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Ziemlich anzüglich – Jugend in der DDR

18. August 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Berlin Leninplatz, Blog

Nach dem Abschluss der 10. Klasse will ich an die Ostsee fahren. Didi hat dort mit seinen Eltern einen Dauercampingplatz in Prerow und seine Alten sind gerade nicht da. Mittlerweile gehört es zu den Gepflogenheiten, überallhin zu trampen und so stehe ich am Freitagabend – es dämmert bereits – in Pankow-Heinersdorf an der Autobahn-Auffahrt und halte den Daumen in die Höhe.

Beim Trampen trifft man gelegentlich auf zwielichtige Gestalten, aber diesmal habe ich Glück, denn es hält ein weißer Trabi mit zwei jungen Frauen. „Wo willst du denn hin Jungchen?“, fragt mich die eine gut gelaunt und als ich mein Ziel nenne, ruft die Beifahrerin vergnügt: „Bis Rostock nehmen wir dich mit!“ Sie steigt aus, klappt den Sitz nach vorn und drückt mich mit den Händen am Po auf die Rückbank, wo ich mich zwischen unzähligen Weiberklamotten wiederfinde. Über die ruckelige Fahrt kann ich nichts Spannendes berichten, da sich die Mädchen zwar köstlich amüsieren, mich dabei aber gänzlich ignorieren. Egal, ich komme der Ostsee immer näher und mit den Worten: „Na dann viel Glück, Lütter“, lassen sie mich in Bentwisch, an der Landstraße heraus.

Nun heißt es bangen, denn es ist mittlerweile stockdunkel und wird immer frischer. Genervt mache ich mir ein Rucksack-Bier auf und warte. Und warte. Und laufe auf und ab und mache Kniebeugen, Liegestütze und ziehe meine lange Hose und meinen Pulli an – und warte. Gegen Mitternacht, niemand will mich bei stark abnehmendem Verkehr mitnehmen, entdecke an der Straße eine Bushaltestelle. Auf der Bank kann ich mich zumindest ein wenig lang machen und zur Not auch bis zum nächsten Morgen in der Tiefenschwärze der Nacht ausharren. Wie eine Fata Morgana taucht plötzlich ein papyrusweißer Trabi mit zwei albernden Frauen in der Fahrgastzelle auf – und hält!

„Mensch, Jungchen, bist ja immer noch da. Willst du nicht bei uns pennen?“, ruft mir die eine aus der heruntergekurbelten Scheibe zu. Die Szene hat Bums. „Wie’n jetzt?“, frage ich irritiert und finde mich fünf Minuten später im Wohnzimmer eines wohlig-warmen Hauses wieder. Antje und Jasmin studieren in Berlin. Soeben sind sie von einer Party in Rostock ins sturmfreie Haus von Jasmins Eltern zurückgekehrt. Beide sind schon etwas hinüber, mixen sich aber sogleich eine Grüne Wiese mit Curacao und kubanischen Apfelsinen Marke „Berlin Import“. Ich bleibe bei Deutschem Pilsner und entspanne mich allmählich, denn weder Antje noch Jasmin sind so anmutig, wie die noch immer in meinen Träumen vorkommenden Schatzkästchen-Mädchen Annika und Jaqueline, deren vollkommenen Brüste und Spreewald-feuchte Scham ich in so manchem Traum schon gestreichelt habe.
Es sind ganz gewöhnliche Mädels, mit denen man nicht groß angeben kann und vor denen man keine Angst haben braucht, auch wenn sie drei, vier Jahre älter sind.
Ich unterschätze sie und genau das macht sie so gefährlich! Lüstern schlecken sie an den grünen Schalen der Orangen und bewerfen sich gegenseitig damit. Ein Hauch von Erotik wabert durchs Wohnzimmer. Dann holen sie Kaffee-Likör aus der elterlichen Bar und gießen auch mir eine tiefe Tasse ein.

Jasmin geht aufs Klo. Sogleich schmiegt sich Antje an mich und plötzlich spüre ich ihre Bereitschaft zur Hingabe – und eine Hand am Reißverschluss meiner Hose. Von Ost-Südfrüchten verklebte Finger berühren mein immer größer werdendes unschuldiges Glied. ‚Heute werde ich das durchziehen’, denke ich tapfer.

