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Silvesterparty – Gute Vorsätze fürs neue Jahr – Jugend in der DDR

25. Dezember 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Leninplatz

M.S.Eigentlich müsste ich meinen Lebenslauf schreiben. Das hatte mir unsere Lehrerin Frau Wagenbach geraten, da sie sich im kommenden Jahr bei der Direktorin für meinen Abiturplatz einsetzten will. Trotz zahlreicher Verfehlungen besäße ich zumindest in Deutsch ein gewisses Talent – meinte sie.
Aber das geht leider nicht, denn heute beginnt der lang ersehnte Weihnachtsmarkt an der Jannowitzbrücke. Große Leuchtschriften, blickende Reklametafeln, heulende Sirenen und Lautsprecher-Durchsagen locken mich hinter das breite Tor mit den Märchenfiguren im Tannengrün. Den Alten wird alljährlich mit Glühwein, Altberliner Bierbowle und Kräuterschnäpsen eingeheizt und die Kleinen heulen sich beim Erinnerungsfoto mit dem Rauschebart-Mann im roten Mantel, oder während der Tortur in der Geisterbahn die Augen aus. Andere fahren mit dem ununterbrochen von „O du fröhliche“ musikalisch begleiteten Karussell auf Pferdchen und Hängebauch-Schweinen. Manche erheben sich in einer Gondel des Riesenrads in die Lüfte unter dem Fernsehturm. Wir hingegen stehen uns im Schneematsch vor dem „Superskooter“ die Beine in den Bauch und stürzen, sobald die Sirene ertönt, in einen der per Stange an die Oberleitung angeschlossenen Wagen, werfen hektisch einen Chip in den Schlitz und rammen dann mit aller Gewalt die Autos unserer Kumpel. Dirk, Lars und Andi trifft man zuverlässig am Stand mit den Telespielen, die Tennis, Fußball und Olympia simulieren. Auch ein paar „Einarmige Banditen“ gehören hier zu den Dingen die urst einfetzen und welche es sonst in meiner Stadt nicht gibt.
Weihma
Allerdings spucken die Dinger kein Geld, sondern lediglich Spielmarken aus, die man sich – genau wie beim Gewinn an der „Lotterie“ oder nach Treffern beim Dosenwerfen – in totalen Tinnef umtauschen kann. Einer der Jungs hängt eigentlich immer in den Schlangen vor den Fressständen herum und so gibt es Goldbroiler, Thüringer Bratwurst und Schaschlik satt. Aber auch Alkohol, da die Älteren der Schule – für einen kleinen Aufpreis – bereit sind, uns mitzuversorgen. Noch können sie damit ‘nen Kuhlen machen. Doch im nächsten Jahr sind wir endlich 16 und brauchen die Ausweiskontrollen des Kirsch-Whiskey-Beauftragten, nicht mehr so zu umgehen. Ganz ehrlich: da bleibt keine Zeit, um einen Lebenslauf zu verfassen. Das verschiebe ich mal lieber aufs nächste Jahr.

Doch das Schicksal holt mich ein. Am 26.12.86 geht es auf ein „Ringel“ mit der Familie durch den verschneiten Friedrichshain und wen treffen wir? Richtig: die Wagenbach mit ihrem Stasi-Macker. Der Kerl wird eigentlich nur so genannt, weil er fast immer einen schwarzen Ledermantel trägt und Frau Wagenbach die hübscheste Lehrerin Ostberlins ist. Keiner meiner Freunde mag ihn. „Na Mark, hast du denn schon deine Aufgabe erledigt?“, fragt mich die 24jährige Traumfrau mit einem Lächeln. „Ja, klar doch Frau Wagenbach. Muss ihn nur noch mal in Schönschrift abschreiben“, sage ich und spüre dabei die Blicke meines Vaters im Rücken.

