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Abhängig – Jugend in der DDR

8. September 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog


Es gibt ein bemerkenswertes Foto von mir und meinem stolz auf mich herabschauenden Vater, auf dem ich aus einem Halbliterglas genüsslich Bier trinke. Auf dem Bild bin ich drei Jahre alt. Meine Mutter steht nicht dabei, ist aber auch nicht die Fotografin, und ich weiß, dass sie das nicht besonders witzig gefunden hätte. Doch bereits einige Jahre später war sie es wiederum, die uns zu jeder größeren Feier und am Silvesterabend „mal“ am Eierlikör nippen ließ. Ich erlebte eine typische DDR-Kindheit und kam, obwohl mir Alkohol lange Zeit überhaupt nicht schmeckte, sehr früh damit in Berührung.

Im Herbst 1985 schlenderte Didi mit einem riesigen West-Doppelkassetten-Rekorder an die „Platten“. Das Ding war gefühlt einen Meter lang, 20 Zentimeter hoch und hatte unendlich viel Power. Schnell avancierte er zum neuen Helden der Clique und um diese Stellung noch zu untermauern, kaufte er tags darauf im Intershop 60 Dosen DAB – Westbier! Erstens gab es bei uns nur Flaschen und zweitens hatte noch keiner von uns jemals echtes Bier von Drüben getrunken. Didi baute die Dosen auf unserer Tischtennisplatte geschickt zu einer riesigen Pyramide auf. Es war ein unglaublicher Anblick: So stellten wir uns den Westen vor. Sagenhafte Bierpyramiden, coole Typen und laute Musik aus monströsen Ghettoblastern. An diesem Abend trank ich, nur weil es Westbier war, 5 Dosen DAB und kotzte die halbe Nacht aus dem Kinderzimmer-Fenster im neunten Stock. Noch zwei Tage später waren die Fensterbretter bis zum 3. Stock unappetitlich besprenkelt. Aber aus den Fenstern reiherte hier öfter mal jemand. Mich hatte zu diesem Zeitpunkt noch niemand in Verdacht.

Mein Vater, der schon lange gar keinen Alkohol mehr anrührt, erzählte mir mal, wie das zum Schluss mit seiner Abhängigkeit war. Jeder Arbeits-Montag war ihm da wie eine kleine Entziehungskur erschienen, denn obwohl er schon längst jeden Tag maßlos soff, wurden die Rationen am Wochenende nochmals erhöht und montags früh um 7 Uhr fühlte er sich extrem elend und schwach. Auffällig war jedoch, dass dies vielen seiner Kollegen so zu gehen schien, ein ganzes Land nüchterte am Wochenbeginn – mit roten Äderchen auf der Nase – zitternd aus.

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Am 29. März 1986 stand endlich die heiß ersehnte Jugendweihefeier an. Das erste Problem, das sich ergab: Klamotten. Wieder einmal waren die Leute mit Westgeld im Vorteil, denn nur die konnten richtig fetzige, moderne Sachen bekommen. Bei uns anderen gab es noch zwei Abstufungen: Wer Eltern hatte, denen 1.000 DDR-Mark nichts ausmachten, konnte im “Exquisit” seine Jugendweihegarderobe kaufen; dort gab es oftmals Sachen fast auf Westniveau. Die ärmsten Schweine waren die, welche sich ihre Festtags-Klamotten im Centrum Warenhaus am Ostbahnhof, Alex oder in der Jugendmode am Spittelmarkt kaufen mussten. Ich war wie immer „Kategorie C“ beim Durchstöbern von Mode dritter Wahl und musste mir wiederholt anhören: „Hamm wa nüsch“.

Es gab wirklich nur Dreck, denn zur Jugendweihe trug man keine Anzüge, sondern schicke, aber dennoch coole Klamotten. Nach drei Besuchen zusammen mit Mutter war ich völlig verzweifelt. Die Sachen, die man dort ausstellte, waren so abgrundtief hässlich in Farbe, Muster, Material und Schnitt, dass man sich ernsthaft fragte, wer das auftragen sollte. Es gab dort keine Schuhe, die man gleich anbehalten wollte.

Da mir die Jugendweihe aber zu wichtig war, ging ich mit Mutter in eine Boutique in der Sophienstraße. Zwar sah ich mit den Sachen, die wir nach langer Diskussion kauften, wie ein ostdeutsches Mannequin für Arme aus, aber immerhin musste ich darin keine fiesen Kommentare befürchten. Als wir an unserem großen Tag, begleitet von einem Fagottquintett, in den festlich geschmückten Saal des Metropoltheaters einliefen, stellte ich sofort fest, dass ich tatsächlich alles richtig gemacht hatte, denn einige meiner Kumpels hatten zwar echt geile Westklamotten an, andere sahen jedoch richtig Scheiße aus. So richtig!
Die Feierstunde verlief nach dem gewohnten Muster. Zunächst wurde der „Kleine Trompeter“ und “Auf, auf zum Kampf” gesungen. Danach rezitierte unser GOL-Schulsekretär Hannes Jungblut die Gedichte „Für den Frieden der Welt“ und „Frieden wie das eigene Leben“. Die Festansprache selbst hielt Heinz Schmidt, Oberst der Volkspolizei. Nachdem die ersten Gäste auf ihren Stühlen unruhig hin und her scharrten, stolzierte der Oberst von der Bühne. Endlich bekamen wir die Urkunden, das Geschenkbuch „Vom Sinn unseres Lebens“ und unseren Blumenstrauß. Dabei legten wir auch das Gelöbnis ab. Man konnte förmlich sehen, wie eilig es alle hatten, nach draußen zu kommen, denn jetzt kam das Wichtigste der ganzen Veranstaltung: die Übergabe der Geschenke! Diese fand zu Hause statt.

Als ich mit unseren Verwandten in der Mollstraße angekommen war, schenkte mir Vater vor versammelter Mannschaft erstmal ein Berliner Pilsner in ein Tulpenglas ein. Ich wurde somit auch von ihm in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen, was er allem Anschein nach mit dem Genuss von Alkohol in Verbindung brachte. Der kleine Benny schaute bewundernd zu mir auf. Er konnte dann später „mal“ am Eierlikörglas von Oma Halle nippen.
Dann durfte ich in die Schatzkammer, das elterliche Schlafzimmer, gehen. Sie hatten mir den SKR 700 gekauft und für diesen über drei Kilogramm schweren DDR-Kassettenrekorder schlappe 1.540,- Mark hingeblättert! Ganz klar, der Ghettoblaster von Didi wog weniger als die Hälfte, sah cooler aus und kostete wahrscheinlich im Westen gerade mal ein Zehntel, aber ich fand Genugtuung darin, dass meine Eltern ordentlich für mich geblutet hatten. Nach der Sichtung der Präsente, vor allem der Umschläge der Verwandtschaft, ging ich zufrieden zurück ins Wohnzimmer, trank mein Bier in einem Zug aus und rief „Prosit!“ in die Runde. Alle lachten gerührt.

Mutter verbreitete schnell wieder Hektik, da wir bis 14 Uhr zur Feier meiner Klasse in der Clubgaststätte Kiew in Marzahn sein sollten. Der Familientisch war für zwölf Personen gedeckt und kaum, dass wir saßen, wurden auch schon unsere im Vorfeld gewählten Essen gebracht. Alle hatten sich für das „Steak au four“ entschieden. Benny aß wie immer zuerst sein komplettes Fleisch auf und schaute dann verdutzt auf mein saftiges Steak und hämisches Grinsen. Wie viele Klassenkameraden durfte ich weiterhin Bier trinken, mein Vater wäre sonst sicher enttäuscht gewesen, immerhin galt die Jugendweihe als das erste richtige (und offizielle) Besäufnis eines jungen DDR-Bürgers. Beschwipst lauschte ich dem beginnenden Kulturprogramm, welches das Elternaktiv vorbereitet hatte. Leider wurden ausgerechnet Coco und ich nach vorne gebeten, um einige sinnlose Artikel den Gästen vorzutragen. Meine Mutter blickte mit feuchten Augen hinüber zu ihrem großen, leicht schwankenden, Sohn in seinen hübschen blau-grauen Klamotten.

Ich war froh, als der Spuk vorbei war und das Abendbrot serviert wurde. Sie hatten ein unglaublich großes Buffet errichtet, denn noch nie zuvor hatte ich in der DDR erlebt, dass so viel liegen blieb. Zu Hause hieß es immer: “Es wird aufgegessen was auf den Tisch kommt!”, und selbst in Restaurants wurden wir angehalten, auch die ollen Sättigungsbeilagen zu verspeisen. Das glich einer riesigen Verschwendung, und der stark alkoholisierte Didi fragte unseren Lehrer Blase, ob wir die Buffetreste nicht aus Solidarität nach Angola schicken könnten. Bommel und Tessi lieferten sich draußen derweil eine Essensschlacht, indem sie sich gegenseitig mit Buletten bewarfen. Sie waren schon total blau.
Um 20 Uhr war bereits alles abgeräumt und die Disko begann. Nach den ersten paar Liedern war klar, dass es für uns eine B-Veranstaltung und eher etwas für die Eltern und Omas werden würde. Die Beatles, Beach Boys und Bee Gees trafen echt nicht den Zeitgeist der Jugend im Jahre 1986. Es geschah, was zu befürchten war: Wir trafen uns alle vor dem Eingang mit einer Pulle in der Hand und brüllten: “Auf, auf zum Kampf zum Kampf!”. Jeder hatte gegriffen, was gerade auf seinem Tisch stand – etliche sogar Weinbrand oder Korn – und von nun an hieß es: Saufen bis zum Erbrechen.
Weit nach Mitternacht sah ich zum ersten Mal in meinem Land eine Ansammlung von mehreren Taxis. Auch das schien vorher organisiert worden zu ein. Alle meine Freunde, inklusive mir und meines kleinen Bruders Benny hatten mehrere Male gekotzt. Meine Eltern bemerkten oder sagten nichts.

