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Nachspiel: Deutschland vs. Ghana – Brasilien 2014

10. Februar 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog

P1110239Danny und Jenna gehen nach dem Konzert ins Hotel, doch ich habe mein Zeitgefühl längst verloren und streune mit Erni in eine vermeintlich gefährliche Ecke der Stadt. Gerade als wir einsichtig umkehren wollen, hören wir verlockende Musik auf der anderen Straßenseite. Etliche Einheimische aber auch Deutsche in Nationaltrikots stehen dort vor einer Art Disco und plaudern. Ein kahl-rasierter Typ brüllt genau in diesem Moment: „Zieh dein Scheiß-Ölaugen-Trikot aus, du Fotze“. Der Drecks-Nazi und seine Jungs, deren Herkunft ich nicht verraten will, um diesen Verein nicht in Misskredit zu bringen, beschimpfen einen Kerl, weil er ein Özil-Trikot trägt. „Verbisst euch ihr Benner“, ruft Erni unfassbar mutig. Ich zupfe ihm am Ärmel, doch seine Nase bleibt heil, da die Deutschen mit Hirn deutlich in der Überzahl sind. Die vier Spasten hauen Richtung Puff (O-Ton) ab. Solche Typen werden für immer Feinde bleiben – bis wir sterben. Wir hingegen taumeln Seit an Seit mit unseren Freunden „Özil“, „Boateng“ und „Podolski“ ins Verderben.
Unter gewissen Umständen, wie übermäßigem Alkoholgenuss oder fiesen Adrenalin-Ausschüttungen, verliere ich im Leben noch immer die Kontrolle über den Verstand, denn in der Bar gibt es Frauen, die nicht von dieser Welt sind. Nur zögerlich kann ich den Blick von all den erotisch glänzenden Schenkeln und Brüsten dunkelhäutiger Schönheiten abwenden, die hier ekstatisch und mit Hüftschwung Lambada und Samba zelebrieren. Manchmal will ich noch immer begehrenswert sein – möchte mir nicht eingestehen, dass die besten Jahre längst vorbei sind. Auf Fotos des heutigen Tages sehe ich zehn Jahre jünger aus und habe ein lässiges Leuchten in den Augen.
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Auf dem Parkett schwebt ein Paar so unfassbar sexy durch den Laden, dass es mich nach einer Caipi packt und ich eine schönbusige Frau zum Tanz auffordere. Die Anmutige nickt und greift mir sofort an die Hüften. Doch der Schwof dauert genau eine Minute, da ich nicht in der Lage bin, ihren Rhythmus auch nur ansatzweise mitzugehen. Ich torkele und stolpere eher neben ihr her. ‚Scheiße, ein Brasilien-Gen besitze ich wahrlich nicht‘, denke ich, als sie mich sanft von sich schiebt, einen zärtlichen Kuss auf die Wange drückt und „não“ flüstert.
Plötzlich spielen sie „Nossa, Nossa“ – das bisher erste bekannte Lied in meinen Ohren. Wenig später schlängelt sich eine 200köpfige „Polonaise“ durch die Disco – angeführt von Erni. Alle haben sich angeschlossen und steigen nun kreischend über Tische und Stühle bevor sie mein Freund unter den klaren Sternenhimmel führt. Das Verhältnis von Deutschen und Brasilianern liegt bei 1:7, doch in gemeinsamer Leidenschaft bricht der Laden fast zusammen.
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Die kaffeebraune Schönheit hinter mir versucht die Köpfe meiner Hose zu öffnen, um an meine Genitalien zu gelangen und Erni brüllt von vorn: „Das iss ma ‘ne rischdsche Bolonäse.“ Plötzlich ist da ist so ein krasses Gefühl von früher und gleichzeitig eines der unbändigen Augenblicks-Freude. Nur für diesen Moment hat sich diese Reise schon gelohnt. Behutsam führe ich die Hand zurück auf meine Schulter während eine feuchte Zunge an meinem Hals herumschleckt. Ich drehe mich um und rufe: „Não!“, da die begehrenswerteste Frau der Welt genau 2.014 Schritte entfernt schläft. Außerdem weiß ich, dass ich beim brasilianischen Sexrhythmus genauso grandios versagen würde.
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Erni kommt freudestrahlend mit einer Chica im Schlepptau an – ein Traumpaar. Er fragt: „Kannste mir mal nen Hunderter borgen?“ Auch mein Freund hat sicher keine Ambitionen fremd zu vögeln und will der Zauberfee nur noch einen Drink spendieren. Zumindest realisiere ich, dass er schon wieder pleite ist – Zeit zu gehen. Arm in Arm wanken wir aus dem Laden und singen „Nossa, nossa. Assim você me mata. Ai se eu te pego, ai se eu te pego“. Etliche Frauen, die wir in den letzten vier Stunden gesehen und berührt hatten, haben uns fast um den Verstand gebracht. Es ist 5 Uhr.

An der Strandpromenade ist noch immer etwas los. Zwei Teams spielen auf dem warmen Pflaster Fußball und etliche Zuschauerinnen und Jungs diverser Nationen schauen dabei zu. Erni legt seine Deutschlandfahne hinter eines, der aus zwei Pullen bestehenden Tore und brüllt: „Wir fordern!“ Ein lustiger Braunschweiger namens Tommy, den wir im Club kennengelernt hatten, sieht das und ruft: „Ey, mit euch sind wir endlich sieben!“ Um eine steinerne Bank machen sich sogleich vier weitere Jungs startklar. Ich kann nicht fassen, was nun geschieht, aber Mateo und Jesus aus Kolumbien, der Chilene Amaro und David aus der Schweiz meinen es todesernst. Tommy sowieso.
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Derweil verlieren „brave Brasilianer“ gegen oberkörperfreie „Favela-Boys“ deutlich. Überheblich lächelnd winken sie uns heran. In 2 x 10 Minuten wollen sie uns, den „Bunten“ – wir tragen alle ein Trikot unseres Heimatlandes – zeigen, wer die ultimativen Herren des Strandes von Fortaleza sind.

