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Frankreich-Deutschland bei der WM 2014 in Brasilien

4. Juli 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog

WP_20140704_042Ich verreise noch immer gerne mit Freunden. Allerdings werde ich langsam so alt, dass mir die Pärchen-Urlaube mit Sylvie beinahe besser gefallen, da ich mich dann nicht auf die Macken Anderer einstellen oder Kompromisse eingehen muss. Oft sind wir auf diesen Touren „ein Kopf und ein Arsch“, will sagen: wir könnten Reisen auch allein organisieren und wüssten jederzeit, dass die Pläne im Sinne des Partners wären. Mittlerweile schenken wir uns nichts mehr zu Weihnachten, da Konzertkarten, Bücher oder CDs sonst gleich doppelt auf dem Gabentisch lägen.
Die diesjährige Truppe ist halbwegs „mackefrei“ und mit den Südamerika-Neulingen verstehe ich mich blendend. Heute nervt jedoch der lange Entscheidungsfindungs-Prozess, um eine popelige Halbtagestour ins Parnaiba-Delta zu buchen. Sylvie nimmt auf jede noch so kleine Befindlichkeit Rücksicht, während ich sofort feststelle, dass die vier Tour-Operator, welche hier Tür an Tür ihre überambitionierten Event-Büros am Porto das Barcas haben, schlichtweg denselben Trip zum Einheitspreis anbieten. „Ich mach das jetzt mal“, rufe ich und knalle meine Kreditkarte auf den Tresen. „Cinco pessoa por favor.“
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Das kann Danny gar nicht ab und auch Sylvie fühlt sich leicht übergangen. Doch wenigstens sie kann ich überzeugen, dass wir auch in zwei Stunden nichts anderes gebucht hätten – nur um Jahre gealtert wären. Erleichtert flirte ich mit der Dame, bezahle für 5 Personen und pünktlich um 13 Uhr werden wir abgeholt.
Am Minihafen von Porto dos Tatus, der das Einfallstor zum Delta zu sein scheint, schmeißt uns der Fahrer wieder raus. Gerade werden handtellergroße Caranguejos behelfsmäßig in Bündeln zusammengebunden und lebend per Moped in die Stadt zum lustigen „Krebse-Klopf-Klopf“ transportiert.
Schon oft hatte ich erlebt, dass ich sich Guides in Brasilien lustige Namen geben, so auch der heutige. Mit „Sokrates“ sind wir nach fünf Minuten auf einer Wellenlänge, denn seine Tour-Vorbereitung besteht darin, eine Kühlbox mit Eis zu befüllen und uns danach in einen Shop in Richtung der Bierregale zu leiten. Erst als die letzte (von 30) Brahma-Dosen verstaut ist, kann es losgehen.
Die stahlendweiße „Iguana“ ist ein komfortables Boot mit ausfaltbarem Sonnendach und nun auch mit eingebautem Kühlschrank. Schon nach zwei Minuten sehen wir kein Gebäude mehr und befinden uns inmitten des Mangrovenwaldes.
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Hinter mir zischt eine Bierdose. Vögel erheben sich kreischend, während tausende Krebse hektisch schlammige Hügel erklimmen. Unser Tour-Philosoph spricht vorzügliches Portospanenglisch, sodass wir uns alle Informationen zusammenreimen können. Die 85 Inseln des Deltas liegen verstreut über eine Fläche von 2700 Quadratkilometern und der Rio Parnaíba teilt sich zum Schluss in fünf Arme, deren Wasser in den Ozean münden. Es ist eine der vielleicht schönsten Naturstrukturen des Planeten. Wir schippern durch ein furioses Labyrinth von Nebenarmen und Inseln. Auf dem Festland wäre die Vielfalt nur mit Neuseeland zu vergleichen, denn alle fünf Minuten ändert sich die Landschaft dramatisch. Wir passieren große Flüsse, Naturkanäle und breite Lagunen, sehen gigantische Dünen und Strände mit schneeweißem Sand – und das alles eingebettet in den grünen Mangroven-Dschungel.
