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“Altstoff-Mafia” oder “Müll zu DDR-Mark” – Kindheit in der DDR

12. Mai 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

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Das konnte doch einfach nicht wahr sein! Seit Wochen, nein Monaten wachte ich nun jeden Sonntag gegen 9 Uhr auf, weil irgend so ein Arschloch sein Glas im Hinterhof in den Altglas-Tonnen zerdepperte. Wieder klirrte Glas, doch diesmal reichte es mir und ich sprang auf. Wutentbrannt öffnete ich das Fenster. Ich wollte gerade „Schnauze“ oder „Verpiss dich“ brüllen, als ich meinen Irrtum bemerkte: Es schmiss hier niemand seine leeren Pullen in die Container – es wühlte jemand angestrengt darin herum.

Das Zauberwort, mit dem man in der DDR Flaschen in Kleingeld verwandelte, hieß SERO. Sekundärrohstoffe wie Papier, Gläser, Flaschen, Schrott, Lumpen, Plaste und Elaste gaben die Menschen in den SERO-Sammelstellen ab und erhielten pro Stück oder Kilogramm einige Pfennige dafür. Es hieß, die zahnlosen Leute, die dort arbeiteten, kämen direkt aus dem Knast in Rummelsburg zur Wiedereingliederung zu diesem grauenvollen Job.

In dem alten ausrangierten LKW-Anhänger direkt an der Büschingstraße stank es stets muffig und nach Alkohol. Der Planwagen mit dem SERO-Logo war irgendwann einmal wie ein Fremdkörper zwischen all den zehngeschossigen Hochhäusern mitten auf dem Gehweg abgestellt worden. Unser Mann, Herr Lepro, konnte tatsächlich aus einem Bildband über noch lebende Kinderschänder, Mörder oder Vergewaltiger entsprungen sein. Unrasiert, die Haare klebrig über die Stirn gekämmt und stets übellaunig saß der tätowierte Hüne auf den Stufen der rostigen Treppe, die zu seinem Bauwagen hinaufführten und blickte uns böse an. Er hatte gewisse Ähnlichkeit mit dem Riesen aus der beliebten Kinderserie „Spuk unterm Riesenrad“. Dort stellten sich aber Hexe, Zwerg und auch der Riese schnell als liebenswerte Zeitgenossen heraus. Bei Herrn Lepro war dies nicht der Fall. Der Alkoholgestank im Inneren seines Wagens ging nicht nur von den Hunderten leerer Schnapsflaschen, sondern wohl auch von seinen Atemwegen aus. Seine sozialistische Aufgabe war es, Altstoffe von braven Bürgern gegen Geld anzunehmen und sie in die volkseigene Produktion zurückzuführen.
Vorher war unsere Altstoff-Annahme „jwd“, also „janz weit draußen“ gewesen, und als der Wagen über Nacht plötzlich an dieser Stelle aufgebaut worden war, freuten sich Benny und ich.

Schließlich mussten wir immer Vaters Schnaps- und die bulgarischen Rotweinpullen unserer Mami entsorgen. Mein kleiner Bruder ging jedoch nur wenige Male zum Altstoff-Mann. Klar sah der Typ finster, gemein und hinterhältig aus, aber dass Benny gar nicht mehr einschlafen konnte und Alpträume bekam, wenn er an den Lepro dachte, fand ich ein bisschen übertrieben von dem Kleinen. Na gut: ich hatte Schiss vorm Wäschemann.

Mit seinen dicken Oberarmen stapelte Lepro Papier, Pappe, Schrott und Lumpen bis unters Dach und ließ Flaschen und Gläser in riesige Kisten verschwinden. Da ich nie mitbekam, wann der Wagen geleert wurde, stellte ich mir immer vor, wie Herr Lepro, unser Monster, des Nachts mit riesigen Rucksäcken voller Altstoffe durch Berlin zum zentralen SERO-Hof stiefelte, um sie dort brüllend bei anderen tätowierten Monstern abzuliefern.

