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Vergänglichkeit – aus dem Buch “Leninplatz”

9. Juni 2017 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Leninplatz, Leseproben


Am Freitag, den 5. Oktober 1984, werden wir morgens zum Fahnenappell einbestellt und von Frau Frisch darüber unterrichtet, dass wir sogleich geordnet, diszipliniert und mit Winkelementen ausgestattet zur Protokollstrecke an die Hans-Beimler-Straße, Ecke Mollstraße gehen werden. Erich Honecker, Andrei Gromyko und Jassir Arafat würden dort in wenigen Augenblicken zu den Feierlichkeiten rund um den 35. Jahrestag der Republik vorbeifahren. Obwohl viele Länder nur ihre zweite Garde gesandt hatten, ist die Bedeutung ihrer Ankunft all meinen Freunden sofort klar: Wir haben zwei Stunden schulfrei und können uns in kleinen Gruppen absetzen!
Kein Lehrer wird uns im dichten Gedränge am Straßenrand vermissen und schon gar nicht im „Scheppert-Eck“, der Lieblingskneipe meines Alten, auftauchen.
Während ich gerade mein Würzfleisch verspeise, schwillt der Geräuschpegel vor der Tür merklich an. Okay, die Kolonne schwerer Autos würde ich eigentlich ganz gerne sehen, aber letztendlich sitze ich lieber inmitten meiner feixenden Jungs. Als wir uns dann doch entschließen, hinaus zu spurten, ist der Konvoi schwarzer Schlitten schon vorbei. „Das soll mir nie wieder passieren. Heute Abend gehe ich zum Fackelzug“, grölt ausgerechnet Andi. Alle wissen: Er blödelt nur herum.

Unsere Mitschüler haben sich schon in Richtung Schule verduftet, doch als Bommel und ich den Unterrichtsraum betreten, sind wir dort mutterseelenallein. Auf dem Lehrertisch liegt das Klassenbuch – unbeaufsichtigt! Nun gibt es eigentlich nur eine Möglichkeit. Wir, die ausgemachten Fälschungsexperten, schreiben in Fächern, in denen wir auf der Kippe stehen, ein paar gute Noten hinein, die das Problem vorerst beheben.

Doch was macht mein bester Freund? Er rennt zum Tisch und wirft das Buch im Überschwang – völlig unmotiviert – in Richtung Wand oberhalb der Tafel.
Und dann geschieht das Unglück: Der Zensuren-Spiegel fällt nicht zurück auf den Boden oder bleibt auf dem schmalen Ablagesims der dunkelgrünen Schiefertafel liegen, sondern rutscht in eine Lücke zwischen Wand und Tafel. Schnell bemerken wir, dass dieser Spalt ein Hohlraum ist. An das gute Stück kommen wir weder von unten noch von der Seite heran. Also schieben wir den Lehrertisch vor, Bommel klettert hinauf und versucht mit seinen dünnen Ärmchen, an das verschollene Klassenbuch zu gelangen.
„Was macht ihr denn da?“, brüllt plötzlich jemand an der Tür. Unser durchgeknallter Hausmeister Müller befiehlt, den Tisch sofort wieder an die vorgesehene Stelle zu rücken. Wir gehorchen. „Der steht ja falsch herum!“, meckert er. Die Schreibtisch-Schublade ist vorne, also steht er eigentlich richtig, doch wir drehen ihn einmal komplett, damit der Vogel verschwindet und sich wieder seinen Wellensittichen widmen kann, die er im Foyer der Schule züchtet.
Dann ruft schon wieder einer aus dem Hinterhalt: „Wo ist das Buch, Mark?“
„Dirk, du Arschloch“, zische ich. „Hast du mich erschreckt!“. Er ist unser Klassenbuch-Beauftragter und eigentlich ganz okay. Bommel sagt: „Wir fummeln das Ding nach der Stunde schon wieder raus, Dirki, weißte doch.“ Auch für uns wäre ein Verschwinden katastrophal, da wir bereits etliche Zensuren manipuliert hatten und bei einer möglichen Neubewertung unserer Leistungen sicher viel schlechter eingestuft werden würden.


Alsbald trudelt der Rest der Klasse ein, bevor auch Frau Frisch ihren Auftritt hat. Die Geschichtslehrerin ist eine Hundertzwanzigprozentige, die vor dem Unterricht noch immer alle aufstehen lässt und in ihrer typischen Keifstellung: „Für Frieden und Sozialismus, seid bereit!“ krächzt. Bergi murmelt, wie die Großen: „Immer breit.“
Die Lehrerin will sich setzen – und knallt scheppernd mit den Knien gegen die bis zum Boden reichende Rückwand des Schreibtischs. „Auuuua“, jault sie. Bommel flüstert mir kichernd ins Ohr: „Der steht ja falsch herum“, während Lars und Dirk eilig den Tisch wieder so drehen, dass die Frisch ihre lädierten Beine darunter ausstrecken kann. Wir lachen innerlich, bis die Augen tränen.
Sie ist so neben der Spur, dass sie sogar den Anwesenheitseintrag im Klassenbuch vergisst und sofort zur Tagesordnung übergeht. Diese besteht seit einigen Wochen darin, uns auf den 35. Jahrestag der DDR einzustimmen. Genossin Frisch hat alle Losungen extrem verinnerlicht und hält auch heute eine langatmige Rede über die Unvergänglichkeit unserer sozialistischen Republik. „Die DDR wird nicht nur 35 Jahre existieren. Nein, sie wird ewig währen“, geifert sie. „Wie das tausendjährige Reich“, nuschelt Andi und weckt Bommel und mich damit aus dem Wachkoma.
Am Ende der Stunde erklärt sie, wo sich die Leute zum Fackelzug am Sonnabend treffen, so als ob das alle beträfe.
Nachdem sich der Raum geleert hat, reißen wir mit Hilfe des starken Bergis an der Tafel die seitliche Verkleidung ab, holen das eingestaubte Klassenbuch heraus und drücken die Holzlatte provisorisch wieder dran. Dirk schüttelt bei der Übergabe zwar mit dem Kopf, hält aber sicher die Fresse. So viel steht fest.

