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Rechtswidrig – Jugend in der DDR

19. November 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Berlin Leninplatz, Blog

Am 21. Mai 1988 lungern wir mal wieder am Leninplatz herum. Gerüchte hatten die Runde gemacht, dass wir dort, am heutigen Samstag, in den Besitz eines wahren Schatzes gelangen können. Doch zwei Stunden lang flanieren nur ältere Ehepaare, die von einem Ringel aus dem Friedrichshain kommen, oder Familien mit kreischenden Gören am Sockel vorbei. Als wir gegen 19 Uhr enttäuscht aufbrechen wollen, tauchen plötzlich zwei langhaarige Kunden in unserem Alter auf. Sie tragen beide ein Skateboard unter dem Arm, ein echtes – aus dem Westen – wohlgemerkt.

Benny hatte sich im Winter zusammen mit Henry ein ostdeutsches Model gebastelt, welches aus einem zurechtgesägten Holzbrett auf vier gelben Rollschuh-Rädern besteht. Man kann damit tatsächlich eine asphaltierte Straße herunterrollen, aber weder bremsen noch lenken. Richtig Scheiße sieht das Stullenbrett zudem aus, obwohl sie es weinrot lackiert und mit einem Garfield-Aufkleber verschönert hatten.

Tessi erhebt sich möglichst kuhl und schlendert den Jungs entgegen. Wir trotten, um Unauffälligkeit bemüht, lässig hinterher. Er flüstert: „Habt ihr die Aufgaben?“ „Was für’n Ding?“, antwortet der Größere. „Na für die Abschlussprüfung in Mathe“, kreischt Bommel aufgeregt aus dem Hintergrund. „Soll es die heute hier geben?“, antwortet der Typ plötzlich mit deutlichem Interesse. „Ja, oder am Alex wurde uns gefunkt“, klärt Tessi sie auf. „Ist doch rechtswidrig!“, murmelt der Heavy-Typ mit ernster Miene, bis er lauthals zu lachen beginnt. „Wenn ihr sie habt, sagt Bescheid. Die koofen wir euch ab!“ Wir paffen noch eine zusammen, bevor wir uns verabschieden. Die beiden Jungs nehmen den polierten Granit-Sockel unterhalb des Lenindenkmals mit ihren Brettern in Beschlag. Wir hingegen laufen durch endlose Neubauschluchten in Richtung Alexanderplatz.

Die Sache ist nämlich so, dass mehrere von uns in Mathe zwischen 4 und 5 stehen und sich eine 5 in der Abschlussprüfung nicht leisten können; obwohl die Mündliche noch retten könnte, was aber sehr unwahrscheinlich ist. Doch statt eine sozialistische Lerngruppe zu gründen, am besten mit Matheolympiaden-Sieger Dirk, grübeln wir seit Wochen, ob es vielleicht eine einfachere Lösungen gibt. Zunächst hieß es, Andis Bruder Billy würde einen kennen, der einen kennt, der in der ND-Druckerei arbeitet. Wir hatten das Gebäude am Franz-Mehring-Platz sogar ausgekundschaftet, da ein nächtlicher Einbruch durchaus im Rahmen des Denkbaren lag. Doch dann erfuhr ich, dass die Zentrag den Druckauftrag für die Abschluss-Prüfungsfragen immer ganz kurzfristig vergibt, manchmal sogar nach Leipzig oder Magdeburg.

Nach dieser Info nahmen wir eine neue Fährte auf. Jemand aus dem Vorgänger-Jahr hatte Bergi gesteckt, dass die Prüfungsaufgaben Wochen vorher an verschiedenen Orten der Republik unter der Hand verkauft werden. Wir müssten nur die Ohren spitzen. Er selbst hätte sie für 300 Mark am Lenin- einige andere am Alexanderplatz erstanden. Alle Pfeifen, sogar der Kossart, hatten so bestanden.

Leider gehört der Alex nicht gerade zu den kleinsten Plätzen unserer Stadt. Obwohl das riesige Betonareal oft als gut überschaubarer Kundgebungsort genutzt wird, gibt es dort hunderte Ecken für geheime Übergaben wichtiger Dokumente. Am sinnvollsten erscheint es uns, zunächst an der Weltzeituhr zu schnüffeln. Die runde, gut zehn Meter hohe Uhr, auf der die Namen von 148 Städten verzeichnet sind – von denen wir wahrscheinlich 144 nie im Leben zu Gesicht bekommen – gilt als Touri-Attraktion. Dort muss man sich immer mit Ferienlager-Bekanntschaften verabreden, weil die sich sonst in Berlin verlaufen. „Treffpunkt um 20 Uhr an der Weltzeituhr“, scheinen leider auch heute hunderte Dörfler vorher ausgemacht zu haben.

„Das wird hart“, murmelt Tessi. Wir teilen uns in zwei Gruppen auf und versuchen am Gesichtsausdruck der Bürger festzustellen, ob sie etwas zu verbergen oder heimlich zu verkloppen haben. Ein bisschen kommen wir uns dabei wie die „Jung-Stasi“ aus Ostberlin vor und die meisten, die wir diskret von der Seite anquatschen, geben uns das auch in etwa zu verstehen.
Irgendwann hat Bommel die Schnauze voll und fragt einen Typen mit Marmorjeans aus der Jugendmode gerade heraus: „Verkaufst du vielleicht die Matheaufgaben?“ „Nuklear! Dreihunnerd Morg“ (Na klar. Für 300 Mark), nuschelt er im tiefsten sächsisch. Eiligst pfeifen wir alle zusammen und verschwinden mit ihm in eine dunkle Ecke des S-Bahnhofs. Tessi zieht sechs Fünfziger aus der Tasche und nur mir ist es zu verdanken, dass er nicht den Fehler seines Lebens macht.
„Das hatten wir doch gar nicht“, murmele ich beim Überfliegen, der auf Maschine getippten Fragen. Doch Sachsen-Jens gibt mir zu verstehen, dass dies sehr wohl die Mathe-Abschlussprüfungs-Fragen 1988 sind – für die 12. Klasse! „Scheißdreck, weißt du, ob hier auch einer die für die 10te verkauft?“, zischte ich. „Nuklear, dä Wännsdor am Delesporgel oder anna Nuddenbrosche“. Man braucht für den Typen echt einen Übersetzer – er meint wohl irgendwelche Kinder am Fernsehturm, den ein Berliner niemals Telespargel nennt! Und der Brunnen der Völkerfreundschaft wird auch nur von alten, geifernden Herren als Nuttenbrosche bezeichnet.

Egal, unterhalb der pfeilförmig verlaufenden Betonfaltdächer des Eingangs-Pavillons tummeln sich etliche elitäre DDR-Skater und noch mehr angesoffene Punks. Bei den Jungs mit den bunten Frisuren fällt es uns dennoch leichter, nachzufragen. Doch niemand hat jemals von denen gehört und nicht wenige wundern sich, warum wir uns überhaupt „so ‘ne Platte“ machen.
Ein Assi mit knallgelbem Irokesenschnitt wechselt sogar die Kassette und spult bis zum Song „Hurra, hurra die Schule brennt“ vor. Schon klar: für ihn spielt ein Mathe-Abschluss der 10. Klasse eine eher untergeordnete Rolle.

Auch am Brunnen gibt es keine Verkäufer nur etliche aufgetakelte Damen in ultrakurzen Miniröcken und Weststrumpfhosen. Uns junge Ossis finden die eher unattraktiv. Noch eine Woche lungern wir dennoch stundenlang am Alex herum, bevor wir es endgültig aufgeben und eine völlig neue Strategie ausarbeiten.

Als Herr Blase am 15. Juni die Prüfungsfragen und die Bögen, auf die Tische wirft, sind wir bestens vorbereitet. Die karierten, doppelseitigen Blätter sind oben rechts, damit niemand bescheißen kann, mit dem Schulstempel versehen & das ist gut so.

Grossi hatte uns im Vorfeld exakt diese Bögen besorgt und über Dirk waren wir an den Stempel gelangt. Keine Ahnung, was Bergi ihm angedroht hat; mit Sicherheit haben sie nicht darüber diskutiert, ob dies rechtswidrig sei. Jedenfalls entwendete er ihn aus dem Lehrerzimmer und legte ihn nach einer halben Stunde unauffällig wieder zurück an seinen Platz. Die im Akkord gestempelten Blätter waren für mich schon die halbe Miete, denn so konnte ich Formeln und Rechenwege auf die fälschungs-sicheren Papiere kritzeln und diese heute einfach auf die Schulbank legen. Es ist ein Luxus-Spickzettel. Lediglich Andi und Tessi verfolgen eine andere Taktik.

Nach 15 Minuten hebt Tessi seinen schwabbeligen Arm: „Herr Blase ich muss mal aufs Klo.“ „Warum warst du denn vorher nicht? In Ordnung, zisch ab und beeil dich.“, antwortet er ungewohnt verständnisvoll. Tessi ist tatschlich nach drei Minuten zurück und sofort ruft Andi: „Ich muss auch mal schnell für kleine Mädchen.“ Mit einer müden Handbewegung schickt er ihn zur Tür.

Was er nicht weiß: Die Beiden haben soeben lediglich die Fragen abgeschrieben – Tessi die ersten sechs und Andi die letzten fünf. In der mittleren Kabine des Klos, sitzt Kosbi aus dem Jahr über uns, der auch im ersten Jahr auf der EOS, eine glatte 1,0 hingelegt hat. Ohne übertriebene Hektik verlässt er mit den Prüfungsfragen das Gebäude und beantwortet sie dann in Rekordzeit in doppelter Ausführung bei sich zu Hause, bevor er wieder in das Kabuff am Ende des Ganges zurückkehrt.

Bergi und Bommel wurden dazu auserkoren, nach 50, bzw. 55 Minuten (die Prüfung dauert 90), die fast vollständigen Antworten auf den karierten, gestempelten Blättern abzuholen, ums sie Tessi und Andi zu überreichen. Unser kleinster Freund macht sich dabei beinahe in die Hose. Wenig später ertönt seine berühmte kindliche Lache.

„Ist was Uwe?“, fragt der Lehrer. „Nee, alles gut Herr Blase. Habe gerade die Lösung gefunden!“ Alle schmunzeln und Didi ruft: „Na dann erzähl doch mal“, doch Blase ermahnt ihn, das Reden augenblicklich einzustellen.
Zwei Jungs schauen währenddessen nicht einmal auf, denn sie übertragen gehetzt Kosbis Lösungen auf ihre Blätter. Dann quäkt der Lehrer: „Stifte sofort auf den Tisch legen, wer jetzt noch schreibt, bekommt eine Fünf. Und nun einzeln nach vorn kommen und die Bögen in diese Kiste werfen.“ Er freut sich darauf, endlich in seinem Lehrerkabinett eine zu rauchen. Wir uns auch – draußen an der frischen Luft.