Erni geht ins Tor. Ich bilde mit David die Abwehrkette, die Kolumbianer spielen im Mittelfeld und Tommy orientiert sich zusammen mit Amaro in die Spitze. Direkt nach dem Anstoß sprintet der Chilene nach vorn. Jesus spielt einen nahezu perfekten Pass ins Abwehrzentrum des Gegners, doch Amaro schiebt den Ball knapp an der linken Bierdose vorbei. Sofort antworten die Brasilianer mit einen langen Ball hinter unsere zu weit aufgerückten Kolumbianer. Ich döse ein wenig und mit einer leichten Körpertäuschung ist mein Gegner an mir vorbei. Der hat nun freie Bahn und schießt platziert ins linke Eck. 1:0 für Brasilien. Auf den Zuschauertribünen wird gejubelt. ‚Na das geht ja gut los‘, denke ich während Jesus und Mateo toben und Erni den Ball holt. Ich wechsele in den Kasten. Meinem knapp acht Jahre jüngeren Freund, der bis zur A-Jugend fast auf Drittliga-Niveau in der Abwehr gespielt hat, wäre dieser Fehler sicher nicht unterlaufen. Zudem bin ich schon nach drei Sprints außer Atem, triefe nach Schweiß und spüre den immensen Alkohol in meinen Adern pulsieren.
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Nach dem Anstoß sehe ich wie genial Jesus und Mateo miteinander harmonieren. Gekonnt passen sie knapp zehnmal hin- und her ohne das die verblüfften Brasilianer an den Ball gelangen. Erst jetzt grätscht einer dazwischen. Ecke. Jesus schaut kurz auf und flankt dann präzise in die Mitte. Kein einziger Gegner springt hoch und so fliegt der Ball zu Tommy, der ihn kurz fixiert und dann – etwas unbeholfen – in Richtung Tor köpft. Doch unerreichbar segelt dieser ins gegnerische Tor. „Viel zu hoch“, deutet der Torwart an, aber der bullige Chef unseres Gegners schüttelt den Kopf und schleppt den Ball zum Mittelkreis. 1:1.
Wütend rennen sie nun an, doch Erni bekommt den Ball schnell unter Kontrolle und passt hinüber zu David, der diesen augenblicklich zu Jesus hinüberschiebt. Blind spielt dieser weiter zu Amado. Drei Brasilianer schauen apathisch hinterher. Unser Chile schießt den Torwart an, aber der Abpraller kommt genau zu ihm zurück und im Nachschuss versenkt er ihn eiskalt. Wie krass – wir führen! Das ist ja so, als wenn ich mit Jenna zwei überlegene türkische Jungs in Kreuzberg zum Tischfußball bitte und wir nur durch unkonventionelle Spielweise eine Chance haben. Doch unsere Südamerikaner im Team spielen nicht unkonventionell – sondern granatenstark. Mit „Chi, Chi, Chi, le, le, le!“, feiert sich Amado selbst.
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Fast schon panisch rennen sie nun gegen uns an. Ich kann einen Ball lässig vor deren Stürmer aufnehmen und werfe weit ab hinüber zu Mateo. Der passt halbhoch zu Jesus, welcher das Ding per Direktabnahme aus gut 10 Metern knallhart ins rechte Eck hineinzimmert. 1:3 – ich fasse es nicht.
Um uns herum ist es mittlerweile still geworden. Die Zuschauerinnen – vermutlich sind auch Freundinnen der Spieler anwesend – verharren in ungläubigem Staunen. Sie fragen sich wahrscheinlich gerade auch, ob das wirklich wahr ist. Erni kommt angerannt und singt mir ins Ohr: „Oh wie ist das schön…“
Nach dem Anstoß will keiner von denen den Ball so richtig haben. Aus frech-lachenden, barfüßigen Straßenkickern sind Feiglinge geworden. Der arrogante Glaube, die Allergrößten zu sein, ist allmählich verflogen. Ihr Boss staucht sie immer wieder – wild gestikulierend – zusammen.
Jesus nutzt die Unentschlossenheit und spielt links hinüber auf Tommy, der ihn sofort auf den nach vorne gesprinteten Kolumbianer zurückkickt. Kinderleicht schiebt er den Ball zwischen die Pfosten. Jetzt sprinten wir alle nach vorn und umarmen den Doppeltorschützen. Das Spiel ist nach 8 Minuten eigentlich entschieden. Doch noch ist nicht Halbzeit. Ich mache es mir im Tor gemütlich, denn die Brasilianer schaffen es nicht, an David und Erni vorbeizukommen. Mittlerweile brüllen Leute von draußen „Olé“ nach jedem unserer Pässe zum Mitspieler. Und das ist oft, da die planlos agierenden Gegner fast gar nicht mehr an den Ball kommen. Matteo schiebt den Ball rechts auf Jesus, der sofort durchstartet, jedoch nicht abschließt, sondern zurück in die Mitte spielt. Dort wartet bereits sein Kumpel, der ihn übermütig mit der Hacke ins Tor kickt. Ich träume nicht. Es steht 5:1 für uns Ausländer. Was für eine Tracht Prügel – was für eine Demütigung!
Während der kurzen Pause spendiert uns ein brasilianischer Familienvater eine Runde Bier. Keine Ahnung, ob er jemals auf dem Pflaster von Fortaleza eine solch peinliche Vorführung der heimischen Jungs gesehen hat. Andererseits vermute ich allmählich, dass auch Jesus, Mateo und Amado in ihrer Heimat durchaus für gute Kicks am Strand oder im Verein bekannt sind.
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Nach dem Seitenwechsel können wir es uns leisten, mich aus dem Tor zu nehmen. Ich tausche mit Tommy, der etwas außer Puste ist. Ein Gegner ist nun nicht mehr vorhanden, sodass auch ich mit dem Ball am – mittlerweile blutverklebten – Fuß ungestört auf dem Spielfeld entlang spazieren kann. Als ich quer nach innen flanke, sehe ich gar nicht, dass sich auch Erni nach vorn orientiert hat. Zum Glück verpasst Jesus, denn so gelangt mein Freund an den Ball und knallt ihn per Vollspann dem Torwart zwischen die Beine. Getunnelt – Höchststrafe – 1:6. Der Kerl sackt zwischen den Pfosten in sich zusammen, während ich Erni auf den Rücken springe und wir gemeinsam zu Boden stürzen. Tommy kommt aus dem Tor gerannt und auch der Schweizer David schließt sich uns an. Gemeinsam krauchen wir auf Knien als „Raupe“ über den Platz. Unsere Südamerikaner staunen über so viel Ekstase und in den Gesichtern des Gegners ist eine Mischung aus Schock und Scham zu sehen.
Kurz darauf geschieht das Ungeheuerliche. Nein, wie bekommen keine aufs Maul und werden auch nicht mit vorgehaltenem Haifischmesser dazu gezwungen noch sechs Stück reinzulassen. Der Chef der Brasilianer schnappt sich mit einer Fresse, die aussieht als ob er Zahnschmerzen hätte, den Ball, ruft seinen Jungs etwas zu und verschwindet dann mit ihnen in Richtung der Häuserschluchten.
Der Torwart dreht sich noch einmal um und zeigt ein Fuck-Off, doch nach dreißig Sekunden sind die entzauberten Herren des Strandes verschwunden. Kampflos haben sie sich ihrem Schicksal ergeben. Deutschland-Kolumbien-Schweiz-Chile hat Brasilien auf eigenem Boden während der WM 2014 mit 6:1 bezwungen. Wir liegen uns in den Armen und brüllen kollektiv den Klassiker: „We are the champions.“
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Jeder von uns weiß nun, dass die Heimmannschaft auch in der Heimat zu schlagen ist. „Vielleicht gewinnen unser Jungs ja noch höher gegen die“, brülle ich Erni in einem Anfall von Größenwahn zu und meine damit unsere Nationalmannschaft. Frühestens im Halbfinale kann es zur Partie gegen Brasilien kommen.

