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Ostdeutsches Aschenputtel – Kindheit in der DDR

28. November 2014 | von | Kategorie: Blog, Mauergewinner Leseproben

OLYMPUS DIGITAL CAMERABis heute weiß ich, was ich an dieser DDR nicht mochte, was ich zutiefst verabscheute und warum ich froh bin, nicht mehr in diesem Land zu leben. Leute in meinem Alter mit ostdeutschem Migrationshintergrund fürchten sich immer noch vor solchen – oft unausgesprochenen – Drohungen: „Wenn du dies nicht machst, wirst du aber jenes nicht erreichen.“ Oder: „Falls du hierbei erwischt wirst, kannst du dir dies ein Leben lang abschminken.“, „Wenn du hier nicht eintrittst oder unterschreibst, ist die Karriere leider beendet.“
In den Firmen, in denen ich nach der Wende gearbeitet habe, waren komischerweise fast immer die Leute aus Westdeutschland die größten Anpasser, Intriganten und Petzen beim Chef. Und das, wo doch gerade diese Leute immer geargwöhnt hatten, dass sich im Osten so gut wie alle gegenseitig ausgehorcht hätten. Jeder anständige Ostdeutsche lässt seinen Arbeitgeber heute sofort angewidert abblitzen, wenn er für die Firma spitzeln oder Kollegen verpfeifen soll. Die meisten Ossis haben etwas aus ihrer Geschichte gelernt und lassen sich nicht mehr erpressen oder unter Druck setzen. Die „Stasi West“ regiert die Büroflure des 20. Jahrhunderts, könnte man augenzwinkernd meinen.
Wenn man nicht straffällig wird, ist es heute allerdings kaum mehr möglich, dass man sich seine gesamte Karriere und seinen weiteren Lebensweg ernsthaft und irreparabel versaut. Den Job könnte man jederzeit wechseln. Fragen zum politischen Background, zur Religion und zu persönlichen Ansichten sind in Einstellungsgesprächen sogar verboten. Wir müssen in keine Organisationen eintreten, um einen Studienplatz zu bekommen oder um Abteilungsleiter zu werden. Selbst wenn man bei einer Prüfung dreimal durchfällt, bekommt man in diesem Land irgendwann eine neue Chance. In der DDR hatte man, anders als beim Mensch-ärgere-dich-nicht-Spielen, meistens nur ein Leben.