Als ich auf den Schulhof komme, steht dort Nadja. Wir sind allein. Seit zwei Jahren bin ich in die schwarzhaarige Traumfrau aus der Parallelklasse böse verliebt und beobachte sie während fast jeder Hofpause mit klopfendem Herzen. Sie ist das allerschönste Mädchen der Schule und hat sogar schon einen richtigen Busen. Dummerweise bin ich Lichtjahre davon entfernt, auch nur die geringste Chance bei ihr zu haben. Vor einem Jahr hatte ich noch versucht, über ihre Freundin Simone an sie heranzukommen. Doch der gängige Trick erwies sich als Eigentor, da ich irgendwann eine heulende Simone entsorgen musste und Nadja deswegen bis heute kaum noch mit mir spricht.

Während sie sich ausschließlich mit Westklamotten einzukleiden pflegt, sehe ich in meinen Wisent-Jeans und den blau-weißen Stoffidas wie der letzte Eimer aus.
Fast erwarte ich, dass sie mich, in Anlehnung an den Nena-Song, mit den Worten: „Alles was ich an dir mag, sind deine Turnschuh zu fünf Mark“ begrüßt. Stattdessen fragt sie: „Mark, gehst du eigentlich zum Fackelzug?“ Ich mache mit dem Finger das Schrauben-Locker-Zeichen, besinne mich aber und antworte: „Gehst du denn?“ „Ja, ist doch irgendwie was Besonderes. Vielleicht willst du mich ja begleiten?“ Die Frage trifft mich wie eine 50-Kilo-Faust in den Magen. Ich kann nicht – die Jungs würden mich killen. „Okay“, flüstere ich. „Wo soll ich dich abholen?“

Letztendlich vereinbaren wir ein Treffen am Leninplatz. Sie wohnt da, will aber nicht, dass ich sie zu Hause abhole, wodurch ich keinen Blick in ihr Zimmer – es soll dort aussehen wie im Intershop – erhaschen kann. Deckung suchend, im Schatten des riesigen Denkmals, warte ich. Nadja scheint sich zu freuen; sie hakt sich bei mir ein und wie ein glückliches Paar laufen wir zur Jannowitzbrücke, von wo wir mit der S-Bahn zur Friedrichstraße weiterfahren.

Zum Fackelzug der FDJ wurden 80.000 vorbildliche Jugendliche aus der gesamten Republik delegiert, wobei ich den Eindruck habe, dass die Fraktion aus Sachsen mal wieder in der Überzahl ist. Alle tragen das blaue Hemd mit dem FDJ-Symbol über der aufgehenden Sonne auf dem linken Ärmel und einen dunkelblauen FDJ-Anorak aus Polyestergemisch.

Auch wir hatten Hemd und Jacke noch am Freitag ausgehändigt bekommen, obwohl wir erst nächstes Jahr aufgenommen werden und dies als übergroße Auszeichnung für gute Thälmann-Pioniere verstehen sollten. Wir erhalten somit ein „Mandat zur Teilnahme am Fackelzug der FDJ“ im sogenannten „Friedensaufgebot“.

Die Einheitskleidung fetzt dennoch, da es zwischen Nadja und mir, zumindest was die Oberbekleidung betrifft, endlich einmal keinerlei Unterschiede gibt. Ich lasse das blaue Hemd mit hochgeklapptem Kragen locker aus der Hose hängen, um etwas kuhler zu wirken. Während ich ein Nicki darunter trage, kollabiere ich beim Blick in Nadjas Ausschnitt fast vor Erregung. Ihre Brüste werden beim Laufen fast vollständig freigelegt. Einmal mehr wird mir bewusst, dass ich freiwillig hier bin – nur für diese eine Nacht mit diesem Mädchen!
Unsere Lehrerin Frisch, die gleichzeitig GOL-Sekretärin der Schule ist, brüllt: „Schön, dich zu sehen, Jugendfreund Scheppert. Hier ist deine Fackel! Oh, mit weiblicher Begleitung aus der A-Klasse“, ereifert sie sich und überreicht mir zusätzlich noch einen Plastikbecher mit Limonade. Ich binde mir den dicken Anorak um die Hüften und trabe in einer unüberschaubar großen Menge von Blauhemden in Richtung Brandenburger Tor.
Dort müssen wir wenden und die Straße Unter den Linden in Richtung Palast der Republik zurückmarschieren. Ein Typ, der mit einer riesigen FDJ-Fahne vom „VEB Pirnetta Pirna“ bewaffnet ist, ruft: „SED – FDJ“ und danach: „Frieden, Freundschaft, Solidarität“. Er soll damit wahrscheinlich die Dankbarkeit der sächsischen Jugend zum Ausdruck bringen, ist aber aufgrund seines Dialektes kaum zu verstehen. Etliche Typen stimmen danach „Bau auf, bau auf, bau auf, bau auf. Freie Deutsche Jugend, bau auf. Für eine bessere Zukunft richten wir die Heimat auf“, „Die Internationale“ und „Wir sind die junge Garde des Proletariats“ an.
Die vielen Fackeln, der Lärm und das Tamtam der Blauhemden haben auf mich dennoch eine schaurig-schöne Ausstrahlung im grell erleuchteten Berlin, zumal Nadja weiter eingehakt an meiner Seite läuft und ihre Bluse in flammender Hitze immer weiter aufknöpft. Mein Herz!
Als wir auf Höhe der Ehrentribüne vor dem Palast angelangt sind, zieht mich das wunderschöne Mädchen ganz nah zu sich heran und flüstert: „Was für eine bescheuerte Rentnerbrigade.“