Die Prüfungen werden – so hören wir zumindest – von Lehrern aus anderen Schulen benotet. In einigen Tagen wird Herr Blase somit erfahren, dass die größten Luschen, Versager und Verweigerer der 10 B, die schriftlichen Mathematik-Prüfungen mit einer hervorragenden Note abgeschlossen haben.
Wird er versuchen, uns zu unterstellen, oder gar zu beweisen, dass wir beschissen haben? Wird er uns in der Mündlichen ordentlich vorführen? Ich denke nicht. Er wird die guten Zensuren im Kolloquium als Erfolg eines begabten Mathematik-Lehrers verkaufen und einsehen, dass unsere Bewertungen nunmehr rechtskräftig sind.
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Silvesterparty – Gute Vorsätze fürs neue Jahr – Jugend in der DDR

25. Dezember 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Berlin Leninplatz, Blog

M.S.Eigentlich müsste ich meinen Lebenslauf schreiben. Das hatte mir unsere Lehrerin Frau Wagenbach geraten, da sie sich im kommenden Jahr bei der Direktorin für meinen Abiturplatz einsetzten will. Trotz zahlreicher Verfehlungen besäße ich zumindest in Deutsch ein gewisses Talent – meinte sie.
Aber das geht leider nicht, denn heute beginnt der lang ersehnte Weihnachtsmarkt an der Jannowitzbrücke. Große Leuchtschriften, blickende Reklametafeln, heulende Sirenen und Lautsprecher-Durchsagen locken mich hinter das breite Tor mit den Märchenfiguren im Tannengrün. Den Alten wird alljährlich mit Glühwein, Altberliner Bierbowle und Kräuterschnäpsen eingeheizt und die Kleinen heulen sich beim Erinnerungsfoto mit dem Rauschebart-Mann im roten Mantel, oder während der Tortur in der Geisterbahn die Augen aus. Andere fahren mit dem ununterbrochen von „O du fröhliche“ musikalisch begleiteten Karussell auf Pferdchen und Hängebauch-Schweinen. Manche erheben sich in einer Gondel des Riesenrads in die Lüfte unter dem Fernsehturm. Wir hingegen stehen uns im Schneematsch vor dem „Superskooter“ die Beine in den Bauch und stürzen, sobald die Sirene ertönt, in einen der per Stange an die Oberleitung angeschlossenen Wagen, werfen hektisch einen Chip in den Schlitz und rammen dann mit aller Gewalt die Autos unserer Kumpel. Dirk, Lars und Andi trifft man zuverlässig am Stand mit den Telespielen, die Tennis, Fußball und Olympia simulieren. Auch ein paar „Einarmige Banditen“ gehören hier zu den Dingen die urst einfetzen und welche es sonst in meiner Stadt nicht gibt.
Weihma
Allerdings spucken die Dinger kein Geld, sondern lediglich Spielmarken aus, die man sich – genau wie beim Gewinn an der „Lotterie“ oder nach Treffern beim Dosenwerfen – in totalen Tinnef umtauschen kann. Einer der Jungs hängt eigentlich immer in den Schlangen vor den Fressständen herum und so gibt es Goldbroiler, Thüringer Bratwurst und Schaschlik satt. Aber auch Alkohol, da die Älteren der Schule – für einen kleinen Aufpreis – bereit sind, uns mitzuversorgen. Noch können sie damit ‘nen Kuhlen machen. Doch im nächsten Jahr sind wir endlich 16 und brauchen die Ausweiskontrollen des Kirsch-Whiskey-Beauftragten, nicht mehr so zu umgehen. Ganz ehrlich: da bleibt keine Zeit, um einen Lebenslauf zu verfassen. Das verschiebe ich mal lieber aufs nächste Jahr.

Doch das Schicksal holt mich ein. Am 26.12.86 geht es auf ein „Ringel“ mit der Familie durch den verschneiten Friedrichshain und wen treffen wir? Richtig: die Wagenbach mit ihrem Stasi-Macker. Der Kerl wird eigentlich nur so genannt, weil er fast immer einen schwarzen Ledermantel trägt und Frau Wagenbach die hübscheste Lehrerin Ostberlins ist. Keiner meiner Freunde mag ihn. „Na Mark, hast du denn schon deine Aufgabe erledigt?“, fragt mich die 24jährige Traumfrau mit einem Lächeln. „Ja, klar doch Frau Wagenbach. Muss ihn nur noch mal in Schönschrift abschreiben“, sage ich und spüre dabei die Blicke meines Vaters im Rücken.

Erst vor wenigen Wochen lümmelte ich wie gewohnt auf dem Teppich herum und hörte Hey Music. „Musst du keine Hausaufgaben machen, du Faultier?“, fragte er, als ob ihn das was angehen würde. Ich reagierte genervt: „Wie hast du eigentlich deine Schule abgeschlossen?“ „Mit Zwei!“ „Okay, ich werde besser sein und jetzt mach bitte die Tür hinter dir zu.“ Es war meine allererste Ansage gegenüber meines zwar nicht sonderlich strengen, aber körperlich noch immer sehr überlegenen Vaters gewesen. „Zum Glück hast du Bitte gesagt“, murmelte er und verschwand dann summend – es lief gerade „Depeche Mode“ – aus dem Zimmer.
Jugendweihe Familie
„Das freut mich Mark. Zeig ihn mir einfach am 4. Januar. Vielleicht schaffst du es ja doch noch auf die EOS.“ Sie schmunzelt dabei eher meinen Alten an. Der böse Mann im schwarzen Leder ist derweil zum zugefrorenen Ententeich weitergelaufen.
Nur kurz können wir danach unserer ängstlichen Mutter und der Oma elegante Schwünge auf den Gleitern zeigen, weil Benny während der kuhlen Abfahrt auf der „Knochenbahn“ böse stürzt und sich dabei, laut Diagnose von Prof. Dr. Scheppert (meinem Vater), die Hand leicht verstaucht. Wir kehren um.
Am 27.12. ist mein Bruder wieder einmal zu Gast im Krankenraus Friedrichshain. Seit er sechs Jahre ist, ruft er immer, wenn wir dort mit der Straßenbahn vorbeifahren: „Hier war ich schon mal.“ Dort wird nach elendig langer Warterei ein Bruch des rechten Handgelenks diagnostiziert. Mit wehleidigem Gesicht und Gips-Arm blockiert der Schwerverletzte ab dem 29.12. – der Qualifikation des ersten Springens der Vierschanzentournee – die Couch und brüllt zusammen mit mir ununterbrochen „Uuullf“, was Vater fast in den Wahnsinn treibt. Ulf Findeisen ist in diesem Jahr der beste Flieger aus unserer Heimat, aber auch die Westdeutschen haben mit Klauser und Bauer potenzielle Siegspringer, weshalb die ARD-Reporter fast durchdrehen. DDR-Olympiasieger Jens Weißflog ist außer Form.
schlitten
Mein Alter feiert noch Resturlaub ab, aber mit „Kürbis Kugelbauch“ allein zu Hause zu sein, ist meistens ganz okay. Der Bierkönig schaut sich am 30.12. mit uns das Wertungsspringen in Obersdorf im Wachkoma im West-TV an, da er die hohlen Ost-Kommentatoren nicht ausstehen kann.

In einer Kneipe in Brandenburg war es deswegen sogar mal zum Eklat gekommen. Er hatte einer Kellnerin gesagt, dass Dirk Thiele der beschissenste Berichterstatter des DDR-Fernsehens wäre. Wie sich herausstellte, war die Bedienung die Ehefrau Thieles, doch statt einer Geraden auf die Zwölf bekam er einfach kein neues Pils mehr ausgeschenkt, was ihn viel schwerwiegender traf.

Vegard Opaas aus Norwegen gewinnt knapp vor Klauser und unser Ulf wird Fünfter. Wir sind zufrieden und ärgern uns lediglich darüber, dass der Schwede Boklöv, trotz großer Weiten, so viele Abzüge wegen seines Stils mit weit geöffneten Skiern (statt sie parallel zu führen) bekommen hat. Alle freuen sich aufs Neujahrs-Springen. Vorher ist jedoch noch Silvester. Meine Alten feiern im „Scheppert-Eck“ mit den Schnapsdrosseln der Gegend und dieses Jahr müssen wir zum Glück nicht mit.
Es ging heiss her
Um 19 Uhr schließe ich den Alfclub auf, um 22 Uhr sind fast alle breit und gegen 23 Uhr habe ich total den Überblick verloren, da unser Heim im 9. Stock zur Partybühne ausgeweitet wurde, nur weil Assi dort oben mal aufs Klo wollte. Wenigstens ist die Wohnung Sperrgebiet für sämtliche Filous, Harzer Knaller und Fliegende Blitze. Die Jungs aus meiner Clique achten sogar darauf, dass die Briefkästen unseres Hauses von Feuerwerkskörpern und Stinkbomben verschont bleiben, damit uns keiner wegen des Clubs blöde kommt. Auch Klingelstreiche fallen somit flach.
Auf dem Parkplatz vor der Tür drehen dennoch alle total durch und Trulli, dessen Bruder sich für diverse Krachmacher von „Pyrotechnik Silberhütte“ bei klirrender Kälte saufrüh vor der Drogerie angestellt hatte, erleidet durch einen „Blitzschlag“ böse Verbrennung am Unterarm. Benny, für den ich heute verantwortlich bin, grölt im Keller zusammen mit Bommel fast unterbrochen „Knall!“, „Bumm!“ und „Peng!“, weil er (wie mein kleiner Freund) ein viel zu großer Schisser ist und gar nicht selbst zum Zündeln hinausgeht. Er begnügt sich mit Wunderkerzen aus Riesa und strahlt. Wenigstens bleibt mir dadurch eine nächtliche Fahrt mit einem „Aua, aua! Hier war ich schon mal. Aua!“, brüllenden Bruder ins Krankenhaus Friedrichshain erspart. Kurz vor Mitternacht stehen meine besten Freunde mit mir am Wohnzimmerfester. Benny zählt hinter uns – parallel zur großen Uhr in der Glotze – den Ablauf der letzten Minute bis zum Jahreswechsel hinunter. Dann schauen alle wie gebannt auf die Silvesterraketen, welche vor all den Neubaublöcken in die Nacht starten. Die meisten von ihnen leuchten weiß, manche sind grün und einige wenige rot. Am Horizont, dort wo wir Westberlin vermuten, scheint der Himmel in grellen Blitzen regelrecht zu explodieren. Alle wünschen sich, einmal Silvester dort zu erleben.
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Während Benny wie auf einer grünen Wiese – die leere Curaçao-Pulle und der Rest von fünf ausgequetschten Kuba-Orangen (wenig Saft – viele Kerne) neben sich liegend – auf der Couch vegetiert, beginne ich gegen 1 Uhr mit der großen Säuberungsaktion und versuche meine Leute aus der elterlichen Wohnung, zurück in den Club-Keller zu treiben. Zum Glück hatte Didi nur unten gereihert (schade um die Buletten) und da auch mein Vater qualmt, wird der Geruch hoffentlich nicht allzu groß auffallen. Ein Hauch von Pfeffi-Likör wabert durch die Luft. Plötzlich ruft Bommel aufgeregt aus dem Kinderzimmer: „Kommt mal alle her. Da unten steht die Wagenbach und kotzt in die Rabatte!“. Ich räume sicherheitshalber die von Oma Halle vergessenen Apfelsinen weg und schaue ebenfalls hinunter.
„Hey Zuckerpuppe, willste hochkommen?“ schreit Andi. „Schnauze, die will was sagen!“, ruft Bommel. Zu viert schauen wir aus dem Fenster: „Das bleibt aber unter uns Mark!“, lallt es nach oben. „Die ist ja breit wie zehn sowjetische Matrosen“, lacht Andi, doch alle schauen mich fragend an, während ich geheimnisvoll in mich hineingrinse. Aber eigentlich weiß ich ja selbst nicht, ob ich ihr Versprechen, sich für mich einzusetzen, oder die Kotzaktion für mich behalten soll.
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„Alles klar. Na dann, ein schönes Neues Jahr“, rufe ich nach unten. Die hübscheste Frau Friedrichshains winkt und schwankt dann hinüber zum S-Block.
Wenn das kein guter Start ins Jahr 1987 ist!

Am Nachmittag des nächsten Tages lege ich die Simon & Garfunkel Amiga-LP auf, träume mich zum Klassenfeind in den Central Park von New York – und scheibe meinen Lebenslauf.
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Zum Weiterlesen empfielt sich: Berlin Leninplatz
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“Altstoff-Mafia” oder “Müll zu DDR-Mark” – Kindheit in der DDR

12. Mai 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

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Das konnte doch einfach nicht wahr sein! Seit Wochen, nein Monaten wachte ich nun jeden Sonntag gegen 9 Uhr auf, weil irgend so ein Arschloch sein Glas im Hinterhof in den Altglas-Tonnen zerdepperte. Wieder klirrte Glas, doch diesmal reichte es mir und ich sprang auf. Wutentbrannt öffnete ich das Fenster. Ich wollte gerade „Schnauze“ oder „Verpiss dich“ brüllen, als ich meinen Irrtum bemerkte: Es schmiss hier niemand seine leeren Pullen in die Container – es wühlte jemand angestrengt darin herum.

Das Zauberwort, mit dem man in der DDR Flaschen in Kleingeld verwandelte, hieß SERO. Sekundärrohstoffe wie Papier, Gläser, Flaschen, Schrott, Lumpen, Plaste und Elaste gaben die Menschen in den SERO-Sammelstellen ab und erhielten pro Stück oder Kilogramm einige Pfennige dafür. Es hieß, die zahnlosen Leute, die dort arbeiteten, kämen direkt aus dem Knast in Rummelsburg zur Wiedereingliederung zu diesem grauenvollen Job.

