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Feuerohren & Brennesseln im Ferienlager – Kindheit in der DDR

27. April 2018 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Mauergewinner Leseproben

Bei meinem allerersten Kinderferienlager in der 1. Klasse war ich sieben Jahre alt. Die älteren Kinder quälten mich und ich konnte das nicht einmal meinen Eltern schreiben, da ich gerade erst OMA gelernt hatte. Da ich auch noch nicht lesen konnte, befand ich mich zwei Wochen lang in einer Kinderhölle ohne jeglichen Kontakt zur Außenwelt. Im Lager gab es niemanden, der einen tröstete. Es gab auch keine Telefone. Heulend lag ich jeden Abend oben auf meinem Doppelstockbett und wollte nur zurück nach Hause zur MAMA. Das Wort konnte ich auch schon schreiben.
Sie haben mir die Arme auf den Rücken gedreht, brennende „Feuerohren“ gerieben, wie verrückt aufs Schulterblatt geboxt und gemein die Beine von hinten gestellt, sodass ich dauernd in den Dreck fiel, mir Hände und Knie aufschürfte und mich wieder hochrappeln musste. Anderen Kindern aus unserer Gegend erging es noch viel schlimmer und viele fuhren nach diesem Martyrium nie wieder ins Ferienlager. Trotz großer Angst und einiger Blessuren gab ich aber nicht so schnell auf.

In den Winterferien der 2. Klasse schien sich dieser Mut auszuzahlen. Im Kinderferienlager „Willi Bredel“ in Rodishain im Harz waren alle Kinder meiner Gruppe in demselben Alter, demnach gab es Große und Kleine, Ängstliche und Draufgänger, Gewinner und Verlierer, aber keine fiesen Typen, die ihren biologischen Vorsprung mittels Gewaltanwendung auslebten. Ich reihte mich perfekt und opportunistisch in der Mitte ein und so ließ man meine Ohren und meine Seele meistens in Frieden.

Obwohl wir sehr zeitig zum Frühsport herausgerufen wurden und unsere Waschräume in dem unbeheizten Flachgebäude 50 Meter von unseren Häusern entfernt waren, ahnte ich zum ersten Mal, dass ein Ferienlager „urst einfetzen“ konnte, wie wir gerade sagten. Nach dem Frühstück bestand der komplette Tag aus Rodeln, Gleiter fahren, Schneeballschlachten und Iglu bauen. In dem klaren Flüsschen hinter den Hütten errichteten wir Staudämme, damit wir die vorbeischwimmenden Forellen besser fangen konnten. Wir spielten chinesisch Tischtennis, bis uns schwindelig wurde und fast nach jedem Abendbrot gab es eine Lagerdisko oder eine Nachtwanderung mit der Taschenlampe.
Es machte richtigen Spaß und mittlerweile konnte ich sogar schon lesen. Obwohl auf den Karten und in den Briefen von zu Hause, die ausschließlich Mutter schrieb, nur belangloses Zeug stand, war diese Post immens wichtig, da die Kinder, welche keine bekamen, sofort gehänselt wurden. Auch Oma Halle schickte bald in jedes Kinderferienlager einen Brief. Sie schrieb eigentlich immer: „Hallo, mein Markilein. Ich hoffe, es geht Dir gut. Anbei findest Du ein kleines Scheinchen. Liebe Grüße, Deine Oma Halle.“ Bereits im zweiten Ferienlager kaufte ich mir von dem Geld im Konsumladen des Ortes eine herzhafte Thüringer Leberwurst, da es hier nur Mortadella und eine Sorte Schmelzkäse zum Abendbrot gab.

Die Briefe meiner Mutter waren länger, oft bargeldlos und mit Schreibmaschine getippt. Sie teilte ihrem jetzt achtjährigen Sohn Geschichten aus ihrem harten Arbeitsleben mit und was Vater (der Arsch) schon wieder alles verbrochen hatte in meiner kurzen Abwesenheit. Benny war natürlich meistens erkältet und vermisste angeblich seinen großen Bruder sehr.
In den späteren Sommerferienlagern beschrieb sie jedes Jahr auf einer kompletten DIN-A4–Seite die Neuigkeiten aus dem Garten in Karow. Ab der 3. Klasse war ich schon regelrecht glücklich, im Ferienlager zu sein, da zu Hause immer alles beim Alten war: Benny krank, Vater im „Scheppert-Eck“, und Mutter rackerte sich zu Hause und im Garten allein ab. Das Bild, das sie zeichnete, stellte die Realität wahrscheinlich sogar relativ genau dar. Ich war dann froh, weit weg und frei zu sein.