Nach der zweiten Unterrichtsstunde wurden wir Kinder jeden Tag in den Milchkeller geschickt. Die Küchenfrauen mit ihren bunten Kittelschürzen hatten dort die Milchkübel aufgestellt. In jedem befand sich eine exakt abgezählte Anzahl Milchtüten in dreieckigen Pappkartons und außen war mit weißer Kreide die jeweilige Klasse draufgeschrieben. Ich mochte den Geruch der vergorenen Milch nicht, der dort unten in den gefliesten Räumen hing.
Jedes Kind musste zu Beginn des Schuljahres angeben, ob es Vollmilch, Vanille-, Erdbeer- oder Schokomilch trinken wollte. Ich weiß nicht, ob es diese recht große Auswahl wieder einmal nur in Berlin gab – jedenfalls war Kakao am teuersten und weiße Vollmilch am unbeliebtesten. So ein „Milchmonat“ kostete unsere Eltern zwischen vier und sieben Mark und meistens bezahlte man die zusammen mit dem Mittagessensgeld.
Irgendwann schenkte man sich die uncoole Milchpause, und spätestens ab der 7. Klasse steckte man sich auch das Geld für das Mittagessen in die eigene Tasche. Zu Hause erzählte man in jedem Jahr, dass „die Schweine“ schon wieder das Essensgeld erhöht hätten, und meine Eltern gaben mir bereitwillig monatlich die erlogenen 15,50 – eine willkommene Erhöhung des Taschengeldes. Mein Vater wunderte sich nicht über die verhältnismäßig teuren Preise und Mutter war froh, dass ich nicht am heimischen Gasherd herumhantierte sondern vollwertige Schulkost aß. Meistens klauten wir uns nun unsere Essensrationen in der Halle an der Höchste Straße.
Im Sommer nahmen wir den kleineren Kindern, die beim Schweinebammeln an der Klopfstange hingen auch schon mal die Milch weg – ausschließlich Schoko. In den Pausen lungerten wir rauchend in der Ecke an der hinteren Front unseres Schulgebäudes. Auf dieser Seite gab es keine Fenster für spionierende Lehrer und gleichzeitig standen wir hier unmittelbar an der Grenze zum Schulhof der verfeindeten Rosa-Luxemburg-Oberschule. Die Vormachtstellungen änderten sich jedes Jahr, aber es war immer die älteste Stufe einer der beiden Schulen, also jeweils die 10. Klasse, welche die aktuelle Macht hatte. Wir waren gerade in der 9. und wussten, dass wir ab dem nächsten Jahr die herrschenden Könige der Höfe sein würden. Die Jungs aus der 9. der Rosa in unserem Alter, aber eigentlich auch die beiden momentanen 10., waren die größten Pfeifen – unsere Zeit würde bald kommen.
Urkunde vorbildlich
Plötzlich flogen faule Äpfel in unsere Raucherecke. Sie kamen vom gegenüberliegenden Grundstück. Ein engmaschiger Zaun war die unüberwindbare Grenze zwischen den Schulen, denn zum einen war er fast drei Meter hoch und außerdem gab es auf beiden Höfen Lehrer, die Aufsicht schoben. Astrid schrie laut auf, als sie von einem Apfel genau in den Bauch getroffen wurde. Wir hatten da ein Problem mit der Rosa.
Ohne groß zu überlegen, rannten Tessi und ich in unseren Milchkeller und nahmen uns jeder einen dieser stinkenden, grünen, sechseckigen Kübel. Auf meinem stand mit Kreide: Klasse 2a. Aus unserer Ecke wurden wir lautstark angefeuert, als wir begannen, mit den Milchkartons in Richtung Nachbarhof zu schmeißen. Tessi konnte weiter werfen als ich, dafür brillierte ich als respektabler Schütze beim Zielen auf Personen in näherer Reichweite. Wir waren richtig gut und setzen fünf Volltreffer. Vor drei kreischenden Mädchen zerklatschten die Pappkartons in einer riesigen Fontäne. Bei zwei jüngeren Schülern bekamen wir die Milch sogar am Körper zum Platzen. Schoko: eine Riesensauerei. Beifallsbekundungen und Jubel begleiteten unsere Würfe aus der Raucherecke. Thomas und Torte rannten in unsere Richtung und riefen: „Scheppi, lass uns noch was übrig“. Doch plötzlich bremsten sie ab und ich merkte, wie mich jemand von hinten mit festem Griff in den Schwitzkasten nahm. Das Blut schoss mir in die Schläfen und ich konnte plötzlich kaum noch atmen.