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Alle fotografieren hektisch träge Kaimane, Leguane, Schlangen, Kapuzineräffchen und schlammige Krebse in einem Wirrwarr von luftigen Stelzwurzel. Etliche Störche, Kormorane und Reiher gleiten vorbei. Nur der immense Frischreichtum bleibt uns verborgen. Sokrates klaut zumindest aus einem Netz ein paar Garnelen und Austern, die er in die entstandenen Löcher der Kühlbox packt. Bei einem kalten „Cerveja Lata“ erzählt er zudem Geschichten von Gespenstern, sprechenden Fischen und alten Fischern, die nie mehr von ihrer Ausfahrt aufs Meer zurückkehrten, bevor er uns an einem matschigen Strand aussteigen lässt. Eine Stunde sollen wir uns dort die Beine vertreten. Eklige Würmer und riesige Schaben krabbeln diese sofort empor und ein Geschwader von Monster-Mücken durchschwirrt die stehende Luft.
Es werden die vielleicht schönsten (zwei) Stunden meiner bisherigen Brasilienreisen, denn nachdem wir uns durch den knietiefen Modder gekämpft haben, erwartet uns eine Landschaft, die mir den Atem verschlägt. Rechts und links erstreckt sich noch immer der tiefgrüne Dschungel, doch davor ragen gigantische Carnaúba-Palmen vor blassgrüner Buschsteppe in den Himmel. Kurz dahinter liegen bizarre Dünen und Wüstenformationen, welche ultratürkisfarbene Süßwasserlagunen in ihren Tälern beherbergen. Und als wäre das nicht schon Naturspektakel genug, erstrahlt in der Ferne ein violett-blauer Atlantik hinter feinsandigen Traumstränden. Wir sind die einzigen Menschen und fühlen uns wie die Einzigen auf dem Planeten. Es ist hier unfassbar still und zum Weinen schön. Alle laufen weit voneinander entfernt durch das Wunderland. Erni winkt aus der Ferne, doch erst als ich bei ihm bin, sehe ich, dass er eine Meeresschildkröte entdeckt hat, die einmal mehr die Unberührtheit dieses Fleckens Erde repräsentiert.
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Nachdem uns Sokrates am Boot eigenhändig die schlammigen Füße gewaschen hat, serviert er vorzügliche Austern mit Limettensaft zum Sonnenuntergangsbier. Was für ein Ausflug! Ohne Rücksicht auf das Verpassen irgendwelcher Achtelfinals buchen wir einen weiteren Trip bei ihm. Er hatte uns die ganze Zeit von roten, weissagenden Vögeln vorgeschwärmt. Die wollen wir morgen sehen!
Auch der zweite Ausflug startet in der gleichen Konstellation: wir haben Bier, sehen Traum-Urwald-Strände-Dünen im unberührten Mangrovengürtel mit einem Typen, den man unterbrochen dafür herzen könnte. In der Abenddämmerung ankern wir vor einer fast kreisrunden Insel. Hier sollen Guarás (rote Ibisse), die nur im nördlichen Südamerika und in Trinidad vorkommen, ihr Nachtquartier aufschlagen. Ich weiß, dass Guarra (mit einem „r“ mehr“) auf Spanisch „Schlampe“ heißt, doch weder Vögel noch die Damen tauchen auf. An Bord gibt es jedoch Getränke, gute Laune und einen Geschichtenerzähler. Sokrates erklärt, dass wir uns die Anzahl, der im Formationsflug ankommenden Sichler genau merken sollen, da diese Kinder- und Enkelzahlen, Lotto- und Fußballergebnisse, oder zu verbleibende Lebensjahre vorhersagen könnten. Wir einigen uns auf das Ballspiel und fast auf ein 0:0, da sehr lange rein gar nichts geschieht. Eine einsame Möwe segelt über uns hinweg. „Okay, wenn wir in weiß spielen, gewinnen wir 1:0“, nörgelt Jenna.