Erst vor wenigen Wochen lümmelte ich wie gewohnt auf dem Teppich herum und hörte Hey Music. „Musst du keine Hausaufgaben machen, du Faultier?“, fragte er, als ob ihn das was angehen würde. Ich reagierte genervt: „Wie hast du eigentlich deine Schule abgeschlossen?“ „Mit Zwei!“ „Okay, ich werde besser sein und jetzt mach bitte die Tür hinter dir zu.“ Es war meine allererste Ansage gegenüber meines zwar nicht sonderlich strengen, aber körperlich noch immer sehr überlegenen Vaters gewesen. „Zum Glück hast du Bitte gesagt“, murmelte er und verschwand dann summend – es lief gerade „Depeche Mode“ – aus dem Zimmer.
Jugendweihe Familie
„Das freut mich Mark. Zeig ihn mir einfach am 4. Januar. Vielleicht schaffst du es ja doch noch auf die EOS.“ Sie schmunzelt dabei eher meinen Alten an. Der böse Mann im schwarzen Leder ist derweil zum zugefrorenen Ententeich weitergelaufen.
Nur kurz können wir danach unserer ängstlichen Mutter und der Oma elegante Schwünge auf den Gleitern zeigen, weil Benny während der kuhlen Abfahrt auf der „Knochenbahn“ böse stürzt und sich dabei, laut Diagnose von Prof. Dr. Scheppert (meinem Vater), die Hand leicht verstaucht. Wir kehren um.
Am 27.12. ist mein Bruder wieder einmal zu Gast im Krankenraus Friedrichshain. Seit er sechs Jahre ist, ruft er immer, wenn wir dort mit der Straßenbahn vorbeifahren: „Hier war ich schon mal.“ Dort wird nach elendig langer Warterei ein Bruch des rechten Handgelenks diagnostiziert. Mit wehleidigem Gesicht und Gips-Arm blockiert der Schwerverletzte ab dem 29.12. – der Qualifikation des ersten Springens der Vierschanzentournee – die Couch und brüllt zusammen mit mir ununterbrochen „Uuullf“, was Vater fast in den Wahnsinn treibt. Ulf Findeisen ist in diesem Jahr der beste Flieger aus unserer Heimat, aber auch die Westdeutschen haben mit Klauser und Bauer potenzielle Siegspringer, weshalb die ARD-Reporter fast durchdrehen. DDR-Olympiasieger Jens Weißflog ist außer Form.
schlitten
Mein Alter feiert noch Resturlaub ab, aber mit „Kürbis Kugelbauch“ allein zu Hause zu sein, ist meistens ganz okay. Der Bierkönig schaut sich am 30.12. mit uns das Wertungsspringen in Obersdorf im Wachkoma im West-TV an, da er die hohlen Ost-Kommentatoren nicht ausstehen kann.

In einer Kneipe in Brandenburg war es deswegen sogar mal zum Eklat gekommen. Er hatte einer Kellnerin gesagt, dass Dirk Thiele der beschissenste Berichterstatter des DDR-Fernsehens wäre. Wie sich herausstellte, war die Bedienung die Ehefrau Thieles, doch statt einer Geraden auf die Zwölf bekam er einfach kein neues Pils mehr ausgeschenkt, was ihn viel schwerwiegender traf.

