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Spürst Du mich? Jugend in der DDR

10. März 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben


Bergi und ich machten wie immer die Musik. In unserem Klassenzimmer hatten wir die Tische an die Wände gestellt und die Stühle standen jetzt ebenso in U-Form davor. In der rechten hinteren Ecke stand unsere Anlage auf dem Lehrertisch. Ein Verstärker und zwei alte Boxen aus dem Musikzimmer waren an meinen Kassettenrekorder angestöpselt. Wie gewohnt saßen die Mädchen auf der einen Seite und schauten abfällig zu den herum albernden Jungs gegenüber. Nur bei uns am Pult traf man sich gelegentlich, denn hier konnten die Musikwünsche abgegeben werden, die wir ordentlich auf einem großen DIN-A4-Blatt notierten. Unsere eigenen Favoriten und die Wünsche von Lydia, Ute und Diana standen ganz oben. Die von Lars und Sabine wurden zwar angenommen aber sofort wieder gestrichen, wenn die beiden abgezogen waren. Sie ahnten das und wünschten sich deshalb einfach Depeche Mode.
Auf der Hitliste in diesem Jahr: A-ha, Sandra, Madonna, Bronski Beat, The Cure, Kraftwerk, Communards, Kool and the Gang, Eurythmics, Die Ärzte, Spandau Ballet, The The, Frankie goes to Hollywood, Stefan Remmler, Trio, Boy Tronic, Billy Idol, Soft Cell und Depeche Mode.
Nicht ein einziges Lied einer Band aus der DDR war dabei und Herr Blase ermahnte uns auch nicht, welche zu spielen. Der verschwand sowieso ins Lehrerkabinett und tauchte erst wieder um 21 Uhr auf, um das Licht anzumachen. In den Stunden dazwischen legten wir mindestens sechs Mal „Ich will Spaß“ von Marcus ein. Alle Jungs sprangen dann sofort von den Stühlen und brüllten mit in die Höhe gereckter Faust – und wie von Sinnen – die Zeile: „Deutschland, Deutschland, spürst du mich? Heut Nacht komm ich über dich“. Es war der 12. November 1985 und wir machten Klassen-Disko.

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Am Tag danach war ein Fahnenappell anberaumt. Dieser unregelmäßig stattfindende Aufmarsch aller Klassen, bei dem man zunächst vor der Schule in Zweierreihen Aufstellung bezog und dann Klasse für Klasse im Gleichschritt zu Arbeiterliedern auf dem Appellplatz vor dem Schulgebäude antrat, war eine willkommene Abwechslung im tristen Schulalltag. Es ging los, als krächzend das Kampflied aus den alten Lautsprecherboxen ertönte, die wir noch am Vorabend benutzt hatten. Die Schüler der älteren Klassen gaben sich große Mühe, besonders falsch zu singen, und wenn es möglich war, den Text zu verunstalten. Zum Beispiel hieß es: „Ich trage eine Fahne und diese Fahne ist rot. Es ist die Arbeiterfahne, die Vater trug durch die Not.“ Im Text wurde das Wort „Arbeiterfahne“ durch „Arschkriecherfahne“ ersetzt und schon klang es viel fröhlicher, was durch den „Kot“ getragen wurde. Sobald alle Schüler in U-Form ihren Platz eingenommen hatten, wurden von den Strebern und Arschkriechern aus dem GOL-Freundschaftsrat theatralisch die DDR- und die rote Arbeiterfahne gehisst. Der Vorsitzende, Hannes Jungblut, rief ins Mikrofon: „Für Frieden und Sozialismus. Seid bereit!“ und die Pioniere in den vorderen Reihen parierten mit ihrem „Immer bereit“ – die FDJler, die soeben noch „Immer breit“ gemurmelt hatten, bekamen ihr „Freundschaft“ vorgesetzt und antworteten mit einem gezischten „Feindschaft“, weil keinem etwas Kreativeres eingefallen war.
FDJ
Vor uns lagen zehn Treppenstufen, und dort oben stand auf einer zusätzlichen Empore die stellvertretende Direktorin Frau Frisch hinter einem Mikrofon und verlas nervös die aktuellen politischen und sozialen Errungenschaften unseres sozialistischen Vaterlandes. Mit dem Aufruf zur Solidarität zu unseren Bruderstaaten und der Geschlossenheit im Kampf gegen den feindlichen Imperialismus endete ihr Part. Danach übernahm Direktorin Frau Seifert und erklärte, dass noch in dieser Woche die GOL-Wahl in der Aula der Louis Fürnberg Schule stattfinden würde. Ein Stöhnen ging durch die Reihen der Älteren, denn das war eine wirklich anstrengende Veranstaltung mit zig Rechenschaftsberichten, Auswertungen der Lernergebnisse, Vorträgen des Agitators und des Altstoffbeauftragten. Es war lediglich von Interesse, wer von den einzelnen Klassen in die GOL-Leitung gewählt werden würde, denn falls das zum Beispiel in unserem Fall Lars und Sabine wieder schafften (die waren ja richtig heiß darauf), war man vermutlich selbst in Gefahr, in den klasseninternen FDJ-Freundschaftsrat in eine Spitzenfunktion gewählt zu werden.
Die Seifert nannte nun ein paar Schüler, die sich positiv hervorgetan hatten und überreichte einen Buchgutschein in Höhe von zehn Mark an Dirk aus meiner Klasse, weil dieser Zweiter der Matheolympiade von Friedrichshain geworden war. Solche Leute wie er, die auch noch ins Mathelager fuhren, waren nicht gerade beliebt, aber man ließ sie in Ruhe.
Dann kam das eigentliche Highlight. Die allerschlimmsten Schüler wurden nach oben zitiert und mussten Aufstellung nehmen. Frau Seifert brüllte dann mit fester Stimme ins Mikrofon: „Einen Tadel erhalten: Peter Kunert und Stefan Waran.“ Waren die zuvor ausgezeichneten Schüler noch einfach ignoriert worden, gab es bei den getadelten Leuten zustimmendes Klatschen. Wahrscheinlich ging das schon seit Jahrzehnten so, denn keiner der Lehrer beschwerte sich ernsthaft über unser Verhalten.
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Der große Held unserer Zeit war Peter, ein Junge zwei Klassenstufen über mir. Seit ich selbst in der fünften Klasse war, gab es keinen einzigen Appell, auf dem er nicht öffentlich verurteilt wurde. Er war etwas ganz Besonderes, nicht nur wegen seines Irokesenschnitts, den Jeans mit Löchern, der zerschlissenen Lederjacke mit den Aufnähern und den klobigen schwarzen Armee-Schuhen. Er verkehrte schon in den 80er Jahren in komischen Kreisen, hörte fies klingende „Toy Dolls“ Kassetten, die, bis er sie überspielte, vorher kein anderer DDR-Bürger besaß und wurde später in ganz Ostberlin bekannt als „Peter-Punk“. Die ersten Male lachten nur seine Klassenkameraden darüber, da sie wussten, was Peter wieder angestellt hatte. Später waren die Streiche und Scherze schon vor jedem Appell in der gesamten Schule bekannt, und sobald der Punker seine Bühne betrat, begannen alle aufmarschierten Kinder und Jugendliche Beifall zu klatschen, „Bravo!“ zu rufen und „Victory-Finger“ zu spreizen. Ich bewunderte diesen legendär zynisch lächelnden Typen sehr.

