Posts Tagged ‘ Grenzübergang Invalidenstraße ’

Ein 9. November 1989 – der Mauerfall in der DDR

8. Juni 2019 | von | Kategorie: Blog, Mauergewinner Leseproben

Die Mauer ist wegIch werde vor allem von Westdeutschen oft gefragt, was ich am 9. November 1989 gemacht habe. Natürlich kann ich die Frage bis ins kleinste Detail beantworten:

Wir waren wie jeden Donnerstag in diesen Tagen zum Trinken und Debattieren im HdjT verabredet. Vieles änderte sich in meinem Land, neue Parolen und Transparente flatterten in den Straßen der DDR. So viel Neues stürzte auf uns ein, dass wir es gar nicht schafften, über all unsere aufblühenden Vorstellungen und Fantasien für die Zukunft in unserem Land zu reden. Endlich könnten wir einen sozialistischen Staat errichten, der diesen Namen auch verdiente. Eine neue Welt würde da draußen geschaffen – von uns!
Das Haus der Jungen Talente befand sich etwa 500 Meter Luftlinie von der Mauer nach Westberlin entfernt am U-Bahnhof Klosterstraße. Hier konnte man gemütlich bei Livemusik herumgammeln. An der Bar steckten David, Otmar und ich die Köpfe zusammen, sprachen über Egon Krenz, seine Genossen und die riesige Demo vom letzten Samstag auf dem Alex.
Auch an allen anderen Tischen des Clubs tuschelten die Leute eifrig über diese Dinge. Die meisten waren älter als wir Abiturienten. Die langhaarigen Typen mit ihren lässig gekleideten Mädels verkörperten „die Künstlerszene“, in die vor allem Otmar so gerne hinein wollte. Einige von ihnen kannten wir bereits und im Vorbeigehen erzählte einer der Künstler ganz nebenbei, dass sich die Reisebestimmungen irgendwie gelockert hätten – so zumindest soll es Schabowski in der Aktuellen Kamera gesagt haben.
Ich Mauer_2
Wir stiegen von Bier auf Rotwein um und diskutierten die nächste Stunde darüber, ob man jetzt endlich auch als Nicht-Rentner per staatlich geprüftem Antrag einmal rüber fahren durfte oder ob sich nur die Wartezeit für Ausreiseanträge verkürzen würde. David kam mit zwei weiteren Flaschen Wein von der Bar zurück und rief uns zu: „Kommt Jungs, lasst uns abhauen!“ David war Otmars bester Freund aus alten Tagen. Er war ein großer Heavy-Metal-Fan, mit schulterlangen, fettigen Haaren und dünnen Beinen, die in engen Röhrenjeans steckten. Da die beiden Schlagzeug spielten, musste ich mir mit ihnen viele schlechte Bands mit angeblich guten Drummern anschauen. Doch diese Jungs kannten politische Zusammenhänge, Filme und Bücher, von denen ich noch nie etwas gehört hatte! Sie besaßen sogar geheimnisvolle Kenntnisse über Organisationen im Untergrund wie das Neue Forum und kannten Musikgruppen, die nicht nur staatstreue Texte sangen, persönlich.
In den letzten Tagen und Monaten geriet ich regelrecht in einen Strudel von Informationen, wurde mehr und mehr ein Bestandteil dieser kontrovers diskutierenden Gemeinschaft. Im Herbst 1989 waren wir 17- und 18-Jährigen plötzlich eine ernstzunehmende politische Größe in einem Land, das sich zum ersten Mal für neue Ideen öffnete. Wir waren die Generation, die noch nicht versaut war durch drei Jahre NVA, SED-Mitgliedschaft, politische Schulungen in den marxistisch-leninistischen Studiengängen. Wir waren offen in alle Richtungen und zu jung, um uns einer inoffiziellen Mitarbeit beim Ministerium der Stasi verschrieben zu haben. Wir konnten und wollten etwas bewegen, uns selbst ein anderes Leben in diesem Land ermöglichen. In der Schule lernte ich neben Otmar, Matze und Bernd immer mehr Leute kennen, die heiß diskutierten und uns in die Kneipen folgten. Selbst Leute, denen sonst alles scheißegal gewesen war, engagierten sich plötzlich.
OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Was die Freunde David und Otmar unterschied, war ihre gegensätzliche Einstellung zum Leben. Während meinen Klassenkameraden Otmar eine positive Grundstimmung umgab und er den ganzen Tag gut gelaunt durchs Leben lief, hatte David oft negative, düstere Gedanken, die nach dem Genuss von zu viel Alkohol auch mal in Todeswünsche umschlugen. Aber wir waren keine Psychologen. Es war für uns einfach nur seine krasse Masche, wenn er – mit zu viel Doppelkorn in der Birne – mies drauf war.