Heute habe ich einen sehr gemischten Freundeskreis, doch bis auf wenige Ausnahmen sind die abhängigen Säufer alles Ostdeutsche aus meiner Generation. Mit einem unglaublichen Tempo haue ich mir mit den Jungs die Halben im „Rockz“ hinter die Birne, ohne zu merken, dass uns andere Leute ganz komisch ansehen, während sie immer noch am ersten Alster nuckeln. Bis vor kurzem war auch mir das gar nicht aufgefallen.
Erst als mir fast jeder Arbeits-Montag wie eine kleine Entziehungskur erschien, machte ich mir langsam Sorgen. Am Wochenbeginn um 7.30 fühlte ich mich oft extrem elend und schwach. Es fiel mir auf, dass dies den wenigsten meiner Kollegen so zu gehen schien und ich der Einzige war, der seinen Wochenend-Rausch ausnüchterte. Neulich fragte ich mich sogar, ob ich womöglich sogar ganz vom Alkohol Abschied nehmen müsste. Ich dachte gleichzeitig an die riesige Pyramide aus Dosen der Dortmunder Aktien-Brauerei aus vergangenen Tagen.
Es war also doch der Westen schuld!
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Zum Weiterlesen: Mauergewinner oder ein Wessi des Ostens
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DDR-Jugendweihe: Vom Sinn unseres Lebens

4. Juni 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

Jugendweihe FamilieDa mein kleiner Lieblings-Neffe nun bald seine Jugendweihe feiert: hier mal ein Rückblick auf meine ureigene.

Es gibt ein bemerkenswertes Foto von mir und meinem stolz auf mich herabschauenden Vater, auf dem ich aus einem Halbliterglas genüsslich Bier trinke. Auf dem Bild bin ich drei Jahre alt. Meine Mutter steht nicht dabei, ist aber auch nicht die Fotografin, und ich weiß, dass sie das nicht besonders witzig gefunden hätte. Doch bereits einige Jahre später war sie es wiederum, die uns zu jeder größeren Feier und am Silvesterabend “mal” am Eierlikör nippen ließ. Ich erlebte eine typische DDR-Kindheit und kam, obwohl mir Alkohol lange Zeit überhaupt nicht schmeckte, sehr früh damit in Berührung.

Im Herbst 1985 schlenderte Didi unangekündigt mit einem riesigen West-Doppelkassetten-Rekorder an die „Platten“. Das schwarze Ding war gefühlt einen Meter lang, 20 Zentimeter hoch und hatte unendlich viel Power. Schnell avancierte er zum neuen Helden der Clique und um diese Stellung noch zu untermauern, kaufte er tags darauf im Intershop 60 Dosen DAB – Westbier! Erstens gab es bei uns nur Flaschen – ich sammelte sogar leere Fanta- und Coladosen auf unserem Kinderzimmerschrank – und zweitens hatte noch keiner von uns jemals echtes Bier von Drüben getrunken. Didi baute die Dosen auf unserer Tischtennisplatte geschickt zu einer riesigen Pyramide auf. Es war ein unglaublicher Anblick: So stellten wir uns den Westen vor. Sagenhafte Bierpyramiden, coole Typen und laute Musik aus monströsen Ghettoblastern.
An diesem Abend trank ich, nur weil es Westbier war, 5 Dosen DAB und kotzte die halbe Nacht aus meinem Kinderzimmer-Fenster im neunten Stock. Noch zwei Tage später waren die Fensterbretter bis zum 3. Stock unappetitlich besprenkelt. Aber aus den Fenstern reiherte hier öfter mal jemand. Mich hatte zu diesem Zeitpunkt noch niemand in Verdacht. Didi übergab sich wohl noch etwas länger, denn als seine Eltern bemerkten, dass er ihr heiliges Westgeld geklaut hatte, prügelten sie ihm nicht nur die Dosen und den Rekorder aus dem Leib. Wir sahen ihn ein halbes Jahr nicht an den „Platten“ – Stubenarrest.

Mein Vater, der schon lange gar keinen Alkohol mehr anrührt, erzählte mir mal, wie das zum Schluss mit seiner Sucht war. Jeder Arbeits-Montag war ihm da wie eine kleine Entziehungskur erschienen, denn obwohl er schon längst jeden Tag maßlos soff, wurden die Rationen am Wochenende nochmals erhöht und montags früh um 7 Uhr fühlte er sich extrem elend und schwach. Auffällig war jedoch, dass dies vielen seiner Kollegen so zu gehen schien, ein ganzes Land nüchterte am Wochenbeginn mit roten Äderchen auf der Nase zitternd aus.

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Am 29. März 1986 stand endlich die heiß ersehnte Jugendweihefeier an. Das erste Problem, das sich ergab: Klamotten. Wieder einmal waren die Leute mit Westgeld im Vorteil, denn nur die konnten richtig fetzige, moderne Sachen bekommen. Bei uns anderen gab es noch zwei Abstufungen: Wer Eltern hatte, denen 1.000 DDR-Mark nichts ausmachten, konnte im “Exquisit” seine Jugendweihegarderobe kaufen; dort gab es oftmals Sachen fast auf Westniveau. Die ärmsten Schweine waren die, welche sich ihre Festtags-Klamotten im Centrum Warenhaus am Ostbahnhof, Alex oder in der Jugendmode am Spittelmarkt kaufen mussten. Ich war wie immer „Kategorie C“ beim Durchstöbern von Mode dritter Wahl und musste mir wiederholt anhören: „Hamm wa nüsch“.

Es gab wirklich nur Dreck, denn zur Jugendweihe trug man keine Anzüge, sondern schicke, aber dennoch coole Klamotten. Nach drei Besuchen zusammen mit Mutter war ich völlig verzweifelt. Die Sachen, die man dort ausstellte, waren so abgrundtief hässlich in Farbe, Muster, Material und Schnitt, dass man sich ernsthaft fragte, wer das auftragen sollte. Es gab dort keine Schuhe, die man gleich anbehalten wollte. Schön “am Volk vorbeiproduziert”, wie es hieß.
Da mir die Jugendweihe aber einfach zu wichtig war, ging ich mit Mutter in eine kleine Boutique in der Sophienstraße, die ihr eine Arbeitskollegin bei KoKo empfohlen hatte. Zwar sah ich mit den Sachen, die wir nach langer Diskussion kauften, trotzdem wie ein ostdeutsches Mannequin für Arme aus, aber immerhin musste ich darin keine fiesen Kommentare befürchten. Omas Liebling 1986 trug: eine graue, eng anliegende Stoffhose; eine graublaue Stoffjacke; einen hellblauen, dünnen Samtpullover, ein Paar blau-weiße Converse-Turnschuhe aus dem Exquisit, ein Paar weiße Socken und einen weißen Schlüpfer.
Als wir an unserem großen Tag, begleitet von einem Fagottquintett, in den festlich geschmückten Saal des Metropoltheaters einliefen, stellte ich sofort fest, dass ich dennoch alles richtig gemacht hatte, denn einige meiner Kumpels hatten zwar echt geile Westklamotten an, andere sahen jedoch so richtig Scheiße aus. So richtig!

Die Feierstunde mit Eltern und Verwandten verlief nach dem gewohnten Muster. Zunächst wurde der „Kleine Trompeter“ gesungen. Danach rezitierte unser GOL-Schulsekretär Hannes Jungblut die Gedichte „Für den Frieden der Welt“ und „Frieden wie das eigene Leben“. Die Festansprache selbst hielt Prof. Dr. Heinz Schmidt, Oberst der Volkspolizei. Mehrmals wies er darauf hin, dass unsere Feier in genau dem Saal stattfand, wo sich KPD und SPD am 21.4.1946, also vor fast genau 40 Jahren, zur SED vereinigt hatten.
Nachdem die ersten Gäste auf ihren Stühlen unruhig hin und her scharrten, stolzierte der Oberst von der Bühne. Endlich bekamen wir die Urkunden, das Geschenkbuch „Vom Sinn unseres Lebens“ und unseren Blumenstrauß. Dabei legten wir auch das Gelöbnis ab. Man konnte förmlich sehen, wie eilig es alle hatten, nach draußen zu kommen, denn jetzt kam das Wichtigste der ganzen Veranstaltung: die Übergabe der Geschenke! Diese fand zu Hause statt.
Als ich mit unseren Verwandten in der Mollstraße angekommen war, schenkte mir Vater vor versammelter Mannschaft erstmal ein Berliner Pilsner in ein Tulpenglas ein. Ich wurde somit auch von ihm in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen, was er allem Anschein nach mit dem Genuss von Alkohol in Verbindung brachte. Der kleine Benny schaute bewundernd zu mir auf. Er konnte dann später “mal” am Eierlikörglas von Oma Halle nippen.
Dann durfte ich in die Schatzkammer, das elterliche Schlafzimmer, gehen. Sie hatten mir wirklich den SKR 700 gekauft und für diesen über drei Kilogramm schweren DDR-Kassettenrekorder in anthrazitmetallic schlappe 1.540,- Mark hingeblättert!

Ganz klar, der Ghettoblaster von Didi wog weniger als die Hälfte, sah wesentlich cooler aus und kostete wahrscheinlich im Westen gerade mal ein Zehntel, aber ich fand Genugtuung darin, dass meine Eltern ordentlich für mich geblutet hatten. Das Ding hatte sogar Power.
Nach der Sichtung der Präsente, vor allem der Umschläge der Verwandtschaft, ging ich zufrieden zurück ins Wohnzimmer und trank mein Bier in einem Zug aus. Was sollte ich bloß mit all dem Geld machen?