Und noch etwas anders töne ich: „Ich fahre übrigens zurück nach Recife zum Spiel gegen die Amis. Wir sind ja nur einmal bei einer Fußball-WM. Sylvie wird das ganz sicher verstehen. Bist du dabei?“ „Nuklear“ (na klar) schallt es zurück. Auch er will eine Fortsetzung des Gesamtkunstwerkes aus Spiel, Spaß und Emotionen!

Noch lange sitzen wir mit Menschen aus aller Welt zusammen und erleben während des Sonnenaufgangs über Fortalezas Honiglippenbucht einen weiteren Augenblick für die Ewigkeit. Ein sehr junges Mädchen, die mit ihrer Familie noch immer hier und wach ist, entdeckt meine DDR-Fahne und klettert mit dieser auf einen Betonsockel. Dort breitet sie sie vor dem Körper aus und beginnt mit liebreizender Stimme zu singen: „Eu sou alemão, com muito orgulho, com muito amor.“ Tommy und Erni stimmen sofort ein. Ich jedoch bestaune mit offenem Mund das Schauspiel und suche in meinem Hirn nach einem Wort, welches auch nur ansatzweise meine Gefühle beschreiben kann.
Dieses Wort gibt es nicht. Also stimme ich mit Inbrunst ein und schmettere es in Richtung Pazifik: „Ja, ich bin Deutscher, mit Stolz und mit viel Liebe!“
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Die Herren des Strandes – Morro de São Paulo

1. März 2014 | von | Kategorie: Blog

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Es ging also zurück über „Los“, denn Morro de São Paulo lag in entgegengesetzter Richtung zu Recife. Zunächst tuckerten wir mit dem Bus durch die komplette Stadt, um am „Tor des Meeres“ auf die Autofähre zu gelangen. Bereits zum zweiten Mal überquerten wir somit die gigantische Baia de Todos os Santos und bewunderten nochmals die Traumstadt Salvador im Hintergrund. Die Bucht der Allerheiligen ist die größte ihrer Art in Brasilien und wurde bereits 1501 von Amerigo Verspucci entdeckt – immerhin Namensgeber des Kontinents und der Bundestaat Bahia leitet sich auch von diesem Meeresbusen ab, in dem sich das Wasser in sanften Wellen kräuselte und grau-glänzende Delfine fröhlich neben kleinen Segelkuttern der Küstenschiffer sprangen.
Um 16 Uhr erreichten wir nach wenigen Kilometern den Fähranleger von Valencia und auf einer wiederum faszinierenden Bootsfahrt fuhren wir zwei Stunden auf Kanälen und Flüssen zu unserem Ziel. Rechts und links erblickten wir eine eindrucksvolle tropische Vegetation mit Palmen, Bananen-, Papaya-, und Mangobäumen, Mangroven aber auch Hibiskus und Orchideen. Wir beobachten verschiedene Vogelarten und sahen sogar zwei Papageien und etliche Kolibris, die versuchten unsere Nasen zu küssen.

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Am hölzernen Anleger standen etliche schwarze Jungs und erwarteten die Reisenden mit Schubkarren! Sie beknieten mich, unsere Rucksäcke damit durch den Ort zu transportieren. Não! Bereits nach wenigen Metern bereuten wir unsere Entscheidung. Erstens ging es ständig bergauf- und wieder bergab und zweitens bestanden sämtliche Wege von Morro ausschließlich aus Sand. Es gab weder Autos noch Motorräder, lediglich Esel oder eben die einheimischen Chicos mit ihren Karren, die den Transport für ein paar Real ins Dorf organisiert hätten. Waren dies schon die neuen „Herren des Strandes“?
Wir erreichten den Ortseingang von Morro und staunten ein zweites Mal. Hier fehlte etwas. Keine Horde von Schleppern begleitete uns auf den letzten Metern. Genau genommen gab es lediglich eine einzige, auffallend hässliche, Person, die uns eine Unterkunft aufschwatzen wollte. Der schlaksige Typ sah aus, wie ein Abbild von Tingeltangel Bob aus den Simpsons. Er hatte ein schmales Gesicht, eine spitze Nase, wirre Augen und vor allem rötliche Rastahaare, die unmöglich zu allen Seiten abstanden. Als der unhöfliche Kerl den Mund aufmachte und in schrägem Englisch, mit französischem Akzent, fragte, ob wir uns seine Pousada anschauen wollen, läuteten bei mir die Alarmglocken. Mir kam augenblicklich ein französisches Wort in den Sinn: Déjà-vu. Schon einmal gesehen, oder erlebt!
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Ich kann Franzosen nicht leiden. Nein, es liegt nicht daran, dass sie bei dieser Fußball-WM die Brasilianer rausgehauen hatten und sogar ins Finale eingezogen waren. Doch auch! Es sind vor allem die Menschen, die mir auf den Sender gehen. Bei meiner ersten und zugleich letzten Reise ins Land von Napoleon und Zidane waren es die unfreundlichsten und überheblichsten Zeitgenossen gewesen, die mir bis dato über den Weg gelaufen waren. Sie hatten mich nicht verstehen wollen, waren nie bei der Suche nach dem Weg behilflich gewesen und hatten es vor allem rigoros abgelehnt, eine andere Sprache zu sprechen. Und auch auf der Reise durch Brasilien zeichneten sie sich, im Gegensatz zu den freundlichen Schweizern, Italienern, Amerikanern, Nordeuropäern und sogar den Engländern oft dadurch aus, dass sie mit keinem anderen Volksstamm sprechen wollten – oder konnten.
Ich sagte zu Sylvie: „Ich hab echt keinen Bock auf so eine Backpackerscheiße bei dem Franzacken“, doch urplötzlich machte sich Tingeltangel Bob gerade. Ich sah, wie seine Augen mit mörderischer Intensität zu funkeln begannen. Er kam auf mich zu, stellte sich vor mir auf und brüllte: „Das iis gaine Bagpagerscheeisse!“
Mist, Bob konnte Deutsch! Laut fluchend begann er uns in deutsch-französischem Slang zu beschimpfen, was wir ungebildeten Deutschen eigentlich hier im Paradies zu suchen hätten. Sylvie versuchte zu vermitteln, doch der Typ war kaum zu bändigen. Nicht nur wegen der langen Anreise und der prallen Sonneneinstrahlung hatten wir keine Lust auf Diskussionen, denn Freundlichkeit ist eine Tugend an der mir wirklich viel liegt. Wir schnappten unsere Rucksäcke und gingen, ohne auf seine Frechheiten zu reagieren, einfach die Sandstraße hinauf in Richtung Ortskern. Sylvie murmelte: „Das iis gaine Bagpagerscheeisse“. Wir lachten in Morro de São Paulo zum ersten Mal. Tränen!

