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Kubanische Apfelsinen – Jugend in der DDR

1. Dezember 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Mauergewinner Leseproben

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An einem Freitag türmen sich knapp 20 Zentimeter Schnee auf dem Fensterbrett und in der Hofpause liefern wir uns eine heroische Schneeball-Schlacht mit den Vollidioten aus der Rosa Luxemburg. Schon auf dem Heimweg wissen wir, dass uns ein 1A-Wochenende bevorsteht. Mit Benny wuchte ich den Schlitten vom obersten Regal und auch die verrosteten Gleiter finden wir auf Anhieb. Am nächsten Tag sind wir startklar für den winterlichen Friedrichhain. Ich trage meinen gelben Anorak, die grünblaue Bommelmütze, schwarz-rot-gestreifte Hosen und schwarze Stiefel. Wie all meine Freunde bin ich nun ein bunter Farbtupfer, der sich holprig auf Gleitern oder Kufen die schneebedeckten Hügel hinunterstürzt.
In der 6. Klasse hatten wir einmal zeichnen müssen, wie wir uns die Zukunft im Jahr 2000 vorstellen. Mein Bild zeigte die „Todesbahn“ des Volksparks, deren Gipfel man mit einer tollen Seilbahn erreichen konnte. Eine Skisprungschanze gab es auch. Überall rodelten, segelten oder trollten sich bunt gekleidete Kinder und Erwachsene. Fiktion und Wirklichkeit.
Der richtige Winter kehrt erst pünktlich zum Fest zurück. Kurz nach 16 Uhr taucht Vater am Weihnachtstag endlich auf. Er ist leicht hinüber und hat – wie immer in allerletzter Sekunde – die wahrscheinlich allerletzte Kiefer ergattert. Die Kiste Bier, Weinbrand, Sekt und Eierlikör besorgte er während der Arbeitszeit. Unser Essen hingegen musste Mutter an verschiedenen Tagen in Dederon-Beuteln und Netzen vom Fleischer oder aus der Koofi anschleppen.

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Während der Alte auf dem Flur vor den Fahrstühlen beschwipst versucht, den Stamm des fast nadelfreien Gehölzes mittels Säge passgenau für den Christbaum-Ständer anzuspitzen, bohrt Nachbar „Bohne” Voss pedantisch kleine Löcher in den Stamm seines ersten (!) Baumes, um danach die schönsten Zweige des zweiten dort mittels DUOSAN Rapid hineinzukleben. Unser Obermieter kreiert eine fantastische Tanne währenddessen wir die schrecklichste Krüppelkiefer Berlins – angelehnt an die Schrankwand, damit das Ding nicht umfällt – im Wohnzimmer zu stehen haben. Auch das schlampig auf die Zweige verteilte Lametta und die roten Glaskugeln können da keine Verbesserung mehr bewirken. Lediglich der Schwippbogen, die hölzerne Pyramide, der Nussknacker, das Räuchermännchen und etliche handgeschnitzten Rehe aus dem Erzgebirge – Zeugs von Tante Irmgard von vor dem Krieg – vermitteln eine gewisse weihnachtliche Stimmung in unseren vier Neubauwänden. Bennys verkorkste Scherenschnitte dürfen nur im Kinderzimmer-Fenster aufgehängt werden. Zu guter Letzt funktioniert die 16er-NARVA-Lichterkette nicht, sodass Vater eine 10er von Pfirsichnase Voss borgen muss und er (der Träger des goldenen Weinbrand-Abzeichens) dadurch bereits am 24. ein Pulle in den Sand setzt. „Nächstes Jahr bügeln wir unser Lametta auch mal“, lallt er hackedicht, als wir Kartoffelsalat mit Würsten, Buletten und hauchfein geschnittene ungarische Salami aus dem Delikat in uns hineinschaufeln. Danach dürfen wir vom – in Eierlikör schwimmenden – Obstsalat naschen. Auf dem Plattenteller laufen Weihnachtslieder aus dem Erzgebirge, die Mutter immer so gerne hört und welche, aus purem Zynismus, mittlerweile schon einen gewissen Kultcharakter bei den Schepperts haben. Alle singen mit!
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Bescherung ist erst am 25., was uns das heilige Fest – bei bescheuertem TV-Programm endgültig verleidet. Erstes, Zweites, Drittes, DDR1, DDR2 und wieder zurück. Immer wenn jemand beim Umschalten am Fernseher den Weihnachtsbaum mit dem Pulli streift, stellt sich das elektrisch geladene Lametta schlagartig auf. Ich verkrümele mich mit Benny ins Kinderzimmer, wo wir Kassetten hören, da sogar im Westradio fast nur dieser Weihnachtsmist läuft. Ich wäre jetzt lieber mit den Jungs unterwegs, doch auch die müssen das Fest in trauter Familienidylle oder im „Christ-Stollen“ (Kirche) ertragen. Frohe Weihnachten!
Silvester Kinder früher
Frühstück ist um 9 Uhr und es nervt, dass wir mit Mutter „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ und danach „Zwischen Frühstück und Gänsebraten“ mit dem zwanghaft komisch sein wollenden Heinz Quermann schauen müssen, während Vater sich beim Frühshoppen im Scheppert-Eck gehörig einen einhilft. Genau als Hauff-Henkler ihren fürchterlichen Weihnachts-Reigen beendet haben, klingelt es an der Tür. Freudestrahlend drückt uns die Lieblingsoma aus Halle je ein Paket in die Hand, doch Mutter brüllt aus der Küche: „Bescherung ist erst am Nachmittag!“ Ömchen lächelt schulterzuckend während wir an den Wohnzimmertisch getrieben werden. Eine Schüssel mit Rotkraut, grüne Klöße und eine Gans aus dem sozialistischen Bruderland Ungarn, die Mutti als Bückware ergattert hatte, wechseln in der Durchreiche den Besitzer.