Auf einer dreitägigen Chorreise ins Erzgebirge mit dem Jahrgang über uns spazierte Mario Grossi in mein Leben. Er wurde sofort der zweite Superheld meiner Jugend. Zu diesem Zeitpunkt ging er in die 10. Klasse und im Gegensatz zu Peter Punk sah er extrem gut aus. So hätte ich mir, nicht nur wegen des Namens, in der DDR einen Italiener vorgestellt. Ein großer Mensch mit schwarzen, zur Seite gekämmten Haaren, dunklen geheimnisvollen Augen und feinen Gesichtszügen, der gerne weiße Hemden auf Bluejeans trug und natürlich keinerlei Löcher in Hosen, Ohren oder Nase hatte. Er besaß einen riesigen schwarzen Westrekorder und sämtliche bis dahin erschienenen Platten der „Ärzte“ auf seinen BASF-, Maxell- und TDK-Kassetten. Wie Westkassetten roch auch er anders, das konnte ich als langjähriger ORWO-Kassetten-Schnüffler, Florena-Deo-Benutzer und Badusan-Bader durchaus einschätzen. Von typisch chemischen Ost-Gerüchen war bei ihm keine Spur.
Kassette
Aber es war eigentlich auch egal, ob er vielleicht nach Mittelmeer roch und aussah wie ein italienischer Fußballspieler, Mario konnte einfach fantastisch singen. Obwohl ich schon vor Herrn Schalck-Golodkowski und Mutters anderen Arbeitskollegen bei KoKo-Betriebsfeiern in jüngsten Jahren vorgesungen hatte, fast in der Musikschule gelandet wäre und seit jeher ein fester Bestandteil des Schulchores war, schämte ich mich fast meiner Stimme und Sangesleistung in seiner Gegenwart. Vor dem zukünftigen Startenor des Ostens konnte man nur andachtsvoll auf die Knie fallen.
Zusammen mit Grossi und Bergi machten wir im Chorlager in unserer Freizeit vier Tage nichts anderes, als alle Titel der Ärzte von den Kassetten auswendig zu lernen und dreistimmig nachzusingen. Mario – ganz klar – war Farin Urlaub, also der Frontmann, ich sang zumeist Moll, was erst im Verbund mit den anderen Tonlagen einen Sinn ergab, und Bergi machte Nebengeräusche, wie „Ba ba baba“ und „Dadum, dadum“. Der Chorleiter Herr Eimer bekam davon nichts mit und stand daher genauso überrascht in der voll besetzten Turnhalle, als wir mit unserem Auftritt zu Marios Klassenabschiedsparty der 10. Klasse begannen. Wir hatten uns beim offiziellen Showprogramm klammheimlich angemeldet und gesagt, dass wir mehrere deutsche Kanons singen würden.
Bereits nach den ersten Takten von „El Cattivo“ bekamen wir stehende Ovationen. Wir sangen so dreckig wie es ging: „El Cattivo reitet einsam durch die Nacht, er hat vor zwei Tagen ein Kind umgebracht.“ Nach „Sommer, Palmen, Sonnenschein“ gab es bereits lautes Fußtrampeln, später noch drei Zugaben bei denen die komplette Sporthalle mitgrölte und nach dem „Schlaflied“ war Schluss. Vor jedem Lied hatten wir: „Wir sind die Ärzte: aus Berlin!“ gebrüllt. Ein Satz der für alles in unserer Stadt stand, denn die echte Kultband „Ärzte“ war in Westberlin, beim vermeintlichen Klassenfeind, so nah und dennoch so unendlich weit weg hinter dieser fetten Mauer. Doch laut „El Cattivo“ siegte das Böse immer. Wir hatten ihn und die Ärzte für eine Dreiviertelstunde in eine kleine Ostberliner Turnhalle geholt. Mario konnte sich nach dem Konzert das Mädchen aussuchen, mit dem er nach Hause ging, und ihr „spürst Du mich“ ins Ohr hauchen, während Bergi und ich mit unseren Kumpels in einer Ecke herumalberten.
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Im Herbst 1989 beim leisen Abgesang der DDR hatte ich schon viele großartige Menschen im Leben kennengelernt, zu denen ich aufschaute. Otmar, den fantastisch aussehenden Schauspielersohn, der auch noch Schlagzeug spielte, „Krank“ den unbezwingbaren coolen Eishockeyspieler, Bernd, den nächsten Frauenschwarm und so leicht verletzbare Gutmensch. Matze, den Revolutionär, der sich gar nichts sagen ließ, David den langhaarigen liebevollen Chaot und Roman, den intelligenten Weltverbesserer.
Aber es war eine Frau, die mich in diesen so entscheidenden Monaten dieses Landes in ihren Bann zog und Heldin Nr. 3 wurde. Dabei war ich nicht einmal verknallt in sie. Claudia.
Ende 1989 verstanden die Funktionäre, Lehrer und Parteioberen keinen Spaß mehr, denn langsam bekamen sie durch die vielen Flüchtlinge Angst, da „Deutschland immer spürbarer wurde“. Jetzt brauchte man als aufrechter Bürger etwas mehr als nur Charme, Gerissenheit oder vorgetäuschte Naivität. Gefragt waren Mut und Stolz. Nur wenige zeigten jetzt noch erhobenen Hauptes und vor allem immer (!) dem nun deutlich sichtbar, totalitären System das „Fuck-Off-Zeichen“. Claudia, dieses oftmals so nervige, gerne im Monolog redende, attraktive Mädchen tat es. Obwohl eigentlich noch vollkommen offen war, was mit den Menschen geschehen würde, die sich heimlich in Kirchen, Hinterhauswohnungen und Kneipen trafen und sich für neue Freiheiten und Foren engagierten, trat Claudia immer konsequent für ihre Sache ein. Ein möglicher, jahrelanger Knastaufenthalt in Bautzen schien ihr scheißegal oder es wert zu sein.
Die Mauer ist weg
Doch wir konnten uns nie die Hände reichen, keine gemeinsamen Erfolge feiern, nicht auf Demos verabreden oder aufregende Dinge beim Bier austauschen. Mir blieb der Zutritt zu ihrem geheimen Zirkel stets verwehrt. Zu Recht, denn so traurig es heute auch klingen mag: sie hätte Angst haben müssen, dass ich etwas verraten könne und ich, dass mich jemand ansprechen würde, der genau das von mir verlangte. Obwohl ich über Otmar und Roman eigentlich bestens im Bilde war und diesen wichtigen und unerklärbaren Schritt in die Reihen der „Richtigen“ und „Guten“ genau in diesen Monaten innerlich vollzogen hatte, gehörte ich nie in Claudias Verschwörergruppe. Und genau das ärgerte mich maßlos und machte sie so unendlich interessant. Es ist deshalb vielleicht wie das Wunder im Wunder, dass genau sie es war, die mich als erste anbrüllte und abknutschte: „Mensch die Mauer ist offen!“.
Mauergewinna
Als Claudia nach der Wende, Anfang des Jahres 1990, als Sinnbild für alles Neue und für die vollzogene Veränderung zu unserer Schulsprecherin gewählt wurde, war klassenintern plötzlich eine Führungsfunktion frei. Obwohl ich mich schon lange nicht mehr in den FDJ-Freundschaftsrat hatte wählen lassen, gefiel mir die Vorstellung. So wurde ich zum ersten frei gewählten Klassensprecher der 12-6, – im letzten Jahrgang, der sein Abitur in einem Land namens DDR bekam.

Kein Quatsch: Noch heute muss ich spontan, als ob mir ein kleiner Mann im Ohr sitzt, aufspringen und wie von Sinnen losbrüllen. Es wird zum Glück nur noch selten gespielt: „Deutschland, Deutschland, spürst Du mich?“
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Zum Weiterlesen: Mauergewinner
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Free German Youth Lessons – “Generation Wall” by Mark Scheppert

18. April 2015 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

OLYMPUS DIGITAL CAMERAIn spring 2008 Sylvie’s brother visited us together with his girlfriend in Berlin. These two are very pleasant visitors. We don’t have to entertain them at all. No cultural programme to arrange, no endless thinking which historic sites of the capital they don’t know yet. We didn’t even have to buy the current city magazines to search for the latest musicals, movies or theatre plays. Andi and Kati are interested in… nothing. Very pleasant, as I said! They both were born in the south west of Germany, in the so called Pfalz, like my Sylvie. This is obviously one reason why they often pelt me with questions about my East German youth for hours. Thus, I wanted them to soak up some education about this time by sending them into the GDR museum opposite the Berlin Cathedral and the ruin of the Palace of the Republic.

In the evening Andi and Kati already awaited me excitingly at the door smiling from one ear to the other. They had seen the Mufuti (multifunctional table) from the movie “Sonnenallee”, next to a real East German wall unit. Andi had sat in a Trabi for the first time in his life and Kati was taught how to tie a knot into the red triangular scarf of the children’s organisation in the GDR (Junge Pioniere). I was completely knackered from a hard capitalistic working day and thought that this museum visit had answered all their questions about my ex-country. Far from it! Now they wanted to know everything about the GDR, their curiosity was doubled or even tripled, and everything about this vanished country was most ingenious. I went to take a green booklet and a beer and told them a totally different story.
During the GDR-season of 1985 / 86 there were these two highlights of my life: At the beginning of the year 1985 we were affiliated solemnly to the Free German Youth and in March 1986 Jugendweihe took place – the ceremony in which teenagers are given adult social status – the biggest event of my life so far receiving a lot of presents. Between these two events, however, we had to prove our maturing process by attending a ten-hours-course of the Free German Youth. Naturally this was linked to a threat saying if one of us is absent two times and has no convincing excuse, he or she won’t take part in this mega party Jugendweihe. One after the other had to write something about this course into the youth lesson’s booklet. Probably this is the reason why I still keep this green booklet in my possession. I had to write about the last event and never handed it back.

I read out of this green booklet to the West German audience who gained another valuable insight into the country I had grown up.
The first lesson was called “We fulfil our revolutionary bequest!” Most of the 8th graders fulfilled this by visiting the concentration camp Sachsenhausen. Sabine wrote the following about this trip into the green youth lesson’s booklet: “On 18th September 1985 our class visited the concentration camp memorial Sachsenhausen. Mrs Rittich, Mrs Demant and Mrs Seil accompanied us. Arriving there we were welcomed by our guide Mr Stenzel who had been detainee himself in this concentration camp.”
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I stopped here although Sabine had written exactly one page about this trip as she and all the others were supposed to do. We misbehaved completely at this trip. Nobody had really taught us that there were people having emotions and real victims to touch from this Hitlerite fascism. In our socialist daily routine we only vowed that we would do everything to avoid a repetition of these atrocities. We were not prepared for food rations of 150 grammes per day and heaps of corpses. Kati said that she was also sent to the concentration camp Ravensbrück when she was quite young and she grew up in West Germany. And suddenly we were discussing poor educational policy in East and West Germany, though I only wanted to tell them something about my life in the GDR. After a while I turned the pages and decided to read out only one sentence from every youth lesson in the green booklet.