Mutter verbreitete schnell wieder Hektik, da wir bis 14 Uhr zur eigentlichen gemeinsamen Feier meiner Klasse in der Clubgaststätte Kiew in Marzahn sein sollten. Unser Familientisch war für zwölf Personen gedeckt und kaum, dass wir saßen, wurden auch schon unsere im Vorfeld gewählten Essen gebracht. Alle hatten sich für das „Steak au four“ entschieden. Benny aß wie immer zuerst sein komplettes Fleisch auf und schaute dann verdutzt auf mein saftiges Steak und hämisches Grinsen. Als die Kellner die Teller dann wieder abräumten, brachte man uns Kaffee und Kuchen. Das schien hier nach einem gewohnten Muster abzulaufen. Nur, dass Mutter noch einen „Kalten Hund“ mitgebracht hatte, durchkreuzte ihre Pläne vom Einheitsfest. Wie viele meiner Klassenkameraden durfte ich weiterhin Bier trinken, mein Vater wäre sonst sicher auch enttäuscht gewesen, immerhin galt die Jugendweihe als das erste richtige (und offizielle) Besäufnis eines jungen DDR-Bürgers.
Leicht beschwipst lauschte ich dem gerade beginnenden Kulturprogramm, welches das Elternaktiv vorbereitet hatte. Frau Demant und Frau Rittich hatten eine Jugendweihezeitung gemacht, in der unglaublich lächerliche Sachen standen. Leider wurden ausgerechnet Coco und ich nach vorne gebeten, um diese sinnlosen Artikel abwechselnd den Gästen vorzulesen. Meine Mutter blickte mit feuchten Augen hinüber zu ihrem großen Sohn in seinen hübschen blau-grauen Klamotten.

Ich war froh, als der Spuk vorbei war und das Abendbrot serviert wurde. Sie hatten ein unglaublich großes Buffet errichtet und dabei wahrscheinlich mit tausend Leuten gerechnet, denn noch nie zuvor hatte ich in der DDR erlebt, dass so viel liegen blieb. Zu Hause hieß es immer: “Es wird aufgegessen was auf den Tisch kommt!”, und auch in Restaurants wurden wir stets angehalten, auch die ollen Sättigungsbeilagen zu verspeisen. Das hier glich einer riesigen Verschwendung, und der stark alkoholisierte Didi fragte unseren Lehrer Blase, ob wir die Buffetreste nicht aus Solidarität nach Angola schicken könnten. Bommel und Tessi lieferten sich draußen derweil eine Essensschlacht, indem sie sich gegenseitig mit Buletten bewarfen. Sie waren schon total blau.
Durch die straffe Organisation war um 20 Uhr bereits alles abgeräumt und die Disko begann. Schon nach den ersten paar Liedern war klar, dass es für uns eine B-Veranstaltung und eher etwas für die Eltern und Omas werden würde. Die Beatles, Beach Boys und Bee Gees trafen echt nicht den Zeitgeist der Jugend im Jahre 1986. Es geschah, was zu befürchten war: Wir trafen uns alle vor dem Eingang mit irgendeiner Pulle in der Hand. Jeder hatte gegriffen, was gerade auf seinem Tisch stand – einige sogar Weinbrand oder Korn – und von nun an hieß es: Saufen bis zum Erbrechen.

Weit nach Mitternacht sah ich zum ersten Mal in meinem Land eine Ansammlung von mehreren Taxis. Auch das schien vorher organisiert worden zu ein. Alle meine Freunde, inklusive mir und meines kleinen Bruders Benny hatten mehrere Male gekotzt. Meine Eltern bemerkten oder sagten nichts. Zu Hause stöpselte ich Kopfhörer in den neuen 1.500-Mark-Rekorder und hörte meine Depeche-Mode-Kassette.

Ich habe im Jahr 2009 einen sehr gemischten Freundeskreis, doch bis auf ein, zwei Ausnahmen sind die richtig maßlosen Säufer alles ehemalige Ostdeutsche aus meiner Generation. Mit einem unglaublichen Tempo haue ich mir mit John, Jenna, Melli und Göte die Halben im „Rockz“ oder in der „Tagung“ in die Birne, ohne zu merken, dass uns andere Leute ganz komisch ansehen, wenn sie immer noch an ihrem ersten Alster nuckeln. Bis vor kurzem war auch mir das gar nicht aufgefallen.
Erst als mir fast jeder Arbeits-Montag wie eine kleine Entziehungskur erschien, machte ich mir langsam Sorgen. Am Wochenbeginn um 7.30 fühlte ich mich oft extrem elend und schwach. Es fiel mir auf, dass dies den wenigsten meiner Kollegen so zu gehen schien und ich der Einzige war, der seinen Wochenend-Rausch ausnüchterte. Neulich fragte ich mich sogar, ob ich womöglich so jung schon ganz vom Alkohol Abschied nehmen müsste. Ich dachte gleichzeitig an die riesige Pyramide aus Dosen der Dortmunder Aktien-Brauerei aus vergangenen Tagen. Es war also doch der Westen schuld!

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Zum Nachlesen: “Sauforgie nach Bulettenschlacht” bei Spiegel Online
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Zum Weiterlesen: Mauergewinner
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Rock ‘n’ Roll-Tauchen in Feldberg 2016