Noch bevor Oma ein Stück der Gans angeschnitten hat, lobt sie das Essen über den grünen Klee. Vater zwinkert mir zu und Mutter meckert: „Nun koste doch erstmal!“ Mein Brüderchen bekommt eine Keule und strahlt. Im Gegensatz zu mir (Brust) schaufelt er sofort das gute Fleisch in sich hinein als gäbe es kein Morgen und schaut dann bedrückt zu mir hinüber, weil jetzt nur noch die ollen Sättigungsbeilagen auf seinem Teller liegen.
Klaus Essen
Nach dem Eierlikör-Obstsalat verschwindet Vater zum Mittagschlaf, Mutter macht den Abwasch und Oma darf auf der Couch lümmeln. Dort kreist nun „Weihnachten in Familie“ von Frank Schöbel auf dem Plattenteller. Wir werden demnach nicht für eine Stunde ins Kinderzimmer verbannt, sondern verschwinden freiwillig dorthin.
Plötzlich hämmert jemand an die Tür und kreischt: „Der Weihnachtsmann war da!“ Wenigstens ersparen sie uns den peinlichen Auftritt des angesoffenen Bohne Voss als rot-weiß-gekleideten Geschenke-Überreicher mit dem Bettbezug-Sack von Rewatex. Benny nuschelt eilig ein Gedicht, bevor er sich auf den „Gabentisch“ stürzt.
Meine Eltern (also mit Sicherheit nur Mutter) hatten wie immer dafür gesorgt, dass es „nach viel“ aussieht. Schlüpfer, Socken, Nickis aus der Jugendmode, Autobahn-Rennteile (gewünscht), Schokolade sowie grün-gelbe kubanische Apfelsinen und ein paar mehr Haselnüsse als für Aschenbrödel gibt es in diesem Jahr. Benny bekommt einen Chemiebaukasten, ein Puzzle vom Palast der Republik und ich einen Aktenkoffer. Mein Bruder reißt sofort das relativ schmal wirkende „Westpaket“ von Oma Halle auf. Und tatsächlich: die Matchbox-Autos, die MAOAM-5er-Stange, die BASF-Kassetten, das Ü-Ei und vor allem der 20iger Forumscheck sind nicht nur in seinen Augen wertvoller als alle anderen Präsente zusammen. Ich sehe Benny schon vor mir, wie er in den nächsten Tagen im Intershop im Hotel Berolina herumschleicht und angestrengt überlegt, was er sich davon alles kaufen kann.
Intershop DDR
Mein Vater lächelt derweil süß-sauer, da er von Mutter – wie immer – eine blaue Krawatte und ein braunes Hemd geschenkt bekommen hat und von Oma „Tabac Original“. Von mir gibt es Rasierwasser von „Privileg“, doch Benny schießt wie immer den Vogel ab, denn er überreicht ihm stolz ein Stullenbrett, wo mit krakeligen Schrift mittels Lötkolben das Wort „Prost“ hineingebrannt ist. Noch besser ist sein Geschenk für Mutter. Im Werkunterricht hatte er einen Untersetzer an den Rändern mit Makkaroni beklebt, das Ganze fett mit Goldfarbe bestrichen und in der Mitte klebt ein Schwarz-Weiß-Bild von ihm mit Pionierhalstuch! Mutti bekommt vom Vati „Tosca“ und von mir ein Deo „Atoll“ und eine Packung Halloren-Kugeln. Aber auch Oma geht nicht leer aus: sie ergattert das Parfüm „Schwarzer Samt“, eine Seife von „8×4“ und auch ein paar dieser schier ungenießbaren Apfelsinen. Von mir gibt es lila Pantoffeln und Benny hat einen Notizbrett gebastelt mit dem Slogan: „Hattu Kopf wie Sieb, muttu aufschreiben“. 16 Uhr ist der, wenngleich sehr lustige, Spuk vorbei.
Opa Hans klingelt. Mutti rennt los, um Bohnenkaffee zum „Kalten Hund“ aufzusetzen. Sie kann ihn und seine neue junge Frau nicht ausstehen. Die zwei „angeheirateten“ Mädchen gehen uns nun drei Stunden tierisch auf den Keks, wenngleich wir sie im Kinderzimmer so lange quälen, bis sie heulend zur Mami rennen. Tante Jana (Opas neue Olle) kommt ins Kinderzimmer und wackelt aufgeregt mit ihren üppigen Brüsten vor meinem glühenden Gesicht herum. Ich genieße ich den Auftritt in vollen Zügen. Vater erträgt währenddessen die staatstragenden Monologe meines Opas mit seligem Lächeln; sicherlich auch, weil er sich mit ihm ein Bier (und mitgebrachten „Napoleon“) nach dem anderen hinter die Binde kippen kann, ohne „Mecker“ von Mutter dafür zu beziehen. Zum Glück kommt die Verwandtschaft aus Zwickau diesmal nicht. Die wurde vorsorglich mit Paketen aus dem Hauptstadt-Delikat abgespeist. Um 20 Uhr machen endlich alle die Fliege!
leninplatz