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Letztendlich ließen wir uns von einer hilfsbereiten Deutschen zu einer Unterkunft führen. Sie erklärte uns, dass sie die Pousada für ein Jahr gepachtet hatte und nun die Kohle wieder hereinbekommen müsse. Wir buchten uns schuldpflichtig ein. Was für eine dumme Idee! Denn wer war ihr Freund und Geschäftspartner, mit dem sie sicherlich auch äußerst ekligen Schmuddelsex vollzog? Richtig, die dumme Hackfresse aus Frankreich – das erfuhren wir leider viel zu spät.
Außerdem war das Hostel eindeutig Backpacker-Scheiße. Das mückenverseuchte Zimmer war schmutzig, äußerst lieblos eingerichtet und lag direkt vor der Gemeinschaftsküche (wo besonders diese Dumpfbacke ununterbrochen herumhantierte und laberte). Es gab lediglich eine Hängematten für 20 Gäste und vor allem lag die Pousada „Reggae“ am Arsch der Welt!
Erst beim Abendspaziergang stellten wir fest, dass es hier fünf (!) verschiedene Sandstrände mit fantastisch gelegenen Hotels gibt. Schon auf dem Weg schauten wir uns einige an, um zu unserem Bedauern festzustellen, dass wirklich alle wesentlich schöner und zum Teil sogar günstig waren. Gleich morgen würden wir umziehen! Für eine Nacht war das bei dem verstrahlen Franzmann ja durchaus zu ertragen.
An einem Strandabschnitt fanden wir eine Churrascaria, wo wir das gute alte „All-You-Can-Fress“ vom Holzkohlen-Grill aus den Zeiten bei den Argentiniern wiederbelebten. Dazu gab es 15 verschiedene Salate, wobei wir uns mit deren Genuss extrem zurück halten mussten, da die Fleischberge ja auch noch Platz auf dem Teller finden mussten. Somit rollten wir regelrecht zurück in unsere Unterkunft „jwd“. Am lautesten brüllte bis tief in die Nacht mein geliebter Tingeltangel-Freund mit dem Dachschaden herum.

