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Frankreich-Deutschland bei der WM 2014 in Brasilien

4. Juli 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Fußball-WM 2014

WP_20140704_042Ich verreise noch immer gerne mit Freunden. Allerdings werde ich langsam so alt, dass mir die Pärchen-Urlaube mit Sylvie beinahe besser gefallen, da ich mich dann nicht auf die Macken Anderer einstellen oder Kompromisse eingehen muss. Oft sind wir auf diesen Touren „ein Kopf und ein Arsch“, will sagen: wir könnten Reisen auch allein organisieren und wüssten jederzeit, dass die Pläne im Sinne des Partners wären. Mittlerweile schenken wir uns nichts mehr zu Weihnachten, da Konzertkarten, Bücher oder CDs sonst gleich doppelt auf dem Gabentisch lägen.
Die diesjährige Truppe ist halbwegs „mackefrei“ und mit den Südamerika-Neulingen verstehe ich mich blendend. Heute nervt jedoch der lange Entscheidungsfindungs-Prozess, um eine popelige Halbtagestour ins Parnaiba-Delta zu buchen. Sylvie nimmt auf jede noch so kleine Befindlichkeit Rücksicht, während ich sofort feststelle, dass die vier Tour-Operator, welche hier Tür an Tür ihre überambitionierten Event-Büros am Porto das Barcas haben, schlichtweg denselben Trip zum Einheitspreis anbieten. „Ich mach das jetzt mal“, rufe ich und knalle meine Kreditkarte auf den Tresen. „Cinco pessoa por favor.“
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Das kann Danny gar nicht ab und auch Sylvie fühlt sich leicht übergangen. Doch wenigstens sie kann ich überzeugen, dass wir auch in zwei Stunden nichts anderes gebucht hätten – nur um Jahre gealtert wären. Erleichtert flirte ich mit der Dame, bezahle für 5 Personen und pünktlich um 13 Uhr werden wir abgeholt.
Am Minihafen von Porto dos Tatus, der das Einfallstor zum Delta zu sein scheint, schmeißt uns der Fahrer wieder raus. Gerade werden handtellergroße Caranguejos behelfsmäßig in Bündeln zusammengebunden und lebend per Moped in die Stadt zum lustigen „Krebse-Klopf-Klopf“ transportiert.
Schon oft hatte ich erlebt, dass ich sich Guides in Brasilien lustige Namen geben, so auch der heutige. Mit „Sokrates“ sind wir nach fünf Minuten auf einer Wellenlänge, denn seine Tour-Vorbereitung besteht darin, eine Kühlbox mit Eis zu befüllen und uns danach in einen Shop in Richtung der Bierregale zu leiten. Erst als die letzte (von 30) Brahma-Dosen verstaut ist, kann es losgehen.
Die stahlendweiße „Iguana“ ist ein komfortables Boot mit ausfaltbarem Sonnendach und nun auch mit eingebautem Kühlschrank. Schon nach zwei Minuten sehen wir kein Gebäude mehr und befinden uns inmitten des Mangrovenwaldes.
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Hinter mir zischt eine Bierdose. Vögel erheben sich kreischend, während tausende Krebse hektisch schlammige Hügel erklimmen. Unser Tour-Philosoph spricht vorzügliches Portospanenglisch, sodass wir uns alle Informationen zusammenreimen können. Die 85 Inseln des Deltas liegen verstreut über eine Fläche von 2700 Quadratkilometern und der Rio Parnaíba teilt sich zum Schluss in fünf Arme, deren Wasser in den Ozean münden. Es ist eine der vielleicht schönsten Naturstrukturen des Planeten. Wir schippern durch ein furioses Labyrinth von Nebenarmen und Inseln. Auf dem Festland wäre die Vielfalt nur mit Neuseeland zu vergleichen, denn alle fünf Minuten ändert sich die Landschaft dramatisch. Wir passieren große Flüsse, Naturkanäle und breite Lagunen, sehen gigantische Dünen und Strände mit schneeweißem Sand – und das alles eingebettet in den grünen Mangroven-Dschungel.
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Alle fotografieren hektisch träge Kaimane, Leguane, Schlangen, Kapuzineräffchen und schlammige Krebse in einem Wirrwarr von luftigen Stelzwurzel. Etliche Störche, Kormorane und Reiher gleiten vorbei. Nur der immense Frischreichtum bleibt uns verborgen. Sokrates klaut zumindest aus einem Netz ein paar Garnelen und Austern, die er in die entstandenen Löcher der Kühlbox packt. Bei einem kalten „Cerveja Lata“ erzählt er zudem Geschichten von Gespenstern, sprechenden Fischen und alten Fischern, die nie mehr von ihrer Ausfahrt aufs Meer zurückkehrten, bevor er uns an einem matschigen Strand aussteigen lässt. Eine Stunde sollen wir uns dort die Beine vertreten. Eklige Würmer und riesige Schaben krabbeln diese sofort empor und ein Geschwader von Monster-Mücken durchschwirrt die stehende Luft.
Es werden die vielleicht schönsten (zwei) Stunden meiner bisherigen Brasilienreisen, denn nachdem wir uns durch den knietiefen Modder gekämpft haben, erwartet uns eine Landschaft, die mir den Atem verschlägt. Rechts und links erstreckt sich noch immer der tiefgrüne Dschungel, doch davor ragen gigantische Carnaúba-Palmen vor blassgrüner Buschsteppe in den Himmel. Kurz dahinter liegen bizarre Dünen und Wüstenformationen, welche ultratürkisfarbene Süßwasserlagunen in ihren Tälern beherbergen. Und als wäre das nicht schon Naturspektakel genug, erstrahlt in der Ferne ein violett-blauer Atlantik hinter feinsandigen Traumstränden. Wir sind die einzigen Menschen und fühlen uns wie die Einzigen auf dem Planeten. Es ist hier unfassbar still und zum Weinen schön. Alle laufen weit voneinander entfernt durch das Wunderland. Erni winkt aus der Ferne, doch erst als ich bei ihm bin, sehe ich, dass er eine Meeresschildkröte entdeckt hat, die einmal mehr die Unberührtheit dieses Fleckens Erde repräsentiert.
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Nachdem uns Sokrates am Boot eigenhändig die schlammigen Füße gewaschen hat, serviert er vorzügliche Austern mit Limettensaft zum Sonnenuntergangsbier. Was für ein Ausflug! Ohne Rücksicht auf das Verpassen irgendwelcher Achtelfinals buchen wir einen weiteren Trip bei ihm. Er hatte uns die ganze Zeit von roten, weissagenden Vögeln vorgeschwärmt. Die wollen wir morgen sehen!
Auch der zweite Ausflug startet in der gleichen Konstellation: wir haben Bier, sehen Traum-Urwald-Strände-Dünen im unberührten Mangrovengürtel mit einem Typen, den man unterbrochen dafür herzen könnte. In der Abenddämmerung ankern wir vor einer fast kreisrunden Insel. Hier sollen Guarás (rote Ibisse), die nur im nördlichen Südamerika und in Trinidad vorkommen, ihr Nachtquartier aufschlagen. Ich weiß, dass Guarra (mit einem „r“ mehr“) auf Spanisch „Schlampe“ heißt, doch weder Vögel noch die Damen tauchen auf. An Bord gibt es jedoch Getränke, gute Laune und einen Geschichtenerzähler. Sokrates erklärt, dass wir uns die Anzahl, der im Formationsflug ankommenden Sichler genau merken sollen, da diese Kinder- und Enkelzahlen, Lotto- und Fußballergebnisse, oder zu verbleibende Lebensjahre vorhersagen könnten. Wir einigen uns auf das Ballspiel und fast auf ein 0:0, da sehr lange rein gar nichts geschieht. Eine einsame Möwe segelt über uns hinweg. „Okay, wenn wir in weiß spielen, gewinnen wir 1:0“, nörgelt Jenna.
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„Guckt mal da rüber, wie krass ist das denn?“, ruft Danny plötzlich. Aus der Ferne segelt uns ein Gruppe leuchtendroter Vögeln entgegen. Im Licht der untergehenden Sonne wirken sie fast neonpink. Als sie an uns vorbeigleiten, krakelt Jenna: „Und in Rot spielen also 7:0, Scheppert?“ Es sind sieben knallrote Ibisse. „Nee, Meiner, 7:1, da kommt noch ein einsamer Genosse“, nuschelt Erni, wobei ich weder das eine noch das andere Ergebnis mit den ausstehenden Spielen in Verbindung bringen kann. „Richtig, 7:1. Völlig realistisch“, antworte ich. Sokrates nickt, nachdem ich es ihm erklärt habe, denn er glaubt fest an den Quatsch. Okay, Costa Rica ist auch noch in der WM-Verlosung.
Kurz danach gibt es nur noch Handball-Ergebnisse. Der verschwenderische Himmel verfärbt sich rot und alsbald auch die ehemals grüne Insel. Dieses Wunder der Natur sprengt jegliche Vorstellungskraft. Brasilien kann einen immer wieder umhauen. „Kleine Bierkrise, würde ich meinen“, murmelt Sylvie mit leuchtenden Augen und krallt sich die letzte Dose. Leider müssen wir nun zum Hafen zurückkehren.