Natürlich mussten Altstoffe auch regelmäßig für die Schule gesammelt werden, um die erzielten Erlöse diversen Kindern in Angola, Vietnam und Nicaragua zu schicken. Papier, Schrott und Schnapsflaschen für den Frieden konnten montags ab 7.30 Uhr im Altstoffkeller der Schule abgegeben werden und wurden von den verantwortlichen Schülern in Listen eingetragen – 100 Soli-Punkte brauchte jeder Schüler im Jahr. Wir staunten nicht schlecht, als wir mit einer einzigen großen Fuhre Altpappe, die wir von Bommels Bibliothekars-Mutter geschenkt bekommen hatten, unseren Pionierauftrag des Jahres 1981 übererfüllt hatten. Ab jetzt konnten wir die Sachen also komplett in eigenes Taschengeld umwandeln und schleppten die nächsten Pappen zum Altstoffhändler. Mürrisch drückte uns Herr Lepro zehn Mark in die Kinderhände – jedem! So entstand ein ziemlich ungewöhnliches Hobby für einen Elfjährigen: Altstoffsammeln! Jeder Betrag über zwei Mark war für uns eine unglaubliche Summe und wir hatten durch unseren ersten Zehner Blut geleckt.
Bommel hatte mir von einem Laden in der Torstraße berichtet, der Fußball-Wimpel von allen Oberliga-Mannschaften für acht Mark verkaufte. Als erstes kauften wir uns beide den von Wismut Aue, weil wir die gekreuzten Hämmer und das große „W“ auf lila-weißem Grund so toll fanden.
Wir grasten den kompletten Wohnblock ab, klingelten an jeder Tür und fragten: „Haben Sie Altstoffe?“ Natürlich bekamen wir unsere bunten Stoffbeutel und Netze fast überall prall gefüllt. Viele Leute waren einfach zu faul, die Sachen selbst wegzubringen, und die Menschen soffen zu unserer Überraschung alle so viel wie unsere Väter. In fast jedem Haushalt gab es hinter einem Vorhang eine Abstellnische mit Dutzenden weißer Schnaps- und grüner Weinpullen.

Vor dem fiesen Altstoffhändler Lepro verloren wir langsam unsere Scheu. Wir merkten, dass auch für ihn dieses Geschäft mehr als gut zu laufen schien. Besonders scharf war er auf Zeitschriften, Papier- und Buchlieferungen. Erst Jahre später, als auch ich nach Westzeitschriften, Postern und verbotenen Büchern gierte, wurde mir bewusst, wie viel Kohle der alte Knacki da nebenher gemacht haben musste.
Wir entwickelten eine symbiotische Geschäftsbeziehung. Er bekam seine Westliteratur und wir unsere ostdeutschen Aluminumchips, also DDR-Geld. Wir handelten einmalige Privilegien aus und mussten so nicht mehr die ollen Metall-Ringe an den Flaschenhälsen mit dem verrosteten Schraubenzieher selbst abschlagen, nicht mehr um jedes Gramm Papier feilschen – es wurde auch mal aufgerundet.
An einem kühlen Herbsttag – wir hatten ihn gerade wieder beliefert und abgerechnet – sagte Herr Lepro, dass er noch etwas für uns hätte. Wie immer roch er ein wenig süßlich nach Alkohol, aber seine rot unterlaufenen Augen deuteten so etwas wie ein Leuchten an. Er ging die Treppe hinunter nach draußen vor den Altstoff-Wagen zu einem dunklen Lada, öffnete den Kofferraum und stellte uns grimmig lächelnd einen riesigen selbstgebauten Bollerwagen vor die Füße: „Na, wat sagt ihr nun, Jungs?“ Der wahrscheinlich freundlichste SERO-Mitarbeiter der Welt strahlte.
Mit der neuen Handkarre konnten wir plötzlich viel größere Strecken bewältigen und uns endlich auch in andere Stadtteilecken wagen. Nur ein einziges Mal, in Höhe des Hotel Berolina, trafen wir die wesentlich älteren Jungs der Konkurrenz, die uns deutlich klarmachten, dass wir dort überhaupt nichts zu suchen hatten. Die restlichen, endlosen Häusermeere gehörten uns allein. Vom S-Block bis zum Scheppert-Eck, vom Leninplatz bis zum Märchenbrunnen reichte nun unser Altstoffmonopol.