Das Frühstück, zu dem wir mit einen französischen „Hallöchen“ geweckt wurden, war zwar inklusive, aber wir hätten es lieber in einem der gemütlichen Cafés bezahlt. Dafür fand Sylvie beim Entfernen der zermatschten Kakerlaken einen eingeschweißten Beutel Marihuana inklusive Papers unter dem Bett. Nach dem ganzen Stress mit Bob dampfen wir erst einmal einen, obwohl das sonst eher nicht unser Ding ist. Und was war die Konsequenz? Danach waren wir hammerbreit, sodass wir verpeilten umzuziehen und stattdessen beschlossen – entgegen aller Vorsätze – noch einen Tag in der plötzlich „so lustigen“ Bude auszuharren. Der von Psycho-Bob empfohlene Stand war scheiße, da man ihn bei einsetzender Flut nicht begehen konnte. Wir kamen nicht mal bis ans Wasser. Doch mittlerweile lachten wir über alles und vor allem über uns selbst. Am Leuchtturm – erbaut auf bizarrem Felsgestein – lasen wir, dass der Ort Schauplatz vieler Angriffe von Franzosen (!) gewesen war, die damals den Portugiesen, Teile der Kolonie wieder abnehmen wollten. Das hatten sie allerdings verkackt. Nur noch coole Piraten nutzten die Buchten als Herren der Strände während der gesamten Kolonialzeit als Versteck. Zumindest sahen wir hoch oben unter einem himmelblauen Himmel noch zwei drollige Miniaffen in den ampelgrünen Bäumen turnen. Oder war das alles nur Einbildung? Das Highsein machte uns viel empfänglicher für die Schönheit der Welt.
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Noch immer leicht stoned, setzten wir unseren Inselrundgang fort und auf dem Rückweg fanden wir an Strand Nr. 1 (die kreativen Brasilianer hatten die Beaches einfach Strand 1-5 genannt) eine zauberhafte Unterkunft. Dort gab es in Zimmer 10 einen Balkon mit Familien-Hängematte und traumhaftem Blick auf den blaugrünen Ozean. Das Hotel besaß sogar einen Strandzugang – direkt vor der Frühstücksterrasse. Wir sagten den ausgesprochen freundlichen Besitzern, dass wir morgen um 10 Uhr auf der Matte stehen würden. Definitiv!
Zwei Stunden lümmelten wir in der Sonne und kühlten die verschwitzen Körper in den Fluten bevor es zurück ins anstrengende Quartier ging. Und wer saß genau vor unserem verdreckten Zimmer und telefonierte lautstark in seiner Landessprache? Richtig, und der Typ aus „Zidane-Land“ schlug uns sogar vor – nach meiner Aufforderung, sich endlich mal zu verpissen – die Vorhänge zuziehen, wenn wir uns ungestört duschen und umziehen wollen. „Willst du mich verarschen, du Penner?“, rief ich erbost, doch Sylvie zog mich ins Innere und kullerte einen. Der süße Duft guten Dopes verließ in Schwaden den Türspalt und recht bald konnten wir wieder lächeln, im Wissen, dass wir morgen ausziehen würden.
Frohgelaunt stürzten wir uns demnach ins Nachtleben von Morro. Entlang der sandigen Wege, auf denen schweigsame Männer Säcke auf ihren Rücken schleppten, gab es überall Verkäufer an kleinen Holztischen, die eine beeindruckende Vielfalt exotischer Früchte feilboten. Doch das Obst war lediglich die Zugabe zu einem Meisterwerk, denn es bildete den Bodenbelag der Becher, die mit verschiedenen – stets passenden – Alkoholsorten aufgefüllt wurden. Ein Drink kostete umgerechnet etwa einen Dollar und jede Füllung war das in diesem Moment beste „Take away Getränk“ unseres Lebens. Wir grinsten ununterbrochen über beide Ohren und freuten uns schon jetzt diebisch auf den Umzug ins neue Domizil – mit einem Cocktail-Stand und dem Strand unter dem Fensterbrett!
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Am nächsten Morgen konnten wir gar nicht schnell genug wegkommen. „Das iis gaine Bagpagerscheeisse“, rief ich dem Flachwichser beim Abschied zu, der gerade ganz aufgelöst war, da er einen verschwundenen Beutel Gras suchte. Wir taten ahnungslos – er befand sich in Sylvies Rucksack – und wussten, was wir in der Pousada „Prisa Mar“ in den nächsten Tagen dampfen würden. Das urige Fischerhaus mit den knirschenden Holztreppen und niedrigen Decken entsprach genau unseren Vorstellungen. Im Zimmer stürmten wir den Balkon und kletterten gemeinsam in die Hängematte. Der Blick über die malerischen Strände und die frische Brise um unsere Ohren ließ uns die kleinen Unannehmlichkeiten der letzten Tage sofort vergessen. Nun mussten wir tatsächlich nur noch aus der Tür fallen, um in den Ozean zu gelangen. Somit machten wir uns strandklar, lungerten mehrere Stunden auf hoteleigenen Liegestühlen herum oder sprangen laut kreischend ins schäumende Meer.
Nachmittags legte ich mich ins geknüpfte Netz auf der Terrasse, beobachte von oben das knallbunte Strandtreiben und genoss das umwerfende Gefühl, lebendig zu sein. Jetzt waren wir auch in anderer Hinsicht optimal platziert, da es sowohl ins Dorfzentrum, zu Restaurants und Shops, als auch zu den lauschigen Strandbars, nur einen Katzensprung war. Nach einem kross gebackenen Hühnchen konnten wir es jedoch kaum erwarten, wieder auf unseren Traumbalkon zu gelangen, die Flasche Wein zu entkorken und das Rauschen des Meeres zu genießen. Entspannter oldschool-Sex stand auch noch auf der Tagesordnung.
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Erst am zweiten Tag verstand ich beim Herrscherblick vom Balkon, was mir Bruno in Salvador hatte zu verstehen geben. Die „Herren des Strandes“ von Amado, die unten am „Tor des Meeres“ in alten Bootschuppen wohnten, waren heutzutage keine vagabundierenden Straßenjungen in Lumpen mehr, die nichts anderes besaßen, als die Freiheit, sich auf den Straßen herumzutreiben und Leute zu bestehlen. Die „neuen Herren des Strandes“ waren Jungs aller Hautfarben und Altersstufen zwischen acht und achtzehn Jahren, die am Meer Fußball spielten und tagsüber und abends ihren Lebensunterhalt mit Schubkarren-Fahrten oder dem Verkauf von tropischen Cocktails mit bunten Fruchtbouquets finanzierten. 1937, im Jahr des Erscheinens des Buches, war Fußball in Brasilien noch nicht sehr populär, doch knapp 70 Jahre später hoffte jedes Kind, jeden Alters, einmal im Leben für die Brasilianische Fußball-Nationalmannschaft, die Seleção, spielen zu dürfen. Bereits am Nachmittag packte es mich und – wie durch ein Wunder – mochte mich deren Chef Vito, sodass ich (in der Abwehr als Abräumer) mitspielen durfte. Er hatte mich an seiner Strandbar auf mein grün-gelbes Jamaika-Fußball-Trikot angesprochen und nachdem ich dreimal „Tudo bom chefe?“ (alles klar Chef?) gerufen hatte, wurden wir sowas wie Freunde. Ich nannte ihn noch in jener Nacht „Don Vito de Morro“, was er scheinbar ziemlich cool fand. Ihn und besonders die Dribbler und überheblich lächelnden Ballkünstlerin in seinen Reihen verkörperten für mich den schönsten Menschenschlag Brasiliens. Niemand liebte diesen Ort so sehr wie die jungen Fußballer.
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Ab diesem Tag geschah in Prinzip nichts mehr, außer Abhängen, Baden, Kiffen, Fußball spielen und Cocktails schlürfen. Doch, die Abendessen! In Morro de São Paulo gab es die besten Moquecas der Welt. Die aus Fisch, Garnelen und anderen Meeresfrüchten hergestellten Eintöpfe, welche zusammen mit Kokosmilch, frischem Koriander und Gewürzen in großen Tonschalen serviert wurden, schmeckten hier einfach göttlich.
Direkt nach dem Aufstehen sprang ich vom hoteleigenen Ausgang ins kühlende Meer, genoss mit Sylvie das fantastisch zubereitete Frühstück unserer neuen Gastgeber und danach machte jeder das, was ihm am besten gefiel. Lediglich ein nachmittäglicher Strandspaziergang war ein fester gemeinsamer Programmpunkt.
Morro de São Paulo hat fünf Hauptstrände. Am Primera Praia (Strand Nr. 1) wohnten wir. In Berlin gibt es ein Graffiti, welches besagt: „Unter dem Asphalt liegt ein Strand aus Sand“. Was sollte man hier dazu sagen? Morro de São Paulo besitzt keinen Asphalt! Vom tropisch bewachsenen Leuchtturmhügel mit Panoramablick stürzten sich Wagemutige an einem Seil ins Wasser, und außer diesem Quatsch, Schwimmen und dem Nichtstun zu frönen, konnte man hinter dem Riff auch surfen, wenn man das draufhatte. Außerdem spielten die „Kleinen“ hier ihre Besten aus, um ggf. bei den Großen in Zukunft mal mitspielen zu können.
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Segunda Praia (Nr. 2) war die „Sehen-und-Gesehen-werden-Ecke“ mit pulsierendem Strandleben, denn die Liegestuhlfraktion zeigte dort ihre gut gebauten, gebräunten oder schwarzen Körper. Die besten, vorwiegend dunkelhäutigen, Fußball-Jungs gaben sich zudem ein Stelldichein. Nicht nur deshalb war es eine große Ehre, dass ich dort überhaupt antreten durfte. Auch der Franzosen-Clown tauchte ab und an mal auf und konnte sogar einigermaßen kicken. Natürlich spielte ich dann immer im gegnerischen Team und grätschte ihn einmal so böse weg, dass er flennend von dannen zog. „Bon voyage, du Weichei“, rief ich ihm hinterher. Don Vito klopfte mir auf die Schulter und auch Sylvie zeigte aus der Ferne den Daumen, während das lärmende Gelächter der „neuen Herren des Strandes“ wie eine Deutschlandhymne erklang!
Am Abend war „Número dois“ der Partystrand, wobei wir nicht in der Hochsaison mit diversen Mondfesten und Technoevents gekommen waren. Alles ein bisschen softer.