In dem alten ausrangierten LKW-Anhänger direkt an der Büschingstraße stank es stets muffig und nach Alkohol. Der Planwagen mit dem SERO-Logo war irgendwann einmal wie ein Fremdkörper zwischen all den zehngeschossigen Hochhäusern mitten auf dem Gehweg abgestellt worden. Unser Mann, Herr Lepro, konnte tatsächlich aus einem Bildband über noch lebende Kinderschänder, Mörder oder Vergewaltiger entsprungen sein. Unrasiert, die Haare klebrig über die Stirn gekämmt und stets übellaunig saß der tätowierte Hüne auf den Stufen der rostigen Treppe, die zu seinem Bauwagen hinaufführten und blickte uns böse an. Er hatte gewisse Ähnlichkeit mit dem Riesen aus der beliebten Kinderserie „Spuk unterm Riesenrad“. Dort stellten sich aber Hexe, Zwerg und auch der Riese schnell als liebenswerte Zeitgenossen heraus. Bei Herrn Lepro war dies nicht der Fall. Der Alkoholgestank im Inneren seines Wagens ging nicht nur von den Hunderten leerer Schnapsflaschen, sondern wohl auch von seinen Atemwegen aus. Seine sozialistische Aufgabe war es, Altstoffe von braven Bürgern gegen Geld anzunehmen und sie in die volkseigene Produktion zurückzuführen.
Vorher war unsere Altstoff-Annahme „jwd“, also „janz weit draußen“ gewesen, und als der Wagen über Nacht plötzlich an dieser Stelle aufgebaut worden war, freuten sich Benny und ich.

Schließlich mussten wir immer Vaters Schnaps- und die bulgarischen Rotweinpullen unserer Mami entsorgen. Mein kleiner Bruder ging jedoch nur wenige Male zum Altstoff-Mann. Klar sah der Typ finster, gemein und hinterhältig aus, aber dass Benny gar nicht mehr einschlafen konnte und Alpträume bekam, wenn er an den Lepro dachte, fand ich ein bisschen übertrieben von dem Kleinen. Na gut: ich hatte Schiss vorm Wäschemann.

Mit seinen dicken Oberarmen stapelte Lepro Papier, Pappe, Schrott und Lumpen bis unters Dach und ließ Flaschen und Gläser in riesige Kisten verschwinden. Da ich nie mitbekam, wann der Wagen geleert wurde, stellte ich mir immer vor, wie Herr Lepro, unser Monster, des Nachts mit riesigen Rucksäcken voller Altstoffe durch Berlin zum zentralen SERO-Hof stiefelte, um sie dort brüllend bei anderen tätowierten Monstern abzuliefern.

Natürlich mussten Altstoffe auch regelmäßig für die Schule gesammelt werden, um die erzielten Erlöse diversen Kindern in Angola, Vietnam und Nicaragua zu schicken. Papier, Schrott und Schnapsflaschen für den Frieden konnten montags ab 7.30 Uhr im Altstoffkeller der Schule abgegeben werden und wurden von den verantwortlichen Schülern in Listen eingetragen – 100 Soli-Punkte brauchte jeder Schüler im Jahr. Wir staunten nicht schlecht, als wir mit einer einzigen großen Fuhre Altpappe, die wir von Bommels Bibliothekars-Mutter geschenkt bekommen hatten, unseren Pionierauftrag des Jahres 1981 übererfüllt hatten. Ab jetzt konnten wir die Sachen also komplett in eigenes Taschengeld umwandeln und schleppten die nächsten Pappen zum Altstoffhändler. Mürrisch drückte uns Herr Lepro zehn Mark in die Kinderhände – jedem! So entstand ein ziemlich ungewöhnliches Hobby für einen Elfjährigen: Altstoffsammeln! Jeder Betrag über zwei Mark war für uns eine unglaubliche Summe und wir hatten durch unseren ersten Zehner Blut geleckt.
Bommel hatte mir von einem Laden in der Torstraße berichtet, der Fußball-Wimpel von allen Oberliga-Mannschaften für acht Mark verkaufte. Als erstes kauften wir uns beide den von Wismut Aue, weil wir die gekreuzten Hämmer und das große „W“ auf lila-weißem Grund so toll fanden.
Wir grasten den kompletten Wohnblock ab, klingelten an jeder Tür und fragten: „Haben Sie Altstoffe?“ Natürlich bekamen wir unsere bunten Stoffbeutel und Netze fast überall prall gefüllt. Viele Leute waren einfach zu faul, die Sachen selbst wegzubringen, und die Menschen soffen zu unserer Überraschung alle so viel wie unsere Väter. In fast jedem Haushalt gab es hinter einem Vorhang eine Abstellnische mit Dutzenden weißer Schnaps- und grüner Weinpullen.

Vor dem fiesen Altstoffhändler Lepro verloren wir langsam unsere Scheu. Wir merkten, dass auch für ihn dieses Geschäft mehr als gut zu laufen schien. Besonders scharf war er auf Zeitschriften, Papier- und Buchlieferungen. Erst Jahre später, als auch ich nach Westzeitschriften, Postern und verbotenen Büchern gierte, wurde mir bewusst, wie viel Kohle der alte Knacki da nebenher gemacht haben musste.
Wir entwickelten eine symbiotische Geschäftsbeziehung. Er bekam seine Westliteratur und wir unsere ostdeutschen Aluminumchips, also DDR-Geld. Wir handelten einmalige Privilegien aus und mussten so nicht mehr die ollen Metall-Ringe an den Flaschenhälsen mit dem verrosteten Schraubenzieher selbst abschlagen, nicht mehr um jedes Gramm Papier feilschen – es wurde auch mal aufgerundet.
An einem kühlen Herbsttag – wir hatten ihn gerade wieder beliefert und abgerechnet – sagte Herr Lepro, dass er noch etwas für uns hätte. Wie immer roch er ein wenig süßlich nach Alkohol, aber seine rot unterlaufenen Augen deuteten so etwas wie ein Leuchten an. Er ging die Treppe hinunter nach draußen vor den Altstoff-Wagen zu einem dunklen Lada, öffnete den Kofferraum und stellte uns grimmig lächelnd einen riesigen selbstgebauten Bollerwagen vor die Füße: „Na, wat sagt ihr nun, Jungs?“ Der wahrscheinlich freundlichste SERO-Mitarbeiter der Welt strahlte.
Mit der neuen Handkarre konnten wir plötzlich viel größere Strecken bewältigen und uns endlich auch in andere Stadtteilecken wagen. Nur ein einziges Mal, in Höhe des Hotel Berolina, trafen wir die wesentlich älteren Jungs der Konkurrenz, die uns deutlich klarmachten, dass wir dort überhaupt nichts zu suchen hatten. Die restlichen, endlosen Häusermeere gehörten uns allein. Vom S-Block bis zum Scheppert-Eck, vom Leninplatz bis zum Märchenbrunnen reichte nun unser Altstoffmonopol.

Wir ließen meine Mutter per Schreibmaschine Zettel schreiben, auf denen stand: „Die jungen Pioniere kommen am: 22.09.1981 zum Altstoffsammeln in Ihr Haus. Bitte stellen Sie Flaschen, Gläser und Altpapier im Müllschluckerraum bereit.“ Auf die Mieter in unserer Gegend war in der Regel Verlass – die Räume waren am gewünschten Tag immer rappelvoll, als hätten sie am Wochenende extra für uns ihre noch halbvollen Pullen ausgesoffen.
An einem kühlen, regnerischen Herbstnachmittag hatten wir geschuftet wie noch nie. Es war die größte und schwerste Altstoff-Ladung zusammengekommen, die jemals in Berlin gesammelt wurde. Unser Wagen war vollkommen überladen und wir mussten beim Transport die gestapelten Papierpakete, Flaschen und Gläser an der Seite festhalten und gleichzeitig mit schier unmenschlicher Kraft ziehen, um das Gefährt in Richtung Altstoffhändler zu bewegen.
Natürlich krachte der Wagen mit einem riesigen Knall ausgerechnet auf der viel befahrenen, vierspurigen Mollstraße auf die Seite. Überall lagen zersplitterte Flaschen Nordhäuser Doppelkorn, kaputte Spreewälder Gurkengläser rollten in Richtung Bordsteinkante und ein dickes Paket gebündelter „Neuer Deutschlands“ fiel auseinander. Und das im Feierabendverkehr.
Schnell bildete sich ein langer Stau wütend hupender Autos. Eigentlich alles kein Problem, doch ausgerechnet meine Mutter hatte das Malheur aus dem Fenster des neunten Stocks beobachtet. Wütend stand sie wenig später mit unserem Besen bewaffnet neben uns und schrie mich an: „Womit habe ich das alles verdient?“ Zum Glück sagte Bommel energisch: „Vielleicht würden Sie uns erst einmal helfen, die Sachen von der Straße zu schaffen, Frau Scheppert.“
Inzwischen hatte sich auf beiden Spuren in Richtung Alex ein langer Stau gebildet. Die widerlich quäkende Trabi-Hupe war aus mehreren Fahrzeugen zu hören. Ein älterer Herr mit Schiebermütze stieg aus dem Wagen und beschimpfte meine Mutter. Eine jüngere Passantin half uns dabei, die überall verstreut liegenden Zeitungen und Bücher, Gläser und Flaschen auf die gegenüberliegende Seite zu schleppen, und eine ältere Dame hantierte wie wild mit unserem Besen herum. Nicht wenige im zweiten Gang vorbeischleichende Wagenbesitzer zeigten uns einen Vogel.

Trotz der vielen Scherben am Straßenrand und einer wirklich mies gelaunten Mutter: Für diese einzige Lieferung bekamen wir genau 96 Mark! Das war Weltrekord, auch für uns, die legendäre
„Altstoff-Mafia“.
Schon mit zwölf hatten Bommel und ich prallgefüllte Sparbücher und die Fußball-Wimpel aller Oberliga-Mannschaften – sogar einige aus der 2. DDR-Liga. Erst mit 14 stellte ich überrascht fest, dass ich mir außer diesen sportlichen Stoffdreiecken davon überhaupt nichts Vernünftiges kaufen konnte. Bei der Währungsunion 1990 waren deshalb noch 1.500 Mark vom damaligen Altstoffgeld übrig, die ich 1:1 in Westgeld umgetauscht bekam – vielen Dank Herr Kohl, Herr Lepro und SERO. Kurz nach dem Mauerfall war der Planwagen so plötzlich verschwunden, wie er gekommen war. Den „Herrn der Altstoffe“ sah ich im Leben nie wieder.

Vor einer Woche war es wieder einmal soweit. In unserer Küche stapelten sich kiloweise Papier, reichlich leere Rotweinflaschen, über 50 Bierpullen und allerlei Plastikgelumpe des Coca-Cola-Konzerns. Seit einigen Jahren hat sich die Mülllandschaft gründlich geändert. Auf fast jedem Hinterhof gibt es mittlerweile Papier- und Flaschencontainer. Selbst Pappe und Plastikwaren können wir trennen und in eine scheinbar grüne Welt zurückbefördern. In den Tonnen meines Hauses wühlt sonntags noch immer diese ältere Frau auf der Suche nach versehentlich entsorgten Bier-, Wasser- und Fantaflaschen.

Doch von mir wird sie leider nichts finden. Ich lud mein Leergut in insgesamt 5 große Tüten und machte mich auf den Weg zu REWE. Dort gibt es keinen hilfsbereiten Herrn Lepro. Ein hochmoderner Automat schluckt das Leergut, sogar ganze Bierkästen. Auf Knopfdruck erhält man am Ende einen Bon und an der Kasse das Pfandgeld. Vor mir und der Maschine standen lediglich zwei andere Leute. Nachdem das junge Mädchen etwa die Hälfte ihrer Flaschen in den rotierenden Automaten gesteckt hatte, blieb das Ding plötzlich stehen. Nichts rührte sich mehr und nach mehrmaligem Ermuntern rief der verpickelte Typ an der Kasse endlich ins Mikrofon: “Herr Egner bitte einmal zum Pfandautomaten.”