Vegard Opaas aus Norwegen gewinnt knapp vor Klauser und unser Ulf wird Fünfter. Wir sind zufrieden und ärgern uns lediglich darüber, dass der Schwede Boklöv, trotz großer Weiten, so viele Abzüge wegen seines Stils mit weit geöffneten Skiern (statt sie parallel zu führen) bekommen hat. Alle freuen sich aufs Neujahrs-Springen. Vorher ist jedoch noch Silvester. Meine Alten feiern im „Scheppert-Eck“ mit den Schnapsdrosseln der Gegend und dieses Jahr müssen wir zum Glück nicht mit.
Es ging heiss her
Um 19 Uhr schließe ich den Alfclub auf, um 22 Uhr sind fast alle breit und gegen 23 Uhr habe ich total den Überblick verloren, da unser Heim im 9. Stock zur Partybühne ausgeweitet wurde, nur weil Assi dort oben mal aufs Klo wollte. Wenigstens ist die Wohnung Sperrgebiet für sämtliche Filous, Harzer Knaller und Fliegende Blitze. Die Jungs aus meiner Clique achten sogar darauf, dass die Briefkästen unseres Hauses von Feuerwerkskörpern und Stinkbomben verschont bleiben, damit uns keiner wegen des Clubs blöde kommt. Auch Klingelstreiche fallen somit flach.
Auf dem Parkplatz vor der Tür drehen dennoch alle total durch und Trulli, dessen Bruder sich für diverse Krachmacher von „Pyrotechnik Silberhütte“ bei klirrender Kälte saufrüh vor der Drogerie angestellt hatte, erleidet durch einen „Blitzschlag“ böse Verbrennung am Unterarm. Benny, für den ich heute verantwortlich bin, grölt im Keller zusammen mit Bommel fast unterbrochen „Knall!“, „Bumm!“ und „Peng!“, weil er (wie mein kleiner Freund) ein viel zu großer Schisser ist und gar nicht selbst zum Zündeln hinausgeht. Er begnügt sich mit Wunderkerzen aus Riesa und strahlt. Wenigstens bleibt mir dadurch eine nächtliche Fahrt mit einem „Aua, aua! Hier war ich schon mal. Aua!“, brüllenden Bruder ins Krankenhaus Friedrichshain erspart. Kurz vor Mitternacht stehen meine besten Freunde mit mir am Wohnzimmerfester. Benny zählt hinter uns – parallel zur großen Uhr in der Glotze – den Ablauf der letzten Minute bis zum Jahreswechsel hinunter. Dann schauen alle wie gebannt auf die Silvesterraketen, welche vor all den Neubaublöcken in die Nacht starten. Die meisten von ihnen leuchten weiß, manche sind grün und einige wenige rot. Am Horizont, dort wo wir Westberlin vermuten, scheint der Himmel in grellen Blitzen regelrecht zu explodieren. Alle wünschen sich, einmal Silvester dort zu erleben.
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Während Benny wie auf einer grünen Wiese – die leere Curaçao-Pulle und der Rest von fünf ausgequetschten Kuba-Orangen (wenig Saft – viele Kerne) neben sich liegend – auf der Couch vegetiert, beginne ich gegen 1 Uhr mit der großen Säuberungsaktion und versuche meine Leute aus der elterlichen Wohnung, zurück in den Club-Keller zu treiben. Zum Glück hatte Didi nur unten gereihert (schade um die Buletten) und da auch mein Vater qualmt, wird der Geruch hoffentlich nicht allzu groß auffallen. Ein Hauch von Pfeffi-Likör wabert durch die Luft. Plötzlich ruft Bommel aufgeregt aus dem Kinderzimmer: „Kommt mal alle her. Da unten steht die Wagenbach und kotzt in die Rabatte!“. Ich räume sicherheitshalber die von Oma Halle vergessenen Apfelsinen weg und schaue ebenfalls hinunter.
„Hey Zuckerpuppe, willste hochkommen?“ schreit Andi. „Schnauze, die will was sagen!“, ruft Bommel. Zu viert schauen wir aus dem Fenster: „Das bleibt aber unter uns Mark!“, lallt es nach oben. „Die ist ja breit wie zehn sowjetische Matrosen“, lacht Andi, doch alle schauen mich fragend an, während ich geheimnisvoll in mich hineingrinse. Aber eigentlich weiß ich ja selbst nicht, ob ich ihr Versprechen, sich für mich einzusetzen, oder die Kotzaktion für mich behalten soll.

„Alles klar. Na dann, ein schönes Neues Jahr“, rufe ich nach unten. Die hübscheste Frau Friedrichshains winkt und schwankt dann hinüber zum S-Block.
Wenn das kein guter Start ins Jahr 1987 ist!

