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Silvesterparty – Gute Vorsätze fürs neue Jahr – Jugend in der DDR

25. Dezember 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Leninplatz

M.S.Eigentlich müsste ich meinen Lebenslauf schreiben. Das hatte mir unsere Lehrerin Frau Wagenbach geraten, da sie sich im kommenden Jahr bei der Direktorin für meinen Abiturplatz einsetzten will. Trotz zahlreicher Verfehlungen besäße ich zumindest in Deutsch ein gewisses Talent – meinte sie.
Aber das geht leider nicht, denn heute beginnt der lang ersehnte Weihnachtsmarkt an der Jannowitzbrücke. Große Leuchtschriften, blickende Reklametafeln, heulende Sirenen und Lautsprecher-Durchsagen locken mich hinter das breite Tor mit den Märchenfiguren im Tannengrün. Den Alten wird alljährlich mit Glühwein, Altberliner Bierbowle und Kräuterschnäpsen eingeheizt und die Kleinen heulen sich beim Erinnerungsfoto mit dem Rauschebart-Mann im roten Mantel, oder während der Tortur in der Geisterbahn die Augen aus. Andere fahren mit dem ununterbrochen von „O du fröhliche“ musikalisch begleiteten Karussell auf Pferdchen und Hängebauch-Schweinen. Manche erheben sich in einer Gondel des Riesenrads in die Lüfte unter dem Fernsehturm. Wir hingegen stehen uns im Schneematsch vor dem „Superskooter“ die Beine in den Bauch und stürzen, sobald die Sirene ertönt, in einen der per Stange an die Oberleitung angeschlossenen Wagen, werfen hektisch einen Chip in den Schlitz und rammen dann mit aller Gewalt die Autos unserer Kumpel. Dirk, Lars und Andi trifft man zuverlässig am Stand mit den Telespielen, die Tennis, Fußball und Olympia simulieren. Auch ein paar „Einarmige Banditen“ gehören hier zu den Dingen die urst einfetzen und welche es sonst in meiner Stadt nicht gibt.
Weihma
Allerdings spucken die Dinger kein Geld, sondern lediglich Spielmarken aus, die man sich – genau wie beim Gewinn an der „Lotterie“ oder nach Treffern beim Dosenwerfen – in totalen Tinnef umtauschen kann. Einer der Jungs hängt eigentlich immer in den Schlangen vor den Fressständen herum und so gibt es Goldbroiler, Thüringer Bratwurst und Schaschlik satt. Aber auch Alkohol, da die Älteren der Schule – für einen kleinen Aufpreis – bereit sind, uns mitzuversorgen. Noch können sie damit ‘nen Kuhlen machen. Doch im nächsten Jahr sind wir endlich 16 und brauchen die Ausweiskontrollen des Kirsch-Whiskey-Beauftragten, nicht mehr so zu umgehen. Ganz ehrlich: da bleibt keine Zeit, um einen Lebenslauf zu verfassen. Das verschiebe ich mal lieber aufs nächste Jahr.

Doch das Schicksal holt mich ein. Am 26.12.86 geht es auf ein „Ringel“ mit der Familie durch den verschneiten Friedrichshain und wen treffen wir? Richtig: die Wagenbach mit ihrem Stasi-Macker. Der Kerl wird eigentlich nur so genannt, weil er fast immer einen schwarzen Ledermantel trägt und Frau Wagenbach die hübscheste Lehrerin Ostberlins ist. Keiner meiner Freunde mag ihn. „Na Mark, hast du denn schon deine Aufgabe erledigt?“, fragt mich die 24jährige Traumfrau mit einem Lächeln. „Ja, klar doch Frau Wagenbach. Muss ihn nur noch mal in Schönschrift abschreiben“, sage ich und spüre dabei die Blicke meines Vaters im Rücken.