Scheiße, die Rosa hatte uns doch angegriffen, ging es mir kurz durch den Kopf. Aber nein: Mein vor Wut schäumender Sportlehrer, Herr Pinka, schleifte mich in dieser misslichen Haltung quer über den Schulhof ins Zimmer der Direktorin – zur Fehlerdiskussion.
Frau Seifert sagte zunächst nur: „Scheppert und Tesselitz, Sie erhalten einen Tadel!“, bevor sie inhaltlich mehr in die Tiefe ging. Mit immer noch feurigem Kopf mussten wir uns einen fünfzehnminütigen Vortrag über hungernde Kinder in Angola und Mosambik anhören. Viele dieser armen Kreaturen hätten noch nie im Leben echte Milch gesehen, sagte sie, und vieles mehr. Wir schauten kurz einer zum anderen hinüber und lächelten uns unmerklich an. Der abschließende Satz haute mich jedoch nach hinten um: „Ihre Abitur-Bewerbung, Jugendfreund Scheppert, können Sie sich ja wohl erst einmal abschminken.“
Das konnte sie doch nicht ernst meinen! Ich habe zwei linke Hände, möchte und darf nicht in die sozialistische Produktion. Was soll aus mir werden? Das geht einfach nicht!
Plötzlich sah ich mein Schicksal ganz deutlich vor mir. In einer dreijährigen Ausbildungszeit würden sie mich zum staatlich geprüften Milchfahrer des VEB-Getränkekombinates Berlin schulen, der täglich früh um vier aufzustehen hatte, damit unsere kleinen ABC-Schützen und Frösi-Kinder alle am Morgen ihre Milch im Schulkeller vorfanden. Mein Leben stand auf dem Spiel und ich hatte nur eins.
In der DDR gab es pro Klasse und Schule nur wenige nach einer gewissen Quote zu verteilende Abiturplätze. In meiner Klasse waren es genau drei. Zwei waren schon so gut wie vergeben. Sabine hatte – natürlich außer in Sport – alles Einsen, war also nicht zu schlagen, und Lars hatte sich für 25 Jahre bei der Nationalen Volksarmee als Offizier verpflichtet. Mit dem Halbjahreszeugnis der 9. musste ich somit alle anderen 23 Schüler aus meiner Klasse hinter mir lassen, um überhaupt eine Chance zu haben. Trotz oder wegen der Milchtütenwürfe stellte ich mich in diesem Schuljahr erfolgreich zur Wahl des FDJ-Sekretärs, schrieb erstklassige agitatorische und solidarische Artikel für unsere Wandzeitung, erklärte mündlich, dass ich auf jeden Fall für drei Jahre meinen Dienst bei der NVA machen würde, und hatte vor dem entscheidenden Zeugnis tatsächlich fast überall Einsen – auch in Sport. Notendurchschnitt: 1,3!
Als Frau Seifert auf der Lehrerkonferenz kund tat, dass ich für die 11. Klasse der Friedrich-Engels-EOS (Erweiterte Oberschule) vorgesehen war, konnte ich mein Glück nicht fassen, auch wenn sie im Nebensatz erwähnte: „Noch ein winzig kleiner Ausrutscher und der Abiturplatz ist trotzdem weg.“ Meine Freunde Torte, Bommel und Tessi, ausgewiesene Spezialisten in Sport, Mathe oder Zeichnen, aber eben nur mit einem Zweier-Zensurenschnitt, hatten gegen mich keine Chance gehabt. Für sie hieß es: ab in die sozialistische Produktion!
5 Rosa Luxemburg POS

