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Glad all over – 1. FC Union Berlin gegen Crystal Palace FC am 18.07.2015

17. Juli 2015 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog

P1110749Nach der Brasilienreise 2014 zur Fußball-WM war die Luft zugegebenermaßen erst einmal ein bisschen raus. Allerdings wird es auch noch in vielen Jahren schwierig sein, dieses emotionale Highlight irgendwie zu toppen.

Dass mich ausgerechnet Sylvie aus der Lethargie riss, war insofern bemerkenswert, da sie sich bis zu einen heißen Sommertag in Fortaleza „einen Scheiß“ für Fußball interessiert hatte. Die kleine Pfälzerin hatte am 8. März 2015 (wohlgemerkt der internationale Frauentag) die Idee, mich spontan zum Spiel von Union gegen den FCK einzuladen. Um es abzukürzen, das Spiel war grottenlangweilig (0:0), aber die Atmosphäre nach ein paar Bieren bei ersten, zaghaften Frühlingsstrahlen vor und im fast ausverkauften Stadion, entschädigte. Drei junge Engländer aus Leeds standen ganz in unserer Nähe und wir kamen ins Gespräch. Sie ließen ihrer grenzenlosen Freude fast ununterbrochen freien Lauf, da es hier überall günstige goldfarbene Kaltgetränke gab, sie in der Alten Försterei paffen konnten bis der Arzt kommt und die Fangesänge der stehenden Unioner, aber auch die, der ganz in der Nähe befindlichen Roten Teufel, einfach nur grandios waren. Fußballstimmung, die sie aus “Sitzplatz-England” nicht kannten. Einmal mehr wurde mir bewusst, dass sich Deutschland eine fantastische Fußballkultur bewahrt hatte und in diversen Stadien ein Leben abseits von Arbeitsfrust, Langeweile und eben auch Lethargie möglich ist. Schlecht geschrieben, aber wahr.
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Der Startschuss in eine außergewöhnliche Fußballwoche war erfolgt, denn nur wenige Tage später hob der Flieger nach London ab. Ich wollte meinem Bruderherz Benny zu seinem 40. Geburtstag einen Lebenstraum erfüllen: ein Chelsea-Match an der Stamford Bridge. Natürlich hatte ich nichts dem Zufall überlassen und rechtzeitig Flüge, Hotelzimmer und über Göte, der seit Jahren an der Themse wohnt, auch Tickets organisiert. Nur der Rückflug stand noch nicht, da die Premier League ewig nicht mit dem Spielplan herausrücken wollte. Natürlich fiel die Partie dann auf einen Sonntag, sodass wir bis Montag in der nicht gerade günstigen Hauptstadt bleiben mussten (die Kreditkarte glühte).
Doch da ich mit Benny nun eh schon (und eigentlich nur) zum Fußball nach London gekommen war, mussten wir uns noch etwas für den Samstag überlegen. Bei Arsenal (spielten gegen West Ham) war ich schon, Tottenham und Millwall kickten away und Fulham kam nicht in Frage. Blieb also nur Crystal Palace, die immerhin auch in einem Stadtderby gegen die Queens Park Rangers in der Premier League antraten. Göte hatte sogar einen „Eagle-Fan“ im Freundeskreis, der uns seine Jahreskarten im „Whitehorse Lane Stand“ zum OK-Preis von je 30 Pfund überließ, weil er zu einer Hochzeit musste (wobei das bei Nick Hornby nicht als Ausrede gegolten hätte). Später erfuhren wir, dass er alle 10 Minuten Göte anfunkte, wie es uns dort gefallen würde. Niedlich!