The second youth lesson was named: “Friendship to Lenin’s country – matter of the heart of our people”. Naturally we visited the House of the German-Soviet Friendship (DSF). In sixth grade we always made our Russian teacher who came from Moscow cry with the following slogan: “Russki, Russki you should know that your language is just too slow!” In the DSF house we didn’t dare to talk like that and therefore were bored to death. However, Daniela wrote into the green booklet: “Comrade Steyer taught us a lot about the Soviet Union, how the people live there, how the gas pipeline BAM was built – the Baikal-Amur-Magistrale – and many other interesting things.”
The third youth lesson which was called: “Culture and Art make our lives nicer and richer.” seemed to be slightly better. We were supposed to visit the Jahn sports park. Similar to the other ‘events’ we were disappointed bitterly once again. It is enough if I just repeat what Lars wrote into the green booklet. “Then we went to the exhibition rooms. An old man waited there for us. After we had put off our jackets we entered the sports exhibition in a small room.”
The guests from the West looked at me with big and pleading eyes, but I continued without any reaction.
The fourth youth lesson was titled ‘The other one beside you.’ Our class went to the newly built park named after the communist leader Ernst Thälmann. Somehow it was a little bit more interesting this time since a quite cool guy led us through the construction site and even the scaffolds. The massive monument of Ernst Thälmann nicknamed Teddy was erected only recently. Thus, Lydia remarked quite correctly: “This visit was very interesting and good fun. Despite our breaches of discipline we experienced many new things.”
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The fifth youth lesson in this series was called ‘Our Socialist Homeland’ and we were supposed to visit the People’s Police museum. A popular children’s song says: “The people’s police officer, who means well for us, he carries us home, he is our friend.” But these friends there were all completely unsympathetic, had a Saxon accent and one could imagine that concerning crimes they wouldn’t react indulgently. The importance of our visit in the People’s Police museum you can hear in the following sentences that Didi wrote: “When we arrived, the speaker Colonel Schmidt introduced himself. Another comrade guided us through the exhibition.”
Number six was called: ‘Peace is not a present.’ This was the event when I didn’t take part having an excuse. No, I had never been an absentee at school, a normal East-Berlin flu had struck me down. The others went to see the East German border troops. Hence, I can only read what Mario wrote into the book: “At the entrance gate an officer of the border troops welcomed us. First, he showed us a radio and a field telephone. Then we had a look at some of the tools that were used while escaping and also at some pictures of the injured people who tried to trespass the East German border. He acquainted us with some weapons and explained the function and advantages to us.” Andi and Kati were shocked shaking their heads in disbelief.
I was fit again for the next topic: ‘Your right and your duty in a socialist country’. We went to the court in Berlin – Friedrichshain. But this visit was one to forget soon, too. A very strict looking judge was telling us in a one-hour-lasting monologue how a trial takes place. After that she responded to our questions for only two minutes and disappeared. Cake wrote in our book: “We were also surprised about this small courtroom, since they appear much bigger in the movies. It would have been even better, if we had taken part in a real trial.”
‘Scientific technological progress – a challenge for you’ was the topic of the 8th lesson. We went to the completely shabby, but nationally owned company NARVA that used to produce light bulbs. Now we could see what publically owned manufacturing meant: rusty old machines, long dark passages without any ventilation, and moody people standing in a crowd at the corner, smoking and chatting. Next to the lathes and on a stack of fluorescent tubes there were lots of empty brown beer bottles. We were welcomed by a comrade in the traditional room. Although NARVA light bulbs were delivered around the world, successful tradition surely looks totally different, thought Bergi obviously when he – surprisingly honest – wrote into the book: “The visit at NARVA was not nice at all. I’d describe it as a complete failure.”

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The last but one youth lesson was dedicated to the topic ‘Your workforce is needed’.
The funny thing about it was that we went to see our mentors’ brigade at Centrum Warenhaus, the shopping centre at East station where we had done several shoplifting competitions. Today I cannot say whether Ute suspected something when she wrote into the book: “A member of our mentors’ brigade depicted the exhausting daily routine of a saleswoman. I believe that everyone of us now sees everything with different eyes and pays more attention to honesty.”
The final youth lesson that finished us off completely was called: ‘The world is changed by us’. This time I was supposed to write into the small green book. There was nothing to think about in detail, since it was only checked whether somebody had written into it, not what. We went to the Archenhold observatory in Treptow, and this was actually the best of all lessons. We were watching movies and observed some of the faraway stars, that were also well visible during the day, through the huge telescope. Furthermore, the woman guiding us through the observatory was extremely pretty. Nevertheless, I only jotted down: “We experienced a lot of new things worth knowing, however, we are already thinking of the coming event – our youth initiation ceremony, the most important ceremony of our lives.”
I closed the little green book, all the others looked at me and their sleepy eyes told me that they felt hungry and had heard enough for now from the East German dome. Mission accomplished, I thought to myself.
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Half a year later at one weekend Sylvie and I didn’t know what to do, and thus finally decided to go to this odd GDR museum in Mitte. Having chilly and damp Berlin crappy weather a huge queue of tourists waited in front of the entrance to the past. I multiplied the crowd with the entrance fee of 5.50 € and suddenly had a great idea. I would open an event agency! My customers from West Germany, Europe, even from the whole world would have to pay 200 € for my guided tour. At the beginning the tourists would solemnly join the Free German Youth at the assembly hall of the Polytechnical Secondary School named Käthe Duncker, of course receiving a blue shirt and the badge. By Trabi we would pass Leninplatz and continue to reach Teddy Thälmann and his massive head monument. After a short ceremony there and a quick side-trip to the sports traditional room of ‘Dynamo’ at the Jahn sports park we would join a socialist show trial at the court before we finally go to have lunch at Centrum Warenhaus our shopping centre at East station. We would have been served Goldbroiler – which is East German for chicken – and a filling side dish – preferably chips and Leipzig mixed vegetables – East German for peas and carrots, for vegetarians they would serve potatoes with lecsó. After an amazing guided tour through the nationally owned company for the production of light bulbs called NARVA – nowadays there are many West German advertising agencies working in this heritage-protected traditional building – the three highlights of the tour would come up. In the House of the East German – Soviet Friendship we could meet young Soviet Komsomole members and while visiting the People’s Police museum the majors decorated with huge shoulder straps. At the East German border troops my troops would be allowed to go up the watchtowers and to lead the shepherds through the barbed wire areas. At the end of my tour every participant who would like to retain the lent Free German Youth blue shirt as a golden keepsake only has to pay 50 €. The fully completed and stamped badge would be included.
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Suddenly I was torn out of my daydream because Sylvie pulled my shirt asking me whether I would really like to wait longer in front of this damned GDR museum. I shook my head and looked at the last standing concrete piers of the nearly finally dismantled Palace of the Republic. I sensed that I absolutely do not want to travel into the past, since there is only one place left of our former Free German Youth lessons that has not changed in any way. In this grove in Treptow one can still watch the stars and while observing them through the telescope one notices: everything remained the same, only that we have changed.
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Kuhle Gruppenratswahl – Jugend in der DDR

12. November 2014 | von | Kategorie: Blog, Leninplatz

Jugendweihebuch alle Der 11. März 1985 – ein ganz normaler Montag. Mutter stand wie immer 6.50 Uhr auf und schaltete um 6.55 Uhr das Radio im Wohnzimmer an. „Was ist denn heut bei Findigs los?”, lärmte ins Kinderzimmer in Lautstärke 8. Bei Stufe 9 wäre unser Neubaublock zusammengefallen. Im Berliner Rundfunk liefen, wie gewohnt, die „Findigs“ – eine bescheuerte Familie, mit Mutter, Vater, Jani, Jockl, Pit und Peggy Findig, die in einer Art Hörspiel, den ganz gewöhnlichen DDR-Alltag darzustellen versuchten. Als die Nachrichten begannen, wurde die Kühlschranktür aufgerissen. Das Geräusch war zwar für uns Kinder nicht hörbar, wurde jedoch von Otto, dem Meerschwein, umso deutlicher wahrgenommen, denn es begann sofort derart laut zu quieken, dass Benny und ich endgültig stramm im Bett standen. Die Tür flog auf. Ein fieser Schrei: „Kinder! Aufstehen! Oder wollt ihr zu spät zur Schule kommen?“ Ein ganz normaler Montagmorgen in der Mollstraße.