Herr Egner ging in den Raum hinter dem Automaten. Da er die Tür hinter sich nicht schloss, konnten wir sehen, dass das riesige Förderband komplett mit leeren Flaschen gefüllt war. Das Faszinierende: Das Band musste so oder so manuell geleert werden, also nicht nur im Fall einer Havarie. Wahrscheinlich war Herr Egner sonst immer in diesem Raum und füllte leere Kästen mit Flaschen, die auf seiner Seite aus dem Automaten kamen. Diesmal brauchte er ca. 20 Minuten bis er Bescheid gab, dass es weitergehen konnte. Entnervt drückte das Mädel irgendwann auf den Bon-Knopf und nickte dem Typen vor mir zu. Der hatte einen riesigen Sack mit verschiedenen Plastikflaschen dabei. Einige dieser Wasserpullen nahm der Automat offenbar nicht an, doch er versuchte verzweifelt, jede einzelne mindestens acht Mal in die Öffnung zu schieben. Dort rotierten diese minutenlang bevor der Automat acht Mal das gleiche Ergebnis anzeigte: Flasche nicht erkannt.

Hinter mir standen mittlerweile sicher 15 Leute und nicht wenige davon hätten den Kerl am liebsten erwürgt, bis dieser endlich seinen Bon zog. Zur Freude aller lief bei mir alles glatt, die Flaschen wurden erst vom Automaten und dahinter von Herrn Egner erkannt, entgegengenommen und wenn nicht, warf ich sie lässig in den Müllcontainer. Nach geschlagenen 30 Minuten Wartezeit hatte ich meinen Zettel über 2,48 € in der Hand. Ich schwor mir, dass ich nie wieder Bier trinken oder zumindest nie wieder Flaschen bei einem Automaten abgeben würde.
An den zweiten Vorsatz habe ich mich bis jetzt gehalten.

Zum Weiterlesen: Mauergewinner oder ein Wessi des Ostens von Mark Scheppert


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Berlin Leninplatz – Neue DDR-Sättigungsbeilagen

29. April 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

Bei Amazon gibt es neue Geschichten vom Mauergewinner. Diesmal erfahrt Ihr unter anderem, warum man in der DDR Pappchinesen sammelte, wie es in einem „Lager für Arbeit und Erholung“ zuging, wo sich Udo Lindenberg und der Autor das erste Mal trafen, wann die „Wende“ in der DDR wirklich begann, warum Brüderchen Benny auf einem unsichtbaren Pferd ritt, weshalb die Gruppenratswahl in der 7. Klasse urst einfetzte, wie eine sozialistische Lesebühne Geschichte schrieb, warum Genosse Gehorsam ganz groß herauskam und weshalb eine kubanische Apfelsine beinahe das Weihnachtsfest 1986 ruinierte.
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„Freiheit ist immer auch die Freiheit des A.” Mit einem verstümmelten Luxemburg-Zitat auf einer Schulmauer begann für den Ost-Berliner M. S. bereits im Dezember 1987 die „Wende“. Den Sprayer lernte er nie kennen. Bis heute fragt er sich: Wer war das?
SPIEGEL ONLINE, 2014
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Genosse Gehorsam – Berlin Leninplatz – Jugend in der DDR

1. Dezember 2015 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

JW4Ich habe keinen homogenen Freundeskreis. Unsere Truppe ist nicht kongruent, wie Mathelehrer Blase vielleicht sagen würde – nicht gleichförmig. Gegen Bommel, dessen Kopf nur knapp über die Tischkante reicht, bin ich ein Riese, gegen Leuchtturm-Andi ein Zwerg, der fette Tessi lässt mich als Fadennudel erscheinen und Bergis Oberarme können es mit dem Umfang meiner Schenkel aufnehmen. Dünn, klein, fett, groß und kräftig, aber lustig sind sie alle.
Tessi ist der Spaßvogel unserer Truppe, wobei seine Witze erst richtig einfetzen, wenn Bommel über seine Streiche so herzhaft und mit hoher Stimme lacht, dass auch bei uns bald die Tränen kullern. Bergi ist unser Mann mit dem tiefsinnigen Gespür für eine Pointe und Andis Humor ist mir manchmal zu hohl.
Alle Väter machen was anderes. Meiner ist Trainer, Bommels, der kleinste Busfahrer Berlins, der von Tessie arbeitet in einer Eckkneipe hinterm Tresen, während Bergis Alter Möbelpacker ist. Nur Andi lebt ohne Papi allein mit seiner überforderten Mutter. Sie arbeitet an in der Pablo-Neruda-Bibliothek, verleiht mir Bücher und ist (das darf ich Andi niemals sagen – niemals!) sauhübsch für ihr hohes Alter von Mitte dreißig.
Eigentlich hatte die Truppe erst nach der Jugendweiheparty so richtig zueinander gefunden. Bommel, Bergi, Tessi, Andi und ich bildeten lange den harten Kern der Leninplatz-Clique und sind seit Eröffnung des Alfclubs eigentlich unzertrennlich.
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Einer fehlt in dieser Aufzählung: Torsten. Wir waren gemeinsam in den Kindergarten gegangen, in der Schule sitzt er schräg vor mir und gegenüber wohnt er auch. Warum die anderen ihn nicht akzeptieren? Torsten ist unauffällig-brav und deshalb in ihren Augen stinklangweilig. Er hat sogar einen fiesen Spitznamen. Ein Wort, welches unsere Stabi-Lehrerin Frisch ständig benutzt, ist das antiquierte „gehorsam“. Kaum eine Stunde vergeht, wo wir nicht angehalten werden, endlich – verdammt nochmal – gehorsam zu sein. Torsten nennen sie „Genosse Gehorsam“. Das trifft es allerdings nicht, finde ich. Okay, er ist artig oder eben aus Lehrersicht vorbildlich fügsam – weder falsch noch hinterfotzig (wie Lars und Dirk) oder oberstrebsam (wie Susanne). Oft beobachte ich aus den Augenwinkeln, wie er auf dem Schulhof schüchtern in unsere Reihen schaut und sich augenscheinlich wünscht, derjenige zu sein, welcher den nächsten Brüller raushaut.
Was die Jungs nicht wissen: bei ihm zu Hause herrscht Zucht und Ordnung. Im Prinzip hat der Kerl lebenslangen Stubenarrest.
Seit seinem siebenten Kindergeburtstag war ich ihn nicht mehr besuchen und nie darf er abends noch runter. Stets wird er durch einen grellen Pfiff seines Arschloch-Vaters, dieser buckligen Brotspinne, nach oben zitiert. Selbst sein Schatten ist dann innerhalb von Sekunden im Hauseingang verschwunden. Doch alles änderte sich an einem bestimmten Tag.

Der Schultag war nicht sonderlich spektakulär gewesen – bis auf die letzte Stunde. Tessie hatte im Schlafzimmer seines Erzeugers in einem Geheimversteck etwas Ungeheuerliches entdeckt und in Physik in den hinteren Bänken herumgereicht. Beim Blick auf (und in) das erste weibliche Geschlechtsorgan meines Lebens in Farbe und Nahaufnahme hätte ich beinahe gekotzt. Bommel ließ die Sache fast auffliegen, da er beim Betrachten des Porno-Heftes zunächst dunkelrot anlief, dann aber laut und mit Piepsstimme brüllte: „Was für ’ne riesige Muschi“, bevor ihm wie immer die Freudentränen über die Wangen kullerten.

Dem westlichen Druckerzeugnis will ich mich nach Unterrichtsschluss noch etwas genauer widmen. Viele Bilder, wenig Text – das kannte ich bisher nur aus den „Abrafaxe“-Heften und eine Frau darin sah aus wie Andis Mutti, wobei ich nur das Gesicht beurteilen kann. Tessi ist verschwunden, doch über Lars, der immer weiß wo sich gerade jemand aufhält, habe ich schnell sein Versteck ausgehorcht. Er liegt mit Bergi und Bommel in einer der Betonröhren auf dem Spielplatz und blättert durch Seiten voller Ekelkram. Pfui! – ich krieche erfreut dazu. Mit gedrücktem Knopf der weinroten Narva-Stabtaschenlampe starren wir auf das versaute Bilderrätsel.
Torsten tritt ins Licht der kreisrunden Öffnung. „Was will denn Genosse Gehorsam hier?“, ruft Bommel während Tessi hektisch das Westheft im Aktenkoffer verstaut und aus der Röhre robbt. Auch wir kriechen ins Freie. „Kommt, lasst uns was einklauen“, murmelt Bergi konsterniert. „Darf ich mitkommen?“ Alle Blicke sind plötzlich auf Torsten gerichtet. „Aber wenn du petzt, Spasti, kriegst du tierisch eins aufs Maul“, keift Klein-Bommel, da Torsten noch nie bei einem dieser Raubzüge in der Koofi dabei gewesen war. Gemeinsam laufen wir zum Selbstbedienungsladen an der Büschingstraße und treffen Assi – also Astrid – davor, die sich uns anschießt.
Gekonnt sackt Bommel eine Flasche Kirsch-Whisky im Turnbeutel ein, Assi lässt eine Pulle Pfeffi unter ihrem weiten Pullover verschwinden und mein Aktenkoffer wird mit Kali (Kaffeelikör) gefüllt, bevor wir zu dritt, unschuldig schauend, eine Stange Zitronen-Bonbons von Zitro an der Kasse kaufen. Bergi und Tessi stehen Schmiere.
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Nur Torsten ist weg. Bis wir ihn schließlich mit einem vollbeladenen Einkaufswagen rechts neben den Kassen vorbeimarschieren sehen. Wie selbstverständlich holt er zwei Dederon-Beutel aus seinem Ranzen, packt eiskalt etliche Schnaps-, Likör- und sogar Bierflaschen hinein und marschiert damit seelenruhig zum Ausgang. Wir bekommen den Mund fast nicht zu. „Na du bist ja ein krasser Kunde!“, ruft ihm Bommel auf dem Heimweg durchaus anerkennend zu: „Und jetzt mit Club-Cola die Birne wegschießen?“ Allen ist klar, dass wir die Wahnsinns-Tat (er hat sogar eine schwer zu klauende Curaçao-Pulle und Falkner-Whisky eingesackt) im Alfclub begießen müssen. Bei Torstens Premiere gibt‘s Grüne Wiese. Tessi verabschiedet sich recht bald (inklusive Pornoheftes), Assi folgt kurze Zeit später und so brechen auch wir nach nur einem Glas auf. Bergi fragt: „Noch schnell ein Telefonstreich bei Dir?“ „Och ja, bitte Scheppi“, stimmt Bommel aufgeregt zu, nicht nur, weil seine Alten gar kein Telefon besitzen. Ich habe nichts dagegen und auch Torsten folgt uns wortlos in den Aufzug. Oben liegt Benny auf der Couch und schaut die Schlüpfe in der ARD. Andi klingelt unten an der Tür. Mit ihm sind wir nun fast wieder vollzählig.