Eine Stunde später beschließe ich, dann doch noch mal nach meinen Jungs zu schauen. Am Rosengarten begegne ich ein paar Kunden aus der Rosa, die mich glücklicherweise nicht einseifen und auch am Leninplatz lungert bei eisiger Kälte niemand herum. Lenin hat einen langen Schneebart und sieht ein bisschen wie der Weihnachtsmann aus. Auf dem Rückweg, als ich es fast schon aufgeben will, sehe ich Torte, Tessi, Bergi und Bommel an der Seitenwand eines 10-Stöckers stehen. Nach großem „Hallöchen, Popöchen“ erfahre ich, dass sie gerade diskutieren, wessen Schneeball höher über das Dach der Hauswand geflogen ist. Ich staune, denn als ich es versuche, komme ich gerade mal bis auf Höhe des 7. Stocks (wobei ich auch im Schlagball-Weitwurf eher eine Niete bin). Tessi und Bergi hatten es bis über das Dach geschafft. Ich soll nun als entscheiden, welcher Wurf der höchste ist. Bei leichtem Schneefall kann ich das auch nicht einschätzen, doch ich habe eine Idee: in Windeseile fahre ich in die Wohnung und hole sechs dieser gummiartigen kubanischen Kugeln. Das müsste funktionieren.
Gerade als ich meine Entscheidung bekannt geben will, kommt Bommel aufgeregt angerannt. „Scheiße, der Hobinek liegt da vorne und blutet wie ein Schwein!“ Eine Apfelsine muss wohl so hoch über das Haus geflogen sein, dass sie seitlich herunter geschossen und unserem KWV-Hausmeister – dem größten Anscheißer der Gegend – auf den Kopf gefallen war. Wir rennen ums Eck und sehen den Kerl tatsächlich in einer weinroten Lache im Schnee liegen. „Leute! Wir behaupten einfach, dass ihm ein Teil aus dem Weltall auf die Omme gekracht ist“, ruft Bergi. Bommel bekommt einen Lachkrampf und steckt uns alle damit an. „Da ist bestimmt eine Apfelsine aus ‘nem kubanischen Raumschiff geplumpst“, ruft Bergi. „Ja ‘ne Fidel-Granate!“, ergänzt Torte. Bommel kullern Tränen über die Wangen.
Rauchen
Nur Tessi kann nicht lachen, weil er vermutet, der Werfer gewesen zu sein und brüllt: „Hobinek, du Idiot, wach auf!“ Bergi dreht ihn um und gibt ihm eine Backpfeife. Wir sehen nun, dass er zwar fürchterlich aus der Nase blutet aber gar keine Kopfwunde hat. Die gefürchtete Kuba-Apfelsine war anscheinend wie ein Flummi von seiner Schapka abgeprallt. Doch durch die enorme Wucht muss er nach vorn auf die Fresse gefallen sein. Die unzerstörbare Ost-Südfrucht liegt drei Meter vor ihm im Schnee. Langsam öffnen sich die verengten Augen und starren uns fragend an. Plötzlich murmelt der Patient: „Danke Jungs! Muss wohl der Wodka gewesen sein. Ohne euch wäre ich im Sommer erfroren.“
Wir staunen nicht schlecht. Einer meiner Freunde wäre mit der Aktion fast im Jugendwerkhof gelandet und nun sind wir die großen Helden? Und was heißt hier eigentlich Sommer? Es liegt Schnee! Ist der Typ jetzt völlig weich in der Birne? Doch alle wollen es sofort dabei belassen. Wir lösen uns blitzschnell auf und verbringen die letzten Stunden des ersten Feiertages in sicherer Weihnachts-Glückseligkeit.
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Zum Weiterlesen empfiehlt sich: Berlin Leninplatz – Neue DDR-Sättigungsbeilagen
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Vergänglichkeit – Jugend in der DDR