8. August 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog

1 Rock n RollNachdem ich ja neulich von meiner eigenen Jugendweihe-Reise berichtet habe, schreibe ich heute mal ein paar Zeilen über die Fahrt, welche ich meiner Nichte zu diesem Anlass geschenkt hatte (Mist! Da liegen ja nun schon 30 Jahre dazwischen) – einfach damit ich es nicht nachträglich rekonstruieren muss.
Zunächst beehrten mich die 14jährige L. zusammen mit meinem 12jährigen Neffen M. (der Doof durfte sogar mitkommen) schon am Donnerstag, den 5.08. gegen 16 Uhr. Da die beiden sonst nur Baby-Comics im TV glotzen, mussten sie zunächst „Big Lebowski“ schauen, um endlich in die Geheimnisse des Bowlingspiels eingeweiht zu werden. Den „Dude“ fanden sie neben „Walter“ dann auch ganz witzig. Nur mit deren Klamottenwahl (und einigen Szenen) konnten sie nicht viel anfangen. Zitat von L.: „Na der Film ist ja auch schon ganz schön alt“.
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Zum traditionellen Spagetti-Essen ohne Besteck (und ohne Hände) war dann auch meine Freundin N. endlich zu Hause. Mittlerweile hat sie sich daran gewöhnt, dass die beiden bei mir einiges dürfen, was ich früher auch gerne ohne Schimpfe gemacht hätte. Andererseits ist es ganz gut, dass sie bei diesen Events dabei ist, sonst würden die Kids wohl ziemlich über die Stränge schlagen oder komplett durchdrehen. So sind sie eigentlich recht folgsam und gehen auch mal Zähneputzen, Duschen oder sogar ins Bett. Am Wochenende waren sie dann sogar eigenständig Brötchen holen, haben dieses dann auch vorbereitet und L. hat danach abgewaschen. Was ist nur mit den Kindern im 21. Jahrhundert los? Goil!
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Der Freitag endete mit einer Runde Monopoly (welches eingepackt bei mir herumstand, da ich seit 10 Jahren niemanden finde, der es endlich mal wieder mit mir spielt). Wusstet Ihr eigentlich, dass ich ein schrecklicher Verlierer bin und ein noch viel grässlicher Gewinner? Meinen glorreichen Sieg, der durch fehlerhafte Tauschaktionen der Kinder mit wertlosen Straßen, recht bald ersichtlich war, zögerte ich auf Maximallänge hinaus und goss ordentlich Salz in die vielen offenen Wunden meiner Miete zahlenden jüngeren Gegner. Zitat: „Du lachst ja wie Papa, wenn Du gewinnst …“
Am nächsten Tag ging es mit Applaus und einer nun auf der Konsole klebenden, Hula-Hula tanzenden Hawaiianerin (ein Geschenk der Kids) nach Feldberg an die „Feldberger Seenplatte“, wo wir eigentlich ein tolles Ferienhaus gemietet hatten, welches sich dann aber als zwei einzelne Ferienwohnungen in einem Haus herausstellte. Außerdem mussten wir am Abend aus unerfindlichen Gründen noch einmal ein Zimmer wechseln. Sei´s drum – wir hatten einen herrlichen Blick auf den Haussee, Kühlschränke, große Betten und für die Jugendbande gab es sogar Kabel-TV. Nur ein W-LAN-Passwort rückte die Vermieterin (eine als „Gesichts-Fünf“ bezeichnete Frau) zu deren Entsetzen nicht heraus. Zitat: „Ham wa nüsch! Und ihr seid ja hier, um euch zu erholen“. Kuhl – das waren wir auch.
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Rückblickend kann ich nicht genau sagen, ob ich als Kind ein „Daddel-Heini“ oder „Smartphone-Junkie“ geworden wäre, da mich die Sprüche meiner Eltern, wie: „ihr müsst auch mal an die frische Luft“ immer geärgert haben. Es gab das Zeug einfach nicht und so war ich gezwungenermaßen oft draußen.
Wir schleppten die Kinder zum Anleger und starteten bei durchwachsenen Temperaturen einen Ausflug per Boot. Bis dato wusste ich gar nicht, dass die großen Tretboote super relaxte Gefährte sind (wenn man hinten sitzt oder liegt und nichts machen muss). An einem bewachten Badestrand wurden wir von einer weiblichen „Gesichts-Zwei“ verjagt, weil man dort nicht einfach halten darf – aber erst, nachdem wir dort ordentlich geplantscht und gesprungen waren (das Wasser war wärmer als die Außentemperaturen).
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Als an es am nächsten Anlegepunkt namens „Ruhepuls“ das erste „Störtebecker“ gab und sogar die Sonne heraus kam, hatte der Kurzurlaub sowieso endgültig begonnen. Dass meine Nichte und mein Neffe seit Jahren zu neunköpfigen Raupen mutiert sind, stört mich auch dann nicht, wenn eine Miniatur-Wurstplatte 6,50 € und ein Spezi oder eine heiße Schokolade über 3,- € kostet. Es sind ja nicht meine „teuren Kinder“ und zweimal im Jahr können sie mich ruhig schröpfen. So auch im „Deutschen Haus“ wo die Hausmannskost-Teller komplett (mit Ablecken) leergegessen wurden. Zitat der Kellnerin: „Na dann habt ihr ja morgen definitiv fantastisches Wetter“.
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Am Abend fing es nach einer Runde „Räuberrommé“ – romantisch am See sitzend – leider an zu nieseln. Vorher wurde N. noch in den elitären Kreis der „Trompfreligion“ aufgenommen. Da dies eher ein Insider ist, verzichte ich darauf, die Prüfungsfragen zu wiederholen. Es gibt ja zurzeit eh nur sechs Menschen, die der Glaubensgemeinschaft der „Grottenolme“ angehören. Ein Bier und zwei TV-Folgen zu spät, ging es ins Bett. Zitat M.: „Two and a half man ist ja auch richtig geil“.
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Am nächsten Morgen stand nach dem „Olympia-TV Frühstück“ mit vielen Leckerlis und einer ausfahrbaren Gabel (auch ein Präsent) dann die eigentliche Geschenkeinlösung an. Ein richtiger Tauchgang (nicht nur Schnupper-Gedöhns) mit der örtlichen Tauchschule. Schnell stellte sich heraus, dass Harry und Andrea – die erfahrenen Tauchlehrer – auch ein ganz gutes Händchen mit Jugendlichen haben. Humorvoll aber durchaus sachlich wurde der Theorieteil über die Bühne gebracht. Nur mich (und N.) mit den Tauschscheinen, die wir in Malaysia gemacht hatten, wurden in der Annahme, dass wir ja alles können, nicht sonderlich hart getestet. Ein Fehler, da das Zertifikat über 10 Jahre alt ist und wir seither nur zwei verheerende Tauschgänge (extreme Strömung in Indonesien und „mich unter Wasser verloren“ in Brasilien) gemacht hatten. L. & M. waren jedoch aufmerksam und ernsthaft – was ich so gar nicht erwartet hatte – und uns dann bei den ersten Übungen im knietiefen Wasser meilenweit überlegen, wie schon beim In-den-Anzug-zwängen und sonstigen anstrengenden Aufgaben (die mir das Tauchen echt vermiesen).
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Bei den verschiedenen Handzeichen, z.B. für „Okay“ oder „Auftauchen“ wurde von unserer Truppe noch vor dem Tauchgang sogleich ein neues erfunden. Wenn man den kleinen und den Zeigefinger nach oben streckt, bedeutet dies „Rock ‘n’ Roll“ – und zeigt man diese Hand waagerecht, nach vorn und hinten schwenkend, heißt es „Rock ‘n’ Olm“.
Um es kurz zu machen: M. war mit mir und dem lustigen Harry in der Jungs-Gruppe und die Mädels L. und N. verschwanden mit der hingebungsvollen Andrea in den Tiefen des Carwitzer Sees, den wir zuvor angesteuert hatten. Die Sicht war für einen See fantastisch (für Malaysia-Taucher: naja). Es gab jedenfalls Fische in vielerlei Größen und Farben zu entdecken, sogar ein riesiger Karpfen (Jungs) und ein Hecht (Mädchen) wurden gesichtet. Zugleich schwebten wir über tiefgrüne Unterwasserwiesen, durch langstielige Schilfrohre hindurch und auf eine untergegangene Plattform. Und trotz kleinerer Pannen, wie Flosse oder Brille verlieren und versehentlich auf 6,5 Meter Tiefe absinken (hier schreibe ich nicht, in welcher Gruppe das geschah), klappte alles hervorragend. Vor allem die Kids stellten sich extrem routiniert an. Eigentlich war ich zuletzt sogar der Looser, da ich meine Flasche ziemlich schnell leergesaugt hatte und bei Harry angestöpselt werden musste. Zitat: „Na du bist ja vielleicht eine Luft-Sau“.
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Genau als wir alle Tauchutensilien eingepackt hatten, fing es körnig zu regnen an. Gutes Timing und Zeit für eine Monsterportion Gulasch (für Harry & Andrea) und Schrippen, Knacker und Mettenden (wir). Zuvor wurde uns von den Tauchlehrern noch erklärt, dass man beim Tauchen etwa 1.000 Kalorien pro Stunde verbrennt. Fetzt. Urst. Ein.
Nach einem Mittagschlaf bis 17 Uhr ging es auf der Halbinsel „Amtswerder“ zunächst zu einem ziemlich coolen Spielplatz (jedenfalls hätte ich den 1986 zum Besten der Welt erklärt) dann ein Bierchen/Spezi an einer Seeterrasse trinken, wieder auf die Spielwiese und schließlich Essen in eine so überfüllte Fischerstube, dass wir bei einem älteren Paar „Gesichts-Vieren“ am Tisch platziert werden mussten. Die beiden sprachen seitdem kein Wort mehr miteinander (wobei wir nicht wissen, ob sie es zuvor getan hatten) wohingegen wir uns noch immer viel über die Tauchabenteuer zu berichten hatten.
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Ein richtig schöner Familienurlaub mit meiner Nichte und meinem Neffen – diesen Fischplattenfressmaschinen – hatte sich entwickelt. Am Abend war der See vor unserem kleinen Plätzchen (wieder bei Räuber-Rommé mit verschärften Regeln) in krasses Licht getaucht. Die Wolken, Bäume, Boote und die Wasseroberfläche ergaben eine fantastische Szenerie – ein Bild voller Stille, Einsamkeit und Urlaubserholung. Bis einer pupste und alle laut loslachten.
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Am Sonntag zeigte sich die Sonne den ganzen Tag – wahrscheinlich weil die Kids immer alles (also wirklich alles!) aufgegessen hatten. Daher verstehe ich bis heute nicht, warum ich ohne Basecap und vor allem ohne mich mit Sonnencreme einzuschmieren für etwa drei Stunden auf ein Boot gestiegen bin. Selbst Kinder sind da schlauer! Egal, wir erkundeten diesmal über einen Kanal den „Breiten Luzin“ sprangen vom Beetle-Boot oder von einer geenterten Plattform ins erfrischende Nass. Dort fragte uns ein idiotischer Junge, ob wir hier aussteigen würden. „So ein Doof“ – war die berechtigte Antwort meiner Nichte. Mit M. drehte ich auf der Rückfahrt etwas durch und sang dabei mit ihm den „Rocky-Song“. Diesmal traf – trotz des Sonnenstichs – alles zu: Eine Seefahrt die ist lustig, eine Seefahrt die ist schön. Wie auch die abschließende Speiseeis-Orgie in Boitzenburg.
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Und obwohl die süße Beschenkte L. etliche Dinge aufzählte, die ihr anscheinend gefallen haben, antwortete sie auf die Frage, was sie am allerschönsten fand: „Eigentlich das gemeinsame Frühstück“. Okay, wenn das so ist, weiß ich ja bereits jetzt, was ich meinem Neffen M., der nächstes Jahr an der Jugendweihe-Reihe ist, zu schenken habe. Nur deshalb habe ich das heute mal aufgeschrieben – damit ich es nicht vergesse …
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P.S.: ein paar Bilder von der Tauchschule werden folgen.
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Ungarn-Urlaub in der DDR 1986 zur Jugendweihe

30. Juli 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

Hungarn wirAn meinem 15. Geburtstag gehen wir in den Palast der Republik, wo wir an einem Tisch im Palastrestaurant platziert werden. Während sich Benny nach stundenlangem Studiums der Karte dann doch nicht für das „Braumeister-Steak“, sondern wie üblich fürs „Steak-au-four“ entscheidet, trinke ich mit Vater bereits meine zweite Tulpe Wernesgrüner. Seit der Jugendweihe bestellt er immer Bier für mich mit. Ein Statement – das muss man ihm lassen. Mutter hat sich für Rosenthaler Kadarka und Gulasch entschieden, was sie komischerweise daran erinnert, als junge Frau – also vor sehr vielen Jahren – mal in Ungarn gewesen zu sein. Doch mein Alter unterbricht ihre Schwelgerei und ruft mir zu: „Da wolltest du doch auch schon immer mal hin, oder?“
Blöde Frage: Ungarn hat im Gegensatz zu allen anderen Bruderstaaten eine magische Anziehungskraft, denn dort kann man die Dinge aus dem Werbefernsehen nicht nur sehen und anfassen, sondern auch kaufen. Levis-Jeans, Camel-Zigaretten, Nike-Turnschuhe, Walkman, Ghettoblaster, Schallplatten, Bravo-Zeitschriften, Glitzersteine und Sticker – einfach alles, was das Herz begehrt. „Logo“, antworte ich gelangweilt, da ich ihm schon oft erklärt hatte, dass ich es nicht gerade witzig finde, mit 15 Jahren erst in drei Ländern gewesen zu sein: in der DDR, in der CSSR und in Polen nur, weil Benny und ich unerlaubt zwanzig Meter über die Grenze auf der Schneekoppe geflitzt waren.
„Okay, nächste Woche geht‘s los. Wir fahren für ein paar Tage nach Budapest“. Der Satz trifft es mich wie ein Schlag in die Magengrube und Benny verschluckt sich an der Club Cola. „Echt jetzt?“, brüllen wir im Chor – doch an Mutters seligem Grinsen hinter der Gabel voller Szegeginer Gulasch erkenne ich: Das ist kein Scherz. „Köszönöm heißt Danke“, murmelt sie und meint damit wohl, dass ich mich nun artig zu bedanken hätte. „Kriegen wir noch einen Pittiplatsch- oder einen Bummi-Eisbecher? Köszönom!“, antwortet mein Bruderherz spontan. Alle lachen.
Ich bin extrem begeistert, auch weil Vater über Beziehungen reichlich Berechtigungsscheine zum Umtausch von Mark in Forint besorgt, denn insgesamt dürfen eigentlich nur 2.650 Forint (knapp 440 Mark) pro Person im Jahr gewechselt werden. Endlich kann ich mein nutzlos herumliegendes Jugendweihe-Geld sinnvoll verbraten. Und obwohl auch Mutter durch diese Zettel der Staatsbank der DDR abgesichert ist, schmiert sie am Tag vor der Abreise einen monströsen Stullenberg.