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„Guckt mal da rüber, wie krass ist das denn?“, ruft Danny plötzlich. Aus der Ferne segelt uns ein Gruppe leuchtendroter Vögeln entgegen. Im Licht der untergehenden Sonne wirken sie fast neonpink. Als sie an uns vorbeigleiten, krakelt Jenna: „Und in Rot spielen also 7:0, Scheppert?“ Es sind sieben knallrote Ibisse. „Nee, Meiner, 7:1, da kommt noch ein einsamer Genosse“, nuschelt Erni, wobei ich weder das eine noch das andere Ergebnis mit den ausstehenden Spielen in Verbindung bringen kann. „Richtig, 7:1. Völlig realistisch“, antworte ich. Sokrates nickt, nachdem ich es ihm erklärt habe, denn er glaubt fest an den Quatsch. Okay, Costa Rica ist auch noch in der WM-Verlosung.
Kurz danach gibt es nur noch Handball-Ergebnisse. Der verschwenderische Himmel verfärbt sich rot und alsbald auch die ehemals grüne Insel. Dieses Wunder der Natur sprengt jegliche Vorstellungskraft. Brasilien kann einen immer wieder umhauen. „Kleine Bierkrise, würde ich meinen“, murmelt Sylvie mit leuchtenden Augen und krallt sich die letzte Dose. Leider müssen wir nun zum Hafen zurückkehren.
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„Wenn es am schönsten ist, sollte man gehen.“ Ich mag diese Redewendung nicht und hielt mich im Leben meistens auch selten daran. Die englische Entsprechung: „One should leave off with an appetite“ ist ebenso Quark, denn was soll denn jetzt fußballtechnisch noch besseres kommen, als eine WM in Brasilien? Genau. Nichts! Dummerweise ist unsere Reise im Vorfeld so geplant gewesen, dass wir nach dem Viertelfinale die Heimreise antreten müssen. Während mein Freund Trueman gerade auf dem Weg nach Rio ist, um das Spiel gegen die Franzosen vor Ort zu zelebrieren, werden wir nicht einmal im Stadion, sondern wieder nur auf dem Fanfest in Recife sein – wenn überhaupt …
Der Flieger, der uns aus Parnaiba heraushauen soll, kommt nämlich nicht. Nach drei Stunden heißt es, dass wir per Bus ins 400 Kilometer entfernte Fortaleza gekarrt werden sollen, wo es Anschlussflüge gäbe. Wir sitzen schon in der Klapperkiste, die an einem schäbigen Restaurant plötzlich stoppt, da neue Gerüchte laut werden: das Flugzeug sei doch im Anflug. Also Kommando zurück und nochmals vier Stunden an Gate A warten (es gibt nur A), um gegen Mitternacht endlich in Fortaleza – natürlich ohne Anschluss – zu landen. Brasilien spielt in 17 Stunden sein Viertelfinale gegen Kolumbien genau in dieser Stadt. Wir bekommen nicht einmal Entschädigungshotel-Betten. Da es auch keine freien Sitzmöglichkeiten am chaotisch überfüllten Terminal gibt, lungern wir bis früh um 7 Uhr auf arschkalten Fliesen herum, bevor es endlich weitergeht und wir gegen 11 Uhr – nach lediglich 23 Stunden Anreise – in Recife landen. Dort können wir nun auch auf ein Hotel verzichten, da „unser“ Anstoß bereits um 13 Uhr erfolgt. Jetzt heißt es: kurz die dicken Waden im haiverseuchten Meer sowie die Gemüter mittels Brahma abkühlen und diverse Kopfbatterien nach diesen dornenreichen Stunden wieder aufladen.