9. Juni 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Berlin Leninplatz, Blog

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Am 6. Oktober 1989 werden wir morgens zum Fahnenappell einbestellt und von Direktor Seibt darüber unterrichtet, dass wir sogleich geordnet, diszipliniert und mit Wink-Elementen ausgestattet zur Protokollstrecke an die Frankfurter Allee gehen werden. Michael Gorbatschow würde in wenigen Augenblicken zu den Feierlichkeiten rund um den 40igsten Jahrestag der Republik eintreffen.
Gorbi ist natürlich in aller Munde. Was in der Sowjetunion gerade in Sachen Öffnung und Reformen geschieht, die Nachrichten erreichen uns seit Monaten ausschließlich aus dem Westfernsehen, ist fast schon zu unglaublich, um wahr zu sein. Die Bedeutung seiner Ankunft in der DDR ist all meinen Freunden sofort klar: wir haben drei Stunden schulfrei und können uns in kleinen Gruppen ohne Gesänge in die „Broilerbar“ zum gemeinsamen Frühshoppen absetzen!
Mit Ottmar, Roman, Ecki, Koffer, Bernd und Matze ist die Trinkerjugend der Friedrich-Engels-EOS bald vollzählig angetreten. Kein Lehrer wird uns im dichten Gedränge am Straßenrand der großen Allee vermissen und schon gar nicht hier auftauchen. Im hiesigen Radio läuft „Alles hat ein Ende nur die Wurst hat zwei“ von Stefan Remmler.
Nach dem dritten Halben schwillt der Geräuschpegel vor der Tür merklich an. Okay, den sympathisch wirkenden Mann mit dem Muttermal auf der Glatze würde ich auch gerne mal aus der Nähe sehen, aber letztendlich sitze ich lieber inmitten feixender Jungs und erfreue mich des Lebens. Irgendwann ertönt von draußen aus tausenden Kehlen: „Gorbi, Gorbi, Gorbi!“ Als wir uns endlich entschließen hinaus zu spurten, ist der Konvoi schwarzer Wagen aber schon auf Höhe des Frankfurter Tors. „Das soll mir nie wieder passieren. Heute Abend gehe ich zum Fackelzug“, grölt Matze. Alle wissen: er ist hacke und blödelt nur herum.

