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Europameister Dänemark? Fussball-EM 1992

20. Januar 2016 | von | Kategorie: 90 Minuten Leseproben, Blog

Icke Schwertfisch
„Wart ihr denn schon im Aztekenstadion?“, brüllt mein Vater in den Hörer. Obwohl ich sofort verneine, plappert er einfach drauflos und erzählt vom EM-Halbfinale, das vor zwei Tagen stattgefunden hatte. Endlich hätten die mal vernünftig gespielt und wären durch das 3:2 ins Finale gegen Dänemark eingezogen. „Häßler und zweimal Riedle“, berichtet er, als ob das für mich eine Rolle spielt. „Danke Alter, aber eigentlich wollte ich euch nur sagen, dass ich gut angekommen bin!“ Erstmals wird mir bewusst, wie gerne mein Vater zur Fußball-WM 1986 nach Mexiko gefahren wäre. Doch den göttlichen Maradona einmal live im Aztekenstadion zu sehen, war ihm nicht vergönnt gewesen. Der Mauerfall kam für ihn ein paar Jahre zu spät.
Mit einem grün-weißen Käfer-Taxi geht es zum Busbahnhof. Auch die Jungs wollten sofort den Pazifik sehen. ‚Gegen Dänemark?’, sinniere ich. ‚Dann werden die jetzt auch noch Europameister. Sollte Beckenbauer also recht behalten, dass die BRD nun auf Jahre hin unbezwingbar wäre.’ Ich entdecke einen Obststand. Viele der exotischen Früchte habe ich noch nie zuvor gesehen. „Ist mir doch scheißegal“, murmele ich vor mich hin. „Was?“, fragt Matze. „Nichts Wichtiges!“
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Ein paar Tage später…
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Es ist 6.20 Uhr als wir die Wohnung verlassen. Wir haben verpennt. „Sag mal, hast du gestern eigentlich alle Touris gefragt, wie Deutschland gespielt hat?“, will Göte im Wagen neben mir wissen. „Mmmh?“, überlege ich mit schwerem Kopf. „Und du hast jeder zweiten Tante ‚Te quiero’ ins Ohr gebrüllt“, antworte ich. Matze freut sich, dass wir uns freuen. „Ich liebe dich“ (Te quiero), „Herz“ (Corazón) und „Aschenbecher“ (Cenicero) können wir neben „drei Bier“ und „Danke“ (Gracias) nun auch schon sagen. Das Finalergebnis der Fußball-EM weiß ich noch immer nicht.

Hunde

An der Marina sehen wir einer Yacht hinterher. Gabriela rennt zum Hafenmeister und über Funk informiert, kehrt das Boot wieder um. Jimmy grinst etwas säuerlich, während Göte und ich sofort unter Deck verschwinden. Verschwitzt wache ich wieder auf und schwanke nach oben. Am Heck herrscht hektisches Treiben. Matze sitzt neben Jimmy auf einem Campingstuhl und umfasst die, im Boden stabilisierte, Angel mit beiden Händen. „Attention! It´s a blue marlin. It´s a big trophy“, brüllt eines der Crewmitglieder aufgeregt. Mit angespanntem Bizeps spult mein Freund die Sehne immer weiter auf, bevor er sich und dem riesigen Fisch eine kleine Atempause gönnt. Jimmy wirkt angepisst. Es ist der erste Biss am heutigen Tag – ausgerechnet an der Angel, die er meinem Kumpel zuvor großzügig angeboten hatte. Matze hat ihn jetzt bis kurz vors Boot herangezogen. Mit dem Speer voraus springt er im Todeskampf immer wieder aus dem Wasser. Sein Oberkörper glänzt kobaltblau, während die Unterseite silbern-weiß schimmert. Ich gehe zu Jimmy hinüber. „This must be the most beautiful fish in the ocean“, flüstere ich begeistert.
Der Speerfisch hat nun das Heck erreicht. Der Typ, der das mit der Trophäe gesagt hatte, springt auf und hämmert ihm mit einer Baseballkeule auf den Schädel. Zu zweit wuchten sie ihn schließlich an Bord. Innerhalb weniger Sekunden verliert das Tier sämtliche Farbpigmente und den Glanz seiner Schuppen. Ein über zwei Meter großer, grauer Fisch liegt vor uns auf den Planken. Ernüchtert setze ich mich zu Abby und Emily, die ihre Leiber mit den Bikini-Titten lasziv auf dem Bug bräunen und beschreibe ihnen meine Gefühle. Doch sie scheinen mich nicht zu verstehen.
An Land verabschieden sich Jimmy, Liz und die Mädels emotionslos von uns und schenken den Marlin der Fischfabrik. Ich weiß, dass wir sie nie wieder sehen werden.
Schwertfisch