Besonders Honecker, Mittag und Mielke winken uns senil grinsend zu, wobei auch die jüngeren Genossen wie Krenz und Aurich fast scheintot wirken. Unser Staatsratsvorsitzender hatte bei der Festansprache noch genuschelt: „Der Sozialismus wird siechen.“ Genauso sieht es dort oben aus.
Ich zertrete verlegen zwei der weißen Plastikbecher und schaue gebannt in Nadjas errötetes Gesicht: „Ja, ist Kacke hier, aber mit dir fetzt es trotzdem.“ Sie lächelt.

Am Alex löst sich der Pulk allmählich auf, weil dort Container für die Fackeln und 600 Busse für die Dörfler stehen, die sie zurück in die Pampa bringen.
Es beginnt zu regnen. Ich will Nadja noch auf einen Eisbecher einladen, doch sie überredet mich, im Café am Leninplatz zwei Flaschen Club Cola zu kaufen und diese draußen zu süffeln. Das Zeug ist so süß wie das Mädchen, welches mit dem Rücken an die glatte Granitwand des Lenin-Denkmals gelehnt im Nieselregen neben mir sitzt. Auf einmal legt sie einen Arm um meine Schulter, beugt sich seitlich über mich und gibt mir den ersten ernstzunehmenden Kuss meines bisherigen Lebens. Ich möchte nie wieder aufstehen und in diesem Augenblick vor Glück sterben.


Am kommenden Morgen, der eigentliche Nationalfeiertag fällt in diesem Jahr auf einen Sonntag, sehen wir uns wieder, da wir auch am 7.10. antreten müssen. Als ich Nadjas Augen suche, blickt sie weg, und auch später würdigt sie mich keines einzigen Blickes! Sie ignoriert mich, als wäre ich Luft.
Für mich geht an diesem Tag die Welt in Flammen unter. Ich möchte endlich 16 sein und ein Mädchen, dem ich am Vorabend noch die Hand unter die Bluse geschoben habe, umarmen und leidenschaftlich küssen. Voller Wut laufe ich Erich und seinen Genossen auf ihrer Ehrentribüne entgegen, die sich dort oben bestimmt alle ziemlich wundern, dass ich nicht einmal zurückwinke.
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Zum Weiterlesen: “Leninplatz” von Mark Scheppert, 9,90 €
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Gute Vorsätze – aus dem Buch “Leninplatz”

25. Dezember 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Leninplatz, Leseproben

M.S.Eigentlich müsste ich gerade meinen Lebenslauf schreiben. Das hatte mir unsere Lehrerin Frau Wagenbach geraten, weil sie sich im kommenden Jahr bei der Direktorin für meinen Abiturplatz einsetzten will. Trotz zahlreicher Verfehlungen besäße ich zumindest in Deutsch ein gewisses Talent – meinte sie.

Aber das geht leider nicht, denn es beginnt der lang ersehnte Weihnachtsmarkt an der Jannowitzbrücke. Große Leuchtschriften, blinkende Reklametafeln, heulende Sirenen und Lautsprecherdurchsagen locken mich hinter das breite Tor mit den Märchenfiguren im Tannengrün. Den Alten wird alljährlich mit Glühwein, Altberliner Bierbowle und Kräuterschnäpsen eingeheizt und die Kleinsten weinen sich beim Erinnerungsfoto mit dem Rauschebart-Mann im roten Mantel oder während der Tortur in der Geisterbahn die Augen aus. Andere fahren mit dem ununterbrochen von „O du fröhliche“ musikalisch begleiteten Karussell auf Pferdchen und Schweinchen im Kreis. Etliche Touristen aus anderen Bezirken erheben sich in hölzernen Gondeln des Riesenrads in die Lüfte und bestaunen unser Berlin.
Wir hingegen stehen uns im Schneematsch vor dem „Superskooter“ die Beine in den Bauch und stürzen, sobald die laute Sirene ertönt, in einen der per Stange an die Oberleitung angeschlossenen Wagen, werfen hektisch einen Chip in den Schlitz und rammen dann mit aller Gewalt die Autos unserer Kumpel.
Dirk und Lars trifft man zuverlässig am Stand mit den Telespielen, die Tennis, Fußball und Olympia simulieren. Auch ein paar „Einarmige Banditen“ gehören hier zu den Dingen, die urst einfetzen und welche es sonst in der DDR nicht gibt.
Weihma
Allerdings spucken die Dinger kein Geld, sondern lediglich Spielmarken aus, die man sich – genau wie beim Gewinn in der „Lotterie“ oder nach Treffern am Schießstand – in Tinnef umtauschen kann. Einer der Jungs hängt fast immer in den Schlangen vor den Fressständen herum und so gibt es Goldbroiler, Thüringer Bratwurst und Schaschlik satt. Aber auch Alkohol, weil die Älteren der Schule – für einen kleinen Aufpreis – bereit sind, uns mitzuversorgen. Noch können sie damit einen Kuhlen machen. Doch im nächsten Jahr sind die meisten von uns endlich 16 und brauchen die Ausweiskontrollen des Kirsch-Whiskey-Beauftragten nicht mehr so zu umgehen. Nach diversen alkoholischen Getränken fahre auch ich Karussell – in meinem Kopf.
Ganz ehrlich: Da bleibt keine Zeit, um einen Lebenslauf zu verfassen. Das verschiebe ich mal lieber aufs nächste Jahr.