Unsere Mitschüler haben sich bereits in Richtung Schule verduftet, doch als Ottmar und ich den Unterrichtsraum betreten, sind wir dort mutterseelenallein. Auf dem Lehrertisch liegt das Klassenbuch: unbeaufsichtigt! Nun gibt es eigentlich nur eine Möglichkeit. Wir, die ausgemachten Fälschungsexperten, schreiben in Fächern, in denen wir auf der Kippe stehen, ein paar Noten hinein, die das Problem vorerst beheben. Doch was macht mein bester, angetrunkener Freund? Er rennt zum Tisch und wirft das Buch im Überschwang – völlig unmotiviert – in Richtung Wand oberhalb der Tafel. Und dann geschieht das Unglück: der Zensuren-Spiegel fällt nicht zurück auf den Boden oder bleibt auf der Ablage der Schiefertafel liegen, sondern rutscht in eine schmale Lücke zwischen Wand und Tafel. Schnell bemerken wir, dass dieser Spalt ein Hohlraum ist. An das gute Stück kommen wir weder von unten noch von der Seite heran. Also schieben wir den Lehrertisch vor, Ottmar klettert hinauf und versucht mit seinen dünnen Ärmchen, an das Klassenbuch zu gelangen. „Was macht ihr denn da?“, brüllt plötzlich jemand an der Tür. Unser durchgeknallter Hausmeister Ulf befiehlt, den Tisch sofort wieder an die vorgesehene Stelle zu rücken. „Der steht ja falsch herum!“, meckert er. Der Tisch steht eigentlich richtig, doch wir drehen ihn einmal komplett, damit der Spinner verschwindet. Dann ruft schon wieder einer aus dem Hinterhalt: „Wo ist das Buch, Mark?“ „Blumberg, du Arschloch“ zische ich. „Hast du mich erschreckt!“. André Blumberg ist der Klassenbuch-Beauftragte und eigentlich ganz okay, auch weil er nicht zu den Spackos gehört, die sich 25 Jahre für die NVA verpflichtet haben. Ottmar klärt ihn auf und wir versprechen, das Ding nach der Stunde heraus zu fummeln. Auch für uns wäre ein Verschwinden katastrophal, da wir bereits einige Noten manipuliert hatten und bei einer möglichen Neubewertung unserer Leistungen sicher viel schlechter eingestuft werden würden.

Alsbald trudelt der Rest der Klasse ein, bevor auch die alte Kamerat ihren Auftritt hat. Unsere Geschichtslehrerin ist eine Hundertprozentige, die vor dem Unterricht noch immer alle aufstehen lässt und „Für Frieden und Sozialismus, seid bereit!“ krächzt. Ottmar und ich murmeln: „Immer breit“, wobei wir heute wirklich mal einen im Turm haben. Die Lehrerin will sich setzen – und knallt mit den Knien scheppernd gegen die bis zum Boden reichende Rückwand des Schreibfachs. „Auuuua“, jault sie. Ottmar flüstert: „Der steht ja falsch herum“, während Ronny und Mirco eilig den Lehrertisch wieder so drehen, dass die Kamerat ihre lädierten Beine darunter ausstrecken kann. Blumberg glotzt uns fragend an. Wir lachen innerlich bis die Augen tränen.
Sie ist so neben der Spur, dass sie sogar den Anwesenheits-Eintrag im Buch vergisst und sofort zur Tagesordnung übergeht. Diese besteht seit einigen Wochen darin, uns auf den 40. Jahrestag der DDR einzustimmen, ohne dabei ein einziges Mal die Worte Perestroika und Glasnost zu erwähnen, welche tagtäglich aus dem West-TV auf uns niederprasseln. Stattdessen hat sie Honeckers Losung „Vorwärts immer – rückwärts nimmer“ verinnerlicht und hält langatmige Reden über die Unvergänglichkeit unserer sozialistischen Republik. „Die DDR wird nicht nur 40 Jahre existieren. Nein, sie wird ewig währen“, geifert sie. „Ja, wie das tausendjährige Reich“, nuschelt Claudia und weckt Ottmar und mich damit aus dem Wachkoma. Am Ende der Stunde erklärt sie, wo sich die Leute der Schule zum Fackelzug am Abend treffen, so als ob das alle beträfe. Nachdem sich der Raum geleert hat, reißen wir an der Tafel die seitliche Verkleidung ab, holen das stark eingestaubte Klassenbuch heraus und drücken die Holzlatte provisorisch wieder dran. Blumberg schüttelt bei der Übergabe zwar mit dem Kopf, hält aber sicher die Fresse. So viel steht fest.
Als ich in die Raucherecke komme, steht dort Nadja Mustar. Wir sind allein. Es war in der 7. Klasse als ich mich an der POS das erste Mal in sie verliebte. Auch dort ging sie in die Parallelklasse, sodass ich die schwarzhaarige Traumfrau nur während der Hofpausen und beim Englisch sah und mit klopfendem Herzen beobachten konnte. Sie war das mit Abstand schönste Mädchen der Schule und jetzt, vier Jahre später, das erotischste Wesen weit und breit.
Dummerweise bin ich Lichtjahre davon entfernt, auch nur die geringste Chance bei ihr zu haben. Damals in der „Käte Duncker“ hatte ich versucht, über ihre Freundin Simone Jungblut an sie heranzukommen. Doch der gängige Trick erwies sich als Eigentor, da ich irgendwann eine heulende Simone entsorgen musste und Nadja deswegen bis zur EOS nie wieder ein Wort mit mir sprach.