Bei den abendlichen Ausflügen hatte es sich eingebürgert, dass wir am Ende der Nacht, wenn alle Kneipen und Clubs schlossen und wir hochgradig betrunken waren, auf Häuser und Gerüste kletterten. Noch heute bekomme ich feuchte Hände und Schweißausbrüche, wenn ich daran denke, was ich – mit meiner real existierenden Höhenangst – für halsbrecherische Aktionen veranstaltet habe. Wir kamen an keinem eingerüsteten Gebäude vorbei, ohne hinaufzuklettern, und die Kletterei endete wirklich erst, wenn alle auf den hohen, schiefen Dächern saßen, in die sternenklaren Nächte Berlins schauten und das kribbelnde Rauschen in den Adern spürten. Auf vielen Dächern, besonders im Prenzlauer Berg, konnten wir hunderte Meter von einem Haus zum anderen laufen, mit unseren ständigen Begleitern: der Freiheit und dem Tod. Als Bernd einmal auf der Humboldt-Universität unglücklich ausrutschte und nur noch mit einer Hand am Dachsims hing, konnten wir ihn gerade noch mit allerletzter Kraft wieder hochziehen. Ich hätte fast gekotzt – Wahnsinn!
Mauerloch
Es war noch weit vor Mitternacht, als wir das HdjT verließen und zurück ins Herz unserer Stadt zogen.
Und das schlägt für mich seit jeher in Friedrichshain. Zwischen den hiesigen, zehnstöckigen Hochhäusern war es an diesem Abend besonders ruhig, dunkel und unheimlich. Nein, es begegneten uns keine Fahnen schwenkenden Bewohner, niemand kam uns grölend entgegen, Trabis und Wartburgs standen in unserer Gegend, dem Viertel der staatstreuen Bediensteten und Bonzen, still auf ihren übergroßen, aufgemalten Parkplätzen. Ein einsames Multicar ratterte durch die Nacht.
Gleich im ersten Aufgang eines Neubaublocks fanden wir eine offene Luke ins Glück. In dreißig Metern Höhe, mit einem gigantischen Ausblick auf den Fernsehturm, das Hotel Stadt Berlin und die schlafende Stadt schien uns eine unbekannte Stimme aus der Ferne zuzubrüllen: „Wer jetzt noch schläft, der ist schon tot!“ Wir bildeten uns ein, bis weit nach Westberlin schauen zu können – diesem hellen, leuchtenden Streifen am Horizont.
Doch plötzlich rief David, der bereits am anderen Ende des Hauses angekommen war: „Hey Jungs. Ich hab jetzt echt die Schnauze voll von allem. Ich will nicht mehr. Macht’s gut, es war schön mit euch.“ Er nahm Anlauf und sprang mit einem energischen Satz von der Kante in den schwarzen Abgrund. Der Schock machte mich bewegungsunfähig. Ich starrte mit weit aufgerissenen Augen zu Otmar, der bereits in die Richtung des Unglücks rannte. Das war jetzt nicht wahr, oder? In unserem Land änderte sich gerade so vieles zum Guten, und mein bester Kumpel sprang in den Tod. Ich schaute verzweifelt zu Otmar. Trotz seiner nachgewiesen guten schauspielerischen Fähigkeiten konnte er bei dem Spruch: „Scheiße, der ist Matsch!“ ein Lächeln nicht unterdrücken.
Wenige Sekunden später, lugte die verwegene Mähne Davids über die Brüstung. Ich hatte nicht gewusst, dass die Häuser in diesem Block einen überdachten Balkon hatten, sodass er wagemutig auf diesen, etwa einen Meter tiefer gelegenen Vorsprung gesprungen war. Sie hatten mich verarscht!
Wahrscheinlich gab es wieder viele gute Nachrichten an diesem 9. November 1989 im Fernsehen, dachte ich. Die Schönste für mich war, dass mein Freund David noch lebte. Wir lagen uns lachend in den Armen.