Früh um 5 Uhr haben wir auf dem Parkplatz allerdings „die Brille auf“, wie mein Alter zu sagen pflegt, wenn es ein Problem gibt. Wir stehen vor dem Trabi und sehen, dass kein einziges Gepäckstück mehr in den kleinen Flitzer passt. Im Kofferraum ist jeder Zentimeter ausgefüllt (wobei ich auf die Kiste Bier verzichtet hätte) und auch auf der Rückbank und der Ablage stapeln sich schon Taschen und Beutel. Mutter schleppt vier dicke Pullover und unsere Anoraks wieder nach oben, obwohl sie da noch nicht wissen kann, dass heute der heißeste Tag des Jahres werden wird.
Vater hat gerade ein Kampfgewicht von 110 Kilo und auch seine Frau ist ja eher rundlich. Als sich dann auch noch ihre beiden dicken Kinder hinten hineinquetschen, wiegt das Auto sicher doppelt so viel wie bei Werksauslieferung in der Rummelsburger Straße.
An der Grenze zur CSSR stehen wir im längsten Stau unseres bisherigen Lebens. Da man beim Trabi die Fenster hinten nicht herunterkurbeln kann, bekommen wir bei fast 40 Grad kaum Luft und gieren nach dem von Mutter gemachten, längst lauwarm gewordenen, Eistee. Wir träumen von Ungarn und malen uns eine eiskalte Coca Cola an den Ufern der Donau aus, denken an Budapest mit Hotdog-Ständen an denen Würste in champagnerbeigen Senf gebettet werden. Doch dazu wird es heute nicht mehr kommen. Nach zehn Stunden Fahrt im Backofen hat Vater die Nase voll und verlässt in Brno die Autobahn. Er kennt sich hier durch diverse Radrennen ganz gut aus und steuert zielsicher eine Plattenbausiedlung an. Dort wohnt ein tschechischer Trainerkollege, der natürlich noch nicht daheim ist. Wie peinlich: fast zwei Stunden sitzen wir wie Asoziale im stockdunklen Treppenhaus, essen mitgebrachte Hackepeter- und Specksstullen und warten auf diesen Herrn Svoboda.
Vielleicht war es ja doch ein geplanter Zwischenstopp, denn der Typ freut sich, dass wir bei ihm pennen und verschwindet, nachdem man uns vor den Fernseher verfrachtet hat, sofort mit meinen Eltern ins benachbarte Hochhausrestaurant. Das ist okay, denn neben den zwei tschechischen Sendern, ARD und ZDF haben die hier auch zwei österreichische Programme und eines aus Bayern. So eine Vielfalt – und dann noch in Farbe – haben wir noch nie erlebt. Wir bleiben bis Sendeschluss gebannt vor der Kiste sitzen, was ungefähr mit der nächtlichen Kneipenschließung einhergeht.
Vater
Am nächsten Tag geht es mit leicht verkaterten Eltern und Kindern mit viereckigen Augen bei brüllender Hitze weiter in Richtung Ungarn. Doch kurz vor der magischen Grenze beginnt plötzlich eine der wenigen elektronischen Leuchten im Trabi zu blinken. Vater fährt hektisch auf einen Rastplatz. Wir kommen an die frische Luft und ich lerne wieder einmal etwas dazu. Statt die Motorhaube zu öffnen oder nach dem Wartungshandbuch zu suchen, steigt er aus und geht sofort zu einer Gruppe quatschender Männer. Kurze Zeit später stehen zwei bedeutungsschwer diskutierende Kerle um unser Auto. Mein Vater lehnt derweil mit den Händen in den Hüften, an der Fahrertür und spornt die Jungs freundlich an, den Fehler zu finden. Ich weiß nicht, was das Problem war, nur, dass die hilfsbereiten Menschen namens Ede und Michel jeder zehn Mark bekommen und wir weiterfahren können. Ich muss zurück in den Backofen und ahne nun, wie man ein Auto repariert, wenn man Scheppert heißt.
Leider fahren wir aus Kostengründen noch einmal an eine Tankstelle und müssen dort und später an der Grenze zu meinem Land Nummer 4 wieder ewig warten. Doch nach dem letzten Schlagbaum erfasst mich ein Gefühl der grenzenlosen Freiheit, welches ich mir für immer im Leben bewahren möchte. In Ungarn weht ein laues Lüftchen und auf gut geteerten Straßen erreichen wir endlich die sagenumwobene Stadt an der blauen Donau.
Das Quartier bei Privatleuten hatte Mutter organisiert und nun wird es lustig: Sie meint sich nach gut zwanzig Jahren noch an die Straßenverläufe erinnern zu können, was leider nicht stimmt, da sie Vater von einer Einbahnstraße in die nächste Sackgasse lotst. Der ist in solchen Situationen nicht sonderlich entspannt, zumal er stark unterhopft wirkt und das erste ungarische Bier herbeisehnt. Während sich die Alten vorne anschreien, pieke ich mein Brüderchen in den Bauch und liefere mir ein Wortgefecht: „Du stinkst ja wie die Pest“ „Und du wie Buda“. Wir machen uns darüber lustig, dass unsere Alten nicht einmal wissen, in welchen Teil der Stadt wir überhaupt müssen. Irgendwann hat Vater die Schnauze voll, hält mitten auf einer viel befahrenen Kreuzung und fragt einen Verkehrspolizisten nach dem Weg. Es werden fünf weitere Befragungen von Passanten folgen bis wir am Ziel der Reise sind. Das Klima im vorderen Teil des Trabis ist mittlerweile – trotz 34 Grad – frostig.
Das Haus ist ganz alt, mit verschnörkelten Wänden und hohen, stuckverzierten Decken. Wir Kinder aus dem Neubau-Block wissen das natürlich nicht zu würdigen. Auch nicht, dass die Gastwirte extra für uns das Schlaf- und Jugendzimmer geräumt haben und nun drei Nächte auf der Wohnzimmercouch campieren. Benny ärgert das, weil dort der Fernseher steht. Doch der sendet nur in Schwarz-Weiß und ich möchte sofort hinunter in die farbefrohe West-Welt. Bis wir endlich aufbrechen, trinkt Vater „Schluckspecht“ mit dem Opa zwei Pálinka-Schnäpse, während die ältere Dame fünfmal mit der Hand durch meine Haare fährt und in gebrochenem Deutsch murmelt: „Was für ein schönes Kind. Wie mein Attila.“ 15jähjrige Jugendliche können das besonders gut leiden. Vor der Tür erklärt mir Mutter, dass deren einziger Sohn 1956 mit 18 Jahren gestorben sei und ich ihm wohl sehr ähnlich sehe. Trotzdem kein Grund mich so zu betätscheln. Schmuseäffchen Benny wird von mir ab sofort dafür eingeteilt; auch wenn er kein so schönes Kind ist, was ich ihm sofort mitteilen muss. Mutter verpasst mir ein Backpfeife und brüllt: „Natürlich! Benny ist noch viel hübscher“. Benny juchzt, ich grinse und Vater zwinkert mit verschwörerisch zu.
Icke Bad Boy
Schwein gehabt, wir wohnen in „Buda“ und gar nicht mal weit entfernt von der Donau. Doch für den riesigen Fluss und die ihn überspannenden Brücken haben wir keinen Sinn, da uns ausschließlich die knallbunten Auslagen der Geschäfte interessieren. Direkt neben unserem Haus gibt es einen Laden mit kuhlen Adidas, Nike- und Reebok-Klamotten. „Komm mal. Sowas haste noch nicht gesehen“, zerren wir an Vater. Doch der will ein Frischbier und vertröstet uns auf morgen. Unter dem Bogen einer für Mutter berühmten Kettenbrücke, wobei sie in den nächsten Tagen alles „berühmt“ oder „weltberühmt“ betitelt – entdecken wir einen Imbisstand. Vater spendiert uns zwei eiskalte Coca Cola und „Paros virsli mustar a szemle“, oder so ähnlich, denn aus Ungarisch werden wir – trotz Russischunterrichts – nicht schlau. Der Hotdog ist trotzdem – wie der erste Eindruck von dieser Stadt – zum Weinen fantastisch!
Außerdem kostet die Cola umgerechnet nur 10 Forint und die Wurst im Brotlaib 20. Das ist ja alles bezahlbar, wobei wir fürs Abendbrot trotzdem zurück in die Bude geschliffen werden. Dort ist Vaters mitgebrachtes Gastgeschenk (Berliner Pilsner) nun kalt und auch die Teewurst-Schrippen haben sich im Kühlschrank ein wenig erholt. Es sind die letzten dieser Tour. Für Morgen wird uns echtes ungarisches Gulasch im Restaurant versprochen.
Am Abend machen wir noch einen kleinen Ringel. Die komplette Stadt scheint zu leuchten. Die Uferpromenade, die Brücken, die Ausflugsdampfer, die Werbetafeln auf den Häuserzeilen, die Reklamen der Geschäfte, die Taxis, die Busse, die Metroeingänge – einfach alles. Im RIAS habe ich Moderatoren schon öfter mal vom grauen, finsteren Ostberlin reden hören. Heute habe ich erstmals eine Vorstellung davon, was sie damit gemeint haben könnten. Budapest fetzt! Urst! Ein!
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Am Morgen gibt es dennoch Stress. Obwohl wir uns in der perfekten Konsumgesellschaft befinden, in der man einfach alles kaufen kann, gibt es zum Frühstück nur Brötchen mit Marmelade oder Honig und danach will Mutter auch noch auf Sehenswürdigkeits-Tour gehen, wohingegen wir natürlich die Kauftempel der Stadt plündern wollen. Wir einigen uns auf einen Kompromiss: Benny und ich haben bis Mittag Ausgang. Wir treffen uns erst um 13 Uhr an dieser Würstchenbude wieder. Zunächst denke ich, die Alten wollen uns verarschen, doch die Gastwirtin streichelt Benny über die Omme und versichert dabei, dass die Geschäfte hier wirklich alle auch am Sonnabend geöffnet haben.