Göte und ich wollen noch ein bisschen am Hafen bleiben und lassen die Beine über die Kaimauer baumeln. Auf einer Yacht nebenan läuft „Summer of 69“ von Bryan Adams, als zwei Typen quatschend an uns vorbei laufen. Ich drehe mich um. ‚Das war doch Deutsch!’, denke ich und rufe die beiden zurück: „Wisst ihr zufällig wie das Finale ausgegangen ist?“ Sie scheinen zu verstehen. „2:0“, sagt der eine und fügt hinzu: „Aber Achtung! Für Dänemark.“ Ich schaue an meinen Füßen herab. Das Meer funkelt in der Sonne, wo es gegen die Steine der Mauer schlägt. Exotische Muscheln kleben an den Wänden und bunte Fische sind zu sehen. Was werde ich vom Sommer 1992 aufbewahren? Dass in jener Zeit eine Fußball-EM stattgefunden hatte? Aus dem Radio nebenan erklingt der Refrain „Those were the best days of my life“, doch ich ahne, dass die besten Tage meines Lebens noch vor mir liegen.
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Wieder ein paar Tage später…

Oh Mann, hab ich einen Schädel! Ich lege mir das Handtuch über die Schultern und laufe hinunter zum Strand. Matze kommt mir entgegen und ruft kopfschüttelnd: „Geh lieber nicht weiter, wir haben da gerade eine Leiche herausgezogen.“ Seine Augen sind vor Entsetzen geweitet. Ich schaue mich um. Dulce sitzt schluchzend neben den Hängematten. Christoph hat einen Arm um sie gelegt und versucht sie zu trösten. Auch Xochil läuft barfuss durch das kleine Restaurant und weint. Ich schaue gebannt auf ihre Füße. Am rechten fehlen zwei Zehen. Reste-Knut starrt irritiert auf die vielen stehen gelassenen Teller der Gäste und auf einem Hügel hockt Veronica in sich zusammengekauert. Mit leerem Blick schaut sie an mir vorbei. Wie in Trance laufe ich weiter. Fünf Meter vor mir steht Robert, der mit einem Polizist spricht. Vor ihm liegt etwas im Sand. Doch die Plane ist viel zu kurz, sodass man die Füße und den Kopf mit den vollen schwarzen Haaren erkennen kann. ‚Ist das Göte? Bitte nicht! Scheiße!’ Geschockt bleibe ich stehen. Sein dümmliches „Live fast, die young“-Gequatsche kommt mir in den Sinn. Doch nun erkenne ich das aufgeschwemmte Gesicht. Es ist einer der Einheimischen, mit denen wir gestern gefeiert hatten. Mir wird kotzübel. Wir befinden uns seit acht Tagen in Zipolite. Was war geschehen?

Als wir von Veronica mit „café americano“ geweckt werden, strahlt die Sonne. Sie erklärt uns, dass wir die Nacht in der „Piña Palmera“ verbracht hatten – einer Fürsorgeeinrichtung für wahrnehmungsgestörte Kinder. In unserer Hütte schlafen eigentlich die Studentinnen der Uni von Mexiko City, die hier ihren sozialen Dienst leisten. Heute werden alle nach den Ferien wieder eintreffen. Veronica ist eine von ihnen und auch das überaus erotische Mädchen vom Vortag arbeitet hier. Ein Traum wird Wirklichkeit, denn sie kommt zusammen mit einer Freundin, die einen weißen Bikini und schwarze Gummistiefel trägt, zu uns herüber gelaufen. Veronica stellt sie uns als Dulce und Xochil vor. Die Brüste und der Hintern der Gummistiefelfrau sind fast schon zu gewaltig, um ästhetisch zu sein.
Palmen