Strand Nr. 3 (Terceira Praia) war der Baby- und Familienstrand, da man hier sehr weit knietief in den klaren, warmen Atlantik laufen konnte. Im Hintergrund der immergrüne tropische Regenwald und im Vordergrund eine unbewohnte Insel, die zum Tauchen einlud.
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Quarta Praia (Nr. 4) war eigentlich der schönste und ruhigste Abschnitt, da dieser – umgeben von borstigen Palmen – und abgerundet von Korallenriffen mit von der Natur geschaffenen Pools, am ehesten einem Traumstrand entsprach. Im Dorf verkaufte man sogar Postkarten von diesem Postkartenidyll. Oft trafen wir dort auch zwei prachtvoll gebaute Typen bei denen es schwer zu sagen war, wer von den beiden tuntiger war. Süß!
Am isolierten, kilometerlangen Strand Nr. 5 (Quinta Praia) hört man nachts nicht anderes als das Liebesgeflüster und das Geräusch von Leibern die sich auf dem warmen Strand wälzen. So die Legende. Allerdings war dieser auch am weitesten von unserer Hängematte entfernt, sodass wir dort eher selten zugegen waren und lieber im Bett übereinander herfielen. Die Tage endeten somit immer tief in der Nacht in unserem Liebeslager im Südseeparadies Brasiliens. Oder waren es Wochen? Die Zeit war stehengeblieben! Es gab plötzlich kein Gestern, Heute oder Morgen mehr. Nur noch dieses seltene Augenblicksglück!
Bei herrlichem Sonnenschein wurden wir immer brauner und blonder und meine einzigen Überlegungen drehten sich darum, wann mich Vito zum Spiel herunterpfeifen würde, ob wir am Abend Meeresfrüchte, Crêpes, oder doch lieber Gegrilltes essen würden und ob dazu eisgekühltes Bier, ein Früchtecocktail oder argentinischer Rotwein besser passte. Und ein Tütchen rauchen und nachts am Strand tanzen, mussten wir ja auch noch. Das nenne ich mal positiven Stress! Auf dem Nachhauseweg schimmerte das Meer fast immer in einem geheimnisvoll-dunklen Blaugrün während der Mond sein goldgelbes Licht über uns ausgoss.
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Doch eines Tages gingen wir dann doch mal ins Dorf, um zu schauen, wie man hier überhaupt wieder wegkommt. Langsam hieß es also, Abschied von den Traumstränden zu nehmen. Nachdem wir über eine Woche gegammelt hatten, machten wir uns ernsthaft daran, weiter in Richtung Norden zu fahren. Am Abend mussten wir am Stand von Vito eine schwierige Entscheidung treffen: sollten wir die allerletzte „Caipirinha de Mangaba“ lieber mit Wodka oder ganz gewöhnlich mit Cachaça auffüllen lassen? Wir hatten es wirklich nicht einfach in Morro de São Paulo und wären gerne bis an unser Lebensende geblieben…

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Schwarz & ziemlich bunt – Salvador da Bahia!

10. Februar 2014 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Blog

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Pascal, einer meiner besten Freunde in Berlin, ist ein Mischling. Ja, ein Schwarzer, Dunkelhäutiger, Mulatte, oder eben Deutsch-Afrikaner. Er begreift diese Begriffe nicht als Schimpfwörter, da auch er seine Mitmenschen nach Äußerlichkeiten umschreibt.
Vor vielen Jahren erzählte er mir mal folgende Geschichte: Bis zum Alter von 8 Jahren realisierte er gar nicht, dass er anders aussah, als die anderen Kinder seiner Klasse. Er sprach dieselbe Sprache (mit urigem Berliner Dialekt), hatte dieselben Hobbys und spielte den Erwachsenen die gleichen Streiche wie all die Kids in seinem Alter. Er duldete keine Einschränkung seiner Freiheit. Vielleicht war es aber auch eine Frage der fehlenden Eitelkeit in jungen Jahren, in denen man Spiegeln eine eher untergeordnete Rolle beimaß – in einer Epoche, in der es lediglich matte, schwarz-weiß Fotos gab. Außerdem wuchs er bei einer Pflegemutter auf, die bis an ihr Lebensende aufopferungsvoll für ihn sorgte und ihm nie das Gefühl gab, dass die Hautfarbe eines Menschen eine Rolle spielt.
Es kam der Tag, an dem ein dunkelhäutiger Onkel über ein Tagesvisum aus Westberlin erschien und mit Pascal in der U-Bahn zum Alex fuhr. Und genau während dieser Fahrt merkte er erstmals, dass mit ihm etwas nicht „stimmte“. Unzählige Passagiere drehten sich nach den beiden um, tuschelten und kurz vor der Endstation zeigte ein kleines Kind mit dem Finger auf ihn und rief laut zu seinen Eltern: „Guck mal, die Negerpuppe kann ja sprechen!“
Sicherlich muss man dazu wissen, dass es in der DDR eine Spielzeugpuppe für Mädchen gab, die tatsächlich unter dem sinnfreien Namen „Negerpuppe“ in volkseigenen Läden verkauft wurde. Zwei „lebendige“ schwarze Menschen waren in jener Zeit in Ostberlin eine echte Sensation – für das geschockte weiße Kind sicherlich umso mehr.
Neger – ich tue mich heutzutage schwer damit, dieses Wort zu niederzuschreiben, denn ich komme aus einem Land der politischen Korrektheit, in dem man, historisch bedingt, äußerst vorsichtig in seiner Wortwahl gegenüber Andersfarbigen sein muss. In diversen, historisch bedeutsamen Büchern musste diese Bezeichnung mittlerweile entfernt werden. Gleichzeitig lebe ich in einem Land der „Weißen“, in dem unterschwelliger Rassenhass noch immer an der Tagesordnung ist.