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Wenngleich zwei meiner Mitstreiter während der gesamten Tortur in Panik gerieten, dass wir den Heimflug nicht pünktlich erreichen, sehe ich am Strand von Boa Viagem einige Dinge plötzlich glassklar. Was würde eigentlich geschehen, wenn wir diesen wirklich verpassen würden? Ich müsste mich bei meinem, sich zur WM zumindest minimal für Fußball interessierenden, Chef melden und ein paar Zusatz-Urlaubstage (im Sommerloch) beantragen. Ein paar hundert Euro mehr würde der Trip kosten. Mein Arsenal an Ausreden bröckelt. ‚Na und? Wenn es am schönsten ist, sollte man bleiben‘, rede ich mir ein, ohne es laut auszusprechen. Mein eingenicktes Mädchen schreckt hoch und ruft: „Wir müssen los, oder?“
Fußball ist für mich insofern faszinierend, da er eine Euphorie auslösen kann, für die man sonst harte Drogen bräuchte. Da kommt plötzlich immer dieses Sausen im Kopf, dieses krasse Gefühl, lebendig zu sein. Als wir Recife Antigo nach zwei Tagen ohne Schlaf erreichen, spüre- in meinen Adern drei Linien Kokain pulsieren, obwohl dort nur ein zwei Bier wabern. Okay, wir reden hier nicht von einem ätzend langweiligen Freundschaftsspiel oder einer 13.30 Uhr-Zweitliga-Partie, sondern vom Viertelfinale der WM mit deutscher Beteiligung.
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Auf dem Fanfest ist um einiges mehr los als bei der Partie gegen Portugal. Etwa 400 Deutsche und 200 blaue Frösche in eng anliegenden Trikots trinken sich Mut an, aber auch viele Einheimische sind bei 32 Grad, im nicht vorhandenen Schatten, vor Ort; wahrscheinlich weil ihr Team direkt im Anschluss spielt. Einige brasilienbraune Schönheiten haben sich sogar schwarz-rot-goldene Fahnen auf die Wangen gemalt. Später erfahre ich, dass sie lediglich Deutsch an der Uni lernen und deshalb unser Team unterstützen. ‚Ist eigentlich unser Land oder das Team angesagt?‘, frage ich mich während Erni beinahe das angeschleppte Bier verschüttet beim Betrachten der lächelnden Schönheitsköniginnen im Minirock. Trueman schreibt mir eine SMS aus dem Maracana in Rio – auch nicht schlecht. Neid!
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Das Spiel: Mats Hummels köpft nach einer Flanke von Toni Kroos in der 12. Minute das 1:0 unter die Latte und lässt und zu hüpfenden Rumpelstilzchen mutieren. Danach heißt es 80 Minuten lang zittern, obwohl wir heute nicht die Eisbahn in der Mall nebenan betreten. Okay, das Team spielt nicht schön aber sicherer als gegen Algerien, doch Frankreich gelingt es oft, den Ball zielstrebig in unsere Gefahrenzone zu bringen und Benzema treibt uns, aber auch die hiesigen Franzosen, fast in den Wahnsinn. Kaum zu glauben, dass Neuer in der Nachspielzeit nach seinem Dynamitschuss den rechten Arm so schnell nach oben reißen kann und uns den Einzug ins Halbfinale rettet. „La Boum 2. Die Party geht weiter!“, ruft Jenna saulässig und Erni startet seine berühmt-berüchtigte Polonaise. Die Deutschland Gewogenen schließen sich ihm an und rocken die Altstadt von Recife. Bis zu dem Moment als alle in ungläubigem Staunen verharren. Mit lautstarker Fanfarenmusik marschieren zehn brasilianische Riesen ein, gefolgt von tausenden Menschen in Nationaltrikots.