Von meinen ersten Antwortkarten waren meine Eltern sicherlich gerührt. Darauf stand mit etlichen Rechtschreibfehlern vor allem, dass die Küchenfrauen nett wären, ich schon viele Freunde gefunden hatte und wir jeden Tag Schlitten fuhren. Sie sollten bitte auch Benny und die Hamster Max und Moritz grüßen.
Ab der 4. Klasse hatte ich von anderen Kindern gelernt, dass auch ein letzter, entscheidender Satz auf die erste Karte musste: „Bitte sendet mir Geld. Hier ist alles sauteuer.“ Obwohl mir Vater und Mutter jeweils vor der Reise etwas heimlich zugesteckt hatten, was ich dem jeweils Anderen nicht erzählen sollte und es in der DDR einheitliche Verkaufspreise gab, bekam ich seitdem nicht nur von Oma ein Scheinchen gesandt. Ich trank und rauchte noch nicht und so viele Leberwürste hätte ich gar nicht kaufen können. Es blieb also immer reichlich übrig für die heimische Sparbüchse.

Benny, der drei Jahre nach mir das erste Mal in ein Ferienlager geschickt wurde, schrieb den „Geldsatz“ gleich bei seiner zweiten Fahrt, und meine Eltern glaubten natürlich, dass er dies von seinem großen Bruder abgeschaut hatte. Obwohl auch er bald seine Zehner bekam, war er meistens nach drei oder vier Tagen wirklich pleite. Keine Ahnung, wie er das angestellt hatte – wahrscheinlich zu oft beim Mau-Mau-Spielen verloren, zu wenige cc-Mücken bei seinen Autokarten, oder zu viele Halloren-Kugeln genascht – aber natürlich half ich ihm dann mit etwas Geld aus der Patsche. Benny hatte es also entschieden einfacher hier in Rodishain, wo wir jetzt jedes Jahr gemeinsam hinfuhren. Als ihm ein gewisser Angelo einmal „Feuerohren“ verpasste – er hatte so lange an Bennys Ohren gerieben, dass diese schon weinrot leuchteten – drehte ich mit beiden Händen an seinem Arm in entgegengesetzte Richtungen, bis dieser wie Brennnesseln oder hunderte kleiner Stecknadeln piekte. Mit Hilfe zweier Freunde warf ich ihn in den benachbarten, eiskalten Bach zu den Forellen. Es gab nie wieder Probleme mit Angelo. Er wurde später sogar unser Freund.

Relativ schnell wollte ich unbedingt in beide Ferienlager fahren, im Sommer und im Winter und immer nach Rodishain. Da es vielen anderen Kindern ähnlich ging, traf ich alle meine alten Freunde wieder und wusste dann schon bei der Anreise im Bus, welchen Platz ich im Tischtennisturnier ungefähr belegen würde.


Meine Mutter schrieb vor meiner Abreise auf ihrer Schreibmaschine – natürlich während ihrer Arbeitszeit – eine ganz genaue Inventarliste mit den Utensilien, die ich in meinem Koffer mitbekam. Natürlich packte sie auch dieses riesige braune Ungeheuer. Ich hatte immer mehr als genug dabei, und jedes einzelne Kleidungsstück, aber auch die Sachen aus dem Kulturbeutel und der Essbestecktasche standen auf ihrer Liste, die in der Innenseite meines Koffers klebte.

Ohne Absatz stand dann dort zum Beispiel: „8 Paar Socken, 3 Hosen, 6 Hemden, 8 Schlüpfer, 2 Handtücher, 3 Paar Schuhe, 1 Zahnpasta, 1 Zahnbürste, 1 Gabel, 1 Messer, 1 großer Löffel, 1 kleiner Löffel …“ Und so weiter – eine komplette DIN-A4-Seite voll. Dummerweise standen solch wichtige Sachen wie 1 Tischtenniskelle, 2 Dreisterne-Bälle und 6 Kassetten nicht auf ihrem Zettel. Ich wurde streng ermahnt, dass ich beim Packen vor der Rückfahrt die Liste ganz genau abhaken sollte, um zu sehen, dass auch jedes Teil wieder dabei war.
Spätestens ab der 5. Klasse kreuzte ich die komische Liste vor unserer Heimreise ohne zu kontrollieren einfach ab, stopfte einen riesigen Klumpen aus benutzten Klamotten in den Koffer und setzte mich und einen Kumpel auf das Ding, damit wir ihn zubekamen.