Während Nadja sich ausschließlich mit Westklamotten einzukleiden pflegt, sehe ich, obwohl ich längst keine Wisent- und Boxerjeans mehr trage, noch immer wie ein grauer Ostschlumpf auf. Fast erwarte ich, dass sie mich mit den Worten „Alles was ich an dir mag, sind deine Turnschuh zu fünf Mark“ begrüßt. Sie fragt jedoch: „Mark, gehst du mit zum Fackelzug?“ Ich mache mit dem Finger das „Schrauben-Locker“-Zeichen, besinne mich aber und antworte: „Gehst du denn?“ „Ja. Irgendwie ist diese Zeit doch etwas ganz Besonderes. Außerdem will ich Gorbi noch einmal sehen. Aus meiner Klasse gehen aber nur Idioten hin. Vielleicht willst du mich ja begleiten?“ Die Frage trifft mich wie eine 50-Kilo-Faust in den Magen. Ich kann nicht – die Jungs würden mich killen. „Okay“, flüstere ich. „Wo soll ich dich abholen?“
Letztendlich vereinbaren wir ein Treffen am Leninplatz. Sie wohnt dort, will aber nicht, dass ich sie zu Hause abhole, wodurch ich keinen Blick in ihr Zimmer – es soll dort aussehen wie im Intershop – erhaschen kann. Deckungssuchend im Schatten des Denkmals warte ich. Nadja scheint sich zu freuen. Sie hakt sich bei mir ein und wie ein glückliches Paar laufen wir zur Jannowitzbrücke, von wo wir mit der S-Bahn zur Friedrichstraße fahren.
Zum Fackelzug der FDJ wurden die 80.000 Besten, oder Staatstreuesten aus der gesamten Republik delegiert, wobei ich den Eindruck habe, dass wieder einmal die Vokohila-Fraktion aus Sachsen in der Überzahl ist. Alle tragen das blaue Hemd aus Polyestergemisch mit dem FDJ-Symbol über der aufgehenden Sonne auf dem linken Ärmel. Auch ich – allerdings locker aus der Hose hängend, mit hochgeklappten Kragen und großzügig aufgeknöpft, um etwas kuhler zu wirken. Während ich ein Nicki darunter trage, muss ich beim Blick in Nadjas Ausschnitt vor Erregung fast kotzen. Sie trägt nicht einmal einen BH und ihre Brüste werden beim Laufen fast vollständig freigelegt. Einmal mehr wird mir bewusst, dass ich freiwillig hier bin – nur für diese eine Nacht mit dieser Frau!