Doch das Schicksal holt mich ein. Am 26.12. geht es auf einen „Ringel“ mit der Familie durch den verschneiten Friedrichshain. Und wen treffen wir? Die Wagenbach mit ihrem Macker, dieser Lederratte. Der Kerl wird so genannt, weil er fast immer einen schwarzen Ledermantel trägt und Frau Wagenbach die hübscheste Lehrerin Berlins ist. Durch ihn erlernen 15-jährige Jungs, was Eifersucht ist. Enno aus der A brachte den Spitznamen auf und wollte damit wohl andeuten, dass der Typ beim „Memphis“ (MfS) ist – obwohl er kein Parteiabzeichen trägt. Diese Ratte!
„Na Mark, hast du denn schon deinen Lebenslauf fertig?“, fragt mich die 24-jährige Traumfrau mit einem zweifelnden Lächeln. „Na klar doch, Frau Wagenbach. Muss ihn nur noch in Schönschrift abschreiben“, sage ich und spüre dabei die bohrenden Blicke meines Vaters im Rücken. Ich schaue verschämt zu Boden. Meine Lehrerin trägt weinrote Lederstiefel und die sehen echt toll aus.
Jugendweihe Familie
„Das freut mich, Mark. Zeig ihn mir einfach am 4. Januar. Mit meiner Unterstützung kommst du vielleicht doch noch auf die EOS.“ Sie schmunzelt dabei eher meinen Alten an. Die hässliche Lederratte ist derweil zum zugefrorenen Ententeich gelaufen.
Nur kurz können wir danach unserer ängstlichen Mutter und der Oma elegante Schwünge auf den Gleitern zeigen, da Benny während der Abfahrt auf der „Knochenbahn“ böse stürzt und sich dabei, laut Diagnose von Prof. Dr. Scheppert (meinem Vater), die Hand lediglich leicht verstaucht hat. Wir kehren trotzdem um.

Am 27.12. ist mein Bruder mal wieder zu Gast im Krankenhaus Friedrichshain. Dort wird nach langer Warterei ein Bruch des rechten Handgelenks diagnostiziert. Mit wehleidigem Gesicht und Gipsarm blockiert der Schwerverletzte ab dem 29.12. – der Qualifikation des ersten Springens der Vierschanzentournee – die Wohnzimmercouch und brüllt zusammen mit mir ununterbrochen „Uuullf“, was Vater beinahe in den Wahnsinn treibt. Ulf Findeisen ist in diesem Jahr der beste Flieger aus unserer Heimat, aber auch die BRD hat mit Klauser und Bauer potenzielle Siegspringer dabei, weshalb der euphorische ARD-Reporter fast durchdreht. DDR-Olympiasieger Jens Weißflog ist außer Form.
Mein Alter feiert noch Resturlaub ab, aber mit „Kürbis Kugelbauch“ allein zu Hause zu sein ist ganz okay. Er ist ein angenehmer Kerl, wenn er was trinkt, und er trinkt eigentlich fast immer. Der Bierkönig schaut sich mit uns am 30.12. im Wachkoma das Wertungsspringen in Oberstdorf im West-TV an, weil er die hohlen Ost-Kommentatoren nicht ausstehen kann.

In einer Kneipe in Brandenburg war es deswegen sogar mal zum Eklat gekommen. Er hatte einer Kellnerin gesagt, dass Dirk Thiele der beschissenste Berichterstatter des DDR-Fernsehens sei. Wie sich herausstellte, war die Bedienung die Ehefrau Thieles, doch statt einer rechten Geraden auf die Zwölf bekam er einfach kein neues Pils mehr ausgeschenkt, was ihn viel schwerwiegender traf.

Vegard Opaas aus Norwegen gewinnt knapp vor Klauser und unser Ulf wird Fünfter. Wir sind zufrieden und ärgern uns lediglich darüber, dass der Schwede Boklöv, trotz großer Weiten, so viele Abzüge wegen seines Stils mit weit geöffneten Skiern (statt sie parallel zu führen) bekommen hatte. Alle freuen sich aufs Neujahrsspringen. Vorher ist jedoch noch Silvester. Meine Alten feiern im „Scheppert-Eck“ mit den Schnapsdrosseln der Gegend und dieses Jahr müssen wir nicht mehr mit.
Es ging heiss her
Um 19 Uhr schließe ich den Alfclub auf, um 22 Uhr sind fast alle breit und gegen 23 Uhr habe ich total den Überblick verloren, da unser Heim im 9. Stock zur Partybühne ausgeweitet wurde, nur weil Assi dort oben mal aufs Klo wollte. Wenigstens ist die Wohnung Sperrgebiet für sämtliche Filous, Harzer Knaller und Fliegende Blitze.
Die Jungs aus meiner Clique achten sogar darauf, die Briefkästen unseres Hauses von Feuerwerkskörpern und Stinkbomben zu verschonen, damit uns keiner wegen des Clubs blöde kommt. Auch Klingelstreiche fallen somit flach.
Auf dem Parkplatz vor der Tür drehen dennoch alle total durch und Trulli, dessen Bruder sich für diverse Krachmacher von „Pyrotechnik Silberhütte“ bei klirrender Kälte saufrüh vor der Drogerie angestellt hatte, erleidet durch einen „Blitzschlag“ böse Verbrennungen am Unterarm. Didi und Tessi liefern sich draußen derweil eine Essensschlacht, indem sie sich gegenseitig mit Buletten bewerfen. Die sind schon total blau und von nun an heißt es: saufen bis zum Erbrechen.