Am Nachmittag des nächsten Tages lege ich die Simon & Garfunkel Amiga-LP auf, träume mich zum Klassenfeind in den Central Park von New York – und scheibe meinen Lebenslauf.
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Genosse Gehorsam – Berlin Leninplatz – Jugend in der DDR

1. Dezember 2015 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Leninplatz, Mauergewinner Leseproben

JW4Ich habe keinen homogenen Freundeskreis. Unsere Truppe ist nicht kongruent, wie Mathelehrer Blase vielleicht sagen würde – nicht gleichförmig. Gegen Bommel, dessen Kopf nur knapp über die Tischkante reicht, bin ich ein Riese, gegen Leuchtturm-Andi ein Zwerg, der fette Tessi lässt mich als Fadennudel erscheinen und Bergis Oberarme können es mit dem Umfang meiner Schenkel aufnehmen. Dünn, klein, fett, groß und kräftig, aber lustig sind sie alle.
Tessi ist der Spaßvogel unserer Truppe, wobei seine Witze erst richtig einfetzen, wenn Bommel über seine Streiche so herzhaft und mit hoher Stimme lacht, dass auch bei uns bald die Tränen kullern. Bergi ist unser Mann mit dem tiefsinnigen Gespür für eine Pointe und Andis Humor ist mir manchmal zu hohl.
Alle Väter machen was anderes. Meiner ist Trainer, Bommels, der kleinste Busfahrer Berlins, der von Tessie arbeitet in einer Eckkneipe hinterm Tresen, während Bergis Alter Möbelpacker ist. Nur Andi lebt ohne Papi allein mit seiner überforderten Mutter. Sie arbeitet an in der Pablo-Neruda-Bibliothek, verleiht mir Bücher und ist (das darf ich Andi niemals sagen – niemals!) sauhübsch für ihr hohes Alter von Mitte dreißig.
Eigentlich hatte die Truppe erst nach der Jugendweiheparty so richtig zueinander gefunden. Bommel, Bergi, Tessi, Andi und ich bildeten lange den harten Kern der Leninplatz-Clique und sind seit Eröffnung des Alfclubs eigentlich unzertrennlich.

Einer fehlt in dieser Aufzählung: Torsten. Wir waren gemeinsam in den Kindergarten gegangen, in der Schule sitzt er schräg vor mir und gegenüber wohnt er auch. Warum die anderen ihn nicht akzeptieren? Torsten ist unauffällig-brav und deshalb in ihren Augen stinklangweilig. Er hat sogar einen fiesen Spitznamen. Ein Wort, welches unsere Stabi-Lehrerin Frisch ständig benutzt, ist das antiquierte „gehorsam“. Kaum eine Stunde vergeht, wo wir nicht angehalten werden, endlich – verdammt nochmal – gehorsam zu sein. Torsten nennen sie „Genosse Gehorsam“. Das trifft es allerdings nicht, finde ich. Okay, er ist artig oder eben aus Lehrersicht vorbildlich fügsam – weder falsch noch hinterfotzig (wie Lars und Dirk) oder oberstrebsam (wie Susanne). Oft beobachte ich aus den Augenwinkeln, wie er auf dem Schulhof schüchtern in unsere Reihen schaut und sich augenscheinlich wünscht, derjenige zu sein, welcher den nächsten Brüller raushaut.
Was die Jungs nicht wissen: bei ihm zu Hause herrscht Zucht und Ordnung. Im Prinzip hat der Kerl lebenslangen Stubenarrest.
Seit seinem siebenten Kindergeburtstag war ich ihn nicht mehr besuchen und nie darf er abends noch runter. Stets wird er durch einen grellen Pfiff seines Arschloch-Vaters, dieser buckligen Brotspinne, nach oben zitiert. Selbst sein Schatten ist dann innerhalb von Sekunden im Hauseingang verschwunden. Doch alles änderte sich an einem bestimmten Tag.

Der Schultag war nicht sonderlich spektakulär gewesen – bis auf die letzte Stunde. Tessie hatte im Schlafzimmer seines Erzeugers in einem Geheimversteck etwas Ungeheuerliches entdeckt und in Physik in den hinteren Bänken herumgereicht. Beim Blick auf (und in) das erste weibliche Geschlechtsorgan meines Lebens in Farbe und Nahaufnahme hätte ich beinahe gekotzt. Bommel ließ die Sache fast auffliegen, da er beim Betrachten des Porno-Heftes zunächst dunkelrot anlief, dann aber laut und mit Piepsstimme brüllte: „Was für ’ne riesige Muschi“, bevor ihm wie immer die Freudentränen über die Wangen kullerten.