Als Jasmin zurückkehrt, verschwindet Antje hektisch im Bad. Sie ist weniger kuschelig und starrt auf meine ausgebeulte Jeans. „Biste eigentlich noch Jungfrau, Jungchen?“, fragt sie kühl. „Wieso, willste ficken?“, pariere ich. Mein Kopf nimmt die Farbe von Kirchen und Erdbeeren an, wenngleich hier nur Apfelsinen herumliegen. Aber Begierde macht wahrscheinlich auch meine Birne orange. „Na du bist ja vielleicht ‘ne versauter Type?“, murmelt sie und verlässt den Raum. Wenig später wirft sie mir eine Decke auf die Couch und verschwindet dann wortlos.
Bei Jasmin war ich wohl etwas zu unanständig gewesen, aber dass sie Antje gleich davon erzählen musste, während meine Erektion fast schon schmerzte, schmerzt. Mit glühendem Schädel werfe ich mich aufs Bett und möchte in aller Ruhe weinen.

Es brennt noch eine Kerze und plötzlich erscheint die Silhouette einer Frau mit vollen Brüsten auf der gegenüberliegenden Wand. Zu viel Bier, zu viel KaLi, zu viel Stress, denn ich spürt zwei warme Hände auf meinem Rücken. Als ich mich umdrehte, steht ein äußerst begehrenswertes Mädchen splitterfasernackt vor mir. Jasmin legt mir einen Finger auf die Lippen, nimmt meine Hand und führt mich auf leisen Sohlen ins Ehebett ihrer Eltern.

Ich verzichte nach dieser Nacht darauf, nach Prerow weiter zu reisen. Denn als mich Jasmin am nächsten Morgen „Markiboy“ nennt und mich ins Bad unter die heiße Dusche zieht, wo ich nicht mehr die blaue Badehose aus alten Tagen tragen muss, weiß ich: ich bin gekommen, um zu bleiben.

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Silvesterparty – Gute Vorsätze fürs neue Jahr – Jugend in der DDR

25. Dezember 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Berlin Leninplatz, Blog

M.S.Eigentlich müsste ich meinen Lebenslauf schreiben. Das hatte mir unsere Lehrerin Frau Wagenbach geraten, da sie sich im kommenden Jahr bei der Direktorin für meinen Abiturplatz einsetzten will. Trotz zahlreicher Verfehlungen besäße ich zumindest in Deutsch ein gewisses Talent – meinte sie.
Aber das geht leider nicht, denn heute beginnt der lang ersehnte Weihnachtsmarkt an der Jannowitzbrücke. Große Leuchtschriften, blickende Reklametafeln, heulende Sirenen und Lautsprecher-Durchsagen locken mich hinter das breite Tor mit den Märchenfiguren im Tannengrün. Den Alten wird alljährlich mit Glühwein, Altberliner Bierbowle und Kräuterschnäpsen eingeheizt und die Kleinen heulen sich beim Erinnerungsfoto mit dem Rauschebart-Mann im roten Mantel, oder während der Tortur in der Geisterbahn die Augen aus. Andere fahren mit dem ununterbrochen von „O du fröhliche“ musikalisch begleiteten Karussell auf Pferdchen und Hängebauch-Schweinen. Manche erheben sich in einer Gondel des Riesenrads in die Lüfte unter dem Fernsehturm. Wir hingegen stehen uns im Schneematsch vor dem „Superskooter“ die Beine in den Bauch und stürzen, sobald die Sirene ertönt, in einen der per Stange an die Oberleitung angeschlossenen Wagen, werfen hektisch einen Chip in den Schlitz und rammen dann mit aller Gewalt die Autos unserer Kumpel. Dirk, Lars und Andi trifft man zuverlässig am Stand mit den Telespielen, die Tennis, Fußball und Olympia simulieren. Auch ein paar „Einarmige Banditen“ gehören hier zu den Dingen die urst einfetzen und welche es sonst in meiner Stadt nicht gibt.
Weihma
Allerdings spucken die Dinger kein Geld, sondern lediglich Spielmarken aus, die man sich – genau wie beim Gewinn an der „Lotterie“ oder nach Treffern beim Dosenwerfen – in totalen Tinnef umtauschen kann. Einer der Jungs hängt eigentlich immer in den Schlangen vor den Fressständen herum und so gibt es Goldbroiler, Thüringer Bratwurst und Schaschlik satt. Aber auch Alkohol, da die Älteren der Schule – für einen kleinen Aufpreis – bereit sind, uns mitzuversorgen. Noch können sie damit ‘nen Kuhlen machen. Doch im nächsten Jahr sind wir endlich 16 und brauchen die Ausweiskontrollen des Kirsch-Whiskey-Beauftragten, nicht mehr so zu umgehen. Ganz ehrlich: da bleibt keine Zeit, um einen Lebenslauf zu verfassen. Das verschiebe ich mal lieber aufs nächste Jahr.