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„Wenn es am schönsten ist, sollte man gehen.“ Ich mag diese Redewendung nicht und hielt mich im Leben meistens auch selten daran. Die englische Entsprechung: „One should leave off with an appetite“ ist ebenso Quark, denn was soll denn jetzt fußballtechnisch noch besseres kommen, als eine WM in Brasilien? Genau. Nichts! Dummerweise ist unsere Reise im Vorfeld so geplant gewesen, dass wir nach dem Viertelfinale die Heimreise antreten müssen. Während mein Freund Trueman gerade auf dem Weg nach Rio ist, um das Spiel gegen die Franzosen vor Ort zu zelebrieren, werden wir nicht einmal im Stadion, sondern wieder nur auf dem Fanfest in Recife sein – wenn überhaupt …
Der Flieger, der uns aus Parnaiba heraushauen soll, kommt nämlich nicht. Nach drei Stunden heißt es, dass wir per Bus ins 400 Kilometer entfernte Fortaleza gekarrt werden sollen, wo es Anschlussflüge gäbe. Wir sitzen schon in der Klapperkiste, die an einem schäbigen Restaurant plötzlich stoppt, da neue Gerüchte laut werden: das Flugzeug sei doch im Anflug. Also Kommando zurück und nochmals vier Stunden an Gate A warten (es gibt nur A), um gegen Mitternacht endlich in Fortaleza – natürlich ohne Anschluss – zu landen. Brasilien spielt in 17 Stunden sein Viertelfinale gegen Kolumbien genau in dieser Stadt. Wir bekommen nicht einmal Entschädigungshotel-Betten. Da es auch keine freien Sitzmöglichkeiten am chaotisch überfüllten Terminal gibt, lungern wir bis früh um 7 Uhr auf arschkalten Fliesen herum, bevor es endlich weitergeht und wir gegen 11 Uhr – nach lediglich 23 Stunden Anreise – in Recife landen. Dort können wir nun auch auf ein Hotel verzichten, da „unser“ Anstoß bereits um 13 Uhr erfolgt. Jetzt heißt es: kurz die dicken Waden im haiverseuchten Meer sowie die Gemüter mittels Brahma abkühlen und diverse Kopfbatterien nach diesen dornenreichen Stunden wieder aufladen.
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Wenngleich zwei meiner Mitstreiter während der gesamten Tortur in Panik gerieten, dass wir den Heimflug nicht pünktlich erreichen, sehe ich am Strand von Boa Viagem einige Dinge plötzlich glassklar. Was würde eigentlich geschehen, wenn wir diesen wirklich verpassen würden? Ich müsste mich bei meinem, sich zur WM zumindest minimal für Fußball interessierenden, Chef melden und ein paar Zusatz-Urlaubstage (im Sommerloch) beantragen. Ein paar hundert Euro mehr würde der Trip kosten. Mein Arsenal an Ausreden bröckelt. ‚Na und? Wenn es am schönsten ist, sollte man bleiben‘, rede ich mir ein, ohne es laut auszusprechen. Mein eingenicktes Mädchen schreckt hoch und ruft: „Wir müssen los, oder?“
Fußball ist für mich insofern faszinierend, da er eine Euphorie auslösen kann, für die man sonst harte Drogen bräuchte. Da kommt plötzlich immer dieses Sausen im Kopf, dieses krasse Gefühl, lebendig zu sein. Als wir Recife Antigo nach zwei Tagen ohne Schlaf erreichen, spüre- in meinen Adern drei Linien Kokain pulsieren, obwohl dort nur ein zwei Bier wabern. Okay, wir reden hier nicht von einem ätzend langweiligen Freundschaftsspiel oder einer 13.30 Uhr-Zweitliga-Partie, sondern vom Viertelfinale der WM mit deutscher Beteiligung.
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Auf dem Fanfest ist um einiges mehr los als bei der Partie gegen Portugal. Etwa 400 Deutsche und 200 blaue Frösche in eng anliegenden Trikots trinken sich Mut an, aber auch viele Einheimische sind bei 32 Grad, im nicht vorhandenen Schatten, vor Ort; wahrscheinlich weil ihr Team direkt im Anschluss spielt. Einige brasilienbraune Schönheiten haben sich sogar schwarz-rot-goldene Fahnen auf die Wangen gemalt. Später erfahre ich, dass sie lediglich Deutsch an der Uni lernen und deshalb unser Team unterstützen. ‚Ist eigentlich unser Land oder das Team angesagt?‘, frage ich mich während Erni beinahe das angeschleppte Bier verschüttet beim Betrachten der lächelnden Schönheitsköniginnen im Minirock. Trueman schreibt mir eine SMS aus dem Maracana in Rio – auch nicht schlecht. Neid!
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Das Spiel: Mats Hummels köpft nach einer Flanke von Toni Kroos in der 12. Minute das 1:0 unter die Latte und lässt und zu hüpfenden Rumpelstilzchen mutieren. Danach heißt es 80 Minuten lang zittern, obwohl wir heute nicht die Eisbahn in der Mall nebenan betreten. Okay, das Team spielt nicht schön aber sicherer als gegen Algerien, doch Frankreich gelingt es oft, den Ball zielstrebig in unsere Gefahrenzone zu bringen und Benzema treibt uns, aber auch die hiesigen Franzosen, fast in den Wahnsinn. Kaum zu glauben, dass Neuer in der Nachspielzeit nach seinem Dynamitschuss den rechten Arm so schnell nach oben reißen kann und uns den Einzug ins Halbfinale rettet. „La Boum 2. Die Party geht weiter!“, ruft Jenna saulässig und Erni startet seine berühmt-berüchtigte Polonaise. Die Deutschland Gewogenen schließen sich ihm an und rocken die Altstadt von Recife. Bis zu dem Moment als alle in ungläubigem Staunen verharren. Mit lautstarker Fanfarenmusik marschieren zehn brasilianische Riesen ein, gefolgt von tausenden Menschen in Nationaltrikots.
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Die fünf Meter großen Figuren, geschultert von normalen Menschen, bilden die Vorhut zum anstehenden Viertelfinale. Eine Volksfest-Tradition aus Olinda hat somit auch Recife erreicht, denn die Riesenfiguren aus Holz, Pappmaché und Ton prägen den dortigen Karneval seit hundert Jahren. Wo sonst Politiker und Stars verspottet oder gehuldigt werden, sind es diesmal die WM-Stars. Fantastisch, wie realistisch und lebensnah die Gesichter aussehen, wobei ich von den zehn Giganten nur Pelé, Neymar, Scolari, Fred und David Luiz erkenne. Und natürlich den „Beißer“ Suarez, den sie als Vampir dargestellt haben. Die Stimmung inmitten der tanzenden Meute ist grandios. Deutsche und Franzosen waren ja regelrecht introvertiert, im Vergleich zu dem, was jetzt abgeht. Aber nach fünf Bieren in der prallen Sonne feiern besonders Erni und ich gehörig mit und drücken Pelé und Neymar die Deutschlandfahne in die schlaffe Hand. Da die Typen unter den Figuren nichts sehen können, entstehen Fotos für unsere Ewigkeit. Brasilianische Chicas wollen sich zudem mit uns, Neymar und Flagge ablichten lassen, als Beweis für die WM ihres Lebens – für ihre Ewigkeit. Wir trinken Brahma aus Riesendosen gefüllt mit Adrenalin.
Leider wollen meine Freunde das Spiel nicht hier verfolgen, sondern dem Tollhaus mit einem eleganten Abgang entweichen, nur, um etwas zu essen, was aus meiner Sicht völlig überbewertet ist. Einige Ecken weiter kehre ich in eine Open-Air-Kneipe ein, setze mich vor die Leinwand und rufe: „Ihr wisst, wo ihr mich findet!“ Nach Rückkehr der Hungrigen – das rasante Spiel hat längst begonnen – macht Sylvie Fotos. Mittlerweile sitze ich im rot-schwarzen „Rugbytrikot“ ganz allein inmitten von gelb-grün-blau bekleideten Heißblütern und habe eine „GOAL-Brille“ dabei, die mir jemand geschenkt hatte. WM-Fieber!
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Brasilien gewinnt 2:1 und ist demnach unser Halbfinalgegner. Neymar wurde böse gefault und rausgetragen, was mir – da in meinem Leben schon öfter prophezeit wurde: Deutschland wird Weltmeister – ein bisschen Mut gibt. Der Typ ist deren einziger Weltklassespieler. Ohne den Volksheld und den gesperrten Thiago Silva wird das Halbfinale immer noch hart, aber durchaus machbar sein. Nach der Partie umarmen mich etliche Menschen herzlich, in der Gewissheit, dass ich (!) nun der nächste Gegner bin. Mir kommen fast die Tränen.
Verdammt, ich habe doch nur eine Schatztruhe namens Leben und manchmal gehe ich damit um, als hätte ich tausende. Gehen oder bleiben?