Ich war ein schlaues Kind. Erst im Zeugnis der dritten Klasse hatte ich meine allererste Zwei und Mutter erzählt noch heute, dass ich deswegen zwei Tage lang geheult hätte. Das mit dem Ehrgeiz ließ ein bisschen nach und als das Fach „Schönschrift“, durch „Werken“ und „Schulgarten“ abgelöst wurde, wurde sowieso nichts mehr aus dem perfekten Zeugnis, durchgängig mit der Note Eins. Ich war eindeutig zu blöd dazu, Schraubstock, Feile oder Harke liebevoll zu bedienen. Ab der 7. Klasse gab es dann plötzlich die Fächer ESP – Einführung in die Sozialistische Produktion, TZ – Technisches Zeichnen und PA – Produktive Arbeit.
Den theoretischen ESP-Teil konnte ich natürlich ganz gut bewältigen, obwohl mir bis heute nicht klar ist, wie Lochstreifen und die Planwirtschaft funktionieren, weder einzeln noch zusammen. Technisches Zeichnen ging auch irgendwie, aber das Problemkind war PA – für den Mann mit den zwei linken, feingliedrigen Händen.
Im volkseigenen Betrieb in Rummelsburg gegenüber vom Knast sollten wir Wäscheständer herstellen, die ich im fertigen Zustand noch nie zuvor in der DDR gesehen hatte. Damit ich wenigstens eine Zwei bekam, schlug ich meinem Meister vor, dass ich die vier Stunden jeden Mittwoch auch gerne damit zubrächte, diverse Schrauben und Muttern zu sortieren. Die handlichen Exportschlager wurden somit alle ordnungsgemäß montiert und ich, das ostdeutsche Aschenputtel, hatte auch einen Beitrag zum Bruttosozialprodukt geleistet.
Die Verlagerung unserer produktiven Arbeitsstätte in der 10. Klasse ging einher mit dem Wechsel unserer Stammkneipe in das Hochhausrestaurant „Gutenbergstube“. Beide befanden sich nun am Ostbahnhof, und unser Motto hieß: „Vor der Arbeit das Vergnügen!“
Wir trafen uns also am Mittwochmittag an unserer so genannten „Tränke“ und fast alle Jungs versuchten, ihren Rekord im Saufen eines halben Liters Berliner Pils zu toppen. Unser Weltrekord lag bei unglaublichen handgestoppten 3,5 Sekunden – nach drei, vier Versuchen gingen wir arbeiten.
Man hatte mich an eine Maschine eingeteilt, an der ich per Dampfdruck permanent, also vier Stunden lang, kleine metallene Ringe ausstanzen sollte. Das konnte selbst ich tollpatschiger Vollidiot ganz gut bewältigen – sollte man meinen. Der feine zukünftige Abiturient hatte in seinem betrunkenen Zustand leider vergessen, die wichtige Unterlegscheibe auf die Arbeitsfläche der Werkbank zu legen. Ich stanzte also grinsend im Akkord und lauschte der Musik aus dem Kofferradio. Doch plötzlich gab es einen gewaltigen, funkenden Knall, und direkt vor meinen Augen flog irgendetwas durch die Montagehalle. Ich duckte mich und wenig später kam die große Maschine mit der stolzen Aufschrift „Made in GDR“ zum Stillstand.
In meiner Abteilung hatte ich für diesen Nachmittag die komplette Produktion lahm gelegt. Ein Teil des herumfliegenden Bohrkopfes hatte sich in den jetzt stark blutenden Oberarm eines fluchenden VEB-Mitarbeiters gebohrt und das gesamte Kollektiv stand besorgt um ihn herum und starrte mich grimmig an. Ich entschuldigte mich kleinlaut. Auch beim Vorgesetzten Herrn Meier, der mich minutenlang anschrie, ob ich eine Ahnung davon hätte, wie viel diese Maschine gekostet hätte und ob mutwillige Zerstörung von Volkseigentum heutzutage an unseren Schulen gelehrt würde. Zu allem Überfluss hatte die dicke Kollegin in der blauen Schürze, die mich eingearbeitet hatte, gepetzt, dass ich irgendwie nach Alkohol roch.
Mir wurde schwindelig: „Unter alkoholischem Einfluss eine 30.000 Mark teure volkseigene Maschine mutwillig zerstört und dabei Mitarbeiter Hufschmidt lebensgefährlich verletzt“, las ich bereits in Gedanken in Meiers Bericht. Meine mir bereits zugesicherte Abiturzulassung könnte ich mir bei so einer Geschichte komplett abschminken. Als Herr Meier mich nach meinem Namen fragte, stellte ich mir bereits ein Leben als Werkzeugmacher, Dreher oder Melker vor. „Ihren Namen möchte ich wissen!“, schrie er ein zweites Mal. „Uwe Bommler“, antwortete ich vollkommen spontan. Meier war an diesem Tag zum allerersten Mal Oberaufseher, er kannte meinen Namen nicht und schrieb den von mir genannten in seinen Bericht an meine Schule.
Ich wurde rausgeschmissen und wartete über zwei Stunden vor dem Werkstor auf meine Freunde Tessi, Torte und Bommel. Mit zittriger Stimme erzählte ich ihnen, was geschehen war, und schaute vor allem ängstlich ins Gesicht des kleinen Bommel – des wahren Uwe Bommler, dessen Namen ich mir kurzerhand ausgeliehen hatte. Schon auf dem Nachhauswege klopfte er mir ermunternd auf die Schulter: „Mensch, mach dir mal keene Sorgen Scheppi, ick hab meine Stelle bei NARVA doch sicher. Dort will ja eh keener hin.“