Wir ließen meine Mutter per Schreibmaschine Zettel schreiben, auf denen stand: „Die jungen Pioniere kommen am: 22.09.1981 zum Altstoffsammeln in Ihr Haus. Bitte stellen Sie Flaschen, Gläser und Altpapier im Müllschluckerraum bereit.“ Auf die Mieter in unserer Gegend war in der Regel Verlass – die Räume waren am gewünschten Tag immer rappelvoll, als hätten sie am Wochenende extra für uns ihre noch halbvollen Pullen ausgesoffen.
An einem kühlen, regnerischen Herbstnachmittag hatten wir geschuftet wie noch nie. Es war die größte und schwerste Altstoff-Ladung zusammengekommen, die jemals in Berlin gesammelt wurde. Unser Wagen war vollkommen überladen und wir mussten beim Transport die gestapelten Papierpakete, Flaschen und Gläser an der Seite festhalten und gleichzeitig mit schier unmenschlicher Kraft ziehen, um das Gefährt in Richtung Altstoffhändler zu bewegen.
Natürlich krachte der Wagen mit einem riesigen Knall ausgerechnet auf der viel befahrenen, vierspurigen Mollstraße auf die Seite. Überall lagen zersplitterte Flaschen Nordhäuser Doppelkorn, kaputte Spreewälder Gurkengläser rollten in Richtung Bordsteinkante und ein dickes Paket gebündelter „Neuer Deutschlands“ fiel auseinander. Und das im Feierabendverkehr.
Schnell bildete sich ein langer Stau wütend hupender Autos. Eigentlich alles kein Problem, doch ausgerechnet meine Mutter hatte das Malheur aus dem Fenster des neunten Stocks beobachtet. Wütend stand sie wenig später mit unserem Besen bewaffnet neben uns und schrie mich an: „Womit habe ich das alles verdient?“ Zum Glück sagte Bommel energisch: „Vielleicht würden Sie uns erst einmal helfen, die Sachen von der Straße zu schaffen, Frau Scheppert.“
Inzwischen hatte sich auf beiden Spuren in Richtung Alex ein langer Stau gebildet. Die widerlich quäkende Trabi-Hupe war aus mehreren Fahrzeugen zu hören. Ein älterer Herr mit Schiebermütze stieg aus dem Wagen und beschimpfte meine Mutter. Eine jüngere Passantin half uns dabei, die überall verstreut liegenden Zeitungen und Bücher, Gläser und Flaschen auf die gegenüberliegende Seite zu schleppen, und eine ältere Dame hantierte wie wild mit unserem Besen herum. Nicht wenige im zweiten Gang vorbeischleichende Wagenbesitzer zeigten uns einen Vogel.

Trotz der vielen Scherben am Straßenrand und einer wirklich mies gelaunten Mutter: Für diese einzige Lieferung bekamen wir genau 96 Mark! Das war Weltrekord, auch für uns, die legendäre
„Altstoff-Mafia“.
Schon mit zwölf hatten Bommel und ich prallgefüllte Sparbücher und die Fußball-Wimpel aller Oberliga-Mannschaften – sogar einige aus der 2. DDR-Liga. Erst mit 14 stellte ich überrascht fest, dass ich mir außer diesen sportlichen Stoffdreiecken davon überhaupt nichts Vernünftiges kaufen konnte. Bei der Währungsunion 1990 waren deshalb noch 1.500 Mark vom damaligen Altstoffgeld übrig, die ich 1:1 in Westgeld umgetauscht bekam – vielen Dank Herr Kohl, Herr Lepro und SERO. Kurz nach dem Mauerfall war der Planwagen so plötzlich verschwunden, wie er gekommen war. Den „Herrn der Altstoffe“ sah ich im Leben nie wieder.

Vor einer Woche war es wieder einmal soweit. In unserer Küche stapelten sich kiloweise Papier, reichlich leere Rotweinflaschen, über 50 Bierpullen und allerlei Plastikgelumpe des Coca-Cola-Konzerns. Seit einigen Jahren hat sich die Mülllandschaft gründlich geändert. Auf fast jedem Hinterhof gibt es mittlerweile Papier- und Flaschencontainer. Selbst Pappe und Plastikwaren können wir trennen und in eine scheinbar grüne Welt zurückbefördern. In den Tonnen meines Hauses wühlt sonntags noch immer diese ältere Frau auf der Suche nach versehentlich entsorgten Bier-, Wasser- und Fantaflaschen.

Doch von mir wird sie leider nichts finden. Ich lud mein Leergut in insgesamt 5 große Tüten und machte mich auf den Weg zu REWE. Dort gibt es keinen hilfsbereiten Herrn Lepro. Ein hochmoderner Automat schluckt das Leergut, sogar ganze Bierkästen. Auf Knopfdruck erhält man am Ende einen Bon und an der Kasse das Pfandgeld. Vor mir und der Maschine standen lediglich zwei andere Leute. Nachdem das junge Mädchen etwa die Hälfte ihrer Flaschen in den rotierenden Automaten gesteckt hatte, blieb das Ding plötzlich stehen. Nichts rührte sich mehr und nach mehrmaligem Ermuntern rief der verpickelte Typ an der Kasse endlich ins Mikrofon: “Herr Egner bitte einmal zum Pfandautomaten.”