Erst vor wenigen Wochen lümmelte ich wie gewohnt auf dem Teppich herum und hörte Hey Music. „Musst du keine Hausaufgaben machen, du Faultier?“, fragte er, als ob ihn das was angehen würde. Ich reagierte genervt: „Wie hast du eigentlich deine Schule abgeschlossen?“ „Mit Zwei!“ „Okay, ich werde besser sein und jetzt mach bitte die Tür hinter dir zu.“ Es war meine allererste Ansage gegenüber meines zwar nicht sonderlich strengen, aber körperlich noch immer sehr überlegenen Vaters gewesen. „Zum Glück hast du Bitte gesagt“, murmelte er und verschwand dann summend – es lief gerade „Depeche Mode“ – aus dem Zimmer.
Jugendweihe Familie
„Das freut mich Mark. Zeig ihn mir einfach am 4. Januar. Vielleicht schaffst du es ja doch noch auf die EOS.“ Sie schmunzelt dabei eher meinen Alten an. Der böse Mann im schwarzen Leder ist derweil zum zugefrorenen Ententeich weitergelaufen.
Nur kurz können wir danach unserer ängstlichen Mutter und der Oma elegante Schwünge auf den Gleitern zeigen, weil Benny während der kuhlen Abfahrt auf der „Knochenbahn“ böse stürzt und sich dabei, laut Diagnose von Prof. Dr. Scheppert (meinem Vater), die Hand leicht verstaucht. Wir kehren um.
Am 27.12. ist mein Bruder wieder einmal zu Gast im Krankenraus Friedrichshain. Seit er sechs Jahre ist, ruft er immer, wenn wir dort mit der Straßenbahn vorbeifahren: „Hier war ich schon mal.“ Dort wird nach elendig langer Warterei ein Bruch des rechten Handgelenks diagnostiziert. Mit wehleidigem Gesicht und Gips-Arm blockiert der Schwerverletzte ab dem 29.12. – der Qualifikation des ersten Springens der Vierschanzentournee – die Couch und brüllt zusammen mit mir ununterbrochen „Uuullf“, was Vater fast in den Wahnsinn treibt. Ulf Findeisen ist in diesem Jahr der beste Flieger aus unserer Heimat, aber auch die Westdeutschen haben mit Klauser und Bauer potenzielle Siegspringer, weshalb die ARD-Reporter fast durchdrehen. DDR-Olympiasieger Jens Weißflog ist außer Form.
schlitten
Mein Alter feiert noch Resturlaub ab, aber mit „Kürbis Kugelbauch“ allein zu Hause zu sein, ist meistens ganz okay. Der Bierkönig schaut sich am 30.12. mit uns das Wertungsspringen in Obersdorf im Wachkoma im West-TV an, da er die hohlen Ost-Kommentatoren nicht ausstehen kann.

In einer Kneipe in Brandenburg war es deswegen sogar mal zum Eklat gekommen. Er hatte einer Kellnerin gesagt, dass Dirk Thiele der beschissenste Berichterstatter des DDR-Fernsehens wäre. Wie sich herausstellte, war die Bedienung die Ehefrau Thieles, doch statt einer Geraden auf die Zwölf bekam er einfach kein neues Pils mehr ausgeschenkt, was ihn viel schwerwiegender traf.