Dem westlichen Druckerzeugnis will ich mich nach Unterrichtsschluss noch etwas genauer widmen. Viele Bilder, wenig Text – das kannte ich bisher nur aus den „Abrafaxe“-Heften und eine Frau darin sah aus wie Andis Mutti, wobei ich nur das Gesicht beurteilen kann. Tessi ist verschwunden, doch über Lars, der immer weiß wo sich gerade jemand aufhält, habe ich schnell sein Versteck ausgehorcht. Er liegt mit Bergi und Bommel in einer der Betonröhren auf dem Spielplatz und blättert durch Seiten voller Ekelkram. Pfui! – ich krieche erfreut dazu. Mit gedrücktem Knopf der weinroten Narva-Stabtaschenlampe starren wir auf das versaute Bilderrätsel.
Torsten tritt ins Licht der kreisrunden Öffnung. „Was will denn Genosse Gehorsam hier?“, ruft Bommel während Tessi hektisch das Westheft im Aktenkoffer verstaut und aus der Röhre robbt. Auch wir kriechen ins Freie. „Kommt, lasst uns was einklauen“, murmelt Bergi konsterniert. „Darf ich mitkommen?“ Alle Blicke sind plötzlich auf Torsten gerichtet. „Aber wenn du petzt, Spasti, kriegst du tierisch eins aufs Maul“, keift Klein-Bommel, da Torsten noch nie bei einem dieser Raubzüge in der Koofi dabei gewesen war. Gemeinsam laufen wir zum Selbstbedienungsladen an der Büschingstraße und treffen Assi – also Astrid – davor, die sich uns anschießt.
Gekonnt sackt Bommel eine Flasche Kirsch-Whisky im Turnbeutel ein, Assi lässt eine Pulle Pfeffi unter ihrem weiten Pullover verschwinden und mein Aktenkoffer wird mit Kali (Kaffeelikör) gefüllt, bevor wir zu dritt, unschuldig schauend, eine Stange Zitronen-Bonbons von Zitro an der Kasse kaufen. Bergi und Tessi stehen Schmiere.
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Nur Torsten ist weg. Bis wir ihn schließlich mit einem vollbeladenen Einkaufswagen rechts neben den Kassen vorbeimarschieren sehen. Wie selbstverständlich holt er zwei Dederon-Beutel aus seinem Ranzen, packt eiskalt etliche Schnaps-, Likör- und sogar Bierflaschen hinein und marschiert damit seelenruhig zum Ausgang. Wir bekommen den Mund fast nicht zu. „Na du bist ja ein krasser Kunde!“, ruft ihm Bommel auf dem Heimweg durchaus anerkennend zu: „Und jetzt mit Club-Cola die Birne wegschießen?“ Allen ist klar, dass wir die Wahnsinns-Tat (er hat sogar eine schwer zu klauende Curaçao-Pulle und Falkner-Whisky eingesackt) im Alfclub begießen müssen. Bei Torstens Premiere gibt‘s Grüne Wiese. Tessi verabschiedet sich recht bald (inklusive Pornoheftes), Assi folgt kurze Zeit später und so brechen auch wir nach nur einem Glas auf. Bergi fragt: „Noch schnell ein Telefonstreich bei Dir?“ „Och ja, bitte Scheppi“, stimmt Bommel aufgeregt zu, nicht nur, weil seine Alten gar kein Telefon besitzen. Ich habe nichts dagegen und auch Torsten folgt uns wortlos in den Aufzug. Oben liegt Benny auf der Couch und schaut die Schlüpfe in der ARD. Andi klingelt unten an der Tür. Mit ihm sind wir nun fast wieder vollzählig.