Wenigstens hatten wir nicht Nullte Stunde. Müde war ich dennoch und ausgerechnet heute musste ich noch zum fakultativen Englisch in der 7. Stunde. Als wäre das nicht schon Strafe genug, würde danach eine außerplanmäßige Gruppenratswahl anstehen, da unsere Vorsitzende und Vorzeigeschülerin Coco umgezogen war, wie es eine Zeit lang hieß und wir neu wählen mussten. Lydia hatte vor zwei Wochen einen Brief von ihr bekommen und die Begriffe „Ausreiseantrag“, „Rübermachen“ und „Landesverräter“ hatten unseren Wortschatz erweitert.
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Nach dem Zähneputzen mit Putzi (unsere Eltern meinten, dass wir noch nicht im „Rot-Weiß-Zahnpasta-Alter“ wären) und einer Katzenwäsche ging ich in die Küche und packte die blaue Dose – Marke „Plaste und Elaste aus Schkopau“ – in der die von Mutter geschmierten Stullen lagen, in meine schwarze Aktentasche. Das Ding mit dem Zahlenschloss hatte vor einem Jahr den braunen Schulranzen ersetzt, da die Koffer jetzt urst einfetzten. Daneben lag ein bekritzelter Zettel: „Mark! Bring den Mülleimer runter!“ Meine Mutter konnte schon am Montag ziemlich ätzend sein. Ich hob den leicht verrosteten Eimer aus der Verankerung, ging zum Fahrstuhl und drückte auf die 1. Der Müllschlucker-Raum im 9. Stock war seit ein paar Wochen gesperrt worden, da irgendein Idiot den Schacht mit Pappe verstopft oder seine Mutter darin versenkt hatte. ‚Scheiße‘, dachte ich, als ich unten ankam. An den Briefkästen standen Ute, Anja und Lydia aus meiner Klasse, die anscheinend gerade Diana abholten. Um mir die Peinlichkeit zu ersparen, direkt vor den Weibern den stinkenden Wochenendmüll zu entsorgen, ging ich mit stierem Blick geradeaus weiter zum Hausausgang, den Eimer dabei von meinem Körper geschützt haltend, und lief in Richtung Schule. „Ey Scheppi. Haste heute ‘nen Vortrag in Bio?“, rief mir Bommel kurz vor dem Ziel lachend zu. ‚Ach du meine Nase‘, ich hatte den Müll – in Gedanken versunken – fast bis auf den Schulhof geschleppt. Eilig rannte ich zurück und versteckte das Ding im Gebüsch des Rosengartens. Wie peinlich.
Die üblichen Verdächtigen standen am Zaun und diskutierten über eine Folge von „Western von gestern“ und das 9:0 des BFCs gegen Stahl Riesa. „Wisst ihr eigentlich, dass Jan Voss bei mir im Haus wohnt?“, rief ich, da er das sechste Tor geschossen hatte. Ich war froh: die Mülleimeraktion hatte außer Bommel niemand bemerkt. „Voss, die Pfeife“, rief Trulli. „Andi Thom ist tausendmal besser!“
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Das stimmte sogar, da wir beim Spiel im Jahnsport-Park gewesen waren und unseren neuen Fußballgott gemeinsam bejubelt hatten. Ich konnte keinen fetzigen Spruch entgegensetzen. Die Woche begann echt scheiße und nicht mal Andi, der zu Hause nur Osten glotzen durfte, erzählte etwas Dämliches über Winnetou-Indianer, „Ein Kessel Buntes“, „Polizeiruf 110“ oder „Außenseiter – Spitzenreiter“.
Als die Schulklingel ertönte, kamen unsere kichernden Mädchen um die Ecke und auch Bergi und Tessi, die noch eine bei den Großen gepafft hatten. Zusammen liefen wir die Treppen hinauf ins Klassenzimmer.
Erste Stunde Mathe! „Ich melde, die Klasse 7B ist zum Unterricht bereit“, salutierte Ute vor dem Lehrertisch, da sie als Stellvertreterin diese nervige Aufgabe von Coco übernommen hatte. Ich war nicht so schlecht im Rechnen und Kombinieren, aber da mich Herr Blase nicht sonderlich mochte – was auf Gegenseitigkeit beruhte – gab ich mir in dem Fach wenig Mühe und stand zwischen Zwei und Drei. Seit letztem Jahr war Blase auch noch unser Klassenlehrer geworden. Im Zeugnis der 6. Klasse hatte er über mich geschrieben: „Mark schöpft seine geistigen Fähigkeiten nicht aus. Er ist in der Lage, besonders im Bereich logisches Denken, gute Ergebnisse zu erzielen. So könnte er durch bessere Mitarbeit den Unterricht positiv beeinflussen. Mark tritt selbstbewusst auf und ist in der Lage, frei und ohne Hemmungen zu sprechen. Wenn er sein Pflichtbewusstsein noch erhöht, kann er die Aufgaben innerhalb der Pionierorganisation vorbildlich erfüllen. Es gelingt ihm aber noch nicht immer, seine Schwächen, die in der Disziplin zu suchen sind, zu bekämpfen und die Klassenkameraden stets positiv zu beeinflussen“.
Zeugnis hinten
Das mit der schlechten Disziplin war seit kurzem allerdings wichtig geworden, denn wer in der Kopfnote „Betragen“ eine 1 bekam, galt als Streber. In Ordnung, Mitarbeit und Fleiß konnte man sich das hingegen leisten.
Heute erklärte uns Blase, wie wir die Quadratwurzel der Zahlen mit einem Wert zwischen 1 und 100 mittels Rechenschiebers (des „VEB Mantissa“ aus Dresden) ermittelten. Das war nicht besonders schwierig, da man die gesuchte Zahl mit dem Läufer auf der Skala A einstellte und das Ergebnis auf der Skala D nur ablesen musste. Bommel und Tessi lachten sich trotzdem kaputt, weil sie die Lösung auf ihren West-Taschenrechnern schon nach acht Millisekunden gewusst hatten. Vorsprung durch Technik. Währenddessen kloppte Fränki mit der ausgezogenen hellgrünen Zunge des Rechenstabs dem Oberstreber Lars dermaßen aufs rechte Schulterblatt, dass der sofort zu heulen anfing und Blase brüllte: „Ruhe, verdammt nochmal Lars Stoch! Alle schlagen Seite 14 des Tafelwerks auf.“ Man musste ihm zu Gute halten, dass er im Gegensatz zu anderen Lehrern, Streber- und NVA-Kinder niemals bevorteilte und Rowdys manchmal sogar vor der Schulleitung verteidigte.
Bei Frau Frisch, die wir in der zweiten Stunde hatten, verhielt sich das komplett anders. Seit diesem Schuljahr quälte uns die stellvertretende Direktorin im neu auf dem Stundenplan stehenden Fach „Staatsbürgerkunde“ damit, für eine gute Note genau das zu schreiben und nachzuplappern, was sie hören wollte. Auf dem Titel des Schulbuches stand „Einführung in die sozialistische Produktion“. Und das war sowas von arschlos, dass es schon im ersten Halbjahr ein Tadel für Tessi gab, der aus purer Langeweile mit seinem Druckbleistift von KOH-I-NOOR die Lehrerin mit kubanischen Apfelsinen-Schalen beschossen und sich mit dieser Aktion angeblich über hungernde Kinder in Afrika lustig gemacht hatte. Er bekam einen Eintrag ins Hausaufgabenheft und konnte sich zu Hause „frisch machen“.
Die NVA
Fünf Minuten nach Beginn des Unterrichts meldete sich Stefan: „Frau Frisch. Was sagen sie eigentlich dazu, dass der Tschernenko gestern abgenippelt ist?“ Unsere Lehrerin starrte ihn lange mit stechendem Blick an und schrie dann mit roter Rübe: „Das ist nicht wahr! In der ‚Aktuellen Kamera‘ und im Radio wurde davon nichts berichtet! Stefan Waran, du erhältst einen Tadel auf dem nächsten Fahnenappel!“
Ich ärgerte mich. Durch die „Findigs“ hatte auch ich nur DDR-Funk gehört. Sollte schon wieder einer der alten Männer, nach Breschnew und Andropow in der SU gestorben sein? Niemand aus der Klasse stand Stefan zur Seite, obwohl die Frisch schon öfter mal gedroht hatte, ihn in den Jugendwerkhof zu schicken. Wenn das sein Vater wüsste. Der Jugendwerkhof für schwererziehbare Rüpel war neben der Kloppi-Schule für lernbehinderte Blödis und dem „Griesinger“ für geistesgestörte Spasten das Sinnbild dessen, wo man nicht so gerne hinwollte. Erstrebenswerte Ziele, außer vielleicht Kosmonaut oder Feuerwehrmann zu werden, gab es allerdings auch keine, die ein 7-Klässer gerade so vor Augen hatte.
Kosmonaut

In der Milchpause bildete sich ein Pulk um Stefan. „Na das haben sie doch heut früh beim RIAS gesagt. Der Typ ist mausetot!“, erklärte der Bäckersohn. Er wusste, dass er durch den Tadel in unseren Reihen an Achtung gewonnen hatte. Plötzlich kam über die Lautsprecheranlage krächzend die Ansage, dass die Schüler der 2. POS Käte Duncker sofort zum Fahnenappel antreten sollen. Wie gewohnt marschierten wir im Gleichschritt in Zweierreihen zu Arbeiterkampf-Liedern zum Appellplatz und bezogen vor der Schule Aufstellung. Das für Pioniere übliche „Für Frieden und Sozialismus. Seid bereit!“ und das „Freundschaft“ für FDJler wurde vom GOL-Vorsitzenden Jungblut gebrüllt. Alle antworteten wie befohlen mit „Immer bereit“ und hoben den rechten Arm mit der flachen Hand über den Kopf gen Himmel. Die Großen brummten „Freundschaft“ mit den Händen in den Taschen.
Unsere Direktorin Frau Seifert stellte sich auf eine kleine Empore und schmetterte ins Mikrofon: „Soeben wurde bekannt, dass der 1. Generalsekretärs des ZK der KPdSU und Vorsitzende des obersten Sowjets Konstantin Tschernenko, ein hervorragender Parteifunktionär und Kommunist, verstorben ist. Wir trauern um den Führer der ruhmreichen Sowjetunion und der sozialistischen Bruderstaaten und legen eine Schweigeminute ein.“ Jungblut kurbelte theatralisch die DDR-Fahne auf Halbmast. Verzweifelt suchte ich nach Frau Frisch, um ihr zuzurufen, dass Stefan doch recht gehabt hatte und kein vermeintlicher Konterrevolutionär ist. Was für ein Skandal!
5 Rosa Luxemburg POS
Ich ahnte, dass wir spätestens morgen wieder Appell haben würden, um zu erfahren, welcher Grauhaarige der Nachfolger geworden war. Plötzlich hatte ich eine Idee. „Was hältst du eigentlich davon, heute Gruppenratsvorsitzender zu werden?“, fragte ich Stefan. „Biste jetzt total bescheuert Scheppi?“, rief er zurück und zeigte mir einen Vogel. „Na nur, um die olle Frisch ein bisschen zu ärgern“, antwortete ich und sah in seinen Augen nun keine gänzliche Ablehnung mehr. „Nee, lass das mal lieber wieder die Weiber machen“, murmelte er. „Nur für drei Wochen. Danach können wir dich ja wieder abwählen“, doch mein Freund schüttelte energisch den Kopf.

Wir holten unsere Turnbeutel aus dem Foyer und gingen hinüber zur Sporthalle in die Umkleideräume. Dort trafen wir auf die Idioten der A-Klasse. Eigentlich war die Zeit der kindlichen Sprüche: „A, wie Arschloch“ und „B, wie Blödis“, längst vorbei (im Umkehrsatz hieß es „A, wie artig“ und „B, wie besser“), aber Konkurrenz herrschte noch immer, die wir besonders im Fußball auslebten. Herr Pinka ließ uns zum Aufwärmen auf dem Sportplatz gerne mal 20 Minuten gegeneinander (an)treten, was wir natürlich viel fetziger als 3.000-Meter-Crossläufe im Friedrichshain fanden. Mit „Union-Didi“ hatten wir den besten Spieler in unseren Reihen und auch ich konnte mich ab und an in die Torschützenliste eintragen. Wir gewannen diesmal mit 2:0 und verbesserten unsere Bilanz auf 4:1 Siege in diesem Schuljahr. Danach ging es in die Halle zum Hochsprung nach Noten.

