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Touristenfalle – der Tag nach dem Mauerfall 1989

6. Juni 2019 | von | Kategorie: Blog, Leseproben, Mauergewinner Leseproben

Am 10. Nov. 1989 sitzen wir um 10 Uhr in einer vollbesetzten S-Bahn in Richtung Friedrichstraße. Es ist ein Zug der Verlierer, ein Zug all jener Menschen, die gestern verpennt und sich den ganzen Tag die euphorischen Geschichten der anderen vom Mauerfall haben anhören müssen. Ein unangenehmer Zeitgenosse mit Schnurbart liest die BZ eines bereits „drüben“ gewesenen Kollegen. Die Titelschlagzeile lautet:

Die Mauer ist weg!

JEDER darf ab sofort durch!

Deutschland weint vor Freunde.

Die ersten sind schon da!

Wir reichen uns die Hände!

Otto reicht mir die Hand und sagt: „Jetzt muss ich auch gleich heulen, hab meine Kippen zu Hause vergessen.“ „Scheiße ich habe auch nun noch zwei“, antworte ich.

Am Grenzübergang Invalidenstraße quetschen wir uns rauchend durch kreischende Massen in Marmor-Jeans, rufen ihnen: „Scheiß Ostler“, hinterher und ärgern uns noch immer, dass wir heute mit dem nervigen Mob rüber müssen. Ausgerechnet diesen historischen Augenblick haben wir verschlafen, weil wir uns bis tief in die Nacht den Blindmachern ostdeutscher Spirituosen-Fabrikanten hingegeben hatten.

Als wir den letzten Schlagbaum passieren, geschieht dann aber doch etwas mit mir. Mein Herz beginnt zu hämmern und irgendwann scheint mein Hirn zu realisieren, dass ich mein – mir vertrautes – Heimatland sogleich für immer verlassen werde. Schon bei unserer Rückkehr wird es ein anderes sein.

Ich umarme Otto lange und eine Träne kullert mir die Wange herab, welche ich rasch mit dem Ärmel fortwische. Auch meinem besten Freund ist anscheinend gerade was ins Auge geflogen. Er sagt: „Was ist denn das für ein starker Westwind?“ „Ja, und voll der Smog hier!“, pariere ich. Wir lachen und klatschen mit erhobenen Händen ab.

Nach zwanzig Metern kommt ein etwa dreißig jähriger Typ mit Kamera auf uns zu: „Das war ja echt herzergreifend, euch gerade zu beobachten.“ Er drückt jedem von uns einen 10-D-Mark Schein in die Hand und ruft lächelnd: „Viel Glück!“

An der nächsten Ecke ist ein Zigarettenladen. Wir kaufen uns beide eine erste, echte Camel-Packung und dazu passend ein Camel-Feuerzeug.

„Wenigstens werden wir uns immer daran erinnern, dass wir uns gleich was Sinnvolles gekauft haben“, meint Otto, während er mir Feuer gibt. Ich ziehe und nicke dann beflissen.

Um 11.30 Uhr stehen wir auf dem Bahnsteig des vollkommen überfüllten Lehrter Stadtbahnhofs. Wir warten nun schon seit einer halben Stunde auf die S-Bahn in Richtung Charlottenburg. Otmar ruft genervt: „Scheiß Westen!“, und ich stimme ihm auch hierbei grinsend zu.

In einem Abteil, in dem man aufgrund der Massen nicht umfallen kann, fahren wir an den einzigen Ort, den wir zu kennen scheinen: Zoologischer Garten. Den Bahnhof Zoo, die Gedächtniskirche, den Kurfürstendamm, das Europacenter, den Zoopalast und das KDW müssen wir in der Abendschau im Dritten Programm unterbewusst schon so oft gesehen haben, dass es gar keine andere touristische Alternative gibt. Fast alle anderen Passagiere drücken sich auch aus dem Wagen.