Doch das Schicksal holt mich ein. Am 26.12.86 geht es auf ein „Ringel“ mit der Familie durch den verschneiten Friedrichshain und wen treffen wir? Richtig: die Wagenbach mit ihrem Stasi-Macker. Der Kerl wird eigentlich nur so genannt, weil er fast immer einen schwarzen Ledermantel trägt und Frau Wagenbach die hübscheste Lehrerin Ostberlins ist. Keiner meiner Freunde mag ihn. „Na Mark, hast du denn schon deine Aufgabe erledigt?“, fragt mich die 24jährige Traumfrau mit einem Lächeln. „Ja, klar doch Frau Wagenbach. Muss ihn nur noch mal in Schönschrift abschreiben“, sage ich und spüre dabei die Blicke meines Vaters im Rücken.

Erst vor wenigen Wochen lümmelte ich wie gewohnt auf dem Teppich herum und hörte Hey Music. „Musst du keine Hausaufgaben machen, du Faultier?“, fragte er, als ob ihn das was angehen würde. Ich reagierte genervt: „Wie hast du eigentlich deine Schule abgeschlossen?“ „Mit Zwei!“ „Okay, ich werde besser sein und jetzt mach bitte die Tür hinter dir zu.“ Es war meine allererste Ansage gegenüber meines zwar nicht sonderlich strengen, aber körperlich noch immer sehr überlegenen Vaters gewesen. „Zum Glück hast du Bitte gesagt“, murmelte er und verschwand dann summend – es lief gerade „Depeche Mode“ – aus dem Zimmer.
Jugendweihe Familie
„Das freut mich Mark. Zeig ihn mir einfach am 4. Januar. Vielleicht schaffst du es ja doch noch auf die EOS.“ Sie schmunzelt dabei eher meinen Alten an. Der böse Mann im schwarzen Leder ist derweil zum zugefrorenen Ententeich weitergelaufen.
Nur kurz können wir danach unserer ängstlichen Mutter und der Oma elegante Schwünge auf den Gleitern zeigen, weil Benny während der kuhlen Abfahrt auf der „Knochenbahn“ böse stürzt und sich dabei, laut Diagnose von Prof. Dr. Scheppert (meinem Vater), die Hand leicht verstaucht. Wir kehren um.
Am 27.12. ist mein Bruder wieder einmal zu Gast im Krankenraus Friedrichshain. Seit er sechs Jahre ist, ruft er immer, wenn wir dort mit der Straßenbahn vorbeifahren: „Hier war ich schon mal.“ Dort wird nach elendig langer Warterei ein Bruch des rechten Handgelenks diagnostiziert. Mit wehleidigem Gesicht und Gips-Arm blockiert der Schwerverletzte ab dem 29.12. – der Qualifikation des ersten Springens der Vierschanzentournee – die Couch und brüllt zusammen mit mir ununterbrochen „Uuullf“, was Vater fast in den Wahnsinn treibt. Ulf Findeisen ist in diesem Jahr der beste Flieger aus unserer Heimat, aber auch die Westdeutschen haben mit Klauser und Bauer potenzielle Siegspringer, weshalb die ARD-Reporter fast durchdrehen. DDR-Olympiasieger Jens Weißflog ist außer Form.
schlitten
Mein Alter feiert noch Resturlaub ab, aber mit „Kürbis Kugelbauch“ allein zu Hause zu sein, ist meistens ganz okay. Der Bierkönig schaut sich am 30.12. mit uns das Wertungsspringen in Obersdorf im Wachkoma im West-TV an, da er die hohlen Ost-Kommentatoren nicht ausstehen kann.