Benny, für den ich heute verantwortlich bin, grölt im Keller zusammen mit Bommel fast unterbrochen „Knall!“, „Bumm!“ und „Peng!“, weil er (wie mein kleiner Freund) ein viel zu großer Schisser ist und gar nicht selbst zum Zündeln hinausgeht. Er begnügt sich mit Wunderkerzen aus Riesa und strahlt. Wenigstens bleibt mir dadurch eine nächtliche Fahrt mit einem „Aua, aua! Hier war ich schon mal!“ brüllenden Bruder ins Krankenhaus Friedrichshain erspart.
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Kurz vor Mitternacht stehen meine besten Freunde mit mir am Wohnzimmerfester. Benny zählt hinter uns – parallel zur großen Uhr in der Glotze – den Ablauf der letzten Minute bis zum Jahreswechsel hinunter und zupft dann theatralisch das letzte Blatt des kleinen Abreißkalenders ab. Dann schauen alle gebannt auf die Silvesterraketen, welche vor den Neubaublöcken in die Nacht steigen. Die meisten von ihnen leuchten weiß, manche sind grün und einige wenige rot. Am Horizont, dort wo wir Westberlin vermuten, scheint der Himmel in grellen Blitzen regelrecht zu explodieren. Alle wünschen sich, einmal Silvester dort erleben zu dürfen.

Während Benny, wie auf einer grünen Wiese – die leere Curaçao-Pulle und der Rest von fünf ausgequetschten Kuba-Orangen neben sich liegend – auf unserer Couch vegetiert, beginne ich gegen 1 Uhr mit der großen Säuberungsaktion und versuche, meine Leute zurück in den Keller zu treiben. Zum Glück hatte Jürgen aus der A nur unten im Club gereihert (schade um den Fleischsalat) und da mein Vater selbst qualmt, wird der Geruch nicht allzu groß auffallen. Ein Hauch von Pfeffi-Likör wabert noch durch die Luft.
Plötzlich ruft Bommel aus dem Kinderzimmer: „Kommt mal alle her. Da unten steht die Wagenbach und kotzt in die Rabatte!“ Ich räume sicherheitshalber die von Oma Halle „vergessenen“ Apfelsinen weg und schaue ebenfalls hinunter.

„Hey Zuckerpuppe, willste hochkommen?“ schreit Andi und schnippt seine Kippe hinunter. „Schnauze, die will was sagen!“, ruft Bommel. Zu viert schauen wir aus dem Fenster: „Das bleibt aber unter uns, Mark!“, hallt es nach oben. „Die ist ja breit wie zehn sowjetische Matrosen“, lacht Tessi. Alle anderen schauen mich fragend an. Doch eigentlich weiß ich ja selbst nicht genau, ob ich ihr Versprechen, sich für mich beim EOS-Platz einzusetzen, oder ihre Kotzaktion für mich behalten soll.
„Alles klar. Na dann, ein gesundes neues Jahr und danke für alles“, rufe ich nach unten. Die hübscheste Frau Friedrichshains winkt und schwankt dann hinüber zum S-Block. Wenn das kein guter Start ins Jahr 1987 ist!

Am Nachmittag des nächsten Tages lege ich die Amiga-LP von Simon & Garfunkel auf den Plattenteller – träume mich zum Klassenfeind in den Central Park von New York – und scheibe meinen Lebenslauf.

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Zum Weiterlesen: “Leninplatz” von Mark Scheppert, 9,90 €

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Ostdeutsches Aschenputtel – Kindheit in der DDR

28. November 2014 | von | Kategorie: Blog, Mauergewinner Leseproben

OLYMPUS DIGITAL CAMERABis heute weiß ich, was ich an dieser DDR nicht mochte, was ich zutiefst verabscheute und warum ich froh bin, nicht mehr in diesem Land zu leben. Leute in meinem Alter mit ostdeutschem Migrationshintergrund fürchten sich immer noch vor solchen – oft unausgesprochenen – Drohungen: „Wenn du dies nicht machst, wirst du aber jenes nicht erreichen.“ Oder: „Falls du hierbei erwischt wirst, kannst du dir dies ein Leben lang abschminken.“, „Wenn du hier nicht eintrittst oder unterschreibst, ist die Karriere leider beendet.“
In den Firmen, in denen ich nach der Wende gearbeitet habe, waren komischerweise fast immer die Leute aus Westdeutschland die größten Anpasser, Intriganten und Petzen beim Chef. Und das, wo doch gerade diese Leute immer geargwöhnt hatten, dass sich im Osten so gut wie alle gegenseitig ausgehorcht hätten. Jeder anständige Ostdeutsche lässt seinen Arbeitgeber heute sofort angewidert abblitzen, wenn er für die Firma spitzeln oder Kollegen verpfeifen soll. Die meisten Ossis haben etwas aus ihrer Geschichte gelernt und lassen sich nicht mehr erpressen oder unter Druck setzen. Die „Stasi West“ regiert die Büroflure des 20. Jahrhunderts, könnte man augenzwinkernd meinen.
Wenn man nicht straffällig wird, ist es heute allerdings kaum mehr möglich, dass man sich seine gesamte Karriere und seinen weiteren Lebensweg ernsthaft und irreparabel versaut. Den Job könnte man jederzeit wechseln. Fragen zum politischen Background, zur Religion und zu persönlichen Ansichten sind in Einstellungsgesprächen sogar verboten. Wir müssen in keine Organisationen eintreten, um einen Studienplatz zu bekommen oder um Abteilungsleiter zu werden. Selbst wenn man bei einer Prüfung dreimal durchfällt, bekommt man in diesem Land irgendwann eine neue Chance. In der DDR hatte man, anders als beim Mensch-ärgere-dich-nicht-Spielen, meistens nur ein Leben.

