziggi in Vellahn gesehen hatten, trug niemand den Adler auf der Brust. Nur die Kinder meines Bruders schwenkten schwarz-rot-goldene Fähnchen. Vielleicht wächst da ja eine neue Generation heran, die einmal viel unbelasteter für „uns“ sein kann.

Nicht der dicke Schädel macht mir am nächsten Morgen Sorgen. Mein Knie kann ich kaum noch beugen und die Blasen sind aufgegangen. Heute geht es an den Grey Gletscher. Da es ein Frühstück gab, nehmen wir lediglich die zwei Äpfel mit. Der Weg ist nicht sonderlich schwierig. Mir geht es nur leider beschissen. Neben den Schmerzen im Knie lassen mich starke Böen fast ununterbrochen in 30 Grad Schieflage laufen und in den Docs spüre ich jeden einzelnen Kieselstein am offenen Fleisch der Blasen. An einem Flussbett rutsche ich ab und stehe mit beiden Füßen im eiskalten Wasser. Ich beginne zu jammern, was in pure Verzweiflung umschlägt, als wir vor dem Refugio am Lago Grey vor verschlossenen Türen stehen. Wir müssen also noch heute wieder zurück. Eine Katastrophe.
Torres - Gletscher Grey
Am Gletscher vergesse ich für einen Augenblick die vor uns liegenden Strapazen. Es ist ein Anblick unvergleichlicher Schönheit. Gigantische Eisbergtürme werden aus den Bergen in den See gedrückt. Die Wände des Gletschers und die der großen Eisschollen sind nicht weiß, oder grau, wie der Name besagt, sondern glitzern in verschiedenen Blautönen.
Nicht nur mir bereitet der Rückmarsch Höllenqualen. Auch Sylvie ist noch nie im Leben acht Stunden mit Doc Martens und dicker Schafsfelljacke durch unwegsames Gelände gelaufen. Es ist ein Wunder der Natur, dass wir, wie schon auf dem Hinweg, permanent auf starken Gegenwind stoßen. Im Dämmerlicht teilen wir den letzten Apfel und sprechen uns Mut zu, dass wir auch in völliger Dunkelheit zurück finden werden. Kurz nach acht kommen uns zwei Typen auf Pferden entgegen geritten. Kopfschüttelnd schauen sie herab und weisen uns den Weg. Vor der Hütte steht Josefa und fragt aufgeregt: „Dónde estan los Chilenos?“ (Wo sind die Chilenen?)
Torres ich liegend
Wenig später erscheinen dann auch die noch Fehlenden in tiefschwarzer Nacht. Mario bereist mit Renato ganz Chile. Er möchte, dass sein Sohn mit ihm das Land kennen lernt, von Norden bis ganz in den Süden. Dafür bräuchte man eben Zeit erklärt er achselzuckend. Es stellt sich heraus, dass er Arzt ist und nach dem Essen schaut er sich meinen Fuß an. An den offenen Stellen leuchtet das rosafarbene Fleisch und mein Zeh ist bereits bläulich gefärbt und angeschwollen. Das Desinfizieren der Wunde ist eine brutale Tortur und gerade als ich dabei bin, vor Schmerz in den Schlafsack zu beißen, erscheint Sylvie im Zimmer. „Weißt du eigentlich, dass ‚Torres del Paine’ gar nicht ‚Türme der Schmerzen’ bedeutet?“ „Ist mir scheißegal“, brülle ich, doch sie spricht einfach weiter. „Paine heißt in der Sprache der Mapuche-Indianer ‚blau’. Es sind also die ‚blauen Türme’.“ Ich verdrehe die Augen. „So blau wie dein großer Zeh!“

Zwei Tage später liege ich im Hostal von Punta Arenas und kann überhaupt nicht mehr laufen. Sylvie sitzt mit meinen besten Freunden Göte und Jenna in einem Restaurant in der Innenstadt. Sie hatten sich hier mit uns verabredet und werden morgen nach Feuerland weiterreisen. Was wird sie den beiden erzählen von unserer ersten Woche? Dass man mit mir nicht verreisen kann? Dass ich eine riesengroße Pfeife und Memme bin? Dass dieser Urlaub für sie der große Scheppert-Test ist?
.
Zum Weiterlesen: 90 Minuten Südamerika
.

[Weiter...]