Alles begann vor einigen Monaten ganz harmlos. Ich hatte mir aus Langeweile das Telefonbuch geschnappt und ein bisschen darin geblättert. Beim Buchstaben „W“ war mir ein Witz meines Vaters eingefallen. Ich rief bei einer Frau Werk an und sagte: „Kann ich mal bitte ihre Tochter Claire sprechen?“. „Wen?“, brüllte mich eine Frau an. „Na ihre Tochter Klärwerk!“. So richtig zündete das noch nicht und erst als ich bei Frau Grube nochmals die Nummer brachte, kugelte sich Bommel vor Lachen mit meinem Bruder auf der Couch. „Klärgrube, ich dreh durch!“ Plötzlich hatten alle Feuer gefangen. Billy aus der A schnappte sich den Schinken, ließ die Wählscheibe sieben Mal rotieren und sagte mit tiefer Stimme: „Hier ist Karl Schäffner. Wollen Sie nächste Saison bei uns spielen?“ Wir verstanden die Antwort nicht. „Das ist mein Rainer Ernst!“, brüllte er in den Hörer, schmiss ihn auf die Gabel und klopfte sich auf die Schenkel. Doch so machte das keinen Spaß.
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Er hatte sich als Union-Trainer ausgegeben und bei einem Rainer Ernst (Namensgeber des BFC-Spielers) angerufen, was an sich lustig war. Aber nur für Fußballfans und vielleicht, wenn er uns vorher aufgeklärt hätte. Die Regeln wurden geändert. Den Nachnamen musste man nun vorher sagen. So kamen immerhin noch ein Mark Stück, eine Martha Pahl und ein Carsten Bier zustande, was ausreichte, um auch die nicht anwesenden Jungs der Clique eine Woche lang zu belustigen. Danach gingen meine Freunde, denen unser Musik- und Zeichenlehrer, Herr Elster, jegliche Kreativität abgesprochen hatte, derart in sich, dass die fantastischsten Telefonstreiche geboren wurden. Bergi fragte eine Frau Stäbe nach Gitta, Tessi suchte seine Cousine Anna Nass, Billy wollte Onkel Bill Iger sprechen und Andi einer Frau Gurgel „anne Gurgel“ gehen. Das alles fetzte erst richtig ein, wenn Bommel und mein Bruderherz dabei waren, denn die lachten mit einer kindlichen Naivität oftmals minutenlang, wodurch sie uns alle ansteckten. Bei Bommels Anruf auf der Suche nach Hack Fresse quietschte jedoch nur Benny vor Vergnügen, da Hack ja kein Vorname war und er zudem bei einem Herrn Fräse angerufen hatte. Doch als Bergi dann noch einen Herrn Smaul im Buch entdeckte und fragte: „Bin ich da richtig bei Christoph Smaul“ musste ich alle einbremsen, bevor noch Nachbar Bohne Voss erschien.
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Auch am heutigen Tag ist es witzig. Als ob uns noch allen das Pornoheft im Hirn herumschwirrt, verlangt Bommel nach einer Frau Rosa Schlüpfer, Andi nach Rose Tee (wobei er Rosette danach erklären muss) und Bergi murmelt sautrocken in den Hörer: „Spreche ich mit Herrn Harten? Ich bin ein Klassenkamerad von ihrem Sohn Christian“. „Von wem?“ „Kriegst ja n Harten!“ Der zieht bei allen und auch mein Christian bei Frau Steifen ist noch ein Brüller. Nur Torsten verzieht keine Miene. Okay, er ist nicht eingeweiht und so schnell fällt einem auch nichts Neues ein. Doch plötzlich ruft er: „Hat jemand mal die Nummer von Assi?“ Ich bin ein wenig perplex, reiche ihm aber mein kleines Notizbuch. ‚Welcher Vorname soll denn auf Homberg passen‘, frage ich mich. Er schnappt sich unser graues Telefon und bedient elegant die Wählscheibe. 4373250 – die „0“ dreht sich dabei besonders lang auf dem Nummernschalter, bevor das erste Freizeichen ertönt. Alle sind mucksmäuschenstill. „Ja bitte?“ „Spreche ich mit Astrid Homberg?“, sagt er mit der tiefsten Stimme, die ich jemals bei einem Jungen meines Alters gehört habe. „Ja, wieso?“ „Hier spricht Klaus Meier aus der Konsum-Kaufhalle an der Büschingsstraße. Sie wurden angezeigt, heute um 15 Uhr einen Ladendiebstahl begannen zu haben. Kommen Sie umgehend mit ihrem Personalausweis und einem Besen vorbei! Ich erwarte sie vor dem Eingang.“ Wir hören die Antwort nicht. „Umgehend, oder es erwarten sie Konsequenzen!“ Torsten legt auf. Wir sind baff, doch Bergi bricht das Schweigen: „Hut ab, Genosse Gehorsam!“ Plötzlich beginnen alle zu lachen und rennen zum Kinderzimmerfenster. Wir lehnen uns aufs Fensterbrett, um zu schauen, ob Assi tatsächlich aus dem Nachbareingang marschiert. „Was ist denn mit dir heute los?“, frage ich Torsten. Langsam wird es mir unheimlich, was aus dem sonst so braven Muttersöhnchen innerhalb eines Tages geworden ist. Nach kurzer Pause brummt er: „Ach weißte Scheppi, ich habe eine Woche sturmfrei, weil meine Oma gestorben ist und wollte auch mal ein bisschen Spaß haben.“ Noch bevor ich darüber nachdenken kann, schreit Bommel, der mit dem Kopf gerade so über den Fensterrahmen reicht: „Das gibt’s doch gar nicht!“ Unsere Klassenkameradin Astrid verlässt tatsächlich mit einem Besen in der Hand das Haus – und wer hechelt hinterher? Richtig, Tessi. „Die Schweine haben sich das Pornoheft angeschaut!“, brüllt Andi. „Was für ein Heft?“, piepst mein Bruder. „Ach so ein Pittiplatsch-und-Schnatterinchen-Heft.“ Wir grinsen über Bergis kuhlen Witz und rennen zur Tür. Torsten fragt mich nach unserem Besen und spurtet mit diesem sofort die Treppen hinunter.
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Er ist vor dem Fahrstuhl unten und draußen sehen wir, wie er die Abkürzung durch den Rosengarten in Richtung Kaufhalle nimmt. Jetzt müssen auch wir uns sputen, wenn wir sehen wollen, was dort geschieht. Doch wir kommen zu spät. Vor dem Eingang fegt Assi bereits. „Was machst du denn hier?“, quietscht Bommel und sieht dabei aus, als ob er sich gleich in die abgeschnittene Boxerjeans pisst. „Na irgend so ein Schwein hat uns verpfiffen und jetzt müssen wir die Scheiße hier machen. Der da“, sie deutet auf Torsten, der ebenfalls fegt „war schon vor mir da und hat gesagt, dass ich mitmachen soll?“ Astrid läuft rot an. Wir auch, aber nicht aus Scham, sondern aus purer Freude über den besten Streich des Schuljahres. Bommel liegt längst auf dem Boden, kugelt sich und brüllt immer wieder: „Ich kann nicht mehr!“ Er steckt uns alle damit an und sogar Astrid muss irgendwann grinsen. Der Kaufhallenleiter kommt raus und brüllt: „Verpisst euch, ihr Penner.“ Auf dem Rückweg entschuldigt sich Torsten bei Assi und sagt dann: „Ey, du hast ja Sperma aufm Pulli.“ Sie blickt an sich hinunter. Er schnippt ihr mit dem mit dem Finger unter die Nase. „Reingefallen!“
Am nächsten Tag wurde er in unsere Clique aufgenommen. Um 18 Uhr schloss ich den Alfclub auf und wenig später verlagerten wir die Veranstaltung – inklusive etlicher Mädchen – in Torstens Wohnung. Es entwickelte sich eine legendäre Party von der wir noch lange schwärmten. Leider darf ich davon nichts berichten, da wir uns das mit Indianer- und Pionierehrenwort geschworen haben. Was ich jedoch verraten kann: An jenem Abend, der in Chaos und diversen Sex-Experimenten endete, verlor Torsten seinen Spitznamen. Genosse Gehorsam wurde unser Freund Torte.
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Free German Youth Lessons – “Generation Wall” by Mark Scheppert

18. April 2015 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

OLYMPUS DIGITAL CAMERAIn spring 2008 Sylvie’s brother visited us together with his girlfriend in Berlin. These two are very pleasant visitors. We don’t have to entertain them at all. No cultural programme to arrange, no endless thinking which historic sites of the capital they don’t know yet. We didn’t even have to buy the current city magazines to search for the latest musicals, movies or theatre plays. Andi and Kati are interested in… nothing. Very pleasant, as I said! They both were born in the south west of Germany, in the so called Pfalz, like my Sylvie. This is obviously one reason why they often pelt me with questions about my East German youth for hours. Thus, I wanted them to soak up some education about this time by sending them into the GDR museum opposite the Berlin Cathedral and the ruin of the Palace of the Republic.

In the evening Andi and Kati already awaited me excitingly at the door smiling from one ear to the other. They had seen the Mufuti (multifunctional table) from the movie “Sonnenallee”, next to a real East German wall unit. Andi had sat in a Trabi for the first time in his life and Kati was taught how to tie a knot into the red triangular scarf of the children’s organisation in the GDR (Junge Pioniere). I was completely knackered from a hard capitalistic working day and thought that this museum visit had answered all their questions about my ex-country. Far from it! Now they wanted to know everything about the GDR, their curiosity was doubled or even tripled, and everything about this vanished country was most ingenious. I went to take a green booklet and a beer and told them a totally different story.
During the GDR-season of 1985 / 86 there were these two highlights of my life: At the beginning of the year 1985 we were affiliated solemnly to the Free German Youth and in March 1986 Jugendweihe took place – the ceremony in which teenagers are given adult social status – the biggest event of my life so far receiving a lot of presents. Between these two events, however, we had to prove our maturing process by attending a ten-hours-course of the Free German Youth. Naturally this was linked to a threat saying if one of us is absent two times and has no convincing excuse, he or she won’t take part in this mega party Jugendweihe. One after the other had to write something about this course into the youth lesson’s booklet. Probably this is the reason why I still keep this green booklet in my possession. I had to write about the last event and never handed it back.

I read out of this green booklet to the West German audience who gained another valuable insight into the country I had grown up.
The first lesson was called “We fulfil our revolutionary bequest!” Most of the 8th graders fulfilled this by visiting the concentration camp Sachsenhausen. Sabine wrote the following about this trip into the green youth lesson’s booklet: “On 18th September 1985 our class visited the concentration camp memorial Sachsenhausen. Mrs Rittich, Mrs Demant and Mrs Seil accompanied us. Arriving there we were welcomed by our guide Mr Stenzel who had been detainee himself in this concentration camp.”
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I stopped here although Sabine had written exactly one page about this trip as she and all the others were supposed to do. We misbehaved completely at this trip. Nobody had really taught us that there were people having emotions and real victims to touch from this Hitlerite fascism. In our socialist daily routine we only vowed that we would do everything to avoid a repetition of these atrocities. We were not prepared for food rations of 150 grammes per day and heaps of corpses. Kati said that she was also sent to the concentration camp Ravensbrück when she was quite young and she grew up in West Germany. And suddenly we were discussing poor educational policy in East and West Germany, though I only wanted to tell them something about my life in the GDR. After a while I turned the pages and decided to read out only one sentence from every youth lesson in the green booklet.

The second youth lesson was named: “Friendship to Lenin’s country – matter of the heart of our people”. Naturally we visited the House of the German-Soviet Friendship (DSF). In sixth grade we always made our Russian teacher who came from Moscow cry with the following slogan: “Russki, Russki you should know that your language is just too slow!” In the DSF house we didn’t dare to talk like that and therefore were bored to death. However, Daniela wrote into the green booklet: “Comrade Steyer taught us a lot about the Soviet Union, how the people live there, how the gas pipeline BAM was built – the Baikal-Amur-Magistrale – and many other interesting things.”
The third youth lesson which was called: “Culture and Art make our lives nicer and richer.” seemed to be slightly better. We were supposed to visit the Jahn sports park. Similar to the other ‘events’ we were disappointed bitterly once again. It is enough if I just repeat what Lars wrote into the green booklet. “Then we went to the exhibition rooms. An old man waited there for us. After we had put off our jackets we entered the sports exhibition in a small room.”
The guests from the West looked at me with big and pleading eyes, but I continued without any reaction.
The fourth youth lesson was titled ‘The other one beside you.’ Our class went to the newly built park named after the communist leader Ernst Thälmann. Somehow it was a little bit more interesting this time since a quite cool guy led us through the construction site and even the scaffolds. The massive monument of Ernst Thälmann nicknamed Teddy was erected only recently. Thus, Lydia remarked quite correctly: “This visit was very interesting and good fun. Despite our breaches of discipline we experienced many new things.”
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The fifth youth lesson in this series was called ‘Our Socialist Homeland’ and we were supposed to visit the People’s Police museum. A popular children’s song says: “The people’s police officer, who means well for us, he carries us home, he is our friend.” But these friends there were all completely unsympathetic, had a Saxon accent and one could imagine that concerning crimes they wouldn’t react indulgently. The importance of our visit in the People’s Police museum you can hear in the following sentences that Didi wrote: “When we arrived, the speaker Colonel Schmidt introduced himself. Another comrade guided us through the exhibition.”
Number six was called: ‘Peace is not a present.’ This was the event when I didn’t take part having an excuse. No, I had never been an absentee at school, a normal East-Berlin flu had struck me down. The others went to see the East German border troops. Hence, I can only read what Mario wrote into the book: “At the entrance gate an officer of the border troops welcomed us. First, he showed us a radio and a field telephone. Then we had a look at some of the tools that were used while escaping and also at some pictures of the injured people who tried to trespass the East German border. He acquainted us with some weapons and explained the function and advantages to us.” Andi and Kati were shocked shaking their heads in disbelief.
I was fit again for the next topic: ‘Your right and your duty in a socialist country’. We went to the court in Berlin – Friedrichshain. But this visit was one to forget soon, too. A very strict looking judge was telling us in a one-hour-lasting monologue how a trial takes place. After that she responded to our questions for only two minutes and disappeared. Cake wrote in our book: “We were also surprised about this small courtroom, since they appear much bigger in the movies. It would have been even better, if we had taken part in a real trial.”
‘Scientific technological progress – a challenge for you’ was the topic of the 8th lesson. We went to the completely shabby, but nationally owned company NARVA that used to produce light bulbs. Now we could see what publically owned manufacturing meant: rusty old machines, long dark passages without any ventilation, and moody people standing in a crowd at the corner, smoking and chatting. Next to the lathes and on a stack of fluorescent tubes there were lots of empty brown beer bottles. We were welcomed by a comrade in the traditional room. Although NARVA light bulbs were delivered around the world, successful tradition surely looks totally different, thought Bergi obviously when he – surprisingly honest – wrote into the book: “The visit at NARVA was not nice at all. I’d describe it as a complete failure.”