Auf dem Rücken liegend sahen wir in den Ostberliner Himmel und tranken zum allerletzten Mal in unserem Leben diesen fürchterlich schmeckenden Rotwein. Tief in der Nacht schwankte ich durch mein schlafendes, regierungstreues Viertel nach Hause. Es war so spät, dass ich keinem einzigen Menschen begegnete und zu Hause völlig gerädert, aber glücklich, in mein Bett fiel. Ich hatte keine Kraft mehr, wie sonst üblich, noch ein bisschen Fernsehen zu schauen. Was sollte ich da heute auch schon groß verpassen? Schlafen!

Meine Eltern und Benny waren schon weg. Ich war viel zu spät dran am nächsten Morgen auf meinem Weg zur Schule und hörte keine Radionachrichten. Ausgerechnet heute fielen zwei Busse aus und als dann endlich einer kam, war ich in diesem der einzige Fahrgast. „Versteckte Kamera jetzt auch im Osten”, dachte ich irritiert. Verschlafen sah ich aus dem Busfenster. Kurz hinterm Leninplatz, an der kleinen Polizeiwache Friedensstraße, bildete sich eine kilometerlange Menschenschlange. Ich hätte die zwei jetzt zugestiegenen Passagiere oder den Busfahrer fragen können, was da los war. Doch ich war viel zu müde, obwohl ich langsam ahnte, dass sie gestern wohl doch etwas Wichtiges bei Auslandsreisen geändert hatten. Hier war ja die polizeiliche Meldestelle.
Genervt und eine halbe Stunde zu spät, erreichte ich meinen Schulhof. Plötzlich wurde ich von hinten zu Boden gerissen. Jemand drehte mich, noch am Boden liegend, um und knutschte mich eklig nass ab. Als ich mich langsam aufrappelte, war Claudia gerade dabei, mich von oben bis unten mit Sekt zu bespritzen. “Bist du bescheuert oder was?”, brüllte ich sie an und dachte, dass meine überdrehte Klassenkameradin jetzt endgültig reif für die Klapsmühle wäre. Sie schnitt verrückte Grimassen, schrie irgendetwas und wedelte die ganze Zeit mit dem blauen Personalausweis vor meinem Gesicht herum. In diesem Moment wusste dann endlich auch ich, was in der gestrigen Nacht des 9.11. an der Mauer passiert war. Ich hätte fast gekotzt – Wahnsinn.

Für die Geschichtsstunde hatten wir für diesen, alles verändernden Morgen die Hausaufgabe gehabt: „Der antifaschistische Schutzwall, seine Berechtigung gestern und heute“. Wir ahnten bereits, dass uns das in 20 Jahren niemand mehr glauben würde. Aber es gibt ja Zeugen dafür. Kati ließ den nächsten Sektkorken knallen, und die alte Frau Kamerat verließ heulend das Klassenzimmer.
Nein, Otmar und ich gingen nicht einfach nach Hause und dann zum Checkpoint Charlie “rüber”. Ich mimte in Bio zunächst den todkranken Schüler und bat meine Klassenlehrerin Frau Schuhmann, ob mich der Otmar zum Arzt bringen dürfte. Obwohl sie es schmunzelnd genehmigte, gingen wir Idioten wirklich noch pflichtbewusst zum Doktor. Das Wartezimmer war komplett leer, und der sehr alte Doktor erkannte an meinem viel zu schnellen Herzschlag, dass er mich sofort in Richtung Grenzübergang Invalidenstraße (wie passend) entlassen musste. Was war ich nur für eine riesengroße Pfeife?

Wir saßen im Zug der Verlierer, der Menschen, die gestern verpennt hatten und sich den ganzen Tag die euphorischen Geschichten der anderen hatten anhören müssen. Unangenehme Zeitgenossen lasen die BZ ihrer bereits „drüben“ gewesenen Kollegen. Kurz vor der Mauer quetschten wir uns durch die kreischenden Massen in Marmor-Jeans, riefen ihnen „Scheiß Ostler!“ hinterher und ärgerten uns immer noch, dass wir heute mit dem nervigen “Mob” rüber mussten. Ausgerechnet in diesem historischen Augenblick waren wir auf Häuser geklettert und hatten den Nachthimmel angeheult.