Dennoch geht von ihrem prallen Körper und dem zynischen Lächeln, eine gewisse Versautheit aus. Dulce ist sowieso zuckersüß. Schüchtern bedanken wir uns für das rettende Nachtasyl und verlassen die Anlage. Die drei winken uns kichernd hinterher.
Wir durchqueren einen verwüsteten Palmenhain und erreichen Zipolite. Der Ort scheint nur aus hellem Sandstrand, blauem Pazifik, sattgrünen Pflanzen und ein paar Holzverschlägen zu bestehen. Wir laufen zu einer kleinen Ansammlung dieser Bretterbuden, mieten uns ein Zimmer und drei Hängematten am Strand.
Respektvoll beobachten wir die gigantischen Wellen, während unser „Filete de Atun“ zubereitet wird. Zwei langhaarige Kiffer-Typen setzen sich an den Nachbartisch. „Warum ist denn hier keiner im Wasser?“, fragt Matze. Es sind Deutsche und der Kerl mit der Brille erklärt, dass Zipolite in der Sprache der Zapoteken „Strand der Toten“ bedeutet. Besonders dieser Abschnitt ist für gefährliche Rückströmungen und extreme Sogs bekannt. Jedes Jahr ertrinken hier Menschen. „Lauft runter zum Playa del Amor“, endet er freundlich. Am Strand der Liebe könne man nicht ersaufen.
Christoph und Robert kommen aus dem Wedding in Berlin und scheinen in Ordnung zu sein. Obwohl der Mauerfall nun schon über zwei Jahre zurück liegt, hatten wir noch keinen einzigen Menschen aus dem anderen Teil der Stadt richtig kennen gelernt. Ost- und Westberliner waren unter sich geblieben.
Bei einer zweiten Scheibe des fleischartigen Fischs am Abend nähern wir uns langsam an. „Hey Knut, komm mal her!“, ruft Christoph einem völlig verpeilt wirkendem Typen zu, der aus der Ferne auf unsere Teller gestarrt hatte. Obwohl nur ein paar Pommes übrig geblieben waren, stürzt er sich gierig auf die labbrigen Teile und verschlingt sie schmatzend am Nachbartisch. „Jetzt habt ihr auch gleich mal Reste-Knut kennen gelernt“, sagt Robert schmunzelnd. „Der kriegt gar nichts mehr mit. Völlig durch den Wind!“ Der arme Kerl mit dem Rauschebart wäre wohl auf einer Droge hängen geblieben – Meskalin vermutlich – und habe dabei, die Fähigkeit zu Sprechen verloren. Er ist der erste Däne, den wir auf unserer Reise treffen und lebt hier von Speiseresten. Ich rufe hinüber: „Hey Knut, du alte Rinde. Dänemark ist gerade Europameister geworden!“ Er starrt mich mit ängstlichen Augen an, steht auf und verschwindet im Hain der Palmen. Christoph kullert sich eine Tüte und lacht.

Cabo San Lucas

Mein erstes westeuropäisches Reiseziel war Dänemark gewesen. Elli, Göte, Matze und ich hatten im Dezember 1989 am Bahnhof an der alten Anzeigetafel das Reiseziel „Kopenhagen“ entdeckt und spontan entschieden, in den Zug zu steigen. Die Dänen hatten uns mit einer unerwarteten Herzlichkeit und Wärme empfangen und – da wir nur wenig Westgeld mit uns führten – auch mit unzähligen Kronen aus der Patsche geholfen. Allein wegen dieser zwei Tage werde ich ihnen ein Leben lang dankbar sein. Manchmal hätte ich mir sogar gewünscht, dass dieses kleine Land unser Partner bei einer Wiedervereinigung gewesen wäre.

Wir sitzen im Sand unter den Hängematten und mischen Cola mit Bacardi. Robert ist auf das Thema Fußball angesprungen. Er hatte das EM-Finale auf dem Darß an der ostdeutschen Ostsee gesehen und beschwert sich bitterlich bei mir, dass die meisten Leute in der Bar bei den Toren der Dänen gejubelt hätten. „Seid ihr Ossis eigentlich alle bescheuert oder was?“, fragt er mit höhnischem Grinsen. Ich versuche es zu erklären. Viele meiner Landsleute hatten in den letzten zwei Jahren den Bezug zu ihren lokalen Teams verloren. Bekannte ostdeutsche Mannschaften kicken nun in tieferen Ligen und Fankurven wurden von Hooligans übernommen. Die Menschen hatten, wie ich, ihre Identifikation verloren. Millionen Ostdeutsche waren Fans von Dynamo Dresden und Hansa Rostock geworden, nur weil sie die Einzigen waren, die in der Bundesliga spielten. Warum sollten wir also nicht auch für die Dänen jubeln?
In diesem Moment sehe ich etwas Schwarzes mit zwei Scherenbeinen über den Sand krabbeln. Am Ende der panzerartigen Ringe seines Hinterleibes ragt ein sichelförmiger Stachel nach oben. Robert ruft: „Okay, ihr seid bescheuert.“ Ich springe auf, deute nervös auf das unbekannte Krebsding und brülle: „Ja!“
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yeah