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The last but one youth lesson was dedicated to the topic ‘Your workforce is needed’.
The funny thing about it was that we went to see our mentors’ brigade at Centrum Warenhaus, the shopping centre at East station where we had done several shoplifting competitions. Today I cannot say whether Ute suspected something when she wrote into the book: “A member of our mentors’ brigade depicted the exhausting daily routine of a saleswoman. I believe that everyone of us now sees everything with different eyes and pays more attention to honesty.”
The final youth lesson that finished us off completely was called: ‘The world is changed by us’. This time I was supposed to write into the small green book. There was nothing to think about in detail, since it was only checked whether somebody had written into it, not what. We went to the Archenhold observatory in Treptow, and this was actually the best of all lessons. We were watching movies and observed some of the faraway stars, that were also well visible during the day, through the huge telescope. Furthermore, the woman guiding us through the observatory was extremely pretty. Nevertheless, I only jotted down: “We experienced a lot of new things worth knowing, however, we are already thinking of the coming event – our youth initiation ceremony, the most important ceremony of our lives.”
I closed the little green book, all the others looked at me and their sleepy eyes told me that they felt hungry and had heard enough for now from the East German dome. Mission accomplished, I thought to myself.
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Half a year later at one weekend Sylvie and I didn’t know what to do, and thus finally decided to go to this odd GDR museum in Mitte. Having chilly and damp Berlin crappy weather a huge queue of tourists waited in front of the entrance to the past. I multiplied the crowd with the entrance fee of 5.50 € and suddenly had a great idea. I would open an event agency! My customers from West Germany, Europe, even from the whole world would have to pay 200 € for my guided tour. At the beginning the tourists would solemnly join the Free German Youth at the assembly hall of the Polytechnical Secondary School named Käthe Duncker, of course receiving a blue shirt and the badge. By Trabi we would pass Leninplatz and continue to reach Teddy Thälmann and his massive head monument. After a short ceremony there and a quick side-trip to the sports traditional room of ‘Dynamo’ at the Jahn sports park we would join a socialist show trial at the court before we finally go to have lunch at Centrum Warenhaus our shopping centre at East station. We would have been served Goldbroiler – which is East German for chicken – and a filling side dish – preferably chips and Leipzig mixed vegetables – East German for peas and carrots, for vegetarians they would serve potatoes with lecsó. After an amazing guided tour through the nationally owned company for the production of light bulbs called NARVA – nowadays there are many West German advertising agencies working in this heritage-protected traditional building – the three highlights of the tour would come up. In the House of the East German – Soviet Friendship we could meet young Soviet Komsomole members and while visiting the People’s Police museum the majors decorated with huge shoulder straps. At the East German border troops my troops would be allowed to go up the watchtowers and to lead the shepherds through the barbed wire areas. At the end of my tour every participant who would like to retain the lent Free German Youth blue shirt as a golden keepsake only has to pay 50 €. The fully completed and stamped badge would be included.
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Suddenly I was torn out of my daydream because Sylvie pulled my shirt asking me whether I would really like to wait longer in front of this damned GDR museum. I shook my head and looked at the last standing concrete piers of the nearly finally dismantled Palace of the Republic. I sensed that I absolutely do not want to travel into the past, since there is only one place left of our former Free German Youth lessons that has not changed in any way. In this grove in Treptow one can still watch the stars and while observing them through the telescope one notices: everything remained the same, only that we have changed.
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Made in GDR – Vorsprung durch Technik! – Jugend in der DDR

9. März 2015 | von | Kategorie: Blog, Mauergewinner Leseproben

OLYMPUS DIGITAL CAMERAWir sind die einzig wahren Kinder aus Zone Ost. Die Generation unserer Eltern kannte noch den Ku’damm, wohin sie heimlich mit der U-Bahn ins Kino gefahren waren. Sie hatten einen kurzen Blick in den Westen erhaschen können, einen kleinen Vergleich gehabt. Wir nicht. Sie haben uns in eine von ihnen erschaffene DDR hineingeboren, und wir mussten nun staunend zuhören, wenn sie aufgeregt ihre abenteuerlichen Geschichten vom Bahnhof Zoo zum Besten gaben. Wir marschierten an einer von ihnen erbauten Mauer vorbei und drückten uns nicht an riesigen Schaufensterscheiben die Nase platt.

Im Alter von sieben Jahren malte ich Bilder, welche die Überschriften “Waffenbrüderschaft” und “Ich will Kosmonaut werden” und nicht “Urlaub in Spanien” oder “Meine Katze Ricky” trugen. Vom ersten Schultag an wurden wir bombardiert mit Phrasen zur Überlegenheit des Kommunismus, mit Parolen, wie lieb wir unseren großen Bruder und Befreier haben müssten und wie glücklich wir uns schätzen konnten, in der sowjetisch besetzten Zone geboren worden zu sein.

Ständig wollte man uns auch weismachen, dass wir Weltmarktführer sind. In vielen industriellen Bereichen lagen wir angeblich sogar unter den ersten sieben Nationen der Erde. Bei uns war alles viel besser als im Westen. Unsere Eltern und Lehrer logen uns buchstäblich das Blaue vom eigentlich friedlichen Himmel herunter. Oder glaubten sie gar an diesen Mist?

Die Ablösung des Rechenschiebers

Ein besonderes Kennzeichen der DDR war ihre Fortschrittlichkeit auf wissenschaftlich-technischem Gebiet. Schon ab 1986 durften wir den Rechenschieber gegen einen hochmodernen Taschenrechner eintauschen. Wer keine Westverwandtschaft hatte, die einen West-Rechner schickte, musste sich einen SR1 der Firma Robotron aus Sömmerda zulegen. Schlappe 123 Mark kostete der, immerhin ein Achtel des monatlichen Durchschnittseinkommens in der DDR (und das war der subventionierte Preis mit Bezugschein!).

Die einzelnen Ziffernfelder waren fast so groß wie die Tasten einer Schreibmaschine, wodurch der Rechner eine stattliche Länge, Breite und Dicke bekam. Man konnte ihn als Lineal benutzen oder damit jemanden totschlagen. Bei vielen Mitschülern, solchen mit Kontakten nach Drüben, passte der ultraleichte, streichholzschachtelgroße Taschenrechner von Casio in die Federtasche.
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Ähnlich war es mit Uhren. Die brauchten wir zwar nicht zwingend im Unterricht, aber so eine schicke Quarzuhr machte schon was her. Wieder hatten wir im Land der Erneuerer und Meister von morgen ein Spitzenprodukt. Eine klobige Quarzuhr von Ruhla gab es für rund 185 Mark. Die aber sah aus, als wäre sie aus einem Stück gefräst worden. Made in GDR. Wahrscheinlich lagen solche Dinger bereits damals im Technikmuseum von West-Berlin. Denn im Westen trug man ganz kleine, leichte Quarzuhren aus schwarzem Kunststoff mit Stoppuhr, Licht und weiteren sechs Zusatzfunktionen – munkelte man.

Aus dem sozialistischen Arbeitsalltag

Mit 13 kamen mein Kumpel Stefan und ich auf die Idee, zum Spaß Leute zu interviewen. Der schwarze Anett-Recorder und das Mikrofon machten erstaunlich gute Aufnahmen, auch wenn wir unzählige dicke Batterien brauchten und dann nur zwei Stunden Aufnahmezeit hatten. Nach der Schule zogen wir los und befragten wildfremde Menschen auf der Straße. Wir logen ihnen natürlich vor, dass dies im Auftrag der Schule geschehe. Leider konnten wir uns das Lachen oft nicht verkneifen, sodass die Geschichte meist aufflog. Aber niemand nahm uns das wirklich krumm. Die fertigen Interviews spielten wir unseren Freunden vor.

Doch bald stellten wir fest, dass uns keine richtigen Fragen einfielen. “Wo haben Sie das Wochenende verbracht?”, “Wie war ihr letzter Urlaub?” und “Welche Musik hören Sie gern?” Das interessierte uns eigentlich nicht wirklich. Stefan hatte deshalb die Idee, in Betriebe und Läden zu gehen, mit der Bitte, dass uns die Menschen von ihrem sozialistischen Arbeitsalltag berichteten. Dies führte uns bald in diverse Kaufhallen, Geschäfte, ins Sportforum, ins Sport- und Erholungszentrum (SEZ) und ins Hotel Berolina. Wir waren die rasenden Reporter von Friedrichshain, die bald merkten, dass sie in bestimmten Geschäften auch etwas abgreifen konnten. Beim Fleischer eine Knacker oder eine warme Bulette, im SEZ eine kostenlose Stunde auf der Eisbahn oder im Wellenbad, und beim Bäcker gab’s eine belegte Schrippe mit Hackepeter oder Tatar.
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Der Bäckermeister an der Leninallee führte uns in seinem Laden herum, zeigte uns die Öfen und erzählte einiges aus seinem trüben und vor allem sehr früh beginnenden Arbeitsleben. Als er: “Jungs, jetzt muss ick aber mal nach die Schrippen kieken”, sagte und im Nebenraum verschwand, waren wir plötzlich allein in der Backstube und sahen diese wunderschöne Quarzuhr auf dem Regal liegen. Ich nickte und schon schnappte Stefan das Ding und wir rannten gemeinsam aus der Tür, die Straße hinunter, bis wir in den Volkspark Friedrichshain eintauchen konnten.

So etwas hatten wir noch nie gesehen

In Stefans Wohnung am Leninplatz schauten wir uns die schwarze Uhr, die aus hartem Gummi zu bestehen schien, mindestens eine Stunde lang ganz genau an und probierten alle Funktionen mehrere Male aus. Es musste ein wahnsinnig wertvolles westdeutsches Stück sein, denn sie hatte nicht nur Licht, Stoppuhr, Datum und Wecker, sondern auch einen kleinen Taschenrechner mit Miniaturtasten auf dem Gehäuse. So etwas hatten wir noch nie gesehen.

Bald kam die Frage auf, wer von uns beiden die Uhr behalten dürfte. Doch es entstand komischerweise kein Streit. Beide wussten wir, dass wir dieses auffällige Teil niemals tragen konnten, nicht in der Schule, nicht vor den Kumpels und nicht mal zu Hause heimlich auf dem Klo. Wenn dieser dreiste Diebstahl herauskäme, könnten wir uns eine richtige “Pfeife anzünden”, das gäbe ein Jahr Stubenarrest – Minimum.

Wir hatten also drei Möglichkeiten. Wir konnten die Uhr verkaufen, sie wieder zurückbringen oder sie einfach wegschmeißen. Wir waren junge, neugierige 13-jährige Jungs – stolze und vorbildliche Thälmannpioniere – da war es doch völlig klar, was wir machten. Diese Uhr hatte 1984 vielleicht einen Wert von umgerechnet 700 DDR-Mark!

Technischer Informationsvorsprung

Stefan holte zwei Hämmer aus dem Werkzeugkasten seines Vaters, und wir droschen so lange auf die Uhr ein, bis sie in kleinen Einzelteilen vor uns lag. Mit Streichhölzern kokelten wir das Gummi ab. Als wir den Trümmerhaufen zusammenkehrten und in den Müllschlucker warfen, mussten wir lachen. Wir hatten jetzt wieder einmal einen technischen Informationsvorsprung gegenüber unseren Mitschülern, doch sie würden von uns nie erfahren, wie eine westdeutsche Quarzuhr von innen aussah!