Zum Weiterlesen: 90 Minuten Update
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Und noch ein paar Videos:

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Nachspiel: Deutschland vs. Ghana – Brasilien 2014

10. Februar 2016 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog

P1110239Danny und Jenna gehen nach dem Konzert ins Hotel, doch ich habe mein Zeitgefühl längst verloren und streune mit Erni in eine vermeintlich gefährliche Ecke der Stadt. Gerade als wir einsichtig umkehren wollen, hören wir verlockende Musik auf der anderen Straßenseite. Etliche Einheimische aber auch Deutsche in Nationaltrikots stehen dort vor einer Art Disco und plaudern. Ein kahl-rasierter Typ brüllt genau in diesem Moment: „Zieh dein Scheiß-Ölaugen-Trikot aus, du Fotze“. Der Drecks-Nazi und seine Jungs, deren Herkunft ich nicht verraten will, um diesen Verein nicht in Misskredit zu bringen, beschimpfen einen Kerl, weil er ein Özil-Trikot trägt. „Verbisst euch ihr Benner“, ruft Erni unfassbar mutig. Ich zupfe ihm am Ärmel, doch seine Nase bleibt heil, da die Deutschen mit Hirn deutlich in der Überzahl sind. Die vier Spasten hauen Richtung Puff (O-Ton) ab. Solche Typen werden für immer Feinde bleiben – bis wir sterben. Wir hingegen taumeln Seit an Seit mit unseren Freunden „Özil“, „Boateng“ und „Podolski“ ins Verderben.
Unter gewissen Umständen, wie übermäßigem Alkoholgenuss oder fiesen Adrenalin-Ausschüttungen, verliere ich im Leben noch immer die Kontrolle über den Verstand, denn in der Bar gibt es Frauen, die nicht von dieser Welt sind. Nur zögerlich kann ich den Blick von all den erotisch glänzenden Schenkeln und Brüsten dunkelhäutiger Schönheiten abwenden, die hier ekstatisch und mit Hüftschwung Lambada und Samba zelebrieren. Manchmal will ich noch immer begehrenswert sein – möchte mir nicht eingestehen, dass die besten Jahre längst vorbei sind. Auf Fotos des heutigen Tages sehe ich zehn Jahre jünger aus und habe ein lässiges Leuchten in den Augen.
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Auf dem Parkett schwebt ein Paar so unfassbar sexy durch den Laden, dass es mich nach einer Caipi packt und ich eine schönbusige Frau zum Tanz auffordere. Die Anmutige nickt und greift mir sofort an die Hüften. Doch der Schwof dauert genau eine Minute, da ich nicht in der Lage bin, ihren Rhythmus auch nur ansatzweise mitzugehen. Ich torkele und stolpere eher neben ihr her. ‚Scheiße, ein Brasilien-Gen besitze ich wahrlich nicht‘, denke ich, als sie mich sanft von sich schiebt, einen zärtlichen Kuss auf die Wange drückt und „não“ flüstert.
Plötzlich spielen sie „Nossa, Nossa“ – das bisher erste bekannte Lied in meinen Ohren. Wenig später schlängelt sich eine 200köpfige „Polonaise“ durch die Disco – angeführt von Erni. Alle haben sich angeschlossen und steigen nun kreischend über Tische und Stühle bevor sie mein Freund unter den klaren Sternenhimmel führt. Das Verhältnis von Deutschen und Brasilianern liegt bei 1:7, doch in gemeinsamer Leidenschaft bricht der Laden fast zusammen.
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Die kaffeebraune Schönheit hinter mir versucht die Köpfe meiner Hose zu öffnen, um an meine Genitalien zu gelangen und Erni brüllt von vorn: „Das iss ma ‘ne rischdsche Bolonäse.“ Plötzlich ist da ist so ein krasses Gefühl von früher und gleichzeitig eines der unbändigen Augenblicks-Freude. Nur für diesen Moment hat sich diese Reise schon gelohnt. Behutsam führe ich die Hand zurück auf meine Schulter während eine feuchte Zunge an meinem Hals herumschleckt. Ich drehe mich um und rufe: „Não!“, da die begehrenswerteste Frau der Welt genau 2.014 Schritte entfernt schläft. Außerdem weiß ich, dass ich beim brasilianischen Sexrhythmus genauso grandios versagen würde.
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Erni kommt freudestrahlend mit einer Chica im Schlepptau an – ein Traumpaar. Er fragt: „Kannste mir mal nen Hunderter borgen?“ Auch mein Freund hat sicher keine Ambitionen fremd zu vögeln und will der Zauberfee nur noch einen Drink spendieren. Zumindest realisiere ich, dass er schon wieder pleite ist – Zeit zu gehen. Arm in Arm wanken wir aus dem Laden und singen „Nossa, nossa. Assim você me mata. Ai se eu te pego, ai se eu te pego“. Etliche Frauen, die wir in den letzten vier Stunden gesehen und berührt hatten, haben uns fast um den Verstand gebracht. Es ist 5 Uhr.

An der Strandpromenade ist noch immer etwas los. Zwei Teams spielen auf dem warmen Pflaster Fußball und etliche Zuschauerinnen und Jungs diverser Nationen schauen dabei zu. Erni legt seine Deutschlandfahne hinter eines, der aus zwei Pullen bestehenden Tore und brüllt: „Wir fordern!“ Ein lustiger Braunschweiger namens Tommy, den wir im Club kennengelernt hatten, sieht das und ruft: „Ey, mit euch sind wir endlich sieben!“ Um eine steinerne Bank machen sich sogleich vier weitere Jungs startklar. Ich kann nicht fassen, was nun geschieht, aber Mateo und Jesus aus Kolumbien, der Chilene Amaro und David aus der Schweiz meinen es todesernst. Tommy sowieso.
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Derweil verlieren „brave Brasilianer“ gegen oberkörperfreie „Favela-Boys“ deutlich. Überheblich lächelnd winken sie uns heran. In 2 x 10 Minuten wollen sie uns, den „Bunten“ – wir tragen alle ein Trikot unseres Heimatlandes – zeigen, wer die ultimativen Herren des Strandes von Fortaleza sind.