Stabilehrer Koschwitz ist auch erregt und brüllt: „Schön dich zu sehen, Jugendfreund Scheppert. Wir haben sogar noch eine Fackel übrig. Der Blumberg hat sich den Fuß umgeknickt“ Ich binde mir den Anorak, wie Nadja zuvor ihre Lewis-Jeansjacke, um die Hüften und trabe mit einer mittlerweile unüberschaubar großen Menge von Blauhemden in Richtung Brandenburger Tor. Dort müssen wir wenden und die Straße Unter den Linden in Richtung Palast weitermarschieren. Ein Sachsen-Paul, der mit riesiger FDJ-Fahne vom „VEB Pirnetta Pirna“ bewaffnet ist, ruft: „FDJ, SED, alles ist bei uns okay!“. Wahrscheinlich soll er damit die Dankbarkeit der Jugend zum Ausdruck bringen und ist sich der Zweideutigkeit seiner Worte gar nicht bewusst, denn bei „uns“ ist doch eigentlich immer (!) alles okay. Etliche Jugendliche brüllen mit und stimmen danach „Spaniens Himmel“ an. Die vielen Fackeln, der Lärm und das Tamtam der FDJler haben dennoch eine schaurig-schöne Ausstrahlung im grell erleuchteten Berlin, zumal Nadja weiter eingehakt an meiner Seite läuft und ihre Bluse in flammender Hitze noch weiter aufknöpft. Mein Herz!

Als wir auf Höhe der Ehrentribüne vor dem Palast der Republik angelangt sind, gibt diese zarte Frau plötzlich Urschreie von sich: „Gorbi, Gorbi, Gorbi“, kreischt sie und Hunderte, wenn nicht gar Tausende schließen sich an.

Besonders „Honni“ Honecker, Aurich und Ceausescu glotzen blöd aus der Wäsche, während der Angehimmelte würdevoll lächelnd in die Menge winkt. Vor uns sind „Perestroika“-Rufe zu hören und weiter hinten hält jemand ein Schild in die Höhe, auf dem einfach nur „Scheiße“ steht. Junge Männer in Kunstleder-Jacken versuchen sich zum Träger durchzukämpfen. Ich schaue gebannt in Nadjas errötetes Gesicht und flüstere: „Ist ja doch ganz spannend hier“ Sie lächelt. Man bin ich verknallt!
Auf Höhe des Alex löst sich der Pulk auf, da dort Container für die Fackeln und Busse für die Dörfler stehen. Ich will mit Nadja noch einkehren, doch sie überredet mich im Café am Leninplatz, zwei Flaschen Rotwein an der Bar zu kaufen und diese draußen zu süffeln. Der Wein ist so süß wie das Mädchen, welches mit dem Rücken an die glatte Granitwand des Lenin-Denkmals gelehnt neben mir sitzt. Auf einmal legt sie einen Arm um meine Schulter, zieht mich langsam zu sich heran und gibt mir den zärtlichsten Zungenkuss meines bisherigen Lebens. Ich möchte nie wieder aufstehen und in diesem Augenblick vor Glück sterben.

Am Donnerstag, den 11. Oktober treffe ich mich mit Ottmar und Roman im HDJT. Irgendwann kommen wir auf Nadja zu sprechen, woraufhin ich den Fackelzug rekapituliere. Doch Ottmar stutzt: „Davon hast du mir gar nichts erzählt! Dann bist du ja einer der wenigen, abgesehen von den MfS-Schweinen, die am 6. und am 7. Oktober mit dabei waren.“ „Habe ich auch noch nicht drüber nachgedacht“, sage ich.
Am 7.10. 89 war ich mit ihm, Matze und Bernd auf der Demo am Alex zusammen mit einer „Gorbi, hilf uns“ und „Wir sind das Volk“ skandierenden Menge von etwa 3.000 Leuten gewesen. Vor der Spree wurden wir von bewaffneten Organen jäh gestoppt.

An diesem Tag feierten die Oberen und ihre Staatsgäste im grell erleuchten Palast gerade den 40. Geburtstag der DDR, während die Untergebenen aufbegehrten.
„Vielleicht haben die Idioten vor drei Tagen ja den letzten Jahrestag der Republik gefeiert“, sagt Roman mit einem süffisanten Lächeln im Gesicht. „Dann können sie auch gleich den Palazzo Prozzo entsorgen“, stimmt Ottmar ein. „Aber bitte nicht das Lenindenkmal“, gebe ich meinen Senf dazu. Was an dem Abend nach dem Fackelzug geschehen ist, habe ich bisher wohlweislich verschwiegen. „Nichts ist unvergänglich“, protestiert Roman „Alles hat ein Ende. Selbst unsere Freundschaft wird irgendwann vorbei sein, spätestens wenn wir sterben.“ ‚Allerspätestens jedoch‘, denke ich ‚wenn diese schaurig-schöne Welt in Flammen untergeht‘.
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Zum Weiterlesen: “Berlin Leninplatz” von Mark Scheppert
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Onkel Wolfgang geht – Kindheit in der DDR