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Während der langen Busfahrt dachte ich an die Story von Pascal, da ich vor kurzem das Buch „Herren des Strandes“ von Jorge Amado gelesen hatte. In wenigen Stunden würden wir also Salvador da Bahia erreichen, die Stadt der Negerpriesterinnen, Negerheiligen und Negergöttinnen – wie der Autor sie wortwörtlich nannte, der Ort mit dem seltsamsten Menschenschlag Brasiliens, in dem kräftige Mulatten und schwarze Vagabunden ihr Unwesen treiben und ihre Blicke kaum von den Brüsten und Schenkeln kleiner Negerinnen mit tänzelndem Gang wenden können (in Amados Werk wurden schwarzen Menschen ausschließlich – ohne rassistische Hintergedanken – Neger genannt). In Reiseführern heißt es, dass 80 % der Bevölkerung Salvadors Afro-Brasilianer sind und die ehemalige Hauptstadt die kulturelle, religiöse und musikalische afrikanische Seele das Landes sein soll.
Als wir den Busbahnhof erreichten, war ich dennoch geschockt. Alle (!) waren schwarz und ich hatte das Gefühl, dass uns auch jeder anstarrte. Die braungebrannte Sylvie fiel mit ihren dunklen Haaren und dem eher arabisch anmutendem Äußeren gar nicht so sehr auf. Doch ich, mit meinem flatternden Blondhaar und dem käseweißen Gesicht, fühlte mich, als ob ich soeben im Dschungel von Schwarz-Afrika abgeworfen wurde. Ein dunkelhäutiger Krakeeler zeigte mit dem Finger auf mich und brüllte etwas, was den halben Busbahnhof zu amüsieren schien. „Guck mal, das bleiche Persil-Paket kann ja sprechen“, könnte es gewesen sein.
Es gab dort keine Harmonie und Ausgewogenheit der Rassen, dass es einem augenblicklich ganz warm ums Herz wurde und zum allerersten Mal im Leben ahnte ich, wie es ist, „anders“ zu sein. Wir waren umgeben von Mördern, Frauenschändern und Dieben. Nein! Niemand krümmte uns ein Haar und mit unerwarteter Herzlichkeit erklärte man uns, mit welchem Bus wir ins Zentrum gelangten.
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Auf dem Weg dorthin trafen wir unseren ersten weißen Menschen seit einer halben Stunde. Im Buch von Amado gab es ein Foto vom Autor – mit weißem Haar und Oberlippenbart – und wenn ich nicht gewusst hätte, dass er bereits 2001 gestorben war, hätte ich gedacht, wir säßen ihm nun genau gegenüber. Das Krasse: es war ein Deutscher, der vor über 50 Jahre ausgewandert war, um in der schönsten Stadt der Welt zu leben. Mit viel Witz und Charme begleitete uns Bruno auf der fast einstündigen Fahrt nach Pelorinho und stellte uns – wie bei einer teuer erkauften Stadtrundfahrt – seine Stadt, mit eingeworfenen Anekdoten, vor. Zu fast jeder Häuserzeile, aber auch zum altehrwürdigen Fußball-Stadion kannte er unzählige Geschichten und recht schnell merkten wir, dass er „die Negerstadt“ Amados über alles auf der Welt liebte. Die noch im 17. Jahrhundert größte Stadt der Südhalbkugel und ehemalige Hauptstadt Brasiliens ist noch heute mit seinen fast 3 Millionen Einwohnern die drittgrößte Metropole und das eigentliche kulturelle Zentrum des Landes.
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Wir waren fast ein wenig traurig als wir das historische Altstadtzentrum in der so genannten „Oberstadt“, erreichten, da wir uns nun per Umarmung voneinander verabschieden mussten. Leider hatte ich Bruno vergessen zu fragen, ob die „Herren des Strandes“ noch immer in der „Capital da Alegria“ (Hauptstadt der Freude) ihr Unwesen treiben, zumal er uns eindrücklich geraten hatte, das Museum von Jorge Amado zu besuchen.

„Pelorinho“ – so der Name des Stadtteils, den wir nun betraten, bedeutet übersetzt Pranger oder Steinpfosten und – so viel wussten wir bereits – war einmal Teil des größten Sklavenmarktes in Südamerika, wo der Hauptteil der fünf Millionen Sklaven vor einigen Jahrhunderten aus Westafrika ankam und nicht wenige von ihnen an diesem Steinpfosten ausgepeitscht wurden. Noch heute ist die bestimmende Hautfarbe auch hier „oben“ eher schwarz, doch das vormals heruntergekommene Viertel wurde aufwendig saniert und gehört seitdem zum UNESCO-Weltkulturerbe. Demnach waren die Menschen weiße Touristen gewohnt. Niemand beachtete uns bei der Suche nach einer Unterkunft.
Dummerweise hatten wir im Vorfeld nichts gebucht, sodass wir ziemlich lange herumirrten. Die ersten vier Hotels waren ausgebucht. Zum Glück gab es weitere Alternativen und von der, von uns schließlich gebuchten Behausung, konnten wir direkt auf einen Platz mit futuristischem Springbrunnen schauen und das bunte Treiben auf den Straßen beobachten. Wir hielten uns gar nicht lange am Fenster auf, sondern stürzen uns sofort ins pralle Leben!

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Die Menschen in Salvador sollen für ihre Lebensfreude, ihre Lust am Musizieren und am Tanzen bekannt sein. Bereits bei den ersten Schritten über die heißen Pflastersteine der beeindruckend hübschen Altstadt bekamen wir das zu spüren. Überall erklang Musik aus Bars und Cafés, die Menschen tanzten spontan – und recht wild – auf der Straße und das alles ohne, dass es aufgesetzt wirkte. Direkt vor dem berühmten Art-Deco-Fahrstuhl „Elevador Lacersa“, mit dem man in 30 Sekunden die 72 Meter tiefergelegene „Unterstadt“ erreichen kann, zelebrierte eine Gruppe dunkelhäutiger Typen gerade eine Capoeira-Vorstellung. Wir waren beeindruckt, was man mit seinem Körper in dieser Mischung aus Kampf, Tanz, Geschicklichkeit und Spiel alles so anstellen kann.
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Vor der Aussichtsplattform – mit herrlichem Blick auf das Büro- und Hafenviertel mit dem berühmten „Tor des Meeres“ – stand eine große, schwarze und vor allem vollbusige Figur. So viel wusste ich schon durch Amado: in Salvador werden vor allem die mutigsten und tapfersten Frauen von der schwarzen Bevölkerung nach ihrem Tode als Heilige verehrt.
Wir fühlten uns gut aufgehoben und sicher, denn durch die Restaurierung des historischen Zentrums war hier eine Gegend wiederbelebt worden, die zuvor als extrem gefährlich galt. Das hatten wir noch von Bruno erfahren. Als tapfere Touristen trauten wir uns demnach bis tief in die Nacht sogar in dunkle Seitenstraßen, wo vermeintliche Messerstecher lauerten. Leider viel zu spät bemerkten wir jedoch, dass uns bei der Hotelwahl einen Fehler unterlaufen war, denn der moderne Brunnen begann alle halbe Stunde riesige Fontänen auszuspucken. Doch damit nicht genug: dazu erklang eine unfassbar laute und vor allem nervige klassische Musik. Am Tage wäre das ja alles zu ertragen gewesen, aber nicht nachts, halbstündlich und vor unserem Fenster. Sylvie lehnte sich um 4 Uhr neben mir ungläubig mit hängenden Brüsten weit über die Brüstung, da sie das alles nicht glauben konnte. Der Mond übergoss den Platz mit gelben Licht. Irgendwo in der Ferne sang jemand eine traurige Samba und das Schluchzen eines Mädchens war zu hören.