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Auf zum „Selhurst Park“! Wie nicht anders zu erwarten, saßen wir (sehr früh, da aufgeregt) im Zug mit der komplett versammelten QPR-Althool-Fraktion. Denen wäre man in den 80igern lieber nicht über den Weg gelaufen und in Selhurst Station gingen wir mit ihnen, wider besseren Wissens, auch noch ein Stück des Weges, bis wir in eine Art Sackgasse gerieten – rechts und links rote Klinkermauern – und mit komischem Slang gefragt wurden, ob wir uns irgendwie verlaufen hätten. Hatten wir! Zurück am Bahnhof wurde uns klar, dass die Heim-Fans eine völlig andere Route entlang des Bahndamms wählten und wir reihten uns ein. Auch hier sah es noch immer wie in den verrotteten alten englischen Straßen des Streifens „Hooligans“ aus. Doch in der Masse fielen wir nicht weiter auf, zumal nun auch Großvater, Vater & Sohn mit am Start waren. Es war erst zwölf Uhr mittags, dennoch hatten wir Bierdurst – es gab aber keine Verkaufsstände, Kioske oder fliegende Händler und die einzige Eckkneipe vor dem Stadion war brechend voll. Egal, auf der Suche nach unserem Block vor dem beindruckenden Backsteinbau trafen wir unsere zahnlosen Freunde der QPR-Fraktion an ihrem Arthur Wait Stand wieder – Benny wurde fast reingesaugt – denn unmittelbar daneben befand sich unser extrem schmales Drehkreuz ins Glück. Letztendlich waren die Plätze tatsächlich jene, welche sich am allernächsten zum Gästeblock befanden und schon vor Spielbeginn mussten wir etliche „Fotzen- und Wichser-Rufe“ über uns ergehen lassen.
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Unsere Nachbarn hielten dagegen und forderten die Jungs mit eindeutigen Gesten fast ununterbrochen auf, mal rüberzukommen. Das alles ohne Zäune und wenig Sicherheitspersonal. Ein Spaß!
Unten, im Tunnel, verkauften sie überraschenderweise (wenn auch in ollen Plastikflaschen) alkoholhaltige Bier – alles wurde gut und da noch wenig los war und man das hier durfte (oder wir es einfach machten), konnte ich mit meinem Bruder sogar den heiligen Rasen des CPFC betreten. Come on: erst einen Monat später las ich in „11Freunde“, dass Crystal Palace, die einzige Ultra-Vereinigung in England besitzt, die sich für die Wiedereinführung von Stehplätzen stark macht, dass der Club nicht nur deshalb zur Zeit oberkult ist, dass er sich vieles von der alten, geilen Fußballkultur bewahrt hatte – wir hatten uns schlecht vorbereitet – sahen das aber eigentlich auch mit eigenen Augen. Lediglich die Cheerleader fand ich etwas deplatziert. Der durch die komplette Arena fliegende (lebendige) Adler war jedoch außergewöhnlich grazil. Auch hier komme ich schnell zum Punkt: die beiden Team waren nicht sonderlich stark, aber Götes Kumpel konnte sich für uns freuen, da wir ein rasantes 3:1 und wahrscheinlich das Tor des Jahres in England gesehen hatten. „Matt Phillips scored a brilliant 40-yard effort after 83 minutes“. Glücklich liefen wir in viel zu engen Gassen mit den Massen zurück zum Bahnhof, bekamen nirgends aufs Maul und uns klang noch den kompletten (glücklich in Pubs verbrachten) Tag der Crystal Palace Song „Glad all over“ in den Ohren nach.
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Die Atmosphäre am nächsten Tag beim Chelsea FC, das Merchandise-Gedöhns, die unspektakuläre Anreise, das touristische Umfeld und sogar das Spiel (1:1 gegen Southampton) konnten in keinster Weise mit den Erlebnissen vom Vortag mithalten, zumal Chelsea eigentlich gerade auf Meisterkurs war und ich die laue Stimmung und den fast nicht vorhandenen Support nicht nachvollziehen konnte. Für meinen geliebten Chelsea-Fan-Bruder Benny fetzte das dennoch alles urst ein. Unzählige Fotos von ihm und dem Stadion, dem Spielfeld und dem Weg dorthin entstanden – und dafür waren wir ja gekommen: es war sein Geburtstagsgeschenk!