Sieben Tage später: Wir hatten unsere Abreise immer wieder verschoben, doch jetzt hängen wir regelrecht fest. Göte, der bereits zweimal durch den Fluss geschwommen war, berichtete, dass die Straßen noch immer unpassierbar wären. Kein Bus, kein Taxi, kein Telefon. Wir versacken im Paradies. Ich liege in der Hängematte, schaue aufs rauschende Meer und denke an die zurückliegenden Tage. Wir hatten viele angenehme Leute getroffen und Christoph und Robert waren zu richtigen Freunden geworden. Mit Veronica, Dulce und Gummistiefel – wie sie nun alle nannten – da sie die Dinger immer trug, waren wir gleich auf die hübschesten Studentinnen der Pina Palmera gestoßen. Fast jeden Abend sitzen wir zusammen am Lagerfeuer, philosophieren über Gott und die Welt und kommen uns immer näher.
Am Ende des Strandes sehe ich Veronica winken und erwache aus meinem Tagtraum. Ich bin am Playa del Amor mit ihr und einigen, der zum Teil auch körperlich behinderten Kindern verabredet. Waren sie mir gegenüber anfangs noch ängstlich und zurückhaltend gewesen, rennen wir nun schon seit Tagen gemeinsam über den Strand und schaufeln kleine Wannen in den Sand, in denen wir stundenlang plantschen. Die kleinen Wesen, mit den schwarzen Knopfaugen, strahlen, sobald sie Vertrauen gefasst haben, eine so ansteckende Lebensfreude aus, dass ich immer ganz traurig bin, wenn wir uns verabschieden müssen. Veronica genießt meine Anwesenheit sichtlich und empfindet scheinbar auch mehr für mich. Sie hatte mir viele Wörter erklärt, indem sie Sachen mit dem Finger in den Sand malte. „Te quiero“ umschrieb sie mit einem Herz, in welchem ein Pfeil in der Mitte steckte. An die Enden zeichnete sie ein „V“ und ein „M“. Doch ich kann ihre Gefühle nicht erwidern. Eine unverbindliche, heiße Nacht, das könnte ich mir vielleicht sogar vorstellen, aber eben nicht mit Veronica. Sie ist ein naives, katholisches Mädchen, viel zu gut und zerbrechlich, um verletzt zu werden.

Veronica
Nach unserem Treffen laufe ich am Strand zurück und entdecke zwei Körper eng umschlungen im Sand liegen. Es sind Dulce und Christoph. Die Traumfrau, die so unerreichbar erschien, gibt sich vor meinen Augen, dem verpeilten, tätowierten, Kiffer-Taxifahrer aus Westberlin hin. Mann, bin ich naiv! Ich laufe zum Restaurant, bestelle Thunfisch und beschließe, mich heute abzuschießen. Reste-Knut grinst, als er sieht, dass ich die Hälfte des Essens liegen lasse und zum Lagerfeuer laufe.
Davor hockt Göte mit ein paar Einheimischen. Sie trinken Mezcal – da bin ich dabei. Auch Robert und Gummistiefel stoßen dazu. ‚Bitte nicht die beiden auch noch’, denke ich kurz, doch die Rubensfrau mit den Riesentitten setzt sich neben mich. Aus den Lautsprechern der Bar ertönt Reggae-Musik und nachdem die ersten zwei Pullen im Sand liegen, kreisen die Joints. Obwohl ich damit sonst immer sehr vorsichtig bin, ziehe ich in kräftigen Zügen, wenn ich an der Reihe bin. Das Zeug ist heftig. Die Gesichter vor mir verschwimmen und die Gespräche werden zu zusammenhangslosen Fetzen. Andererseits sehe ich bestimmte Dinge in überraschender Klarheit. Reste-Knut läuft im Schatten der lodernden Flammen vorbei. Seine Lippen bewegen sich. Er scheint: „Mark, du alte Rinde. Dänemark ist gerade Europameister geworden!“, zu sagen. Das Zeug ist zu heftig!
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Ich lasse mich nach hinten in den Sand fallen, schaue zu den Sternen und spüre eine warme Hand auf meinem Bauch. Ein Schuh aus Gummi berührt meine Wade. Doch jemand ruft: „Hey Scheppi, lass uns baden gehen!“ Göte zieht mich nach oben. Er hatte soeben mal wieder den Mezcal-Wurm verspeist und scheint, wie ich, dicht zu sein. Eine Abkühlung könnte uns nicht schaden. Als ich meine Short ausziehe, beobachte ich, wie Gummistiefel lächelnd meinen Schwanz betrachtet.
Nackt stürzen wir uns in den tiefschwarzen Ozean. Wir sind bereits hüfttief im Wasser und ich bilde mir ein, dass die nächtliche Brandung nun noch viel gewaltiger gegen den Strand donnert. Eine Welle trifft mich mit voller Wucht. Sie wirbelt mich herum und drückt mich zu Boden. Mein Körper wird von einem kräftigen Sog erfasst und als ich den Kopf endlich wieder über die Wasseroberfläche bekomme, habe ich die Orientierung verloren. Ich kann nicht mehr erkennen, wo Horizont und Ufer sind, und rufe in panischer Angst nach Göte. Der nächste Brecher haut mich um. Es fehlt mir die Kraft, mich aufzurichten und ich ahne, dass ich jetzt sterben werde. Die nächste Mörderwelle rollt über mich hinweg. Plötzlich umfasst jemand von hinten meinen Arm. Ich schreie, spüre aber zugleich, dass mir die bärenstarke Hand zu helfen versucht. Meine Füße berühren wieder den Meeresboden und an Land ist ein kleines Licht zu sehen. Zusammen mit Matze falle ich entkräftet in den Sand.
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Nach fünf Minuten steht er auf und geht wortlos zurück zu unserer Hütte. Ich bin kurz davor laut loszuheulen, als sich Göte neben mich setzt. Matze, der seit Tagen fiebrig erkältet ist, hatte ihn noch vor mir an Land gezogen. Auch Göte geht schlafen, doch ich brauche noch etwas Zeit für mich. Mit pochenden Schläfen schraube ich den Verschluss der Flasche auf und trinke in kräftigen Zügen. Meine, um den Schnaps geschlungenen, Fingerknöchel werden immer weißer…