Im Jahre 2009 konnte ich Stefan schon über das Internet ausfindig machen – trotzdem habe ich ihn – wie viele andere wichtige Protagonisten meines früheren Lebens – seit fast 20 Jahren nicht mehr gesehen. Wenn ich sie träfe, würden wir sicherlich recht schnell gemeinsam überlegen, ob es heute noch viele Plätze, Straßen und Dinge gibt, die uns augenblicklich in unsere ostdeutsche Vergangenheit beamen. Orte, an denen wir kurz stehen bleiben und denken würden: “Mensch, das sieht ja noch aus wie früher!” oder “Was, das gibt es immer noch?”, “Ist ja wie im Osten!”
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Wahrscheinlich werden es immer wenigere Flecken in Berlin und der ehemaligen Republik, die uns in Gedanken unvermittelt 20 Jahre zurückreisen lassen. Liegen denn noch Taschenrechner, Uhren oder Küchengeräte aus der DDR in unseren Wohnungen?

Wie es wirklich war

Bei mir ist das nicht der Fall. Ich habe diese Dinge innerhalb weniger Jahre – ohne dass es mir bewusst war – vollständig entsorgt. Nur noch im Museum kann ich komische Gegenstände aus unserem vormaligen Alltagsleben mit einem ungläubigen Schmunzeln betrachten.

Es war eine große Geschichte, als ein Architekt im November 2008 eine seit 1988 unberührte Wohnung in Leipzig entdeckte. Komplett eingerichtet – ohne ein einziges Westprodukt. Da war es dann plötzlich wieder spannend, wie diese Ostdeutschen gehaust hatten.

Aber solche Stellen meine ich nicht. Und eigentlich müssen wir uns auch gar keine Mühe mehr geben beim Aufspüren von bestimmten Orten, Produkten, Gerüche, ungewöhnlichen Stoffen, Redensarten oder Ereignisse, die uns an den Arbeiter- und Bauernstaat erinnern: Denn wir haben einen Informationsvorsprung gegenüber unseren Mitmenschen aus dem Westen. Die werden doch nie erfahren, wie das Leben in der DDR wirklich war!
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Eine kranke Geschichte – Jugend in der DDR

2. Februar 2015 | von | Kategorie: Blog, Mauergewinner Leseproben

OLYMPUS DIGITAL CAMERAWir sind die einzig wahren Kinder aus Zone Ost. Die Generation unserer Eltern kannte noch den Ku’damm, wo sie heimlich mit der U-Bahn ins Kino hingefahren waren – sie hatten einen kurzen Blick in den Westen erhaschen können, einen kleinen Vergleich gehabt. Wir nicht. Sie haben uns in eine von ihnen erschaffene DDR hineingeboren und wir mussten nun staunend zuhören, wenn sie aufgeregt ihre abenteuerlichen Geschichten vom Bahnhof Zoo zum Besten gaben. Wir marschierten an einer von ihnen erbauten Mauer vorbei und drückten uns nicht an riesigen Schaufensterscheiben die Nase platt.
Im Alter von sieben Jahren malte ich Bilder, welche die Überschriften „Waffenbrüderschaft“ und „Ich will Kosmonaut werden“ und nicht „Urlaub in Spanien“ oder „Meine Katze Ricky“ trugen. Vom ersten Schultag an wurden wir bombardiert mit Phrasen zur Überlegenheit des Kommunismus, mit Parolen, wie lieb wir unseren großen Bruder und Befreier haben müssten und wie glücklich wir uns schätzen konnten, in der sowjetisch besetzten Zone geboren worden zu sein.
Ständig wollte man uns auch weismachen, dass wir Weltmarktführer sind. In vielen industriellen Bereichen lagen wir angeblich sogar unter den ersten sieben Nationen der Erde. Bei uns war alles viel besser als im Westen. Unsere Eltern und Lehrer logen uns buchstäblich das Blaue vom eigentlich friedlichen Himmel herunter. Oder glaubten sie gar an diesen Mist?

Ein besonderes Kennzeichen der DDR war ihre Fortschrittlichkeit auf wissenschaftlich-technischem Gebiet. Schon ab 1986 durften wir den Rechenschieber gegen einen hochmodernen Taschenrechner eintauschen. Wir Kinder ohne Westverwandtschaft mussten uns einen „SR1“ der Firma Robotron aus Sömmerda für schlappe 123 Mark zulegen (das war der subventionierte Preis mit Bezugschein!). Die einzelnen Ziffernfelder waren fast so groß wie die Tasten einer Schreibmaschine, wodurch der Rechner eine stattliche Länge, Breite und Dicke bekam. Man konnte ihn als Lineal benutzen oder damit jemanden totschlagen. Bei Tessi und Bommel und vielen anderen mit Kontakten nach Drüben passte der ultraleichte, Streichholzschachtelgroße Taschenrechner von „Sanyo“ in die Federtasche.
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Ähnlich war es mit Uhren. Die brauchten wir zwar nicht zwingend im Unterricht, aber so eine schicke Quarzuhr machte schon was her. Wieder hatten wir im Land der Erneuerer und Meister von morgen ein Spitzenprodukt. Eine klobige Quarzuhr von Ruhla gab es ab 185 Mark und die sah aus, als ob sie aus einem Stück geschweißt worden war. Made in GDR. Wahrscheinlich lagen solche Dinger bereits damals im Technikmuseum von Westberlin. Im Westen trug man ganz kleine, leichte Quarzuhren aus schwarzem Kunststoff mit Stoppuhr, Licht und weiteren sechs Zusatzfunktionen – munkelte man.

Mit 13 kamen Stefan und ich auf die Idee, zum Spaß Leute zu interviewen. Der schwarze Annettrekorder und das Mikrofon machten erstaunlich gute Aufnahmen, auch wenn wir unzählige dicke Batterien brauchten und dann nur zwei Stunden Aufnahmezeit hatten. Nach der Schule zogen wir los und befragten wildfremde Menschen auf der Straße. Wir logen ihnen natürlich vor, dass dies im Auftrag der Schule geschehe. Leider konnten wir uns das Lachen oft nicht verkneifen, sodass die Geschichte meist aufflog, aber niemand nahm uns das wirklich krumm. Die fertigen Interviews spielten wir unseren Kumpels vor.
Doch bald stellten wir fest, dass uns keine richtigen Fragen einfielen. „Wo haben Sie das Wochenende verbracht?“, „Wie war ihr letzter Urlaub?“ und „Welche Musik hören Sie gern?“ Das interessierte uns eigentlich nicht wirklich. Stefan hatte deshalb die Idee, in Betriebe und Läden zu gehen, mit der Bitte, dass uns die Menschen von ihrem sozialistischen Arbeitsalltag berichteten. Dies führte uns bald in diverse Kaufhallen, Geschäfte, ins Sportforum, ins Sport- und Erholungszentrum (SEZ) und ins Hotel Berolina. Wir waren die rasenden Reporter von Friedrichshain, die bald merkten, dass sie in bestimmten Geschäften auch etwas abgreifen konnten. Beim Fleischer eine Knacker oder eine warme Bulette, im SEZ eine kostenlose Stunde auf der Eisbahn oder im Wellenbad und beim Bäcker gab’s eine belegte Schrippe mit Hackepeter oder Tatar.
Der Bäckermeister an der Leninallee führte uns in seinem Laden herum, zeigte uns die Öfen und erzählte einiges aus seinem trüben und vor allem sehr früh beginnenden Arbeitsleben. Als er: „Jungs, jetzt muss ick aber mal nach die Schrippen kieken“, sagte und im Nebenraum verschwand, waren wir plötzlich allein in der Backstube und sahen diese wunderschöne Quarzuhr auf dem Regal liegen. Ich nickte und schon schnappte Stefan das Ding und wir rannten gemeinsam aus der Tür, die Straße hinunter, bis wir in den Volkspark Friedrichshain eintauchen konnten.
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In Stefans Wohnung am Leninplatz schauten wir uns die schwarze Uhr, die aus hartem Gummi zu bestehen schien, mindestens eine Stunde lang ganz genau an und probierten alle Funktionen mehrere Male aus. Es musste ein wahnsinnig wertvolles westdeutsches Stück sein, denn sie hatte nicht nur Licht, Stoppuhr, Datum und Wecker, sondern auch einen kleinen Taschenrechner mit Miniaturtasten auf dem Gehäuse. So etwas hatten wir noch nie gesehen.
Bald kam die Frage auf, wer von uns beiden die Uhr behalten dürfte. Doch es entstand komischerweise kein Streit. Beide wussten wir, dass wir dieses auffällige Teil niemals tragen konnten, nicht in der Schule, nicht vor den Kumpels und nicht mal zu Hause heimlich auf dem Klo. Wenn dieser dreiste Diebstahl herauskäme, könnten wir uns eine richtige „Pfeife anzünden“, das gäbe ein Jahr Stubenarrest – Minimum.
Wir hatten also drei Möglichkeiten. Wir konnten die Uhr verkaufen, sie wieder zurückbringen oder sie einfach wegschmeißen. Wir waren junge, neugierige 13jährige Jungs – stolze und vorbildliche Thälmannpioniere – da war es doch völlig klar, was wir machten. Diese Uhr hatte 1984 vielleicht einen Wert von umgerechnet 700 DDR-Mark!
Steffen holte zwei Hämmer aus dem Werkzeugkasten seines Vaters und wir droschen so lange auf die Uhr ein, bis sie in kleinen Einzelteilen vor uns lag. Mit Streichhölzern kokelten wir das Gummi ab. Als wir den Trümmerhaufen zusammenkehrten und in den Müllschlucker warfen, mussten wir lachen. Wir hatten jetzt wieder einmal einen technischen Informationsvorsprung gegenüber unseren Mitschülern, doch sie würden von uns nie erfahren, wie eine westdeutsche Quarzuhr von innen aussah!
Nach der 9. Klasse zog Stefan mit seinen Eltern nach Marzahn und wir sahen uns nie wieder. Anfang des 10. Schuljahres kam Fred Krankel, schnell nur noch „Krank“ genannt, irgendwie als sein Ersatz in unsere Klasse, obwohl das mit Stefan nichts zu tun hatte. Er war aus disziplinarischen Gründen von der KJS (Kinder- und Jugendsportschule) gefeuert worden, wo der 1,90-Meter-Hüne beim SC Dynamo Berlin Eishockey gespielt hatte. Als ich meinen Vater fragte, ob er mal in seinem Club lauschen könnte, was da so vorgefallen war, erzählte er mir zwar keine Details, aber immerhin so viel, dass „Krank“ in seinem Jahrgang das größte Talent gewesen wäre, allerdings auch der brutalste und disziplinloseste Spieler aller Zeiten in diesem Verein. Überheblich, durch etliche kaputte Zähne grinsend, setzte er sich in die allererste Reihe und ich hoffte sofort, dass ich sein Freund und nicht sein Feind werden würde.
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Fred verkörperte all das, was ich versuchte, nach außen hin darzustellen – Coolness, Gefährlichkeit, Stärke und Unverletzlichkeit, doch nur bei ihm wirkte es echt. Er hatte eine Art, die Dinge äußerst locker zu sehen, besonders abschätzig alles „ostig“ oder „zonig“ zu finden und auf die DDR-Staatsmacht komplett zu scheißen. Ich machte mir da schon eher mal in die Hosen und verkloppte keine „roten Säue“. Sicher war unsere Freundschaft auch darin begründet, dass bittere Ironie und purer Sarkasmus unsere stärksten Ausdrucksformen waren. Vielleicht hatte ich auch lange nur auf jemanden wie ihn gewartet, mit dem ich jeden Mist machen konnte und der mich vor den Folgen jederzeit beschützte.