Herr Egner ging in den Raum hinter dem Automaten. Da er die Tür hinter sich nicht schloss, konnten wir sehen, dass das riesige Förderband komplett mit leeren Flaschen gefüllt war. Das Faszinierende: Das Band musste so oder so manuell geleert werden, also nicht nur im Fall einer Havarie. Wahrscheinlich war Herr Egner sonst immer in diesem Raum und füllte leere Kästen mit Flaschen, die auf seiner Seite aus dem Automaten kamen. Diesmal brauchte er ca. 20 Minuten bis er Bescheid gab, dass es weitergehen konnte. Entnervt drückte das Mädel irgendwann auf den Bon-Knopf und nickte dem Typen vor mir zu. Der hatte einen riesigen Sack mit verschiedenen Plastikflaschen dabei. Einige dieser Wasserpullen nahm der Automat offenbar nicht an, doch er versuchte verzweifelt, jede einzelne mindestens acht Mal in die Öffnung zu schieben. Dort rotierten diese minutenlang bevor der Automat acht Mal das gleiche Ergebnis anzeigte: Flasche nicht erkannt.

Hinter mir standen mittlerweile sicher 15 Leute und nicht wenige davon hätten den Kerl am liebsten erwürgt, bis dieser endlich seinen Bon zog. Zur Freude aller lief bei mir alles glatt, die Flaschen wurden erst vom Automaten und dahinter von Herrn Egner erkannt, entgegengenommen und wenn nicht, warf ich sie lässig in den Müllcontainer. Nach geschlagenen 30 Minuten Wartezeit hatte ich meinen Zettel über 2,48 € in der Hand. Ich schwor mir, dass ich nie wieder Bier trinken oder zumindest nie wieder Flaschen bei einem Automaten abgeben würde.
An den zweiten Vorsatz habe ich mich bis jetzt gehalten.

Zum Weiterlesen: Mauergewinner oder ein Wessi des Ostens von Mark Scheppert


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Eine kranke Geschichte – Jugend in der DDR

2. Februar 2015 | von | Kategorie: Blog, Mauergewinner Leseproben

OLYMPUS DIGITAL CAMERAWir sind die einzig wahren Kinder aus Zone Ost. Die Generation unserer Eltern kannte noch den Ku’damm, wo sie heimlich mit der U-Bahn ins Kino hingefahren waren – sie hatten einen kurzen Blick in den Westen erhaschen können, einen kleinen Vergleich gehabt. Wir nicht. Sie haben uns in eine von ihnen erschaffene DDR hineingeboren und wir mussten nun staunend zuhören, wenn sie aufgeregt ihre abenteuerlichen Geschichten vom Bahnhof Zoo zum Besten gaben. Wir marschierten an einer von ihnen erbauten Mauer vorbei und drückten uns nicht an riesigen Schaufensterscheiben die Nase platt.
Im Alter von sieben Jahren malte ich Bilder, welche die Überschriften „Waffenbrüderschaft“ und „Ich will Kosmonaut werden“ und nicht „Urlaub in Spanien“ oder „Meine Katze Ricky“ trugen. Vom ersten Schultag an wurden wir bombardiert mit Phrasen zur Überlegenheit des Kommunismus, mit Parolen, wie lieb wir unseren großen Bruder und Befreier haben müssten und wie glücklich wir uns schätzen konnten, in der sowjetisch besetzten Zone geboren worden zu sein.
Ständig wollte man uns auch weismachen, dass wir Weltmarktführer sind. In vielen industriellen Bereichen lagen wir angeblich sogar unter den ersten sieben Nationen der Erde. Bei uns war alles viel besser als im Westen. Unsere Eltern und Lehrer logen uns buchstäblich das Blaue vom eigentlich friedlichen Himmel herunter. Oder glaubten sie gar an diesen Mist?