Erni geht ins Tor. Ich bilde mit David die Abwehrkette, die Kolumbianer spielen im Mittelfeld und Tommy orientiert sich zusammen mit Amaro in die Spitze. Direkt nach dem Anstoß sprintet der Chilene nach vorn. Jesus spielt einen nahezu perfekten Pass ins Abwehrzentrum des Gegners, doch Amaro schiebt den Ball knapp an der linken Bierdose vorbei. Sofort antworten die Brasilianer mit einen langen Ball hinter unsere zu weit aufgerückten Kolumbianer. Ich döse ein wenig und mit einer leichten Körpertäuschung ist mein Gegner an mir vorbei. Der hat nun freie Bahn und schießt platziert ins linke Eck. 1:0 für Brasilien. Auf den Zuschauertribünen wird gejubelt. ‚Na das geht ja gut los‘, denke ich während Jesus und Mateo toben und Erni den Ball holt. Ich wechsele in den Kasten. Meinem knapp acht Jahre jüngeren Freund, der bis zur A-Jugend fast auf Drittliga-Niveau in der Abwehr gespielt hat, wäre dieser Fehler sicher nicht unterlaufen. Zudem bin ich schon nach drei Sprints außer Atem, triefe nach Schweiß und spüre den immensen Alkohol in meinen Adern pulsieren.
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Nach dem Anstoß sehe ich wie genial Jesus und Mateo miteinander harmonieren. Gekonnt passen sie knapp zehnmal hin- und her ohne das die verblüfften Brasilianer an den Ball gelangen. Erst jetzt grätscht einer dazwischen. Ecke. Jesus schaut kurz auf und flankt dann präzise in die Mitte. Kein einziger Gegner springt hoch und so fliegt der Ball zu Tommy, der ihn kurz fixiert und dann – etwas unbeholfen – in Richtung Tor köpft. Doch unerreichbar segelt dieser ins gegnerische Tor. „Viel zu hoch“, deutet der Torwart an, aber der bullige Chef unseres Gegners schüttelt den Kopf und schleppt den Ball zum Mittelkreis. 1:1.
Wütend rennen sie nun an, doch Erni bekommt den Ball schnell unter Kontrolle und passt hinüber zu David, der diesen augenblicklich zu Jesus hinüberschiebt. Blind spielt dieser weiter zu Amado. Drei Brasilianer schauen apathisch hinterher. Unser Chile schießt den Torwart an, aber der Abpraller kommt genau zu ihm zurück und im Nachschuss versenkt er ihn eiskalt. Wie krass – wir führen! Das ist ja so, als wenn ich mit Jenna zwei überlegene türkische Jungs in Kreuzberg zum Tischfußball bitte und wir nur durch unkonventionelle Spielweise eine Chance haben. Doch unsere Südamerikaner im Team spielen nicht unkonventionell – sondern granatenstark. Mit „Chi, Chi, Chi, le, le, le!“, feiert sich Amado selbst.
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Fast schon panisch rennen sie nun gegen uns an. Ich kann einen Ball lässig vor deren Stürmer aufnehmen und werfe weit ab hinüber zu Mateo. Der passt halbhoch zu Jesus, welcher das Ding per Direktabnahme aus gut 10 Metern knallhart ins rechte Eck hineinzimmert. 1:3 – ich fasse es nicht.
Um uns herum ist es mittlerweile still geworden. Die Zuschauerinnen – vermutlich sind auch Freundinnen der Spieler anwesend – verharren in ungläubigem Staunen. Sie fragen sich wahrscheinlich gerade auch, ob das wirklich wahr ist. Erni kommt angerannt und singt mir ins Ohr: „Oh wie ist das schön…“
Nach dem Anstoß will keiner von denen den Ball so richtig haben. Aus frech-lachenden, barfüßigen Straßenkickern sind Feiglinge geworden. Der arrogante Glaube, die Allergrößten zu sein, ist allmählich verflogen. Ihr Boss staucht sie immer wieder – wild gestikulierend – zusammen.
Jesus nutzt die Unentschlossenheit und spielt links hinüber auf Tommy, der ihn sofort auf den nach vorne gesprinteten Kolumbianer zurückkickt. Kinderleicht schiebt er den Ball zwischen die Pfosten. Jetzt sprinten wir alle nach vorn und umarmen den Doppeltorschützen. Das Spiel ist nach 8 Minuten eigentlich entschieden. Doch noch ist nicht Halbzeit. Ich mache es mir im Tor gemütlich, denn die Brasilianer schaffen es nicht, an David und Erni vorbeizukommen. Mittlerweile brüllen Leute von draußen „Olé“ nach jedem unserer Pässe zum Mitspieler. Und das ist oft, da die planlos agierenden Gegner fast gar nicht mehr an den Ball kommen. Matteo schiebt den Ball rechts auf Jesus, der sofort durchstartet, jedoch nicht abschließt, sondern zurück in die Mitte spielt. Dort wartet bereits sein Kumpel, der ihn übermütig mit der Hacke ins Tor kickt. Ich träume nicht. Es steht 5:1 für uns Ausländer. Was für eine Tracht Prügel – was für eine Demütigung!
Während der kurzen Pause spendiert uns ein brasilianischer Familienvater eine Runde Bier. Keine Ahnung, ob er jemals auf dem Pflaster von Fortaleza eine solch peinliche Vorführung der heimischen Jungs gesehen hat. Andererseits vermute ich allmählich, dass auch Jesus, Mateo und Amado in ihrer Heimat durchaus für gute Kicks am Strand oder im Verein bekannt sind.
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Nach dem Seitenwechsel können wir es uns leisten, mich aus dem Tor zu nehmen. Ich tausche mit Tommy, der etwas außer Puste ist. Ein Gegner ist nun nicht mehr vorhanden, sodass auch ich mit dem Ball am – mittlerweile blutverklebten – Fuß ungestört auf dem Spielfeld entlang spazieren kann. Als ich quer nach innen flanke, sehe ich gar nicht, dass sich auch Erni nach vorn orientiert hat. Zum Glück verpasst Jesus, denn so gelangt mein Freund an den Ball und knallt ihn per Vollspann dem Torwart zwischen die Beine. Getunnelt – Höchststrafe – 1:6. Der Kerl sackt zwischen den Pfosten in sich zusammen, während ich Erni auf den Rücken springe und wir gemeinsam zu Boden stürzen. Tommy kommt aus dem Tor gerannt und auch der Schweizer David schließt sich uns an. Gemeinsam krauchen wir auf Knien als „Raupe“ über den Platz. Unsere Südamerikaner staunen über so viel Ekstase und in den Gesichtern des Gegners ist eine Mischung aus Schock und Scham zu sehen.
Kurz darauf geschieht das Ungeheuerliche. Nein, wie bekommen keine aufs Maul und werden auch nicht mit vorgehaltenem Haifischmesser dazu gezwungen noch sechs Stück reinzulassen. Der Chef der Brasilianer schnappt sich mit einer Fresse, die aussieht als ob er Zahnschmerzen hätte, den Ball, ruft seinen Jungs etwas zu und verschwindet dann mit ihnen in Richtung der Häuserschluchten.
Der Torwart dreht sich noch einmal um und zeigt ein Fuck-Off, doch nach dreißig Sekunden sind die entzauberten Herren des Strandes verschwunden. Kampflos haben sie sich ihrem Schicksal ergeben. Deutschland-Kolumbien-Schweiz-Chile hat Brasilien auf eigenem Boden während der WM 2014 mit 6:1 bezwungen. Wir liegen uns in den Armen und brüllen kollektiv den Klassiker: „We are the champions.“
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Jeder von uns weiß nun, dass die Heimmannschaft auch in der Heimat zu schlagen ist. „Vielleicht gewinnen unser Jungs ja noch höher gegen die“, brülle ich Erni in einem Anfall von Größenwahn zu und meine damit unsere Nationalmannschaft. Frühestens im Halbfinale kann es zur Partie gegen Brasilien kommen.

Und noch etwas anders töne ich: „Ich fahre übrigens zurück nach Recife zum Spiel gegen die Amis. Wir sind ja nur einmal bei einer Fußball-WM. Sylvie wird das ganz sicher verstehen. Bist du dabei?“ „Nuklear“ (na klar) schallt es zurück. Auch er will eine Fortsetzung des Gesamtkunstwerkes aus Spiel, Spaß und Emotionen!

Noch lange sitzen wir mit Menschen aus aller Welt zusammen und erleben während des Sonnenaufgangs über Fortalezas Honiglippenbucht einen weiteren Augenblick für die Ewigkeit. Ein sehr junges Mädchen, die mit ihrer Familie noch immer hier und wach ist, entdeckt meine DDR-Fahne und klettert mit dieser auf einen Betonsockel. Dort breitet sie sie vor dem Körper aus und beginnt mit liebreizender Stimme zu singen: „Eu sou alemão, com muito orgulho, com muito amor.“ Tommy und Erni stimmen sofort ein. Ich jedoch bestaune mit offenem Mund das Schauspiel und suche in meinem Hirn nach einem Wort, welches auch nur ansatzweise meine Gefühle beschreiben kann.
Dieses Wort gibt es nicht. Also stimme ich mit Inbrunst ein und schmettere es in Richtung Pazifik: „Ja, ich bin Deutscher, mit Stolz und mit viel Liebe!“
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Das Spiel: Deutschland vs. Ghana in Brasilien 2014

5. Dezember 2015 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Fußball-WM 2014

P1110210Bei der Einlasskontrolle müssen wir die Karten auf einen Scanner legen. Es leuchtet grün und meine Augen auf der anderen Seite strahlend blau. Wir sind drin! Noch haben wir eine Stunde Zeit bis zum Spielbeginn und so schlendern wir durch den Innenring fast einmal ums Stadion. Dummerweise haben wir Karten in verschieden Sektoren: vier Tickets in Kategorie 2 zu 135 Dollar und nur zwei in der günstigeren 3er (zu 90 US-Dollar), wobei das der Deutschland-Block ist. Dennoch entscheiden wir uns für die vermeintlich bessere Sicht, auch vor dem Hintergrund, dass wir dort nur einen einschmuggeln müssen. Der Witz: wir gelangen ohne kontrolliert zu werden auf 1-A-Sitze. Direkt daneben gibt es Plätze für „Behinderte“, die es heute augenscheinlich nicht gibt. Enri hockt sich hin.
Bei 30 Grad und hoher Luftfeuchtigkeit werden wir das Match nah am Spielfeld auf Höhe einer Eckfahne verfolgen und die Schwüle einfach wegsaugen. Um uns herum sind unzählige Landsleute, sodass auch hier das Barometer sicher auf Stimmungs-Hochdruck geeicht ist. Direkt vor dem Tor tanzt sich die Ghana-Kolonie ein und vor ihnen drehen die Fußballer ihre Runden. Sylvie zoomt heran und macht lebensgroße Fotos von all den Helden, die den Titel hoffentlich in drei Wochen mit nach Hause bringen werden.
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Plötzlich geschieht etwas Außergewöhnliches – mit mir. Beim Einlauf der Teams verspüre ich von jetzt auf sofort keinerlei Hektik mehr, bin nicht mehr angespannt oder aufgeregt – in meinem Herzen herrscht gespenstische Ruh. Alle um mich herum und die Spieler singen die Nationalhymne, nur Jerome Boateng und ich schweigen, denn bei mir läuft gerade ein anderer Film. In „90 Minuten Südamerika“ hatte ich noch betont, dass dies kein Fußballbuch sei. Heute sind etwa 15.000 Landsleute mit uns im Stadion – von 80 Millionen Einwohnern. Jetzt fühle ich mich durchaus dazu berufen, mein Werk so zu nennen!
Mein Zeitgefühl kommt mir abhanden. Die Minuten vor Beginn der Partie können im Nachgang nur 10 aber auch 100 gewesen sein.
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Mit noch etwas anderem liebäugelt mein Hirn. Wäre dies nicht der ideale Zeitpunkt, Sylvie zu fragen, ob sie mich heiraten will? Ich hatte ihr 2006, als ich die Fußball-WM daheim nicht erleben durfte, die Pistole auf die Brust gesetzt: Falls jemals eine WM in Brasilien stattfinden sollte, fahren wir hin – ohne Rücksicht auf das, was gerade im Leben ansteht. Wir sind hier! Kann es ein schöneres eingelöstes Versprechen geben? Es soll im Leben eines Mannes ja nur drei Frauen geben, von denen man glaubt, dass es die richtige ist. Ich habe meine eine längst gefunden. Doch was spricht eigentlich dagegen, mit ihr in ewiger Liebe als Traumpaar und beste Freunde durchs Leben ziehen? Erni bringt mich zurück in die Wirklichkeit, denn er brüllt: „Nu ghana losgehen“. Das Spiel geht los!
Schon nach wenigen Ballberührungen herrscht Unruhe im Stadion. Nicht auf dem Platz, sondern im Oberring – direkt gegenüber. Heerscharen von Ordnern sammeln gerade hektisch die Banner unsere Freunde aus Dubaiern, Halle an der Saale und Gladbach ein – so sieht es zumindest aus der Ferne aus. Ein Pfeifkonzert und „FIFA raus“ schallt zu uns hinüber. Dass Zaunfahnen ein elementarer Bestandteil der Fankultur sind, vergessen die Weltverband-Idioten mal wieder, zumal die Sponsoren ja sowieso in einer Art FIFA-Dauerwerbesendung allgegenwärtig sind. Falls auf der Videotafel das Original-TV-Bild übertragen wird, schwenken sie außerdem nur sehr selten in die Fanblocks, was Erni, der permanent in eine Zuschauer-Kamera winkt, augenscheinlich scheiße findet. Unsere Bier-Fahnen wehen weiterhin durch die Arena – ohne Konsequenzen.
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Das Spiel hingegen ist weniger aufregend. Ein Hin- und Her im Mittelfeld und Ghana hat sogar die bessere Spielanlage, weil die Deutschen das Tempo arg verschleppen. Lediglich Kroos serviert gewohnt seine überheblich-eleganten Pässe und auch Özil gefällt mir im Gegensatz zu Götze ganz gut. Im Boateng-Bruderduell gewinnt Jerome gegen Kevin-Prinz jeden Zweikampf. Gute Ansätze, aber Torchancen kann sich Deutschland – im Gegensatz zu den Afrikanern – kaum herausspielen. Sind die echt besser als Portugal?
Auch das Liedgut lässt zu wünschen übrig. Der Klassiker „Deutschland, Deutschland“ ist lautstark zu hören und „Steht auf, wenn Ihr Deutsche seid“, wobei man an den „Sitzenbleibern“ sieht, wie viele Brasilianer im Stadion sind. Die besingen das müde Gekicke mit: „Eu sou brasileiro, com muito orgulho, com muito amor.“ Aus tausenden Kehlen schallt es wie ein Manifest durchs Oval. Sie spielen heute nicht – feiern sich aber selbst, mit großem Stolz und viel Liebe. Zur Pause steht es 0:0.