Zu Hause gab es natürlich immer das große Stöhnen, was ich denn mit meinen Sachen gemacht und in welchem Kuhmist ich mich gesuhlt hätte. Vom Geld meiner Oma oder von ihrem eigenen hatte ich jedoch für meine Mutter ein paar leckere Halloren-Kugeln im Dorfkonsum gekauft, die ich ihr schuldig dreinschauend überreichte. Sie lächelte glücklich und stopfte meine Dreckswäsche, auch wenn 2 Socken, 1 Hemd und 1 Geschirrhandtuch fehlten, wortlos in unsere Waschmaschine.

Mein persönliches, wenn auch schmerzhaftes Highlight des Winterferienlagers der 6. Klasse gab es erst am vorletzten Tag. Wie immer lagen unsere Häuser in Rodishain tief verschneit im Wald und wir genossen unser romantisches Wintermärchen. Als wir mit unserer Gruppe an diesem Vormittag mit einem glitschigen Baumstamm das zugefrorene Flüsschen überqueren wollten, rutschte ich ab und knickte mir den Arm zunächst auf der harten Eisoberfläche und dann auf dem Grund des Flusses mit einem fiesen Krachen um.
Mein rechtes Handgelenk hing wie abgehakt schlaff vom Arm herab. Die Schmerzen waren höllisch, das konnten die anderen sehen, aber ich heulte und schrie nicht und obwohl ich mir nur den Arm gebrochen hatte, trugen mich die beiden stärksten Kinder Dirk und Volkmar zurück zu unseren Hütten. Am Abend war ich der große Held und Gesprächsstoff des ganzen Lagers. Voller Stolz zeigte ich meinen Gips aus dem Krankenhaus in Nordhausen. Alle, sogar die Helfer, hatten bei der Abreise mit Kugelschreiber darauf unterschrieben, sodass jeder in meiner Schule sehen konnte, wie viele Freunde ich hatte. Es war wirklich traumhaft, denn Sabine musste, bis der Gips nach sechs Wochen abkam, für mich im Unterricht mitschreiben.

Das Sommerferienlager der 7. Klasse sollte mich ein letztes Mal nach Rodishain führen. Mit 13 war ich von heute auf morgen plötzlich ein Jugendlicher geworden, der nicht mehr so sehr auf Staudämme für Forellen, sondern auf die ersten Wölbungen unter den Blusen der Mädchen achtete. Das vormals uninteressante andere Geschlecht war in der ältesten Gruppe das wichtigste Thema. Viele rauchten bereits und soffen heimlich Sachen aus dem Dorfkonsum. Ich tat dies nicht, gehörte deshalb aber auch nicht mehr dazu und bekam vom Obermacker, einem gewissen Jesse, sogar einmal richtig eine auf die Fresse für eine blöde Bemerkung. Dabei hatte ich lediglich gesagt, dass er mit Zigarette im Mund aussehe wie Patrick Swayze und der war ja eigentlich ein Frauenschwarm.
Ich ahnte, dass ich bald komplett raus wäre, wenn ich mich dem heimlichen Cabinet-Rauchen, dem Genuss alkoholischer Getränke, von denen man anschließend die Waschräume voll kotzte, und dem „Mädchen fingern“ entziehen würde. Doch noch riss ich mich zusammen und so wurde es in anderer Hinsicht das erfolgreichste Kinderferienlager „Willi Bredel“ meines Lebens: Ich belegte den 1. Platz in der Kombinationsstaffel der Lagermeisterschaften, ging als Sieger beim Wurfspiel hervor, belegte den 2. Platz beim Tischtennisturnier, wurde Sieger beim Skatturnier und belegte den 1. Platz beim Liegestütz-Wettbewerb der Altersklasse 10-13. Beim letzteren, hieß es auf einmal, hätte ich angeblich beschissen und bekam die Zweite in jenem Jahr aufs Maul, vom großen Boss persönlich – dem Zweitplatzierten Jesse. Aber noch hatte ich, trotz blutiger Lippen, keine einzige Zigarette geraucht, keinen Alkohol getrunken und fünf große Urkunden mehr im braunen Koffer. Auf der letzten Lagerdisko bekam ich meinen ersten richtigen Kuss von einer gewissen Dörte.