In einer Kneipe in Brandenburg war es deswegen sogar mal zum Eklat gekommen. Er hatte einer Kellnerin gesagt, dass Dirk Thiele der beschissenste Berichterstatter des DDR-Fernsehens wäre. Wie sich herausstellte, war die Bedienung die Ehefrau Thieles, doch statt einer Geraden auf die Zwölf bekam er einfach kein neues Pils mehr ausgeschenkt, was ihn viel schwerwiegender traf.

Vegard Opaas aus Norwegen gewinnt knapp vor Klauser und unser Ulf wird Fünfter. Wir sind zufrieden und ärgern uns lediglich darüber, dass der Schwede Boklöv, trotz großer Weiten, so viele Abzüge wegen seines Stils mit weit geöffneten Skiern (statt sie parallel zu führen) bekommen hat. Alle freuen sich aufs Neujahrs-Springen. Vorher ist jedoch noch Silvester. Meine Alten feiern im „Scheppert-Eck“ mit den Schnapsdrosseln der Gegend und dieses Jahr müssen wir zum Glück nicht mit.
Es ging heiss her
Um 19 Uhr schließe ich den Alfclub auf, um 22 Uhr sind fast alle breit und gegen 23 Uhr habe ich total den Überblick verloren, da unser Heim im 9. Stock zur Partybühne ausgeweitet wurde, nur weil Assi dort oben mal aufs Klo wollte. Wenigstens ist die Wohnung Sperrgebiet für sämtliche Filous, Harzer Knaller und Fliegende Blitze. Die Jungs aus meiner Clique achten sogar darauf, dass die Briefkästen unseres Hauses von Feuerwerkskörpern und Stinkbomben verschont bleiben, damit uns keiner wegen des Clubs blöde kommt. Auch Klingelstreiche fallen somit flach.
Auf dem Parkplatz vor der Tür drehen dennoch alle total durch und Trulli, dessen Bruder sich für diverse Krachmacher von „Pyrotechnik Silberhütte“ bei klirrender Kälte saufrüh vor der Drogerie angestellt hatte, erleidet durch einen „Blitzschlag“ böse Verbrennung am Unterarm. Benny, für den ich heute verantwortlich bin, grölt im Keller zusammen mit Bommel fast unterbrochen „Knall!“, „Bumm!“ und „Peng!“, weil er (wie mein kleiner Freund) ein viel zu großer Schisser ist und gar nicht selbst zum Zündeln hinausgeht. Er begnügt sich mit Wunderkerzen aus Riesa und strahlt. Wenigstens bleibt mir dadurch eine nächtliche Fahrt mit einem „Aua, aua! Hier war ich schon mal. Aua!“, brüllenden Bruder ins Krankenhaus Friedrichshain erspart. Kurz vor Mitternacht stehen meine besten Freunde mit mir am Wohnzimmerfester. Benny zählt hinter uns – parallel zur großen Uhr in der Glotze – den Ablauf der letzten Minute bis zum Jahreswechsel hinunter. Dann schauen alle wie gebannt auf die Silvesterraketen, welche vor all den Neubaublöcken in die Nacht starten. Die meisten von ihnen leuchten weiß, manche sind grün und einige wenige rot. Am Horizont, dort wo wir Westberlin vermuten, scheint der Himmel in grellen Blitzen regelrecht zu explodieren. Alle wünschen sich, einmal Silvester dort zu erleben.
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Während Benny wie auf einer grünen Wiese – die leere Curaçao-Pulle und der Rest von fünf ausgequetschten Kuba-Orangen (wenig Saft – viele Kerne) neben sich liegend – auf der Couch vegetiert, beginne ich gegen 1 Uhr mit der großen Säuberungsaktion und versuche meine Leute aus der elterlichen Wohnung, zurück in den Club-Keller zu treiben. Zum Glück hatte Didi nur unten gereihert (schade um die Buletten) und da auch mein Vater qualmt, wird der Geruch hoffentlich nicht allzu groß auffallen. Ein Hauch von Pfeffi-Likör wabert durch die Luft. Plötzlich ruft Bommel aufgeregt aus dem Kinderzimmer: „Kommt mal alle her. Da unten steht die Wagenbach und kotzt in die Rabatte!“. Ich räume sicherheitshalber die von Oma Halle vergessenen Apfelsinen weg und schaue ebenfalls hinunter.
„Hey Zuckerpuppe, willste hochkommen?“ schreit Andi. „Schnauze, die will was sagen!“, ruft Bommel. Zu viert schauen wir aus dem Fenster: „Das bleibt aber unter uns Mark!“, lallt es nach oben. „Die ist ja breit wie zehn sowjetische Matrosen“, lacht Andi, doch alle schauen mich fragend an, während ich geheimnisvoll in mich hineingrinse. Aber eigentlich weiß ich ja selbst nicht, ob ich ihr Versprechen, sich für mich einzusetzen, oder die Kotzaktion für mich behalten soll.
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„Alles klar. Na dann, ein schönes Neues Jahr“, rufe ich nach unten. Die hübscheste Frau Friedrichshains winkt und schwankt dann hinüber zum S-Block.
Wenn das kein guter Start ins Jahr 1987 ist!