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Die fünf Meter großen Figuren, geschultert von normalen Menschen, bilden die Vorhut zum anstehenden Viertelfinale. Eine Volksfest-Tradition aus Olinda hat somit auch Recife erreicht, denn die Riesenfiguren aus Holz, Pappmaché und Ton prägen den dortigen Karneval seit hundert Jahren. Wo sonst Politiker und Stars verspottet oder gehuldigt werden, sind es diesmal die WM-Stars. Fantastisch, wie realistisch und lebensnah die Gesichter aussehen, wobei ich von den zehn Giganten nur Pelé, Neymar, Scolari, Fred und David Luiz erkenne. Und natürlich den „Beißer“ Suarez, den sie als Vampir dargestellt haben. Die Stimmung inmitten der tanzenden Meute ist grandios. Deutsche und Franzosen waren ja regelrecht introvertiert, im Vergleich zu dem, was jetzt abgeht. Aber nach fünf Bieren in der prallen Sonne feiern besonders Erni und ich gehörig mit und drücken Pelé und Neymar die Deutschlandfahne in die schlaffe Hand. Da die Typen unter den Figuren nichts sehen können, entstehen Fotos für unsere Ewigkeit. Brasilianische Chicas wollen sich zudem mit uns, Neymar und Flagge ablichten lassen, als Beweis für die WM ihres Lebens – für ihre Ewigkeit. Wir trinken Brahma aus Riesendosen gefüllt mit Adrenalin.
Leider wollen meine Freunde das Spiel nicht hier verfolgen, sondern dem Tollhaus mit einem eleganten Abgang entweichen, nur, um etwas zu essen, was aus meiner Sicht völlig überbewertet ist. Einige Ecken weiter kehre ich in eine Open-Air-Kneipe ein, setze mich vor die Leinwand und rufe: „Ihr wisst, wo ihr mich findet!“ Nach Rückkehr der Hungrigen – das rasante Spiel hat längst begonnen – macht Sylvie Fotos. Mittlerweile sitze ich im rot-schwarzen „Rugbytrikot“ ganz allein inmitten von gelb-grün-blau bekleideten Heißblütern und habe eine „GOAL-Brille“ dabei, die mir jemand geschenkt hatte. WM-Fieber!
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Brasilien gewinnt 2:1 und ist demnach unser Halbfinalgegner. Neymar wurde böse gefault und rausgetragen, was mir – da in meinem Leben schon öfter prophezeit wurde: Deutschland wird Weltmeister – ein bisschen Mut gibt. Der Typ ist deren einziger Weltklassespieler. Ohne den Volksheld und den gesperrten Thiago Silva wird das Halbfinale immer noch hart, aber durchaus machbar sein. Nach der Partie umarmen mich etliche Menschen herzlich, in der Gewissheit, dass ich (!) nun der nächste Gegner bin. Mir kommen fast die Tränen.
Verdammt, ich habe doch nur eine Schatztruhe namens Leben und manchmal gehe ich damit um, als hätte ich tausende. Gehen oder bleiben?

Zum Weiterlesen: 90 Minuten Update
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Und noch ein paar Videos:

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Venezuela – gute Freunde & fiese Krebse

22. Oktober 2015 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Aktuelles, Blog

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Ein Nachtbus bringt uns nach Ciudad Bolivar. Bei der Ankunft werden wir vom Busbegleiter unsanft geweckt, nachdem ihn sein Kollege angewiesen hatte: „Die Gringos mal aus dem Bus zu schmeißen“, was sich wohl auf Sylvie, mich und zwei Engländer bezieht. Leicht geschockt vom Zustand des Busbahnhofes und den Menschen, die dort herumlungern, überzeugen wir die Briten sich mit uns ein „Por Puesto“ – eine Art Sammeltaxi – zu teilen, um an die Küste zu gelangen.
Sie wollen direkt weiter nach Kolumbien „because, Venezuela is too dangerous.“ Die Karre ist ein uralter Ami-Schlitten mit riesigem Kofferraum und einer Sitzbank für drei Leute vorn. Sie wird nur noch von Rost zusammen gehalten und von einem Möchtegern-Schumi in halsbrecherischer Art über die Straßen gejagt. Bei unserer Nobelkarosse ist die Kilometeranzeige bei 630000 Meilen stehen geblieben! Dank der Fahrweise brauchen wir für die Strecke, für die der Bus sechs Stunden benötigt hätte, nur vier, inklusive einer Kaffeepause. Der ist mit zwei Dollar genauso teuer, wie eine komplette Tankfüllung. Willkommen im sozialistischen Erdölland!