Alles begann vor einigen Monaten ganz harmlos. Ich hatte mir aus Langeweile das Telefonbuch geschnappt und ein bisschen darin geblättert. Beim Buchstaben „W“ war mir ein Witz meines Vaters eingefallen. Ich rief bei einer Frau Werk an und sagte: „Kann ich mal bitte ihre Tochter Claire sprechen?“. „Wen?“, brüllte mich eine Frau an. „Na ihre Tochter Klärwerk!“. So richtig zündete das noch nicht und erst als ich bei Frau Grube nochmals die Nummer brachte, kugelte sich Bommel vor Lachen mit meinem Bruder auf der Couch. „Klärgrube, ich dreh durch!“ Plötzlich hatten alle Feuer gefangen. Billy aus der A schnappte sich den Schinken, ließ die Wählscheibe sieben Mal rotieren und sagte mit tiefer Stimme: „Hier ist Karl Schäffner. Wollen Sie nächste Saison bei uns spielen?“ Wir verstanden die Antwort nicht. „Das ist mein Rainer Ernst!“, brüllte er in den Hörer, schmiss ihn auf die Gabel und klopfte sich auf die Schenkel. Doch so machte das keinen Spaß.
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Er hatte sich als Union-Trainer ausgegeben und bei einem Rainer Ernst (Namensgeber des BFC-Spielers) angerufen, was an sich lustig war. Aber nur für Fußballfans und vielleicht, wenn er uns vorher aufgeklärt hätte. Die Regeln wurden geändert. Den Nachnamen musste man nun vorher sagen. So kamen immerhin noch ein Mark Stück, eine Martha Pahl und ein Carsten Bier zustande, was ausreichte, um auch die nicht anwesenden Jungs der Clique eine Woche lang zu belustigen. Danach gingen meine Freunde, denen unser Musik- und Zeichenlehrer, Herr Elster, jegliche Kreativität abgesprochen hatte, derart in sich, dass die fantastischsten Telefonstreiche geboren wurden. Bergi fragte eine Frau Stäbe nach Gitta, Tessi suchte seine Cousine Anna Nass, Billy wollte Onkel Bill Iger sprechen und Andi einer Frau Gurgel „anne Gurgel“ gehen. Das alles fetzte erst richtig ein, wenn Bommel und mein Bruderherz dabei waren, denn die lachten mit einer kindlichen Naivität oftmals minutenlang, wodurch sie uns alle ansteckten. Bei Bommels Anruf auf der Suche nach Hack Fresse quietschte jedoch nur Benny vor Vergnügen, da Hack ja kein Vorname war und er zudem bei einem Herrn Fräse angerufen hatte. Doch als Bergi dann noch einen Herrn Smaul im Buch entdeckte und fragte: „Bin ich da richtig bei Christoph Smaul“ musste ich alle einbremsen, bevor noch Nachbar Bohne Voss erschien.
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Auch am heutigen Tag ist es witzig. Als ob uns noch allen das Pornoheft im Hirn herumschwirrt, verlangt Bommel nach einer Frau Rosa Schlüpfer, Andi nach Rose Tee (wobei er Rosette danach erklären muss) und Bergi murmelt sautrocken in den Hörer: „Spreche ich mit Herrn Harten? Ich bin ein Klassenkamerad von ihrem Sohn Christian“. „Von wem?“ „Kriegst ja n Harten!“ Der zieht bei allen und auch mein Christian bei Frau Steifen ist noch ein Brüller. Nur Torsten verzieht keine Miene. Okay, er ist nicht eingeweiht und so schnell fällt einem auch nichts Neues ein. Doch plötzlich ruft er: „Hat jemand mal die Nummer von Assi?“ Ich bin ein wenig perplex, reiche ihm aber mein kleines Notizbuch. ‚Welcher Vorname soll denn auf Homberg passen‘, frage ich mich. Er schnappt sich unser graues Telefon und bedient elegant die Wählscheibe. 4373250 – die „0“ dreht sich dabei besonders lang auf dem Nummernschalter, bevor das erste Freizeichen ertönt. Alle sind mucksmäuschenstill. „Ja bitte?