3 Turnhalle
Für die 1 mussten wir 1,34 springen, was außer den richtig Fetten (wie Tessi) egal ob im Scherensprung, Wälzer oder Flop, allen gelang. Andi schaffte später beim Rekordspringen sogar sensationelle 1,64 Meter, womit er locker auf die Kinder- und Jugendsportschule (KJS) kommen könnte. Das war eigentlich auch noch ein erstrebenswertes Ziel in unserer sportverrückten Nation. Lediglich Boschi sorgte für allgemeine Belustigung. Alle Weiber, die „sportfrei“ (oder „Erdbeerwoche“, wie Enrico aus der A das nannte) hatten, saßen hinter der dicken Hochsprungmatte und lachten sich scheckig. Boschi trug – wie alle – ein ärmelloses gelbes Shirt und eine weiße Turnhose. Er hatte aber keinen Schlüpfer darunter! Bei jedem Sprung zeigte er seine nackte Nudel, die dann aus der Seite herausbaumelte. Die Mädels kreischten und da er jede Höhe immer erst im dritten Versuch meisterte, vermutete ich, dass er seinen halbsteifen Pimmel ganz gerne zur Schau stellte. Ungeduscht und ausgebuht ging er allein hinüber zur Schule. Das war vielleicht ein Kunde. Wir indessen ärgerten uns auf dem Rückweg, den Weiber-Hochsprung mit diversen Wackeltitten und Saftmuschis während des Fußballs verpasst zu haben – besonders die Versuche von der Oberfotze Anja Richter! Die kuhlen Wörter hatte auch Enrico aufgebracht.
Russisch-Unterricht. In der sechsten Klasse hatte ich eine aus Moskau kommende Lehrerin einmal mit dem Spruch „Russki, Russki, du musst wissen, deine Sprache ist beschissen!“, zum Heulen gebracht. Dafür handelte ich mir meinen bisher einzigen Tadel ein und zu Hause gab es richtig Ärger. Bis ich beim heimlichen Lauschen im Wohnzimmer mitbekam, dass mein Vater den Satz eigentlich ziemlich lustig fand und ihn nach vier Bieren und drei Korn etliche Male wiederholte.
Silvester früher
Unsere neue Lehrerin, Frau Nina Ebert, war Deutsche, strenger und nicht so leicht aus der Fassung zu bringen, doch die Sprache blieb nach wie vor beschissen, da wir sie nie – wie uns immer weißgemacht wurde – auf dem Alex oder im FDGB-Urlaub anwenden konnten. Es gab einfach keine Komsomolzen (oder normale Bürger der Sowjetunion) in unserem Umfeld, außer im internationalen Pionier- und Mathelager in der Wuhlheide, wo nur die Streber hinfuhren. Die unzähligen Kasernen der „Freunde“ im Umland Berlins waren hermetischer als die Mauer nach Westberlin abgeriegelt. Dabei fanden wir die Sprache in der 5. Klasse zunächst noch ganz spannend, vor allem wegen der kyrillischen Buchstaben und weil die Worte so komisch klangen. Das Wort „Dostoprimetschatelnosti“ (Sehenswürdigkeiten) werden wir auch noch in 50 Jahren fehlerfrei aussprechen können. Doch die Euphorie flachte schnell wieder ab. Niemand wollte eine Brieffreundin in Leningrad, Baku oder Moskau haben. Unser heimlicher Spruch lautete nunmehr: „Nina, Nina, tam kartina. Eto traktor i motor.“ (Nina dort ist die Karte. Das ist ein Traktor und ein Motor). Nach drei Rotkäppchen-Sekt im Lehrerzimmer und spätestens während der Heimfahrt in ihrem knallroten „Zappelfrosch“ hätte wahrscheinlich sogar „Tawarisch“ Ebert darüber gelächelt. Alle waren froh, als die Pausenklingel ertönte.
In den Schulkeller zur Essensausgabe, die vom Vollalki-Hausmeister Meier bewacht wurde, ging kaum noch einer. Enrico hatte mich in der 6. Klasse dort unten mal einen „Wichser“ genannt und ich traute mich nicht, ihm eine zu scheuern, da er im Judo war. Was das Wort bedeutete, wusste ich damals auch nicht.
Heute gab es „Tote Oma“, doch Blutwurst hatte ich schon in Scheibenform auf den Pausenstullen gehabt. Obwohl ich zu Hause immer das Essensgeld abkassierte, ging ich in der großen Pause lieber in die Koofi oder zu jemand nach Hause. Bei schönem Wetter spielten wir Autokarten, Skat, Offiziersskat oder Telespiele aus sowjetischer Produktion auf dem Sockel des Lenin-Denkmals.