Ein besonderes Kennzeichen der DDR war ihre Fortschrittlichkeit auf wissenschaftlich-technischem Gebiet. Schon ab 1986 durften wir den Rechenschieber gegen einen hochmodernen Taschenrechner eintauschen. Wir Kinder ohne Westverwandtschaft mussten uns einen „SR1“ der Firma Robotron aus Sömmerda für schlappe 123 Mark zulegen (das war der subventionierte Preis mit Bezugschein!). Die einzelnen Ziffernfelder waren fast so groß wie die Tasten einer Schreibmaschine, wodurch der Rechner eine stattliche Länge, Breite und Dicke bekam. Man konnte ihn als Lineal benutzen oder damit jemanden totschlagen. Bei Tessi und Bommel und vielen anderen mit Kontakten nach Drüben passte der ultraleichte, Streichholzschachtelgroße Taschenrechner von „Sanyo“ in die Federtasche.
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Ähnlich war es mit Uhren. Die brauchten wir zwar nicht zwingend im Unterricht, aber so eine schicke Quarzuhr machte schon was her. Wieder hatten wir im Land der Erneuerer und Meister von morgen ein Spitzenprodukt. Eine klobige Quarzuhr von Ruhla gab es ab 185 Mark und die sah aus, als ob sie aus einem Stück geschweißt worden war. Made in GDR. Wahrscheinlich lagen solche Dinger bereits damals im Technikmuseum von Westberlin. Im Westen trug man ganz kleine, leichte Quarzuhren aus schwarzem Kunststoff mit Stoppuhr, Licht und weiteren sechs Zusatzfunktionen – munkelte man.

Mit 13 kamen Stefan und ich auf die Idee, zum Spaß Leute zu interviewen. Der schwarze Annettrekorder und das Mikrofon machten erstaunlich gute Aufnahmen, auch wenn wir unzählige dicke Batterien brauchten und dann nur zwei Stunden Aufnahmezeit hatten. Nach der Schule zogen wir los und befragten wildfremde Menschen auf der Straße. Wir logen ihnen natürlich vor, dass dies im Auftrag der Schule geschehe. Leider konnten wir uns das Lachen oft nicht verkneifen, sodass die Geschichte meist aufflog, aber niemand nahm uns das wirklich krumm. Die fertigen Interviews spielten wir unseren Kumpels vor.
Doch bald stellten wir fest, dass uns keine richtigen Fragen einfielen. „Wo haben Sie das Wochenende verbracht?“, „Wie war ihr letzter Urlaub?“ und „Welche Musik hören Sie gern?“ Das interessierte uns eigentlich nicht wirklich. Stefan hatte deshalb die Idee, in Betriebe und Läden zu gehen, mit der Bitte, dass uns die Menschen von ihrem sozialistischen Arbeitsalltag berichteten. Dies führte uns bald in diverse Kaufhallen, Geschäfte, ins Sportforum, ins Sport- und Erholungszentrum (SEZ) und ins Hotel Berolina. Wir waren die rasenden Reporter von Friedrichshain, die bald merkten, dass sie in bestimmten Geschäften auch etwas abgreifen konnten. Beim Fleischer eine Knacker oder eine warme Bulette, im SEZ eine kostenlose Stunde auf der Eisbahn oder im Wellenbad und beim Bäcker gab’s eine belegte Schrippe mit Hackepeter oder Tatar.
Der Bäckermeister an der Leninallee führte uns in seinem Laden herum, zeigte uns die Öfen und erzählte einiges aus seinem trüben und vor allem sehr früh beginnenden Arbeitsleben. Als er: „Jungs, jetzt muss ick aber mal nach die Schrippen kieken“, sagte und im Nebenraum verschwand, waren wir plötzlich allein in der Backstube und sahen diese wunderschöne Quarzuhr auf dem Regal liegen. Ich nickte und schon schnappte Stefan das Ding und wir rannten gemeinsam aus der Tür, die Straße hinunter, bis wir in den Volkspark Friedrichshain eintauchen konnten.