Nach der zweiten Unterrichtsstunde wurden wir Kinder jeden Tag in den Milchkeller geschickt. Die Küchenfrauen mit ihren bunten Kittelschürzen hatten dort die Milchkübel aufgestellt. In jedem befand sich eine exakt abgezählte Anzahl Milchtüten in dreieckigen Pappkartons und außen war mit weißer Kreide die jeweilige Klasse draufgeschrieben. Ich mochte den Geruch der vergorenen Milch nicht, der dort unten in den gefliesten Räumen hing.
Jedes Kind musste zu Beginn des Schuljahres angeben, ob es Vollmilch, Vanille-, Erdbeer- oder Schokomilch trinken wollte. Ich weiß nicht, ob es diese recht große Auswahl wieder einmal nur in Berlin gab – jedenfalls war Kakao am teuersten und weiße Vollmilch am unbeliebtesten. So ein „Milchmonat“ kostete unsere Eltern zwischen vier und sieben Mark und meistens bezahlte man die zusammen mit dem Mittagessensgeld.
Irgendwann schenkte man sich die uncoole Milchpause, und spätestens ab der 7. Klasse steckte man sich auch das Geld für das Mittagessen in die eigene Tasche. Zu Hause erzählte man in jedem Jahr, dass „die Schweine“ schon wieder das Essensgeld erhöht hätten, und meine Eltern gaben mir bereitwillig monatlich die erlogenen 15,50 – eine willkommene Erhöhung des Taschengeldes. Mein Vater wunderte sich nicht über die verhältnismäßig teuren Preise und Mutter war froh, dass ich nicht am heimischen Gasherd herumhantierte sondern vollwertige Schulkost aß. Meistens klauten wir uns nun unsere Essensrationen in der Halle an der Höchste Straße.
Im Sommer nahmen wir den kleineren Kindern, die beim Schweinebammeln an der Klopfstange hingen auch schon mal die Milch weg – ausschließlich Schoko. In den Pausen lungerten wir rauchend in der Ecke an der hinteren Front unseres Schulgebäudes. Auf dieser Seite gab es keine Fenster für spionierende Lehrer und gleichzeitig standen wir hier unmittelbar an der Grenze zum Schulhof der verfeindeten Rosa-Luxemburg-Oberschule. Die Vormachtstellungen änderten sich jedes Jahr, aber es war immer die älteste Stufe einer der beiden Schulen, also jeweils die 10. Klasse, welche die aktuelle Macht hatte. Wir waren gerade in der 9. und wussten, dass wir ab dem nächsten Jahr die herrschenden Könige der Höfe sein würden. Die Jungs aus der 9. der Rosa in unserem Alter, aber eigentlich auch die beiden momentanen 10., waren die größten Pfeifen – unsere Zeit würde bald kommen.
Urkunde vorbildlich
Plötzlich flogen faule Äpfel in unsere Raucherecke. Sie kamen vom gegenüberliegenden Grundstück. Ein engmaschiger Zaun war die unüberwindbare Grenze zwischen den Schulen, denn zum einen war er fast drei Meter hoch und außerdem gab es auf beiden Höfen Lehrer, die Aufsicht schoben. Astrid schrie laut auf, als sie von einem Apfel genau in den Bauch getroffen wurde. Wir hatten da ein Problem mit der Rosa.
Ohne groß zu überlegen, rannten Tessi und ich in unseren Milchkeller und nahmen uns jeder einen dieser stinkenden, grünen, sechseckigen Kübel. Auf meinem stand mit Kreide: Klasse 2a. Aus unserer Ecke wurden wir lautstark angefeuert, als wir begannen, mit den Milchkartons in Richtung Nachbarhof zu schmeißen. Tessi konnte weiter werfen als ich, dafür brillierte ich als respektabler Schütze beim Zielen auf Personen in näherer Reichweite. Wir waren richtig gut und setzen fünf Volltreffer. Vor drei kreischenden Mädchen zerklatschten die Pappkartons in einer riesigen Fontäne. Bei zwei jüngeren Schülern bekamen wir die Milch sogar am Körper zum Platzen. Schoko: eine Riesensauerei. Beifallsbekundungen und Jubel begleiteten unsere Würfe aus der Raucherecke. Thomas und Torte rannten in unsere Richtung und riefen: „Scheppi, lass uns noch was übrig“. Doch plötzlich bremsten sie ab und ich merkte, wie mich jemand von hinten mit festem Griff in den Schwitzkasten nahm. Das Blut schoss mir in die Schläfen und ich konnte plötzlich kaum noch atmen.
Scheiße, die Rosa hatte uns doch angegriffen, ging es mir kurz durch den Kopf. Aber nein: Mein vor Wut schäumender Sportlehrer, Herr Pinka, schleifte mich in dieser misslichen Haltung quer über den Schulhof ins Zimmer der Direktorin – zur Fehlerdiskussion.
Frau Seifert sagte zunächst nur: „Scheppert und Tesselitz, Sie erhalten einen Tadel!“, bevor sie inhaltlich mehr in die Tiefe ging. Mit immer noch feurigem Kopf mussten wir uns einen fünfzehnminütigen Vortrag über hungernde Kinder in Angola und Mosambik anhören. Viele dieser armen Kreaturen hätten noch nie im Leben echte Milch gesehen, sagte sie, und vieles mehr. Wir schauten kurz einer zum anderen hinüber und lächelten uns unmerklich an. Der abschließende Satz haute mich jedoch nach hinten um: „Ihre Abitur-Bewerbung, Jugendfreund Scheppert, können Sie sich ja wohl erst einmal abschminken.“
Das konnte sie doch nicht ernst meinen! Ich habe zwei linke Hände, möchte und darf nicht in die sozialistische Produktion. Was soll aus mir werden? Das geht einfach nicht!
Plötzlich sah ich mein Schicksal ganz deutlich vor mir. In einer dreijährigen Ausbildungszeit würden sie mich zum staatlich geprüften Milchfahrer des VEB-Getränkekombinates Berlin schulen, der täglich früh um vier aufzustehen hatte, damit unsere kleinen ABC-Schützen und Frösi-Kinder alle am Morgen ihre Milch im Schulkeller vorfanden. Mein Leben stand auf dem Spiel und ich hatte nur eins.
In der DDR gab es pro Klasse und Schule nur wenige nach einer gewissen Quote zu verteilende Abiturplätze. In meiner Klasse waren es genau drei. Zwei waren schon so gut wie vergeben. Sabine hatte – natürlich außer in Sport – alles Einsen, war also nicht zu schlagen, und Lars hatte sich für 25 Jahre bei der Nationalen Volksarmee als Offizier verpflichtet. Mit dem Halbjahreszeugnis der 9. musste ich somit alle anderen 23 Schüler aus meiner Klasse hinter mir lassen, um überhaupt eine Chance zu haben. Trotz oder wegen der Milchtütenwürfe stellte ich mich in diesem Schuljahr erfolgreich zur Wahl des FDJ-Sekretärs, schrieb erstklassige agitatorische und solidarische Artikel für unsere Wandzeitung, erklärte mündlich, dass ich auf jeden Fall für drei Jahre meinen Dienst bei der NVA machen würde, und hatte vor dem entscheidenden Zeugnis tatsächlich fast überall Einsen – auch in Sport. Notendurchschnitt: 1,3!
Als Frau Seifert auf der Lehrerkonferenz kund tat, dass ich für die 11. Klasse der Friedrich-Engels-EOS (Erweiterte Oberschule) vorgesehen war, konnte ich mein Glück nicht fassen, auch wenn sie im Nebensatz erwähnte: „Noch ein winzig kleiner Ausrutscher und der Abiturplatz ist trotzdem weg.“ Meine Freunde Torte, Bommel und Tessi, ausgewiesene Spezialisten in Sport, Mathe oder Zeichnen, aber eben nur mit einem Zweier-Zensurenschnitt, hatten gegen mich keine Chance gehabt. Für sie hieß es: ab in die sozialistische Produktion!
5 Rosa Luxemburg POS