Als wir den letzten Schlagbaum passiert hatten, geschah dann aber doch etwas mit mir. Das Herz begann zu hämmern und sicher spürte ich bereits, dass wir unser Land soeben für immer verlassen hatten. Ich umarmte Otmar sehr lange, und fast wäre mir sogar ein Tränchen entwichen. Unser allererster waschechter Westberliner auf der anderen Seite drückte jedem von uns einen 10-DM-Schein in die Hand und sagte lächelnd: „Viel Glück!“

Am 10.11.1989 standen wir um 11.30 Uhr am Bahnsteig des heillos überfüllten Lehrter Stadtbahnhofs. Wir warteten nun schon über eine halbe Stunde auf die S-Bahn in Richtung Zoo. Wir wollten uns am Wasserklops vor dem Europacenter mit den anderen treffen. Otmar sagte genervt: „Scheiß Westen!“, und ich stimmte ihm verschlafen zu.
.
Zum Weiterlesen: Mauergewinner oder ein Wessi des Ostens
.
Oder bei Spiegel Online als “Mauerfall verpennt”
.

.

.

[Weiter...]


Touristenfalle – der Tag nach dem Mauerfall 1989

6. Juni 2019 | von | Kategorie: Blog, Leseproben, Mauergewinner Leseproben

Am 10. Nov. 1989 sitzen wir um 10 Uhr in einer vollbesetzten S-Bahn in Richtung Friedrichstraße. Es ist ein Zug der Verlierer, ein Zug all jener Menschen, die gestern verpennt und sich den ganzen Tag die euphorischen Geschichten der anderen vom Mauerfall haben anhören müssen. Ein unangenehmer Zeitgenosse mit Schnurbart liest die BZ eines bereits „drüben“ gewesenen Kollegen. Die Titelschlagzeile lautet:

Die Mauer ist weg!

JEDER darf ab sofort durch!

Deutschland weint vor Freunde.

Die ersten sind schon da!

Wir reichen uns die Hände!

Otto reicht mir die Hand und sagt: „Jetzt muss ich auch gleich heulen, hab meine Kippen zu Hause vergessen.“ „Scheiße ich habe auch nun noch zwei“, antworte ich.

Am Grenzübergang Invalidenstraße quetschen wir uns rauchend durch kreischende Massen in Marmor-Jeans, rufen ihnen: „Scheiß Ostler“, hinterher und ärgern uns noch immer, dass wir heute mit dem nervigen Mob rüber müssen. Ausgerechnet diesen historischen Augenblick haben wir verschlafen, weil wir uns bis tief in die Nacht den Blindmachern ostdeutscher Spirituosen-Fabrikanten hingegeben hatten.

Als wir den letzten Schlagbaum passieren, geschieht dann aber doch etwas mit mir. Mein Herz beginnt zu hämmern und irgendwann scheint mein Hirn zu realisieren, dass ich mein – mir vertrautes – Heimatland sogleich für immer verlassen werde. Schon bei unserer Rückkehr wird es ein anderes sein.

Ich umarme Otto lange und eine Träne kullert mir die Wange herab, welche ich rasch mit dem Ärmel fortwische. Auch meinem besten Freund ist anscheinend gerade was ins Auge geflogen. Er sagt: „Was ist denn das für ein starker Westwind?“ „Ja, und voll der Smog hier!“, pariere ich. Wir lachen und klatschen mit erhobenen Händen ab.

Nach zwanzig Metern kommt ein etwa dreißig jähriger Typ mit Kamera auf uns zu: „Das war ja echt herzergreifend, euch gerade zu beobachten.“ Er drückt jedem von uns einen 10-D-Mark Schein in die Hand und ruft lächelnd: „Viel Glück!“

An der nächsten Ecke ist ein Zigarettenladen. Wir kaufen uns beide eine erste, echte Camel-Packung und dazu passend ein Camel-Feuerzeug.