Auf dem Vorplatz begegnen wir einer Sachsen-Horde. „Wie sind die denn so schnell hergekommen?“, fragt Otto. „Mit dem Trabi, nehme ich an“, antworte ich und bin schon jetzt genervt von dem riesigen Menschenauflauf. Besonders vor zwei Banken bilden sich gigantische Schlangen. Die Polizei, eine Feuerwehr-Staffel und diverse Rettungssanitäter sind ebenfalls vor Ort.

„Was gibt’s denn hier?“, fragt Otto einen Kerl. „Na hunnderd Morg grischt heude jeda geschängt!“, antwortet der im tiefsten sächsisch. Wenig später erfahren wir von einem Übersetzer, dass Westberlins Bürgermeister Momper bereits in der Nacht alle Sparkassen und Banken angewiesen hat, dass die Auszahlung von 100 D-Mark Begrüßungsgeld an jeden Ostdeutschen durch Vorlage des DDR-Personalausweises erfolgen soll. Das Geld gab es wohl schon immer, aber da kamen eben nur ein paar Rentner und Privilegierte in den Genuss. Nun sind es Hunderttausende.

Von LKWs werden Zeitungen, Schokoladentafeln, Kaugummis, Seife und Tonnen von grüner Bananen in die sich davor fast prügelnde Meute geworfen und von all den „Freiheitsidioten“ in mitgebrachte Hamster-Dederon-Beutel gestopft.

„Was für eine Touristenfalle“, grummele ich. „Ist wohl eher ’ne Ossifalle! Von der Montagsdemo direkt ins Kaufhaus des Westens“, entgegnet Otto, der sich genauso zu schämen scheint.

Allerdings betrachten auch viele andere Passanten die Szenen mit Abscheu. Wir ahnen, dass der bekannte – uns alle vereinende – Schlachtruf vor dem Mauerfall: „Wir sind das Volk“, seit Stunden keine Bedeutung mehr hat.

Von diesen, dem Konsumrausch unmittelbar verfallenen Menschen möchten wir uns mit aller Kraft distanzieren. Etliche ältere DDR-Bürger benehmen sich, als wären sie hungernde Kinder eines Dritte-Welt-Landes nach einem verheerenden Bürgerkrieg. „Komm lass uns abhauen“, rufe ich.

Die Buchhandlung im Bahnhof wirkt wie ausgestorben. Otto lässt sich auf einem Stadtplan zeigen, wo das „Sound and Drumland“ zu finden ist. Dann verlassen wir den Ort der Schande. Erst um 16 Uhr müssen wir wieder am Wasserklops sein, da wir uns dort mit den anderen Jungs aus der Schule verabredet haben.

Während ich einige Zeit später ganz verloren in dem Laden für Musiker herumstehe, starrt mein Schlagzeuger-Freund mit offenem Mund und leuchtenden Augen eine Stunde lang all die Instrumente an, welche er hier für Westgeld kaufen könnte.

Nach langer Diskussion überzeuge ich ihn, nun auch mal unsere Begrüßungs-Taler abzuholen. Er findet dies hochgradig peinlich. „Aber wir müssen doch auch noch Bier kaufen“, sage ich mit betont ernster Stimme.

In einer fast leeren Deutschen-Bank-Filiale an der Bismarckstraße lassen wir uns die blauen Ausweise abstempeln und sind nach 5 Minuten 100 D-Mark reicher.

„Okay Scheppi, dann gehen wir jetzt aber auch Alk besorgen, bevor wir die anderen treffen“, meint Otto, den mein letztes Argument wohl doch überzeugt hatte.

Gleich ums Eck liegt eine Kaisers-Kaufhalle, deren Warenangebot mich erstmal umhaut und total überfordert, obwohl ich es mir nicht anmerken lasse. Sehr lange bestaune ich das riesige Regal mit den Sektflaschen, in dem nicht – wie bei uns – eine Sorte, sondern 20 verschiedene stehen. „Was ist denn das für eine Verarsche“, schreie ich Otto zu, da ich erst spät realisiere, dass die billigsten Pullen ganz unten in der Auslage versteckt sind. „Sag ich doch, voll die Ossi-Verarsche“, ruft mein Freund, der bereits zwei Flaschen der Marke Faber zu 1.99 DM herausgefingert hat. Wir sind vom Preis begeistert und kaufen letztendlich vier Pullen. Die bunte, kapitalistische Warenwelt lässt uns vergessen, dass wir eigentlich ausgemachte Biertrinker sind.