– Die hier nun folgende krasse Sexszene gibt es nur im Buch –

…gegen 12 Uhr wache ich auf. Oh Mann, hab ich einen Schädel! Ich lege mir das Handtuch über die Schultern und laufe zum Strand. Matze kommt mir entgegen…

Zum Weiterlesen…


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Unsterblichkeit – Brasilien Fussball-WM 2014

27. November 2015 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog

BrasilTosende Wellen ersticken den Wind und eine urwüchsige Brandung übertönt jedes andere Geräusch, obwohl all meine Freunde zu juchzen scheinen. Seit zwanzig Minuten kämpfen wir nun schon mit den Wassergebirgen – stürzen uns, sobald ein neuer Brecher heranrollt, auf seinen Kamm und rasen auf ihm mit aller Gewalt in Richtung Strand. Ich habe ein gutes Timing für den Absprungs-Moment auf die weiße Schaumkrone und würde einen internen Bodysurf-Cup wahrscheinlich gewinnen. Oftmals zische ich fast bis zur Uferkante, um mich mit aufgeschürften Knien sofort wieder knapp sechzig Meter in die aufgewühlte See zu stürzen. Plötzlich sehe ich Danny, die als einzige draußen geblieben war, hektisch am Strand winken. Sie möchte uns etwas zurufen und deutet mit dem Zeigefinger aufgeregt in Richtung der sich vor uns auftürmenden Brecher.
Ich habe keine Ahnung, was sie will, denn wir sind hier im brusttiefen Wasser nicht sonderlich in Gefahr und auch ein Tsunami rollt gerade nicht gen Küste. Sylvie, Jenna und Erni bemerken das wild gestikulierende Rumpelstilzchen erst gar nicht.
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Doch da sie mit ihrem Gezappel gar nicht mehr aufhören will, lasse ich mich im Weißwasser an die Küste fluten und auch Sylvie, Erni und Jenna waten alsbald an Land. Danny kommt uns entgegen und brüllt: „Habt ihr denn nicht die Delfine gesehen?“ „Welche, was?“, nuschelt Erni, wie immer ein wenig begriffsstutzig. „Mensch! Delfine, die direkt hinter euch in die Luft gesprungen sind!“, ruft sie entsetzt, ob unserer Blödheit. Und richtig, als wir den Hügel, dort wo unsere Sachen liegen, erklommen haben, sehen wir unzählige Finnen der grazilen Wesen unmittelbar hinter der ersten sich brechenden Welle aus dem Wasser ragen. Dann hebt einer ab. „Wow, Scheiße“, stottern wir im Chor, da zwei von ihnen dabei fast schon akrobatische Figuren vollführen. Wir befinden wir uns an der Baia dos Golfinhos und hätten soeben die magischen Tiere der Meere fast berühren können. Als ich das allmählich realisiere, ist Danny längst in Richtung Pazifik gestürzt und auch Sylvie und die Jungs folgen ihr im Laufschritt. Nur ich setze mich in den warmen Pulversand.
Dies ist nun meine zehnte Reise nach Lateinamerika. Anfangs war ich oftmals ohne Sinn und Verstand durch diese exotischen Länder getingelt und hatte nie hinterfragt, warum ich das eigentlich tat. Doch mittlerweile kann ich das Augenblicksglück einfangen, weiß um meine Sterblichkeit und genieße Momente, die es nur im Hier und Jetzt gibt. Das ist so einer.
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Ich schaue Danny und Erni hinterher, die im Gegensatz zu Sylvie und Jenna schon die letzte Welle bezwungen haben. In Zeitlupe sehe ich sie im delfinverseuchten Wasser als Punkt am Wellenhorizont verschwinden. Sie spüren dabei sicher gerade die kribbelnde Freiheit zwischen ihren Fingern. Gebannt beobachte das Schauspiel.