Wir lassen uns vom Ergebnis die Laune nicht verderben. Unsere Frauen holen die nächste Runde Souvenirs, Jenna fachsimpelt mit mir und Erni klettert vier Reihen hinauf, um sich mit drei Schönheiten fotografieren zu lassen. Die Hübschen halten ein riesiges Plakat in die Höhe: „Jetzt wird wieder geMüllert und geHumeltst“, ist dort zu lesen. Gerade drücken sie meinem Freund einen Fußballball in die Hand, den er hin- und herschwingen soll. Auch sie wollen ins Fernsehen, was nicht gelingen wird, denn in Deutschland läuft momentan sicherlich die „tageschau“ oder FIFA-Werbung. Plötzlich hängen die Zaunfahnen gegenüber wieder. Mal sehen, ob wir wenigstens dieses Duell gewinnen werden.
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Danny und Sylvie kommen mit zehn Brahma-Bechern rechtzeitig zurück, um beim Blick auf die Anzeigetafel fast zeitgleich den legendären Satz zu rufen: „Was ist denn ein Shkodran Mustafi?“ Okay, den Typen kannte ich bisher selbst kaum und nur weil auf der Videoleinwand auch der Name J. Boateng daneben steht, weiß ich, dass er gerade eingewechselt wurde. Schon krass, was für eine multikulturelle Truppe unser Team geworden ist. Schön krass!
Deutschland spielt jetzt auf das gegenüberliegende Tor und es sind erst wenige Minuten gespielt, als Müller von rechts in die Mitte flankt und Mario Götze der Ball irgendwie auf den Kopf und dann ans Knie prallt. Egal – das Ding ist urplötzlich im Netz. Tooor! Mit meinen Freunden vollführe ich den wüstesten Jubel-Pogo unseres Lebens. Sind wir bescheuert, oder was? Nein! Es ist unser Premieren-Tor bei einer Fußball-Weltmeisterschaft. ‚Der Götze ist ja doch nicht so übel‘, denke ich, während ich im Pulk mehrere Treppenstufen hinuntertreibe.
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Als wir uns wieder gefangen haben, flitzt ein mit Filzstift bemalter, bärtiger Typ auf den Rasen. Sylvie zoomt heran und es schaut so aus, als ob der Spinner SS-Runen auf seinem Arschloch-Körper zur Schau stellt. Abführen! Eine Minute später patzt Lahm und Ghana stürmt sofort auf unser Tor zu. Nach einer Flanke köpft Ayew unbedrängt von Shkodran und Per Mertesacker ein. Ausgleich – Scheiße!
Schon in den ersten 10 Minuten der zweiten Halbzeit wurde mehr Herzinfarkt-Risiko erzeugt, als in unserem ganzen WM-Fanleben. Deutschland hängt mächtig in den Seilen & wir kommen eben aus diesem Land. Das macht uns dünnhäutig.
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Danny reißt mich herum: „Das halte ich nicht mehr aus – mach was!“, denn plötzlich entdecken auch die Brasilianer ihr „Coração“ (Herz) für den Außenseiter. „Gana, Gana, Gana“, schallt es durchs Rund und direkt unter uns beschwört ein krass geschminkter Voodoo-Priester seine schwarzen Brüder. Es nun ein wilder Schlagabtausch und es gibt Riesenchancen auf beiden Seiten – doch nur Ghana trifft. Der erste Rückstand bei der WM und ich hoffe sogleich, dass es der letzte sein wird. Torschütze Gyan und der irre Medizinmann im Ghana-Block lassen sich feiern. Die Brasilianer starten eine La-Ola, die (fast) durchs ganze Stadion rollt. Die letzten Minuten kamen mir vor wie im Zeitraffer. Was für ein Drama!
Sylvie schreit mir ins Ohr: „Anscheinend wird Deutschland doch nicht Weltmeister.“ „Nein, scheinbar wird Deutschland nicht Weltmeister“, brülle ich zurück, denn endlich habe ich den Unterschied zwischen den Wörtern kapiert. Der Schein trügt, natürlich holen wir den Titel! Rede ich mir gut zu. Allerdings haben sich die neutralen Fans nun komplett auf die Seite des Gegners gestellt. Es stürmt gerade aber auch nur eine Mannschaft – und das ist Ghana. Atempause. Ecke für Deutschland. Kroos flankt präzise in den Strafraum, Höwedes verlängert geschickt und Klose – gerade erst eingewechselt – staubt ab. Tooor, Salto, Ausgleich – Wahnsinn! Es folgt der wüsteste Jubel-Tanz unseres Lebens. Mehr Glückshormone können nicht durch einen Körper schwappen. Wir kullern im Knäul hinunter bis zum Zaun. Weiter geht es mit völlig irrationalem, unkontrolliertem Offensivfußball von beiden Seiten. Erni reißt mich aus dem Geschehen: „Pixie schreibt gerade, dass Miro den fetten Ronaldo jetzt eingeholt hat“, dabei ist es mir scheißegal, wie viele Tore Klose bei WMs (jetzt 15) macht – Hauptsache er kann sich mal Weltmeister nennen. Ich brülle mit ihm hemmungslos: „Miro Klose! Miro Klose! Miro Klose!“
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Nach einer vergebenen Großchance von Müller endet das Spiel mit 2:2. Der liegt beim Schlusspfiff blutüberströmt am Boden. Aber auch ich bin fix und alle. Noch nie habe ich eine Partie mit solch einer brodelnden Intensität im Stadion verfolgt. Sylvie umarmt mich lange und Danny ruft mir in Jennas Armen liegend zu: „Noch so ein Spiel halte ich definitiv nicht aus.“ Sie spricht mir aus dem Herzen.
Zwei Typen mit schwarz-weiß gestreiften Trikots quatschen uns nach dem Spiel an. Wir wären ja abgegangen, wie sie – Fans aus São Paulo – plappernd sie drauflos. Anscheinend haben sie uns während der Partie beobachtet. Sie spendieren Erni (dem cleveren, geldknappen „Corintians-Fan“) zwei Bier.
Als wir die Arena eine Stunde nach Abpfiff verlassen, versinkt die Sonne gerade in den Häuserschluchten von Fortaleza und hinter dem glitzernden Pazifik. Ich bin noch immer so vollgepumpt mit Adrenalin, dass ich dies zwar wahrnehme, aber gar nicht so richtig zu würdigen weiß. Sonst würde ich in diesem Augenblick heulen.