Ich war ein schlaues Kind. Erst im Zeugnis der dritten Klasse hatte ich meine allererste Zwei und Mutter erzählt noch heute, dass ich deswegen zwei Tage lang geheult hätte. Das mit dem Ehrgeiz ließ ein bisschen nach und als das Fach „Schönschrift“, durch „Werken“ und „Schulgarten“ abgelöst wurde, wurde sowieso nichts mehr aus dem perfekten Zeugnis, durchgängig mit der Note Eins. Ich war eindeutig zu blöd dazu, Schraubstock, Feile oder Harke liebevoll zu bedienen. Ab der 7. Klasse gab es dann plötzlich die Fächer ESP – Einführung in die Sozialistische Produktion, TZ – Technisches Zeichnen und PA – Produktive Arbeit.
Den theoretischen ESP-Teil konnte ich natürlich ganz gut bewältigen, obwohl mir bis heute nicht klar ist, wie Lochstreifen und die Planwirtschaft funktionieren, weder einzeln noch zusammen. Technisches Zeichnen ging auch irgendwie, aber das Problemkind war PA – für den Mann mit den zwei linken, feingliedrigen Händen.
Im volkseigenen Betrieb in Rummelsburg gegenüber vom Knast sollten wir Wäscheständer herstellen, die ich im fertigen Zustand noch nie zuvor in der DDR gesehen hatte. Damit ich wenigstens eine Zwei bekam, schlug ich meinem Meister vor, dass ich die vier Stunden jeden Mittwoch auch gerne damit zubrächte, diverse Schrauben und Muttern zu sortieren. Die handlichen Exportschlager wurden somit alle ordnungsgemäß montiert und ich, das ostdeutsche Aschenputtel, hatte auch einen Beitrag zum Bruttosozialprodukt geleistet.
Die Verlagerung unserer produktiven Arbeitsstätte in der 10. Klasse ging einher mit dem Wechsel unserer Stammkneipe in das Hochhausrestaurant „Gutenbergstube“. Beide befanden sich nun am Ostbahnhof, und unser Motto hieß: „Vor der Arbeit das Vergnügen!“
Wir trafen uns also am Mittwochmittag an unserer so genannten „Tränke“ und fast alle Jungs versuchten, ihren Rekord im Saufen eines halben Liters Berliner Pils zu toppen. Unser Weltrekord lag bei unglaublichen handgestoppten 3,5 Sekunden – nach drei, vier Versuchen gingen wir arbeiten.
Man hatte mich an eine Maschine eingeteilt, an der ich per Dampfdruck permanent, also vier Stunden lang, kleine metallene Ringe ausstanzen sollte. Das konnte selbst ich tollpatschiger Vollidiot ganz gut bewältigen – sollte man meinen. Der feine zukünftige Abiturient hatte in seinem betrunkenen Zustand leider vergessen, die wichtige Unterlegscheibe auf die Arbeitsfläche der Werkbank zu legen. Ich stanzte also grinsend im Akkord und lauschte der Musik aus dem Kofferradio. Doch plötzlich gab es einen gewaltigen, funkenden Knall, und direkt vor meinen Augen flog irgendetwas durch die Montagehalle. Ich duckte mich und wenig später kam die große Maschine mit der stolzen Aufschrift „Made in GDR“ zum Stillstand.
In meiner Abteilung hatte ich für diesen Nachmittag die komplette Produktion lahm gelegt. Ein Teil des herumfliegenden Bohrkopfes hatte sich in den jetzt stark blutenden Oberarm eines fluchenden VEB-Mitarbeiters gebohrt und das gesamte Kollektiv stand besorgt um ihn herum und starrte mich grimmig an. Ich entschuldigte mich kleinlaut. Auch beim Vorgesetzten Herrn Meier, der mich minutenlang anschrie, ob ich eine Ahnung davon hätte, wie viel diese Maschine gekostet hätte und ob mutwillige Zerstörung von Volkseigentum heutzutage an unseren Schulen gelehrt würde. Zu allem Überfluss hatte die dicke Kollegin in der blauen Schürze, die mich eingearbeitet hatte, gepetzt, dass ich irgendwie nach Alkohol roch.
Mir wurde schwindelig: „Unter alkoholischem Einfluss eine 30.000 Mark teure volkseigene Maschine mutwillig zerstört und dabei Mitarbeiter Hufschmidt lebensgefährlich verletzt“, las ich bereits in Gedanken in Meiers Bericht. Meine mir bereits zugesicherte Abiturzulassung könnte ich mir bei so einer Geschichte komplett abschminken. Als Herr Meier mich nach meinem Namen fragte, stellte ich mir bereits ein Leben als Werkzeugmacher, Dreher oder Melker vor. „Ihren Namen möchte ich wissen!“, schrie er ein zweites Mal. „Uwe Bommler“, antwortete ich vollkommen spontan. Meier war an diesem Tag zum allerersten Mal Oberaufseher, er kannte meinen Namen nicht und schrieb den von mir genannten in seinen Bericht an meine Schule.
Ich wurde rausgeschmissen und wartete über zwei Stunden vor dem Werkstor auf meine Freunde Tessi, Torte und Bommel. Mit zittriger Stimme erzählte ich ihnen, was geschehen war, und schaute vor allem ängstlich ins Gesicht des kleinen Bommel – des wahren Uwe Bommler, dessen Namen ich mir kurzerhand ausgeliehen hatte. Schon auf dem Nachhauswege klopfte er mir ermunternd auf die Schulter: „Mensch, mach dir mal keene Sorgen Scheppi, ick hab meine Stelle bei NARVA doch sicher. Dort will ja eh keener hin.“