Am Nachmittag des nächsten Tages lege ich die Simon & Garfunkel Amiga-LP auf, träume mich zum Klassenfeind in den Central Park von New York – und scheibe meinen Lebenslauf.
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Kubanische Apfelsinen – Fidel Castros Rache – Jugend in der DDR

14. Dezember 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

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An einem Freitag türmen sich knapp 20 Zentimeter Schnee auf dem Fensterbrett und in der Hofpause liefern wir uns eine heroische Schneeball-Schlacht mit den Vollidioten aus der Rosa Luxemburg. Schon auf dem Heimweg wissen wir, dass uns ein 1A-Wochenende bevorsteht. Mit Benny wuchte ich den Schlitten vom obersten Regal und auch die verrosteten Gleiter finden wir auf Anhieb. Am nächsten Tag sind wir startklar für den winterlichen Friedrichhain. Ich trage meinen gelben Anorak, die grünblaue Bommelmütze, schwarz-rot-gestreifte Hosen und schwarze Stiefel. Wie all meine Freunde bin ich nun ein bunter Farbtupfer, der sich holprig auf Gleitern oder Kufen die schneebedeckten Hügel hinunterstürzt.
In der 6. Klasse hatten wir einmal zeichnen müssen, wie wir uns die Zukunft im Jahr 2000 vorstellen. Mein Bild zeigte die „Todesbahn“ des Volksparks, deren Gipfel man mit einer tollen Seilbahn erreichen konnte. Eine Skisprungschanze gab es auch. Überall rodelten, segelten oder trollten sich bunt gekleidete Kinder und Erwachsene. Fiktion und Wirklichkeit.
Der richtige Winter kehrt erst pünktlich zum Fest zurück. Kurz nach 16 Uhr taucht Vater am Weihnachtstag endlich auf. Er ist leicht hinüber und hat – wie immer in allerletzter Sekunde – die wahrscheinlich allerletzte Kiefer ergattert. Die Kiste Bier, Weinbrand, Sekt und Eierlikör besorgte er während der Arbeitszeit. Unser Essen hingegen musste Mutter an verschiedenen Tagen in Dederon-Beuteln und Netzen vom Fleischer oder aus der Koofi anschleppen.