Vegard Opaas aus Norwegen gewinnt knapp vor Klauser und unser Ulf wird Fünfter. Wir sind zufrieden und ärgern uns lediglich darüber, dass der Schwede Boklöv, trotz großer Weiten, so viele Abzüge wegen seines Stils mit weit geöffneten Skiern (statt sie parallel zu führen) bekommen hat. Alle freuen sich aufs Neujahrs-Springen. Vorher ist jedoch noch Silvester. Meine Alten feiern im „Scheppert-Eck“ mit den Schnapsdrosseln der Gegend und dieses Jahr müssen wir zum Glück nicht mit.
Es ging heiss her
Um 19 Uhr schließe ich den Alfclub auf, um 22 Uhr sind fast alle breit und gegen 23 Uhr habe ich total den Überblick verloren, da unser Heim im 9. Stock zur Partybühne ausgeweitet wurde, nur weil Assi dort oben mal aufs Klo wollte. Wenigstens ist die Wohnung Sperrgebiet für sämtliche Filous, Harzer Knaller und Fliegende Blitze. Die Jungs aus meiner Clique achten sogar darauf, dass die Briefkästen unseres Hauses von Feuerwerkskörpern und Stinkbomben verschont bleiben, damit uns keiner wegen des Clubs blöde kommt. Auch Klingelstreiche fallen somit flach.
Auf dem Parkplatz vor der Tür drehen dennoch alle total durch und Trulli, dessen Bruder sich für diverse Krachmacher von „Pyrotechnik Silberhütte“ bei klirrender Kälte saufrüh vor der Drogerie angestellt hatte, erleidet durch einen „Blitzschlag“ böse Verbrennung am Unterarm. Benny, für den ich heute verantwortlich bin, grölt im Keller zusammen mit Bommel fast unterbrochen „Knall!“, „Bumm!“ und „Peng!“, weil er (wie mein kleiner Freund) ein viel zu großer Schisser ist und gar nicht selbst zum Zündeln hinausgeht. Er begnügt sich mit Wunderkerzen aus Riesa und strahlt. Wenigstens bleibt mir dadurch eine nächtliche Fahrt mit einem „Aua, aua! Hier war ich schon mal. Aua!“, brüllenden Bruder ins Krankenhaus Friedrichshain erspart. Kurz vor Mitternacht stehen meine besten Freunde mit mir am Wohnzimmerfester. Benny zählt hinter uns – parallel zur großen Uhr in der Glotze – den Ablauf der letzten Minute bis zum Jahreswechsel hinunter. Dann schauen alle wie gebannt auf die Silvesterraketen, welche vor all den Neubaublöcken in die Nacht starten. Die meisten von ihnen leuchten weiß, manche sind grün und einige wenige rot. Am Horizont, dort wo wir Westberlin vermuten, scheint der Himmel in grellen Blitzen regelrecht zu explodieren. Alle wünschen sich, einmal Silvester dort zu erleben.
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Während Benny wie auf einer grünen Wiese – die leere Curaçao-Pulle und der Rest von fünf ausgequetschten Kuba-Orangen (wenig Saft – viele Kerne) neben sich liegend – auf der Couch vegetiert, beginne ich gegen 1 Uhr mit der großen Säuberungsaktion und versuche meine Leute aus der elterlichen Wohnung, zurück in den Club-Keller zu treiben. Zum Glück hatte Didi nur unten gereihert (schade um die Buletten) und da auch mein Vater qualmt, wird der Geruch hoffentlich nicht allzu groß auffallen. Ein Hauch von Pfeffi-Likör wabert durch die Luft. Plötzlich ruft Bommel aufgeregt aus dem Kinderzimmer: „Kommt mal alle her. Da unten steht die Wagenbach und kotzt in die Rabatte!“. Ich räume sicherheitshalber die von Oma Halle vergessenen Apfelsinen weg und schaue ebenfalls hinunter.
„Hey Zuckerpuppe, willste hochkommen?“ schreit Andi. „Schnauze, die will was sagen!“, ruft Bommel. Zu viert schauen wir aus dem Fenster: „Das bleibt aber unter uns Mark!“, lallt es nach oben. „Die ist ja breit wie zehn sowjetische Matrosen“, lacht Andi, doch alle schauen mich fragend an, während ich geheimnisvoll in mich hineingrinse. Aber eigentlich weiß ich ja selbst nicht, ob ich ihr Versprechen, sich für mich einzusetzen, oder die Kotzaktion für mich behalten soll.

„Alles klar. Na dann, ein schönes Neues Jahr“, rufe ich nach unten. Die hübscheste Frau Friedrichshains winkt und schwankt dann hinüber zum S-Block.
Wenn das kein guter Start ins Jahr 1987 ist!