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Die Jungs von der Insel hatten in der Zwischenzeit beschlossen, sich uns anzuschließen, da sie ganz gerne den karibischen Traumstrand sehen wollten, von dem ich ihnen vorgeschwärmt hatte. Doch in Santa Fe muss sich in den letzten Jahren Schreckliches ereignet haben. Der Ort hat sich in ein Drecksloch verwandelt, mit hässlichen Betonbauten und Posadas, die durchweg schäbig wirken. Der Strand ist voll gepackt mit fetten Venezolanern, die den ganzen Tag Bier und Rum in sich hineinlaufen lassen, ständig am Fressen sind und das Meer mit Plastiktüten zumüllen. Das Schlimmste: alle Häuser sind komplett vergittert und umzäunt. Es wird empfohlen, nach Anbruch der Dunkelheit nicht mehr nach draußen zu gehen.
In einem Land, das als viertgrößter Rohöl-Lieferant der Welt gilt, erwartet man einfach nicht, dass ein Großteil der Bevölkerung unter der Armutsgrenze lebt und die Hauptstadt Caracas als zweitgefährlichste Stadt der Welt – nach Bagdad – gilt. Wir bekommen die letzten zwei Zimmer in einer Posada, in der es weder Strom noch Wasser gibt. Dafür rennen unzählige Kakerlaken in den gefängnisartigen Räumen umher. Was machen vor allem Engländer in so einer beschissenen Situation, um nicht völlig zu verzweifeln? Genau. Und wir trinken mit!
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Am nächsten Morgen geht es zum Flughafen, um unsere Freunde abzuholen. Für heute haben wir extra zwei Zimmer woanders vorreserviert. Die sollen dort Elektrizität und eine funktionierende Dusche haben. Endlich angekommen, kaufen wir Inlandtickets für den Tag unserer Abreise. Nach drei Versuchen haben sie meinen Namen mir „Schrllt“ fast richtig geschrieben. Um 12.30 Uhr begrüßen wir unsere Freunde mit einem Schild auf dem „Major, Leutnant y Meisner“ steht. Per Taxi geht es in „unser“ Santa Fe. Nach der Venezuela-Reise vor zehn Jahren hatten wir uns feierlich geschworen, dass wir das unberührte Fischerdorf mit dem Strand unter Palmen unbedingt noch einmal im Leben sehen müssten.

Als wir am schmuddeligen Marktplatz an der ehemaligen Eisfabrik vorbeilaufen, kommen sie mir mit ihren Rollkoffern ein bisschen vor, wie Schweine im Weltall. Matze stellt sich zudem beim Ziehen des Gepäcks durch Schlamm und Dreck ziemlich dämlich an. „Bist du bescheuert oder was?“, frage ich ihn grinsend. Er schubst mich genervt zur Seite, sodass ich fast in den knietiefen Fluss aus Abwasser und Fäkalien falle. Der Bach ist die Trennlinie zwischen Dorf und Touristenbereich.
Verwundert schütteln sie den Kopf, als sie die, von uns gewählte, Posada sehen. Die zweitbeste Unterkunft im Ort ist durch eine hohe Mauer, Stromzaun und Gittern vor den Fenstern gesichert. Der Opa hat unsere Reservierung natürlich vergessen, findet dann aber doch noch zwei Zimmer im Keller seines Ferienparadieses.
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Sofort beginnt die Jammerei, dass das Klo stinken würde, die Dusche (doch) nicht funktioniert und der Ventilator zu laut sei. Einige Geckos kleben an den Wänden, was entweder ein gutes Zeichen ist, da sie die Mücken fressen, oder ein schlechtes, dass es hier viele Stechviecher gibt. Wir müssen sie besänftigen und gehen in die ehemals schönste Bar der Welt. Die steht zumindest immer noch direkt auf dem Strand und hält Mixgetränke und Bier bereit. Leider schwimmen davor auch heute etliche besoffene Einheimische, zusammen mit dem von ihnen verursachten Müll.