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Während der Alte auf dem Flur vor den Fahrstühlen beschwipst versucht, den Stamm des fast nadelfreien Gehölzes mittels Säge passgenau für den Christbaum-Ständer anzuspitzen, bohrt Nachbar „Bohne” Voss pedantisch kleine Löcher in den Stamm seines ersten (!) Baumes, um danach die schönsten Zweige des zweiten dort mittels DUOSAN Rapid hineinzukleben. Unser Obermieter kreiert eine fantastische Tanne währenddessen wir die schrecklichste Krüppelkiefer Berlins – angelehnt an die Schrankwand, damit das Ding nicht umfällt – im Wohnzimmer zu stehen haben. Auch das schlampig auf die Zweige verteilte Lametta und die roten Glaskugeln können da keine Verbesserung mehr bewirken. Lediglich der Schwippbogen, die hölzerne Pyramide, der Nussknacker, das Räuchermännchen und etliche handgeschnitzten Rehe aus dem Erzgebirge – Zeugs von Tante Irmgard von vor dem Krieg – vermitteln eine gewisse weihnachtliche Stimmung in unseren vier Neubauwänden. Bennys verkorkste Scherenschnitte dürfen nur im Kinderzimmer-Fenster aufgehängt werden. Zu guter Letzt funktioniert die 16er-NARVA-Lichterkette nicht, sodass Vater eine 10er von Pfirsichnase Voss borgen muss und er (der Träger des goldenen Weinbrand-Abzeichens) dadurch bereits am 24. ein Pulle in den Sand setzt. „Nächstes Jahr bügeln wir unser Lametta auch mal“, lallt er hackedicht, als wir Kartoffelsalat mit Würsten, Buletten und hauchfein geschnittene ungarische Salami aus dem Delikat in uns hineinschaufeln. Danach dürfen wir vom – in Eierlikör schwimmenden – Obstsalat naschen. Auf dem Plattenteller laufen Weihnachtslieder aus dem Erzgebirge, die Mutter immer so gerne hört und welche, aus purem Zynismus, mittlerweile schon einen gewissen Kultcharakter bei den Schepperts haben. Alle singen mit!
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Bescherung ist erst am 25., was uns das heilige Fest – bei bescheuertem TV-Programm endgültig verleidet. Erstes, Zweites, Drittes, DDR1, DDR2 und wieder zurück. Immer wenn jemand beim Umschalten am Fernseher den Weihnachtsbaum mit dem Pulli streift, stellt sich das elektrisch geladene Lametta schlagartig auf. Ich verkrümele mich mit Benny ins Kinderzimmer, wo wir Kassetten hören, da sogar im Westradio fast nur dieser Weihnachtsmist läuft. Ich wäre jetzt lieber mit den Jungs unterwegs, doch auch die müssen das Fest in trauter Familienidylle oder im „Christ-Stollen“ (Kirche) ertragen. Frohe Weihnachten!
Silvester Kinder früher
Frühstück ist um 9 Uhr und es nervt, dass wir mit Mutter „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ und danach „Zwischen Frühstück und Gänsebraten“ mit dem zwanghaft komisch sein wollenden Heinz Quermann schauen müssen, während Vater sich beim Frühshoppen im Scheppert-Eck gehörig einen einhilft. Genau als Hauff-Henkler ihren fürchterlichen Weihnachts-Reigen beendet haben, klingelt es an der Tür. Freudestrahlend drückt uns die Lieblingsoma aus Halle je ein Paket in die Hand, doch Mutter brüllt aus der Küche: „Bescherung ist erst am Nachmittag!“ Ömchen lächelt schulterzuckend während wir an den Wohnzimmertisch getrieben werden. Eine Schüssel mit Rotkraut, grüne Klöße und eine Gans aus dem sozialistischen Bruderland Ungarn, die Mutti als Bückware ergattert hatte, wechseln in der Durchreiche den Besitzer.