Aufgrund der Kürze der Zeit, aber auch weil mein Forint-Vorrat keinen Kleiderschrank füllt, muss ich in den Boutiquen meine Kaufhallentaktik anwenden. Es wird immer ein – durchaus hochwertiges – Stück gekauft und eines geklaut. Benny bekommt von alledem nichts mit und ist mit seinem naiv-drolligen Gesichtsausdruck vielleicht sogar ein ganz gutes Alibi. Eine dunkelgraue Levis, ein weißer Nike-Pullover, blau-weiße Converse-Schuhe und ein schwarz-rotes „Bad Boys“-Shirt landen so in meinen Einkaufstüten, wobei ich nur für die Hose und die Treter bezahlen muss. Benny erwirbt Sticker von „Franky Goes To Hollywood“, „Kim Wilde“ und „Sandra“ und ich spendiere ihm, da der Spasti kaum Geld dabei hat, ein günstiges Nicki mit einer Werbung von „Honda“. Noch nie haben wir so viele Sachen gesehen, die wir brauchten. Im Plattenladen greife ich dann nochmals tief in die Tasche und hole mir die „Black Celebration“ von „Depeche Mode“ und „Standing on a Beach“ von „The Cure“. Obwohl ich fast alle Songs auf Kassette habe, kann ich damit zu Hause richtig einfetzen. Goldstaub ist gar kein Ausdruck. Die Scheiben kosten zusammen 500 Forint (83 Mark), allerdings könnte ich sie im Plänterwald sicher für das Fünffache verkaufen – was natürlich nie und nimmer geschehen wird. Benny hilft mir beim Tragen und vollbepackt wie zwei DDR-Esel erreichen wir den Imbiss von gestern Abend.
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Vater nippt genüsslich am Fassbier und Mutter schlägt sich die Hände vor den Mund als sie uns kommen sieht. „Ihr habt ja halb Budapest leergekauft“, ruft sie, wobei auch vor ihr zwei Einkaufstaschen voller Westklamotten auf dem Boden stehen. Ich habe meine rot-schwarz längsgestreifte „Lee“ an, die mir Oma mal mitgebracht hatte. Die Röhrenjeans fühlt sich heute wie eine Spendierhose an, vor allem, weil ich sie nun auch mal mit der „Levis“ wechseln kann. Ich gehe an den Kiosk und bestelle vier dieser „Paros Wüschtli Mustafa“. Den Preis zeichnet mir der Verkäufer auf: 160 Forint. Eine Matheschwäche habe ich nicht. „Nee Genosse Towarisch, 80!“ Ich lasse mir den Kuli geben, um es aufzuschreiben, denn gestern hatte ja eine nur 20 gekostet. Doch er beharrt auf dem Wucherpreis, bis ich meinen Vater heranwinke. „Mark, mein Bier hat auch schon das Doppelte gekostet. Morgen ist hier Formel-1-Rennen.“ „Was hat denn das mit den Hotdogs zu tun?“, frage ich entsetzt. „Junge, schon mal was von freier Marktwirtschaft gehört?“, mischt sich eine Frau neben mir plötzlich ein. „Was will die Olle denn jetzt?“, flüstere ich meinem Vater zu, der gerade die noch fehlenden Forint hinter die Theke schiebt. Die Frau wedelt mit einem 10 DM-Schein.
‚Der Kapitalismus ist eine Gesellschaft der Ausbeutung‘, kommen mir die ständig gebrüllten Worte unserer Staatsbürgerkunde-Lehrerin Frisch in den Sinn. „Wegen eines beschissenen Autorennens verdoppelt Watzlav hier gleich mal die Preise“, schimpfe ich. Doch Vater, der sich noch ein zweites überteuertes Bier geleistet hat, antwortet, als könne er Gedanken lesen: „Nur der Kommunismus kann die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen beseitigen, Prost!“ Darüber kann auch ich dann wieder ablachen.
Im ehemaligen „Attila-Zimmer“ breiten wir stolz unsere Einkäufe auf dem Bett aus. Die Wirtin kriegt sich fast nicht mehr ein und ich staune, dass Benny einen Beutel voller Glitzersteine hat mitgehen lassen. Er grinst mich verstohlen an, während ich bereits überlege, mir damit „DEMO“ auf die Jacke zu pinnen. Eigentlich brauche ich jetzt nur noch Kleinkram, wie Kassetten, Camel und eine Bravo, die es hier an jeder zweiten Ecke zu kaufen gibt.
Nach einem Stadtbummel laden uns die Eltern – wie versprochen – in ein uriges Lokal in der Altstadt ein. Im Land des „Gulasch-Kommunismus“ werden wir am Einlass gefragt: „Deutsch oder DDR?“, und dann vom Objektleiter in die hinterste Ecke des Ladens verfrachtet. Die Stadt ist wegen des ersten Formel-1-Rennens am Hungaro-Ring voll von Deutschen, die jedoch von den Ungarn in zwei Kategorien eingeteilt werden. Reisen bildet!
Ungarn
Zum Frühstück gibt es diesmal zwar U-SA (Ungarische Salami) aber ansonsten scheinen wir nun wirklich DDR-Betteltouristen zu sein, die trotz Metro alles ablaufen und die das noble Hilton Hotel nur von außen bestaunen dürfen. Danach erklimmen wir den Gellertberg und dessen Zitadelle, nur wegen der „fantastischen Aussicht“ bis wir endlich das „weltberühmte“ Gellert-Bad erreichen. Mutter die Sonntagsroute zu überlassen, war keine gute Idee.
Vor dem Eingang stehen hunderte mumienartige Frauen in der prallen Sonne an, um ihre verschrumpelten alten Körper in Heilwasser zu tunken. Darauf haben wir echt keine Böcke.
Also zurück. In umgekehrter Richtung wandern wir an endlosen Straßenzügen entlang, bis wir die Margareten-Brücke und die im Fluss befindliche Margareten-Insel erreicht haben. Wir lechzten nach einem Eis und vor allem wollen wir nun endlich baden gehen. Auch das hiesige Palatinus-Bad kennt unsere Mutter wie aus dem Nähkästchen, obwohl sie zuletzt vor zwanzig Jahren dort gewesen war. Ununterbrochen schwärmt sie von den riesigen Schwimmbecken, den großen Liegewiesen und vom einzigartigen Wellenbad. Das ist zwar alles noch da, aber vollgestopft mit tausenden Menschen. Hier scheinen es eher Mütter mit drei kreischenden Gören zu sein. „Alle anderen Männer sind beim Grand-Prix“, nörgelt mein Vater, obwohl er sich absolut nicht für Autorennen interessiert.
Richtig schlimm wird es erst im Wasser. Die Konstruktion des Wellenbades ist wahrscheinlich von 1937 und nichts im Vergleich mit unserem hochmodernen SEZ in Friedrichshain, welches die Schweden vor kurzem erbaut hatten. Die Wellen kommen nur einmal jede Stunde, sind popelig oder durch die Massen nur zu erahnen. Völlig arschlos!
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„Mark, Benny, ist das nicht schau? Benny, gleich kommt die nächste Welle. Mark, ist das nicht schau hier?“, brüllt meine Mutter ohne Unterlass. „Nein, lass los. Das ist die letzte Scheiße!“, rufe ich, doch sie krallt sich regelrecht an mir fest. Ich weiß mir nicht anders zu helfen, als sie grob wegzustoßen und treffe dabei versehentlich ihr Gesicht. Das hat mir gerade noch gefehlt, denn nun beginnt meine Mutter auch noch zu heulen. Das wird Vater überhaupt nicht gefallen, der gerade in der Schlange vor dem Bierstand versackt ist. Nicht nur deshalb entschuldige ich mich auf dem Weg zum Handtuch mehrmals und erkläre ihr das Berlin-Budapest-Wellenbad-Ding noch einmal genau.