Wir laufen zurück wie wir gekommen waren. Unterwegs steht mitten auf der Straße ein einsamer Plastikstuhl. Ich muss mich kurz sammeln, ausruhen, wieder zu Kräften kommen und will meinem Herzschlag lauschen. Erni hält den Augenblick inmitten der Massen in einem Bild fest. Es wird das Fußball-Foto – von mir – für die Ewigkeit.
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Zurück in der Stadt entern wir zielsicher ein Kilo-Restaurant. Als erfahrener Brasilen-Reisender erläutert Jenna den Frischlingen, dass sie sich bitte keine Kartoffeln oder sonstigen Beilagen-Quatsch auf die Teller packen sollen, da an der Kasse nur das Gewicht zählt. Fleisch, Würste, Fisch, Krebse, Garnelen und Gemüse im Überfluss gibt es auch für Erni, dem Danny 100 Real geliehen hatte, da sie unsere dummen Sprüche nicht länger ertragen konnte. Im Gegensatz zu mir macht Sylvie das Gelage müde. Sie verzieht sich ins Hotel. Ohne mein Mädchen taumeln wir in ein Konzert auf dem Fanfest. Ein dicker Sänger namens „Pericles“ heizt dort mit dunkelschwarzer Engelsstimme und Bigband in einer Mischung aus Samba-Reggea-Ska den Massen ein. Erni und ich schlagen uns in die vordersten Reihen durch. Dort bemerkt mein Kumpel, dass wir direkt vor der fest installierten Kamera stehen, die alle dreißig Sekunden ins Publikum schwenkt. Er greift mir an die Hose und zieht die DDR-Fahne aus der Schlaufe. Jede halbe Minute lachen wir nun – Tränen.
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Ausschließlich umgeben von krass abgehenden brasilienbraunen Jungs und beinahe barbusigen Schönheiten erschaffen wir ein durch den Zufall inszeniertes Bühnenbild. „Ordem e progresso“ und „Hammer, Sichel und Ehrenkranz“ werden von gut 5.000 Leuten nun alle 30 Sekunden gesehen, während alle dabei in Ekstase zur Musik springen. Brasilien feiert mit den zwei Ossis. Glückswellen durchziehen meinen Körper. Die besten Jahre sind noch lange nicht vorbei. Was für ein perfekter Tag!
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Zum Weiterlesen: 90 Minuten Update
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Das Vorspiel: Deutschland gegen Ghana – Brasilien 2014

30. November 2015 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog, Fußball-WM 2014

P1110187Durch die Samba-Bar schlängelt sich eine 200köpfige Polonaise, angeführt von Erni. Fast alle Gäste haben sich – gegenseitig an die Schulter fassend – angeschlossen und steigen gerade kreischend über Tische und Stühle bevor uns mein Freund nach draußen unter den 5-Sterne-Sternenhimmel leitet. In brasilianisch-deutscher Leidenschaft bricht der Laden gerade fast zusammen und ich ahne schon jetzt, dass ich mich noch lange an diesen Abend erinnern werde. Erni brüllt mir von vorne zu: „Das iss ma ‘ne rischdsche Bolonäse.“
Plötzlich erwache ich aus einem Traum, der im Juli 1990 begann und stelle fest, dass ich mich im Juni 2014 in der Wirklichkeit befinde. Ich habe so ein krasses Gefühl von früher und gleichzeitig eines der unbändigen Augenblicks-Freude. Allein für diesen magischen Moment haben sich diese Nacht, die Reise und das Leben gelohnt!

In Fortaleza hat sich einiges verändert. Wahrscheinlich nur WM-Fassade, doch ein Unterschied zwischen arm und reich, hell- und dunkelhäutig, gefährlich und save ist im Zentrum nicht erkennbar. Es gibt kaum Dreck, keine offenen Abwasserkanäle, wirr verzweigte Stromkabel, oder gar verlumpte Kids in dreckigen Shirts und verbeulten Sandalen. Die Innenstadt ist touristenfreundlich geworden. Mich irritiert das nicht, denn alle Menschen, die wir am Vortag des Deutschland-Spiels treffen, ob jung oder alt, Brasilianer, Schweizer, Franzose, oder Ghanaer tragen ein eingemeißeltes Lächeln im Gesicht. Heile Welt, denn sogar die Polizisten sind zuvorkommend.
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Wir wohnen unweit meiner geliebten Honiglippenbucht in Iracema und genau dort haben sie auch die Fanmeile mit zwei Mega-Leinwänden inmitten des Stadtstrandes errichtet. Die Stimmung ist ausgelassen, ja geradezu euphorisch und obwohl die Tische und Stühle der Restaurants, den Ständen der FIFA-Sponsoren weichen mussten, beschweren wir uns nicht, da das gereichte Brahma eiskalt und bezahlbar ist. Außerdem sind die knallroten Hartplastik-Becher ein tolles Souvenir. Auf ihnen ist das bunte WM-Logo und der Slogan: „Fan Fest Fortaleza – Jagandas de Mucuripe“ zu sehen. Wir kaufen einen turmhohen Stapel Souvenirs.
Die heutige Nachmittagspartie zwischen Frankreich und der Schweiz ist die bisher torreichste der Weltmeisterschaft, was die multikulturelle Feierstimmung zusätzlich anheizt. Sogar Jenna genehmigt sich ein Bier pro Tor, obwohl er die „Froschfresser“ noch immer nicht leiden kann. Nach sieben Stück (das Spiel endet 5:2) tanzen 20 Gockel mit 30 Eidgenossen zu brasilianischem Ska im Sand. Sie greifen sich dabei gegenseitig an die Schultern und bilden einen Kreis. In dessen Mitte drehen drei Typen aus Costa Rica komplett frei, da sie im Mittags-Spiel die Italiener sensationell mit 1:0 besiegt hatten. Die Mittelamerikaner stecken alle mit ihrer Orgie aus purer Lebensfreude an. Erni brüllt mir ins Ohr: „Das is aber geene rischdsche Bolonäse!“ Wohl nicht, aber ich begeistere mich dafür, wie friedlich die Nationen hier gerade miteinander tanzen. „Morgen ist auch noch ein Tag“, rufe ich zurück. Passend dazu sehen wir auf der Promenade nun auch deutsche Fans, die Fortaleza allmählich entern und zwei schüchterne Ghanaer. Einen von ihnen überrede ich zu einem Fotoshooting. Ich, noch immer leichenblass, und mein schwarzer Freund erschaffen – Arm in Arm – für 30 Sekunden ein Harmoniegemälde menschlicher Hautfarben. Fast alle Leute die vorbeischlendern, erheben den Daumen und lächeln verzückt. Es sind offensichtlich keine Rassisten, Nazis, rechte Hools oder sonstige Vollidioten nach Fortaleza gekommen – und so kann es auch bleiben!
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Kurz danach nehme ich Danny zu Seite und flüsterte ihr ins Ohr: „So kannst du aber morgen nicht auf dem Spiel herumlaufen.“ Sie trägt, wie wir alle momentan, neutrale Klamotten, ist aber die Einzige, die kein Deutschland-Trikot im Gepäck dabei hat. Die Antwort überrascht mich: „Okay, lass uns dort vorne mal gucken.“ Im FIFA-Fanshop kauft sie – mangels Alternativen – das vermutlich teuerste Nicht-Original-Trikot der Welt. Es ist ein schwarz-weißes, kurzärmliches Hemdchen, wo mit einer Art Stempel liederlich die deutsche Flagge über der rechten Brust aufgedruckt wurde. Und das hässliche Ding kostet 75 Dollar! Vielleicht macht sie es nur mir zu liebe. Wenn dem so ist, werde sie dafür ein Leben lang in Dankbarkeit umarmen.
Danny kenne ich schon solange wie Sylvie und Jenna, bin aber in den letzten Jahren nicht mehr so richtig warm mit ihr geworden. Doch seit wir in Berlin den WM-Flieger bestiegen haben, ist sie wieder das zauberhaft-offene und fast jugendlich wirkende, sauhübsche Mädchen, in das ich mich fast mal verknallt hätte. Das Abendspiel zwischen Honduras und Ecuador (2:1) ist nicht so der Brüller, da keine Supporter aus diesen Ländern im lauwarmen Sand durchdrehen. Nach einem Mahl – Erni murmelt in sein Essen: „Das sind aber geene rischdschen Spaghetti Bolonäse“ – und zwei dickbäuchigen Caipirinhas gehen wir zu Bett. Die lange Anreise aus Pipa hat doch mehr geschlaucht, als wir uns das lange eingestehen wollten.
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Obwohl Erni schnarcht – er wird auf der Reise abwechselnd auf die Zimmer der Paare verteilt – schlafe ich traumlos und gut. Am Morgen schlottern mir dennoch die Knie. Ich werde heute mein allererstes WM-Spiel live im Stadion verfolgen und am liebsten wäre ich jetzt, sechs Stunden vor Anpfiff, allein. Das funktioniert sogar fast, da Erni Geld ziehen muss und die Mädels noch Ansichtskarten kaufen wollen. Mit Jenna laufe ich hinunter zum Pazifik. Er ist mein bester Freund! Vielleicht sollte ich ihm das einmal sagen. Seit 16 Jahren reisen wir nun schon gemeinsam durch Südamerika und kein Göte oder Matze ist diesmal dabei (obwohl die vorher noch groß getönt hatten). Nur der alte Mannheimer läuft – wie ich – schweigsam im rot-schwarzen Auswärtstrikot neben mir her und ist, nach den salzigen Perlen auf seiner Stirn zu urteilen, gerade genauso aufgeregt. In diesem Augenblick wünsche ich mir, dass auch ich für ihn der allerbeste Freund der Welt bin.
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In unserem Hotel wohnen die „Dubaiern“ – bärige Typen, die von Dubai aus Bayern München supporten und an der Bucht sehen wir zwei „Unioner“ aus Halle/S. (deren Zaunfahne bei fast jedem Deutschland-Spiel zu sehen ist). Wir treffen auf eine Horde aus dem „Wilden Süden Gladbachs“ und auf zwei strohblonde Mecklenburger, die Trikots mit der 1 und der 8 tragen. Bei dem einem steht „Toni“, beim anderen „Kroos“ auf dem Rücken. Der grandiose Kaltblüter mit der 18 aus MeckPomm ist der einzige gebürtige Ostdeutsche im Nationalteam und auch mein liebster Spieler, obwohl seine Herkunft (Greifswald) – 25 Jahre nach dem Mauerfall – eigentlich völlig schnuppe ist.