Zurück am Bahnhof Zoo entdecke ich in dem Auflauf von nunmehr sicherlich 100.000 Menschen mein Bruderherz Benny in der Ferne. Er hört mein Brüllen nicht, da er neue schwarze Kopfhörer auf den Ohren trägt. Ich ahne, dass er keine 5 Minuten gebraucht hat, um am Kudamm sein komplettes Begrüßungsgeld in einen Walkman von Sony zu transferieren.

Mittlerweile hört man überall Einheimische schimpfen, dass die Bahnen, Banken und Geschäfte alle von den Scheiß-Ostlern verstopft werden. Die Stimmung kippt nach nicht einmal einem Tag. Nur die Sachsen singen: „Blühe, deutsches Vaterland“.

Der Mauergewinner

Als wir am weltberühmten Wasserklops – in der Realität ist es lediglich ein hässliches Wasserspiel aus roten Granitblöcken – einen freien Platz suchen, hören wir plötzlich unsere Namen rufen. Matze und Koschi haben sich an der Treppe, welche den Brunnen umgibt, niedergelassen. Vor ihnen stehen mindestens 20 Dosenbier in einem Pappkarton. Koschi kreischt: „Pornos, Nutten, Dosenbier – Helmut Kohl wir danken dir!“. Ich muss zum ersten Mal am heutigen Tag lauthals lachen.

Dann umarme ich die beiden, denn es ist ein verdammt bizarres, unwirkliches Gefühl, jemanden, den man kennt, im „Westen“ zu treffen.

Hinter mir ruft Otto: „Jetzt lasst mal die Schmusereien“, und drückt mir eine der Sektpullen in die Hand. Wir lassen die Korken knallen und spritzen uns dann gegenseitig voll, bevor wir den Flaschenhals zum Mund führen – und die Flüssigkeit sofort wieder ausspucken. „Pfui, was ist das denn für ein Zeug?“ Der Sekt ist warm und unglaublich süß, als bestünde er nur aus stark gezuckertem Sprudelwasser.

„Voll die Touri-Falle, oder? Nehmt euch mal lieber ein lecker Karlsquell“, sagt Matze und wirft mir eine Dose zu, die ich mit einer Hand fange. „Das heißt seit heute Ossi-Falle“, korrigiert ihn Otto und Koschi ergänzt: „Ist mir in der Peep-Show auch schon aufgefallen. Lasst uns mal lieber nach Kreuzberg fahren. Da soll im Kino auch ‚Blaue Strapse‘ laufen. Und außerdem ist es dort, wie man hört, nicht ganz so touristisch.“

‚Richtig‘, denke ich ‚in der Gegend um den Kudamm sollte Tag 1 nach dem Mauerfall wirklich nicht enden.‘

Mehr Mauergeschichten von mir: Mauergewinner oder ein Wessi des Ostens

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Buchvorstellung: „Wir hatten ja nüscht im Osten“ – DDR Alltag

14. Oktober 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog

Mikis WesensbitterViele von Euch haben sich sicherlich schon lange gefragt: Wird es jemals ein besseres Buch über die DDR und das Ostberlin der 80iger Jahre, als das mittlerweile in jeder Schule auf dem Lehrplan stehende Werk „Mauergewinner“, geben?
Die Antwort lautet ja (!), denn Mikis Wesensbitter ist mit „Wir hatten ja nüscht im Osten … nich’ ma Spaß!“ ein echtes Meisterwerk gelungen. Zwar beschreibt er darin nur das berühmte Jahr 1989 in Tagebuchform, dies jedoch mit einer unfassbaren Detailgenauigkeit, Präzision und vor allem so dermaßen lustig, dass man sich diese Zeit manchmal echt zurückwünscht. Aua!