Und plötzlich beginnt meine Mutter ganz unerwartet mit tränennassen Augen zu erzählen …
… dass ihre erste große Liebe ein Ungar namens Laszlo gewesen war, mit dem sie die drei schönsten Wochen ihres Lebens am Balaton und in Budapest verbracht hat. In diesem Wellenbad haben sie sich das erste Mal geküsst. Ich staune mit offenem Mund und überlege sogleich, was mit einem ungarischen Vater alles möglich gewesen wäre. Allein Klamottentechnisch.
Mit 15 Jahren nehme ich meine Mutti erstmals ohne Scham oder ein Gefühl des Unwohlseins in die Arme. Diese Reise wird mir nicht nur deshalb sehr lange in Erinnerung bleiben und vielleicht werde ich in 30 Jahren einmal darüber berichten?!
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Zum Weiterlesen: Berlin Leninplatz
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Free German Youth Lessons – “Generation Wall” by Mark Scheppert

18. April 2015 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

OLYMPUS DIGITAL CAMERAIn spring 2008 Sylvie’s brother visited us together with his girlfriend in Berlin. These two are very pleasant visitors. We don’t have to entertain them at all. No cultural programme to arrange, no endless thinking which historic sites of the capital they don’t know yet. We didn’t even have to buy the current city magazines to search for the latest musicals, movies or theatre plays. Andi and Kati are interested in… nothing. Very pleasant, as I said! They both were born in the south west of Germany, in the so called Pfalz, like my Sylvie. This is obviously one reason why they often pelt me with questions about my East German youth for hours. Thus, I wanted them to soak up some education about this time by sending them into the GDR museum opposite the Berlin Cathedral and the ruin of the Palace of the Republic.

In the evening Andi and Kati already awaited me excitingly at the door smiling from one ear to the other. They had seen the Mufuti (multifunctional table) from the movie “Sonnenallee”, next to a real East German wall unit. Andi had sat in a Trabi for the first time in his life and Kati was taught how to tie a knot into the red triangular scarf of the children’s organisation in the GDR (Junge Pioniere). I was completely knackered from a hard capitalistic working day and thought that this museum visit had answered all their questions about my ex-country. Far from it! Now they wanted to know everything about the GDR, their curiosity was doubled or even tripled, and everything about this vanished country was most ingenious. I went to take a green booklet and a beer and told them a totally different story.
During the GDR-season of 1985 / 86 there were these two highlights of my life: At the beginning of the year 1985 we were affiliated solemnly to the Free German Youth and in March 1986 Jugendweihe took place – the ceremony in which teenagers are given adult social status – the biggest event of my life so far receiving a lot of presents. Between these two events, however, we had to prove our maturing process by attending a ten-hours-course of the Free German Youth. Naturally this was linked to a threat saying if one of us is absent two times and has no convincing excuse, he or she won’t take part in this mega party Jugendweihe. One after the other had to write something about this course into the youth lesson’s booklet. Probably this is the reason why I still keep this green booklet in my possession. I had to write about the last event and never handed it back.

I read out of this green booklet to the West German audience who gained another valuable insight into the country I had grown up.
The first lesson was called “We fulfil our revolutionary bequest!” Most of the 8th graders fulfilled this by visiting the concentration camp Sachsenhausen. Sabine wrote the following about this trip into the green youth lesson’s booklet: “On 18th September 1985 our class visited the concentration camp memorial Sachsenhausen. Mrs Rittich, Mrs Demant and Mrs Seil accompanied us. Arriving there we were welcomed by our guide Mr Stenzel who had been detainee himself in this concentration camp.”
Camp
I stopped here although Sabine had written exactly one page about this trip as she and all the others were supposed to do. We misbehaved completely at this trip. Nobody had really taught us that there were people having emotions and real victims to touch from this Hitlerite fascism. In our socialist daily routine we only vowed that we would do everything to avoid a repetition of these atrocities. We were not prepared for food rations of 150 grammes per day and heaps of corpses. Kati said that she was also sent to the concentration camp Ravensbrück when she was quite young and she grew up in West Germany. And suddenly we were discussing poor educational policy in East and West Germany, though I only wanted to tell them something about my life in the GDR. After a while I turned the pages and decided to read out only one sentence from every youth lesson in the green booklet.

The second youth lesson was named: “Friendship to Lenin’s country – matter of the heart of our people”. Naturally we visited the House of the German-Soviet Friendship (DSF). In sixth grade we always made our Russian teacher who came from Moscow cry with the following slogan: “Russki, Russki you should know that your language is just too slow!” In the DSF house we didn’t dare to talk like that and therefore were bored to death. However, Daniela wrote into the green booklet: “Comrade Steyer taught us a lot about the Soviet Union, how the people live there, how the gas pipeline BAM was built – the Baikal-Amur-Magistrale – and many other interesting things.”
The third youth lesson which was called: “Culture and Art make our lives nicer and richer.” seemed to be slightly better. We were supposed to visit the Jahn sports park. Similar to the other ‘events’ we were disappointed bitterly once again. It is enough if I just repeat what Lars wrote into the green booklet. “Then we went to the exhibition rooms. An old man waited there for us. After we had put off our jackets we entered the sports exhibition in a small room.”
The guests from the West looked at me with big and pleading eyes, but I continued without any reaction.
The fourth youth lesson was titled ‘The other one beside you.’ Our class went to the newly built park named after the communist leader Ernst Thälmann. Somehow it was a little bit more interesting this time since a quite cool guy led us through the construction site and even the scaffolds. The massive monument of Ernst Thälmann nicknamed Teddy was erected only recently. Thus, Lydia remarked quite correctly: “This visit was very interesting and good fun. Despite our breaches of discipline we experienced many new things.”
Schluss
The fifth youth lesson in this series was called ‘Our Socialist Homeland’ and we were supposed to visit the People’s Police museum. A popular children’s song says: “The people’s police officer, who means well for us, he carries us home, he is our friend.” But these friends there were all completely unsympathetic, had a Saxon accent and one could imagine that concerning crimes they wouldn’t react indulgently. The importance of our visit in the People’s Police museum you can hear in the following sentences that Didi wrote: “When we arrived, the speaker Colonel Schmidt introduced himself. Another comrade guided us through the exhibition.”
Number six was called: ‘Peace is not a present.’ This was the event when I didn’t take part having an excuse. No, I had never been an absentee at school, a normal East-Berlin flu had struck me down. The others went to see the East German border troops. Hence, I can only read what Mario wrote into the book: “At the entrance gate an officer of the border troops welcomed us. First, he showed us a radio and a field telephone. Then we had a look at some of the tools that were used while escaping and also at some pictures of the injured people who tried to trespass the East German border. He acquainted us with some weapons and explained the function and advantages to us.” Andi and Kati were shocked shaking their heads in disbelief.
I was fit again for the next topic: ‘Your right and your duty in a socialist country’. We went to the court in Berlin – Friedrichshain. But this visit was one to forget soon, too. A very strict looking judge was telling us in a one-hour-lasting monologue how a trial takes place. After that she responded to our questions for only two minutes and disappeared. Cake wrote in our book: “We were also surprised about this small courtroom, since they appear much bigger in the movies. It would have been even better, if we had taken part in a real trial.”
‘Scientific technological progress – a challenge for you’ was the topic of the 8th lesson. We went to the completely shabby, but nationally owned company NARVA that used to produce light bulbs. Now we could see what publically owned manufacturing meant: rusty old machines, long dark passages without any ventilation, and moody people standing in a crowd at the corner, smoking and chatting. Next to the lathes and on a stack of fluorescent tubes there were lots of empty brown beer bottles. We were welcomed by a comrade in the traditional room. Although NARVA light bulbs were delivered around the world, successful tradition surely looks totally different, thought Bergi obviously when he – surprisingly honest – wrote into the book: “The visit at NARVA was not nice at all. I’d describe it as a complete failure.”

Ebook "Generation Wall"

Ebook “Generation Wall”


The last but one youth lesson was dedicated to the topic ‘Your workforce is needed’.
The funny thing about it was that we went to see our mentors’ brigade at Centrum Warenhaus, the shopping centre at East station where we had done several shoplifting competitions. Today I cannot say whether Ute suspected something when she wrote into the book: “A member of our mentors’ brigade depicted the exhausting daily routine of a saleswoman. I believe that everyone of us now sees everything with different eyes and pays more attention to honesty.”
The final youth lesson that finished us off completely was called: ‘The world is changed by us’. This time I was supposed to write into the small green book. There was nothing to think about in detail, since it was only checked whether somebody had written into it, not what. We went to the Archenhold observatory in Treptow, and this was actually the best of all lessons. We were watching movies and observed some of the faraway stars, that were also well visible during the day, through the huge telescope. Furthermore, the woman guiding us through the observatory was extremely pretty. Nevertheless, I only jotted down: “We experienced a lot of new things worth knowing, however, we are already thinking of the coming event – our youth initiation ceremony, the most important ceremony of our lives.”
I closed the little green book, all the others looked at me and their sleepy eyes told me that they felt hungry and had heard enough for now from the East German dome. Mission accomplished, I thought to myself.
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Half a year later at one weekend Sylvie and I didn’t know what to do, and thus finally decided to go to this odd GDR museum in Mitte. Having chilly and damp Berlin crappy weather a huge queue of tourists waited in front of the entrance to the past. I multiplied the crowd with the entrance fee of 5.50 € and suddenly had a great idea. I would open an event agency! My customers from West Germany, Europe, even from the whole world would have to pay 200 € for my guided tour. At the beginning the tourists would solemnly join the Free German Youth at the assembly hall of the Polytechnical Secondary School named Käthe Duncker, of course receiving a blue shirt and the badge. By Trabi we would pass Leninplatz and continue to reach Teddy Thälmann and his massive head monument. After a short ceremony there and a quick side-trip to the sports traditional room of ‘Dynamo’ at the Jahn sports park we would join a socialist show trial at the court before we finally go to have lunch at Centrum Warenhaus our shopping centre at East station. We would have been served Goldbroiler – which is East German for chicken – and a filling side dish – preferably chips and Leipzig mixed vegetables – East German for peas and carrots, for vegetarians they would serve potatoes with lecsó. After an amazing guided tour through the nationally owned company for the production of light bulbs called NARVA – nowadays there are many West German advertising agencies working in this heritage-protected traditional building – the three highlights of the tour would come up. In the House of the East German – Soviet Friendship we could meet young Soviet Komsomole members and while visiting the People’s Police museum the majors decorated with huge shoulder straps. At the East German border troops my troops would be allowed to go up the watchtowers and to lead the shepherds through the barbed wire areas. At the end of my tour every participant who would like to retain the lent Free German Youth blue shirt as a golden keepsake only has to pay 50 €. The fully completed and stamped badge would be included.
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Suddenly I was torn out of my daydream because Sylvie pulled my shirt asking me whether I would really like to wait longer in front of this damned GDR museum. I shook my head and looked at the last standing concrete piers of the nearly finally dismantled Palace of the Republic. I sensed that I absolutely do not want to travel into the past, since there is only one place left of our former Free German Youth lessons that has not changed in any way. In this grove in Treptow one can still watch the stars and while observing them through the telescope one notices: everything remained the same, only that we have changed.
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Rezi zu “Mauergewinner” aus Warschau/Polen