Die beiden sind zum ersten Mal in Südamerika und seit unserer Ankunft beneide ich sie darum, dass sie viele Gefühle auf diesem Kontinent gerade zum ersten Mal in ihrem Leben verspüren. Ich bin eben schon mit Delfinen geschwommen, hatte ihre elastische Haut befühlt und danach fast geflennt. Mit leuchtenden Augen reisen die „Neuen“ seit Tagen mit uns durch das Brasilien. Danny, die in der Heimat kaum mit Fremden redet und wegen Kontaminierungsgefahr am liebsten den ganzen Tag mit Handschuhen herumlaufen würde, gibt sich besonders volksnah und berührt jede ihr unbekannte subtropische Pflanze, Korallenart und sogar Käfer oder Insekten mit einer ansteckenden Neugier. Und Erni, der niedlich sächselnde Sachsen-Anhalter, findet sowieso alles „Dib Dob“ (Tip-Top). Ich würde vieles dafür geben, bestimmte Gefühle auch noch einmal, zum ersten Mal so intensiv zu spüren. Eine Sehnsucht, so groß wie der Pazifik. Sylvie winkt mir lächelnd aus diesem zu. Ich leihe mir ein Surfbrett von den Strandnachbarn und paddele meiner Freundin und den Flippern entgehen. In diesem Augenblick ahne ich: So glücklich werde ich nie mehr im Leben – kurz vor einem WM-Spiel mit eigener Eintrittskarte – sein. Niemals!
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Wir befinden uns in Praia de Pipa. Das ehemalige Geheimtipp-Dörfchen an der brasilianischen Ostküste, welches sich an vertikale Klippen mit dahinter liegendem atlantischen Regenwald und die vielleicht schönsten Strände des Landes schmiegt, beherbergt in seinen unzähligen Pousadas zur Zeit fast ausschließlich Fußballfans aus aller Welt. Das sonst so hippe Örtchen ist dem WM-Fieber erlegen, da es zu den Spielorten nach Recife, Natal und Fortaleza nur einen Katzensprung ist – in südamerikanischen Maßstäben.
Wir waren drei Stunden zu sechst in einem Kleinwagen durch endlose Zuckerrohr-Plantagen gefahren. Mit der Pousada Tartaruga (Schildkröten-Pension) hatten wir nicht nur eine Traumunterkunft gefunden, sondern auch den Beweis erbracht, dass es während der WM 2014 möglich ist, sehr gut und günstig zu übernachten, ohne vorgebucht zu haben. Uns alle macht das in Hinblick auf die nächsten Wochen Hoffnung. Der Wohlfühlpool inmitten von acht Bungalows gehört uns allein und kleine Weißbüscheläffchen beobachten uns beim Frühstück.
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Jeden Nachmittag treffen sich die verschiedenen Länderfraktionen zu „ihrem“ Spiel und besonders bei den Knaller-Partien wie Brasilien gegen Mexiko, Spanien gegen Chile oder Uruguay gegen England explodieren die Kneipen entlang der sandigen Wege regelrecht. Trotz unerwarteter Niederlagen des einen oder anderen Favoriten geht es in Pipa harmonisch zu. Fast alle scheinen eine relaxte Zeit im tropischen Paradies verbringen zu wollen und selbst die krebsroten Briten kloppen niemanden auf den Kopp nach ihrem Ausscheiden nach nur zwei Spielen. Das Brasilien-Match gewinnen – in Fangesängen gemessen – sogar ihre Gegner. Die Mexikaner gehen emotional total durch die Decke! Mit Sombreros oder verrückten Boxer-und Rugbymasken bekleidet, schreien und singen sie fast ununterbrochen. Es hilft, denn ihr Team holt ein erstaunliches 0:0 gegen die Gastgeber.
Selbst die US-Boys treten geschlossen herzlich auf. Soccer ist in den USA traditionell eher ein Spiel der Looser, aber eben auch eines für Andersartige. Fast alle Typen sind schwerstens tätowiert, tragen Rasta, Iros oder lange Mähnen und zerzauste Bärte. Ein wilder Haufen! Zwei offenherzige Brüder – aus dem unaussprechlichen Massachusetts – lernen wir näher kennen und verbringen mit ihnen einen lustigen Abend in einem Rodizio, wo sie köstliches Fleisch mit Fleisch servieren.
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Und obwohl Deutschland im hiesigen Zeitfenster gar nicht spielt, strecken uns alle im Dorf die Daumen entgegen sobald sie erfahren, dass dies unser Heimatland ist. Der glorreiche Sieg gegen Portugal hat Eindruck geschunden. „Muito bom“. So kann es weitergehen!