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Eine halbe Stunde später saßen wir im Alfclub. Bommel prostete mir mit einem Bier zu. Ich lehnte mich zurück und dachte, was für fantastische Freunde ich doch im Leben gefunden hatte.
Uwe Bommler alias Bommel wurde am nächsten Tag zur Direktorin gerufen. Ohne groß zu diskutieren, verurteilte Frau Seifert seine Tat und gab ihm den ihm zustehenden Tadel. Was er sich denn dabei gedacht hätte, wo er doch Werkzeugmacher werden wollte? Er entschuldigte sich brav und erwähnte mich mit keinem Wort. Er wusste, dass er mir damit den Abiturplatz gerettet hatte und ich ahnte zum ersten Mal, dass wir ein Land mit Menschen voller Edelmut waren. Es gab scheinbar mehr Leute, die sich schützend vor einen stellten als jene, die einen verpfiffen. Und das, obwohl alle nur dieses eine Leben hatten.

Für mich begann nun also ein privilegierter Zeitabschnitt: meine Zeit in der Erweiterten Oberschule bis zur 12. Klasse. Am 4. September 1988 stand ich vor meiner allerersten Unterrichtsstunde in der Friedrich-Engels-EOS beim Fahnenappell. Ich schaute mich um und studierte die vielen neuen Gesichter. Ich musste an Pinkas Schwitzkasten und Frau Seiferts Drohungen denken und hätte ihnen gerne zugerufen: „Hey, ich habe es doch geschafft!“ Der Direktor rief zu einer Schweigeminute für einen in den Ferien verstorbenen Mathelehrer auf und den älteren Jungs aus der 12. ging das komischerweise sehr nahe. In meiner alten Schule hatte ich bis auf die junge Frau Wagenbach überhaupt keinen Lehrer gemocht – und hier liebten sie ausgerechnet den für Mathe. War ich wirklich in einer anderen Welt gelandet? Ich war gespannt, was hier noch alles auf mich zukommen würde, und nahm mir vor, Bommel noch mal einen auszugeben. Uwe Bommler, der vor einer Woche im Berliner Glühlampenwerk, VEB NARVA „Rosa Luxemburg“, als Werkzeugmacher angefangen hatte.

Zum Weiterlesen: Mauergewinner oder ein Wessi des Ostens

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Bennys großer Tag – Kindheit in der DDR

30. April 2014 | von | Kategorie: Blog

8 VP FriedrichshainIrgendwie war es nicht so recht zu begreifen. Unsere arg verhasste Nachbar-Oberschule, die “Rosa-Luxemburg”, holte bei sämtlichen sportlichen Veranstaltungen im Stadtbezirk fast immer erste Plätze, Jahrgang für Jahrgang, und unsere Schule nichts, gar nichts, null nüscht! Als ob sie uns schon in den Kindergärten zugeteilt hätten: Du Sportskanone in die “Rosa” und du kleine ungelenke Flasche in die “Käthe”. Unser Sportlehrer, Herr Pinka, hatte neben den miserablen Ergebnissen noch ein zweites Handicap: Es wollte bald niemand mehr bei den Stadtbezirksmeisterschaften antreten und 74. werden. Um uns die prestigeträchtige 3.000-Meter-Cross-Strecke schmackhaft zu machen, gab er allen Schülern, die dort mitliefen, automatisch eine Eins in dieser Disziplin ins Klassenbuch – ohne Zeitvorgabe.

So kam es, dass er für diese lange Strecke, anders als beim BZA-Lauf, immer eine grandiose Zahl Schüler in allen Altersklassen an den Start schicken konnte und sein Soll deutlich übererfüllte. Der berühmte Lauf fand am kleinen Ententeich im Volkspark Friedrichshain statt und es kamen jedes Jahr zahlreiche Zuschauer zu diesem Großereignis. Neben Eltern und Lehrern der Schulen, versammelten sich lästernde, konkurrierende Cliquen an der Laufstrecke.

3 VP Friedrichshain
Da ich nun in der coolen 10. Klasse war, trabte ich nur langsam um den Teich – hielt hinter Büschen und Bäumen, rauchte einen Zug oder trank einen Schluck vom gereichten Bier – extrem lässig musste man sein. Ohne einen vergossenen Schweißtropfen brachten wir unseren Lauf in einer halben Stunde hinter uns und warteten gespannt auf die jüngeren Klassen.
Als die Achtklässer an uns vorbeirauschten, lachten wir uns kaputt; die nahmen das noch entschieden ernster. Als Letzter von vielleicht 80 Kindern kam Benny um die Ecke gekrochen. Er lief, um Eindruck zu schinden, ähnlich wie sein großer Bruder besonders locker und aufreizend langsam. Ich lächelte stolz und wir überzeugten ihn, erst einmal ein kleines Päuschen einzulegen. Als der Führende seines Laufes ein zweites Mal vorbeikam, schickten wir ihn wieder auf die Reise. Allerdings hatten wir nicht bemerkt, dass das komplette Starterfeld ihn bereits zweimal überrundet hatte. Um ihm die Schmach zu ersparen, einsame Runden allein zu laufen, feuerten wir ihn mit markigen Sprüchen an. Benny verstand den kleinen Scherz und legte einen ordentlichen Zwischenspurt ein.