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In Stefans Wohnung am Leninplatz schauten wir uns die schwarze Uhr, die aus hartem Gummi zu bestehen schien, mindestens eine Stunde lang ganz genau an und probierten alle Funktionen mehrere Male aus. Es musste ein wahnsinnig wertvolles westdeutsches Stück sein, denn sie hatte nicht nur Licht, Stoppuhr, Datum und Wecker, sondern auch einen kleinen Taschenrechner mit Miniaturtasten auf dem Gehäuse. So etwas hatten wir noch nie gesehen.
Bald kam die Frage auf, wer von uns beiden die Uhr behalten dürfte. Doch es entstand komischerweise kein Streit. Beide wussten wir, dass wir dieses auffällige Teil niemals tragen konnten, nicht in der Schule, nicht vor den Kumpels und nicht mal zu Hause heimlich auf dem Klo. Wenn dieser dreiste Diebstahl herauskäme, könnten wir uns eine richtige „Pfeife anzünden“, das gäbe ein Jahr Stubenarrest – Minimum.
Wir hatten also drei Möglichkeiten. Wir konnten die Uhr verkaufen, sie wieder zurückbringen oder sie einfach wegschmeißen. Wir waren junge, neugierige 13jährige Jungs – stolze und vorbildliche Thälmannpioniere – da war es doch völlig klar, was wir machten. Diese Uhr hatte 1984 vielleicht einen Wert von umgerechnet 700 DDR-Mark!
Steffen holte zwei Hämmer aus dem Werkzeugkasten seines Vaters und wir droschen so lange auf die Uhr ein, bis sie in kleinen Einzelteilen vor uns lag. Mit Streichhölzern kokelten wir das Gummi ab. Als wir den Trümmerhaufen zusammenkehrten und in den Müllschlucker warfen, mussten wir lachen. Wir hatten jetzt wieder einmal einen technischen Informationsvorsprung gegenüber unseren Mitschülern, doch sie würden von uns nie erfahren, wie eine westdeutsche Quarzuhr von innen aussah!
Nach der 9. Klasse zog Stefan mit seinen Eltern nach Marzahn und wir sahen uns nie wieder. Anfang des 10. Schuljahres kam Fred Krankel, schnell nur noch „Krank“ genannt, irgendwie als sein Ersatz in unsere Klasse, obwohl das mit Stefan nichts zu tun hatte. Er war aus disziplinarischen Gründen von der KJS (Kinder- und Jugendsportschule) gefeuert worden, wo der 1,90-Meter-Hüne beim SC Dynamo Berlin Eishockey gespielt hatte. Als ich meinen Vater fragte, ob er mal in seinem Club lauschen könnte, was da so vorgefallen war, erzählte er mir zwar keine Details, aber immerhin so viel, dass „Krank“ in seinem Jahrgang das größte Talent gewesen wäre, allerdings auch der brutalste und disziplinloseste Spieler aller Zeiten in diesem Verein. Überheblich, durch etliche kaputte Zähne grinsend, setzte er sich in die allererste Reihe und ich hoffte sofort, dass ich sein Freund und nicht sein Feind werden würde.
Wimpel KJS
Fred verkörperte all das, was ich versuchte, nach außen hin darzustellen – Coolness, Gefährlichkeit, Stärke und Unverletzlichkeit, doch nur bei ihm wirkte es echt. Er hatte eine Art, die Dinge äußerst locker zu sehen, besonders abschätzig alles „ostig“ oder „zonig“ zu finden und auf die DDR-Staatsmacht komplett zu scheißen. Ich machte mir da schon eher mal in die Hosen und verkloppte keine „roten Säue“. Sicher war unsere Freundschaft auch darin begründet, dass bittere Ironie und purer Sarkasmus unsere stärksten Ausdrucksformen waren. Vielleicht hatte ich auch lange nur auf jemanden wie ihn gewartet, mit dem ich jeden Mist machen konnte und der mich vor den Folgen jederzeit beschützte.