Zurück auf dem Hof gab es Krach. Die komplette A-Klasse umringte Kosert aus der 8., der sich wie immer, wenn er geärgert wurde, in die Handfläche biss. Sie schubsten ihn von einer Seite zur anderen. Wenn es darum ging, Schüler aus höheren Klassen fertig zu machen, hielten wir meistens zusammen. „Der Spasti gehört doch ins Griesinger“, brüllte Bergi, der sich gerne mal bei den A-Typen einschleimte, wobei er mit seiner Aussage nicht ganz Unrecht hatte. Ulf Kosert schien echt eine Vollmeise zu haben, nicht zuletzt, weil er ständig seine Popel fraß, irgendwo herumkokelte oder in Speckitonnen wühlte und stets irgendwie keimig aussah. Niemand half ihm und sein Martyrium endete erst, als die 5. Stunde begann.
Wir hatten Geografie beim Gahler. Der Typ mit dem leicht ergrauten Vollbart, der morgens immer in Lederjacke auf einer schwarzen MZ angebraust kam, war urst in Ordnung. Auch wenn das bei Geo gar nicht nötig war, fand der Unterricht im Laborzimmer im dritten Stock am Ende des Flures statt. Hier war sein Reich, denn auch Biologie hatten wir dort bei ihm, wo wir dicke Regenwürmer zentimeterweise durchtrennen und die Großen sogar Frösche sezieren durften. Unser Blätter- und Pflanzenbuch, welches durch ständige Exkursionen in den Volkspark, die Wuhlheide und sogar bis nach Hirschgarten erweitert wurde, hatte mittlerweile die Stärke des Kapitals, welches uns die Frisch ständig um die Ohren schlug. Doch im Gegensatz zu Marx-Zitaten konnten wir uns die mit DUOSAN eingeklebten Gewächse auch merken. Die Laborzimmer waren außerdem viel fetziger, da wir dort – getrennt von einer Mittelkonsole – zu dritt in einer Reihe an einer Art Werkbank sitzen konnten und nicht, wie gewohnt, in einem frisch gebohnerten Raum an exakt ausgerichteten Tischen nur zu zweit.
Was Geo besonders spannend machte, war der Wettbewerbscharakter, den der Gahler in den Vordergrund stellte. Fast immer holte er eine große DDR-Karte auf einem Kartenständer aus dem Lehrerkabinett, die auch in unserem Schulatlas in Klein vorkam, stellte sie vor uns auf und rief: „Merkt euch bitte alle Salz-, Kali und Braunkohle-Vorkommen.“ Nach fünf Minuten drehte er die Karte um und holte eine stinknormale DDR-Landkarte. Nun wurde ein Schüler nach vorne gerufen und musste auf dieser mit dem Zeigestock auf die zuvor gesehenen Bodenschätze deuten. Wenn man Glück hatte und wirklich alle Standorte noch wusste, gab es sofort eine 1 ins Klassenbuch. Komischerweise war hier niemand richtig schlecht. Die 14 Bezirkshauptstädte der DDR plus Berlin – sogar Suhl oder Gera – hätten wir ihm mit verbundenen Augen zeigen können. Meine Begeisterung für diese Art der Wissenserweiterung ging so weit, dass ich irgendwann sogar alle Hauptstädte der Welt auswendig wusste und mein kleiner Bruder Benny, der mich immer abfragen musste, auch! Doof fanden wir dabei nur, erst zwei dieser Metropolen gesehen zu haben. Berlin und Prag in der ČSSR. Aber im kommenden Jahr hatte uns Vater Budapest fest versprochen – das erzählte ich auch Herrn Gahler voller Stolz. Obwohl es heute nur um farblich unterschiedlich gekennzeichnete Bodenarten ging – was wohl für die LPGs ziemlich wichtig war– vergingen die 45 Minuten wie im Flug.
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Nun ging es zur Deutschstunde bei Frau Wagenbach. Die dunkelhaarige Lehrerin mit dem verschmitzten Lächeln mochte eigentlich jeder. Sie war jung, lustig, fair und vor allem sauhübsch. Wenn sie in kurzen Röcken und mit Schlafzimmerblick die Gänge entlang schwebte, schauten sich alle Jungs um und die Großen pfiffen ihr hinterher oder machten unmoralische Angebote. Aber auch ich würde diese Traumfrau gerne mal küssen wollen, wenn ich alt genug dazu wäre. Außerdem war der Unterricht bei ihr nie langweilig, da sie in verschiedenen Stimmlagen, die Rollen aus Büchern lebensecht vortrug und so auch Lesemuffel überzeugte, dass Pflichtlektüre urst einfetzen konnte. Wir verschlangen regelrecht Bücher wie „Käuzchenkuhle“; „Ede und Unku“, „Bootsmann auf der Scholle“, „Das siebte Kreuz“, „Nackt unter Wölfen“, „Djamilja“ und „Timur und sein Trupp“.
Timur
Besonders das Werk von Arkadi Gaidar hatte es uns angetan. Alle wollten danach „Kommissar“ sein, wie Timur manchmal genannt wurde, oder wenigstens Kolja, Geika, Wassili oder Sima aus seiner Truppe. Der fiese Anführer der Bösen, „Kwakin“, war natürlich immer einer aus der Parallelklasse, den wir, falls wir mal einen allein erwischten, in den Bauch boxten oder wenigstens die Beine von hinten stellten. Die verrückte Ina aus der A wurde eine Zeit lang Shenja (wie Timurs Freundin) genannt, aber vielleicht hatte sie das auch selbst aufgebracht. Einige organisierten sich sogar als Timurhelfer, die in ihrer Freizeit Nachbarschaftshilfe oder Subbotnik bei alten und kranken Leuten leisteten, für sie einkauften oder deren Altstoffe selbstlos abgaben, denn Timurhelfer wollten keinen Dank.
In Deutsch hatte ich immer eine 1 und Frau Wagenbach ermutigte mich, auch Bücher aus höheren Stufen zu lesen. So war ich der erste meiner Klasse, der „Die Abenteuer des Werner Holt“ gelesen hatte, welches dann durch die Bank weitergereicht wurde. Timur geriet alsbald in Vergessenheit, da nun alle den kuhlen Flakhelfern – mit Namen wie Wolzow, Gomulka oder eben Holt – nacheifern wollten.
Danach verabschiedeten sich all meine Freunde, da niemand von ihnen am Fakultativ-Unterricht Englisch teilnahm, wenngleich auch der bei Frau Wagenbach stattfand. Es hieß: „Ich mach hier doch keine Zusatzstunden“, was ich eigentlich ähnlich sah. Lediglich weil man ohne eine zweite Fremdsprache nicht zum Abitur zugelassen werden würde, hatte mich mein Vater nach langer Diskussion und dem Hinweis, dass ich dann endlich die „Beatles-Songs“ verstehen würde (die wir gar nicht hörten), überzeugt, doch mitzumachen. Aber bei „Hey Music“, der Hitparade des SFBs, waren ja auch fast alle Titel in Englisch, gestand ich mir irgendwann ein.
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Die Entscheidung bereute ich nicht, da der Unterricht zusammen mit der A-Klasse stattfand – ohne deren Obermacker Enrico, Thomas und Höhne, dafür aber mit den hübschesten Mädchen der Schule. Wahrscheinlich hatten sie bei der Einschulung allen gut aussehenden weiblichen Kindern das Prädikat „A-Klasse“ verpasst. Nein, ganz so hässlich waren unsere Weiber auch wieder nicht, aber die richtigen Topbräute gingen nun mal in die Nachbarklasse.
Ina war mit ihren zwei blonden Zöpfen und den knallblauen Augen tatsächlich das Sahnetörtchen schlechthin. Dummerweise war sie verrückt. Sie klaute Blumen, um sie vor der Kaufhalle zu verkaufen, kam öfter barfuß oder halbnackt zur Schule und war vor allem im Ferienlager mal abgehauen und drei Tage allein durch die Wälder von Thüringen getingelt, was sie supergeil gefunden hatte, obwohl ihre Eltern und ein riesiger Suchtrupp in großer Sorge gewesen waren. Ina war zudem die Einzige, die sich mit dem Mongo Kostert – natürlich in Geheimsprache – unterhielt und ihn oft in Schutz nahm. Ich mochte das süße Zopfmädchen dennoch, aber sie anzubaggern, barg die Gefahr, schnell mal ein Messer zwischen die Rippen zu bekommen. Ina konnte aus der Hand lesen und dabei wunderbar unser Schicksal und die Welt erklären. Angeblich hatte sie auch schon mal gefickt.
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Dann waren da noch Simone und Nadja. Die gaben sich mit uns „Spastis“ überhaupt nicht ab und gingen mit Typen aus der 9. auf anderen Schulen. Obwohl die eine dünn und brünett und die andere schon vollbusig und schwarzhaarig war, benahmen sie sich wie eineiige Zwillinge. Man traf sie niemals allein und wenn man sich trotzdem mal traute, eine der beiden anzusprechen, machten sie sich sofort über einen lustig. Sie wussten, dass sie toll aussahen, zumal sie Westverwandte hatten und die schärfsten Klamotten der Schule trugen. Bei ihnen waren Füller, Tintenkiller und sogar die Radiergummis ausschließlich von „Pelikan“. Besonders in Nadja war ich schwer verliebt, doch es bestand keine Chance, jemals an sie heranzukommen.
Vor Englisch ging ich trotzdem immer aufs Klo, um meine Haare zu richten und Pickel im Gesicht auszudrücken (was die Sache meist schlimmer machte). Auch wenn ich gerne mal zu „übersteigertem Selbstbewusstsein“ (O-Ton Herr Blase) tendierte, bekam ich im Unterricht kaum einen geraden Satz heraus, da sich die A-Tanten sofort umdrehten und kicherten. Mitarbeit 5 – very good! Ich war daher immer froh, wenn Frau Wagenbach den Fernseher anschaltete und wir „English for you“ mit Dave und Jenny schauen durften, die in Großbritannien alles scheiße fanden, weil es dort Staus, Streiks, Arbeitslosigkeit, hohe Mietpreise, Kriegstreiberei, Profitgier oder einfach nur Kapitalismus gab.
Um 13.45 Uhr wurde ich auf den Hof entlassen, wo nach und nach meine Kumpels mit weißem Pionierhemd zur anstehenden Gruppenratswahl eintrudelten und sich das rote Halstuch liederlich zum Pionierknoten banden. Auch ich holte die zerknitterten Sachen aus meinem Koffer und zog mich um.
Zwanzig Minuten später saßen wir in gewohnter U-Form an Tischen. In der Mitte hatten Herr Blase, die Frisch, welche gleichzeitig auch Freundschafts-Pionierleiterin der Schule war und „Gummiohr“ Herr Hohlmann aus dem Elternrat Platz genommen. Wie peinlich für Dirk, dass sein Alter bei solchen Sitzungen immer mit dabei war. Vor ihnen lag die „TROMMEL“, welche vor zwei Jahren die bei allen beliebte „FRÖSI“ als Pflichtzeitschrift für uns Thälmann-Pioniere abgelöst hatte.
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„Seid bereit“, rief Ute. Wir antworteten und stimmten danach gemeinsam „Spaniens Himmel breitet seine Sterne über unsere Schützengräben aus“ an. Die Wahl des neuen Gruppenrats war heute der einzige Tagesordnungspunkt. Sabine und Lars konnten nicht gewählt werden, da sie im Freundschaftsrat eine Funktion ausübten, was sie jedem mit den zwei roten Streifen über dem Emblem „JP“, der jungen Pioniere, stolz zeigten. Ein „TP“, für Thälmann-Pioniere, gab es nicht. Nur die Farbe der Halstücher unterschied uns seit Jahren von den Babys mit den blauen.
Lydia meldete sich: „Also ich schlage Diana als Vorsitzende vor“, während Anja sofort quäkte: „Ich auch!“ Die Mädchen hatten sich also auf Diana Genz aus meinem Haus geeinigt – diese doofe Ziege, welche stets darauf bedacht war, wie ein Junge auszusehen. Ihre mittelblonden Haare klebten im Topfschnitt auf der viel zu kleinen Omme unter dem sich ein Gesichtseimer und Zahnfleischzähne befanden. Die weiße Pionierbluse mit dem roten Tuch stand ihr sogar, denn so konnte sie ihre MALIMO-Klamotten – Marke „VEB-Jugendmode“ – wenigstens mal für zwei Stunden im Schrank lassen. Außerdem galt sie neben der Richter als die allergrößte Petze, wenn es darum ging, jemanden anzuschwärzen.
Das war zu viel für mich. „Ja, bitte Mark!“, rief Ute, die sah, dass ich meine Hand gehoben hatte. „Ich schlage Stefan vor“, und schaute dabei tief in seine Augen. Unmerklich schüttelte er den Kopf, aber ich wusste, auch er hasste Diana! Man konnte beobachten, wie die Frisch tief durchatmete und ihre Gesichtsfarbe von blass ins rötliche wechselte, während Herr Blase still in sich hineinzulächeln schien. Wir waren 13 Jungs und nur 12 Mädchen in der 7B.
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Siegessicher ließ ich den Blick durch unsere Reihen schweifen – und fing plötzlich an zu schwitzen. Der dicke Tessi war nicht gekommen. Natürlich nicht, denn der war ja gar kein Pionier. Auch wenn er an einigen Pioniernachmittagen gerne teilnehmen wollte, ließen ihn seine Eltern nicht und schleppten ihn lieber in die Kirche. Ich Idiot hatte das total vergessen. Ute fragte bereits: „Also, wer ist alles für Stefan?“
Zwölf Arme – immerhin einschließlich seines eigenen – reckten sich in die Höhe. Das würde nicht reichen, da bei einem Unentschieden sicher die Gruppenpionierleiterin Frisch zum Wohle der Organisation entscheiden würde.
Ich war stinksauer und schaute zur stets unter Rotlichtbestrahlung stehenden Stabi-Lehrerin, die sich allmählich wieder zu entspannen schien. Ute begann zu zählen. „Eins, zwei, drei,…“ Die Frisch feierte innerlich schon. Gleich würde ein ihr stets alles zutragender, vorbildlicher Thälmann-Pionier zum Gruppenratsvorsitzenden des Klassenkollektivs der 7B gewählt werden.
„Elf, zwölf – und dreizehn“, rief Ute. Geschockt starrte ich in die Runde. Wer hatte sich denn auf unsere Seite geschlagen? Astrid blinzelte mir zu und ich nickte zurück. Doch sie deutete mit dem Daumen nach links. Oh Mann! Diana Genz war die alles entscheidende Wählerin gewesen. Um 15.30 Uhr gingen wir nach Hause. Ute war Stellvertreterin geblieben, Lydia Schriftführerin, Dirk zum Altstoffbeauftragten gewählt worden (was Vati sichtlich stolz machte) und ich blieb Kulturfunktionär. Lediglich bei Anja Richters Wahl zum Agitator war es nochmals knapp zugegangen, aber die Jungs stellten ja schon den Chef und so konnte die das ruhig wieder machen. Wir hatten der Frisch gehörig eins ausgewischt.
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Auf dem Heimweg stand Stefan im Mittelpunkt. Alle, bis auf ihn, schienen sich zu freuen und lachten sich darüber kaputt, dass wohl erstmals ein Schüler der Käte Duncker zum Gruppenratsvorsitzenden gewählt worden war, der in „Betragen“ fast immer eine 4 hatte und noch am Vormittag knapp an einem Tadel vorbeigeschrammt war. Sogar Lars durfte Teil der Truppe sein, da er sich nicht der Stimme enthalten hatte. Allerdings wird er geahnt haben, dass er sonst von Bergi am Haken seines Anoraks an den Zaun der Rosa oder die Klettergiraffe gehängt worden wäre, wo er Beine baumelnd und wimmernd bald Nasenbluten bekommen hätte.
Kurz vor meinem Hauseingang nahm ich Stefan zur Seite. „Warum hat die Genz eigentlich für dich gestimmt? Bloß weil die sich nicht selbst wählen wollte? Ich kapiere das nicht.“ Ich bemerkte seine Unsicherheit, da er sonst fast immer einen auf Kuhlen machte. „Na Scheppi, wenn du es unbedingt wissen willst. Ich bin mit Diana seit über einem Jahr zusammen.“ „Wie bitte?“
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Ich war eher enttäuscht als geschockt, weil er mir – seinem angeblich besten Freund – das bisher verschwiegen hatte. Erst vor dem Fernseher auf der Couch wurde mir klar, dass ich wahrscheinlich von vielen Dingen, die sich in meinem engsten Umfeld abspielten, nicht die geringste Ahnung hatte. Aber wer wusste eigentlich, dass ich in Nadja und manchmal auch in Simone oder Ina verknallt bin? Niemand!
Als die Nachrichten im ZDF begannen, ging das Türschloss. Meine Mutter! Die Top-Meldung des Tages widmete sich dem 54jährigen Michael Gorbatschow, der heute zum neuen Staats- und Parteichef der Sowjetunion gewählt worden war. Er schien demnach verhältnismäßig jung zu sein und sah nicht mal besonders unsympathisch aus. Doch Veränderungen in Richtung Offenheit, Rede- und Informationsfreiheit oder gar eine Lockerung in der Politik der zentralen Planwirtschaft – wie sie im Westen immer forderten – waren auch mit ihm sicherlich nicht zu erwarten. Und ebenso wenig würde Stefan eine Wende im Verhalten des Gruppenrats der 7B einleiten – dazu waren die Strukturen unserer Pionierorganisation einfach viel zu eingefahren.
„Mark, wo ist eigentlich unser Mülleimer?“, kreischte es aus der Küche. ‚Mist, den habe ich glatt im Gebüsch vergessen‘, dachte ich und spurtete sofort zur Tür. Es gab in meinem Leben eben noch wichtigere Dinge als irgendwelche Neuwahlen. Mit meiner Mutter durfte man es sich nämlich echt nicht verscherzen – auch nicht am 11. März 1985, einem ganz normalen Montag.