Ab der 8. Klasse wäre ich lieber nach Spanien, Italien oder Irland ins Ferienlager gefahren, aber daraus wurde leider nichts.
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Zum Weiterlesen: Mauergewinner
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Kubanische Apfelsinen – aus dem Buch “Leninplatz”

1. Dezember 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Leninplatz, Leseproben

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Am 14. November 1986 türmen sich morgens 15 Zentimeter Schnee auf dem Fensterbrett und in der Schule liefern wir uns eine heroische Schneeballschlacht mit den Spastis aus der Rosa Luxemburg. Schon auf dem Heimweg wissen wir, dass uns ein 1A-Wochenende bevorsteht. Mit Benny wuchte ich den Schlitten vom obersten Regal der Kammer herunter und auch die verrosteten Gleiter finden wir irgendwann. Am nächsten Tag sind wir startklar für den winterlichen Friedrichshain.

Ich trage meinen beige-gelben Anorak, die grün-blaue Bommelmütze, welche Opa mir aus Sarajewo mitgebracht hat, schwarz-rot gestreifte Hosen und braune Stiefel. Wie all meine Freunde bin ich ein Farbtupfer, der sich holprig die schneebedeckten, weißen Hügel hinunterstürzt.
In der 6. Klasse hatten wir einmal zeichnen müssen, wie wir uns die Zukunft im Jahr 2000 vorstellen. Mein Bild zeigte die „Todesbahn“ des Volksparks, deren Gipfel man mit einer tollen Seilbahn erreichen konnte. Eine Skisprungschanze gab es auch. Überall rodelten, segelten oder trollten sich bunt gekleidete Kinder und Erwachsene.

Der richtige Winter kehrt pünktlich zum Fest zurück. Kurz nach 16 Uhr taucht Vater am Weihnachtstag auf. Er ist schon leicht hinüber und hat – wie immer – in allerletzter Sekunde die wahrscheinlich hässlichste Kiefer Berlins ergattert. Eine Kiste Bier, mit ausschließlich braunen Flaschen, Weinbrand, Sekt und Eierlikör besorgte er während der Arbeitszeit. Unser Essen hingegen musste Mutter an verschiedenen Tagen in Dederon-Beuteln und Netzen vom Fleischer oder aus der Koofi anschleppen.
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Während der Alte im Flur vor den Fahrstühlen beschwipst versucht, den Stamm des fast nadelfreien Gehölzes mittels Säge passgenau für den Christbaumständer anzuspitzen, bohrt Nachbar „Boonekamp” Voss pedantisch kleine Löcher in den Stamm seines ersten (!) Baumes, um danach die schönsten Zweige des zweiten dort mittels DUOSAN Rapid hineinzukleben. Unser Obermieter kreiert eine fantastische Tanne, während wir die schrecklichste Krüppelkiefer Berlins – angelehnt an die Schrankwand, damit das Ding nicht umfällt – im Wohnzimmer zu stehen haben. Auch das schlampig auf die Zweige verteilte Lametta und die weinroten Kugeln können keine Verbesserung mehr bewirken. Lediglich der Schwippbogen, die hölzerne Pyramide, der Nussknacker, das Räuchermännchen und etliche handgeschnitzten Rehe aus dem Erzgebirge – Mutters Zeug von vor dem Krieg – vermitteln eine gewisse weihnachtliche Stimmung in unseren vier Wänden.
Bennys, mit seinen Wurstfingern, selbst gefertigte Scherenschnitte (es sollen wohl Friedenstauben sein) dürfen nur im Kinderzimmerfenster aufgehängt werden.
Zu guter Letzt funktioniert die 16er-NARVA-Lichterkette nicht, sodass Vater eine 10er von Pfirsichnase Voss borgen muss und er (der Träger des goldenen Weinbrand-Abzeichens) dadurch bereits am 24.12. ein Pulle Schnaps in den Sand setzt. „Nächstes Jahr bügeln wir unser Lametta auch mal“, lallt er hackedicht, als wir Kartoffelsalat mit Würsten, Buletten und hauchfein geschnittene ungarische Salami aus dem Delikat in uns hineinschaufeln. Danach dürfen wir vom in Eierlikör schwimmenden Obstsalat naschen. Auf dem Plattenteller laufen Weihnachtslieder aus dem Erzgebirge, die Mutter immer so gerne hört und welche – aus purem Zynismus – mittlerweile einen gewissen Kultcharakter haben. Alle singen mit!
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Bescherung erst am 25., was uns das heilige Fest – bei bescheuertem TV-Programm – endgültig verleidet. Erstes, Zweites, Drittes, DDR1, DDR2 und wieder zurück. Immer wenn jemand beim Umschalten am Fernseher den Weihnachtsbaum mit dem Pulli streift, stellt sich das elektrisch geladene Lametta schlagartig auf.
Ich verkrümele mich mit Benny ins Kinderzimmer, wo wir Kassetten hören, weil sogar im Westradio fast nur dieser Weihnachtsmist läuft. Ich wäre jetzt lieber mit den Jungs unterwegs, doch auch die müssen das Fest in trauter Familienidylle oder im „Christ-Stollen“ (Kirche) ertragen. Frohe Weihnachten!