Durch meine Bekanntschaften im Lager für Arbeit und Erholung fuhr ich seit einiger Zeit ins entfernte
Grünau, in die Wuhlheide und nach Schöneweide in diverse Diskos. Jedes Wochenende gingen wir jetzt in den „Weißkopf“, ins „Pipa“ und zu vorgerückter Stunde auch in den „Bullenclub“. Schon damals grübelte ich, was „Weißkopf“ bedeutete, und wieso der andere „Bullenclub“ genannt wurde, erfuhr ich auch nicht. Nur „Pipa“ war klar, das stand für „Pionierpark“ – in diesem befand sich der Club nun einmal.
Ich hatte „Krank“ ein paar hübsche Frauen versprochen, und so folgte er auch mir einmal. Die Clubs in dieser Ecke von Ostberlin hatten den Vorteil, dass es dort nicht ganz so viele Cliquen und glatzköpfige Gangs wie in Marzahn und Hohenschönhausen gab. Hier konnten wir schon zu zweit und mit 16 Jahren „einen Affen machen“.
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In den noblen „Bullenclub“ kamen eigentlich nur Leute über 18 rein und auf alle Gläser wurde zwei Mark Pfand genommen. Nicht nur, dass wir überhaupt hineingelassen wurden, wir sammelten auch die leeren Gläser von sämtlichen Tischen und gaben sie wie selbstverständlich an der Bar als unsere ab. Ärger bekamen wir nie und wenn mich doch mal jemand vorsichtig ansprach, dass es sein Pfand wäre, rief ich einfach nach meiner Kampfmaschine „Krank“.
Bei einer dieser Touren durch die Pampa ging uns trotzdem einmal das Geld aus, wir hatten nicht mal die nötigen Groschen, um Claudia anzurufen. Sie war die wichtigste Frau der Gegend, denn sie stellte uns immer neue und heißere Freundinnen in einem der Clubs vor. Mit der Straßenbahn machten wir uns auf den Weg. Auch wenn die normale Fahrt nur 20 Pfennig kostete – wir bezahlten nie am Fahrscheinautomaten. Dass dieses Ding Automat genannt wurde, wäre schon wieder ein Hohn auf westdeutsche Ingenieurskunst gewesen. Im Prinzip war es nur ein großes metallenes Etwas, das oben einen Schlitz hatte und an der vorderen Front eine Glasscheibe, wo man beobachten konnte, wie das Kleingeld auf ein rundes Förderrad fiel. Sobald man den mechanischen Hebel an der Seite herunterdrückte, rutschte das Geld in die nächste Lade und ein Stück Papier, wie von einer alten Kinokartenrolle, kam am vorderen Schlitz heraus – der Fahrschein.
Wenn man nur an dem Hebel gezogen hätte, ohne Geld hineinzuwerfen, wäre zwar auch dieser Papierschnipsel herausgekommen, aber ein möglicher, blitzartig herbeigeeilter Kontrolleur hätte festgestellt, dass die obere Förderbox leer ist. Kompliziert? Nein, ostdeutsche Ingenieurskunst!
Dennoch gab es genug pflichtbewusste Bürger, die in dieses antiquierte Fahrscheingerät ihre Fünfziger, Zwanziger und Groschen hineinwarfen.
Als ich den unberechenbaren „Krank“ an dem Gerät herumfummeln sah, dachte ich mir noch nichts dabei, doch plötzlich umfasste er das Ding mit beiden Armen und riss es einfach aus der am Boden verschweißten Verankerung. An der nächsten Haltestelle stiegen wir mit einem 20 Kilo schweren, unhandlichen Fahrscheinautomaten in den Händen aus.
Wir waren allein im zweiten Wagen gewesen, aber ich kannte „Krank“ jetzt schon ein bisschen – er hätte das Gerät auch im ersten Führerwagen mitgenommen, wenn dieser vollbesetzt gewesen wäre.
Als wir merkten, dass wir direkt vor einer bewachten Armeekaserne ausgestiegen waren, lachten wir beide. Ich bitterlich süß aus purer Angst, er fand das wirklich sehr belustigend. Wir trugen das Ding geschützt, genau zwischen uns beiden, durch die hier nur sehr schwach beleuchtete Straße und beschlossen, das Gerät sicherheitshalber sofort im nächsten Gebüsch aufzubrechen.
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Mit einem Stein schlugen wir den Hebel-Automaten an der Frontseite auf und steckten uns das zu unserer Überraschung nicht knapp bemessene Kleingeld in die Hosen- und Jackentaschen. Gut gelaunt liefen wir in Richtung S-Bahnhof und fanden auch endlich wieder eine Telefonzelle, um bei Claudia anzurufen. „Krank“ war richtig sauer, als wir sie nicht zu Hause erreichten – er hatte sich auf Kool & the Gang, Cola Whisky und anschließenden kranken Sex gefreut. Er kochte vor Wut und riss, für mich vollkommen unvorhersehbar, mit urwüchsiger Kraft den volkseigenen Telefonhörer inklusive Kabel einfach aus dem dann schwankenden Telefonhäuschen.
Ich wusste, dass es für Vandalismus an Volkseigentum besonders hohe Strafen gab, nicht nur, weil es sich hier um die scheinbar einzige Möglichkeit handelte, mit der man Kontakt zur Außenwelt aufnehmen konnte. Aber noch machte ich mir keinen größeren Schädel, frustriert gingen wir in Richtung S-Bahnhof. Als wir die Treppen hinaufkamen, sahen wir auf dem Bahnsteig, keine 200 Meter von uns entfernt, zwei Polizisten, die in ein intensives Gespräch mit einem älteren Mann verwickelt waren. Als dieser in unsere Richtung zeigte und rief: „Da sind die Typen!“, brüllte „Krank“ mich einfach nur an: „Komm!“. Wir rannten sofort über die Gleise, sprangen über zwei hohe Zäune und liefen die Straße hinunter. Zum ersten Mal in meinem Leben lief ich die 100 Meter unter 14 Sekunden. Wir schauten uns nicht um, rannten immer weiter und bogen in eine Seitenstraße mit Kopfsteinpflaster ein.
In meinem gesamten DDR-Leben schwebte scheinbar, obwohl ich atheistisch erzogen wurde, ein Glücksengel über meinem Haupt, denn ich stieß fast mit einem Auto zusammen: einem Taxi mit „Frei“-Zeichen! In unserem autoarmen Land, in dem man gut und gerne mal zwei Stunden wartete, sogar wenn man ein Taxi bestellt hatte, flog ich in diesem Augenblick fast über die Kühlerhaube eines beigen Wartburgs. Ich riss die Tür auf – „Krank“ hätte sie bestimmt wieder abgerissen – und fragte ungläubig: „Frei?“
Opa Auto
Wir fuhren in den Alfclub in die Mollstraße und bezahlten den Taxifahrer großzügig mit Groschen und Zwanzigern. Das Restgeld unserer Tour teilten wir brüderlich, es waren tatsächlich auch ein paar Fünfziger, mehrere Markstücke, ein Rubel und zwei Knöpfe dabei.
Wir stießen darauf an, dass wir nicht in einem „Bullentaxi“ gelandet waren und auf den technischen Informationsvorsprung gegenüber unseren Mitschülern. Die würden doch nie erfahren, wie ein Fahrscheinautomat von innen aussah!