Nach zu wenig Schlaf tauchten wir wieder in das faszinierende Leben der Altstadt ein. Die Sonne überzog die Straßen und pastellfarbenen Häuserfassaden mit einer sanften Helligkeit. Schon nach kurzer Zeit spürten wir die Herrlichkeit des Tages und die einzigartige Freiheit, die Straßen dieser Stadt durchstreifen zu dürfen. Nach einem Cafezinho, den wir an einem rollenden Kiosk von einem frech grinsenden Jungen gekauft hatten, der so schwarz, wie der von ihm gereichte kleine Kaffee war, kamen wir an unzähligen Galerien, Kunst- und Trödelläden vorbei. Die Kopfsteinpflaster-Plätze und alten Kirchen zogen uns magisch in ihren Bann. Besonders die mächtige Catedral Basilica, die barocke Igreja de Sao Francisco und die auffallend blau getünchte Igreja do Rosario dos Petros, aber auch der Terreiro de Jesus (ein Brunnen mit Figuren, welche die vier großen Flüsse Brasiliens symbolisieren) ergaben prächtige Fotomotive.
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Später entdeckten wir endlich das Wohnhaus von Jorge Amado. Schräg gegenüber befand sich das Museum, wobei uns die ausgestellten Fotos und die Übersicht seiner Bücher nicht gerade zu Begeisterungsstürmen veranlassten. Aber sagen wir es mal so: Salvador zu besuchen, ohne seinen bedeutendsten Bewohner zu huldigen, ist in etwa so, als verbrächte man erstmals einige Tage in Ostberlin und hätte zuvor nicht den „Mauergewinner“ gelesen. Vor der Museumstür gab es eine Skulptur aus Stahl, namens Exu, welche laut Amado ein Kind darstellen soll, dass es liebt, sich vagabundierend auf den Straßen herumzutreiben, Streiche zu spielen und keine Einschränkung seiner Freiheit duldet.
Nach einem Mittagsschlaf und ein paar Bahia-Frikadellen (Bällchen aus brauen Bohnen, Salz, Zwiebeln und serviert mit einer Creme aus zermahlenen Krabben, Nüssen, Öl und Kokosmilch) stürzten wir uns einmal mehr ins lebendige Nachtleben.
Schon zuvor hatten wir erfahren, dass wir genau zur richtigen Zeit in der Stadt waren. Am Abend fand, wie jeden Dienstag, in „Pelo“ das Open Air Fest „Dia & Noite“ statt. Unglaublich, aber die Stadtverwaltung bezahlt tatsächlich allwöchentlich die diversen Rhythmusgruppen, Trommler und Musiker damit wir kalkweißen Touristen uns die Darbietungen kostenlos anhören können. In Berlin feiert man einmal im Jahr beim „Karneval der Kulturen“ das Miteinander aller Hautfarben – in Salvador da Bahia jeden Dienstag. Muito bom!

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Eine ständig wachsende Menschenmenge wälzte sich wenig später durch die nunmehr eng wirkenden Straßen der Stadt, denn nicht nur auf dem Hauptplatz des Viertels sangen und tanzten die Gruppen – die ganze Altstadt war nun eine Bühne. Die Leute bewegten sich rhythmisch im Strom durch die Gassen. Zusätzlich gab es überall fliegende Händler bei denen wir günstige Snacks und Dosenbier bekamen. Allerdings gab es noch immer keine Spur von den räuberischen und stolzen „Herren des Strandes“ aus meinem Buch. Wir sahen aber auch nirgends verwahrloste Straßenkinder in Lumpen und Taugenichtse die Klebstoff schnüffelten, stahlen oder Frauen (und blonde Männer) belästigten. Der größte Barock-Slum der Welt – aus den Zeiten Amados – hatte sich in dieser Hinsicht deutlich verändert. Lediglich ein einziger schwarzgelockter Junge im Alter von etwa 10 Jahren, der gekonnt mit fünf Kokosnüssen jonglierte und dabei freudestrahlend seine blitzenden weißen Zähne zeigte, erinnerte mich an die Jungs mit Namen wie Hinkebein, Kater, Joao Grande, Gottesliebling und Pedro Bala, die trotz allerlei Flausen im Kopf, immer einen Stern an der Stelle des Herzens trugen.
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Die Polizei lief dennoch ein paar Runden, kontrollierte aber lediglich, ob alle Bierverkäufer Genehmigungen besaßen. Die leeren Dosen wurden uns von Blechsammlern regelrecht aus den Händen gerissen. Obwohl mir das bunte Treiben sehr gefiel, konnte besonders Sylvie nicht genug bekommen und wollte bis weit nach Mitternacht um die Häuser ziehen. Aber auch ich konnte die Blicke kaum von den Schenkeln und Brüsten der dunkelhäutigen Frauen abwenden, die ekstatisch und mit elegantem Hüftschwung Lambada und Samba tanzten. Doch die schönste Frau, mit dem zärtlichsten Blick der Welt, befand sich an meiner Seite. In diesem Moment wusste ich, dass unter den abertausenden Sternen über Salvador da Bahia gerade nur einer für mich leuchtete.
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Urplötzlich waren die Straßen stockdunkel und menschenleer. Ich hielt es daher für keine schlaue Idee, ganz allein in der Finsternis zu flirten, denn die verlassenen Ecken wirkten nun nicht mehr sehr sicher. Um 3 Uhr nachts war Feierabend und nur der singende Brunnen erklang noch klagend bis zum Morgengrauen.

Vor der langen Busfahrt ins weiter nördlich gelegene Recife schliefen wir gemütlich aus, frühstückten in einem Straßencafé und bummelten nochmals durch die entzückende Stadt. Bei einigen Galerien kehrten wir sogar ein und kauften – erstmals auf dieser Reise – ein paar farbenfrohe Bilder. Die postkartengroßen Malereien im typisch salvadorianischen Stil haben bis heute einen Ehrenplatz in unserer Wohnung. Nach einer nochmaligen Bahia-Buletten-Stärkung stiegen wir in den Bus zum Fernreisebahnhof. Und wen trafen wir wieder? Richtig, unseren Freund Bruno. Mit überschäumender Begeisterung berichteten wir ihm von unseren Erlebnissen in seiner tiefschwarzen aber doch so bunten Stadt. Er hatte uns nicht zu viel versprochen. Lediglich die „Herren des Strandes“ hatten wir nicht getroffen, erzählte ich ihm. Bruno schaute mich groß an und sagte: „Wie der Name schon sagt, werdet ihr sie am Strand treffen, doch heutzutage…“. Bruno überzeugte uns, mal wieder alle Pläne über den Haufen zu werfen, denn am Busbahnhof kauften wir uns Tickets bis nach Valencia (statt nach Recife), um zuvor an die – laut seiner Aussage – schönsten Strände Brasiliens zu gelangen. Auf nach Morro de Sao Paulo!
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