Am Nachmittag des nächsten Tages lege ich die Simon & Garfunkel Amiga-LP auf, träume mich zum Klassenfeind in den Central Park von New York – und scheibe meinen Lebenslauf.
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Ostdeutsches Aschenputtel – Kindheit in der DDR

28. November 2014 | von | Kategorie: Blog, Mauergewinner Leseproben

OLYMPUS DIGITAL CAMERABis heute weiß ich, was ich an dieser DDR nicht mochte, was ich zutiefst verabscheute und warum ich froh bin, nicht mehr in diesem Land zu leben. Leute in meinem Alter mit ostdeutschem Migrationshintergrund fürchten sich immer noch vor solchen – oft unausgesprochenen – Drohungen: „Wenn du dies nicht machst, wirst du aber jenes nicht erreichen.“ Oder: „Falls du hierbei erwischt wirst, kannst du dir dies ein Leben lang abschminken.“, „Wenn du hier nicht eintrittst oder unterschreibst, ist die Karriere leider beendet.“
In den Firmen, in denen ich nach der Wende gearbeitet habe, waren komischerweise fast immer die Leute aus Westdeutschland die größten Anpasser, Intriganten und Petzen beim Chef. Und das, wo doch gerade diese Leute immer geargwöhnt hatten, dass sich im Osten so gut wie alle gegenseitig ausgehorcht hätten. Jeder anständige Ostdeutsche lässt seinen Arbeitgeber heute sofort angewidert abblitzen, wenn er für die Firma spitzeln oder Kollegen verpfeifen soll. Die meisten Ossis haben etwas aus ihrer Geschichte gelernt und lassen sich nicht mehr erpressen oder unter Druck setzen. Die „Stasi West“ regiert die Büroflure des 20. Jahrhunderts, könnte man augenzwinkernd meinen.
Wenn man nicht straffällig wird, ist es heute allerdings kaum mehr möglich, dass man sich seine gesamte Karriere und seinen weiteren Lebensweg ernsthaft und irreparabel versaut. Den Job könnte man jederzeit wechseln. Fragen zum politischen Background, zur Religion und zu persönlichen Ansichten sind in Einstellungsgesprächen sogar verboten. Wir müssen in keine Organisationen eintreten, um einen Studienplatz zu bekommen oder um Abteilungsleiter zu werden. Selbst wenn man bei einer Prüfung dreimal durchfällt, bekommt man in diesem Land irgendwann eine neue Chance. In der DDR hatte man, anders als beim Mensch-ärgere-dich-nicht-Spielen, meistens nur ein Leben.