Durch meine Bekanntschaften im Lager für Arbeit und Erholung fuhr ich seit einiger Zeit ins entfernte
Grünau, in die Wuhlheide und nach Schöneweide in diverse Diskos. Jedes Wochenende gingen wir jetzt in den „Weißkopf“, ins „Pipa“ und zu vorgerückter Stunde auch in den „Bullenclub“. Schon damals grübelte ich, was „Weißkopf“ bedeutete, und wieso der andere „Bullenclub“ genannt wurde, erfuhr ich auch nicht. Nur „Pipa“ war klar, das stand für „Pionierpark“ – in diesem befand sich der Club nun einmal.
Ich hatte „Krank“ ein paar hübsche Frauen versprochen, und so folgte er auch mir einmal. Die Clubs in dieser Ecke von Ostberlin hatten den Vorteil, dass es dort nicht ganz so viele Cliquen und glatzköpfige Gangs wie in Marzahn und Hohenschönhausen gab. Hier konnten wir schon zu zweit und mit 16 Jahren „einen Affen machen“.
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In den noblen „Bullenclub“ kamen eigentlich nur Leute über 18 rein und auf alle Gläser wurde zwei Mark Pfand genommen. Nicht nur, dass wir überhaupt hineingelassen wurden, wir sammelten auch die leeren Gläser von sämtlichen Tischen und gaben sie wie selbstverständlich an der Bar als unsere ab. Ärger bekamen wir nie und wenn mich doch mal jemand vorsichtig ansprach, dass es sein Pfand wäre, rief ich einfach nach meiner Kampfmaschine „Krank“.
Bei einer dieser Touren durch die Pampa ging uns trotzdem einmal das Geld aus, wir hatten nicht mal die nötigen Groschen, um Claudia anzurufen. Sie war die wichtigste Frau der Gegend, denn sie stellte uns immer neue und heißere Freundinnen in einem der Clubs vor. Mit der Straßenbahn machten wir uns auf den Weg. Auch wenn die normale Fahrt nur 20 Pfennig kostete – wir bezahlten nie am Fahrscheinautomaten. Dass dieses Ding Automat genannt wurde, wäre schon wieder ein Hohn auf westdeutsche Ingenieurskunst gewesen. Im Prinzip war es nur ein großes metallenes Etwas, das oben einen Schlitz hatte und an der vorderen Front eine Glasscheibe, wo man beobachten konnte, wie das Kleingeld auf ein rundes Förderrad fiel. Sobald man den mechanischen Hebel an der Seite herunterdrückte, rutschte das Geld in die nächste Lade und ein Stück Papier, wie von einer alten Kinokartenrolle, kam am vorderen Schlitz heraus – der Fahrschein.
Wenn man nur an dem Hebel gezogen hätte, ohne Geld hineinzuwerfen, wäre zwar auch dieser Papierschnipsel herausgekommen, aber ein möglicher, blitzartig herbeigeeilter Kontrolleur hätte festgestellt, dass die obere Förderbox leer ist. Kompliziert? Nein, ostdeutsche Ingenieurskunst!
Dennoch gab es genug pflichtbewusste Bürger, die in dieses antiquierte Fahrscheingerät ihre Fünfziger, Zwanziger und Groschen hineinwarfen.
Als ich den unberechenbaren „Krank“ an dem Gerät herumfummeln sah, dachte ich mir noch nichts dabei, doch plötzlich umfasste er das Ding mit beiden Armen und riss es einfach aus der am Boden verschweißten Verankerung. An der nächsten Haltestelle stiegen wir mit einem 20 Kilo schweren, unhandlichen Fahrscheinautomaten in den Händen aus.
Wir waren allein im zweiten Wagen gewesen, aber ich kannte „Krank“ jetzt schon ein bisschen – er hätte das Gerät auch im ersten Führerwagen mitgenommen, wenn dieser vollbesetzt gewesen wäre.
Als wir merkten, dass wir direkt vor einer bewachten Armeekaserne ausgestiegen waren, lachten wir beide. Ich bitterlich süß aus purer Angst, er fand das wirklich sehr belustigend. Wir trugen das Ding geschützt, genau zwischen uns beiden, durch die hier nur sehr schwach beleuchtete Straße und beschlossen, das Gerät sicherheitshalber sofort im nächsten Gebüsch aufzubrechen.
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Mit einem Stein schlugen wir den Hebel-Automaten an der Frontseite auf und steckten uns das zu unserer Überraschung nicht knapp bemessene Kleingeld in die Hosen- und Jackentaschen. Gut gelaunt liefen wir in Richtung S-Bahnhof und fanden auch endlich wieder eine Telefonzelle, um bei Claudia anzurufen. „Krank“ war richtig sauer, als wir sie nicht zu Hause erreichten – er hatte sich auf Kool & the Gang, Cola Whisky und anschließenden kranken Sex gefreut. Er kochte vor Wut und riss, für mich vollkommen unvorhersehbar, mit urwüchsiger Kraft den volkseigenen Telefonhörer inklusive Kabel einfach aus dem dann schwankenden Telefonhäuschen.
Ich wusste, dass es für Vandalismus an Volkseigentum besonders hohe Strafen gab, nicht nur, weil es sich hier um die scheinbar einzige Möglichkeit handelte, mit der man Kontakt zur Außenwelt aufnehmen konnte. Aber noch machte ich mir keinen größeren Schädel, frustriert gingen wir in Richtung S-Bahnhof. Als wir die Treppen hinaufkamen, sahen wir auf dem Bahnsteig, keine 200 Meter von uns entfernt, zwei Polizisten, die in ein intensives Gespräch mit einem älteren Mann verwickelt waren. Als dieser in unsere Richtung zeigte und rief: „Da sind die Typen!“, brüllte „Krank“ mich einfach nur an: „Komm!“. Wir rannten sofort über die Gleise, sprangen über zwei hohe Zäune und liefen die Straße hinunter. Zum ersten Mal in meinem Leben lief ich die 100 Meter unter 14 Sekunden. Wir schauten uns nicht um, rannten immer weiter und bogen in eine Seitenstraße mit Kopfsteinpflaster ein.
In meinem gesamten DDR-Leben schwebte scheinbar, obwohl ich atheistisch erzogen wurde, ein Glücksengel über meinem Haupt, denn ich stieß fast mit einem Auto zusammen: einem Taxi mit „Frei“-Zeichen! In unserem autoarmen Land, in dem man gut und gerne mal zwei Stunden wartete, sogar wenn man ein Taxi bestellt hatte, flog ich in diesem Augenblick fast über die Kühlerhaube eines beigen Wartburgs. Ich riss die Tür auf – „Krank“ hätte sie bestimmt wieder abgerissen – und fragte ungläubig: „Frei?“
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Wir fuhren in den Alfclub in die Mollstraße und bezahlten den Taxifahrer großzügig mit Groschen und Zwanzigern. Das Restgeld unserer Tour teilten wir brüderlich, es waren tatsächlich auch ein paar Fünfziger, mehrere Markstücke, ein Rubel und zwei Knöpfe dabei.
Wir stießen darauf an, dass wir nicht in einem „Bullentaxi“ gelandet waren und auf den technischen Informationsvorsprung gegenüber unseren Mitschülern. Die würden doch nie erfahren, wie ein Fahrscheinautomat von innen aussah!

Fred Krankel alias „Krank“ verschwand 1989 über Ungarn in den Westen. Er war kurz nach dem Mauerfall der erste Mensch, bei dem ich dort – in Westberlin – persönlich eingeladen war. Freudestrahlend grinste mich der jetzige Profi-Eishockeyspieler der „Berliner Preußen“ an. Wir betranken unser Wiedersehen in einer urigen Berliner Kneipe in Tempelhof. Nach mehreren Schultheiß-Pils und zwei, drei Schnäpsen schwankte ich mit ihm zum Musikautomaten. Für einen Moment beschlich mich ein ungutes Gefühl. Aber nein, er riss das Ding nicht aus der Wand, sondern wollte lediglich nochmals den neuesten Hit, „Bakerman“ von Laid Back, hören.

Ich konnte Stefan und Fred im Jahr 2009 zwar schon über das Internet ausfindig machen – trotzdem habe ich sie – wie viele andere wichtige Protagonisten meines früheren Lebens – seit fast 20 Jahren nicht mehr gesehen. Wenn ich sie träfe, würden wir sicherlich recht schnell gemeinsam überlegen, ob es heute noch viele Plätze, Straßen und Orte gibt, die uns augenblicklich in unsere ostdeutsche Vergangenheit beamen. Wo wir kurz stehen bleiben und denken würden: „Mensch, das sieht ja noch auch wie früher“, oder „Was, das gibt es ja immer noch?“, „Ist ja wie im Osten!“
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Wahrscheinlich sind es immer wenigere Flecken in Berlin und der ehemaligen Republik, die uns in Gedanken unvermittelt 20 Jahre zurückreisen lassen. Unsere ehemalige Heimat wurde, als wären wir ein rückständiges Inka-Volk gewesen, gnadenlos überbetoniert.
Es war eine große Geschichte, als ein Architekt im November 2008 eine seit 1989 unberührte Wohnung in Leipzig entdeckte. Komplett eingerichtet – ohne ein einziges Westprodukt. Da war es dann plötzlich wieder spannend, wie dieser Ost-Stamm gehaust hatte.
Aber solche Stellen meine ich auch gar nicht und eigentlich müssen wir uns gar keine Mühe mehr geben beim Aufspüren solcher Orte, Dingen des Alltagslebens, bestimmter Gerüche, ungewöhnlicher Stoffe, Redensarten oder Ereignisse, die uns an den Arbeiter- und Bauernstaat erinnern, denn wir haben einen Informationsvorsprung gegenüber unseren Mitmenschen aus dem Westen. Die werden doch nie erfahren, wie das bunte Leben in der DDR wirklich war!
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Zum Weiterlesen auf Spiegel Online – Teil 2
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Zum Koofen: “Mauergewinner bei Amazon”
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Berlin Leninplatz. Neues vom Mauergewinner

11. April 2014 | von | Kategorie: Blog

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Pünktlich zum 25. Jahrestag des Mauerfalls gibt es brandneue Geschichten vom Mauergewinner. Diesmal erfährst Du unter anderem, warum man in der DDR Pappchinesen sammelte, wie es in einem „Lager für Arbeit und Erholung“ zuging, wo sich Udo Lindenberg und der Autor das erste Mal trafen, wann die „Wende“ in der DDR wirklich begann, warum Brüderchen Benny auf einem unsichtbaren Pferd ritt und wie eine sozialistische Lesebühne Geschichte schrieb.

Lesen, bzw. kaufen könnt Ihr “Berlin Leninplatz” hier

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Muttis DDR – Kindheit in der DDR

1. April 2013 | von | Kategorie: Blog

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Das Haus, in dem ich wohne

Das Haus, in dem ich wohne, hat keine bewegte hundertjährige Geschichte auf dem Buckel und spielte auch in der Historie Berlins nie eine größere Rolle. Doch für mich gehört der Tag, an dem ich dort einzog, bis heute zu den schönsten meines Lebens.

Endlich konnte ich der bröckelnden Mietskaserne des stets dunklen Hinterhofs im Prenzlauer Berg entfliehen; mußte nicht mehr in einer Stube, die gleichzeitig das Schlafzimmer war, mit Mann und Kind nächtigen; keinen Boiler in der Küche rechtzeitig anschalten oder daran denken, den Kohleofen vorzuheizen.

Leninplatz

Leninplatz

Als ich die Räume am 5. März 1974 das erste Mal betrat, kam es mir vor, als wäre ich in einem palastartigen Paradies mit Vollkomfort gelandet. Die Menschen, welche in jenen Jahren in die ab 1968 errichteten zehnstöckigen Bauten in der Mollstraße in Friedrichshain einziehen durften, empfanden das wie einen Fünfer im Telelotto. Denn wer durfte damals schon in eine Neubauwohnung ziehen? Wer konnte im Stadtzentrum wohnen? Wir, unsere Familie – für 79 Mark der DDR!

Da ich mit unserem zweiten Sohn schwanger war, hatten wir sie per Dringlichkeitsantrag, über »Vitamin B« und natürlich mit unverschämt viel Glück bekommen. Allerdings verstanden etliche Leute nach der »Wende« oftmals nicht, wie geborgen wir uns mit vier Personen in den 54 Quadratmetern all die Jahre gefühlt haben. Begriffe, wie »Arbeiterschließfächer«, »Platte« oder »Wohnklo« machte schnell die Runde, wenn ich in Urlauben von unserem Heim erzählte…

Zum Weiterlesen in der Friedrichshainer Chronik HIER ANKLICKEN

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