Silvester Kinder früher
Frühstück ist um 9 Uhr und es nervt, dass wir mit Mutter „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ und danach „Zwischen Frühstück und Gänsebraten“ mit einem zwanghaft komisch sein wollenden Heinz Quermann schauen müssen, während sich Vater beim Frühshoppen im Scheppert-Eck einen einhilft. Genau als Hauff-Henkler ihren fürchterlichen Weihnachtsreigen beendet haben, klingelt es an der Tür. Freudestrahlend drückt uns die Lieblingsoma aus Halle je ein Paket in die Hand, doch Mutter brüllt aus der Küche: „Bescherung ist erst am Nachmittag!“
Ömchen lächelt schulterzuckend, während wir an den Wohnzimmertisch getrieben werden. Eine Schüssel mit Rotkraut, grüne Klöße und eine polnische Mastgans, die Mutti als Bückware ergattert hatte, wechseln in der Durchreiche den Besitzer. Vater schenkt mir Berliner Pilsner in ein Tulpenglas ein. Benny schaut zu mir auf und zieht einen Flunsch. Er kann dann später „ausnahmsweise“ mal am Eierlikörglas nippen.
Noch bevor Oma ein Stück der Gans angeschnitten hat, lobt sie das Essen über den grünen Klee. Vater zwinkert mir zu und Mutter meckert: „Nun koste doch erstmal!“ Mein Bruder bekommt eine Keule und strahlt. Im Gegensatz zu mir (Brust) schaufelt er sich sofort das gute Fleisch hinein und glotzt dann ganz bedrückt, als nur noch die ollen Sättigungsbeilagen auf seinem Teller liegen. Nach dem Eierlikör-Obstsalat verschwindet Vater zum Mittagschlaf, Mutter macht den Abwasch und Oma darf auf der Couch lümmeln. Dort kreist „Weihnachten in Familie“ von Frank Schöbel auf dem Plattenteller. Wir werden demnach nicht für eine Stunde ins Kinderzimmer verbannt, sondern verschwinden freiwillig.