Nach der zweiten Unterrichtsstunde wurden wir Kinder jeden Tag in den Milchkeller geschickt. Die Küchenfrauen mit ihren bunten Kittelschürzen hatten dort die Milchkübel aufgestellt. In jedem befand sich eine exakt abgezählte Anzahl Milchtüten in dreieckigen Pappkartons und außen war mit weißer Kreide die jeweilige Klasse draufgeschrieben. Ich mochte den Geruch der vergorenen Milch nicht, der dort unten in den gefliesten Räumen hing.
Jedes Kind musste zu Beginn des Schuljahres angeben, ob es Vollmilch, Vanille-, Erdbeer- oder Schokomilch trinken wollte. Ich weiß nicht, ob es diese recht große Auswahl wieder einmal nur in Berlin gab – jedenfalls war Kakao am teuersten und weiße Vollmilch am unbeliebtesten. So ein „Milchmonat“ kostete unsere Eltern zwischen vier und sieben Mark und meistens bezahlte man die zusammen mit dem Mittagessensgeld.
Irgendwann schenkte man sich die uncoole Milchpause, und spätestens ab der 7. Klasse steckte man sich auch das Geld für das Mittagessen in die eigene Tasche. Zu Hause erzählte man in jedem Jahr, dass „die Schweine“ schon wieder das Essensgeld erhöht hätten, und meine Eltern gaben mir bereitwillig monatlich die erlogenen 15,50 – eine willkommene Erhöhung des Taschengeldes. Mein Vater wunderte sich nicht über die verhältnismäßig teuren Preise und Mutter war froh, dass ich nicht am heimischen Gasherd herumhantierte sondern vollwertige Schulkost aß. Meistens klauten wir uns nun unsere Essensrationen in der Halle an der Höchste Straße.
Im Sommer nahmen wir den kleineren Kindern, die beim Schweinebammeln an der Klopfstange hingen auch schon mal die Milch weg – ausschließlich Schoko. In den Pausen lungerten wir rauchend in der Ecke an der hinteren Front unseres Schulgebäudes. Auf dieser Seite gab es keine Fenster für spionierende Lehrer und gleichzeitig standen wir hier unmittelbar an der Grenze zum Schulhof der verfeindeten Rosa-Luxemburg-Oberschule. Die Vormachtstellungen änderten sich jedes Jahr, aber es war immer die älteste Stufe einer der beiden Schulen, also jeweils die 10. Klasse, welche die aktuelle Macht hatte. Wir waren gerade in der 9. und wussten, dass wir ab dem nächsten Jahr die herrschenden Könige der Höfe sein würden. Die Jungs aus der 9. der Rosa in unserem Alter, aber eigentlich auch die beiden momentanen 10., waren die größten Pfeifen – unsere Zeit würde bald kommen.
Urkunde vorbildlich
Plötzlich flogen faule Äpfel in unsere Raucherecke. Sie kamen vom gegenüberliegenden Grundstück. Ein engmaschiger Zaun war die unüberwindbare Grenze zwischen den Schulen, denn zum einen war er fast drei Meter hoch und außerdem gab es auf beiden Höfen Lehrer, die Aufsicht schoben. Astrid schrie laut auf, als sie von einem Apfel genau in den Bauch getroffen wurde. Wir hatten da ein Problem mit der Rosa.
Ohne groß zu überlegen, rannten Tessi und ich in unseren Milchkeller und nahmen uns jeder einen dieser stinkenden, grünen, sechseckigen Kübel. Auf meinem stand mit Kreide: Klasse 2a. Aus unserer Ecke wurden wir lautstark angefeuert, als wir begannen, mit den Milchkartons in Richtung Nachbarhof zu schmeißen. Tessi konnte weiter werfen als ich, dafür brillierte ich als respektabler Schütze beim Zielen auf Personen in näherer Reichweite. Wir waren richtig gut und setzen fünf Volltreffer. Vor drei kreischenden Mädchen zerklatschten die Pappkartons in einer riesigen Fontäne. Bei zwei jüngeren Schülern bekamen wir die Milch sogar am Körper zum Platzen. Schoko: eine Riesensauerei. Beifallsbekundungen und Jubel begleiteten unsere Würfe aus der Raucherecke. Thomas und Torte rannten in unsere Richtung und riefen: „Scheppi, lass uns noch was übrig“. Doch plötzlich bremsten sie ab und ich merkte, wie mich jemand von hinten mit festem Griff in den Schwitzkasten nahm. Das Blut schoss mir in die Schläfen und ich konnte plötzlich kaum noch atmen.