18. Dezember 2011 | von | Kategorie: Blog, Mauergewinner Leseproben

Alex
In diesem Buch geht es um die Erlebnisse eines jungen DDR-Bürgers, der den Mauerfall mit 18 erlebte und jetzt, 20 Jahre danach, über seine Kindheit und Jugend und die späteren Veränderungen in seinem Leben nachdenkt. Dies tut er in kurzen, spannenden, temporeichen und witzig geschriebenen Geschichten, die einem nicht nur den Alltag von „ganz normalen“ Ostberliner Bürgern, sondern auch die damaligen politischen Hintergründe und deren Auswirkungen auf das (Nicht-)Funktionieren in der damaligen von Volkspolizisten und Stasi-Leuten kontrollierten Gesellschaft auf lebendige Art und Weise näherbringen.
„Mark Scheppert war Landschaftsgärtner, Möbelträger, Sachbearbeiter, Forstmitarbeiter, Erntehelfer, Vertreter, Partyveranstalter, Fahrrad-Kodierer, Handlungsreisender, Lagerverwalter, Postbearbeiter, Anzeigenverkäufer und Küchenhilfe. Und all das fand er wirklich kein bisschen aufregend. Deshalb begann er 2008, nebenher ein paar Zeilen zu schreiben.“ (aus seiner Biographie, Umschlagtext). Sein Blick auf das verschwundene Land DDR ist ihm wirklich gelungen, in zweierlei Hinsicht: erstens erhält der Leser einen ehrlichen Einblick in die damaligen Lebensverhältnisse von Ostberlin – und auch das, was Jugendliche wie der Autor selbst darüber dachten und wie sie als junge Idealisten etwas verändern wollten – und zweitens tut er das in einem lockeren, jugendlichen, umgangssprachlichen Stil, der auch sprachliche Realitäten der Ostberliner zu offenbaren imstande ist.

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Die DDR hatte Ideale, die sie der ganzen Bevölkerung, insbesondere aber der Jugend einzubläuen versuchte, z.B. der Sport: „Bei den Schul-Spartakiaden gewann ich meine ersten Medaillen (…) Diese Methode, auch die schwächsten und ungelenkigsten Kinder zu motivieren, sorgte dafür, dass ein ganzes Land gerne so gewesen wäre wie seine ehrgeizigen, erfolgshungrigen Spitzenathleten, die der ganzen Welt die Überlegenheit unseres sozialistischen Systems beweisen sollten (S. 87). Fahnenappell, Aufmarsch in der Karl-Marx-Allee, Einführung in die sozialistische Produktion, Jugendweihe, Diebestouren in der „großen Klauhalle“ am Leninplatz (da es keine Kaufhallendetektive gab), Ferien in Prerow auf der Darßer Halbinsel (inklusive Meeresrauschen und Lagerfeuer), vormilitärisches Trainingscamp, Altstoffsammeln der jungen Pioniere waren Teilrealitäten des Lebens, mit dem sich Ossis begnügen mussten.
Der Traum vom Westen, von westlichen Produkten (nur im „Intershop“) oder der Wunsch nach einer Bekanntschaft mit Ausländern schlummerte in vielen: “Zwischen Kindergarten und Abi traf ich jedoch meinen wichtigsten Ausländer: Dejan. Der Diplomatensohn aus Sarajewo war ein Geschenk des Himmels. Er saß ab der 5. Klasse neben mir und wurde mein wichtigster Freund. (…) Erst als er plötzlich (…) aus meinem Leben verschwand, kapierte ich, was mit ihm so alles möglich gewesen wäre: Er hätte mich mal im Kofferraum in den Westen schmuggeln können – und zurück!“ (S. 57). Auch die Versuche, an Westgeld zu kommen, waren meist schon von vornherein zum Scheitern verurteilt. Er versuchte es mit einem Freund als Liftboy in einem Hotel, ohne jedoch jemanden vorher um Erlaubnis zu fragen, ob sie arbeiten dürften. „Polnische Zloty, Russische Rubel und Tschechische Heller flossen in unsere Taschen. Zigaretten wurden uns zugesteckt (…). Doch niemand schmiss uns raus. Die Leute am Empfang (…) schienen uns nicht einmal zu bemerken. Nach zwei Tagen wussten wir auch warum und hatten die Schnauze voll – nicht eine einzige DM landete in unseren Händen. Ich sah enttäuscht auf das osteuropäische Geld und schwor mir, nie wieder betteln zu gehen!“ (S. 153)

FDJ

In der sozialistischen DDR hielt man gewisse Rituale, um die Bevölkerung fühlen zu lassen, dass sie zu manchen Zeiten etwas Besonderes erwarten kann, aber auch, um die Indoktrination immer wieder voranzutreiben. So z.B. bei der Jugendweihe (Weihe – ein sonst nur im religiösen Bereich verwendeter Begriff – man bemerkt hier schon den Anspruch der sozialistischen Weltordnung als Religionsersatz): „Die Feierstunde mit Eltern und Verwandten verlief nach dem gewohnten Muster. (…) Danach rezitierte unser GOL-Schulsekretär Hannes Jungblut die Gedichte ’Für den Frieden der Welt’ (…). Die Festansprache selbst hielt Prof. Dr. Heinz Schmidt, Oberst der Volkspolizei. (…) Endlich bekamen wir die Urkunden, das Geschenkbuch ‘Vom Sinn unseres Lebens’ und unseren Blumenstrauß. Dabei legten wir auch das Gelöbnis ab.“ (S. 166f).
Der Verfasser beschreibt in vielen Einzelheiten, die sich insgesamt wie Mosaiksteinchen zu einem zusammenhängenden Bild fügen lassen, sein Leben, und zwar in dem Land, in dem sich ab 1989 so viel ändern sollte. Er resümiert über diese Zeit: „Zeitgleich mit dem Fall der Mauer haben sich alle diese Dinge komplett verändert. Von einem Tag auf den anderen gab es keine ‘Bückware’ [unter dem Ladentisch verkaufte Ware, Anm. R. U.] mehr. Was das gesamtdeutsche Herz begehrte, stand plötzlich in den Warenhäusern und Supermärkten und später auch günstig und gebraucht im Internet. Auch riesengroße, preiswerte Farbfernseher. (…) Eine Sache finde ich außerdem bemerkenswert. Unmittelbar nach der Wiedervereinigung haben sich ein paar Dinge im Kopf der Menschen verschoben und teilweise sogar grundlegend geändert. Für den gemeinen Ostberliner, aber auch für den Ursprungs-Sachsen, gebürtigen Erfurter oder Schweriner gibt es einen völlig neuen Gegner: den Wessi. Kein Unterschied, ob Kölner, Bayer oder Schwabe – der Westdeutsche ist der große Feind. Punkt.“ (S. 197).

Tierpark7

Dies ist ein spannendes Buch eines normalen Ossi, der keine besonderen Privilegien genossen hatte, der oft unter dem Staat und seinen eigentümlichen Kontrollorganen gelitten hatte und der seit seiner Geburt im gleichen Stadtteil wohnt – nur sein Land und das politische bzw. wirtschaftliche System haben sich geändert: „Der Westen eröffnete mir eine prall gefüllte Wundertüte. Ich konnte die Welt sehen. Ich machte eine einjährige Weltreise (…) Ich bin ein Ossi auf Tour.“ (S. 206). Ein Buch zum Nachdenken, aber auch zum Schmunzeln, denn: Mark Scheppert erzählt direkt und (es klingt) spontan, er verschweigt nichts, auch wenn´s unangenehm wird, er gibt uns (s)einen persönlichen Blick auf den Alltag in der DDR, als ein Jugendlicher, als junger Erwachsener. Und dies macht er mit viel Witz, mit Situationskomik, auf eine Weise, die sicher jeder als unterhaltsam anerkennen muss. Ein äußerst gelungenes Buch, das jeder Ossi und jeder Wessi einmal gelesen haben muss – der Ossi als fruchtbare Reflexion seines eigenen Lebens und der Wessi, um seinen engen, rein westlich-kapitalistisch gefärbten (Erlebnis-)Horizont endlich einmal zu erweitern.

Dr. Reinhold Utri, veröffentlicht im Arbeitsbereich Linguistik Warschau/Polen

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