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Eine halbe Stunde später saßen wir im Alfclub. Bommel prostete mir mit einem Bier zu. Ich lehnte mich zurück und dachte, was für fantastische Freunde ich doch im Leben gefunden hatte.
Uwe Bommler alias Bommel wurde am nächsten Tag zur Direktorin gerufen. Ohne groß zu diskutieren, verurteilte Frau Seifert seine Tat und gab ihm den ihm zustehenden Tadel. Was er sich denn dabei gedacht hätte, wo er doch Werkzeugmacher werden wollte? Er entschuldigte sich brav und erwähnte mich mit keinem Wort. Er wusste, dass er mir damit den Abiturplatz gerettet hatte und ich ahnte zum ersten Mal, dass wir ein Land mit Menschen voller Edelmut waren. Es gab scheinbar mehr Leute, die sich schützend vor einen stellten als jene, die einen verpfiffen. Und das, obwohl alle nur dieses eine Leben hatten.

Für mich begann nun also ein privilegierter Zeitabschnitt: meine Zeit in der Erweiterten Oberschule bis zur 12. Klasse. Am 4. September 1988 stand ich vor meiner allerersten Unterrichtsstunde in der Friedrich-Engels-EOS beim Fahnenappell. Ich schaute mich um und studierte die vielen neuen Gesichter. Ich musste an Pinkas Schwitzkasten und Frau Seiferts Drohungen denken und hätte ihnen gerne zugerufen: „Hey, ich habe es doch geschafft!“ Der Direktor rief zu einer Schweigeminute für einen in den Ferien verstorbenen Mathelehrer auf und den älteren Jungs aus der 12. ging das komischerweise sehr nahe. In meiner alten Schule hatte ich bis auf die junge Frau Wagenbach überhaupt keinen Lehrer gemocht – und hier liebten sie ausgerechnet den für Mathe. War ich wirklich in einer anderen Welt gelandet? Ich war gespannt, was hier noch alles auf mich zukommen würde, und nahm mir vor, Bommel noch mal einen auszugeben. Uwe Bommler, der vor einer Woche im Berliner Glühlampenwerk, VEB NARVA „Rosa Luxemburg“, als Werkzeugmacher angefangen hatte.

Zum Weiterlesen: Mauergewinner oder ein Wessi des Ostens

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