Am „Ponte dos Ingleses“ klatscht Jenna mit zwei „Monnemer Jungs“ ab, ich grüße einen einsamen St. Pauli-Fan und ein pummeliger Kerl mit Dynamo-Dresden-Fahne um die Hüften gewickelt, watschelt auch noch herum. Ganz Deutschland ist heute vertreten und als wir unsere Bielefelder, die wir auf dem Hinflug getroffen hatten, entdecken, wird aus Wiedersehensfreude Mittagsbier gekauft. Manchmal kann einen schon die Stimmung vor einer Partie fesseln – heute ist so ein Tag!
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Wir kommen fast zu spät zum vereinbarten Treffpunkt, obwohl ich es ja war, der um 13 Uhr – drei Stunden vor Spielbeginn – aufbrechen wollte. Auch die Frauen haben sich nun herausgeputzt. Sylvie trägt das rote Auswärtstrikot der WM 2006, Danny das schwarz-weiße Shirt von gestern, plus Flip-Flops in schwarz-rot-gold (!) und Erni seine lustigen 74er-Klamotten. Er sorgt am Taxistand zudem für Belustigung, da er sich mit einem Idioten, der von Hut bis Fuß mit deutschem Tinnef und Lametta behangen ist, ablichten lässt. Auf dessen linker Brust klebt – warum auch immer – der Kopf von Bert. Erni lehnt seinen Schädel grinsend dagegen und Danny knipst die seltsame Sesamstraße in Fortaleza. Sylvie bekommt sich fast nicht mehr ein, aber aus einem anderen Grund. Sie erzählt, dass unser Freund in der Heimat das Limit seiner Kreditkarte auf 500 Euro pro Monat limitiert hatte, sodass er soeben gerade noch 60 Real (ca. 20 Euro) aus dem Automaten ziehen konnte.

In dem Moment, als wir in das Taxi mit dem Ziel Estádio Castelão steigen, habe ich gute Freunde und die schönste Frau der Welt an meiner Seite. Obwohl wir uns zu viert auf die Rückbank quetschen, schmusen wir wie zwei junge Welpen. Danny und Jenna auch. Heute kann nichts mehr schiefgehen!
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Der Fahrer rät zu einem Umweg, da die Zufahrtstraße zum Stadion verstopft sei. Wir einigen uns auf 75 Real Festpreis. 15 für jeden. Ich rufe: „Erni, du hast dann ja noch 45 Tacken.“ Er hatte zwar schon seine Freundin Pixie per Not-Telefonat gebeten, Kohle auf sein Konto zu überweisen, aber heute wird der listige Sparfuchs ohne Weitblick den ganzen Tag hochgezogen.
Pixie ist eigentlich eine patente Frau – mit krassem Fußballverstand und ich verstehe bis heute nicht, warum sie nicht mitgekommen ist. Dennoch bin ich froh, dass wir Erni nicht schon am ersten Tag verloren haben – das war nämlich ihre größte Sorge gewesen. Der fragt Jenna gerade: „Kannste mir mal ‘nen Hunderter borgen?“ „Du hast doch noch fett die Kohle“, schallt es gewohnt trocken zurück.
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Mein Handy brummt. Eine SMS: „Lass es krachen und die Karte steht. Trueman.“ Mein liebster Kneipenkumpel aus dem „Rockz“ hatte es leider nicht nach Fortaleza geschafft, obwohl wir für ihn ein Ticket haben. Erst zum Spiel gegen die USA reitet er zur WM ein und hätte dort wiederum eines für mich im Gepäck. ‚Oh Mann‘, denke ich im Wissen, dass wir morgen in den Amazonas fliegen werden und Recife wohl eher ausfällt.
Ich verzichte noch immer auf ein Smartphone, um nicht ständig online zu sein und keine wertvolle Lebenszeit ständig mit so einem Scheiß vergeuden will. Dieses Mal wäre so ein Ding durchaus sinnvoll gewesen. „Hört mal Leute. Mein Handy hat ‘ne sprechende Uhr“, rufe ich. „Es ist 13 Uhr 32“, krächzt eine weibliche Blechstimme und sorgt damit für die nächsten Lacher.
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Die weiträumige Umfahrung war eine gute Idee gewesen – da wir schon um 14 Uhr ankommen und im Strom der Massen in Richtung des aus der Ferne gigantisch wirkenden Stadions laufen. Entgegen aller Vermutungen gibt es überall fliegende Händler, die Snacks und Dosenbier verkaufen. Die Brasilianer pfeifen auf die FIFA-Regularien. „Erni, hol mal die erste Runde. Hier ist es noch billig“, ruft Danny. Das Brahma kostet 6 Real, sodass er nach fünf Kaltgetränken, mit 15 Real Barbesitz im Prinzip pleite ist. Ich fühle mich sauwohl, denn es gibt nirgendwo eng zulaufenden Gatter und dichtes Gedränge. Dennoch schwitzen wir wie Schweine. Ob es an den Außentemperaturen, der haarsträubenden Intensität oder an der Aufregung liegt?
Die deutschen Gesänge werden nun immer lauter. Meine Frau trägt jetzt sogar ein schwarz-rot-goldenes Band im Haar und Danny einen Aufkleber auf dem Rücken, auf dem steht: „I love Brasil“ – wobei dieses Gefühl seit Tagen allumfassend ist.
„Bist du glücklich?“, fragt mich Sylvie. „Oh ja“, posaune ich zurück, denn obwohl Menschenaufläufe auf mich oftmals bedrohlich wirken, zieht mich das Getümmel heute magisch an. Ich verschmelze mit der Euphorie der Massen und lasse mich kübelweise mit Glücksgefühlen überschütten. Nur einen Wermutstropfen gibt es: niemand sucht nach einer Karte. Sie verkaufen sogar noch welche an den Kassen. Okay, das Fassungsvermögen soll bei über 60.000 liegen, aber ein bisschen enttäuschend ist es schon, dass sie das Ding nicht voll kriegen. Außerdem lungern momentan keine Fans oder erwartungsfrohe Kids vor den Toren herum, denen wir die Karte einfach schenken könnten. Das Trueman-Ticket werden wir nicht los.
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Hinter der ersten Sicherheitskontrolle – wir sind noch nicht im Stadion – hole ich die DDR-Fahne heraus und lass mich damit vor dem Beton-Monster fotografieren. Das Bild ist in Gedenken an meinen Vater, um ihm – wo immer er gerade ist – zu zeigen, dass es sein kleiner Ossi-Sohn tatsächlich bis zur Fußball-WM nach Brasilen geschafft hat. Das soll es dann aber auch mit Nostalgie gewesen sein. Ich stecke den Fetzen so in eine Hosenschlaufe, dass das Emblem nicht mehr zu sehen ist. Erni stellt sich mit Deutschland-Fahne neben mich. Die Vergangenheit ist endgültig ad acta gelegt – von jetzt an lebe ich nur noch im Präsens.
Die Brahma-Brauerei ist auch hier präsent. Die roten Becher zu 10 Real haben den Aufdruck: „ 21 de junho de 2014. Estadio Castelão. Fortaleza CE.“ Darunter sind die Nationalflaggen und „Alemanha“ und „Gana“ aufgedruckt. Erni hat nun vier Runden lang Pause vor unserem ätzenden Humor und gleichzeitig Zeit, zu sich überlegen, was er mit den langweiligen FIFA-Fanfest Souvenirs machen soll. Die Stimmung ist überragend: Musik, Geschnatter, Lachen, Herzlichkeit und Lebenslust. Neben Deutschen und Ghanaern sind extrem viele Brasilianer aber auch etliche Mexikaner mit vor Ort. Auf einer Leinwand schießt Messi gerade im Mittagsspiel per Traumtor das 1:0 für Argentinien gegen den Iran. In der 90. Minute! Die Brasilianer finden das Scheiße und ich denke sogleich: ‚Hoffentlich werden unsere Nerven heute nicht so lange strapaziert.
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Zum Weiterlesen: 90 Minuten Update
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“90 Minuten Update” – bis zum 25.01.2015 kostenlos

20. Januar 2015 | von | Kategorie: Aktuelles

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Rechtzeitig vor der Fußball-WM 2014 in Brasilien ist mein E-Book “90 Minuten Update” als Nachtrag zu meinem Reise- und Fußballroman “90 Minuten Südamerika” erschienen. Bis zum 25.01.2015 kann man es kostenlos herunterladen.
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Ganz neu mit dabei: Eine spannende Reportage über den Nordosten Brasiliens. Lernen Sie mit Salvador da Bahia, Fortaleza und Recife die Austragungsorte der Gruppenspiele der Deutschen Fußballnationalmannschaft kennen und entdecken Sie die vielleicht schönste Region des Landes.
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Begleitet mich also auf hoffentlich ebenso spannenden Reisen nach England, Spanien, Vietnam, Thailand, Paraguay, Argentinien, Brasilien und Deutschland.
Allerdings sollte man das Buch eigentlich erst nach dem Hauptwerk (Hier ein paar Infos) lesen.