Noch bevor Oma ein Stück der Gans angeschnitten hat, lobt sie das Essen über den grünen Klee. Vater zwinkert mir zu und Mutter meckert: „Nun koste doch erstmal!“ Mein Brüderchen bekommt eine Keule und strahlt. Im Gegensatz zu mir (Brust) schaufelt er sofort das gute Fleisch in sich hinein als gäbe es kein Morgen und schaut dann bedrückt zu mir hinüber, weil jetzt nur noch die ollen Sättigungsbeilagen auf seinem Teller liegen.
Klaus Essen
Nach dem Eierlikör-Obstsalat verschwindet Vater zum Mittagschlaf, Mutter macht den Abwasch und Oma darf auf der Couch lümmeln. Dort kreist nun „Weihnachten in Familie“ von Frank Schöbel auf dem Plattenteller. Wir werden demnach nicht für eine Stunde ins Kinderzimmer verbannt, sondern verschwinden freiwillig dorthin.
Plötzlich hämmert jemand an die Tür und kreischt: „Der Weihnachtsmann war da!“ Wenigstens ersparen sie uns den peinlichen Auftritt des angesoffenen Bohne Voss als rot-weiß-gekleideten Geschenke-Überreicher mit dem Bettbezug-Sack von Rewatex. Benny nuschelt eilig ein Gedicht, bevor er sich auf den „Gabentisch“ stürzt.
Meine Eltern (also mit Sicherheit nur Mutter) hatten wie immer dafür gesorgt, dass es „nach viel“ aussieht. Schlüpfer, Socken, Nickis aus der Jugendmode, Autobahn-Rennteile (gewünscht), Schokolade sowie grün-gelbe kubanische Apfelsinen und ein paar mehr Haselnüsse als für Aschenbrödel gibt es in diesem Jahr. Benny bekommt einen Chemiebaukasten, ein Puzzle vom Palast der Republik und ich einen Aktenkoffer. Mein Bruder reißt sofort das relativ schmal wirkende „Westpaket“ von Oma Halle auf. Und tatsächlich: die Matchbox-Autos, die MAOAM-5er-Stange, die BASF-Kassetten, das Ü-Ei und vor allem der 20iger Forumscheck sind nicht nur in seinen Augen wertvoller als alle anderen Präsente zusammen. Ich sehe Benny schon vor mir, wie er in den nächsten Tagen im Intershop im Hotel Berolina herumschleicht und angestrengt überlegt, was er sich davon alles kaufen kann.
Intershop DDR
Mein Vater lächelt derweil süß-sauer, da er von Mutter – wie immer – eine blaue Krawatte und ein braunes Hemd geschenkt bekommen hat und von Oma „Tabac Original“. Von mir gibt es Rasierwasser von „Privileg“, doch Benny schießt wie immer den Vogel ab, denn er überreicht ihm stolz ein Stullenbrett, wo mit krakeligen Schrift mittels Lötkolben das Wort „Prost“ hineingebrannt ist. Noch besser ist sein Geschenk für Mutter. Im Werkunterricht hatte er einen Untersetzer an den Rändern mit Makkaroni beklebt, das Ganze fett mit Goldfarbe bestrichen und in der Mitte klebt ein Schwarz-Weiß-Bild von ihm mit Pionierhalstuch! Mutti bekommt vom Vati „Tosca“ und von mir ein Deo „Atoll“ und eine Packung Halloren-Kugeln. Aber auch Oma geht nicht leer aus: sie ergattert das Parfüm „Schwarzer Samt“, eine Seife von „8×4“ und auch ein paar dieser schier ungenießbaren Apfelsinen. Von mir gibt es lila Pantoffeln und Benny hat einen Notizbrett gebastelt mit dem Slogan: „Hattu Kopf wie Sieb, muttu aufschreiben“. 16 Uhr ist der, wenngleich sehr lustige, Spuk vorbei.
Opa Hans klingelt. Mutti rennt los, um Bohnenkaffee zum „Kalten Hund“ aufzusetzen. Sie kann ihn und seine neue junge Frau nicht ausstehen. Die zwei „angeheirateten“ Mädchen gehen uns nun drei Stunden tierisch auf den Keks, wenngleich wir sie im Kinderzimmer so lange quälen, bis sie heulend zur Mami rennen. Tante Jana (Opas neue Olle) kommt ins Kinderzimmer und wackelt aufgeregt mit ihren üppigen Brüsten vor meinem glühenden Gesicht herum. Ich genieße ich den Auftritt in vollen Zügen. Vater erträgt währenddessen die staatstragenden Monologe meines Opas mit seligem Lächeln; sicherlich auch, weil er sich mit ihm ein Bier (und mitgebrachten „Napoleon“) nach dem anderen hinter die Binde kippen kann, ohne „Mecker“ von Mutter dafür zu beziehen. Zum Glück kommt die Verwandtschaft aus Zwickau diesmal nicht. Die wurde vorsorglich mit Paketen aus dem Hauptstadt-Delikat abgespeist. Um 20 Uhr machen endlich alle die Fliege!
leninplatz