In meinem Fall hat das vielleicht sogar Gründe, da ich drei Jahre jünger bin. Während der Protagonist all die geilen Konzerte der Vorwendezeit mit 20 erlebt hat, in Friedrichshainer Kneipen bis tief in die Nacht versumpft ist und danach durchaus interessante Frauen abgeschleppt hat, war ich eben noch eher ein Junge, der dem „Held“ mit Sicherheit hier und da begegnet ist, aber eben viel uncooler in jener Zeit agierte. Und der blöderweise nur knutschen und fummeln durfte, da ihm die Mädels nicht in die Dreiraum-Wohnung seiner Eltern (mit Brüderchen Benny im selben Zimmer) folgen wollten.

Extrem gelungen finde ich ein Gefühl, welches der Autor vermittelt, nämlich, dass die DDR Scheiße war, aber alles was danach kam (in dem Buch eben nur die kurze Zeit nach dem Mauerfall) noch viel beschissener. Auch für mich waren die frühen 90iger – zumindest was Freunde betrifft – eher ernüchternd. Auf der großen Silvesterparty eines Kumpels am 31.12.1989 war ich Mitternachts plötzlich nur noch von 6 Leuten umgeben, da alle anderen 44 zu „den ganzen Freiheitsidioten“ (Zitat Wesensbitter) ans Brandenburger Tor abgehauen sind. Nach dem Abitur verringerte sich mein Freundeskreis schlagartig um 90 Prozent, da es vielen plötzlich nur noch um die große Kohle (statt die große Freiheit) ging.

Das Buch vermittelt jedoch nicht den ganzen Mist: “In der DDR hielten die Leute viel mehr zusammen, haben viel öfter und besser gevögelt und auch sonst hat alles urst eingefetzt”, denn Mikis beschreibt auch diese traurigen, grauen Sonntagnachmittage, den Stumpfsinn im Alltag und in der Produktion. Und fiese „Stasiratten“ aus Memphis (MfS), die es auszutricksen galt. Aber eben auch Zärtlichkeiten, Gerüche, Gegenden, Freundschaften, Verlustängste, Euphorie. Er skizziert damit ein Land jenseits von Stasiknästen, Jugendwerkhöfen und sinnlosen Fahnenappellen, die es in manchen Köpfen ausschließlich zu geben scheint. Die Wende in Ostberlin 1989 steht eben auch für Punk, Saufen, Ficken und …

Absolute Kaufempfehlung und zwar hier: „Wir hatten ja nüscht im Osten“ bei Amazon

PS.: Am 13.10. war Mikis Wesensbitter bei unserer Lesebühne zu Gast. Gerne würde ich mit ihm mal eine „DDR-Lesung“ machen, denn er ist mir sympathisch (obwohl er „Berliner Pils“ ächtet). Spätestens 2019 – nur 30 Jahre nach dem Mauerfall – bekommen wir das sicherlich hin!
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Rezi von “90 Minuten” bei “5vier.de” aus Trier

28. Juni 2012 | von | Kategorie: Blog

5vier_logoSeit ein paar Tagen gibt es eine liebevolle und vor allem sehr ausführliche Rezension zu “90 Minuten Südamerika” bei 5vier.de – Dem Onlinemagazin aus, für und mit der Region Trier. Es freut mich natürlich, dass mein Buch unter der Überschrift “Freiheit, Fremdheit, Fußball – 90 Minuten Südamerika” dort in der “Bücherecke des Monats” solch einen prominenten Platz erhalten hat.

… “90 Minuten Südamerika” ist kein Fußballbuch. Zwar zieht sich das runde Leder wie ein roter Faden durch Mark Schepperts Buch, doch die Beschreibung seiner wilden Reisen durch Südamerika beschreiben vielmehr die Erlebnisse eines nach Freiheit und sich selbst suchenden jungen Mannes…

Hier geht es zur vollständigen Rezension auf “5vier.de”

Zwei Tage später erschien dann auch noch ein Interview mit Herrn Scheppert

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