Scheiße, die Rosa hatte uns doch angegriffen, ging es mir kurz durch den Kopf. Aber nein: Mein vor Wut schäumender Sportlehrer, Herr Pinka, schleifte mich in dieser misslichen Haltung quer über den Schulhof ins Zimmer der Direktorin – zur Fehlerdiskussion.
Frau Seifert sagte zunächst nur: „Scheppert und Tesselitz, Sie erhalten einen Tadel!“, bevor sie inhaltlich mehr in die Tiefe ging. Mit immer noch feurigem Kopf mussten wir uns einen fünfzehnminütigen Vortrag über hungernde Kinder in Angola und Mosambik anhören. Viele dieser armen Kreaturen hätten noch nie im Leben echte Milch gesehen, sagte sie, und vieles mehr. Wir schauten kurz einer zum anderen hinüber und lächelten uns unmerklich an. Der abschließende Satz haute mich jedoch nach hinten um: „Ihre Abitur-Bewerbung, Jugendfreund Scheppert, können Sie sich ja wohl erst einmal abschminken.“
Das konnte sie doch nicht ernst meinen! Ich habe zwei linke Hände, möchte und darf nicht in die sozialistische Produktion. Was soll aus mir werden? Das geht einfach nicht!
Plötzlich sah ich mein Schicksal ganz deutlich vor mir. In einer dreijährigen Ausbildungszeit würden sie mich zum staatlich geprüften Milchfahrer des VEB-Getränkekombinates Berlin schulen, der täglich früh um vier aufzustehen hatte, damit unsere kleinen ABC-Schützen und Frösi-Kinder alle am Morgen ihre Milch im Schulkeller vorfanden. Mein Leben stand auf dem Spiel und ich hatte nur eins.
In der DDR gab es pro Klasse und Schule nur wenige nach einer gewissen Quote zu verteilende Abiturplätze. In meiner Klasse waren es genau drei. Zwei waren schon so gut wie vergeben. Sabine hatte – natürlich außer in Sport – alles Einsen, war also nicht zu schlagen, und Lars hatte sich für 25 Jahre bei der Nationalen Volksarmee als Offizier verpflichtet. Mit dem Halbjahreszeugnis der 9. musste ich somit alle anderen 23 Schüler aus meiner Klasse hinter mir lassen, um überhaupt eine Chance zu haben. Trotz oder wegen der Milchtütenwürfe stellte ich mich in diesem Schuljahr erfolgreich zur Wahl des FDJ-Sekretärs, schrieb erstklassige agitatorische und solidarische Artikel für unsere Wandzeitung, erklärte mündlich, dass ich auf jeden Fall für drei Jahre meinen Dienst bei der NVA machen würde, und hatte vor dem entscheidenden Zeugnis tatsächlich fast überall Einsen – auch in Sport. Notendurchschnitt: 1,3!
Als Frau Seifert auf der Lehrerkonferenz kund tat, dass ich für die 11. Klasse der Friedrich-Engels-EOS (Erweiterte Oberschule) vorgesehen war, konnte ich mein Glück nicht fassen, auch wenn sie im Nebensatz erwähnte: „Noch ein winzig kleiner Ausrutscher und der Abiturplatz ist trotzdem weg.“ Meine Freunde Torte, Bommel und Tessi, ausgewiesene Spezialisten in Sport, Mathe oder Zeichnen, aber eben nur mit einem Zweier-Zensurenschnitt, hatten gegen mich keine Chance gehabt. Für sie hieß es: ab in die sozialistische Produktion!
5 Rosa Luxemburg POS