„Wenigstens werden wir uns immer daran erinnern, dass wir uns gleich was Sinnvolles gekauft haben“, meint Otto, während er mir Feuer gibt. Ich ziehe und nicke dann beflissen.

Um 11.30 Uhr stehen wir auf dem Bahnsteig des vollkommen überfüllten Lehrter Stadtbahnhofs. Wir warten nun schon seit einer halben Stunde auf die S-Bahn in Richtung Charlottenburg. Otmar ruft genervt: „Scheiß Westen!“, und ich stimme ihm auch hierbei grinsend zu.

In einem Abteil, in dem man aufgrund der Massen nicht umfallen kann, fahren wir an den einzigen Ort, den wir zu kennen scheinen: Zoologischer Garten. Den Bahnhof Zoo, die Gedächtniskirche, den Kurfürstendamm, das Europacenter, den Zoopalast und das KDW müssen wir in der Abendschau im Dritten Programm unterbewusst schon so oft gesehen haben, dass es gar keine andere touristische Alternative gibt. Fast alle anderen Passagiere drücken sich auch aus dem Wagen.

Auf dem Vorplatz begegnen wir einer Sachsen-Horde. „Wie sind die denn so schnell hergekommen?“, fragt Otto. „Mit dem Trabi, nehme ich an“, antworte ich und bin schon jetzt genervt von dem riesigen Menschenauflauf. Besonders vor zwei Banken bilden sich gigantische Schlangen. Die Polizei, eine Feuerwehr-Staffel und diverse Rettungssanitäter sind ebenfalls vor Ort.

„Was gibt’s denn hier?“, fragt Otto einen Kerl. „Na hunnderd Morg grischt heude jeda geschängt!“, antwortet der im tiefsten sächsisch. Wenig später erfahren wir von einem Übersetzer, dass Westberlins Bürgermeister Momper bereits in der Nacht alle Sparkassen und Banken angewiesen hat, dass die Auszahlung von 100 D-Mark Begrüßungsgeld an jeden Ostdeutschen durch Vorlage des DDR-Personalausweises erfolgen soll. Das Geld gab es wohl schon immer, aber da kamen eben nur ein paar Rentner und Privilegierte in den Genuss. Nun sind es Hunderttausende.

Von LKWs werden Zeitungen, Schokoladentafeln, Kaugummis, Seife und Tonnen von grüner Bananen in die sich davor fast prügelnde Meute geworfen und von all den „Freiheitsidioten“ in mitgebrachte Hamster-Dederon-Beutel gestopft.

„Was für eine Touristenfalle“, grummele ich. „Ist wohl eher ’ne Ossifalle! Von der Montagsdemo direkt ins Kaufhaus des Westens“, entgegnet Otto, der sich genauso zu schämen scheint.

Allerdings betrachten auch viele andere Passanten die Szenen mit Abscheu. Wir ahnen, dass der bekannte – uns alle vereinende – Schlachtruf vor dem Mauerfall: „Wir sind das Volk“, seit Stunden keine Bedeutung mehr hat.

Von diesen, dem Konsumrausch unmittelbar verfallenen Menschen möchten wir uns mit aller Kraft distanzieren. Etliche ältere DDR-Bürger benehmen sich, als wären sie hungernde Kinder eines Dritte-Welt-Landes nach einem verheerenden Bürgerkrieg. „Komm lass uns abhauen“, rufe ich.

Die Buchhandlung im Bahnhof wirkt wie ausgestorben. Otto lässt sich auf einem Stadtplan zeigen, wo das „Sound and Drumland“ zu finden ist. Dann verlassen wir den Ort der Schande. Erst um 16 Uhr müssen wir wieder am Wasserklops sein, da wir uns dort mit den anderen Jungs aus der Schule verabredet haben.

Während ich einige Zeit später ganz verloren in dem Laden für Musiker herumstehe, starrt mein Schlagzeuger-Freund mit offenem Mund und leuchtenden Augen eine Stunde lang all die Instrumente an, welche er hier für Westgeld kaufen könnte.

Nach langer Diskussion überzeuge ich ihn, nun auch mal unsere Begrüßungs-Taler abzuholen. Er findet dies hochgradig peinlich. „Aber wir müssen doch auch noch Bier kaufen“, sage ich mit betont ernster Stimme.