Auch an den Stränden, mit solch klangvollen Namen wie Baia dos Golfinhos, Praia do Madeiro oder Praia do Amor, liegen überall Leute aus den Teilnehmerländern der Fußball-WM herum. Sie sind immer gut zuzuordnen, da fast jeder – trotz dreißig Grad im Schatten – voller Stolz das Trikot seines Teams am Meer spazieren trägt. Nur die dunkelhäutigen Brasilianer und rothäutige Engländer zeigen durchtrainierte Bäuche oder Wampen. Allerdings hat kaum jemand Frauen mit dabei – auch die anderen Deutschen nicht. Wir sind da eher die Ausnahme, aber ich glaube, dass Danny und Sylvie die Pfiffe und Blicke innerlich genießen.
Wir machen einen Fehler: satt noch einmal den Hügel mit Panoramablick auf die Delfinbucht zu erklimmen und vor dem Riff mit unseren neuen Freuden im lärmenden Geschnatter um die Wette zu surfen, laufen wir rechterhand an eine andere Bucht von Pipa. Dort wehen rote Fahnen vor blauschwarzen Wellenmonstern und niemand ist im Meer. Freund Erni, dessen Mansfelder Dialekt oftmals ein bisschen dümmlich klingt, wobei er vermutlich der Intelligenteste unserer Truppe ist, ruft dennoch: „Also ich geh jetzt rinn in die Brühe“. Niemand hindert ihn daran.
Wir bestellen jeder ein großes, auf 7 Grad heruntergekühltes Brahma und vertiefen uns in die von mir so geliebten „Dämlich-Laber-Gespräche“. Nach zehn Minuten sehe ich jemanden im Ozean aufgeregt mit den Armen wedeln. Das Problem: jeder würde seine Bewegungen wahrscheinlich als Winken, Freude oder Euphorie deuten, doch ich sehe auch aus der Ferne seine stark geweiteten Augen. Diese Unfassbarkeit hatte ich selbst schon einmal erlebt – mein Freund ist in Todespanik.
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Ich springe auf, renne zu ein paar Typen, die gelangweilt mit ihren Surfbrettern im Sand liegen und schreie sie in einem Sprachen-Wirrwarr-Mix an. Ich habe Glück, denn einem der Jungs ist sofort klar, was da draußen geschieht. Er spurtet mit dem schmalen Brett unter dem Arm in die schäumende See. Alle sehen, wie der sportliche Typ schon mit den ersten Wellen zu kämpfen hat, um sich Erni auch nur ansatzweise zu nähern. Er riskiert gerade sein eigenes Leben, um einen fremden Menschen vor dem Ertrinken zu retten. Plötzlich taucht ein weiterer Retter – fast aus dem Nichts – auf und versucht ebenso in Richtung meines Freundes zu paddeln. Er trägt ein gelbrotes Shirt – es ist ein Rettungsschwimmer.
Wenige Minuten später haben sie den noch immer nach Luft schnappenden Schwimmer an Land gezogen. Mittlerweile sind auch meine Freunde um ihn herum versammelt. Der Liveguard fragt in gutem Englisch mit brasilianischer Gelassenheit, ob wir total bescheuert wären? Erst gestern sei ein Argentinier genau an dieser Stelle ersoffen. Erni, der das nicht hört, röchelt: „Alles Dib-Dob!“. Aus dem Augenwinkel beobachte ich zwei halbnackte brasilianische Grazien, die das Schauspiel ziemlich ungerührt beobachten.
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Wenige Minuten später hat sich die Gruppenkonstellation geändert. Während der fast Ertrunkene mit Sylvie zurück zur Pousada läuft, machen Danny und Jenna Hand in Hand einen Spaziergang am Strand. Nur ich bin geblieben, blicke hinaus aufs Meer und spüre meine eigene Endlichkeit. Die Gedanken spielen verrückt: ‚Wie krass ist das denn? Beinahe wäre diese Reise von heute auf morgen beendet gewesen. Und der arme Typ aus Argentinien. Nicht nur, dass seine Freunde und die Familie um ihn weinen. Er fährt vermutlich zur ersten Fußball-WM seines Lebens und stirbt dann. Vielleicht wird sein Team in ein paar Wochen sogar den Titel holen.‘