10. August 2014 | von | Kategorie: Blog, Mauergewinner Leseproben

HalleSeit heute gibt es eine neue (gekürzte) Story aus meinem Buch “Mauergewinner” bei Spiegel Online. Was in der Geschichte nicht gesagt wird: der Mauerfall hat uns alle wieder zusammengebracht. Nicht nur deshalb bleibt es nach wie vor der wichtigste Tag meines Lebens…
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…”Schon mit 14 mussten wir uns in der DDR auf einen Beruf festlegen. Mir war klar, dass diese Entscheidung mein gesamtes späteres Dasein bestimmen würde. Denn die Eltern lebten es vor: Schule – Beruf – Datsche – Rente – Gruft. In meiner Klasse sah ich nur ratlose Gesichter. Was konnten und wollten wir in diesem Land werden? Keine Ahnung. Die meisten nahmen mangels Alternativen die Stellenangebote des Staates an. Manche arbeiteten dann ihr ganzes Leben lang für die Nationale Volksarmee oder ein Ministerium.

Ich wollte jedoch selbst entscheiden, wohin die Reise ging. Der Traum, als Kosmonaut ins Weltall zu fliegen, zerschlug sich rasch, da ich bei jeder längeren Fahrt in unseren Trabi kotzte. Meine Lehrerin Frau Wagenbach gab mir den Rat, mich doch mal im Kreise der Familie nach Vorbildern umzuschauen.

Die Frauen kamen dabei nicht in Frage. Die sah ich immer nur schuften und den Haushalt schmeißen – das war ja kein Leben. Ich grenzte also unsere Familienmitglieder auf meinen Vater, Onkel Wolfgang und Opa Hans ein. Einem dieser drei wollte ich nacheifern…”

Zum Weiterlesen bei Spiegel Online
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Und hier geht es zum Mauergewinner-Buch
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DDR-Jugendweihe – Jugend in der DDR

10. April 2014 | von | Kategorie: Blog

Jugendweihe FamilieEs gibt ein Foto von mir und meinem Vater, der stolz auf mich herabschaut, während ich aus einem Halbliterglas genüsslich Bier trinke. Auf dem Bild bin ich drei Jahre alt. Meine Mutter, die in dem Moment nicht anwesend war, hätte das wohl nicht besonders witzig gefunden. Doch bereits einige Jahre später ließ sie uns zu jeder größeren Feier und am Silvesterabend “mal” am Eierlikör nippen. Ich erlebte eine typische DDR-Kindheit und kam sehr früh mit Alkohol in Berührung, auch wenn er mir lange Zeit überhaupt nicht schmeckte.

Als Didi im Herbst 1985 plötzlich mit einem riesigen West-Doppelkassettenrekorder erschien, avancierte er zum neuen Helden unserer Clique. Um diese Stellung noch zu untermauern, kaufte er tags darauf im Intershop 60 Dosen DAB – Westbier! Erstens gab es bei uns nur Flaschen und zweitens hatte noch keiner von uns jemals echtes Bier von “drüben” getrunken. Didi baute die Dosen auf unserer Tischtennisplatte geschickt zu einer riesigen Pyramide auf. So stellten wir uns den Westen vor. Sagenhafte Bierpyramiden, coole Typen und laute Musik aus monströsen Ghettoblastern.

An diesem Abend trank ich, nur weil es Westbier war, fünf Dosen DAB und reiherte die halbe Nacht aus meinem Kinderzimmerfenster im neunten Stock. Didi übergab sich wohl noch etwas länger, denn als seine Eltern bemerkten, dass er ihr heiliges Westgeld geklaut hatte, prügelten sie ihm nicht nur die Dosen und den Rekorder aus dem Leib.

Hier gehts zum Weiterlesen auf: Spiegel Online
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