In einer fast leeren Deutschen-Bank-Filiale an der Bismarckstraße lassen wir uns die blauen Ausweise abstempeln und sind nach 5 Minuten 100 D-Mark reicher.

„Okay Scheppi, dann gehen wir jetzt aber auch Alk besorgen, bevor wir die anderen treffen“, meint Otto, den mein letztes Argument wohl doch überzeugt hatte.

Gleich ums Eck liegt eine Kaisers-Kaufhalle, deren Warenangebot mich erstmal umhaut und total überfordert, obwohl ich es mir nicht anmerken lasse. Sehr lange bestaune ich das riesige Regal mit den Sektflaschen, in dem nicht – wie bei uns – eine Sorte, sondern 20 verschiedene stehen. „Was ist denn das für eine Verarsche“, schreie ich Otto zu, da ich erst spät realisiere, dass die billigsten Pullen ganz unten in der Auslage versteckt sind. „Sag ich doch, voll die Ossi-Verarsche“, ruft mein Freund, der bereits zwei Flaschen der Marke Faber zu 1.99 DM herausgefingert hat. Wir sind vom Preis begeistert und kaufen letztendlich vier Pullen. Die bunte, kapitalistische Warenwelt lässt uns vergessen, dass wir eigentlich ausgemachte Biertrinker sind.

Zurück am Bahnhof Zoo entdecke ich in dem Auflauf von nunmehr sicherlich 100.000 Menschen mein Bruderherz Benny in der Ferne. Er hört mein Brüllen nicht, da er neue schwarze Kopfhörer auf den Ohren trägt. Ich ahne, dass er keine 5 Minuten gebraucht hat, um am Kudamm sein komplettes Begrüßungsgeld in einen Walkman von Sony zu transferieren.

Mittlerweile hört man überall Einheimische schimpfen, dass die Bahnen, Banken und Geschäfte alle von den Scheiß-Ostlern verstopft werden. Die Stimmung kippt nach nicht einmal einem Tag. Nur die Sachsen singen: „Blühe, deutsches Vaterland“.

Der Mauergewinner

Als wir am weltberühmten Wasserklops – in der Realität ist es lediglich ein hässliches Wasserspiel aus roten Granitblöcken – einen freien Platz suchen, hören wir plötzlich unsere Namen rufen. Matze und Koschi haben sich an der Treppe, welche den Brunnen umgibt, niedergelassen. Vor ihnen stehen mindestens 20 Dosenbier in einem Pappkarton. Koschi kreischt: „Pornos, Nutten, Dosenbier – Helmut Kohl wir danken dir!“. Ich muss zum ersten Mal am heutigen Tag lauthals lachen.

Dann umarme ich die beiden, denn es ist ein verdammt bizarres, unwirkliches Gefühl, jemanden, den man kennt, im „Westen“ zu treffen.

Hinter mir ruft Otto: „Jetzt lasst mal die Schmusereien“, und drückt mir eine der Sektpullen in die Hand. Wir lassen die Korken knallen und spritzen uns dann gegenseitig voll, bevor wir den Flaschenhals zum Mund führen – und die Flüssigkeit sofort wieder ausspucken. „Pfui, was ist das denn für ein Zeug?“ Der Sekt ist warm und unglaublich süß, als bestünde er nur aus stark gezuckertem Sprudelwasser.

„Voll die Touri-Falle, oder? Nehmt euch mal lieber ein lecker Karlsquell“, sagt Matze und wirft mir eine Dose zu, die ich mit einer Hand fange. „Das heißt seit heute Ossi-Falle“, korrigiert ihn Otto und Koschi ergänzt: „Ist mir in der Peep-Show auch schon aufgefallen. Lasst uns mal lieber nach Kreuzberg fahren. Da soll im Kino auch ‚Blaue Strapse‘ laufen. Und außerdem ist es dort, wie man hört, nicht ganz so touristisch.“

‚Richtig‘, denke ich ‚in der Gegend um den Kudamm sollte Tag 1 nach dem Mauerfall wirklich nicht enden.‘

Mehr Mauergeschichten von mir: Mauergewinner oder ein Wessi des Ostens

.

.

.

[Weiter...]