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Es konnte doch wirklich niemand ahnen, dass er den gestählten und vollkommen überraschten Athleten aus der “Rosa” im Höllentempo überholte. Unser Jubel und die dramatisch hetzenden Jungs schienen die Kampfrichter so zu beeindrucken, dass sie meinen Bruder für den Gesamtführenden hielten und ihn in Richtung Ziel einwiesen. Mit letzter Kraft stolperte er in das rote Zielband. Alle waren außer sich vor Freude und stürmten schreiend den Auslaufbereich. Euphorisch warfen wir unseren schelmisch grinsenden Sieger in die Lüfte. Unsere Schule hatte ihren großen Champion, wir waren endlich wieder wer in Friedrichshain! Mein kleiner Benny bekam als einziges Kind meiner gesamten Schulzeit ein öffentliches Lob „mit Auszeichnung“ auf dem nächsten Fahnenappell ausgesprochen. In unserer Sporthalle zierte eine riesige Urkunde mit seinen Errungenschaften die Wandzeitung.
Herr Pinka konnte sein Glück kaum fassen. Benny Scheppert war der Held unseres Sportlehrers, des Direktors, ja der ganzen Schule. Auch für mich war, ist und bleibt er das. Ein Leben lang!

Zum Weiterlesen bei Spiegel Online

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Mauergewinner – Kindheit in der DDR

13. August 2011 | von | Kategorie: Blog

IMG_7336Viele ehemalige Westberliner erzählten mir noch lange nach der Wende, dass sie mit der Berliner Mauer auch einige wenige positive Dinge verbanden. Sie gaben mir zwar alle Recht, dass dieses Monstrum 28 Jahre lang für Teilung und Leid, für Verfolgung und Tod stand, doch in einigen Stadteilen sei es damals einfach wesentlich beschaulicher zugegangen. Eine alternative Kiezkultur zerbrach. Dennoch waren wir uns 1989 alle einig gewesen – das Ding musste weg. Sofort!

Schnell hatte man überall ganze Grenzanlagen und Wachtürme gesprengt und die Mauer selbst wurde in kleinen und großen Stücken verscherbelt. Auch der Abschnitt zwischen dem ehemaligen Grenzübergang an der Oberbaumbrücke in Richtung Ostbahnhof wäre fast abgerissen worden. Immer lauter wurden die Rufe, den Grenzwall zu beseitigen und manche schrieben ihren Hass in großen Lettern an die weißen Wände. Nur wenige erhoben damals ihre Stimme, sie als Mahnmal Steingewordener Erinnerung stehen zu lassen. Niemand dachte daran, dass aus Berlin einmal eine Weltstadt werden und dieser geschichtsträchtige Ort Millionen von Touristen anlocken könnte, die dann fragen würden: „Und wo ist die Mauer?“

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Ich beobachtete mit eigenen Augen wie schließlich tausende Liter Farbe den Ruf nach Demontierung übertünchten. Zu lesen war 1990 plötzlich: „Ich habe die Mauer der Schande bemalt. Berlin: Meine Farbe und all meine Zuversicht schenke ich als freier Mann Dir“. 118 Künstler aus 21 Ländern gaben dem hässlichen Steinmonument ein neues, ein buntes Gesicht. Die Bilder vom knutschenden Breschnew mit Honecker oder des Trabis, der die Mauer durchbricht, zogen sofort die Massen an. Der größte noch vorhandene Abschnitt des „antifaschistischen Schutzwalls“ wurde zur längsten und ungewöhnlichsten Mauergalerie der Welt. Ich war regelrecht stolz auf das neue Kunstwerk in „meinem“ Friedrichshain, denn über die „alte Mauer“ konnte ich wahrlich nichts gutes berichten. Lediglich ein einziges Mal…

Die Spartakiaden waren wichtigste sportliche Wettbewerbe für Kinder und Jugendliche der DDR. 1981 ging es nach Schulschluss zum Lasker-Sportplatz in die komplett andere Ecke meines Bezirkes. Ich aß zu Hause noch schnell eine Stulle; in meinen Stoff-Turnbeutel packte ich nur einen Apfel und ein Handtuch, da ich die Sportsachen gleich anzog. Ausgerechnet drei Leute aus der Parallelklasse 4 A waren meine Mitstreiter im Staffellauf. Wir aus der B-Klasse hänselten sie immer mit dem Spruch: „A wie Arschloch, B wie besser“. Matthias, Enrico und Thomas schauten mich schon an der Bushaltestelle, wo wir uns sammelten, abwertend an und riefen „A wie artig, B wie blöde“ zu mir herüber.