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Honeckerzombie oder die DDR im Herbst 1989

23. Oktober 2012 | von | Kategorie: Blog, Mauergewinner Leseproben

Honneker

Es war ein herrlicher Herbsttag. Bei strahlendem Sonnenschein fuhr ich auf der Karl-Marx-Allee mit dem Fahrrad zur Arbeit und freute mich schon jetzt auf unsere Mittagspause, wo ich mich zusammen mit meiner lieben Kollegin Henna für eine Stunde in den kleinen Park gegenüber legen und die vielleicht letzten wärmenden Strahlen des Jahres genießen würde.

Als ich an den zehngeschossigen Hochhäusern kurz hinterm Kino International vorüberkam, fiel mir etwas auf: An einem Fenster im fünften Stock eines der riesigen Betonblocks wehte eine einsame Fahne im Wind: eine DDR-Fahne. Ich fahre hier jeden Tag entlang und grübelte beim Weiterfahren, warum ausgerechnet heute jemand trotzig diesen alten Stofffetzen gehisst hatte. Kurz hinter dem Fernsehturm fiel der Groschen dann endlich. Heute war nicht irgendein belangloser Oktobertag. Es war der 7. des Monats, ein Tag, den ich eigentlich nicht so schnell hätte vergessen dürfen: Der 7. Oktober, der Gründungstag der Republik, war einer der wenigen gesetzlichen Feiertage in der DDR – der vielleicht wichtigste zudem.

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Wir freuten uns eigentlich immer riesig auf freie Tage: Frei haben, das hieß lange ausschlafen, gemütlich frühstücken und gemeinsam an den Müggelsee fahren, wo es für alle ein „Steak au four“ in dem großen Gartenlokal mit den gemütlichen Holzstühlen am Wasser gab und nach einem kurzen Spaziergang in den Wäldern der Müggelberge noch ein Stück Kuchen oder ein Eis aus der Diele. Für den Vati gab es dann immer noch ein kühles Bier vom Fass für eine Mark und zwei.
Dazu ist es am 1. Mai und am 7. Oktober jedoch nie gekommen. Stattdessen hieß es für fast alle: früh aufstehen, am Genossen Erich Honecker vorbei über die Karl-Marx-Allee marschieren oder vor der Parade Spalier stehen. Das war unsere erste Bürgerpflicht.
Als wir noch mit unserer Mutti, genau wie am 1. Mai, in der Brigade mitmarschierten, fanden wir es immer ganz toll, den Erich mal „in echt“ zu sehen. Ich stritt mich sogar mit Benny darüber, wen er angelächelt oder wem er gar zurückgewunken hatte. In der Aktuellen Kamera achteten wir abends darauf, ob wir irgendwo zu sehen waren. Wir hofften jedes Jahr wieder, dass sie ausgerechnet uns gefilmt hätten.

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Vater ging nach der Parade immer in seine Stammkneipe, das „Scheppert-Eck“, und überließ uns unserem Schicksal. Spätestens ab der 3. Klasse waren 1. Mai und der Geburtstag der DDR allerdings nicht mehr ganz so lustig. Obwohl die riesige Ehrentribüne nicht weit von unserer Wohnung stand, wurden wir zu unmenschlichen Zeiten geweckt, um pünktlich an der Sammelstelle unserer Schulklasse am Frankfurter Tor zu sein. Betriebsgruppen, Brigaden und Schulklassen trafen sich lange, bevor die Parade losging, an dieser riesigen Straßenkreuzung mit Blick auf die endlose Karl-Marx-Allee. Dann hieß es: Ruhe bewahren, abwarten und frieren. Leider waren wir eine DDR-Vorzeigeschule, denn während andere Kinder nur am 1. Mai selbst marschierten und am 7. Oktober lediglich den vorbeifahrenden Panzern, den Grenztruppen und Kampfgruppen der NVA mit Elementen in der Hand zuwinken mussten, bevor sie nach Hause liefen, war für uns noch lange nicht Schluss. Wir hatten die Ehre, so lange zu bleiben, bis auch die letzte Einheit im Gleichschritt vorbeistolziert war, durften sämtliche sozialistischen Brigaden mit ihren Losungen und die FDJ-Züge abwarten, bis unser Klassenlehrer, Herr Blase, endlich brüllte: „Klasse 5b sofort in Zweierreihen aufstellen. Es geht los!“

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Zentimeterweise stolperten wir vorwärts, inmitten von Hunderttausenden Berlinern. Es dauerte dann mehrere quälende Stunden, bis wir endlich diese trostlose Tribüne der alten Genossen erreichten, die ihrem Fußvolk – also uns – mühsam zuwinkten. Trotzdem war es eine Erlösung, schließlich am dauergrinsenden Erich Honecker mit seinem dicken grauen Mantel vorbeizumarschieren. Glückshormone wurden freigesetzt, denn jeder wusste: Jetzt habe ich es geschafft! Die tollen Panzer und die beeindruckend im Stechschritt laufenden Grenztruppen waren hier längst schon vorbeigezogen, und als auch wir vor den Herrschaften endlich sozialistisch salutiert hatten, entließ uns Herr Blase und wir standen verloren am Alex herum und überlegten uns, was wir mit dem Rest des Tages anfangen sollten. An unserem wichtigsten Feiertag waren die extra errichteten Buden und Verkaufsstände rund um den Alex jetzt heillos überfüllt, genau wie der Ketwurststand gegenüber vom Warenhaus. Mit platten Füßen kamen wir am späten Nachmittag nach Hause und waren trotz der Grilletta, für die wir uns stundenlang angestellt hatten, hungrig. So ging das jedes Jahr am 1. Mai und am 7. Oktober.