“ „Spreche ich mit Astrid Homberg?“, sagt er mit der tiefsten Stimme, die ich jemals bei einem Jungen meines Alters gehört habe. „Ja, wieso?“ „Hier spricht Klaus Meier aus der Konsum-Kaufhalle an der Büschingsstraße. Sie wurden angezeigt, heute um 15 Uhr einen Ladendiebstahl begannen zu haben. Kommen Sie umgehend mit ihrem Personalausweis und einem Besen vorbei! Ich erwarte sie vor dem Eingang.“ Wir hören die Antwort nicht. „Umgehend, oder es erwarten sie Konsequenzen!“ Torsten legt auf. Wir sind baff, doch Bergi bricht das Schweigen: „Hut ab, Genosse Gehorsam!“ Plötzlich beginnen alle zu lachen und rennen zum Kinderzimmerfenster. Wir lehnen uns aufs Fensterbrett, um zu schauen, ob Assi tatsächlich aus dem Nachbareingang marschiert. „Was ist denn mit dir heute los?“, frage ich Torsten. Langsam wird es mir unheimlich, was aus dem sonst so braven Muttersöhnchen innerhalb eines Tages geworden ist. Nach kurzer Pause brummt er: „Ach weißte Scheppi, ich habe eine Woche sturmfrei, weil meine Oma gestorben ist und wollte auch mal ein bisschen Spaß haben.“ Noch bevor ich darüber nachdenken kann, schreit Bommel, der mit dem Kopf gerade so über den Fensterrahmen reicht: „Das gibt’s doch gar nicht!“ Unsere Klassenkameradin Astrid verlässt tatsächlich mit einem Besen in der Hand das Haus – und wer hechelt hinterher? Richtig, Tessi. „Die Schweine haben sich das Pornoheft angeschaut!“, brüllt Andi. „Was für ein Heft?“, piepst mein Bruder. „Ach so ein Pittiplatsch-und-Schnatterinchen-Heft.“ Wir grinsen über Bergis kuhlen Witz und rennen zur Tür. Torsten fragt mich nach unserem Besen und spurtet mit diesem sofort die Treppen hinunter.
Blick Häuser früher 2
Er ist vor dem Fahrstuhl unten und draußen sehen wir, wie er die Abkürzung durch den Rosengarten in Richtung Kaufhalle nimmt. Jetzt müssen auch wir uns sputen, wenn wir sehen wollen, was dort geschieht. Doch wir kommen zu spät. Vor dem Eingang fegt Assi bereits. „Was machst du denn hier?“, quietscht Bommel und sieht dabei aus, als ob er sich gleich in die abgeschnittene Boxerjeans pisst. „Na irgend so ein Schwein hat uns verpfiffen und jetzt müssen wir die Scheiße hier machen. Der da“, sie deutet auf Torsten, der ebenfalls fegt „war schon vor mir da und hat gesagt, dass ich mitmachen soll?“ Astrid läuft rot an. Wir auch, aber nicht aus Scham, sondern aus purer Freude über den besten Streich des Schuljahres. Bommel liegt längst auf dem Boden, kugelt sich und brüllt immer wieder: „Ich kann nicht mehr!“ Er steckt uns alle damit an und sogar Astrid muss irgendwann grinsen. Der Kaufhallenleiter kommt raus und brüllt: „Verpisst euch, ihr Penner.“ Auf dem Rückweg entschuldigt sich Torsten bei Assi und sagt dann: „Ey, du hast ja Sperma aufm Pulli.“ Sie blickt an sich hinunter. Er schnippt ihr mit dem mit dem Finger unter die Nase. „Reingefallen!“
Am nächsten Tag wurde er in unsere Clique aufgenommen. Um 18 Uhr schloss ich den Alfclub auf und wenig später verlagerten wir die Veranstaltung – inklusive etlicher Mädchen – in Torstens Wohnung. Es entwickelte sich eine legendäre Party von der wir noch lange schwärmten. Leider darf ich davon nichts berichten, da wir uns das mit Indianer- und Pionierehrenwort geschworen haben. Was ich jedoch verraten kann: An jenem Abend, der in Chaos und diversen Sex-Experimenten endete, verlor Torsten seinen Spitznamen. Genosse Gehorsam wurde unser Freund Torte.
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