Mit einem Flutlichtspiel endete am 20.03.2015 eine – für mich – außergewöhnliche Woche: Union kickte gegen den FC St. Pauli. Das ist die Partie, auf welche ich seit Jahren eigentlich immer gehe (auswärts wie home). Das Match war in meinen Augen noch schlechter, als das gegen den FCK, obwohl es für Fußball-Nostalgiker (und Eiserne Fans) denkbar schön mit einem Tor in der 89. Minute 1:0 für die Köpenicker ausging. Aber es war ein Freitagabend-Flutlichtspiel! Eine riesige Truppe (mit befreundeten Hamburgern) hatte sich zusammengefunden, hunderte Liter “Berliner Pilsner” wurden nicht nur am „Warsteiner-Stammtisch“ angesaugt und der Abend endete verdammt spät in der „Tagung“ in Friedrichshain. Was für eine Fußballwoche!
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… und am 18.07.2015 schloss sich der Kreis dann irgendwie. Ich habe nicht herausgefunden, warum sie sich den Gegner ausgesucht haben & es war mir auch vollkommen egal. Jedenfalls spielte der 1. FC Union Berlin gegen Crystal Palace FC in einem Freundschafsspiel gegen das Premierleague-Team kurz vor Saisonbeginn.
Das Match endete unterwartet 2:0 für die Eisernen, doch auch die 400-500 angereisten Palace-Fans hatten sichtlich Spaß, das Stadion zu entern, gegen die knapp 8.000 Einheimischen anzusingen, im strahlenden Sonnenschein frisch gezapftes Berliner zu trinken und im Anschluss ordentlich zu versacken. An der Alten Försterei ist eben auch für die Supporter des “Stolz aus Südlondon” ein Leben abseits von Arbeitsfrust, Langeweile und Lethargie möglich. Sie werden dies in ihren Herzen bewahren und mit in den Selhurst Park tragen.

Ich jedoch war, wie mein Freund Bielefeld das treffend kommentierte, lediglich gekommen, um ein bißchen frische Luft zu schnappen. Vor, während und nach der Partie war ich über diese Entscheidung allerdings „glad all over“!


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“Mein Fever Pitch” bei Fritten, Fußball und Bier

24. November 2011 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Blog

BergkampAm 23.11. haben die Jungs von Fritten, Fussball & Bier meinen Bericht über die Reise nach London, bzw. zu Arsenal London veröffentlicht. Hier ein kleiner Auszug:

In der Metro schlafe ich kurz ein und träume: “Highbury” – welch klangvoller Name, das alte Stadion mit seinen wunderschönen Art-déco-Tribünen und den Jacob-Epstein-Statuetten auf denen verbitterte alte Männer auf Arsenals Westtribünen ununterbrochen „Wichser“ und „Fotze“ brüllen. Die stimmgewaltigen Fans auf der Nordtribüne mit ihrer riesigen Ausdehnung grauer Treppen und metallener Wellenbrecher. Der Lärm, die Gesänge und die Bewegungen auf der Tribünen, wenn die Fans nach einem Tor, wie ein gigantischer reagierender Körper, hin- und zurückgeschleudert werden. Die Kämpfe und der „Roar“ aus dem „Clock-End“, wo die Gegner stehen und das von Arsenal-Fans ritualisiert gestürmt wird, bis die Polizei einschreitet. Fußballnachmittage an denen es schüttet und alle bis auf die Haut durchnässt sind, vor Schmerzen zittern und dennoch am nächsten Spieltag frohen Mutes wieder kommen. So ähnlich hatte ich es bei Nick Hornby einst gelesen und wache wieder auf.

Hier gehts zum vollständigen Text: Mein Fever Pitch bei Fritten, Fussball & Bier

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