Eine Stunde später beschließe ich, dann doch noch mal nach meinen Jungs zu schauen. Am Rosengarten begegne ich ein paar Kunden aus der Rosa, die mich glücklicherweise nicht einseifen und auch am Leninplatz lungert bei eisiger Kälte niemand herum. Lenin hat einen langen Schneebart und sieht ein bisschen wie der Weihnachtsmann aus. Auf dem Rückweg, als ich es fast schon aufgeben will, sehe ich Torte, Tessi, Bergi und Bommel an der Seitenwand eines 10-Stöckers stehen. Nach großem „Hallöchen, Popöchen“ erfahre ich, dass sie gerade diskutieren, wessen Schneeball höher über das Dach der Hauswand geflogen ist. Ich staune, denn als ich es versuche, komme ich gerade mal bis auf Höhe des 7. Stocks (wobei ich auch im Schlagball-Weitwurf eher eine Niete bin). Tessi und Bergi hatten es bis über das Dach geschafft. Ich soll nun als entscheiden, welcher Wurf der höchste ist. Bei leichtem Schneefall kann ich das auch nicht einschätzen, doch ich habe eine Idee: in Windeseile fahre ich in die Wohnung und hole sechs dieser gummiartigen kubanischen Kugeln. Das müsste funktionieren.
Gerade als ich meine Entscheidung bekannt geben will, kommt Bommel aufgeregt angerannt. „Scheiße, der Hobinek liegt da vorne und blutet wie ein Schwein!“ Eine Apfelsine muss wohl so hoch über das Haus geflogen sein, dass sie seitlich herunter geschossen und unserem KWV-Hausmeister – dem größten Anscheißer der Gegend – auf den Kopf gefallen war. Wir rennen ums Eck und sehen den Kerl tatsächlich in einer weinroten Lache im Schnee liegen. „Leute! Wir behaupten einfach, dass ihm ein Teil aus dem Weltall auf die Omme gekracht ist“, ruft Bergi. Bommel bekommt einen Lachkrampf und steckt uns alle damit an. „Da ist bestimmt eine Apfelsine aus ‘nem kubanischen Raumschiff geplumpst“, ruft Bergi. „Ja ‘ne Fidel-Granate!“, ergänzt Torte. Bommel kullern Tränen über die Wangen.
Rauchen
Nur Tessi kann nicht lachen, weil er vermutet, der Werfer gewesen zu sein und brüllt: „Hobinek, du Idiot, wach auf!“ Bergi dreht ihn um und gibt ihm eine Backpfeife. Wir sehen nun, dass er zwar fürchterlich aus der Nase blutet aber gar keine Kopfwunde hat. Die gefürchtete Kuba-Apfelsine war anscheinend wie ein Flummi von seiner Schapka abgeprallt. Doch durch die enorme Wucht muss er nach vorn auf die Fresse gefallen sein. Die unzerstörbare Ost-Südfrucht liegt drei Meter vor ihm im Schnee. Langsam öffnen sich die verengten Augen und starren uns fragend an. Plötzlich murmelt der Patient: „Danke Jungs! Muss wohl der Wodka gewesen sein. Ohne euch wäre ich im Sommer erfroren.“
Wir staunen nicht schlecht. Einer meiner Freunde wäre mit der Aktion fast im Jugendwerkhof gelandet und nun sind wir die großen Helden? Und was heißt hier eigentlich Sommer? Es liegt Schnee! Ist der Typ jetzt völlig weich in der Birne? Doch alle wollen es sofort dabei belassen. Wir lösen uns blitzschnell auf und verbringen die letzten Stunden des ersten Feiertages in sicherer Weihnachts-Glückseligkeit.
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Berlin Leninplatz – Neue DDR-Sättigungsbeilagen

29. April 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

Bei Amazon gibt es neue Geschichten vom Mauergewinner. Diesmal erfahrt Ihr unter anderem, warum man in der DDR Pappchinesen sammelte, wie es in einem „Lager für Arbeit und Erholung“ zuging, wo sich Udo Lindenberg und der Autor das erste Mal trafen, wann die „Wende“ in der DDR wirklich begann, warum Brüderchen Benny auf einem unsichtbaren Pferd ritt, weshalb die Gruppenratswahl in der 7. Klasse urst einfetzte, wie eine sozialistische Lesebühne Geschichte schrieb, warum Genosse Gehorsam ganz groß herauskam und weshalb eine kubanische Apfelsine beinahe das Weihnachtsfest 1986 ruinierte.
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„Freiheit ist immer auch die Freiheit des A.” Mit einem verstümmelten Luxemburg-Zitat auf einer Schulmauer begann für den Ost-Berliner M. S. bereits im Dezember 1987 die „Wende“. Den Sprayer lernte er nie kennen. Bis heute fragt er sich: Wer war das?
SPIEGEL ONLINE, 2014
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