  • “90 Minuten Südamerika” bei Amazon.de
  • “90 Minuten Update” bei Amazon.de

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  • Highlights der Fußball-WM 2014

    24. Juli 2014 | von | Kategorie: Blog, Fußball-WM 2014

    P1110529„Mein Gott, ja, die deutsche Mannschaft hat den WM-Titel geholt. Das ist auch schon alles. Wenn ich nochmal irgendwo lese, wie deutsch alles ist und wie toll oder doof das ist, lasse ich auf die Schreiber einen deutschen Schäferhund los! Oder eine britische Bulldogge, ist mir ganz schnuppe.“
    Agnieszka Debska
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    Ich habe den Ausgang der WM 2014 in meinem Buch „90 Minuten Südamerika“ vorhergesagt, war live in Brasilien dabei und habe am Ende sogar den Tipper-Pokal in meinem Freundeskreis gewonnen. Anbei einige Erinnerungsbilder. Kann man toll oder doof finden …
    Irgendwann schreibe ich sicherlich mal eine Geschichte, wie es mir so ergangen ist.

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    Fußballweltmeister 2014 in Brasilien

    16. Juli 2014 | von | Kategorie: Aktuelles, Blog

    FortalezaOkay, ich habe in meinen “90 Minuten Südamerika” recht behalten: Deutschland ist 2014 Fußballweltmeister geworden. Das wird in diesem Buch für immer – wie in Stein gemeißelt – stehen.
    Doch viel wichtiger: Wir haben unsere Träume nicht nur angeträumt, sondern waren tatsächlich live in Brasilien dabei. Es war fantastisch!

    Die Widmung im Buch lautete: Du lebst nur einmal im Jetzt und Hier. Genieße den Augenblick …

    Ach so. Wer mein Buch “90 Mintuten Südamerika” bisher noch nicht kennt, kann hier einen Einkauf tätigen.

    Und für alle, die das noch immer nicht kapiert haben: “Say NO to rasism! Viva Brasil
    90 Minuten Rio
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    Machu-Pichu

    „90 Minuten Südamerika“ ist eine Art nonfiktiver Coming-of-Age-Roman, in dem der Fußball sukzessive stärker in den Fokus rückt. Schepperts Berichte sind keine abgehangenen Weisheiten, sondern großartig geschriebene Momentauf-nahmen einer riesigen Weltkarte.”
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    11 Freunde – Magazin für Fußballkultur, Juli 2011

    Südamerika und Fußball. Natürlich war dies mein erster Ansatzpunkt für ein neues Buchprojekt. Ich hatte so viele Geschichten in meinem Hirn gespeichert und könnte sicherlich mit großer Hingabe davon berichten. Nur wie?

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    “Fernweh und Fußballfieber garantiert.”
    AMERICALATINA – Magazin für Lateinamerika, März 2012

    Keinen neuen Reiseführer oder öde Erlebnisberichte in Tagebuchform wollte ich schreiben. Auch ein Werk über die südamerikanische Begeisterungsfähigkeit kam für mich nicht in Frage. Nichts über den besonderen Stellenwert, der diesem Spiel im Lande Pelés und Maradonas beigemessen wird. Etwas Neues, Originelles und Ungewöhnliches sollte entstehen und dennoch ein Buch, das zwei große Leidenschaften meines Lebens vereint: Südamerika und Fußball.

    “Ich habe rumgestöhnt, weil ich das Buch verdammt schnell fertig gelesen habe, weil ich es geil fand, und weil ich – dafür verfluche ich dich Mark Scheppert – jetzt unbedingt nach Südamerika will.”
    Fritten, Fussball & Bier, Aug. 2011

    Klappentext:
    „Schon wieder Südamerika? Ich hielt das zunächst für ein typisches Ossi-Ding, bis ich begriff, dass 23-mal hintereinander nach Mallorca zu fliegen durchaus ein gesamtdeutsches Phänomen ist.“

    Mark Scheppert nimmt uns mit auf eine einzigartige Reise durch Lateinamerika und lässt uns an einer ganz besonderen Suche teilhaben. Auf seinen abenteuerlichen Trips durch Argentinien, Brasilien, Bolivien, Chile, Guatemala, Kolumbien, Mexiko, Paraguay, Peru und Venezuela verändert sich in zwanzig Jahren nicht die Welt um ihn herum, sondern auch sein Heimatland. Parallel dazu entwickelt sich eine Beziehung zum Fußball, die 1990 ablehnend beginnt, in jugendliche Schwärmerei umschlägt und in euphorischer Begeisterung mündet.

    “Heiss auf die Fussball WM 2014? „90 Minuten Südamerika“ heizt ein.”
    Reisemagazin Lateinamerika, Jan. 2012

    Die facettenreichen, mal lustigen, mal berührenden Anekdoten lassen Erinnerungen an große Lieben, Freundschaften, Enttäuschungen und Sehnsüchte lebendig werden. Mit einer Sprache, die nicht nach Reiseführer und Merian-Heft schmeckt, versucht Scheppert, den Leser mit dem Südamerika-Virus zu infizieren und ihn auf die Fußball-WM 2014 in Brasilien einzustimmen.

    “Blond, deutsch und Fußball-Fan: So zieht man in Paraguay schnell die Blicke auf sich. Besonders dann, wenn man beim 1:0 für die Heimat vor Glück einen ganzen Häuserblock zusammenbrüllt – und dem Gastgeber später bei einer WM im Armdrücken doch noch zum Sieg verhilft.”
    Spiegel Online

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    90_minuten_cover_kl90 Minuten Südamerika” bei amazon.de


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    “Suff, Sex & Nationalmannschaft”
    Der Tödliche Pass, Okt. 2011

    Rezensionen “90 Minuten Südamerika”:

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    Fortaleza – Brasilien 2014

    27. Juni 2014 | von | Kategorie: Blog, Fußball-WM 2014

    P1110185P1110190P1110242P1110215P1110226P1110197P1110206P1110165P1110239P1110210Anbei ein paar Eindruecke aus Fortaleza in Braslien – vor, waehrend und nach dem WM 2014 Spiel Deutschland gegen Ghana.

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    Vamos Alemanhia – von Recife bis Fortaleza bei Fritten, Fussball & Bier

    2. Juni 2014 | von | Kategorie: Blog, Fußball-WM 2014

    Foraleza 2Zurück am Busbahnhof von Salvador da Bahia mussten wir gar nicht lange warten bis wir uns auf die Plätze fallen lassen und uns sofort die gereichte Decke über den Kopf ziehen konnten. Kein „Bahia-Kerosin“ rauschte nun mehr durch unsere Adern, denn wir hatten das unangenehme Gefühl, der alten Heimat Deutschland immer näher zu kommen, obwohl wir nur innerhalb Brasiliens in Richtung Nordosten fuhren. Die langen Strecken im Bus hatten sowohl Vor- als auch Nachtteile. Zum einen war es arschkalt und sehr eng, andererseits hockten wir nicht in einem stickigen Bürokabuff bei stumpfsinniger Arbeit, hatten viel Zeit zum Nachdenken und immer die Aussicht auf ein neues Wunder. Beim Aufwachen zog der Himmel zur Bestätigung wie ein blauer Ozean über uns hinweg.
    Wir erreichen Recife, die Hauptstadt und Herzkammer Pernambucos. Mit der Metro – als Berliner liebe ich Städte mit U-Bahnnetz – fuhren wir in die Innenstadt bis zur Endstation. Im Tunnelgang gab es ein unterfrequentiertes Schuhgeschäft. Nach einem dreiviertel Jahr des Reisens hatte ich meine schwarzen New Balance zwar sehr lieb gewonnen, konnte sie aber nicht mehr tragen, ohne dabei komisch auszusehen. Die Löcher waren mittlerweile so groß, dass öfter mal ein blanker Zeh herauslugte. Ich kaufte mir dunkelgrüne, zerknautschte No-Name-Turnschuhe bei „El Bundy Brasil“ und sah danach untenherum wieder halbwegs passabel aus. Meine Füße jaulten vor Dankbarkeit.
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    Hier gehts zum Weiterlesen bei: Fritten, Fussball & Bier
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    Und zum Gesamtpaket findet Ihr hier das Ebook
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