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Wir mussten gemeinsam in den Bus am Volkspark Friedrichshain einsteigen und fuhren vorbei am Leninplatz, über die Karl-Marx-Allee und den S-Bahnhof Warschauer Straße in die Persiusstraße. In Höhe des Bahnhofs, als der Bus in die Stralauer Allee einbog, zog diese schier endlos erscheinende weiße Mauer an uns vorbei. Ich kannte diesen Abschnitt. Wir fuhren hier immer mit den Eltern entlang, wenn es in die große weite Welt nach Dresden, Zwickau und Karlovy Vary ging. Es war für mich eine ganz normale Mauer, wie vor einem Kombinat oder einer Militäranlage der NVA und ich wusste lange nicht was sich tatsächlich dahinter befand.
Eine Weile starrte ich aus dem Fenster, und da niemand mit mir sprach, stand ich von meinem Sitz auf und ging hinüber zu unserem Lehrer Herrn Pinka. Ich setzte mich neben ihn und hoffte, dass er mich erkennen würde, aber er beachtete mich nicht. Stattdessen blickte auch er nur verdrossen auf die grauen vorbeiziehenden Häuser. Obwohl ich ihn als recht ehrgeizig und zielstrebig in Erinnerung behalten habe, gab es bei meiner ersten Spartakiade keine taktischen Anweisungen, keine motivierenden Ansprachen im Vorfeld. Wir fuhren einfach nur schweigend eine lange, hohe Mauer entlang, auf dem Weg zum Wettkampf der Besten.
Die Sportanlage war grauenhaft. Eine Vierhundert-Meter-Aschelaufbahn, umrahmt von einem hohen zehnstöckigen Neubaublock, der Straße und einer verfallenen Tribüne aus kaskadenförmig angeordneten Betonsockeln. Jenseits dieser Empore gab es eine ungepflegte Rasenfläche, wo sich die Schüler aus den verschiedenen Schulen sammelten. Unsere Schultrikots bestanden aus einer weißen Turnhose und einem ärmellosen gelben Hemd, auf dem das Emblem der „Käte-Duncker-Oberschule“ aufgenäht war. Ich kenne bis heute kein anderes Sport- oder Fußballteam, das diese grässliche Farbzusammenstellung gewählt hätte. Das einzig Positive für uns Kinder war, dass wir unsere Schulkameraden immer recht schnell im Gewühl wiederfanden und die anderen wussten: „Da kommen die Pfeifen aus der Käthe!”

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Die hundert aufgeregt plappernden Kinder ließen meine Anspannung ins Unermessliche steigen. Ich setzte mich nervös auf den Rasen neben meine mich ignorierenden Kameraden aus der A-Klasse. Dann wurden die Teilnehmer des 4×100-Meter-Laufs aufgefordert, Aufstellung zu nehmen. Als ich an meine Position ging, packte mich das Lampenfieber endgültig. Plötzlich brüllte auch Herr Pinka irgendwelche Dinge, die ich hier hinten wegen des lauten Publikums nicht verstand. Meine Konkurrenten und Mitstreiter an der 3. Stelle lachten mir fies ins Gesicht. Zum Glück waren meine Eltern nicht dabei, dachte ich, denn die Situation war ganz und gar nicht mit den Staffelrennen, die wir untereinander in unserer Schulsporthalle veranstalteten, zu vergleichen. Dort war ich ein strahlender Siegertyp und hier, bei meinem ersten richtigen Wettkampf, ein jämmerlicher Waschlappen.
Ich bekam Magenschmerzen. Als ich auf meine Startposition ging, wurden daraus richtige Krämpfe. Nur ein Pups konnte mich jetzt noch retten. Augenblicklich spürte ich, dass dies keine gute Idee gewesen war. Zeitgleich mit dem krachenden Startschuss hatte ich mir in die Hose gemacht.
Es dauerte etwa dreißig Sekunden, bis Matthias auf Enrico gewechselt hatte, dieser bei mir war und mir schreiend den Stab in die Hand schlug. Irgendwie schaffte ich es, auch in dieser misslichen Lage zu laufen. Ich war sogar schneller als sonst.