Nach ein paar eisgekühlten Polar-Bieren haben sich die Gemüter ein wenig beruhigt. „18“, „20“, „Zwo“, „23“, „24““, rufen wir nacheinander und gehen lachend gemeinsam pinkeln. Dort lernen wir zwei lustige Gesellen aus Chemnitz kennen, die ihre Lebensweisheiten in tiefstem Sächsisch kundtun. Der eine: „Arbeiten ist doch echt Scheiße, das sollen lieber andere für mich machen.“ Der zweite: „Also ehrlich, die Nutten sind in Brasilien viel besser.“ „Echt?“, fragt Göte und die beiden antworten im Chor: „Nuklear!“ (Na klar!). Sie tragen noch immer DDR-Frisuren und Sylvie flüstert mir nicht ganz zu Unrecht ins Ohr: „Mann sind die hässlich.“ Matze murmelt: „Solln se’ mal alle machen.“

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Den Sachsen macht es sichtlich Freude, riesige Taschenkrebse, die in der Dämmerung über den Strand marschieren, mit bloßen Händen zu fangen und auf unseren Tisch zu werfen. Ich schaue mir die grauen Scherentiere mit den schwarzen Kulleraugen eine Weile an und habe eine Idee. Wir könnten ein Wettrennen veranstalten. Jeder von uns wählt ein Tier und darf ein Land benennen, für das es an den Start geht. Sylvie beginnt und nimmt den allerkleinsten Krebs. Er läuft für Brasilien. Udo und Rico wollen unbedingt den Deutschland-Gliederfüßer haben und einigen sich gemeinsam auf ein 15 cm großes Ungeheuer. Da unser Team nun schon weg ist, nehme ich Spanien und die Viecher von Jenna, Matze und Göte starten für Mexiko, die USA und England. Wahrscheinlich versteht meine gepanzerte Riesenkrabbe als einzige den Sinn unseres Spieles und läuft auf der Tischplatte allen davon. Im Finale schlägt sie das „deutsche Monster“ deutlich. „Zählt nicht! Das war ja das letzte EM-Finale“, meckert Göte. Doch auch im WM-Lauf für 2010 und im 2012er EM-Rennen ist der „Spanien-Krebs“ unschlagbar. „Okay, dann also 2014“, brüllt Udo und tunkt seinen Starter ins Cuba Libre Glas. Von Rico euphorisch angefeuert, schlägt ihr Biest Spanien diesmal schon im Halbfinale. Zur Überraschung aller, folgt ihm die brasilianische Minikrabbe in den Endlauf. Mittlerweile stehen auch ein paar Einheimische um unseren Tisch herum und verfolgen das Spektakel amüsiert. Erst im entscheidenden dritten Lauf, gewinnt Deutschland den Titel gegen Brasilien. Auch wenn Sylvie protestiert und eine „Dopingkontrolle“ verlangt, sehe ich nur in glückliche Gesichter, denn niemand hat etwas dagegen, dass unser Land 2014 Fußball-Weltmeister wird.
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Noch am Abend hatten wir Alvaro kennen gelernt. Der freundliche Typ versprach in gutem Englisch: „Everything is possible“, was mich beruhigte, da er sicher etwas für meine anspruchsvollen Kumpels organisieren könnte. Göte hatte per Handschlag auch sofort eine Bootstour für 25 Dollar pro Person in den Nationalpark besiegelt. Der ortsübliche Preis liegt bei 5,- $ pro Nase.