Ich habe mich nach dem Abtritt meines Vaters mittlerweile halbwegs mit dem Tod arrangiert, da wir uns ja alle mal verabschieden müssen. Doch in diesem Augenblick wird mir noch einmal in aller Deutlichkeit vor Augen geführt, wie einschneidend und nahezu unglaublich unsere Sterblichkeit eigentlich ist. Wir sollten besser auf uns aufpassen, denn das Leben birgt gerade jetzt eine große Verpflichtung: Wir müssen diesen Scheiß-Pokal nach 24 langen Jahren endlich wieder einsacken!
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Zum Weiterlesen: 90 Minuten Update
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Anstoß am Ende der Welt – bei Spiegel Online

11. Juni 2014 | von | Kategorie: Blog

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Kein Mitleid! Ich hatte meine WM im eigenen Land bereits. Leider auf der falschen Seite der Mauer und im Alter von drei Jahren. Die Anekdote vom Endspiel 1974 geht etwa so: Mein Vater und mein Onkel haben sich im “Schubert-Eck”, Mollstraße, Ecke Hans-Beimler-Straße beim Frühschoppen so dermaßen einen eingeholfen, dass sie beim Finale BRD geben Holland schnarchend bei uns auf dem Wohnzimmerteppich lagen und ich mit Mutter das Spiel allein anschaute. So wurde ich zum Fußballfan.

Ich ging zu Oberligaspielen meines Team, sammelte Fußballwimpel (ich hatte sogar einen von Wismut Aue) und gehe auch heute noch mindestens zwei Mal im Jahr zu verschiedenen Berliner Mannschaften oder zu Länderspielen.

Natürlich kicke ich auch selbst – ein bisschen und mit wechselndem Erfolg. Das Schlimmste allerdings ist, dass ich völlig unnützes Fußball-Fachwissen besitze, das einem im Leben kein bisschen weiterhilft.

Zur WM 2006 in Deutschland hätte ich mit meinem Fußballwissen wohl anerkennendes Nicken oder ungläubiges Kopfschütteln hervorgerufen – aber ich war gar nicht zu Hause. Ich saß schlauerweise in einem arschkalten Anden-Staat, in dem ausgebuddelte Dinosaurier eine größere Bedeutung haben, als runde Leder, die ins Eckige müssen.

In dem bolivianischen Hochgebirgskaff, wo wir das Eröffnungsspiel sahen, hätte ich die vier bolivianischen Kids, die den WM-Auftakt mit uns anschauten am liebsten mit dem Kopf auf den Tisch schlagen. Die saßen vor dem Fernseher in der einzigen Kneipe, in der Fußball lief und sahen aus als würden sie “Sandmännchen” gucken. Ich meine: Für Millionen Deutsche, Europäer aber auch Südamerikaner war es das Spiel der Spiele, einfach nur deshalb, weil das monate-, nein jahrelange Warten vom Endspiel der letzten WM bis zum Wiederanpfiff endlich vorbei war.

Der Jubel der Massen im Münchner Stadion, die unter die Haut gehende Stimmung bei den Nationalhymnen, das wunderbare Tor von Phillip Lahm – all das war für die hiesigen bolivianischen Zuschauer scheinbar ausgesprochen langweilig und am liebsten hätten sie zu dem japanischen Actionfilm auf Kanal 2 zurückgeschaltet. Dabei bestätigten mir nur Tage später sogar einige Engländer, dass das 4:2 gegen Costa Rica fantastisches Entertainment war. Aber den vier Bolivianern bedeutete das alles gar nichts. So war meine absolut Fußball uninteressierte Freundin Sylvie diejenige, die an meiner Seite am zweitlautesten jubelte.

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