Ich war ein schlaues Kind. Erst im Zeugnis der dritten Klasse hatte ich meine allererste Zwei und Mutter erzählt noch heute, dass ich deswegen zwei Tage lang geheult hätte. Das mit dem Ehrgeiz ließ ein bisschen nach und als das Fach „Schönschrift“, durch „Werken“ und „Schulgarten“ abgelöst wurde, wurde sowieso nichts mehr aus dem perfekten Zeugnis, durchgängig mit der Note Eins. Ich war eindeutig zu blöd dazu, Schraubstock, Feile oder Harke liebevoll zu bedienen. Ab der 7. Klasse gab es dann plötzlich die Fächer ESP – Einführung in die Sozialistische Produktion, TZ – Technisches Zeichnen und PA – Produktive Arbeit.
Den theoretischen ESP-Teil konnte ich natürlich ganz gut bewältigen, obwohl mir bis heute nicht klar ist, wie Lochstreifen und die Planwirtschaft funktionieren, weder einzeln noch zusammen. Technisches Zeichnen ging auch irgendwie, aber das Problemkind war PA – für den Mann mit den zwei linken, feingliedrigen Händen.
Im volkseigenen Betrieb in Rummelsburg gegenüber vom Knast sollten wir Wäscheständer herstellen, die ich im fertigen Zustand noch nie zuvor in der DDR gesehen hatte. Damit ich wenigstens eine Zwei bekam, schlug ich meinem Meister vor, dass ich die vier Stunden jeden Mittwoch auch gerne damit zubrächte, diverse Schrauben und Muttern zu sortieren. Die handlichen Exportschlager wurden somit alle ordnungsgemäß montiert und ich, das ostdeutsche Aschenputtel, hatte auch einen Beitrag zum Bruttosozialprodukt geleistet.
Die Verlagerung unserer produktiven Arbeitsstätte in der 10. Klasse ging einher mit dem Wechsel unserer Stammkneipe in das Hochhausrestaurant „Gutenbergstube“. Beide befanden sich nun am Ostbahnhof, und unser Motto hieß: „Vor der Arbeit das Vergnügen!“
Wir trafen uns also am Mittwochmittag an unserer so genannten „Tränke“ und fast alle Jungs versuchten, ihren Rekord im Saufen eines halben Liters Berliner Pils zu toppen. Unser Weltrekord lag bei unglaublichen handgestoppten 3,5 Sekunden – nach drei, vier Versuchen gingen wir arbeiten.
Man hatte mich an eine Maschine eingeteilt, an der ich per Dampfdruck permanent, also vier Stunden lang, kleine metallene Ringe ausstanzen sollte. Das konnte selbst ich tollpatschiger Vollidiot ganz gut bewältigen – sollte man meinen. Der feine zukünftige Abiturient hatte in seinem betrunkenen Zustand leider vergessen, die wichtige Unterlegscheibe auf die Arbeitsfläche der Werkbank zu legen. Ich stanzte also grinsend im Akkord und lauschte der Musik aus dem Kofferradio. Doch plötzlich gab es einen gewaltigen, funkenden Knall, und direkt vor meinen Augen flog irgendetwas durch die Montagehalle. Ich duckte mich und wenig später kam die große Maschine mit der stolzen Aufschrift „Made in GDR“ zum Stillstand.
In meiner Abteilung hatte ich für diesen Nachmittag die komplette Produktion lahm gelegt. Ein Teil des herumfliegenden Bohrkopfes hatte sich in den jetzt stark blutenden Oberarm eines fluchenden VEB-Mitarbeiters gebohrt und das gesamte Kollektiv stand besorgt um ihn herum und starrte mich grimmig an. Ich entschuldigte mich kleinlaut. Auch beim Vorgesetzten Herrn Meier, der mich minutenlang anschrie, ob ich eine Ahnung davon hätte, wie viel diese Maschine gekostet hätte und ob mutwillige Zerstörung von Volkseigentum heutzutage an unseren Schulen gelehrt würde. Zu allem Überfluss hatte die dicke Kollegin in der blauen Schürze, die mich eingearbeitet hatte, gepetzt, dass ich irgendwie nach Alkohol roch.
Mir wurde schwindelig: „Unter alkoholischem Einfluss eine 30.000 Mark teure volkseigene Maschine mutwillig zerstört und dabei Mitarbeiter Hufschmidt lebensgefährlich verletzt“, las ich bereits in Gedanken in Meiers Bericht. Meine mir bereits zugesicherte Abiturzulassung könnte ich mir bei so einer Geschichte komplett abschminken. Als Herr Meier mich nach meinem Namen fragte, stellte ich mir bereits ein Leben als Werkzeugmacher, Dreher oder Melker vor. „Ihren Namen möchte ich wissen!“, schrie er ein zweites Mal. „Uwe Bommler“, antwortete ich vollkommen spontan. Meier war an diesem Tag zum allerersten Mal Oberaufseher, er kannte meinen Namen nicht und schrieb den von mir genannten in seinen Bericht an meine Schule.
Ich wurde rausgeschmissen und wartete über zwei Stunden vor dem Werkstor auf meine Freunde Tessi, Torte und Bommel. Mit zittriger Stimme erzählte ich ihnen, was geschehen war, und schaute vor allem ängstlich ins Gesicht des kleinen Bommel – des wahren Uwe Bommler, dessen Namen ich mir kurzerhand ausgeliehen hatte. Schon auf dem Nachhauswege klopfte er mir ermunternd auf die Schulter: „Mensch, mach dir mal keene Sorgen Scheppi, ick hab meine Stelle bei NARVA doch sicher. Dort will ja eh keener hin.“