Wie ein Schwein ins Uhrwerk schaut vor allem Matze als er beim Frühstück von einem Sechsjährigen bedient wird. Aber es kommt fast alles, was bestellt wurde. Pünktlich um 10 Uhr legen wir ab. Wir haben den Führer Toni an Bord, etliche eisgekühlte Biere, Fisch zum Grillen und einen zweiten Bootsmann – den niedlichen kleinen Kellner. Da er uns seinen Namen nicht verrät, taufen wir ihn Horst 6. Um Schnorchelzeug zu leihen, müssen wir an einem anderen Ort anlegen. Dort liegt eine Knarre im glasklaren Wasser auf dem Grund. Es ist keine Wasserpistole.
Doch gleich nach den ersten zwei Bieren stoßen wir auf eine Gruppe Delfine, die direkt neben unserem Kutter zu springen beginnt. Besonders Sylvie brüllt unentwegt: „Da!“, „Da!“, „Da!“, wie in einem Trio-Song. Zum ersten Mal, seit sie hier sind, sehe ich auch in den Augen meiner Jungs dieses ganz spezielle Funkeln. Wenngleich wir uns über die Jahre ein wenig voneinander entfernt haben, weiß ich, dass auch sie bis ans Lebensende das Jetzt und Hier genießen können, dass die Neugier niemals sterben wird. Wir sind wieder gemeinsam unterwegs. Für einen Moment gibt es nur uns und die Delfine im glitzernden Meer. Und kein Morgen.
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Wir ankern an der vermeintlich schönsten Schnorchelstelle unseres Trips. Es gibt hier abgebrochene und tote Korallenbänke, einige bunte Fische, die umgeben von Ölkanistern und Plastiktüten, nach Luft schnappen und unsere weißen Bäuche umkreisen. Vor zehn Jahren war das hier das Schönste, was ich jemals unter Wasser gesehen hatte. „Aua, ich bin von einer Qualle gepiekst worden“, ruft Jenna und gibt damit seinen ersten vollständigen Satz des Tages von sich.
Die kleine Insel, auf der wir landen, erinnert nur noch entfernt an einen Karibiktraum, da sie durch gigantische Müllberge entstellt wird. Wie ist bloß dieser ganze Dreck hergekommen? Toni und Horst 6 ignorieren unsere entsetzten Blicke und entzünden den Grill mit Benzin aus einem Kanister. Der Red Snapper schmeckt gut, auch wenn uns hunderte Sandfliegen die Beine zerstechen. Um 13.00 Uhr fragt Matze, ob wir nicht langsam nach Hause fahren können, da er Angst hat, dass das Bier knapp wird. Doch Jenna und Sylvie setzen sich durch und gehen nochmals mit klein Horsti schnorcheln. Das Bier wird knapp! Auf dem Rückweg fahren wir durch extrem Delfin-verseuchtes Wasser und entspannen uns wieder.
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Gegen 22 Uhr sind wir völlig abgefüllt. Matze krakeelt: „Jetzt trinken wir aber mal richtig einen“ und fragt Alf (Alvaro), wo die örtliche Disko ist. Der antwortet emotionslos, dass wir dort, fünf Strassen vom Strand entfernt, wahrscheinlich totgeschlagen werden. Schon ab 20 Uhr hätte man da nichts mehr zu suchen. Wir gehen geplättet in unseren Hochsicherheitstrakt. Endgültig schwöre ich mir, nie wieder an einen Ort zu fahren, mit dem so schöne Erinnerungen verbunden sind.
Vor Götes und Matzes Zimmer laufen der Mexiko- und der Spanienkrebs auf und ab. Wir erkennen sie gut, da das „M“ und „S“, was Udo mit Edding auf ihre Panzer gemalt hatte, noch immer sichtbar ist. Wahrscheinlich suchen sie besorgt ihr Kind, den kleinen Brasilien-Flitzer. Doch sie werden es nicht finden. Die Chemnitzer hatten die Babykrabbe, zusammen mit dem „D“-Krebs, als Erinnerung mitgenommen.
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Zum Weiterlesen: 90 Minuten Südamerika
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