Fred Krankel alias „Krank“ verschwand 1989 über Ungarn in den Westen. Er war kurz nach dem Mauerfall der erste Mensch, bei dem ich dort – in Westberlin – persönlich eingeladen war. Freudestrahlend grinste mich der jetzige Profi-Eishockeyspieler der „Berliner Preußen“ an. Wir betranken unser Wiedersehen in einer urigen Berliner Kneipe in Tempelhof. Nach mehreren Schultheiß-Pils und zwei, drei Schnäpsen schwankte ich mit ihm zum Musikautomaten. Für einen Moment beschlich mich ein ungutes Gefühl. Aber nein, er riss das Ding nicht aus der Wand, sondern wollte lediglich nochmals den neuesten Hit, „Bakerman“ von Laid Back, hören.

Ich konnte Stefan und Fred im Jahr 2009 zwar schon über das Internet ausfindig machen – trotzdem habe ich sie – wie viele andere wichtige Protagonisten meines früheren Lebens – seit fast 20 Jahren nicht mehr gesehen. Wenn ich sie träfe, würden wir sicherlich recht schnell gemeinsam überlegen, ob es heute noch viele Plätze, Straßen und Orte gibt, die uns augenblicklich in unsere ostdeutsche Vergangenheit beamen. Wo wir kurz stehen bleiben und denken würden: „Mensch, das sieht ja noch auch wie früher“, oder „Was, das gibt es ja immer noch?“, „Ist ja wie im Osten!“
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Wahrscheinlich sind es immer wenigere Flecken in Berlin und der ehemaligen Republik, die uns in Gedanken unvermittelt 20 Jahre zurückreisen lassen. Unsere ehemalige Heimat wurde, als wären wir ein rückständiges Inka-Volk gewesen, gnadenlos überbetoniert.
Es war eine große Geschichte, als ein Architekt im November 2008 eine seit 1989 unberührte Wohnung in Leipzig entdeckte. Komplett eingerichtet – ohne ein einziges Westprodukt. Da war es dann plötzlich wieder spannend, wie dieser Ost-Stamm gehaust hatte.
Aber solche Stellen meine ich auch gar nicht und eigentlich müssen wir uns gar keine Mühe mehr geben beim Aufspüren solcher Orte, Dingen des Alltagslebens, bestimmter Gerüche, ungewöhnlicher Stoffe, Redensarten oder Ereignisse, die uns an den Arbeiter- und Bauernstaat erinnern, denn wir haben einen Informationsvorsprung gegenüber unseren Mitmenschen aus dem Westen. Die werden doch nie erfahren, wie das bunte Leben in der DDR wirklich war!
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Zum Weiterlesen auf Spiegel Online – Teil 1
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Zum Weiterlesen auf Spiegel Online – Teil 2
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Zum Koofen: “Mauergewinner bei Amazon”
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