Klaus Essen
Plötzlich hämmert jemand an die Tür und kreischt: „Der Weihnachtsmann war da!“ Wenigstens ersparen sie uns den peinlichen Auftritt des angesoffenen Nachbarn Voss als verkleideten Geschenkeüberreicher mit Bettbezug-Sack. Benny nuschelt eilig ein sinnloses Gedicht herunter, bevor er sich auf den „Gabentisch“ stürzt.
Meine Eltern (also mit Sicherheit nur Mutter) hatten wie immer dafür gesorgt, dass es nach „viel“ aussieht. Schlüpfer, Socken und Nickis aus der Jugendmode, Autobahnrennteile (gewünscht), eine Schlager-Süßtafel sowie grünlich-gelbe kubanische Apfelsinen und ein paar mehr Haselnüsse als für Aschenbrödel gibt es in diesem Jahr. Benny bekommt noch einen Chemiebaukasten, ein Puzzle vom Palast der Republik und ich einen neuen schwarzen Aktenkoffer mit Zahlenschloss.
Mein Bruder reißt sofort das relativ schmal wirkende „Westpaket“ von Oma Halle auf. Und tatsächlich: Die Matchbox-Autos, die MAOAM-Stange, die zwei 90iger BASF-Kassetten, das Ü-Ei und vor allem der 20iger Forumscheck sind nicht nur in seinen Augen wertvoller als alle Präsente zusammen genommen. Ich sehe Benny schon vor mir, wie er am 27.12. im Intershop im Hotel Berolina herumschleicht und angestrengt überlegt, was er sich davon alles kaufen kann. Am Abend danach wird er dann frustriert – und mit aller Gewalt – zwei Puzzleteile, die überhaupt nicht passen können, ineinander drücken, weil er seine Westwaren bereits alle aufgefuttert hat.
Intershop DDR
Vater lächelt derweil süß-sauer, da er von Mutter – wie immer – eine blaue Krawatte und ein braunes Hemd geschenkt bekommen hat und von Oma Halle Tabac Original. Von mir gibt es Rasierwasser von Privileg, doch Benny schießt wie immer den Vogel ab, denn er überreicht ihm stolz ein Stullenbrett, wo er mit krakeliger Schrift mittels Lötkolben das Wort „Prost“ hineingebrannt hat.
Noch besser ist sein Geschenk für Mutter. Im Werkunterricht hatte er eine Kaffeeuntertasse an den Rändern mit Makkaroni beklebt, das Ganze fett mit Goldfarbe bestrichen und in der Mitte klebt ein Schwarz-Weiß-Bild von ihm mit Pionierhalstuch!
Mutti bekommt vom Vati Tosca und von mir eine Flasche Badusan und eine Packung Halloren-Kugeln. Auch Oma geht nicht leer aus: Sie ergattert das Parfüm Schwarzer Samt, eine Lux-Seife und ein paar dieser schier ungenießbaren Apfelsinen. Von mir gibt es lila Pantoffeln und Benny überreicht ein selbstgebasteltes Notizbrett mit dem Slogan: „Hattu Kopf wie Sieb, muttu aufschreiben“.
Gegen 16 Uhr ist der, wenngleich sehr lustige, Spuk vorbei.

Opa Hans klingelt. Mutti rennt los, um Bohnenkaffee zum „Kalten Hund“ aufzusetzen. Sie kann ihn und seine neue junge Frau nicht ausstehen. Die zwei „angeheirateten“ Mädchen gehen uns nun drei Stunden tierisch auf den Keks, weshalb wir sie im Kinderzimmer so lange mit Pupsen quälen, bis sie heulend zur Mami rennen. Tante Jana (Opas neue Kirsche) kommt ins Kinderzimmer geeilt und wackelt aufgeregt mit ihren üppigen Brüsten vor meinem glühenden Gesicht herum. Ich genieße den Auftritt in vollen Zügen, zumal sie es ja immer ist, die nach drei, vier Gläsern Sekt schweinische Witze erzählt.

Vater erträgt währenddessen die staatstragenden Monologe meines Opas mit einem seligen Lächeln; sicherlich auch, weil er sich mit ihm ein Bier (und mitgebrachten Napoleon) nach dem anderen hinter die Binde kippen kann, ohne heute „Mecker“ von Mutter dafür zu beziehen. Die mixt sich ja selbst die dritte Ampel aus Pfeffi, Apricot und Kirsch.
Fehlt eigentlich nur noch Onkel Wolfgang in der illustren Runde, dann würden sie bis tief in die Nacht zusammenhocken. Eigentlich schade, dass er fehlt, denn ihn, seine Frau Diana und vor allem ihre Tochter Anne kann ich sehr gut leiden. Vielleicht sehe ich sie ja nie wieder, denn meine Cousine hatte mir letzten Sommer ins Ohr geflüstert, dass ihre Eltern einen Ausreiseantrag gestellt haben.
Wenigstens kommt die bucklige Verwandtschaft aus Zwickau diesmal nicht. Die wurden vorsorglich mit Paketen aus dem Hauptstadt-Delikat abgespeist. Um 21 Uhr machen unsere Gäste endlich die Fliege. Beim Abschied lässt Tante Jana sehr lange ihre mächtigen Euter auf meiner Brust ruhen. Sie hat sich nun auch blau getrunken.