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Eine halbe Stunde später saßen wir im Alfclub. Bommel prostete mir mit einem Bier zu. Ich lehnte mich zurück und dachte, was für fantastische Freunde ich doch im Leben gefunden hatte.
Uwe Bommler alias Bommel wurde am nächsten Tag zur Direktorin gerufen. Ohne groß zu diskutieren, verurteilte Frau Seifert seine Tat und gab ihm den ihm zustehenden Tadel. Was er sich denn dabei gedacht hätte, wo er doch Werkzeugmacher werden wollte? Er entschuldigte sich brav und erwähnte mich mit keinem Wort. Er wusste, dass er mir damit den Abiturplatz gerettet hatte und ich ahnte zum ersten Mal, dass wir ein Land mit Menschen voller Edelmut waren. Es gab scheinbar mehr Leute, die sich schützend vor einen stellten als jene, die einen verpfiffen. Und das, obwohl alle nur dieses eine Leben hatten.

Für mich begann nun also ein privilegierter Zeitabschnitt: meine Zeit in der Erweiterten Oberschule bis zur 12. Klasse. Am 4. September 1988 stand ich vor meiner allerersten Unterrichtsstunde in der Friedrich-Engels-EOS beim Fahnenappell. Ich schaute mich um und studierte die vielen neuen Gesichter. Ich musste an Pinkas Schwitzkasten und Frau Seiferts Drohungen denken und hätte ihnen gerne zugerufen: „Hey, ich habe es doch geschafft!“ Der Direktor rief zu einer Schweigeminute für einen in den Ferien verstorbenen Mathelehrer auf und den älteren Jungs aus der 12. ging das komischerweise sehr nahe. In meiner alten Schule hatte ich bis auf die junge Frau Wagenbach überhaupt keinen Lehrer gemocht – und hier liebten sie ausgerechnet den für Mathe. War ich wirklich in einer anderen Welt gelandet? Ich war gespannt, was hier noch alles auf mich zukommen würde, und nahm mir vor, Bommel noch mal einen auszugeben. Uwe Bommler, der vor einer Woche im Berliner Glühlampenwerk, VEB NARVA „Rosa Luxemburg“, als Werkzeugmacher angefangen hatte.

Zum Weiterlesen: Mauergewinner oder ein Wessi des Ostens

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“Spürst Du mich?” – Jugend und Kindheit in der DDR

25. November 2013 | von | Kategorie: Blog

Spürst Du mich
“Bergi und ich machten die Musik. Im Klassenzimmer hatten wir die Tische an die Wände gerückt und die Stühle in U-Form aufgestellt. Unsere Anlage stand in der rechten Ecke auf dem Lehrertisch, mit einem Verstärker und zwei alten Boxen aus dem Musikzimmer, die an den Kassettenrekorder gestöpselt waren.

Nicht ein einziges Lied einer DDR-Band war dabei, und unser Lehrer Herr Blase ermahnte uns auch nicht, welche zu spielen. Er verschwand ins Lehrerkabinett und tauchte erst wieder um 21 Uhr auf, um das Licht anzumachen. In den Stunden dazwischen legten wir mindestens sechs Mal “Ich will Spaß” von Markus ein. Alle Jungs sprangen dann sofort von den Stühlen und brüllten mit in die Höhe gereckter Faust – und wie von Sinnen – die Zeile: “Deutschland, Deutschland, spürst du mich? Heut’ Nacht komm ich über dich.” Es war der 12. November 1985, wir machten Klassen-Disco.

Am Tag danach war ein Fahnenappell anberaumt. Alle Klassen stellten sich zunächst vor der Schule in Zweierreihen auf und marschierten dann im Gleichschritt zu Arbeiterliedern. Für uns war das eine willkommene Abwechslung im tristen Schulalltag. Am Anfang ertönte krächzend ein Kampflied aus den alten Lautsprecherboxen, die wir noch am Vorabend benutzt hatten. Die Schüler der höheren Klassen gaben sich Mühe, besonders falsch zu singen und, wenn möglich, den Text zu verunstalten. Zum Beispiel hieß es: “Ich trage eine Fahne und diese Fahne ist rot. Es ist die Arbeiterfahne, die Vater trug durch die Not.” Das Wort “Arbeiterfahne” wurde von uns durch “Arschkriecher-Fahne” ersetzt. Was durch den “Kot” getragen wurde, klang so viel fröhlicher…”
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