Die NVA

Allerdings gab es auch Ausnahmen: 1985 erzählte ich meinen Eltern am Abend vor der großen Parade, dass sich unsere Klasse am nächsten Tag erst später treffen würde. Alles lief nach Plan. Ich wachte gegen 11.30 Uhr auf – meine Eltern und Benny marschierten längst auf der Karl-Marx-Allee. Ich legte mich vor die Glotze und schaltete zwischen ARD und ZDF hin und her. So stellte ich mir als 14-Jähriger einen Feiertag vor!
Allerdings hatte ich nicht damit gerechnet, dass mein Vater genau an diesem Vormittag auf der riesigen Demonstration ausgerechnet meinen Klassenlehrer Blase traf, zusammen mit meiner fast vollzähligen Schulklasse. Ich war der einzige, der fehlte. Ich war ziemlich überrascht, als er gegen Mittag mit krebsrotem Kopf vor meiner gemütlichen Couch stand. Ich hatte meinen Alten selten so zornig gesehen. Ein Blick in seine Augen reichte aus und ich, das unsozialistische Kind eines Genossen und Majors der Volkspolizei, bekam richtig Angst. Es war zu befürchten, dass er mich aus dem Fenster des 9. Stockes schmeißen würde. Soll ich es Glück im Unglück nennen? Er schnappte nicht mich, sondern meinen schwarzen Annett Kassetten-Rekorder und klatschte diesen mit voller Wucht gegen die Kinderzimmerwand.
Ich stand unter Schock. Er hatte soeben etwas wirklich Wichtiges in meinem Leben zertrümmert und er wusste es. Große Tränen standen mir in den Augen. Keine „Schlager der Woche“ und „Hey Music“ auf RIAS und SFB mehr und die aufgenommenen Kassetten wieder und wieder hören – ich heulte plötzlich wie noch nie im Leben. Dieses unberechenbare Arschloch war nicht mehr mein Vater! Er wusste jetzt, dass er Scheiße gebaut hatte und auch, was er mir sechs Monate später als Ersatz für den Annett zur sozialistischen Jugendweihe zu schenken hatte: den nagelneuen RFT-Doppelkassetten-Rekorder für 1.500 Mark. Im Jahr darauf stand ich wieder brav mit meinem Winkelement in der Jubelmenge und huldigte Erich Honecker und seinen Genossen.

Genossen

Beim letzten 7. Oktober vor dem Mauerfall hatte ich diese Geschichte eigentlich längst vergessen. Dennoch lagen 1989 noch größere Welten zwischen mir und meinem Vater als zuvor. Ich war mittlerweile Abiturient der 12. Klasse mit heiß diskutierenden Mitschülern, die sich in Kirchen trafen, um neue Ideen auszutauschen, kritische Artikel verfassten und zum Teil in geheimnisvolle neue Foren eintraten. Einige waren über Ungarn abgehauen. Mein alter Herr war nach wie vor beim SC Dynamo Sportfunktionär, wo man die Dinge in Ungarn ungern sah.

Die DDR wackelte und unsere Familie gleich mit.

Es war später Herbstnachmittag an diesem Feiertag, ich hatte diesmal wieder ausgeschlafen und traf mich mit Matze, Otmar und Bernd in den letzten Sonnenstrahlen am Alexanderplatz. Die Jungs hatten munkeln hören, dass hier heute etwas los wäre. Was genau, wusste eigentlich niemand. In der Mitte des Platzes in der Nähe der Weltzeituhr versammelten sich allmählich etwa 500 Leute. Es kam mir vor, als hätte sich hier eine Truppe von Rowdys und Krawalltouristen getroffen, die endlich einmal zeigen wollten, dass nicht nur in Leipzig und Dresden die Post abging. Obwohl es ein Samstag war: Dies sollte scheinbar Berlins erste Montagsdemo werden! Die kleine Meute brüllte ununterbrochen: „Schließt Euch an!” Trotzdem war es weiterhin ein erbärmliches Häuflein – weit entfernt von den Menschenmassen, die angeblich in Sachsen auf die Straße gingen. In Berlin war in dieser Hinsicht am wenigsten los. Warum, konnte ich auch nicht sagen. Ein paar Leute riefen fast schüchtern: „Freiheit, Freiheit“.

Weltzeit

Einige rollten Transparente aus, und eine kleine Gruppe begann, neue Parolen anzustimmen. „Gorbi, Gorbi!“, „Gorbi hilf uns!“ und „Wir sind das Volk!“, brüllten sie in der Hoffnung, dass die anderen mit einstimmten. Doch nicht alle folgten der Aufforderung; viele beobachteten die Szenerie nur äußerst aufmerksam. Heute denke ich, dass zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich die Hälfte der Anwesenden die Veranstaltung unterwandert hatte. Genossen vom Innenministerium lagen in Zivil auf den Dächern der angrenzenden Häuser. Ich konnte sehen, dass dort oben mehrere Beobachter mit großen Kameras standen.
Doch auch ohne Handy – also durch den „Buschfunk“ – strömten nach und nach immer mehr Menschen auf den Alex. Angesteckt von meinen Jungs brüllte auch ich mittlerweile: „Schließt Euch an!“ Einige zeigten den Stinke- oder die gespreizten Victory-Finger in Richtung der Aufseher auf den Dächern. Ohne erkennbares Zeichen setzte sich der Tross in Bewegung. Es ging zum Palast der Republik. Aus dem Restaurant „Schwalbennest“ beobachteten uns komische Vögel, und gleichzeitig, in „Erichs Lampenladen“, tagten und feierten die obersten Genossen und eingeladenen Staatsgäste den 40. Jahrestag der Gründung unserer DDR bei voller Beleuchtung.

Palast

Auf Höhe der Spree, die wie eine künstliche Mauer vor dem „Palazzo Prozzo“ floss, kamen wir zum Stehen. Vor der Brücke am Nikolaiviertel standen hunderte von Volkspolizisten und riegelten den Zugang ab. Immer lauter wurden die Gesänge und Rufe der Menge. Inzwischen mochten wir schon 3.000 Leute sein. Den Polizisten stand die Angst ins Gesicht geschrieben. Zum ersten Mal trafen in Berlin Staatsmacht und Volk so geballt aufeinander. Keiner wusste, was geschehen würde.
Matze war unser Mann in vorderster Front. Er provozierte und beschimpfte die Arm in Arm eingehakten Beschützer aufs Übelste. Plötzlich begannen er und ein paar andere Kerle, mit voller Kraft gegen diesen menschlichen Wall, der die wenigen Oberen vor ihren vielen Untergebenen schützen sollte, anzurennen. Die ersten Angriffe wurden mit Schlagstöcken abgewehrt. Da ertönte aus dem Pulk der Demonstranten eine Parole in Richtung der Palastwächter, die wie eine doppeldeutige Drohung klang. Sie kam aus mittlerweile tausenden Kehlen: „Wir bleiben hier! Wir bleiben hier! Wir bleiben hier!“ Mir liefen kalte Schauer über den Rücken.
In den Augen der Polizisten sah ich eine bedrohliche Mischung aus Angst und Hass, hinter der ersten Reihe sprang jetzt eine zweite Garde von einem LKW. Diese Jungs hatten große Kalaschnikows in den Händen. Alle Protestierer wichen augenblicklich zurück, und der Kommandeur auf der anderen Seite war plötzlich mit seinen gebrüllten Befehlen wesentlich lauter als die 3.000 Leute des Volkes. Ich spürte, dass sich in diesen Augenblicken die Geschichte unseres Landes entscheiden würde. Und mein Gefühl sagte mir, dass sie gleich in die Massen ballern würden.

Palast 1

Mit schlotternden Knien ging ich zu den anderen und sagte, dass ich nicht hier bleiben würde. Wir sahen uns verängstigt an und keiner nahm es mir übel. Zusammen mit Otmar war ich innerhalb von dreißig Sekunden aus der Gefahrenzone.
Mein Vater war zu gleicher Zeit von seiner Behörde in ständige Alarmbereitschaft versetzt worden, mit Ausgabe von Uniform und scharfer Pistole. So kitschig wie in manchen deutschen Spielfilmproduktionen auf RTL oder SAT1: Wenn es zu einer ernsthaften Eskalation gekommen wäre, hätte ich unter Umständen wirklich meinem Vater gegenübergestanden oder er hätte die wesentlich mutigeren Matze und Bernd erschießen können.
Hat er aber nicht! Und das war die wirklich sensationell gute Nachricht an diesem 7. Oktober 1989. Die Leute, die vor Honeckers Regierungspalast standhaft geblieben waren, hatten den Sieg davon getragen. Die Bilder der wütenden Demonstranten gingen um die Welt und trotz späterer Prügelorgien der Stasi und Volkspolizei und allerlei Festnahmen gab es keinen Schießbefehl und keinen einzigen Toten.

Ohne Palast

Der Arbeitstag 19 Jahre später ging friedlich vorüber und nichts erinnerte mehr an die Zeit vor so vielen Jahren. Mit meiner Kollegin Henna diskutierte ich lange auf der Wiese, ob man verschwundene Feiertage eigentlich ein Leben lang vermissen würde. So wie eine innere Uhr einen schon immer Wochen vorher spüren lässt, dass bald Weihnachten ist, sticht es bei jedem anständigen Ossi am 7. Oktober im Herzen. Obwohl Henna aus Heidelberg kommt und selbst den 17. Juni verloren hatte, kannte sie dieses Gefühl scheinbar nicht. Auf dem Rücken liegend, schaute sie grübelnd in den strahlend blauen Himmel und fragte mich: „Meinst du denn nicht, dass es auch einen Himmel für verlorengegangene Feiertage gibt und gerade jetzt vor einer rostigen Ehrentribüne zigtausende untote Genossen an einem Honeckerzombie in dickem grauen Mantel vorbeimarschieren?“ Ich rollte mich zu ihr hinüber und rief grinsend: „Henna, Scheppert! Sofort in Zweierreihen aufstellen. Es geht los!“

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Weiterlesen kann man in meinem DDR-Buch: “Mauergewinner oder ein Wessi des Ostens”

oder bei
Spiegel Online

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