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Auf dem vierten Platz hatte ich übernommen und schaffte es tatsächlich auch an dieser Position liegend, an unseren Schlussläufer Thomas zu übergeben. Am Ende wurden wir Fünfte von sechs Staffeln in diesem Vorlauf und schieden wie alle anderen Staffeln unserer Schule aus.
Voller Scham verkroch ich mich in die letzte Ecke. Zum Glück gab es für uns und den frostig dreinschauenden Herrn Pinka heute keine Urkunden und Medaillen. Mir waren diese auch völlig egal geworden, ich wollte nur noch weg. Trotzdem dauerte es gefühlte Stunden, bis ich es endlich geschafft hatte, mich von unserem Lehrer und meinen Mitläufern zu verabschieden. Ich sagte, dass ich noch einen Onkel in dieser Gegend besuchen müsste und war augenblicklich verschwunden. Natürlich konnte ich mit voller Hose nicht mit dem Bus zurück fahren.
Den Tränen nahe, rannte ich einfach drauflos. Bereits nach fünf Minuten merkte ich allerdings, dass ich mich vollkommen verlaufen hatte. Plötzlich stand ich vor dieser riesigen weißen Mauer und wusste nicht, ob ich nach rechts oder links laufen sollte. Ich begann zu heulen, entschied mich für eine Richtung und lief los, immer entlang an dem hohen weißen Ungetüm. Es war „die Mauer“, doch kein Grenzsoldat oder hilfsbereiter Volkspolizist nahm mich, den kleinen, traurigen Jungen, wahr und tröstend in den Arm. Niemand meinte es gut mit mir. Plötzlich erblickte ich den Fernsehturm, und als ich die Jannowitzbrücke erreichte, erkannte ich freudestrahlend den weiteren Weg nach Hause. Ich musste jetzt nur noch rechts in die Straße zum Kino International abbiegen und dann ging es immer geradeaus zur Mollstraße.

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Nach einer dreiviertel Stunde war ich endlich angekommen, zog mich in Windeseile aus, schmiss die Turnhose und meinen Schlüpfer sofort in den Müllschlucker und legte mich in unsere Badewanne. Kein einziger Mensch hatte mein Malheur mitbekommen. Ich war so glücklich, wieder sauber und daheim zu sein und dachte an diese endlose weiße Wand. Sie war mein Wegweiser gewesen, ohne sie hätte ich mich heillos in dieser riesigen Stadt verlaufen. Die Staffel war verloren, doch die Mauer hatte mich nach Hause geführt. Ich war Mauergewinner!

Das 1,3 Kilometer lange Stück steht noch heute. Ich freute mich 2009 über die Restaurierung des denkmalgeschützten Abschnitts – längst weltbekannt als „East Side Gallery“ – denn bis vor zwei Jahren war sie weder weiß noch bunt. Autoabgase von Millionen Fahrzeugen, Regen, Frost und Farbanschläge hatten die Bilder bis zur Unkenntlichkeit entstellt. An vielen Stellen hackten Touristen große Löcher in die Wände, nur um ein Stück Erinnerung mit in die Heimat zu nehmen.

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Wenn ich heute manchmal in die S-Bahn steige, werde ich von aufgeregten Menschen aus England, den USA oder Brasilien gefragt: „Und wo ist die Mauer?“ Mit einem Lächeln deute ich nach links und denke: ‚Vielleicht können sie ihren Kindern ja einmal erzählen, warum und wieso „die“ da steht und damit vieles mehr von einem Abschnitt bedeutender und oftmals sehr trauriger deutscher Geschichte.’
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Die Mauer ist also nicht gänzlich in Berlin verschwunden und besonders hier in Friedrichshain ein großer Touristenmagnet. Sie ist zu unser aller Glück überall passierbar und steht nun in meinen Augen als Sinnbild für grenzenlose Freiheit.

Und verlaufen kann man sich zwischen Oberbaumbrücke und Ostbahnhof noch immer nicht!

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