Eine Stunde später beschließe ich, doch noch nach meinen Jungs zu schauen. Am Rosengarten begegne ich ein paar Kunden aus der Rosa, die mich zum Glück nicht einseifen, und am Leninplatz lungert bei eisiger Kälte auch niemand herum.
Genosse Lenin hat einen langen eisigen Bart und Schnee auf dem Kopf. Er sieht ein bisschen aus wie der Weihnachtsmann. Auf dem Rückweg, als ich es fast schon aufgeben will, sehe ich Torte, Tessi, Bergi und Bommel an der Seitenwand eines 10-Stöckers stehen. Nach großem „Hallöchen, Popöchen“ erfahre ich, dass sie gerade diskutieren, wessen Schneeball höher über das Dach der Hauswand geflogen ist.
Ich staune, denn als ich es versuche, komme ich gerade mal bis auf Höhe des 7. Stocks (wobei ich auch im Schlagball- und Granatweitwurf eher eine Niete bin).
Tessi und Bergi hatten es bis aufs Dach geschafft. Ich soll als Schiri entscheiden, welcher Wurf der höchste ist. Doch bei einsetzendem Schneefall kann ich das nicht einschätzen – habe aber eine Idee: In Windeseile fahre ich in unsere Wohnung und hole sechs dieser gummiartigen kubanischen Apfelsinen. Die kann man wenigstens im leichten Schneetreiben erkennen.
Gerade als ich meine Entscheidung bekannt geben will, kommt Bommel aufgeregt angerannt. „Scheiße, der Hobinek liegt da vorne und blutet wie ein Schwein!“
Eine Apfelsine muss wohl so hoch über das Haus geflogen sein, dass sie seitlich herunter geschossen und unserem KWV-Hausmeister – dem größten Anscheißer der Gegend – auf den Kopf gefallen war. Wir rennen ums Eck und sehen den Kerl, der immer den Bewohner des Monats im Seniorenheim kürt, tatsächlich in einer weinroten Lache im Schnee liegen.
„Leute! Wir behaupten einfach, dass ihm ein Teil aus dem Weltall auf die Omme gekracht ist“, ruft Bergi. Bommel bekommt einen Lachkrampf und steckt uns wie immer alle an. „Da ist bestimmt eine Apfelsine aus ‘nem kubanischen Raumschiff geplumpst“, rufe ich. „Ja, ‘ne Fidel-Granate!“, ergänzt Torte. Längst kullern Bommel Tränen über die roten Wangen und er wiehert wie ein Zebra im Tierpark.

Rauchen
Nur Tessi kann nicht lachen, da er vermutet, der Werfer gewesen zu sein. Er brüllt: „Hobinek, du Idiot, wach auf!“ Bergi dreht ihn um und verpasst ihm zwei Backpfeifen. Wir sehen, dass er zwar fürchterlich aus der Nase blutet, aber gar keine Kopfwunde hat. Die Kuba-Apfelsine war anscheinend wie ein Flummi von seiner Schapka abgeprallt, denn die unzerstörbare Ost-Südfrucht liegt drei Meter von ihm entfernt im Schnee. Doch durch die enorme Wucht muss er nach vorn aufs Gesicht gefallen sein. Langsam öffnen sich die verengten Augen und starren uns fragend an.
Plötzlich murmelt der Patient: „Danke Jungs! Das muss wohl der Wodka gewesen sein. Ohne euch wäre ich im Sommer erfroren.“ Danach rappelt er sich hoch und kotzt in eine Speckitonne.
Wir staunen nicht schlecht. Einer meiner Freunde wäre mit dieser Aktion fast im Jugendwerkhof gelandet und nun sind wir die großen Helden? Und was heißt hier eigentlich Sommer? Es liegt Schnee! Ist der jetzt völlig weich in der Birne?
Doch alle wollen gar nicht weiter darüber nachdenken. Wir lösen uns blitzschnell auf und verbringen die letzten Stunden des ersten Feiertages in sicherer Familien-Glückseligkeit.
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Zum Weiterlesen: “Leninplatz” von Mark Scheppert, 9,90 €
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DDR Weihnachtsgeschenke

9. Dezember 2010 | von | Kategorie: Blog

Halloren
Heute gleich die nächste Frage: Ich habe mir vorgenommen, meiner Westverwandtschaft zu Weihnachten, ein liebevolles “Ostpaket” zu schnüren. Allerdings war ich beim Gang durch die Kaufhalle etwas verwirrt, da es wohl kaum noch (oder für mich nicht zu erkennen) Ostprodukte in den Auslagen gibt. Einfach eine Pulle Rotkäppchen, Cabinet-Zigaretten und ein paar Halloren-Kugel zu schicken, ist ja ein bißchen billig.

Ein paar Anregung habe ich zwar im Spiegel-Artikel Schluss mit Ostalgie gefunden, aber vielleicht habt Ihr ja noch irgendwelche Ideen für mich.

Bitte einfach als Kommentar hinterlassen.

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